Mnttthalwngsblatt des Horwärts Nr. 73. Donnerstag, den 13. April. 1911 SZ (Nachdruck perbolen.) Das Sememäekmä. Erzählung v. Marie v. Ebner-EschenbaH. Sie bat in so kindlichem Ton. ihre Miene war so im- schuldig, und er völlig bezaubert. Er ließ sich's nicht merken. brummte etwas Unverständliches mid schob sie sachte mit den Ellbogen weg. Dann nahm er die Peitsche und ging zur Schwemme, die Pferde zusammenzuholen, mit denen er auf der Hutweide übernachten sollte. Die Hutweide lag in einer Niederung vor dem Dorfe, nicht weit vom Kirchhof, der ein längliches Viereck bildete und sich, von einer hohen weißgetünchten Mauer umgeben, ins Feld hineinstreckte. Es war eine Nacht, so lau wie im Sommer; in unbestrittenem Glanz leuchtete der Mond, und die von seinem Licht übergossene Wiese glich einem ruhigen Wasserspiegel. Still weideten die Pferde. Pavel hatte sich in seiner Wächterhütte ausgestreckt, die Arme auf den Boden. das Gesicht auf die Hände gestemmt, und beobachtete seine Schutzbefohlenen. Die Fuchsstutc des Bürgermeisters, die weißmähnige, war früher sein Liebling gewesen: seitdem er aber den Sohn des Bürgermeisters haßte, haßte er auch seine Fuchsstute. Sie kam. auf alte Freundschaft bauend, zutraulich daher, beschnupperte ihn und blies ihn an mit ihrem warmen Atem. Ein Fluch, ein derber Faust schlag auf die Nase war der Dank, den ihre Liebkosung ihr eintrug. Sie wich zurück, mehr verwundert als erschrocken, und Pavel drohte ihr nach. Er hätte alles von der Welt vertilgen mögen, was mit seinem Nebenbuhler in Zusammenhang stand. Das Versprechen der Vinska flößte ihm kein Ver- «trauen ein: es war viel zu rasch gegeben worden, viel zu sehr in der Weise, in der man ein ungestümes Kind beschwichtigt. Sie will kein Geschrei, kein Aufsehen: sie tut ja seit einiger Zeit so ehrbar, hat ihr früheres übermütiges Wesen, ihre Gleichgültigkeit gegen die Meinung der Leute abgelegt. Die Angst und Hast, mit der sie ausgerufen hatte:„Es soll nicht heißen, daß zu uns Briefe kommen aus dem Zucht- haus," klang dem Pavel noch im Ohr. Er meinte, das Blatt an seiner Brust brenne: er griff danach und zerknüllte es in der geballten Faust. Was brauchte sie ihm aber auch zu schreiben, die Mutter? hatte sie noch nicht Schande genug über ihn gebracht? Sie stand zwischen ihm und allen anderen Menschen: zwischen ihn und die Vinska, die so viel bei ihm galt, sollte sie ihm nicht treten... In semcm tiefsten Innern glaubte, ja wußte er: seine Mutter hat das nicht getan, dessen man sie beschuldigt, und dennoch trieb ihn ein dunkler In- stinkt, sich selbst zu überreden: es kann wohl sein... Und aus dem schwankenden Zweifel wuchs ein fester Entschluß hervor:„Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben." Ihren Brief zerriß er in Fetzen. Auf dem letzten, den er in der Hand behielt, waren noch die Worte zu lesen:„Deine Mutter, die ärmste auf der weit..."„Das b i st Du," mußte er doch etwas wehmütig berührt zugestehen,„das bist Du von jeher gewesen..." Ihre große Gestalt tauchte vor ihm auf in ihrem Ernst, in ihrer Schweigsamkeit. Abends erliegend unter der Last der Arbeit, der Not, der Mißhandlung, am Morgen wieder rastlos am Werke. Er sah sich als Kind an ihrer Seite, von ihrem Beispiel ongeeifert, schon fast so still und so vertraut mit der Mühsal wie sie. Er erinnerte sich mancher derber Zurechtweisung, die er durch seine Mutter erfahren, und keiner einzigen Aeußerung chrer Zärtlichkeit .. vieler jedoch ihrer stummen Fürsorge, ganz besonders der alltäglich vorgenommenen ungleichen Teilung des Brotes. Ein großes Stück für jedes Kind, ein kleines für sie selbst.... Pavel begann die Fetzen des Briefes zusammenzulesen, legte sie aufeinander und betrachtet« das Päckchen, ungewiß, was er damit anfangen sollte. Endlich trug er's zum Fried- Hof und begrub es dort zu den Füßen der Mauer, unter den überhängenden Zweigen einer Traueresche. In seine Hütte zurückgekehrt, legte er sich hin und schlief ein. und träumte von dem schönen Hemde, das Vinska für ihn genäht, und das eine große Frau mit verhülltem Antlitz, in dunkle Sträflingsgewänder gekleidet, ihm streitig zu machen suche. Das Bild dieser Frau verfolgte ihm fortan? und wenn er in mondhellen Nächten nur eine Weile unver- wandt nach dem Friedhof blickte, ballte es sich zusammen auI Nebel und Dunst und glitt an der schimmernden Mauer vor- bei. Pavel starrte die Erscheinung mit tiefem Grauen an und dachte:„Meine Mutter ist vcrmutlich gestorben und „meldet" sich bei mir." Der Vinska erzählte er von diesem Erlebnis nichts, hätte auch keine Gelegenheit dazu gehabt. Sie war unfreundlich mit ihm, guckte immer nach seinen Händen, wenn er heimkam, sagte spitz:„Schön Dank für die Federn I"— und ging ihm übrigens schmollend aus dem Wege.— Er sah wohl ein, das würde nicht anders werden, bevor er ihr den Willen getan, und so bequemte er sich zu Erfüllung ihres kindischen Wunsches, die ihm eine leichte Sache schien. Seit Miladas Abreise stand die Pforte des Schloßgartens wieder offen von früh bis abends, und der alte Pfau stelzte unzählige Male im Tag an ihr vorbei. Er hatte in der Tat nur Neste seines sommerlichen Federschmucks übrig behalten, drei Prachtexemplare an lächerlich langen, von Nachwuchs noch unbedeckten Kielen. Eines Tages lauerte Pavel ihm auf. und als er ihn kommen sah, schlich er ihm nach in den Garten. Längs eines schmalen Weges, tun Bäume und Büsche gegen das Haus deckten, schritt der Vogel gemächlich hin und pickte aus pur-" tust hier und da ein Insekt vom Boden auf. Plötzlich mußte er, so leise Pavel auch auftrat, dessen Schritte vernommen haben: denn er blieb stehen, reckte den Kopf seinem Nach- folger zu, wie fragend: Was willst Du von mir?— Wirst gleich sehen, dachte der Bursche, und als Meister Pfau ein schnelleres Tempo einschlug, machte Pavel ein paar Sätze, glitt aus mrd fiel nieder, verlor aber die Geistesgegenwart nicht, sondern streckte die Hand aus und entriß mit festem, glücklichem Griff dem Vogel auf einmal seine letzte Zier. Der stieß ein rauhes Alarmgeschrei hervor, machte kehrt, schnellte halb fliegend, halb springend empor, und ehe der nach am Boden Liegende sich besann, saß ihm das zornige Tier im Nacken und hackte mit dem harten, scharfen Schnabel auf seinen Kopf, seine Schläfen los. Es tat weh, kam dem Pavel jedoch sehr komisch vor, daß ein Vogel sich in einen Kampf mit ihm einließ. Er lachte— tvohl etwas krampfhast � und machte eine heftige Anstrengung, das Tier abzuschütteln. Aber es krallte sich mit unheimlicher Stärke fester, spreizte die Flügel, hielt sich im Gleichgewicht, und immerfort kreischend, streckte es den kleinen Kopf weit vor, die Augen seines Feindes suchend und bedräuend... Da wurde diesem angst... Mit beiden Händen griff er nach dem langen blauen Hals, dessen Gefieder sich unter seinen Fingern sträubte, und drehte ihn zusammen, wie zu einem Knoten. Das Tier gab noch einen schrillen, verzweif- lungsvollcn Laut und glitt über Pavels Schulter zur Erde, wo es auf dem Rücken mit zusammengezogenen zuckenden Füßen liegen blieb. Ob tot, hatte der Sieger nicht mehr Zeit, sich zu überzeugen. Er sah aus dem Schlosse Leute herbei kommen, raffte die Federn vom Grase auf und war wie der Blitz aus dem Garten. Draußen auf der Straße mäßigte er seine Eile, uin nicht die Aufmerksamkeit der Vorübergchenden zu erregen. Das Herz pochte ihm heftig, und er dachte an den Lärm, den es im Schlosse bei der Auffindung der zappelnden Pfauenbestie absetzen würde. An der Spitze der Schar, die auf deren Geschrei nach dem Kampsplatz geeilt war, meinte er, die Frau Baronin erkannt zu haben. Eine Weile ging Pavel unbehelligt seines Weges und hoffte schon, dem Verdacht und der Gefahr entronnen zu sein, als die Rufe:„Galgenstrick, schlechter Bub!" an sein Ohr schlugen und ihn eines anderen belehrten. Hinter ihm her waren, wie er sich durch einen raschen Blick überzeugte, der schinächtige, rundrückige Gärtner und zwei alte Arbeiter. „Greif aus, elendes Krüppelvolkl" höhnte Pavel und schoß vorwärts im leichten wegverschlingenden Lauf. Er hatte einen guten Vorsprung vor seinen Verfolgerw, und mit jeder Sekunde wurde ein noch viel besserer daraus, An dem Aufsehen, das er erregte, lag ihm jetzt nichts mehr, sondern nur daran, seinen Raub in Sicherheit zu bringen« Mutzend, tnli funkelntzen Augm siurmke er sn ble Hütte. Winska stand allein im Ilur und errötete vor Freude, als Pavel ihr die Federn hinretHte. Bei seinen hastig hervor- «zestoßenen Worten:..Veisteck siel versteck Dichl" erschrak sie jedoch sehr und fragte:„Was gibt's mit ihnen? Ich mag sie «leich nicht, weun's was. mit ihnen gibt.". Er drana ihr das gestohlene auf. schob sie in die Stube und trat selbst zum Eingang der Hütte zurück, wo er sich an den Türpfosten lehnte, die Arme kreuzte und trotzigen Mutes die Häscher erwartete. �. Ter Anführer derselben war so aufgeregt, daß er nur abgebrochen seine Befehle erteilen konnte:„Packt ihnl packt den Hundt Ins Schloß mit ihinl" rief er seinen Begleitern zu, zweien preßhaften und friedfertigen Menschen, die sich einander ansahen und dann ihn und dann wieder einander— Packen? war das ihr Sache? Sie hielten sich für verdienstvolle Eärwergehilfen, weil sie zum Rechen griffen und mit ihm auf den Wegen herumscharrten, sobald sie die Schloßfrau er- blickten. Den Rest des Tages lagen sie im Grase, tranken Schnaps und rauchten zuweilen: meistens jedoch schliefen sie. Dem Pavel wäre es nur ein Spiel und zugleich ein wahres Genügen gewesen, die Guardia anzurennen und zu Boden zu schlagen: aber um Mnskas willen und ihrer Angst vor einem Skandal verzichtete er auf diese Ergötzlichkeit und ließ sich ruhig beim Kragen nehmen, was die beiden Alten zaghaft und ohne innere Ueberzeugung taten. Indessen wuchs ihnen der Kamm bei der Widerstandsloflgkeit, mit der Pavel sich in sein Schicksal ergab, und ein großer Stolz erwachte in ihnen, als sie den wilden Buben, dem sie sonst von weitem auswichen, als Gefangenen durch das Dorf führten. Der Gärtner, der Zeter und Mordio bildete die Nachhut, und die Straßenjugend lief mit.„Was hat er getan?" fragten die Leute. Er soll etwas erwürgt haben . Was? weiß vorläufig niemand: aber das weiß man: Der kommt ins Zuchthaus wie die Mutter, der stirbt am Galgen wie der Vater; Fäuste erhoben sich drohend. Steine flogen und fehlten, aber Worte, schlimmer als Steine, trafen ihr Ziel. Pavel blickte keck umher, und das Bewußtsein un- auslöschlichen Hasses gegen seine Nebcnmenschcn labte und stählte sein Herz. Gelassen trat er in den Schloßhof und wurde sogleich ins Haus und in ein ebenerdiges Zimmer mit vergitterten Fenstern gebracht, dessen Tür man hinter ihm absperrte, Fortsetzung folgt. (Nachdruck ver?oten.I Dcv 6emdndc-Hltc* Von M. Konopnicka. Hier Kundert sich der Herr Rat, daß es so gut Bott stalten geht, und läßt wieder eine Pause eintreten. Es tut ihm förmlich leid, daß eine so kleine Anzahl von Hörern ihm lauscht. Eine -solche Rede, auf einer großen Versammlung vorgebracht, könnte ihm einen Namen machen. Er blickt von oben herab in die Runde und schließt folgendermaßen: „Ja so, meine Herren! Die Gemeinde nimmt sich ihrer rni, indem sie die kluge Berechnung mit den Wallungen des Herzens versöhnt, spricht sie: dieser Greis, dieser Dürftige, jener Krüppel können nicht mehr von der Arbeit ihrer Hände leben, ja, sie können vielleicht überhaupt nicht mehr arbeiten. Sie haben ckeine Familie, die sie ernähren könnte, oder sie haben eine, aber die ist arm, und der Ertrag ihrer Arbeit reicht kaum aus, um jfie selber vor Hunger zu schützen. Sollen wir etwa zulassen, daß sie als herabgekommene, ekelerregende Bettler umherstreichen? Niemals!" Er schüttelt energisch das Haupk und' sagt mit erhobener Stimme: .Amtsdiener, führe den Kandidaten herein!" Der Amtsdiener durchmißt mit breiten Schritten den Saal und verschwindet hinter einer Tür, die zu einem kleinen Kämmer- lein führt. Dieses Kämmerlein dient zuweilen auch als vorüber- gehender Arrest. Unter den Versammelten wird halblautes Flüstern vernehmbar, während der Rat mit erhobener Hand stehen bleibt, um nicht aus der rednerischen Pose zu kommen. Eine kleine Weile vergeht. Plötzlich zeigt sich an der Seitentür zuerst ein Kopf, der auf einem ausgetrockneten, dünnen Halse hin und her wankt, dann nach vorn gekrümmte Knie, dann Füße, die in trümmerhaftem Schuhwerk stecken, dann zitternde und steifgewordene Hände, die sich an der Türklinke zu beiden Seiten klammern, um den Beinen über die Schwelle zu helfen, endlich ein bogenförmig gekrümmter Rücken. Es ist dies Kunz Wunderli, der alte Lastträger, den alle tomen. Das Geflüster im Saale wird lauter. '.DaS ist 8er Kandidat?.,. Du barmherziger Gotk. MZ ist das für ein Kandidat? Wer wird diesen Leichnam zu sich nehmen wollen? Was für einen Nutzen kann man von dem haben? WaS für eine Aushilfe? Na, na! Interessant, wieviel die Gemeind» zu zahlen gedenkt, dajj einer diesen Moder zu sich nimmt. D glücklichen mehrl Die Gemeinde ist ihnen eine Mutter, eine Er« nährerin. Da ist ein GreiS, unfähig zu arbeiten. Wer von Ihnen, meine Herren, will ihn zu sich nehmen? Mehr als einen Nutzen kann man noch von ihm haben. Die Gemeinde verlangt nicht, daß ihre Mitglieder das umsonst tun. Die Gemeinde ist bereit, gemäß ihren Gesetzen,.zur Erhaltung dieses Greises beizutragen. Kandidat«' treten Sie näher. Meine Herren, bitte, sehen Sie sich den Kandi« baten an!" Er neigte das Haupt, zog da» seidene Taschentuch und trocknete sich die Stirn. Er schwitzte sehr, denn im Saale wurde es heiß« Inzwischen hat Kunz Wunderli, von hinten leicht durch de» Amtsdiener gepusst. sich durch die Tür gedrängt und steht nu» an der Schwelle. Jetzt fällt das volle Tageslicht durch das auß die weite Wiese geöffnete Fenster auf seine geknickte uiii herab-- gekommene Gestalt. So steht er eine Weile, indem er den alte» Filzhut in der Hand zerknüllt, und seine mageren Knie zitier» immer mehr. Er ist bewegt. Plötzlich richtet er sich auf, erhebt de» Kopf und blickt lächelnd auf die Umgebung. Er lächelt unternehmend, fast munter. Kunz Wunderli weiß nicht, wer sein Herr sein wirb« Er lächelt daher allen zu und zwinkert lustig mit den Augen. Dies« Augen sind kalt, starr und vergrämt. Aber der alte Kunz bemühts sich, ihnen einen schalkhaften, fast leichtfertigen Ausdruck zu geben, Wenn das eine Auge ermattet und in seiner dunklen Höhle starr, reglos stehen bleibt, so zwinkert er mit dem andern, als wenn er sagen wollte: „Ich bin noch kräftig, ach, und wie kräftig! Ich werde mei» Brot nicht umsonst essen, werde arbeiten, bin jeglicher Arbeit ge« wachsen. Werde Wasser bringen, und Holz spalten, und Kartoffel» schälen, und die Stube fegen.,» Hab' noch viel Kraft in mir, sehr viel Kraft.... ol" Und während er so seine Augen anstrengt, zitiert sein Kopf immer stärker, die Augen werden stier und füllen sich mit große» Tränen, die Hände suchen eine Stütze. Nur die schmalen, ein- gefallenen Lippen lächeln, sogar während zwei schwere, kalte Träne» langsam über die gefurchten, zerknitterten Backen hinablaufen. Der eine und der andere unter dem Publikum fängt an, ih» näher zu betrachten. In der Tat, der Alte sieht noch ganz gut aus. Heute morgen hat er sich eben rasiert, der Amtsdiener ha» ihm das Messer dazu geliehen. Es liegt im Interesse der Gemeinde, daß solch ein Kandidat so gut und rüstig als möglich aussehe« Sonst könnte sich ein Liebhaber überhaupt nicht finden. Deshalb! lieh der Amtsdiener ihm nicht nur sein Rasiermesser, sonder» auch noch einen alten Oberrock und blaucS Halstuch; beides wirkf er nach der Feilbietung zurücknehmen. Der alte Kunz weiß daS zu schätzen. Er weiß, welche Beweggründe die Gemeinde leiteten, als ihm diese kleine Gefälligkeit erwiesen wurde, und ist vor allen Dingen bemüht, diese schönen Einzelheiten seiner Toilette zur Geltung zu bringen. Aber die Bermel des Oberrocks sind etwas zu lang, der Oberrock im ganzen zu weit, hängt mehr aus ihm, als er ihn bekleidet, und das grellblaue baumwollene Halstuch! sticht seltsam ab von dem ausgetrockneten, von tausend Falten durch- zogenen Halse, den Kunz ausstreckt und bald zurückzieht, da er nicht weiß, in welcher Lage daS Tuch sich besser repräsentiert. Er befindet sich eigentlich in einer schwierigen Lage. Er soll Mitleid erregen, und doch nicht allzu herabgckomme» aussehen. Er weiß, daß er hier dasteht im Charakter eines arbcits-» unsädigen Greises, aber er weiß auch, daß jeder der Anwesende» auf seine Hände sieht, ob sie zur Arbeit greifen möchten. Dia Gemeinde ist barmherzig mit ihm. das ist wahr, aber allzu viel wird sie doch nicht bezahlen wollen. DaS weiß er, daS weiß er nur zu gut. Man kann ja nicht viel verlangen... Verwirr» und gerührt blickt er den Leuten in die Augen und sucht zu er-- gründen, was ein jeder denkt; dem AmtSdiener wirft er von der Seite kurze Blicke zu. wie um ihn zu versichern, daß weder das Rasiermesser noch der Rock noch das Tuch vergeblich sein werden« Die Anwesenden betrachten den Alten und plaudern mit lauter Stimme. Keiner von ihnen hat ein Interesse, allzu große Eile zu bekunden. Sie möchten so bis Mittag stehen, an daS Gitter gelehnt, plaudern und eine Tabaksprise nehmend, aber der Herr Rat liebt keine zeitraubenden Sitzungen. „Run meine Herren!" ruft er laut,„haben Sie den Kandi, daten betrachtet?" „Was hat man da zu betrachten?" antwortet nach kurzemi Schweigen der Kesselschmied Kißling.„Wir sehen ich» ja�jedc» Tag. Der Alte atmet kaum, wird nichts von der Stelle rühren. keine Last heben... Was denkt Ihr, Schwager?" wendet er sich an Faustin-Tröndi,„der hat wohl seine achtzig, oder mehr?" ' DS? MkS hüstelt. � Meiundachtzig hak kr zurückgelegt, ja, Hölle Kveiundachtzig. Aber er lächelt nur und schweigt. „Wie alt seid Ihr, Kunz?" fragt ihn der Tödi-Mayer. Kunz blinzelt rasch zum Amtsdiener hinüber bnd sagt: '-„Vierundsiebzig, lieber Freund, vierundsiebzig." „Zeigt doch mal die Zähne, Alter," ruft der Gastwirt von Mainau. Kunz blickt wieder zum Amtsdiener hinüber, öffnet die aus» getrockneten Lippen und zeigt seine noch ganz gesunden Zähne. Das Publikum beginnt zu lachen. „Namil" ruft jemand,„der kann noch einen Knochen zer- kauen." „Vor Brot wird er nicht zurückschrecken!" fügt ein andrer hinzu. Der Leu-Peter, der Tischlermeister, bückt sich hinüber. „Hol doch mal mit dem Arm aus, Alterl Vorwärts!" Wunderli macht einen Schritt nach vorwärts, hebt den Kopf, richtet den Rücken gerade und holt einigemal mit dem Arm aus, wobei die geballte Faust in dem langen Bermel des ausgeborgten Oberrockes verschwindet. Jedesmal fällt ihm die Hand herunter wie ein abgebrochener Zweig. In den Gelenken kracht es un- heimlich. „Na, was? Fuchielt gar wicht schlecht!" ruft jemand von den Bänkem „Phi..." meint pessimistisch ein zweiter, in dem Bewusisein, Sah die Bemerkung der Galerie für die Jnteresienten niemals verloren gehen. „Und wie ist es mit den Beinen?" fragt wieder der Töbi» Mayer, der offenbar auf Kunz Lust hat.„Marschiere ein wenig, Alterl" Aber der Alte wird sichtlich verwirrt. Die Beine, daS ist ja eben seine schwache Seite. Ah, wenn nicht diese Beine... lind sogar nicht so sehr die Beine als die Knie. Beim blohen Gedanken, sie gerade zu dehnen, fühlt er darin ein Zwicken. Aber Kunz Wunderli wird die Gemeinde nicht beschämen. Mit der höcksten Anstrengung hebt er daS eine Bein und läßt eS gleich auf dieselbe Stelle zurücksinken. Nein... nein... er hat sich geirrt. Das war nicht das richtige. Das war das schlimmere. hebt also das zweite, läßt es aber noch rascher sinken, mit lautem, schmerzlichem Zischen. Was. zum Teufel? Wieder nicht das richtige? Scheint, das war eben das schwächere Bein... Die Interessenten furchen die Stirnen und schweigen. Die Galerie, die sich von den Bänken erhoben hatte und näher ge- treten war, beginnt laut zu lachen. „Vorwärts, vorwärts I" rufen sie.„Marschieren, marschieren, Alter!" Der Herr Rat blickt strenge auf die kachende Galerie, dann wendet er sich an den Alten und ruft mit ungeduldiger Stimme: „Was stehst du? So rühr dich doch von der Stelle!" Kunz Wunderli lächelt befangen, schmerzlich. Gleich, gleich... Natürlich!... WaS soll er ba stehen? Gleich wird er sich ausmachen... Sofort... Und plötzlich nimmt er alle Kräfte zusammen, erhebt den Zkopf, sperrt die verblaßten Augen weit auf, reckt den Hals wie ein Geier hervor, richtet sich gerade, drückt mit den Händen gegen die Knie und beginnt gegen die Türe zu marschieren. Der Anblick ist so komisch, dah die ganze Gesellschaft in lautes Lachen ausbricht. Die den Bänken näher Stehenden sinken auf sie nieder und fassen sich bei den Seiten, der Herr Rat verhüllt sich den Mund mit dem Gesetz, dah er in der Hand hält, und der AmtSdiener wendet sich ab und kichert in die Faust hinein. „Gut, gut!" rufen mehrere Stimmen von den Bänken, „Weiter, weiter!" antworten andre., �Fortsetzung folgt.H Sckeiterkaufen, Rad und Kuhhaut. Im letzten Jahre der Regierung Friedrichs U.. 1788, wurde, ein gewisser H öp ner zu Berlin vom„peinlichen Halsgericht" wegen Brandstiftung zum Tode durch Verbrennen verurteilt und daS Urteil wurde von dem„großen König" unter Ablehnung mch- rerer Gnadengesuche bestätigt. Am Ib. August 17SS— zwei Tage vor dem Tode deS„Philosophen von Sanssouci"— wurde Höpner in der Tat verbrannt. Wir möchten dieser erbaulichen Mitteilung eine andere hinzufügen. DaS„Cottasche Morgenblatt für gebildete Stände" brachte 1813 in seiner Nummer 158 am Schlüsse einer Berliner Theaterkorrespondenz die Mitteilung: „Am 28. Mai wurden die Brandstifter Peter Horst und Louise Deltz, er 88, sie 21 Jahre alt, verbrannt. Beide zeigten sich bei Anhörung de? Erkenntnisses am Tage vorher und auch bei der Exekution sehr verwegen. Er warf bei dem Einsteigen in den Wagen ein Spiel Karten als sein Gesangbuch, wie er sich ausdrückte, unter da? Volk und am Scheiterhaufen keck seinen Hut in die Höhe. Sie versicherte einem ihr nabestehenden Polizeioffizianten, ihr schlage kein Puls höher als sonst, und sie möchte bloß wissen, ob Horst seine Lustigkeit behielte. Aber auf dem Scheiterhaufen trat bei ihr ein Moment des Entsetzens ein z er schritt rüstig hinan, umarmte sie noch einmal und nahm dann fernen Platz ein. In wenigen Minuten war das Urteil vollzogen." Dos ist also, Kenn da»„Morgenbkatt� recht hak, geschehet!, während daS gute preußische Volk sich im„Filrstenfreiheitslrirg" in Sachsen und Schlesien gegen Napoleon schlug und sich zr» Tausenden opferte. Die Reformära Stein-Hardenberg hatte die Scheiterhaufen nicht beseitigen könne» Noch 1837 wurde in Berlin eine Frau wegen Gattermrordes ge» rädert, d. h. es wurden ihr mit dem„Brechrad" erst die Glieder zerschmettert und ihr dann der Gnadenstoß gegeben. DaS Brechrad erschein! in Preußen sogar noch nach 1848. Am 14. Juni 1848 wollte ein Student die von Lucilie Lenz, der Barrikaden- käinpferin, für den Demokratischen Klub gestickt« rote— eigent- lich schwarz-rot-goldene— Fahne nach einem sicheren Orte bringen. ES war der Tag deS ZeughaussturmeS, Berlin war in großer Be- wegung und der Student— er hieß FriederichS— stieß in de» Landsberger Straße auf eine Barrikade,'von der der Ruf ertönte: „Es lebe die Republik I" Man wollte ihn bewegen, die Fahne auf der Barrikade aufzupflanzen, allein er tat eS nicht. Die Fahne wurde ihm von der Polizeidienste leistenden Bürgerwehr abgeuommur, aber dem Demokratischen Klub wieder zurückgegeben. Der Student Friederichs wurde später wegen Hochverrat« angeklagt und de» Staatsanwalt beantragte gegen ihn die Todesstrafe mit dem Rade vonunten auf. Es erfolgte indessen Freisprechung. Dies ist das„von unten auf" der Reaktion im Gegensatz zu dem von Freilig» ralh verkündeten„von unten aus" der Revolution. Die so grimmig verfolgte Fahne entging indessen den Fängen der Reaktion. Der dies schreibt, sah sie vor etwa dreißig Jahren zu Hamburg in dem Hause eines ausgewiesenen Berliner Sozialisten. Die Kuhbaut, auf der verurteilte Hochverräter und MajestätS« Verbrecher zun, Richwlotze geschleift werden sollten, spukte auch noch in neuerer Zeit in der preußischen Justiz umher. Doch wurde sis schon vor der Revolution nicht mehr ernst genommen. Der belannto Held wurde 1847 wegen eines in seiner„Lokomotive" enthaltenen Artikels der Majestätsbeleidigung angeklagt. In Corvins„Erinne- rungen' heißr es dazu: „Als Held da« von dem Gericht hörte, nahm er daS� auf dem Tische liegende Landrecht in die Hand, und da er dasselbe sehr genau kannte, fand er bald den beireffenden Paragraphen und la» mit bewegter Stimme laut, daß„solch ein Verbrecher aus einer Kuhhaut zum Richtplatz geschleift werden solle" usw. das ganze Gericht lachte, aber trotz aller Heiterkeit wurde Held zu zwei Jahren Festung und Verlust der Nationalkokarde verurteilt." Dies geschah zu Magdeburg. Im Dezember 1849 stand zu Königsberg Johann Jacoby vor den Geschworenen, des Hoch- Verrats angeklagt. Wie sein Freund Walesrode mitteilte, freuten sich die Reaktionäre sckion darauf, Jacody als Hochverräter auf der Kubhaut zum Richtplatz geschleift zu sehen. Diese Hoffnungen waren so übertrieben, wie die in gleicher Richtung sich bewegenden Be« fürchtungen einiger Freunde JacobyS. Die Kuhhaut anzuwenden hatte man zu jener Zeit auch bei einem TodeSurterl nicht mehr ge» wagt. Indessen gelang eS Jacoby, trotzdem die Geschworenen sorgfältig gesichtet waren, durch seine ebenso mutig« alS geschickt« Verteidigung seine Freisprechung zu bewirken, Scheiterhaufen, Rad und Kuhhaut find aus der Strafjustiz ver» schwunden. Könnten Junker und Pfaffen, wie sie wollten, so würden sie von diesen Mitteln zur Verteidigung der Klaffenherrschaft so viel nur immer möglich wieder einführen. Vf. B. Bin neuer f und ältester Skulptur» Von Dr. Ludwig Reinhardt. Wenige Kilometer talaufwärts von Le Moustier, dem Fundorte deS weitaus ältesten bis jetzt entdeckten Menschen aus dem Ende der vorletzten Zwischeneiszeit, findet sich in einem versteckten, mit Eichen bestandenem Seitentälchen des VäzöretaleS unter einem vor- springenden Fellen eine von einem Trüffelsucher mit seinem Hündchen vor kurzem gefundene Station deS vorgeschichtlichen Menschen, die zurzeit von O. H a u s e r ausgegraben wird und höchst merkwürdige Funde ergab, von denen im folgenden kurz die Rede sein soll. Dieser einstige Lagerplatz deS vor» geschichtlichen Menschen von Fongal war. wie die meisten solcher, nach dem Süden geöffnet und barg ausschließlich Werkzeug« typen des Aurignacien, einer zwischen dem älteren Moustorien und dem jüngeren Solutröen befindlichen Stufe, die nach den Funde» einer Höhle bei Aurignac in Südfrankreich so genannt wurde. Die Aurignacienzeit gehört etwa der Mitte der letzten Zwischeneiszeit an und war durch ein wärmeres Klima als die vor- angegangene Moustörienzeit ausgezeichnet.. An Stelle der aus» gedehnten Tundren oder Moossteppen mit einer kälteliebenden Tier» weit, wie sie für daS Mouslürien kennzeichnend ist, war damals ein wärmeres Klima mit ausgedehnten Grassteppen durch ganz Mittel- curopa getreten. Diese waren vorzugsweise von Herden deS kleinen, derbknochigen WildpferdeS mit ausgestellter kurzer Mähne und von Büffeln besiedelt. Diese dienten dem damals alS Jäger umherschweifenden Menschen vorzugsweise alS Beute- tiere, während sich in, Speisewegwurf seiner einstigen Lagerstätten vereinzelt auch Knochen des Loweir, de» Höhlenbären, von Wolf, FuchS, Hyäne, dann Riesenhirsch, Mammut und w oll- haarigem NaShorn finden. Vom Menschen dieser Stufe haben sich besonder» in Solutrü im Rhonethal nördlich von Lyon Skelett- — 292— Überreste gefunden. Roch d'-e en zu urteilen war der Sckilag klein, ober nicht mehr so tierisch gebildet wie die Neandcrtalrasse, wenn auch noch mit etwaS vorslcbcndcr Schnauze, breiter Nase und leichter Lliideutung von UeberaugenwiUsten. Sie gingen nackt bis auf ein Tieriell mit nach innen gelehrtem Pelz, das als Wärmeschutz diente. Meist lagerten sie im Freien, und nur in der kälteren Jahreszeit suchten sie windgeschiitzle Stellen unter überhängenden Felsen und in Höhlen auf. Ihre Hauptwaffen waren die Holzkeule und der kurze Wurf- fpccr. Die Weiber dagegen waren mit einem Grabüock bewehrt »ind trugen in Fclliaschc» einige Messer, Schaber und Pfriemen aus Feuerstein ncbn einigen Knollen Ocker zum Färbe». Uni den Hals trugen die Lenke an Tieriehnen aufgehängte durchbohrte Muichell schalen, Tierzäbnc und andere Amulette, die ihnen Glück aus der Jagd bringen sollten. War aber in der Vorzeil Holz und Stein das ausschließliche Werkzeugniatcrial gewesen, so hallen sie dazu noch Knochen und Horn in Verwendung gezogen, anS denen sie vorzugsweise an der Basis ganze oder auch eingeswiiittene Speerspitzen herstellten. Diese letzteren verschwanden wiederum in der darauf folgende» Soluträenzeil, uni solchen ausschließlich auS Feuerstein Platz zu macven. Unter allen altsteinzeitliwen Stufen ist das Aurignacieii das Zeitalter der ausgiebigsten Bearbeitung der {Ränder der Steinwcrlzeuge durch zuerst gröbere und dann feinere Abscdläge. Außer den vorhin genannten Typen sind besonders kleine Kicllratzer, dann Rundiwader und dicke Stichel charakteristisch. Letztere dienten zweifellos bereits zum Gravieren. Das beweisen allerlei Kritzeleien und Umi ißzeichnnngen, die zum erstenmal aus io alter Zeit in der Stolion von Fongnl gefunden wurden. I» der äußeren Hälfte der einstigen Lagerstätte lamen nänilich drei äußerst merkwürdige flache Steine zum Vorschein, die, trotz der starken Verwitterung dcut- lich erkennbar, mit allerlei vermittelst des Grabstichels aus Feuer« stein eingeritzten äußerst rohen Zeichnungen bedeckt waren. Aus dem ersten, der 2,05 Meter tief in einer starken Kohlcuichichr gefunden wurde, ist mehr oder weniger deutlich ein antilopenarligcr Vierfüßler zu erlennen. Auf den beiden anderen unweit davon ge fundcnen von über l Meter Größe und 120 und 140 Kilogramm Gewicht sind die dargestellten, einander vielfach durchkreuzenden Figuren gar nicht zu enträtseln. Das merkwürdigste an diesen beiden ist jedoch, daß sie etwas außerhalb der Milte durchbohrt sind. Zu welchem Zwecke, ist unerfindlich; doch wird solche mühsame Arbeit irgendwelchen Zanberzweck damit verbunden haben. Was auch immer der Mensch auf so niederer Kulturstufe vornehmen mag. stets hat er irgendwelchen praktischen Zweck im Auge und zwar fast immer Zauber oder Gegcnzauber. Für unö scheinbar ganz zwecklose Hand lungen haben für ihn große praklischc Bedeutung. So müht sich der Primitive ab, um Glück zu ieiitn Unlernedmungen zu erlangen. Zu diesem Zwecke behängt er seinen Hals mit den mannigfaltigsten Llmuletten, damit er gewisser Eigenschaften teilhafiig werde; so z. B. mit einem Bärcnzadn, um die Stärke dieses Tieres zu er- langen. Die Tiere, die sie erbeuten wollen, stellen sie auch bildlich dar, indem sie sich ihrer so durch Zauber bemächtigen zu können glauben. Und zwar ist der Zauber nach ihrem Glauben um io wirksamer, je naturgetreuer sie ein solches Beuletier darstellen. Zu solchem Zwecke zeichnen sie mit Kohle oder farbigen Erden, wie z. B. Ocker oder Manganschwarz, die Tiere, die sie zu jagen wünschen, auf glatte Felswände oder Rindenstücke, später auch auf die Innenseite von Fellen Solche Zeichnungen konnten uns natürlich nicht erhalten bleibe». Erst als derartige Figuren mit dem Stichel aus Feuerstein in den harten Felsen geritzt wurden, konillen sie auf uns kommen, um uns als Beweise für den Zauberglauben ihrer Verfertiger zu dienen. Solchem Zwecke haben zweifellos auch diese allerältesten für uns nachweisbaren Kritzeleien gedient, deren figürliche Darstellung wir kaum zu entziffern vermögen, so primitiv und unbeholfen ist sie. Zeitlich sind sie wohl wenigstens 150 000 Jahre alt und somit sehr viel älter als die ältesten bis dahin bekannten Umrißzeich- nungen von Tieren, deren früheste dem ausgehenden Solurräen. die weitaus meisten jedoch den, Magdalänicn, also der frühen Racheiszcit, angehören. Gegenüber diesen stümperhaften ersten Versuchen sind diese letzteren vielfach wahre Musterleistungen gut beobachteter und naturgetreu wiedergegebencr Tierdarftellung. Ja, im ausgehenden Magdalönien vor rund 20 000 Jahren hat sich die „Höhlenkunst' der vorgeschichtlichen Eiszeitjäger zu förmlichen Ge- mälden erhoben, indem nicht bloß Umrißzcichnungen, sondern eigent- liche Malereien(in Ockerrot. Manganichwarz und einer Mischung beider als Braun) von Tierm, besonders Büffeln und Pferden, gegeben wurden. kleines feuiUeton. Die königliche Bibliothek i, Berlin. In der Aprilnummer der »Preußischen Jahrbücher" nimmt der Generaldirektor der könig- liehen Bibliothek— sie ist vor 250 Jahren gegründet—, der bekannte liberale Theologe Professor Adolf Harnack, das Wort, um neben einigen technischen Fragen u. a. auch das Resultat einer am 18. Dezember des vorig!» Jahres vorgenommenen Zählung «ntzuteilen. Mt Stolz berichtet er, daß die Zählung so vorzüglich organisiert war, daß dazu— ohne Betriebsstörung— kaum drei___ iveranlwortl. Redakteur: Albert Wach«, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtSBuchdruckerei u.Verlag»anstaltPaulSingerötCo,BerlinSVV. Stunden gebraucht wurden. Ohne Frage eine beachtenswerte Leistung auf dem Gebiete der— Zähltechniki Wenn sich doch dieser Ehrgeiz einmal in der Richtung ergehen würde, aus dieser rein mechanischen Bücher- auibewahrungsstelle ein modernes Bildungsinstitut zu machen I An Borbildern fehlt eS doch wirklich nicht. Profeffor Harnack spricht davon, daß auch„wir" von den jüngeren amerikanischen Bibliotheken gelernt haben. Mag sein, soweit eS auf technische Einrichtungen Bezug hat, was aber die kulturelle Seite der Frage betrifft, so lernt man nicht nur nicht von jenen großen Instituten, die dem ameri« kanischen Volke ständig neue intellektuelle und auch materielle Werte schaffen, nein!— man ignoriert in weltfremder Gelehrsamkeit alle offen zutage liegenden Erfolge, die man ,n England und Amerika in den freien öffentliche» Bibliotheken erreicht hat. Noch immer haben unsere„Staatsmänner" nicht eingesehen, daß der Fortschritt der Menschheit weniger von der Führung einzelner Uebermenichen als von der gemeinsamen Mitarbeit aller tätigen Volksgcnosien abhängt. Darum bat das Lob Harnacks, daß Deutschland die meisten großen wissenschaftlichen Bibliotheken besäße— übrigen? nichl etwa eine Folge einer hohen Allgemeinbildung, sondern ver« ursachl durch die in Deutschland von jeher herrschende Staaten- zersplitiernng— einen recht eigentümlichen Beigeschmack. Abgesehen von der bekannten Tatsache, daß die kgl. Bibliothek schon an und für sich auf einen verhälmismäßig kleinen Kreis von Interessenten künstlich beschränkt ist, halte man im Gegensatz zu der amerikanischen Methode, die mit allen Mitteln das Interesse weiter Bolkskrerse zu wecken und die Benutzung der Bücher zu erleichtern sucht, noch eine AuSleihgcbühr von 6 M. per Jahr eingeführt. Wie diese gewirkt hat, dafür führt der Bibliothekschef keine Z a h l e n an I Er konstatiert nur, daß sich die Einführung „glatt" vollzogen hätte. Ja, glaubte er. man würde ihm die Fenster- ieheiben einwerfen? Insgesamt sind 1 391 966 Bände— die deutsche Musiksammlung der königlichen Bibliothek mit 155 811 Bänden eingerechnet— vorhanden. Schon aus ihrem Bestand können wir ihr Wesen erkennen. Da sind vorherrschend: Geschichte(und Geographie) 251 409 Bände, Theologie 132 440 Bände, Allgemeines und Literaturgeschichte 112 454, Rechts- und Staatswissenschaften 112 685 Bände, Neuere Sprachen und Literaturen 126 338 Bände; während die Naturwissenschaften nur mit 53 211 Bänden und die Medizin mit 66 364 Bänden vertreten sind I— In der Handbibliothek und sonst im Betrieb sind 52 237 Bände. 400 000 Bücher wurden ausgeliehen, etwa 1300 Bücher täglich. Im Lesesaal wurden zirka 300 000 Bücher benutzt, täglich 1000; weiter wurden durch die Post mehr als 32 000 Blleher versandt. Verwaltet werden die zirka 1 400 000 Bücher durch 170 Beamte. Gegenüber der ungeheuren Bücherproduktion sind die in Deutsch- land für den Bücherankaus ausgesetzten Summen etwa um die Hälfte zu klein. Das trifft auch für die kgl. Bibliothek in Berlin zu. ob- gleich sie von allen in Preußen erscheinenden Werken ein Pflicht- excmplar erhält. Zwar hält daS Herr Harnack nicht für einen Schaden, weil das„Gedruckte" heute eine viel geringere Bedeutung als früher hätte. Das mag vor allem richtig sein für die in der kgl. Bibliothek besonders kultivierte theologische Literatur. In bezug auf Sozialpolittk und VollSwirtschast ist so manche GeWerk- ichaitSbibliothek diesem MusterinstiMt überlegen. Bücher über uniere Wirtschast, die sich eines Weltrufes erfreuen, wird man in der kgl. Bibliothek vergeblich suchen. Werfen wir noch einen Blick auf die Bibliotheksverhältniffe der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Alle Büchersammlungen sind hier jedermann zugänglich I Alle Berufe und alle Schichten der Bevölkerung versteht man heranzuziehen. In den amerikanischen Bibliotheken haben auch die Kinder, die heranwachsende Generation freien Zutritt. Die besten Räume sind für sie als Lesesäle eingerichtet. Hier erzieht man den künftigen Staatsbürger nicht wie in Preußen-Deutschland etwa dadurch, daß man alle BildungS« und AustlärungSbeftrebungen ängstlich von ihm fernhält. Man hat dort erkannt, waS eine intellektuell h och stehende Arbeiter» bevölkerung für die Ration bedeutet. Bei uns ist die Tätigkeit der Bibliothekare eine rein m e ch a- n i s eih e; man versucht nicht tiefer aus den Leser einzuwirken, ja man kommt gar nicht mal an die große Masse der Bevölkerung heran. In Amerika errichtet man— V. h. die Kommune, die eine Staats- Unterstützung erhält— ein Netz von Zweiganstalten, AuSleih- und Bestellstationcn. Die Kataloge enthalten orientierende Erläuterungen. Durch Vermittelung der Lehrer werden Klaffenbibliotheken einae- richtet. Ausstellungen, Vorträge mit Lichtbildern, Märchenabende sür Rinder und dergl. werden eingerichtet. Man kommt nicht nur dem Geschmack des einfachsten Publikums entgegen, sondern suchtauch ihr LesebedürfniS von den bloßen Unterhaltungsschriften auf die be- lehrende Literatur hinüberzuleiten. Die Zahl dieser Bibliotheken wird auf 10000, die Zahl der Bände auf 54 Millionen geschätzt. In dem Staate Massachusetts gibt eS keine Stadtgemeinde ohne öffentliche Bibliothek. Und in dem Lande der Dichter und Denker sind die Mehrzahl der Bibliotheken weiten Volkskreisen nicht einmal zugänglich, ge- schweige daß man versucht, auf daS Lese« und Bildungsbedürfnis anregend zu wirken. Die politische und gewerkschaftliche Organi- salion deS klassenbewußten Proletariats hat wie für so viele andere Aufgaben auch für deffen geistige Bedürfniffe aufzukommen.