Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 74. Freitag, den 14. April. 1911 (NadSdruck verSolen.) ö] Das Gemeinäekmä. Erzählung v. Marie v. Ebner-Eschenba'ch. Es war eines der Gastzimmer, in dem Pavel sich befand, und seine Augen hatten, so lange sie offen standen, eine Pracht wie diejenige, die ihn hier umgab, nicht erblickt. Seidenzeug, grün schillernd wie Katzenaugen, hing an Fenstern und Türen in so reichen Falten, wie der neue Sonntagsrock Vinskas sie warf, und mit demselben Stoff waren große und kleine Bänke, die Lehnen hatten, überzogen. An den Wänden befanden sich Bilder, das heißt eingerahmte dunkelbraune Flecken, aus denen aus verschiedenen Stellen ein weißes Gesicht hervorschimmerte, eine fahle Totenbanld zu winken schien... Ein großer Schrank war da, dem Altar in der Kirche sehr ähnlich, und am Fensterpfeiler ein Spiegel. in dem Pavel sich sehen konnte in seiner ganzen lebensgroßen Zerlumptheit. Als er hineinblickte und dachte:„So bin ich?" gewahrte er über seinem Kopf ein seltsames Ding. Ein flacher eiserner Kübel schien's, aus dem goldene Arine heraus- ragten, und der mit einem äußerst dünnen Seilchen an der Decke befestigt war. Pavel sprang sogleich davon und be- trachtete das böse Ding mißtrauisch aus der Entfernung. Es schien keinen anderen Zweck und auch keine andere Absicht zu haben, als auf die Leute, die so unvorsichtig waren, imsein Bereich zu treten, niederzustürzen und sie zu erschlagen. Nach kurzer Zeit ließen sich Schritte auf dem Gange hören: die Tür wurde geöffnet, und die Baronin trat ein. Sie ging mühsam auf den Stock gestützt, war sehr gebeugt und blinzelte fortwährend. Fast auf den Fersen folgte ihr, tief bekümmert, die spärlichen Haare so zerzaust, als hätte er eben in ihnen gewühlt— der Schulmeister. Sein uu- geschickt fahriges Benehmen fiel sogar dem schlechten Beobachter Pavel auf. „Wohin belieben Euer Gnaden sich zu setzen?" fragte der Alte, schoß dienstfertig umher und rückte die Sessel aus- einander, um der Frau Baronin den Ueberblick und somit die Wahl zu erleichtern. „Lassen Sie's gut sein. Schullehrer." sagte sie ärgerlich, r»ahm gerade unter dem Kronleuchter mit dem Rücken gegen die Fenster Platz, legte den Stock auf ihren Schoß und gab Pavel Befehl, näher zu' treten. Er gehorchte. Der Lehrer jedoch stellte sich hinter den Sestel der gnädigen Frau, und über ihren Kopf hinweg be- drohte er abwechselnd den Delinquenten mit Blicken des In- grimms oder suchte ihn durch Mienen, die tiefste Wehmut ausdrückten, zu erschüttern und zu rühren. Die Baronin hielt die Hand wie einen Schirm an die Stirn und sprach, ihre rotgeränderten Augen zu Pavel er- hebend:„Du bist groß geworden, ein großer Schlingel. Als ich Dich zum letztenmal gesehen habe, warst Du noch ein kleiner. Wie alt bist Du'?" „Sechzehn Jahre," erwiderte er zerstreut. Das eiserne Ding an der dünnen Schmie nahm seine ganze Aufmerksam- keit in Anspruch. Im Geist sah er's herunterfallen und die Frau Baronin auf ihrem Richterstuhl zu' einem flachen Kuchen zusammenpressen. Diese nahm wieder das Wort:„Schau nicht in die Luft, schau mich an. wenn Du mit mir redest... Sechzehn Jahre!... Vor drei Jahren hast Du mir meine Kirschen gestohlen, heute erwürgst Du mir meinen guten Pfau, der mir, das weiß Gott, lieber war als mancher Mensch." Der Lehrer erhob seine flehend gefalteten Hände und gab dem Burschen ein Zeichen, diese Gebärde nachzuahmen. Pavel ließ sich aber nicht dazu herbei. „Warum hast Du' das getan?" fuhr die Baronin fort. ».Antworte!" Pavel schwieg, und de? alten Frau schoß das Blut ins Vesicht. Erregten Tones wiederholte sie ihre Frage. Der Junge schüttelte den Kopf: aus seinem dichten iHaargcstrüvP hervor glitt sein Blick über die Zürnende, und ein leises Lächeln kräuselte seine Lippen. Da wurde die Greisin vom Zorn übermannt „Frecher Bub!" rief sie, griff nach ihrem Stock und gaö ihm damit einen Streich aus jede Schulter. Nun ja. dachte Pavel, wieder Prügel, immer Prügel,,, und er richtete einen stillen Stoßseufzer an das eiserne Ding: Wenn du doch herunterfallen, wenn du ihr doch auf den Kopf fallen möchtest!... Habrecht machte hinter dem Rücken der Baronin ein Kompliment, in dem sich Anerkennung aussprach:„Euer Gnaden haben dem Holub Pavel eine spürbare Zureckst- Weisung gegeben," bemerkte er.«Das war gut: eine sehr gute Vorbereitung zum Verhör, das ich jetzt mit EureL Gnaden Erlaubnis vornehmen will." Der alten Frau' war nach ihrer Gewalttat nicht Wohl zu- mute. Sie hatte ihren Zorn auf einmal ausgegeben und lag nun im Bann eines leidigen Gefühls: einer grämlichen, sentimentalen Entrüstung.„Was ist da zu verhören?" sprach sie:„der schlimme Bub hat mir meinen Pfau erwürgt und will nicht sagen, warum, weil er sonst sagen müßte: auS Bosheit." „So ist es! o gewiß!" bestätigte der Lehrer.„Dem armen Pfau fehlten, als man ihn tot auffand, feine letzten Schwanzfedern, die hat der schlechte Bub ihm gewiß aus- gerupft— aus Bosheit!" „Das ist nun wieder albern, Schulmeister!" fiel dis Baronin ärgerlich ein.„Wenn der Junge— wie schon viele andere dumnie Jungen vor ihm— meinem armen Pfau nur Federn ausgerupft hätte, wäre das noch kein Zeichen von Bosheit— Dummheit wäre es gewesen und Dieberei. „O wie wahr!" entgegnete Habrecht.—„Dummheit nnS Dieberei. So ist es und nicht anders, Euer Gnaden." „Ist es so! wer weiß es?" — Ganz recht, wer... außer— Euer Gnaden, die sogleich Licht in die Sache gebracht haben. Federn aus- rupfen? Ei, ei, eil Um Federn war's dem Buben zu tun, dadurch hat er den Pfau gereizt und einen Kampf hervor- gerufen, indem das gute Tier gefallen ist." Wie der Rabe Odins an das Ohr des Gottes, neigte stch Habreckst an das Ohr der Baronin und flüsterte:„Nicht ohne an dem Feind Spuren seiner Tapferkeit zu hinterlassen. Geruhen sich zu überzeugen, die Stirn des Buben ist zer- hackt und voll Blut." „So? Ja— mir scheint so..." „Sprich, Holub Pavel!" rief der Lehrer sich wieder auf- richtend,..entschuldige Dich. Um die Federn war's Dir dummen Jungen zu tun, eine böse Absicht hast Du nicht gehabt." „Sprich!" befahl auch die Baronin.„Hat Dich jemand zum Raub der Federn angestifct? Denn im Grund," fetzte sie nach kurzer Ueberlegung hinzu,„was solltest Du mit ihnen?" „Freilich, was? ein solcher Bettler, mit Pfauen- federn..." Jedesmal, wenn das Wort Feder ausgesprochen wurde, überrieselte es den Burschen: als ihm ober der Lehrer nun mit der bestimmten Frage zu Leibe ging:„Wer hat Dich an- gestiftet? war's nicht die saubere Vinska?" da überkam ihn eine Todesangst vor den schlimmen Folgen, die dieser Ver- dacht für die Tochter des Hirten haben Knute, und fest ent- schlössen, ihn abzuwenden, sprach er mit dumpfer Stimme: „Es hat mich niemand angestiftet: ich hab's aus Bosheit: getan." Die Baronin stieß ihren Stock heftig gegen den Boden und erhob sich:„Da haben Sie's," sprach sie zum Schul- lehrcr,„da hören Sie ihn»,, den geben Sie auf. der ist verloren." „Erbarmen sich Euer Gnaden!" flehte der'Alte. „Glauben Sie ihm nicht. Ter unsinnige Tropf lügt sich zum Schelm: der Tropf weiß nicht, was er tut. Euer Gnaden!" Sie winkte ihm zu schweige» und trat dicht an Pavel heran. Ihre müden Augen maßen iieji Wildling mit traurigem Ausdruck:„Und das ist der Bruder meines lieben Kindes," sagte sie tief aufseufzend.„S» oft das Kind an mich schreibt, und so oft ich es sehe, fragt cs:� wie geht'S meinem Pavel? wann wird mein Pavel zu mir kommen? ,.. Es weiß, daß ich mit ihm nichts zu tun haben will: ich ifjaSe eS ciftövl«nb, bleibe babci; ab?? eS fragt doch das Kind..." Pavel iva� zusamn'.engesahrci?. er rih die Augen weit auf. seine Nasenflügel bcWcn:„Welches Kind?— die Milada?" „Wann wird mein Pavel zu mir kommen?" wiederholte die Baronin erregt und gerührt und mit den Tranen kämpfend.„Aber kann ich Dich zu ihr schicken. Dieb, schlechter Bub. iZchlechtester im Dorfe!... kann ich denn?" „Schicken Sie mich," tagte Pavel leise. Der Lehrer zog die Schlüter in die Höhe, schob die Kinn» lade vor nnd machte ibm die eiildringlichsten Zeichen:„Haben Euer Gnaden die Gnade, ich bitte nntertämgst. Euer Gnaden I so spricht man." Ptlvel ober zermarterte seine verschränkten Finger: feine Brust hob sich keuchend: mit eineni trocknen Schluchzen Sprach er noch nnmal:„Schicken Sie mich." Die Baronin wandte sich dem Lehrer zu:„Es scheint ihm Eindruck zu machen." „Es macht ihin einer: augerordentlichcn Eiudnick. Euer Gnaden haben das Siechte getroffen mit diesem weisen Beschluß.. „Beschluß? von einem Beschluß ist noch gar nicht die Rede." Den Einwand überhörend, fuhr der Lehrer fort:„Das unschuldige Kind wird besser als irgend wer auf sein Gemüt zu wirken verstehen, das Kind..." „Das Kind." siel die Baronin ein,„ist der Stolz und der Liebling des Klosters." „Sehen Euer Gnadeni.-- Und was könnte für den der- wahrlosten Jungen heilsamer und aircisenider sein, als der Andlick seiner wohlgeratenen Schwester, als ihr Beispiel, ihre Ermahnungen?" „Vielleicht," entgegnete die alte Dame nachdenklich. „Und so wollen tvir es denn in Gottes Namen verslchcn... Ein letztes Mittel. Schlagt es fehl, dann— mein Wort darauf: bei seiner nächsten Uebeltat kommt er nicht mehr vor mein— sondern vor das Bezirksgericht." „Hörst Du's?" rief der Lehrer, und Pavel murmelte ein ungerechtfertigtes„Ja". In Wirklichkeit wußte er nicht, was und ob überhaupt gesprochen worden war, seitdem man ihni Hoffnung gemacht hatte, daß er seine Milada wieder- feheu solle. Das unerreichbare Ziel seiner jahrelangen Sehn- .sucht stand plötzlich nahe vor ihm: sein heißester, in tausend Schmerzen ausgegebener Wunsch war ihm aus das um erwarteste erfüllt. Das Herz hüpfte ihm im Leibe: ein Jauchzer, den er nicht unterdrücken konnte, drang aus seiner Kehle: er wendete sich auf Fersen:„Und jetzt geh ich zur Milada!" sagte er. „Halt!" rief die Baronin,„bist närrisch? So ohne weiteres geht man nicht zur Milada. Jetzt trollst Du Dich nach Hause, iind am Samstag kommst Dil ins Schloß und holst einen Brief für die Frau Oberin ab. Den wirst Dil ins Kloster tragen nnd bei der Gelegenheit vielleicht Deine Schwester zu sehen bekommen." „Gewiß! ich werde sie gewiß zu seben bekommen— tvenn ich nur einmal dort bin!" sprach Papel und schürzte mit einer unwillkürlichen Bewegung die Acrmcl aus. „Nicht gar zu viel Zuversicht," versetzte die Baronin. Sie war müde geworden und schickte sich an, ihren früheren Platz wieder einzunehmen. Da sprang Pavel auf sie zu. schob sie bastig zur Seite und den Lehnsessel aus dem Bereich des Kronleuchters hinaus:„So." rief er,„jetzt setzen Sie sich." .( Lortsc tzung folgt.), t??cri!ck MtBoicn.) Der Genieindc-Hltc. Von M. K o n o p n i ck a. Der Alte marschiert. Seine steifen Jüße krümmen sich gar nicht; er erhebt sie wie Stöcke, mit ungeheurer Anstrengung, und läßt sie sinken, indem er verAveifelt mit den Händen die kranken und angeschivollcncn Knie drückt. f>nde»cii wird, wie zum Vtcrgcr, der Saal immer länger, dehnt sich immer tneifer, die Türe flieht von bannen, die Wände nehmen eine furchtbare Tiefe an. Dem alten Kunz scheint es, daß er niemals, niemals bis dahin gelangen wird. Aber er fühlt, daß aller Augen auf ibn ge- richtet sind, daß die Gemeinde aus ihn blickt. Er drückt die Zähne zusammen und erhebt wieder seine steifen, schwere:» Beine. Plötzlich bleibt er stehen, und seine Augenlider erweitern sich, der stiere Blick richtet sich ans die Türe. Tort, unter einem Häuflein von. Köpfen, sieht er den fwps seines Sohnes. Das haiie« nicht crfimrick. Rein, nein? Das nicht.,» In einer dunklen Röte schießt ihm der Rest des Mutes auK dem Herzen ins Gesicht. Er hört nicht das Gelächter der Leute, er hört nicht diel Stimme des Herrn Rat, der ihn aus seinen Platz zurückruft. Er sieht nur seinen Sohn. Wie gebannt blickt er ihn an. und beginnt zu zittern, wie bor einer großen, großen Kälte. Alle seine alten Knochen beben. Das zuckende Gesicht erblaßt, wird weißer und immer weißer, sehr, sehr weiß. Auf der Stirne entsteht eine seltsam harte und strenge Furche; die Augen flammen auf und erlöschen wieder. Trostlos, starr und sorgenvoll blicken sie mit Staunen und Angst in daö Gesicht des Sohnes. Nein, nein, er will nicht; daß der Sohn ihn bei der Gemeinde leziticre... Er will nicht... Er schrumpft zusammen, entfernt die Hände von den Knien und hält sie schützend vor. Nein, nei»». Er fürchtet sich, er will nicht... Aber der Amtsdiencr tritt heran und faßt ihn beim Arme. Was, zuin Teufel? Was steht er da iir so dummer Haltung? Sicht er nicht, daß die Behörde wartet? Geschwind, vorwärts? Aber der alte Wundcrli ist in diesem Augenblick so schwach, ach so scknvach wie ein Kind. Er kann sich förmlich nicht rühren. Seine Füße wanken, die Zähnv klappern, daL Haupt wackelt wie ein Herbstblatt. Ter Amtsdiencr stößt ihn von hinten und stützt ihn auch unmerklich; der Alte würde sonst vielleicht umsinken. Im Geiste hegt er nur geringe Hoffnung, daß die Gemeinde den Alten so leicht loS werden könnte. Jetzt merkt er, daß das Rasier- mcsier, das Halstuch und der Obcrrock zu nichts genützt haben, ganz und gar nmchts. „Geschwinder!" ruft ungeduldig der Herr Rat. Kunz Wnndcrli besinnt sich ein wenig»mi steht schon wieder auf seinem Platze. Ter Platz ist gut gewählt. Durch daS weitgeöffnete Gartcnfcnstcr fällt auf den Alten daS volle goldene Sonnenlicht. In diesem Lichte nimmt sein abgestorbenes Gesicht etwas Leben an. Aus seinem kahlen Schädel spielt der Abglanz des heiteren, blauen Wetters. Die leblosen Augen erheben fia» und bleibe» irgendwo weit draußen an dem sonnigen, blauen Himmelszelt hangen. Wer weiß? Vielleicht wäre es gar nicht schlecht. Warn der Sohn ihn bei der Versteigerung erhielte. Wer weiß. Tie Schwiegertochter ist bösartig und geizig, das ist wahr. Und die Enkel... er könnte täglich die Enkel sehe»?... Die Augen des Alten Werden feucht, der Blick weich nnd rührun-chvoll. Auf seinen Lippen zittert ein unausgesprochenes Wort, die große, strenge Furche aus der Stirne glättet sich und verschloindet. In diesem Augenblick sieht er entschieden nicht mehr als vierundsiebzigjährig aus. Die Jntcressierten werden dadurch leb- hastcr. „Nicht allzu fest auf den Beinen?" sagt der Bäcker Lorche. „Was, nicht fest?" protestiert jemand an der Bank. „Er könnte uns alle überspringen!" fügt ein. audrcr hinzu. „Ein Mordskerl, dieser Ältel" ruft ein dritter. „Wie denkt Ihr, Schivager?" fragt halblaut der Tödi-Maher seinen Nachbar. „Ich, ich mächt ihn nehmen. Schwach auf den Deinen, aber in der Werkstättc könnt' er sich nützlich machen." „Möchte dieses Knochcnbündcl keines Blickes würdigen, wenn hier ein andrer wäre", sagt Dödöli. „Ra. ja, zu Hause kann so was auch von Nutzen sein," tröstet Kißling. Der Herr Rat mustert die Anwesenden scharf. Der Moment scheint ihm geeignet, die Lizitation zu beginnen. Ohnehin zieht sich diese Geschichte allzu lange hin. Es gibt zu viele Neu- gierige hier. Er zieht die llhr und vergleicht sie mit der Wanduhr, dann winkt er dem Amtsdienrr und ruft mit fester Stimme: „Meine Herren, kommen wir zu Ende! Der von der Wohl- tätigkeitsscktion vorgestellte Kandidat verdient durchaus Ihre Auf- uierkjainreit! Er ist gesund, nicht zu alt. hat noch genug Kräfte und ist zu jeder leichteren Arbeit im Hause tauglich. Wer von den Herren reflektiert? Und gegen welche Summe?" Nach diesen Worten de? Herrn Rat wird es still. So mancher berechnet im stillen dm Nutzen der Aushilfe und die mögliche Höhe der Summe. Sprüngli rührt sich und tritt von, einen» Fuße aus bcni andern. Das bemerkt der L>err Rat, und indcin er»»ach der Seite des Scildrchcrs eine bösliche Verbeugung macht, ruft er: „Meine Herren, Herr Sprüngli beginnt.' Herr Sprihrgli, bitte. Wieviel würden Sie verlangen, dafür, daß sie den Kandi- baten in Ihr Haus nähmen?" „Zweihundert Franken!" ruft der Seildreher und bricht ab» unsicher, ob er nicht allzu wenig gefordert. „Was? Zweihundert Franken?" fragte der Rat. Skaunm heuchelnd. Dann machte er eine kurze Pause.„Meine Herren, nichts wäre für mich angenehmer, als ein derartiger Zustand unstet Finanzen, der uns solche kolossale Ausgaben ermöglichen würde. Da dem aber leider nicht so ist. müsien wir das berück- sichtigen und maßigere Summen aussetzen. Ueberlcgen Sie docb. Herr Sprüngli. Meine Herreu, haben Sie die Zähne oes Kandi- datrn gesehen? Das ist ein sehr kräftiger Mawi." ��.Was nützen die Zähne," bemerkt der Gastwirt von Mainau, »NM so schlimmer, wenn sie gesund find. Wenn der Alle zu essen beginnt, werde ich ihn nimmer vollstopfen, und zur Arbeit wird er nicht auslangen." �»Bah, ba§ ist keine Sorge, wir werden ihn schon aufzumuntern wissen I" spricht der Kägi, indem er mit seinem schielenden Auge blinzelt. ..Meinen Sie mich?" erwidert der Gastwirt..�ch kann keinem Kinde ein Haar krümmen." „Na, na." versetzt der Kägi,„Ihr könnte! mit ihm wie mit einem Knechte ackern." „Wofür haltet Ihr mich? Heiße ich denn Probst? Seide begannen zu lachen. „Wer weiß, ob auch Probst schuldig ist," ruft Kißling.„Der Alte betrank sich vielleicht." „Beileibe, ich Hab' ihn niemals betrunken gesehen," bestreitet Lorche. „Aber das war sa gar nicht Probstens' Werk, sondern das seines Weibes. Das Weib ist eine Schlange.. bemerkt jemand an der Bank. „Das Weibsbild kommt direkt aus der Hölle," fügt ein andrer hinzu. „Wer von beiden immer daran schuldig sei." sagte Sprüngli, »genug, der alte Hänzli hat sich bei ihnen erhängt." „Dem muß es aber dort süß gewesen sein." ,Was?" protestierte der Schlächtermeister Wallauer.„Wcrd' ich einen solchen ernähren, kleiden, ihm Obdach gewähren, bloß für den kümmerlichen Groschen, den die Gemeinde bezahlt, und werde nicht dürfen ihn zur Arbeit antreiben?" „Run ja... aber immerhin..." „Meine Herren," unterbricht der Rat.„Wir müssen die An- gelegenheit zu Ende führen. Die Zeit der Amtspersonen ist bc- schränkt. Herr Sprüngli offeriert zweihundert Franken. Wer von den Herren liziticrt in minus?" Schweigen. „Wer von den Herren liziticrt?" fragt der Rat wiederholt. „Herr Sprüngli, überlegen Sie, bitte." „Ich hab's schon überlegt," antwortet Sprüngli.„Um weniger als zweihundert Franken kann ich nicht." Der Herr Rat toendet sich von ihm ab. »Wer bietet, meine Herren? Wer bietet?" „Hundertfünfundachtzig nehme ich," spricht der Bäcker Lorche langsam, die Silben dehnend.„Aber er muß wenigstens diesen Winter über in seinen eignen Kleidern gehen, bei mir ist's warm." Ter alte Wundcrli blickt sich an, dann blickt er im Saale umher und beginnt plötzlich am ganzen Leibe zu zittern. Es ist ihm, als dränge der Frost schon bis zu seinen Knochen. In seine» eignen Kleidern? Was für Kleider hat er denn? Hat er jemals auf Kleider verdienen können? Kaum daß er aufS Brot verdiente und auch das nur mit großer Mübe und knapper Not. Eine Leinwandbluse, sonst nichts. Wie soll man darin überwintern? Mas ist das für eine Kleidung? „Hundertachtzig unter der gleichen Bedingung," ruft mit dicker Stimme Tödöli, der Besitzer eines Weinberges. „Unter derselben Bedingung?" denkt der alte Kunz, und seine armen Beine beginnen immer heftiger zu beben. Du barm- bergiger Gott? Wozu da allerlei Bedingungen? Steht er nicht hier wie ein Lazarus vor den Menschen? Wozu da noch Bc- dingnngen? Nach der Erklärung Dödölis wird es wieder still. Der Herr Rat steht wie auf Stecknadeln. Etne Weile spielt er mit seiner Korallcnberlocke, dann zlvingt er sich zu einem höflichen Don und spricht: „Vorwärts, meine Herren, vorivärtS? Wer bietet?" „Huu d c r tf ü nfu ndsi ebzigl" ruft Tödi-Mayer mit Nachdruck. Er braucht unumgänglich einen Knecht. Im Hause brennt es förmlich, so viel ist zu Inn da. (Fortsetzung folgt.); Religion und Kultus der Cbinefen. IT. Der chinesische Ahnenkult. Einen vortrefflichen Beitrag zur Religionsgcschichtc und insbesondere eine beweiskräftige Bestätigung der von unS ini ersten Artikel kurz skizzierten ethnologischen ReligionS- theorie hat der Berliner Sinologe Wilhelm Grube geliefert, ein guter Kenner Chinas, besonders seiner Lite- ratur. Aus Vorträgen, die der jetzt Verstorbene im Winter 1903/04 an der Berliner Universität gehalten, hat unter Benutzung seiner sonstigen Arbeiten Johannes Moser ein Buch zusammengestellt: „Religion und Kultus der Chinesen"(Leipzig, Rudolf Haupt, MV Seiten, 3 Mark). Die Schrift ist uns deshalb so wertvoll, weil Grube keineswegs die Richtigkeit unserer Ansichten beweisen will, — im Gegenteil bezweifelt er sie stellenweise. Er hat von allgc- meiner Religionsgeschichtc überhaupt nur sehr mangelhafte Be- griffe, wie die meisten Spezialisten, und konstatiert daher nur, was «r gelesen und beobachtet hat. Er erzählt deshalb auch ein wenig turbulent, reißt as, was logisch und historisch zusammengehört, auseinander. Aber daS kann uns gleich sein, da wir uns nur an hie von ihm konstatierten Tatsachen halten, die wir für unsere Zwecke ja oft glossieren und durch die Beobachtungen und! Forschungen Tritter ergänzen müssen. Zu letzteren gehört ins- besondere B. Navarra, der zwanzig Jahre geschäftlich in Ehinq tätig war.(„China und die Chinesen",-i Bände, Bremen 1901.) Das zahlreiche und schon seit Jahrtausenden in seinen oberen Klassen nicht mehr auf der untersten Stufe der Kultur stehende Volk der Chinesen ist— wohl teilweise wegen gewisser Rassccigcntüm-. lichkeitcn, teilweise wegen seiner verhältnismäßig ruhigen gcjchichU liehen Eutwickclung, die politische Krisen, so oft sie auch ein- traten, niemals sozial aus die Vollsmassen wirken ließe», jeden- falls die alte Familienverfassung nicht zerstörten— auf beinahe der untersten Stufe der religiösen EntWickelung stehen geblieben. Es hat sich insbesondere keine allgemeine, mit staatlicher Autoritätt ausgestattete Priestcrschaft entwickelt, und so steht das 300 Mil- lioncn-Volk heute religiös zum Teil noch unter dem afrikanischen Neger. Eine„Mythologie" hat der Chinese nie gehabt, sondern nur Märchen- und Zaubergeschichten von einzelnen Göttern. Von einem Herabsinken von einer höheren Stufe kann natürlich hier gar nicht die Rede sein; es findet sich nicht der geringste Rest einer sogenannten höheren Auffassung im Volke als der derzeitigen, Eine Anzahl spezifizierter Götter hat sich zwar im Laufe der Jahr- taufende eine teilweise Geltung verschafft, die Grundlagen des chinesischen Volksglaubens beeinflußten sie jedoch in keiner Weise, Auch die sogenannten„drei Lehre n", nämlich die des Kung- futse, Laotse und Buddha, die ursprünglich keine Religionen, sondern Philosophien sind, haben den chinesischen Volksglauben nicht ver, bessern können, sondern sind von ihm verschlechtert worden. Freilich ist Grube wohl der erste, der uns über die Religion der Chinesen ein teilweise richtiges Licht aufsteckt. Ucber sie haben schon viele berichtet. In die Religionsentwickelung richtig ein»! gereiht hat sie bereits 1884, zwar auf den Berichten Tritter fußend« aber dafür auch das ganze Gebiet mit großem Einzelwissen und genialem Blick überschauend. Julius L i p p e r t, der Kultur, geschichtsschreiber. Hören wir nun. was der Gelehrte Grube sagt. Die chinesische Sprache besitzt, so alt das Volk auch ist. dennoch keinen Ausdruck für unseren Begriff„Religion" oder„Kult"(Seite 5). Sie hat zwar das Wort Ii, das bedeutet aber nur: Riten, Bräuche, sowie Verordnung und bezieht sich somit auf alle Arten weltliche, be- sonders höfische Umgangsformen, desgleichen auch auf die mit den Göttern. Ein weiteres Wort, lciso. bedeutet speziell Lehre« Rede, Unterricht und wird aus die drei schon erwähnten, Lehrsysteme und aus die eingedrungenen Religionen an- gewandt(>e-5u-Idao: Christentum), hat aber keinerlei rcligiöfei» Ncbcnsinn. Ebensowenig besitzt der Chinese religiöse Urkunden «Seite 14). Die alten Texte, die man mit dem Namen der heiligen Bücher bezeichnet, sind nichts weniger als religiös, und man crfahrtz aus ihnen über die alte Religion fast nichts.„Schon der ver- storbene Münchcncr Sinologe Plath hat in seiner aruiwlcgcnden Abhandlung über Religion und Kultus der alten Chinesen sehn richtig bemerkt, daß von den Chinesen dasselbe gelte, was Prellev von den Römern sagt:„daß wir sie in allen Sachen des Glaubens weit mckr zum Kultus und zur Religiosität als zur Mythologie und Aesthetik aufgelegt finden". Das trifft in der Tat den Kern« der Sache." Hieran anschließend stellt Grube fest, daß daS religiöse Empfinden der Chinesen in seiner ältesten uns zugänglichen Foru« in den Büchern Schuknig(Geschichten) und Schiking(Lieder), beide nicht älter als das siebente und sechste Jahrhundert vor unsere« Zeitrechnung, sowie einigen noch jüngeren Werken„einen zwei- fachen Ausdruck findet: 1. in einer Art von Naturrcligion, nach dev das ganze Universum als von Geistern höherer und niederer Ord» nung bewohnt und beherrscht gedacht wird, und L. in der Ahnen, Verehrung". Diese Anschauung ist nun freilich schon beeinflußt von der modernen Mythologie und dem vagen Ausdruck„AnimiSmuS", den sie gern auf die niederen Religionen anwendet. Deshalb stellt! Grube auch die erstgenannte Art im Range über die zweite, aber er korrigiert sich doch auch wieder, jenen„AnimiSmuS" bekämpfend, Seite 24 und 25, wo et feststellt, daß der Chinese keinen Hang habe« sich leblose Gegenstände als persönlich und an sich belebt vorzu-, stellen.„Nicht von Geistern beseelt ist das Universum, sondern von Geistern bewohnt und beherrscht— und darin liegt! doch ein gewaltiger Unterschied! Geist und Materie sind den» Chinesen nicht ein und dasselbe, sondern scharf voneinander ge-> schieden, nicht nur dem Wesen, sondern auch dem Range nach: nicht! beseelte Materie, sondern von intelligenten geistigen Potenzen beherrschte Materie."— Genau so denken die anderen Ur, Völker auch. Was Grube also Naturreligion nennt, ist in der Tat so ziemlich dasselbe, was wir im ersten Artikel als allgemeinen Geister- und! Scclenglaubcn und-Kult bezeichneten— die erste Stufe alles, Glaubens überhaupt. Nun verstehen wir es aber auch, weil es zu erwarten war,„daß die chinesische Sprache für die beiden Be, griffe„Geist" und„Gott" keine verschiedenen Ausdrücke kennt:! beide werden durch dos Wort sekin bezeichnet"(Seite 27). Das ist! erklärlich: Die Chinesen sind eben zur Einheit und Ausschließlich, keit unseres GottcsbegriffeS noch gar nicht vorgeschritten—> jeder Geist ist eben ein Gott, wenn er den Kult erhälr, der ihm physisch wie im Andenken der Menschen das Leben garantiert. ES ist aber dann kein Wunder, wenn die Chinesen das Christentum einfach nicht verstehen, Grube, mit den Methoden und Ergebnissen der allgemeinen Ethnologie nicht vertraut, zieht aus der konstatierten Tatsache »veiter keine Folgerungen, weshalb wir ihn ergänzen müssen. Daß eclim auch alles bezeichnet, was den Geistern eigentümlich gehört, also„heilig" ist, ist selbstverständlich. Auffallender dürfte sein, daß der Chinese auch seinen eigenen Körper so oder als scbin-tse: Geistersohn, bezeichnet. Aber da der Geist am Menschen die Haupt- fache ist, jedenfalls länger lebt als der Leib, so darf uns der Aus- druck nicht wundern, ebensowenig daß der Begriff„Mensch" durch denselben nur lautlich etwas sanfteren Ausdruck shin gegeben wird. Dieses lehtere Wort bedeutet aber auch„Wissen", was bekanntlich «im Begriff mit„Geist" identisch ist. Wir sehen also den ganzen Gedankenzusammcnhang deutlichst. (Die noch mehrfach zu berührende Tatsache, daß chinesische Worte mehrdeutig, ja vieldeutig sind, kommt daher, dast d i e ch i n e- (fische Sprache nur einsilbige Worte besitzt. Die chinesischen Hauptdialckte haben nur zwischen 400 und bvv Wo'te, deren zedes 100 bis L00 und noch mehr Bedeutungen hat, die aber durch vier bis acht musikalische Nuancen bei der Aussprache unterschieden werden, »vozu freilich chinesische Ohren gehören. Trotzdem bleibt immer für (jedes nuancierte Wort noch eine zwanzig- und mehrfache Bedeutung übrig.) Ein älterer Ausdruck für„Geist" ist zelii; er bezeichnet auch die Grotzfamilie, die Existenz, das Alter, das Weltall. Wie das alles zusammenhängt, kann hier nicht ausführlich erörtert werden, — der aufmerksame Leser wird hinter manches kommen, sebi ist aber auch ein Ehrenname des Kaisers; dieser ist Repräsentant aller Geister seines Reichs,„der Geist" oder Gott schlechtweg. Wo aber sebi herkommt, zeigt sich dadurch, daß es mit leichter Wendung des Tons auch den Leichnam bezeichnet, den man deshalb, um Ver- »vcchslungen vorzubeugen, in der Umgangssprache ss-sebi: tote Leiche, nennt. Da man die Toten schon seit unvordenklichen Zeiten 4n die Erde versenkte, gab es sich von selbst, unter sebi nun ganz lfpeziell die Erdgeister zu verstehen. Ein dritter Name für den Menschengeist, der nach dem Tode in alles eingehen kann(Navarra), ist lcä: Atem, was, wieder ver- «ständlich, zugleich Luft, Gas, Geruch, sodann Erinnerung, Lebens- Traft bedeutet. Meist sagt man für Seele: boanx-Ic'i: gelber Atem. Gelb ist die Farbe Chinas, weil die gelben Löstmassen die weitesten Gebiete des Reichs bedecken,— deshalb liegt in dem Worte auch der Begriff des Großartigen. Erhabenen. Natürlich hat der Chinese zu der unendlichen Anzahl der namenlosen lind ihm unbekannten Geister nur geringe direkte Be- Eichungen. Am nächsten stehen ihm selbstverständlich die Geister seiner Verwandten, besonders seine direkten Vorfahren, seine Er- zeuger, Ahnen.„Es läßt sich über den Ort, wo man(in alter Zeit) die abgeschiedenen Seelen weilend dachte, nichts sagen; nur soviel tvisseU wir, daß den verstorbenen Vorfahren ein Einfluß auf das Leben und Schicksal ihrer Nachkommen zugeschrieben wurde. Da nun dieser Einfluß aber nicht nur günstiger, sondern unter Um- ständen auch schädigender Art sein konnte, so bemühte man sich i» China zu allen Zeiten, wie das auch heute noch in genau der- (selben Weise geschieht, nach Kräften, ihre Gunst zu gewinnen, indem man vor allem darauf bedacht war, durch regelmäßige Opfer- darbringungen für das leibliche Wohl der abgeschiedenen Seelen zu sorgen. Aus dieser naiven Vorstellung von den irdischen, leib- iichen Bedürfnissen der Geister der Verstorbenen erklärt sich anderer- (seits auch der Wert, den die Chinesen auf männliche Nachkommen- schaft legen: sie glauben dadurch ihre Existenz nach dem Tode sicher zu stellen, denn das Ahnenopfer darf nur vom ältesten Sohne dar- gebracht werden. Keine Nachkommenschaft zu haben, ist nach dem Philosophen Mengtse der höchste Grad der Pietätlosigkeit, weil der- genige, der kinderlos stirbt, nicht nur der eigenen Person, sondern auch seinen vor ihm verstorbenen Vorfahren den Genuß des Ahnen- Opfers entzieht und sie so dem Hunger preisgibt. Die Seelen derer, die ohne Nachkommenschaft verstorben sind, irren obdachlos lind hungernd als G e s p e n st e r umher und suchen die Lebenden zu schädigen; daher sucht man auch sie durch Opfergaben zu be- ßchwichtigen."(Seite 37, 38.) Wir zitierten diese lange Stelle, weil sie nicht bloß die Grund- läge der chinesischen, sondern aller Religion ausspricht. In allen, (selbst den höchsten Systemen finden sich nocki meist unverstandene »Bräuche, die nur auf diese Gedanken zurückgehen können. „Soweit wir die Geschichte Chinas zurückverfolgen können, (finden wir bereits die patm potestas(väterliche Gewalt) in unein- peschränktcr Geltung. Nominell wird der Chinese ja mit zwanzig Kahren mündig, tatsächlich wird er es erst mit dem Tode seines Paters. Solange dieser lebt, hat er absolute Gewalt über seine Kinder".(Seite 38.)„Eigentümlich" ist dieses Verhältnis nun (ja nicht. Grube weiß ja selbst, daß es auch bei den Römern Bestand. Navarra sagt, daß der chinesische Vater mit Zuziehung t>er Ortsältcsten bis zur Todesstrafe gehen kann. DaS sind aber ganz biblische Verhältnisse(ö. Mos. 21, 28). Wie die Ahnen die verstorbenen, so sind die Väter die lebenden Götter. Der Ahnenkult (ist auf sie nicht notwendig zurückzuführen, da er ja auch dort berrscht, (wo unter einfacheren Kulrurvcrhältiiisien die Kinder schnell unab- lhängig werden. Aber es sind ja doch die Geister, die man am besten kennt, da sie einem am nächsten stehen. Sie haben ja, wie gezeigt, (selber das größte Interesse am Wohlergehen ihrer Nachkommen. Darum gewähren sie insbesondere die Bitte um„langes Leben". Kerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Dieser Begriff liegt eben in dem Bilde des Worte! tao: Gebet (Seite 40). Ein anderes Wort für Gebek, tscstu, besteht aus den Bildern: Geist, Mund, Mensch, bezeichnet also genau den tatsächlichen Vor- gang, und ein drittes, lc'i, ist gleichbedeutend mit Geist überhaupt und wird als„Glückseligkeit" erklärt. Man sieht hier der Religion auf den Grund ihres Herzens— sie ist eine äußerst egoistisch? Erfindung. Das Opfer heißt ts»(Gabe, Geschenk schlechthin), fem(Schrift» zeichen besteht aus den Elementen: Geist, Fleisch, rechte Hand (Seite 41). Es war einst nicht nur Fleisch der Tiere, das man opferte, sondern mächtige Herren empfingen auch Menschenopfer— jedoch sind diese schon in sehr alter Zeit abgelöst und durch Stroh- puppen ersetzt worden. Auch ovferte man nicht immer nur das Fleisch, sondern auch die Seelen der Tiere— man vergrub sie dann lebendig. Heute geht infolge des Bevölkerungszuwachses der Ahnen- dienst einfacher im Hause selber vor sich; nur hohe Mandarinen dürfen sich eigene Ahnentempcl bauen. Die Ahnen wohnen in nicht allzu großen Brettchen, die mit ihrem Namen beschrieben sind — den„Ahnentafeln". Ihr Name scbin-cscbu. bedeutet„(Seelen» sitz". Sie stehen\n der besten Stube, und die Ahnen sehen so alles, was vorgeht. Man teilt ihnen auch alles Wichtige mit uno opfert ihnen Speise und Räuchcrwerk(die katholische Kirche macht es nicht ein Haar anders). In alter Zeit vertrat bei wichtigen Dingen und Opfern eine Person die Ahnen, meist ein Enkel, weil(nach Navarra) der dem Großvater am meisten ähneln soll. Diese Person hieß 5cln: Toter. Ein besonderer Priestcrstand hat sich für diesen Ahnendiensi natürlich nicht entwickeln können— Priester ist hier, wie auch noch bei den klassischen Völkern bei ihren Hauskulten ganz allein der Familienvorstehcr, der Vater, der Patriarch. Darum gibt es, wie Lippert feststellt, in China keinerlei religiöse Unter- Weisungen in den Schulen, darum enthält das allgemeine Normal- lesebuch keinerlei religiösen Stoff. Der Glaube Pflanzt sich eben einfach durch die tägliche Hebung so fort, wie bei uns— der Aberglaube, der einst auch der wirkliche religiöse Glaube war. Eng mit dem Ahnenkult hängt die Behandlung des werdende� Ahnen zusammen: der Totenkukt, die Begräbnisbräuche. Sie sind mannigfaltig und sehr kompliziert; sie sind, besonders die vornphaften Leichenbegängnisse, schon oft beschrieben worden, ohne daß man den rechten inneren Zusammenhang erkannt hätte. Sie sind nur aus diesem zu verstehen, behandeln den Toten noch als einen Lebenden und Mitwirkenden, wie es ja einst auch bei uns war. Der Tote erhält Nahrung und Zehrgeld mit— Reis und altertümliches Muschelgeld in den Mund— und wird mit Ehren wie der höchste Gott überhäuft— er ist ja ein solcher. Seinen Reichtum gibt man ihm, wie seit den ältesten Zeiten, mit ins Jenseits; heute freilich nicht mehr in natura, sondern in zierlichen Papiernachbildungen, die verbrannt werden.(Ganz entsprechend malten die alten Aegypter ihren Toten etwas; man vergleiche deren Höhlengräber.) Trotz alledem traute man dem Toten doch noch nicht recht; um ihn am Zurückkommen, am Spuken und Schaden zu ver- hindern, bindet man ihm die Beine fest zusammen(S. 187). Auch die alten Aegypter hatten diese Furcht, weshalb sie den Leich- nam fest in Binden einschnürten, woraus die Mumienform ent- stand. Noch früher machten sie es wie andre afrikanische Völker und schnitten der Leiche resolut den Kopf ab. Ein mit allen Finessen des Weltaberglaubens bekannter Forscher würde wohl auch noch solche Anklänge in China entdecke::. Nachdem der Körper des Toten unter die Erde gebracht ist, wird die iwu angefertigte Ahnentafel in die Gruft hinabgelassen. damit die Seele nun in diese Platz nehme. Da die Religion nie gern einen einmal gefaßten Gedanken wieder losläßt, so laufen in ihr Ideen nebeneinander her, die sich eigentlich aus- schließen. Lippert hat diese allerwärtS zu beobachtende Erscheinung das Gesetz der Kompatibilität genannt. Auch der Chinese der Neuzeit glaubt, die Seele des Verstorbenen sei zu gleicher Zeit im Grabe, in der Ahnentafel und in einem irgendwo ge- lcgcnen Himmel. Tie rationalistische Spekulation gibt deshalh dem Menschen drei Seelen.(So auch Plato.) Das Begräbnis wird mit einem großen Leichenschmause an der Grabstätte geschlossen,— nicht in Papier, sondern in Wirklichkeit, denn der Lebende hat recht. Auch bei uns ist ja der Leichen- schmaus, bei dem es recht»lustig hergehen muß, die letzte Freude, die man dem Toten macht. Die Sitte ist bei uns bor der wachsenden Muckerei, die das Geld lieber in dem Kirchensäckel sieht, schon fast ausgestorben. Bei Todesfällen gibt auch der geizige und mitleidslose Chinese Almosen; sie heißen scki-u-ut: Leichendinge und entsprechen dem Sinne nach ganz den christlichen Geschenken„um Gotteswillen". eigentlich um der eigenen oder verstorbenen Seele willen, weshalb insbesondere Stiftungen noch örtlich als„Seelgeräte" auftreten.— Leider erzählt uns Grube nicht, wie die großen Volks- und Klein- bürgerinassen der chinesischen Millionenstädte ihre Toten versorgen, denn das oben Beschriebene können sich nur reiche Leute leisten. Die Armen können sich doch weder eigene Gräber anlegen noch die Särge ewig im Hause behalten. Navarra entnehmen wir, daß an passend gelegenen Abhängen Särge in Menge einfach hingestellt we rdcm_ ZorwärtsBuchdruckerei vBerlagSanstaltPaul SingerLCo.,Berlin LW.