Nnterhaltungsblatt des HorwSrts Nr. 72. Mittwoch den 12. April. 1911 lNaivdruck vtld«!«».) 71 Das Gemelndekind. Erzählung v. Marie v. Ebner-Eschenbach. Pavel schüttelte den Kopf:„Aus dem Buch kann ich's schon, aber da—" er fuhr mit der Hand, die heftig zitterte, zwischen sein Hemd und seine Brust und zog einen zer- knitterten Brief hervor,„da hat mir der Bote etwas von der Post gebracht.. „Geschriebenes? Ja sol das ist freilich eine andere Sache, da würde ich wohl selber Mühe haben." Sein Scherz reute ihn, als Pavel denselben für Ernst nahm und zum ersten Male im Leben demütig sprach:„Ich tnvcht den Herrn Lehrer doch bitten, daß er's probiert." Pavel küßte, wenn man so sagen darf, das Blatt mit den Äugen und reichte es dem Alten hin, sorgfältig, ängstlich, wie ein leicht zu beschädigendes Kleinod. Der Lehrer entfaltete es und überflog die Zeilen:„Es ist ein Brief, Pavel— und weißt Du von wem?" „Er wird von meiner Schwester Milada sein, aus dem Kloster." „Nein, er ist nicht von Deiner Schwester aus dem Kloster." „Nicht?"— „Er ist von Deiner Mutter aus dem—" er stockte, und der Bursche ergänzte mit plötzlich veränderter Miene und rauher Stimme: „Aus dem Zuchthaus." „Willst Du ihn hören?" Pavel hatte den Kopf sinken lassen und antwortete durch ein stummes Nicken. Der Lehrer las: „Mein Sohn Pavel! Bor drei monat habe ich Meine scder an das Papier gesetzt und meiner Tochter Milada einige Parzeilen in das Kloster geschrieben meine Tochter Milada hat sie aber nicht bekommen die Klosterfrauen haben Ihr ihn nicht gegeben sie haben mir sagen lassen das beste ist wenn sie von der mutter nichts hört so weiß ich nicht ob Ich recht thu wenn Ich dir schreibe Pavel mein lieber söhn mit der bitte daß du mir antworten sollst ob meine Parzeilen dich und Milada deine liebe schwester in guter gesundheit antreffen was mich betrifft ich bin gesund und so weit zufrieden in meinem platz. deine Mutter. Meine zwei kiuder tag und nacht Bete ich für euch zum Liebengott glaube auch das meine tochter Milada eine kleine klosterfrau werden wird wenn es die Zeit sein wird und arbeite fleißig hier imhause was mir zurückgelegt wird für meine kinder...... In sechs Jahren mein lieber söhn Pavel werde ich Wider Nachhaus kommen und bitt euch noch daß ihr manchesmal inguten an die Mutter denkt die ärmste auf der Welt." Die Lettern des Briefes waren steif und ruhig hingemalt, bei der Nachschrift hatte die Hand gezittert: große matte Flecken auf dem Papier verrieten, daß sie unter Tränen ge- schrieben worden waren. Mit Mühe entzifferte der Vorleser die halbverwischten Züge, und ihn ergriff die Fülle des Leids und der Liebe, die sich in dieser armseligen Kundgebung aussprach. „Pavel," sagte er,„Du mußt Deiner Mutter sogleich antworten." Der Junge hatte sich abgewendet und starrte finster zu Boden.„Was soll ich ihr antworten?" murmelte er. „Was Dein Herz Dir eingibt für die unglückliche Frau." Pavel verzog den Mund:„Es geht ihr ja gut." „Gut, Du dummer Bub? Gut im Kerker?" Der alte Mann geriet in Eifer, er wurde warm und beredt: die schönen und vortrefflichen Dinge, die er sagte, ergriffen ihn selbst, ließen Pavel jedoch kühl. Er hatte auf die Vorhaltungen des Lehrers zwei Antworten, die er hart- nöckig wiederholte, ob sie paßten oder nicht:„Sie sagt ja se.�st, daß es ihr gut geht," und:„die Schwester schreibt ihr nicht, warum soll ich ihr schreiben?/ „Hast Du den gar kein Gefühl für Deine MutterZ" fragte der Lehrer endlich. „Nein," erwiderte Pavel. Der Alte schüttelte sich vor Ungeduld:„Ich denk der Zeit, wo Du ein Kind warst," fr ach er,„und brav unter der Obhut Deiner braven Mutter, die Dich zur Arbeit angehalten hat... Glotz Du nur!— Brav und rechtschaffen, sag ich. Das war sie: aber leider gar zu geschreckt und immer halb närrisch aus Angst vor dem niederträchtigen... Na!" unterbrach er sich—„jeder Mensch hat Mitleid mit ihr ge» habt, sogar den Richtern hat sie Erbarmen eingeflößt, nur Du, ihr Sohn, bist ohne Mitleid gegen sie. Waruni denn, warum? Ich frage Dich, gib Antwort, sprich!" Er schob die Brille in die Höhe und näherte die kurzsichtigen Augen dem Gesichte Pavels. In den Zügen des Knaben malte sich ein eiserner Widerstand: aus den düsteren Augen funkelte ein Abglanz jener Entschlossenheit, die auf eine große Sache ge- stellt, den Märtyrer macht.— Der Alte seufzte, trat zurück und sagte:„Geh, mit Die ist nichts anzufangen." Als Pavel schon an der Tür war, rief er ihm doch Halt zu:—„Eins nur will ich Dir sagen. Es ist Dir nicht alles eins: ich Hab es gemerkt, wenn die Leute Dich schimpfen: eine Zeit kann kommen, in welcher Du froh wärst, gut zu stehen mit den Leuten und gerne hören möchtest: In seiner Jugend war der Pavel ein Nichts» nutz, aber jetzt hält er sich ordentlich. Für den Fall merk Dir, merk Dir, Pavel," wiederholte er nachdrücklich, und eine schwache Röte schimmerte durch das fahle Grau seiner Wangen: „Mach Dich nicht zu Deinem eigenen Verleumder. Das Schlechte, das die anderen von Dir aussagen, kann bezweifelt, kann vergessen werden: Du kannst es niedcrleben. Das Schlechte, ja sogar das Widersinnige und Dumme, das Du von Dir selbst aussagst, das putzt sich nicht hinweg, das haftet an Dir wie Deine eigene Haut— das überlebt Dich Er erhob die Hände über den Kopf, huschte so planlos und unbef�lfen im Zimmer umher, wie ein aus dem Schlafe gescheuchter Nachfalter und wimmerte und stöhnte:„Vergiß meinetwegen alles, was ich Dir gesagt habe: aber den Rat vergiß Du nicht, den geb ich Dir aus meiner eigenen Er- fahrungl�i � Schullehrer nachdenklich: der aste Herr tat ihm leid und kam ihm zugleich unendlich töricht vor. Worüber kränkte er sich? Konnte es dariiber sein, daß die Leute ihn einen Hexenmeister namiten?..» Das wäre auch der Mühe wert!. ,,, Für sein Leben gern hätte er sich erkundigt, lvußte aber nicht wie die Frage' stellen. Er nahm so lange keine Notiz von des Lehrers entlassenden Winken, bis dieser ihn heftig anließ:„Was willst Du noch?" dann gab er zur Antwort: „Wissen, was den Herrn Lehrer kränkt." Habrecht bog sich zurück, tat einen tiefen Atemzug und schloß die Augen.„Später. Pavel, später, jetzt würdest Du mich nicht verstehen." Da platzte Pavel hervor:„Das wegen der Hererei?" Ein unwillkürlicher Aufschrei:„Ja, ja!" und der Lehrer packte ihn an den Schultern und schob ihn aus der Tür. Also richtig! der Alte grämte sich über den Verdacht, in dem er im Dorfe stand.— Unbegreiflich kindisch erschien das dem Pavel: sein Gönner wurde von Stunde an ein Schwächling in seinen Augen, und er schlug dessen eindring- licksite Warnung in den Wind. Ja, sie reizte ihn sogar, ihr zuwiderzuhandeln. Die Leute sollen ihn nur für schlechter halten, als er ist, er will's— nach Lob und Liebe geizen die Feiglinge: sich sagen zu dürfen: Ich bin besser, als irgend- -einer weiß— das ist die herbe, die rechte Wonne für ein starkes Herz. Den Brief der Mutter bemühte sich Pavel nachzubuch- stabieren, und jetzt, da er seinen Inhalt kannte, gelang es ihm so ziemlich. Vinska überraschte ihn bei der Besclsiifti- gung, wollte wissen, was er las. und als er ihr eine Aus» kunft darüber verweigerte, suchte sie ihm das Blatt zu ent- reißen. „Was?" zürnte sie, da er ihr wehrte,„Du willst mir verbieten, daß ich mit dem Peter gehe, hast aber Geheimnisse Löt tniv? kriegst Briese und versteckst sie?" Ure hübschen Krauen zogen sich zusammen, um den Mund zuckte ein un» bczsvingliches Lächeln.„Meinst denn, datz ich nicht eifer» süchtig bin?" Sie scherzte, sie verhöhnte ihn. er wustte es und war beseligt, dag sie so mit ihm scherzte.«Ja, just— eifersüchtig I Tu wirst just eifersüchtig sein," brummte er. und ein Himmel tat sich vor ihm auf bei dem Gedanken, wie es denn wäre, wenn aus dem Spiel, das sie jetzt mit ihm trieb, ein- mal Ernst werden sollte. Einmall in der weiten unabseh- baren Zukunft, die noch vor ihm lag und der er. wenn auch sonst nichts, doch ein festes Vertrauen auf die eigene Kraft entgcgentrug. Die Vinska hatte eine Hand auf die schlanke Hüfte ge- stemmt und streckte die andere nach ihm aus:„Von wem ist Ker Brief, Pavlicek?" fragte sie schmeichelnd und schelmisch, „der Brief, den Du an Deinem Herzchen versteckst?" „Von meiner Mutter," antwortete er rasch und wendete sich ab. Vinska tat einen Ausruf des Erstaunens:„Wenn's wahr isil Ich hätt nicht geglaubt, daß die im Zuchthaus Briefe schreiben dürfen. Was könnten sie auch schreiben??— gute Lehren vielleicht, wie man's anstellen soll, um zu ihnen zu gelangen, ins freie Quartier." Pavel nagte gequält an den Lippen. „Wirf den Brief weg." fuhr Vinska fort,„und sag nie- Mandern, daß Tu ihn gekriegt hast: es soll nicht heißen, daß zu uns Briefs kommen aus dem Zuchthaus. Tie Leute sagen uns ohnehin genug Uebles nach." „Noch immer weniger, als Ihr verdient," rief Pavel heftig aus. und Vinska errötete und sagte verwirrt und sanft: «Ich Hab Dein Bestes im Sinn: ich Hab gestern den ganzen Tag für Dich genäht; ich Hab Dir ein ganz neues Hemd gemacht." „Ein Hemd— so?" „Aber glaub mir, mit der Mutter sollst Tri' nichts zu tun haben: glaub mir: sie hat den Galgen mehr verdient als Dein Vater, und er hat gewiß recht gehabt, wie er immer ausgesagt hat vor Gericht: das Weib hat mich verführt... Er hat nichts von sich gewußt, er war ja iinmer besoffen: aber sie— o, sie bat's hinter den Ohren gehabt!... und es war halt wie im Paradies mit dem Adam und der Eva." Sie sah ihn lauernd von der Seite an und begegnete in seinen Zügen' dem Ausdruck einer außerordentlichen Ueber- xaschung. „War denn der Adam besoffen?" fragte er nnt ehrlicher Wißbegier. Vinska faßte ihn an beiden Ohren, rüttelte ihn und Lachte:„O wie dumm! nicht vom Adam, von Deinem Vater ist die Rede, und daß Deine Mutter ihn verleitet hat, den Geistlichen umzubringen." „Schweig!" rief Pavel.„Du lügst." „Ich lüg nicht, ich sag. was ich glaube und was andere iglauben." „Wer, wer glaubt daS?" Sie antwortete ausweichend: aber er packte ihre Arme mit seinen großen Händen, zog sie an sich und wiederholte: „Wer sagt das, wer glaubt das?" bis sie geängstigt und ge- Foltert hervorstieß: „Der Arnost." „Mir soll er's sagen, mir: ich schlag ihm die Zähne ein und schmeiß ihn in den Bach." „Dir wird er's nicht sagen, vor Dir fürchtet er sich— Laß mich los, ich furcht mich auch: laß mich los, guter Pavel." „Aha, fürcht'st Dich, sürcht Dich nur!" sprach er triuuiphicrend und— entwaffnet. Zum Spaß rang er noch «in wenig mit ihr und gab sie plötzlich frei. Reicher Lohn wurde ihm für seine Großmut zuteil: die Viilska sah ihn zärtlich an und lehnte einen Augenblick ihren Kopf an seine Sdchlter. Ein Frcudcnschauer durchrieselte ihn: aber er /rührte sich nicht und bemühte sich, gleichglültig zu scheinen. „Pavel," begann Vinska nach einer Weile,„ich hätt eine Bitte, eine ganz kleine. Willst sie mir erfüllen?— es fist leicht." Sein Gesicht verdüsterte sich:„Das sagst Tu immer, ich Weiß schon. Was möcht'st Du denn wieder?" „Ter alte Schloßpfau hat noch ein paar schöne Federn," sagte sie,„rupf sie ihm aus und schenk sie mir." .(Sortsczung folgt.)! C!feÄ5ru4 t«Jc«R.| Der Gemcindc-Hlte. Von M. K o n o p n i ck a. Die Gemeindcuhr zeigt kurz vor neun. Durch die leichten Morgcnncbcl schimmert das dunkle Azurblau des Himmels und verkündet herrliches, stilles Wetter. Vor der Kanzlei ficht man kleine Gruppen, die die Ankunfß des Herrn Rats Storch erwarten, dessen grauer Filzhut und silbcr» beschlagener Spazierstock vor dem nahegelegenen Cafe Gchr sichtbar ist, beim Tische des Herrn Friedensrichters, der hier bei einem dünnen Kaffee sein Morgenblatt liest. „Ter Herr Rat kann jeden Augenblick da sein," so denkt wenigstens der Kanzlcidiencr, der in halbamtlicher Pose auf dem Balkon der Kanzlei steht und die Grüße der Vorübergehenden er- widert, indem er zwei Finger zu seiner blauen Mütze mit den weißen Aufschlägen erhebt. Vom Cafe Gehr her dringen die munteren Stimmen der beiden Herren. Ter Herr Rat ist nur einen Augenblick stehen geblieben, hat sich sogar nicht niedergesetzt, aber das Gespräch mit dem Richter unterhält ihn offenbar, denn von Zeit zu Zeit erklingt sein unge- zwungcneS Lachen in hellen Tönen, worauf mit kurzem Bellen jedesmal der prächtige braune Köter antwortet, der in der Haltung einer Sphinx unter dem Tische liegt. Inzwischen kommen immer mehr Leute in die Kanzlei, be- grüßen einander und bleiben nachlässig plaudernd stehen. Manche gehen direkt in die Kanzlei, andere sitzen aus den durch lose herab- hängende Ketten verbundene Steinsäulchcn, die den mittelgroßen, mit Kiesel bestreuten Vorplatz des Amtsgebäudes von der Straße abgrenzen; wieder andere recken die Köpfe und betrachten das Gebäude. Es ist neu und wurde auf einem früher mit Bäumen bestandenen Platze aufgeführt, von denen noch zwei breitättige Platanen mit zarter, leicht schälbarer Rinde zurückgeblieben sind, deren lebhaftes Grün die Herbstsonne schon zu vergolden beginnt. DaS einfache, graue, fast quadratförmige Gebäude hat um das flache Dach eine eiserne Balustrade mit vergoldeten Spitzen, an der Fassade vier Pilastcr und eine Gedenktafel mit Auffchrift. Diese Aufschrift blinkt lustig in der Sonne mit ihren vergoldeten Lettern und zieht die Blicke der Vorübergehenden auf sich. Jeder An- kommende erhebt den Kopf und liest sie mit Ernst. Hat er etwa kein Recht dazu? Jeder hat zu der Erbauung der Kanzlei sein Scherflein beigetragen, und das Haus ist das gemeinsame Werk der ganzen Gemeinde. In gleichem Maße zieht die Uhr die Augen auf sich, die Uhr hoch oben an der Spitze des Dreiecks, dessen Basis sich auf die platten Kapitale der Pilaster stützt; aber die Zeiger dieser Uhr scheinen sich heute langsamer auf dem runden, glänzen- den Zifferblatt zu bewegen. Dieser Meinung ist wenigstens der Eigentümer der nahegelegenen Mcrhalle, der jeden Augenblick seine große silberne„Zwiebel" hervorzieht und sie mit der Gcmeindeuhr konfrontiert. Du lieber Himmel, was hat sich der Mensch zu beeilen, die Zeit läuft ohnehin schnell genug. Nur noch wenige Minuten fehlen bis neun; die Gruppe der Umstehenden beginnen sich vor der Tür der Kanzlei zusammen- zudrängen, lachend und laute Gespräche führend. In dieser Ver- sammlung ist nichts Feierliches, jeder kam, wie er gerade bei der Arbeit stand, gewöhnlich, wie man in Geschäften kommt. Die werktäglichen Joppen wurden zumeist getragen. Der Schlächtermeister Wallaucr erschien im roten, leinenen Lünern- kittel, Hans Blank, der Riemermeistcr ans Höschli, in der grünen, baumwollenen Schürze, die an einer Messiugspange mit Kcttlcin hängt, viele andre kamen, trotz der morgendlichen Kühle, in der bloßen Weste, die Witwe Knaus stellte sich ein, mit einem Korb Gemüse und einer Bürste unterm Arm, so wie sie gerade vom Markte kam. Was denn? Hier find ja alle heimisch, gleichsam eine einzige Familie. Endlich beginnt die Uhr vom Turme des Neuen Münsters die Viertelstunden zu schlagen, und gleichzeitig läßt sich das muntere Bellen deS Hundes vernehmen, der hinter dem Herrn Rat Storch cinherläuft. Er eilt voran, kehrt zurück, läuft wieder voran und ist mit einigen Sprüngen schon wieder bei seinem Herrn, bis sie endlich beide bei vorzüglicher Laune durch die offen« Tür der Kanzlei treten. Gleich hinterher kommen die draußen wartenden Gruppen herein. Die Eintretenden teilen sich schon im Vorraum in zwei Par- teicn, die der Interessenten und die der Neugierigen. Die erstcren drängen sich in dichter Reihe an das gelbe Holzgcländer heran, das den Saal in einen amtlichen und außeramtlichen Teil trennt. Die Neugierigen schreiten langsam und nehmen die die Wände entlang laufenden Bänke in Beschlag. Doch ist diese Einteilung nicht strenge. Bald hat man hier, bald dort einander etwas mitzuteilen. Bisweilen erinnert sich einer der bloß Neugierigen, daß er eigentlich auch interessiert sei, und sucht sich ein Plätzchen am Geländer. Man kann sich ja im letzten Aj'�crblicf besinnen. Ter Interessierten sind wenige, und sie nehmen einen gewichti- gcrcn Platz hier ein. Da ist der Scildrchcr Sprüngli, der sich soeben mit einer Witwe verheiratet hat und seine Wcrlstatt bedeutend vergrößern möchte, ferner der Kägi Tobias, der Besitzer einer Bierhalle„Zur grünen Rose", der Bäckermeister Lorche, der Gast- Wirt von Mainau, dann wieder Tödöli, Besitzer eines Weinberges, Wettlmger Urban, Set Mälzer, Tödi-Maner, der Schlosser, der Kesselschmied Kißling, der Gärtner Törfli. der Tischlermeister Leu- Meter und noch einige andere. Ein jeder von ihnen könnte eine Dienstleistung brauchen, sei «S in der Werkstätte oder im Hause oder beim Acker. Ein jeder von ihnen zöge es vor, daß ihm dies billiger zu stehen käme, als wenn er einen Knecht dingen müßte. Sie haben sich am Geländer breit gemacht und slüstern leise. Die Witwe Knaus ist auch darunter. Seit ihr Sohn sich verheiratet hat, ist, bei Gott, in der Stube niemand da, der einem einen Tropfen Waffer reichen könnte. Dabei hat sie ein mitleidiges Herz und möchte gern so einem armen Teufel Obdach und Zuflucht gewähren, wenn man nur da- von irgend einen Nutzen im Hause haben könnte. Na, und die Entschädigungssumme dürste auch natürlich nicht allzu kärglich sein. Umsonst kann sie ja einen Krüppel nicht ins Haus nehmen. Ilebri- gcns hat ja die Gemeinde die Mittel dazu, für solche, die nicht mehr arbeiten können, zu bezahlen. Betteln werden sie doch nicht gehen, das ist nicht erlaubt. Ob nur heute eine Auswahl sein würde?... Das wird zum Herbste schwach wie die Fliegen. Sie. die Witwe Knaus, würde ein Weib vorziehen... Bah, wenn's keines geben tvird, möchte sie schließlich auch mit einer Mannsperson sürlieb nehmen. Auch gut, zur Not. Es gibt ja nicht wenig von diesem Gesindel in der Gemeinde. Keine Woche, daß sich nicht solch ein Geschöpf zur Kanzlei schleppte, dem es scheint, daß es zu keiner Arbeit mehr tauglich. Aber wo! Setzt man dem tüchtig zu, leistet es oft mehr als ein Junger. Und was die Gemeinde zuzahlt, ist auch nicht zu verachten. Mehr als ein- mal passiert e§, daß solch einer noch nicht sein Brot verzehrt hat, als ihn schon der Teufel von dannen holt. Die Hoppingers haben dreißig Franken von der alten Rcgule zurückbehalten, die sie im Frühjahr aus der Kanzlei zu sich gcnmun-.en. Und Egli? Egli hat mit dem Alois ärger als mit einem Knecht geackert und hatte noch die Hälfte der Untersnitzungssumme nicht abgegeben, als der Alte ins Gras biß. Gott ist barmherzig und läßt nicht zu. daß einer Schaden leide. Hier seufzte die Witwe, und die schwarze Kamelottjacke wogte auf und ab auf ihrer breiten Brust. Aber der eine und der andere blickte mittlerweile zur Türe. Warum ist Probst nicht gekommen? Man erwartete, daß er als der erste zur Lizitation erscheinen werde, aber bisher ist er »licht da. Endlich wird es still im Saale, und der Herr Rat erhebt den Kopf vom Schreibtisch, wo er in gebückter Haltung irgend ein Papier las. Der Rat ist ein noch junger, hübscher und ansehnlicher dunkel- blonder Mann, den die kleine Glatze fast gar nicht entstellt. Er »st mit einer gewissen Eleganz gekleidet, die bei schweizerischen Beamten nicht häufig ist. Besonders ausfallend ist der schneeweiße Brustlatz am Helnde, an dem keine Goldknöpse blinken. Der Rat blinzelt mit den Augen und blickt über die goldene Brille hinweg aus die Anwesenden. In diesem Moment schließt der Amtsdiener die Tür, eS scheint, daß keiner mehr kommen wird. »Run, meine Herren," beginnt der Rat, indem er den Finger seiner fetten, weißen Hand zwischen dem allzu engen Kragen und dem roten, etwas geblähten Halse laufen läßt..Nun, meine Herren, wir haben heute, wie bekannt, Sitzung der Wohltätigkeits- lommission in unserer Gemeinde. Nicht wahr?" „Ganz richtig!" riefen mehrere Stimmen. „Also, meine Herren," fuhr der Redner fort, indem er den Finger zwischen den Kragen und den Nacken versenkte, der sich in einer Falte weißer, fetter Haut darüber hinzog;„also, meine Herren, wir können anfangen." „Ganz richtig!" riefen wieder einige Stimmen. Aber der Herr Rat ist ein soeben aus den Wahlen hervorgegangener Beamter und läßt sich nicht gern die Gelegenheit entgehen, eine kleine An- spräche zum versammelten Volke zu halten, die seine Popularität begründen könnte. Er räuspert sich daher, stützt beide Arme auf das Blatt seines Schreibtisches und beginnt: „Es ist Ihnen bekannt, meine Herren, wie sehr unsere Gc- mcindegesetze sich den Schutz der Armen angelegen sein lassen. Es ist Ihnen bekannt, daß die Gemeinde nicht zuläßt, daß eines ihrer Mitglieder Not leide. Sie trocknet die Tränen, bekleidet die Nackten, speist die Hungrigen, gewährt Schutz den Obdachlosen, stützt die Schwachen." Er fühlt, daß ihm dieser Satz gelungen ist, und macht eine kleine Pause. Dann schweift sein Blick über die Anwesenden, und er spricht weiter: „Tie Gesetze der Gemeinde sind die Gesetze der christlichen Barmherzigkeit; sie sind nicht nur eine Errungenschaft unserer Zivilisation, sondern bilden auch unfern Ruhm und Stolz. Ja, ja, meine Herren, sie find unser Stolz. Es ist Ihnen bekannt, meine Herren, daß die Jugend nicht ewig währt, daß uns im Alter die Kräfte verlassen, Krankheit und Elend niederbeugen. Das ist ein allgemeines Gesetz, dem die ganze Welt unterliegt. Aber unsere Gemeinde hat den Kampf wider dieses Gesetz aufgenommen. Auf welche Weise? Auf die einfachste von der Welt: sie nimmt sich derjenigen an, die das Leben stiefmütterlich behandelt, sie nimmt sich der Armen und Enterbten an, nimmt hie Krüppel> u>ch schwachen Greise in ihren Schutz." �Fortsetzung solgt.)s feuere chemLlcde Literatur« Dr. W. Mecklenburg: Grundbegriffe der Chemie» Th. Thomas Verlag, Leipzig.<85 S.) Pr. 1 M. Prof. W. Löb. Einführung in die chemisch« Wissenschaft. Verlag Teubner, Leipzig.(104 S.) Pr. geb. 1.25 M. Dr. M. Spcter: Die chemische« Grundstoffe(12,75) 8. Band der„B ü ch e r der Natur Wissenschaft". ReelamS Universal-Bibliotbek Rr. 6269/70.