Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 76. Donnerstag, den 20. April. 1911 (Nachdruck tzerb»ten.> 11] Das Gemeindekind» Erzählung v. Marie v. Ebner-EschenbaH. Dann fuhr sie fort:„Du wirst doch nichts Unrechtes tun?" Er schüttelte den Kopf, suchte sich von ihr loszumachen, besonders aber ihren Blick zu vermeiden:„Warum soll ich nichts Unrechtes tun?" murmelte er.—„Es geht nicht anders—" „Und welches Unrecht tust Du zum Beispiel?" „Zum Beispiel?-.. Ich nehm den Leuten Sachen weg.. „Was für Sachen?" „Wie Du fragst?— was soll ich denn nehmen? was ich immer genommen habe— Obst— oder Rüben oder Holz..." Mit steigender Angst, aber noch zweifelnd, schrie die Kleine auf:„Dann bist Du ja ein Dieb!" „Ich bin auch einer." „Das ist nicht wahrl sag. daß es nicht wahr ist, daß Du nicht schlecht bist! um Gotteswillen, sag es..." Sie drohte, schmeichelte und geriet in Bestürzung, als er die Entschuldigung vorbrachte:„Wie soll ich nicht schlecht sein? die Eltern sind ja auch schlecht gewesen." „Just deswegen!" rief sie,„begreifst Äu's nicht?— just deswegen bin ich die Bravste im ganzen Kloster, und mußt Du der Bravste sein im ganzen Dorf..., damit der liebe Gott den Eltern verzeiht, damit ihre Seelen erlöst werden ... Denk an die Seele des Vaters, wo die jetzt ist..." Eine fliegende Blässe überzog wie ein Hauch ihre rosigen Wangen.„Wir müssen immer beten," fuhr sie fort, „beten, beten und gute Werke tun und uns bei jedem guten Werke sagen: Für die arme Seele, die im Fegefeuer brennt." Mit tiefster Durchdrungenheit stimmte Pavel bei:„Ja, die brennt gewiß." „O Gott im Himmel!,.. und weißt Du, was ich glaube?" flüsterte die Kleine—„Wenn wir schlimm sind, da brennt sie noch ärger, weil der liebe Gott sich denkt, das kommt von dem bösen Beispiel, welches diese Kinder be- kommen haben von..." Sie hielt inne. schluckte einigemal nacheinander, ihre Augen öfneten sich weit und starrten den Bruder voll leidenschaftlichen Schmerzes an. Plötzlich faßte sie seinen Kopf mit beiden Händen, drückte ihr Gesicht an das seine und fragte: „Warum stiehlst Du?" „Ach was," erwiderte er,„laß mich." Sie umklammerte ihn fester und rief wieder ihr be- schwörendes:„Sag! sag!" und da er durchaus nicht Rede stehen wollte, begann sie zu raten:„Stiehlst Du vielleicht aus Hunger... Bist Du vielleicht manchmal hungrig?" Er lächelte gelassen:„Ich bin immer hungrig." „Immer!" „Ich denk aber nicht immer d'ran," suchte er sie zu be- ruhigen, als sie in Jammer ausbrach über diese Antwort; doch hörte die Kleine ihn nicht am sondern rannte, unter heftigen Vorwürfen gegen sich selbst, aus dem Zimmer. Bald erschien sie wieder, gefolgt von einer Laienschwestcr. die einen reichlich mit Brot und Fleisch besetzten Teller trug. Der wurde auf den Tisch gestellt und Pavel eingeladen, sich's schmecken zu lassen. Er machte der Aufforderung Ehre, aß hastig, war aber erstaunlich bald satt. „Ist das Dein ganzer Appetit?" fragte die Kloster- dienerin und sah ihn mit jungen hellen Augen freundlich an;„bist nicht gewohnt das Essen, hast gleich genug, ich kenn das schon. Woher kommt er denn, wer ist er?" wandte sie sich an Milada. „Von zu Hause," antwortete diese,„er ist mein Bruder." „Nun ja, in' Christus; jeder Arme ist unser Bruder in Christus." „So mein ich's nicht, er ist mein wirklicher Bruder!" beteuerte Milada und wurde böse, als die Schwester sie er- mahnte, sich erstens nicht zu ärgern und zweitens, nicht ein- mal im Scherz eine Unwahrheit zu sagen. „Aber ich sag ja keine Unwahrheit, Schwester Philippine, fragen Sie die ehrwürdige Mutter, fragen Sie das Fräulein Pförtnerin"... eiferte das Kind. Die Klosterdienerin aber erwiderte gutmütig verweisend: „Seien Sie ruhig, Fräulein Maria, seien Sie nicht schlimm. Sie waren schon lange nicht mehr schlimm. Nuv nicht wieder in den alten Fehler verfallen; sonst müßt ich'S melden; Sie wissen recht gut, d-aß ich's melden müßt." Damit nahm sie rasch den Teller vom Tisch, nickte den Kindern einen munteren Abschiedsgruß zu und ging. „Sie will nicht glauben, daß ich Dein Bruder bin/' sprach Pavel nach einer Weile. Milada legte wieder ihre Wange an die seine unj» flüsterte ihm ins Ohr:„Vielleicht glaubt sie's doch." „Glaubt's doch?.;. Warum tut sie dann so?,., Und tvarum hast Du ihr's nicht besser gesagt? Warum warst Du gleich still?... Ich bin still, wenn ich recht Hab, weil's mich freut, wenn die Leut so dumm sind, und ich mir dann so gut denken kann: Ihr Esel!— Aber Du brauchst das nicht." „Ja ich! ich bin auch still, nicht aus Trotz und Hochmut wie Du;— aus Demut und Selbstüberwindung." Sie warf sich in die Brust, und ihr Gcsichtchen leuchtete vor Stolz— «damit die Engel im Himmel ihre Freude an mir haben." Nachdem sie sich an der Bewunderung geweidet, mit der er sie ansah, fuhr sie fort:„Pavel, ich darf unserer Mutter nicht schreiben, aber Du schreibe ihr; schreibe ihr, daß ich immerfort für sie bete und nichts anderes werden will als eine Heilige... Ja?... und daß ich auch für sie sorge. schreibe ihr. und mir olle Tage etwas abbreche für sie, und alle Tage wenigstens e i n gutes Werk tue für sie... und Du, Pavel," unterbrach sie sich, faßte ihn an beiden Schultern und fragte:„Was tust Du für unsere Mutter?" „Ich," lautete seine Antwort,„ich tu halt nichts." Ach gehl Du wirst schon etwas tun..." „Was soll ich tun?— ich weiß nicht was." „So sag ich Dir'sl— Du sollst dran denken, was die Mutter anfangen wird, wenn sie heimkehrt: wohin soll sie gehen, wo soll sie wohnen, die arme Mutter?" �— Und nun kam Milada mit einem ganz fertigen Plan, der darin bestand, daß Pavel einen Grund kaufen und für die Mutter ein Haus bauen müsse. Er ärgerte sich:„Wie soll denn ich ein Haus bauen? ich Hab ja kein Geld." „Aber ich Habel" rief das Kind.„Wart, ich bring Dir's ... bleib ruhig sitzen und wart." Eilends flog sie davon; doch dauerte es lange, eh sie wieder kam. Die Pförtnerin folgte ihr und hielt einen Gegenstand, den Milada in der Hand trug, scharf im Auge.- „Halt," sprach die Klosterfrau,„was wollen Sie damit tun?" „Ich schenk es meinem Bruder, ich Hab Erlaubnis von der ehrwürdigen Mutter." Die Pförtnerin betrachtete das Kind mißbilligend, fragte gedehnt:„Wirklich?" und zog sich langsam mit leise gleiten» den Schritten zurück. Milada schwang triumphierend einen gestrickten Beutel« durch dessen weite Masck>en es hell und silbern blinkte. Er erhielt ihre Ersparnisse, das von der Frau Baronin erhaltene und gewissenhaft zurückgelegte Wochengeld, im ganzen vier- unddreißig Gulden. Daß man damit noch keinen Grund kauft und noch kein Haus baut, leuchtete sogar dem geschäfts- unkundigen Pavel ein; aber es war doch ein Anfang, es war doch ein Eigentum, an das sich die Hoffnung, es zu der- größern, knüpfen ließ. Die Kinder berieten, wie das ge- schehen solle, und für Milada war es bald ausgemacht, daß ihr Bruder fleißig arbeiten und etwas verdienen müsse. Pavel aber meinte:„Wie soll denn ich etwas verdienen? So lang ich beim Hirten bin, kann ich nichts verdienen, Ja!" rief er—„ja wenn..." ein Gedanke war in ihm aufgetaucht, und dieses ungewöhnliche Ereignis versetzte ihn in fieberhafte Erregung—„wenn ich hierbleiben dürft, sie haben ja eine Wirtschaft, die Klosterfrauen... wenn sie mir etwas zu tun geben möchten in der Wirtschaft,, '„In Ler Wirtschaft?" fragte Milad'a un8 machte große STugcn. „Wenn sie mir einen Dienst geben möchten," fuhr er fort, „bei den Ochsen, bei den Pferden, bei den Kühen oder so etwas, daß ich hierbleiben könnte, daß ich nur nicht ins Dorf zurück müßt." Er faßte ihre Hände und beschwor sie, seine Iürfprechcrin bei den Klosterfrauen zu sein. Nachdem feine träge Phantasie einmal begonnen hatte, ihre Schwingen zu entfalten, flog sie beharrlich fort und trug ihn immer höher empor. Ein so ousgezeichnetcr Knecht wollte er werden, daß die Beförderuirg zum Ausscher und dann zum Maier nicht lange auf sich warten lassen könnte. Von dein Geld, was er verdiente, wollte er daheim im Dorf ein Haus für die Mutter bauen. Die sollte nur dort wohnen, er blieb in der Nähe seiner Schwester, und wie er sie heute sah und sprach, so würde er sie dann sehr oft sehen und sprechen, und wenn das sein könnte, dann wäre er glücklich, wäre brav, aus wäre es mit der Schlechtigkeit, mit der Dicherei. aus mit der— Pavel ballte die Faust gegen ein unsichtbares Wesen: mit der Vinska, wollte er sagen, doch überkam es ihn, als dürfe er den Namen in Gegenwart seiner Schwester nicht aussprechen. Das Kind schmiegte sich an ihn, machte keine Einwendung, hörte seiner Erzählung wie dem schönsten Märchen zu. und setzte manchinal noch ein Licht auf in dem freundlichen Bilde, das er entwarf. „Ja, Du wirst der Maicr sein, und ich die Heilige!" hatte die Kleine wen freudig ausgerufen... da ertönte laut und lange fortgesetzt, aus der Ferne erst, dann näher und näher -der Schall einer Glocke. Milada seufzte tief auf, «Das Zeichen," sagte fie. „Was für ein Zeichen?" „Daß Tu fortgehen mußt." ..Ich geh aber nicht! Du hast ja selbst gesagt, daß ich hier bleiben kann," rief Pavel, und die Kleine erwiderte be- stürzt: „Was fällt Dir ein? ich darf so etwas nicht sagen." Nun beganir es dicht vor der Tür zu schellen, sie wurde geöffnet, die Pförtnerin ließ sich blicken, sprach nicht, setzte aber die Glocke, die sie in der Hand hielt, in immer heftigere Bewegung. Zugleich erschien» eiligen Schrittes Schwester Pbilippine und rief Pavel zu:„Die Sprechstunde ist aus. höchste Zeit, empfiehl Dich, vorwärts, vorwärts I" Er gab keine Antwort und gehorchte auch nicht. Die Klostcrdicncrin wiederholte ihre Mahnung: Pavel aber, den Kopf gesenkt, mit den Fingern einer Hand die der andern pressend und zerrend, blieb auf feinem Sessel sitzen. Die Pförtnerin rief eine zweite Laienschwester herbei, gab auch ihr Befehl, den zudringlichen Bursthen fortzuschaffen, und winkte Milada. das Zimmer zu verlassen. Die Kleine zögerte. Da Jfgm die Nonne auf fie zu und griff sie beim Arme: „Sie gehen hinauf in die Klasse," sprach sie mit äußer- stem Bemühen das Beben ihrer Stimme zu verbergen und den schüchternen Widerstand des Kindes mit Sanftmut zu besiegen. Doch funkelte Unwillen aus ihren dunklen Augen, und die leisen Worte, � die sie dem Klosterzögling zuflüsterte, schienen, nach dem Eindruck zu schließen, den sie hervor» brachten, nicht eben gütige zu sein. Die Kleine lauschte ihnen mit gespannter, angstvoller Aufmerksamkeit:„Leb wohl. Pavel! leb wohll" und eilte hinweg. .lLortsctzung solgt.L lNaSdnick cwJsrc.x) Der 6emeinde-Hlte. Von M. K o n o p n i ck a. (Schluß.) Im Saale bricht eine Heiterkeit loS; die einen lachen gutmütig, bis anderen boshaft, indem sie auf den Tödi-Mayer blicken. Die Mitleidigsten drehen mit den Köpfen und lächeln unmerklich. „Ecce homo!" ruft der Kesselschmied Kißling, dessen Druder Ausseher in der Kantonalbibliothck ist und ihm unentgeltlich Bücher zun. Lesen bringt. Mit einer hellen Lachsalve wird dieser Vergleich aufgenommen. Die Majorität glaubt, das sei eine Anspielung auf den Gipfel, der sich hinter dem Großen und dem Kleinen Mythen erhebt und im Gegensatz zu dem knorrigen Pilatus Ecc-e homo genannt wird. In der Versammlung gibt es welche, die diesen Berg aus der Nähe gc- ßehen haben. Ter Alte hatte freilich keinerlei Aehnlichkcit mit irgendwelchem Berggipfck, aber deshalb ist die Sache um so komischer... bei Gott, um so komischer. Rur der Tödi-Mayer nimmt keinen Anteil an der allgemeinen Heiterkeit. Seine runden, hervorstehenden und glänzenden Augen prüfen die Gestalt des alten Bettlers, als wollten fie jeden seiner ausgetrockneten und zitternden Knochen für diese große Eni-- täuschung verantwortlich machen. Mit diesen Augen durchbohrt er ihn wie einen falschen Groschen, schüttelt er ihn durch wie einen alten Fetzen, und durchforscht ihn bis zum kleinsten Acderchen, bis zum leisesten Atemzug seiner Brust. .Ich ziehe mein Wort zurück!" ruft er schließlich..So wenig kann ich nicht nehmen!" „Sein Wort darf man nicht zurückziehen!" ruft der Rat ernst. .Warum darf man nicht?. Der Amtsdiener hatte ja noch nicht zugeschlagen." „Nein, er hatte noch nicht zugeschlagen!" bestätigen einige Stimmen von der Galerie. Dann wird es plötzlich still. Alle sind gespannt, welche Wendung die Sache nehmen wird. Ter Herr Rat ist unzufrieden. Er blickt die Anwesenden düster an. furcht seine schöne Stirn und zieht bald das eine, bald das andere Ende seines Schnurrbartes herunter. „In diesen Lumpen kann ich den Bettler auch nicht sür hundert- und achtzig Franken nehmen!" ruft der Tödi-Mayer resolut und fühlt, daß er sich mit dem ganzen Publikum in llebereinstimmung befindet. „Ich würde ihn nicht für zweihundert nehmen!" unterstützt ihn Gevatter Spengler. „Was, zweihundert? Zweihundertundzchn wären auch nicht zu viel!" fügt der Gastwirt von Mainau hinzu. Der alte Wunderli hört, und in ihm erstirbt die Seele. WaS soll daraus werden? Was soll aus ihm werden? Vielleicht wird! keiner ihn nehmen wollen. Warum fordern sie alle so viel GcldA Warum so viel?... Große Unruhe und Verwunderung spiegelt sich auf seinem aus« gemergelten Gesicht. Immer höher zieht er seine weißen Brauen empor, während er zur Erde blickt, und der Kopf fällt immer schneller bald auf den einen, bald auf den anderen Arm. „Nun, Herr Tödi-Mayer?" ruft der Beamte in der Absicht, zu vermitteln.„Machen Sie keine Epäße, kommen wir endlich ans Ufer, meine Herren." „Gut!" ruft der Schlossermeister energisch.„Ich will ihl» nehmen, aber für runde zweihundert." „Aber wo, aber waZ?" ruft der Beamte, gänzlich die Gedultt verlierend.„Wie kann die Gemeinde solche Summen auswerfen?! Denken Sie etwa, meine Herren, daß die Gemeinde im Golde wühlt? Nein, meine Herren, die Gemeinde wühlt nicht im Golde. Die Gemeinde muß rechnen. Die Gemeinde hat Ausgaben, ach. große Ausgaben. Die Barmherzigkeit, meine Herren. ,st für die Gemeinde eine heilige Sache, aber auch in der Ausübung der Barm- Herzigkeit muß Maß gehalten»Verden." Noch bevor der Herr Rat die letzte Silbe gesprochen, öffnet sich die Türe weit, und herein tritt Propst. Er ist ein stark gebauter Mann mit festem Nacken und breitem, rotem Gesicht. Seine braune. ausgeknöpfte Jacke zeigt eine mächtig entwickelte Brust und darüber eine dicke Silberkette. Unter der fetten, niedrigen Stirne leuchten kleine, scharfe Aeuglcin; das rötliche, krause Haar»nächst ihm tief in die Schläfen hinein. Probst tritt selbstbewußt und keck auf und fuchtelt mit seinen herabhängenden Armen, deren Fäuste geballt sind. Aber er braucht sich nicht erst einen Platz zu erobern, denn ein jeder weicht vor ihm zur Seite, mit einer Art von Ehrfurcht. Ein hochgewachsener, starker Mann, mit düsterem, herausforderndem Blicke. Mit einem solchen ist es besser, nicht anzufangen. Probst tritt an das Geländer heran, verbeugt sich vor dem Beamten und grüßt topfnickend einige der Anwesenden. Der Herr Rat möchte verzeihen. Er habe sich verspätet, aber es sei nicht seine Schuld. Dieser vermaledeite Knecht, den er nach dem Hänzli aufgenommen, sei, wie ihm zum Possen, krant ge- worden. Probst mußte heute selbst die Milch ausführen, und das ist eine verteufelt lange Strecke, geht bergauf, bergab... Der Herr Rat hört kopfnickcnd zu: die Gegrüßten lächeln wohl« wollcrid und drehen die Köpfe. »Selber die Milch ausführen gemußt!,,. Na. nal Eine lange Strecke... Hm, hm..." Durch das offene Fenster hört man daZ laute Bellen des HundeS, den alle kennen: dreimal des TagcS bringt er Milch in einem Wagen, der mit hohen Blechgefäßen angefüllt ist. Probst hat einen schönen Viehstall. Ja, einen sehr schönen Biehstall. Und plötzlich überkommt sie alle ein Gefühl der Hochachtung für diese mächtigen Tatzen und diesen feisten Nacken. Spengler wendet sich vom Tödi-Mayer ab und blickt auf Probst. Der Schlosser- meister fühlt sich schon durch die bloße Ankunft des MilchmeierS geschlagen. Er blickt anscheinend gleichgültig bald auf den einen, bald auf den anderen der Anwesenden, im Grunde aber tut es ihm leid, daß er den Handel nicht abgeschlossen. Na, übrigens, wollen sehen, was da kommt! Aber Probst verliert keine Zeit. Er stemmt seine geballte Faust gegen daS Gitter, reckt den dicken Hals, und sich das gelbbcwacbfcne Kinn zupfend, zwinkert er mit den grauen Aeuglein und schießt prüfende Blicke auf den Alten, wie aus dem Lause einer Flinte. Kißling und Tödöli stoßen sich mit den Ellbogen. Wie per blickti Mie dieser Teufelskerl blicktl Ein jeder haj — 303— |«, gottlob, seine Mei Augen, aber so einen durchbohren, trie dieser, rann keiner. Der vcrstehts. Ja, der versteht sich aufs Geschäft. Inzwischen nimmt die ganz» Stube ein verändertes Ansehe« vn. Alle fühlen, daß jetzt ein wahrer Kenner erschienen ist. Die Gesichter nehmen Leben an; die, die auf den Bänken saßen, erheben sich und treten näher. Ter Augenblick wird wahrhaft interessant. Aber Kunz Wunderli wird beim Anblick Probstens unruhig und nervös. Er weiß, daß Hänzli, den die Gemeinde, gleich ihm, dem Probst übergeben, sich nach drei Monaten auf dem Boden erhängt hatte, er sah selber, wie die Frau des Probst die Stiefel des Alten verkaufte. Kunz erinnert sich genau, daß Hänzli abgeschürfte Haut an den Armen hatte, vom Gurt, an den er sich vor den Wagen spannen mußte, daß ihm bei Probst die Augen einfielen, das Ge- jicht schwarz und trocken wurde. Der alte Kunz schrumpft zu- sammen, verbirgt den Kopf zwischen den Schultern, drückt die knochigen Ellbogen gegen die Stirn, wird klein, sehr klein, so klein, daß man nicht viel von ihm ficht. Offen gestanden, möchte er sich am liebsten ganz, ganz unter die Erde verkriechen. Er fürchtet, Atem zu holen, sich zu regen, sogar die Knie haben vor großer An- strcngung zu zittern aufgehört. Aber Probst kennt das alles ganz gut. Lizitiert er ja dieses Lumpengesindel schon seit sechs, sieben Jahren bei der Gemeinde. Er weiß, daß solch ein altes Gerät einem gelöcherten Topfe zu ver- gleichen ist; überzieh ihn mit Draht, und er hält länger als ein neuer. Jedenfalls der billigste Arbeiter, den man finden kann. Mit Schelten oder mit guten Worten kann man so viel Arbeit aus ihm herauspressen, als er verzehrt, und was die Gemeinde zuzahlt, das ßst rein wie gefunden. Die Leute schimpfen, daß er anderen die Preise verderbe. Aber fi>as macht sich Probst daraus? Wenn er nur sich selber nicht ver- dirbt. Sorge ein jeder für sich, und bastal Und Probst neigt seinen schweren, platten Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite, dann blickt er scharf dem Beamten »nS Gesicht und ruft mit kräftiger, nachdrücklicher Stimme: .Hundertfünfundzwanzig>" TaS macht einen starken Eindruck. Die Gleichgültigsten schütteln Üle Köpfe vor Verwunderung. Zum Teufel auch! Welch ein Kerl! Der frägt gar nicht. waL die anderen bieten, sondern wirft seinen Trunipf in die Wagschale, wie eine Kanonenkugel. Im Saale entsteht eine große Stille, in die das heftige, Kütende Bellen des Hunde? fällt, der vor der Türe bei dem Milch- wagen zurückgeblieben ist. Der alte Wunderli blickt nach rechts und nach links, als suche er einen Ausweg zum Entfliehen. Aber er entflieht nicht, fmidern steht da, wie zu Stein geworden, wie in die Erde gewachsen. Nur die untere Kinnlade senkt sich immer mehr. und die Augen öffnen sich weit. „Hundertfünfundzwanzig!" ruft Probst zum zweiten Male. Der Herr Rat strahlt. Eine Weile blickt er mit leuchtenden Augen auf die Anwesenden, und da keiner den Milchmcier unter- bietet, schlägt er mit seiner weißen Hand auf das Aktenbündel und gibt dem Amtsdicner ein Zeichen. „Zum ersten Mal!" ruft der Amtsdiener, klopft mit dem«tab- auf die Diele und schweigt. „Zum zweiten Mal!" ruft er noch lauter, und der alte Kunz Wunderli schließt plötzlich die Augen und zuckt schmerzhaft zu- tzammen, als sollte der Stab, der das barmherzige Werk der Ge- »ncinde zuschlägt, seinen Leib durchbohren. .Und— zum dritt— en— Mal!" ruft mit dem AmtSdiener der triumphierende Herr Rat aus einer Kehle._. Einen Augenblick später steht Kunz Wunderli an der Deichsel des Milchvagens. Sein elender, alter, grauer Kopf bebt, und ferne fliegenden Hände bemühen sich, den groben Leinwandgurt um die Schulter zu legen........ An der anderen Seite der Deichsel wirst sich hm und her in rasenden Sprüngen ein kräftiger, zottiger Hund, in ebensolchem Lic schirr, und bellt laut und grimmig.., lZia«dru!k vervolea.l fUigmafdnmn und Vogelflug. Von Felix Linke. Tie Poesie ist eine wunderschöne Sache. Sic Hilst über alles mit Ausnahme des Hungers so leicht hinweg und ist deshalb feit alten Zeiten so außerordentlich beliebt. Alle Gedanken und alles Sehnen der Menschheit und des Einzelmenschen hat in der Poesie beredten Ausdruck gefunden. Und— um mitten in die Sache hineinzureiten oder zu fliegen— auch das Fliegen, seit »invordenklicken. Zeiten eins der Ideale des Menschen, ist tausend- fach besungen worden. Der mit seinem Bater Düdalos fliegende Ikaros bat nach der alten griechischen Sage dem Jkarischen Meere feinen Namen gegeben. Allen Lesern sind die schönen Floskeln bekannt von dem Vogel, der sich leicht über alles erhebt, und sich frei in die Luft schwingt usw. usw. Die Wissenschaft dagegen ist eine rohe Sache. Sie hilft nicht etwa leicht über all-'s hinweg, fondern erscheint als die Hydra, der zwei neue Köpfe wachsen, wenn man ihr einen ab- geschlagen hat. Wenn man ein Problem geläst hat, sind gleich ein paar neue da, ja, selbst wenn man nur eine einzige Frage stellt, tauchen gleich so und so viel indere mit auf.— Als sich unsere nüchterne Zeit in dem Flugproblem mehr der Wissenschaft zu- wandte, tveil sie mit der Poesie allein nicht weiter kommen konnte, da stellte sich manches heraus, was sich mit den alten Anschauungen schlecht verträgt. Die Flugtcchnik krankt ja daran, daß sich die Wissenschaft e�st spät und zögernd mit dum Flugproblem beschäftigte. Man hätte viele unproduktive Ausgaben sparen', viele Menschenleben erhalten können, wenn man sich eher an die Arbeit gemacht hätte, wenn z. B. der Staat eher Mittel bereitgestellt hätte, die die sich aufdrängenden Fragen und Probleine zu be- arbeiten gestatteten. Wissenschaftliche"Untersuchungen über die Flugprobleme sind daher bis jetzt nur in geringer Anzahl unter- nommen worden. Was sie aber zutage gefördert haben, ist höchst beachtenswert und für die Technik sowohl wie auch für unsere ganzen Anschauungen über das Flugproblem von revolutionieren- der Bedeutung. Ein großer Teil des Flugproblems erschöpft sich in dem Problem der gegen eine feste Fläche streichenden Luft oder, was dasselbe ist, der gegen die Lust bewegten seften Fläche. Newton hatte für diesen Fall eine sehr einfache Anschauung benutzt. Er betrachtete die gegen eine feste Fläche strömende Luft wie einen festen Körper, so daß die Ermittelung der auftretenden Druck- kräste sehr einfach war. Diese Anschauung hat sich bis jetzt er« halten und wurde und wird von vielen Flugtechnikern noch immer angewendet, obwohl sie grundfalsch ist. Die elementarsten Ver- suche haben dargetan, daß man mit dieser einfachen Anschauung auf ganz falsche Fährte kommt. Jeder kann sich davon sehr leicht überzeugen, wenn er folgendes Experiment anstellt. Ein.Kinder- luftballon, der selbst nicht mehr schwebt, sondern frei gelassen zu Boden sinkt, wird in der Luft gehalten. Bläst man dann mit einem starken Luftstrom so dagegen, daß die Luft seitlich gegen und über den Ballon hinstreicht, so bemerkt man. daß er nicht etwa zur Seite und zum Boden gedrängt wird, sondern im Gegenteil gehoben wird. Das besagt eben ganz deutlich, daß die Summe aller an ihm wirkenden Kräfte ihn nach oben treibt. Nach der alten Anschauung wäre das nicht zu erklären. Es zeigt sich eben. daß man den Vorgang nicht so einfach betrachten darf, sondern daß das ganze Strömungsfeld zu beachten ist, innerhalb dessen sich der Ballon besindet. _ Es ist keine Frage, daß man auch auf theoretischem Wege zu diesem Ergebnis gelangen kann. Tie mathematische Verfolgung der Sache ist aber so schwierig, daß sie im allgemeinen nicht gang- bar ist. Da bleibt eben noch der Versuch, und es erweist sich mit zwingender Notwendigkeit, wie wichtig die experimentelle Unter- suchung dieser Fragen ist. Hätte man all das Geld zu vorbereiten- den Versuchen benutzt, was für nutztose Konstruktionen verschwendet worden ist, so wären wir heute in der Flugtechnik erheblich weiter. Seit einigen Jahren besteht in Göttingen eine kleine aero- dynamische Anstalt. Die Ergebnisse, die sie bisher gezeitigt hat. find für unsere Kenntnisse von der erheblichsten Bedeutung. WaS sich da ergeben hat, ist aber für die Zukunft des Fliegeiis nicht so ermutigend, wie man es sich wohl wünschen möchte. Dennoch ist das Ergebnis wenigstens sicher, so daß wir unsere HossnungeU herabschrauben und unsere Arbeit auf den wertvollen Teil des Problems konzentrieren können. ' Will man die Leistungen von Flugmaschinen— LentballonS sind keine eigentlichen Flugmaschinen— prinzipiell ergründen, so muß man, wie schon erwähnt, vor allen Dingen das Problem der gegen eine feste Fläche streichenden Luft behandeln. Die dem Winde entgegengestellten Flächen müssen verschiedene Form und Größe haben, so daß man die unter den praktisch vorkommenden Verhältnissen günstigsten Proportionen feststellen kann. Dabei hat sich ergeben, daß bei der günstigsten Form einer dem Winde ent- gegengestellten Fläche die vorwärtstreibende Kraft'/>, der Last beträgt. Nun treten aber in der Praxis mancherlei Kompli-, kationen ein(Reibung usw.). Tiese bewirken, daß man die vor- wärtstreibcnde Kraft zu V« der Last annehmen muß. DaS ist überaus wichtig, denn diese Zahl stellt das dar, WaS mit einem Flugapparat überhaupt zu leisten ist; darüber hinauszukommen ist unmöglich. Es wird manchem aufgefallen sein, daß man bei den FluF« apparaten außerordentlich starte Motoren benutzt, so stark, daß sie gegen die bei der Bahnbefördcrung angewandten beispielsweise auffallen. Tie großen schweren Straßenbahnwagen, bei denen man das Gefühl hat, hier gibt es etwas Tüchtiges zu schleppen, babcn Motoren, die normal zusammen höchstens 100 Pferdestärken betragen. Das braucht oft aber ein einziger Aeroplan, mit dem ein oder zwei Menschen fliegen. Wie kommt das? Ist die Be, sörderung per Bahn so viel günstiger, daß man stärkere Motoren nicht braucht? lim das zu entscheiden, muß man die ent- sprechende Feststellung machen wie vorbin bei tragenden Flächen. Es ergibt sich dann, daß bei einem Schnellzuge die vorwärts- treibende Kraft nur 1lim der Last zu sein braucht, bei einem Güterzuge nur 1lxu>, und beim Schisse wird die Sache noch gün- stiger. Diese zahlenmäßige Gegenüberstellung ist höchst über- raschend. Was beweist sie? Sie tut unwiderleglich dar, daß die Beförderung durch die Luft ökonomisch eine ganz jämmerliche Methode ist, die unökonomischstc, die wir kennen. Werden bei einem Güterzuge sämtliche Bremsen so fest angezogen, wie es nur geht, und unterfängt sich jemand, solchen Zug über die Schienen zu schleifen, so tut er immer noch etwas vorteilhafteres, als wenn er durch die Luft fliegtl Das ist also die Poesie de?. FPegcnZ! So sieht das alte Mcnschheitsidcal aus! Tie Wissenschaft sagt uns, daß Fliegen- wollen der helle Wahnsinn ist, das Fliegen jedenfalls eine Arbeit ist. so mühsam, dah man sie einem vernünftigen Menschen nicht zutrauen kann. Aber die Vögel könnens doch?— Das stimmt! Sie können sehr schön und schnell fliegen, sie Haltens sogar auch enorm lange aus, aber nun vergleiche man gefälligst auch, was diese Tiere fressen. Sie haben einen Stoffumsatz, der geradezu ungeheuerlich zu nennen ist. Es gibt Vögel, die an jedem Tage das Mehrsache ihres Gewichtes fressen. Wie grotz die Leistungen beim Fliegen sind, mag man aus folgendem Beispiel ersehen. Bei zehn Meter Geschwindigkeit in der Sekunde must man beim Fliegen eine Arbeit leisten, die etwa gleich der ist, als wenn man sich bei zehn Meter Fcetbewegung in der Sekunde um einen Meter hebt. Das ist so v.el, wie wenn man rasend schnell die Treppe hinaufläuft. Jeder weiß, wie lange oder besser gesagt wie kurze Zeit er das nur aushält. Und die Vögel könnens stundenlang, ja sogar tagelang! Eben nur wegen des ungeheuren Stoffumsatzes, der dem Körper so enorm viel Energie zuführt, die natürlich verausgabt werden kann und auch muß. Es wird also kaum wundernehnien, wenn wir jetzt er- fahren, daß die Motorenleistungen bei Flugapparaten so groß ein müssen. Die genannte Arbeitsleistung gilt nur bei Windstille, bei völlig ruhender Luft; bei bewegter Lust mutz man noch größere Arbeit leisten. Dabei ist allerdings der Arbeitsaufwand sehr ver- schieden, je nach dem Grade der Geschicklichkeit, mit dem man fliegt. Die Vögel als routinierte Flieger verstehen sich auf die Sache; sie verstehen, dem Winde selbst Energie abzugewinnen. Wenn z. B. Möwen ein Schiff auf hoher See begleiten, dann fliegen sie hinter dem Schiffe her. Das halten sie tagelang aus, za sogar wochenlang. Das ist nur möglich, weil sie den hinter dem Schiffe aufsteigenden Luftstrom benutzen und in diesem schweben. Daß tatsächlich der Luftstrom dort aufsteigt, kann man an Rauch sehen, der einmal in jenen Regionen hinter das Schiff gerät. Die Vögel schweben hier mit verhältnismäßig geringem Lwaftaufwande. Die Vögel benutzen auch sonst mancherlei Kniffe, um mit ge- ringem Aufwand zu fliegen und zu schweben. Durch Erwärmung austteigende Luftströme, aber auch wagerechte Luftschwankungen benutzen sie. Sie sind dadurch in großem Vorteil. Wir müssen also von ihnen lernen und versuchen, das auf unsere Flugmaschinen anzuwenden. Es fragt sich nun, ob wir das können. Wenn wir lernen, wie die Vögel zu steuern, dann können wir vielleicht auch fliegen wie sie?— Betrachtet man die Sache kritisch, dann muß man zu der Ueberzeugung kommen, daß wir niemals in so voll- kommener Weise werden fliegen können. Selbst wenn wir auto- matisch wirkende Mittel hätten, würde auch der geschickteste Flieger nicht erreichen können, was die Vögel können, und zwar aus einem ganz anderen Grunde. Helmholtz hat einmal gesagt, daß ein Mensch aus eigener Kraft nicht fliegen könne. Wenn er einen Motor benutzt, der seine Kraft steigert, dann wohl. Aber selbst da hat die Sache einen Haken, wie man leicht an der folgenden Ueberlegung erkennen kann. Wir beobachten eine schwebende Möwe; der Vogel wiege Kilogramm. Vergleichen wir sein Gewicht mit dem einer Flugmaschine, die etwa 600 Kilogramm wiegt, so erkennen wir, daß die treibende Kraft der letzteren ein tausendfaches Gewicht zu tragen hat. Vergrößert man also die schwebende Möwe um das Zehnfache, dann wird ihr Gewicht tausendmal so groß, ihre Flügelflächen aber nur hundertmal, wie eben einfach aus den geometrischen Verhältnissen folgt. Man sieht also, daß die tragende Fläche verhältnismäßig kleiner wird, und in unserem Falle nur *11» so groß ist. Jede Vergrößerung gestaltet also die Verhältnige zwischen tragender Fläche und Gewicht ungünstiger. Wir sind aber gezwungen, zu vergrößern, wenn Menschen mit einer Flug- Maschine fliegen sollen. Der Mensch ist also schon dadurch viel ungünstiger gestellt, allein vermöge seiner Größe. Die Natur hat so große Flieger nicht, wie der Mensch wäre, wenn er fliegen würde. Nun kennen wir aber aus der Erdgeschichte Flieger, die noch größer sind. Wir müssen daher annehmen, daß damals eben die Verhältnisse andere waren. Wir sind aber an die durchschnittlichen Geschwindigkeiten ge- bunden, wie sie jetzt existieren, und wir müssen auch annehmen, daß die Natur die größten Typen der Flieger selbst schon hervor» gebracht hat, die unter heutigen Umständen möglich und vorteil- Haft sind. Und daß sie da an der Grenze ist, geht aus dem Ver- mögen ihrer größten Flieger hervor. Ein Albatroß ist bei Wind- stille ein miserabler Flieger, bei Wind fliegt er großartig. Er kann also wenigstens noch fliegen. Mit wachsender Größe werden die Umstände aber noch ungünstiger. Soll aber ein noch größerer Sdörper fliegen können, so bleibt ihm das Mittel, sich eine starke motorische Kraft zur Hilfe zu nehmen. So kommen wir zu der Einsicht, daß die Sache der Flugmaschine untrennbar mit der Jngenieuraufgabe eines guten Motors verbunden ist. Der Motor ist die Hauptsache. Auf seine Verbesserung kommt für das Fliegen olles an. Für das Fliegen selbst heißt es dann noch„üben"! Man muß versuchen, es den Vögeln einigermaßen nachzumachen. Was wir fönst aus unseren Betrachtungen an allgemeinen Gesichtspunkten getvinnen können, ist, daß es unS z. B. vorteilhaft erscheinen muß, mit großer Geschwindigkeit zu fliegen. Denn dadurch werden die Verhältnisse zwischen Größe der Tragfläche und erforderlicher tSerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Kraft günstiger. Wir können die Größen der Tragflächen unter sonst gleichen Umständen verringern, und das ist wertvoll, weil wir damit auch Widerstände mannigfacher Art verringern, z. B. Wirbel, Reibungswiderstände. Je schneller wir also fliegen, desto günstiger wird diese Beförderungsart. In dieser Beziehung ver- hält sich die Flugmaschine genau entgegengesetzt allen anderen Transportmitteln. Bei den Bahnen vermehren sich die Wider- stände, besonders die Luftwiderstände, mit der dritten Potenz der Geschwindigkeit, so daß zu ihrer Ueberwindung bei doppelter Ge- schwindigkeit z. B. die achtfache Arbeit nötig ist, bei dreifacher Ge- schwindigkeit die 27fache Arbeit. Ebenso ist es bei den Lenk- ballons, die schon aus diesem Grunde keine allzu große Zukunft haben können. Bei den Flugmaschinen dagegen wachsen die Luft- widerstände nur in gleichem Verhältnis wie die Geschwindigkeit. Die Ausbildung der Flugapparate ist daher für die Kultur sehr wertvoll. Wenn man sie gern gefördert wissen will, so soll das jedoch unter möglichst geringen Opfern geschehen, namentlich unter möglichster Schonung von Menschenleben. Nichts ist aber besser dazu geeignet, als planmäßige Versuche. Fördert der Staat diese, dann fördert er die Kultur und spart an un- nützen Opfern. Kleines f eullleton* Naturwissenschaftliches. Literatur über Bakterien. In der„Kleinen Bibliothek" des Verlages von I. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart bat Dr. A. R e i tz das zehnte Bändchen„Die Bakterien" be- arbeitet(Preis 76 Pf., gebunden 1 M.). Es will eine kleine Ein- führung sein„in die Vorgänge, die von den Bakterien verursacht werden". Indem der Verfasser an alltägliche Vorgänge anknüpft, die er auf die Wirkung von Bakterien zurückführt, sucht er dem Leser zunächst die allgemeinen. Wesens- und Lebenszüge dieser Ge- bilde klarzuinachen. Dabei geht es ohne spezialwissenschaftliche Ausdrücke verschiedener Art nicht ab, wie sie jeden Wissenschaft- lichen Sondcrzweig belasten. Diese Klippe wird ober umschifft durch einen besonderen Anhang, der die im Buche vorkommenden besonderen Ausdrücke in alphabetischer Reihenfolge aufzählt und jedem die Erklärung beifügt. Auf eine Schiloerung der Unter- suchungsmethodcn und Apparate der Bakteriologen läßt der Ver- fasser nun die einzelnen krankheitserregenden Bakterien folgen» die Erreger der Diphtherie, des Typhus, der Schwindsucht, der Cholera, der Pest usw. Von jedem wird das Wissenswerteste mit- geteilt, auch das. was über ihre Bekämpfung bekannt ist. Es folgt eine verständliche Behandlung der wichtigen Frage der„Jmmuni- tät", der sich ein Kapitel über Desinfektion anschließt. Nach den gefährlichen kommen die weniger gefährlichen bis nützlichen Bäk- terien an die Reihe, besonders jene der Nahrungsmittel. Hier wird auch der gefährlichen Konservenbüchsen-Bakterien gedacht und Fingerzeige zu ihrer rechtzeitigen Vermeidung angegeben. Hier und da könnte das gut geschriebene und mit einer Anzahl Ab- bildungen versehene Bändchen noch eine Ausscheidung allzu spezieller wissenschaftlicher Tatsachen vertragen, an deren Stelle z. B. die Wohnungsdesinfektion, überhaupt die praktische Bekämp- fung schädlicher Bakterien ausführlicher behandelt zu werden ver- diente. Jedenfalls ist das Bändcben eine empfehlenswerte Bereicherung der„Kleinen Bibliothek". „Die krankheiterregenden Bakterien" behandelt Dr. M. So eh lein in einem Bändchen der Sammlung„Aus Natur und Geisteswelt"(Verlag B. G. Teubner, Leipzig. Preis 1 M.. gebunden 1,26 M.). Entstehung. Heilung usid Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen werden hier „gemeinverständlich dargestellt". Diesem Anspruch wird das Bändchen gerecht, doch ist es weniger„populär" als das vorher- besprochene. Dafür behandelt es einen größeren Stoff, geht in manchen Dingen mehr ins Einzelne und zeigt mehr Abbildungen von Bakterienkulturen, was wie der etwas größere Umfang dem etwas höheren Preise entspricht. Dem„voraussetzungslosen" Leser aus dem Volke ist jedenfalls das Bändchen von Reih mehr zu empfehlen. Wem Zeit und Neigung gestattet, sich noch etwas eingehender mit Bakterien zu befassen, und wer nicht an einem Fachausdruck gleich hängen bleibt, dem wird auch das zweite Bändchen manches bieten.— Mehr für den Spezialisten berechnet ist die ausführliche Be- arbeitung der in der Mark beobachteten Bakterien in der „Kryptogamenflora der Mark Brandenburg" (Verlag Gebrüder Bornträger, Leipzig. Fünfter Band, erstes Heft). Auf 186 Seiten hat hier Prof. Dr. Kolkwitz die Bäk- terien der Mark in der ausführlichsten Weise abgehandelt, ihre Geschichte, ihr Vorkommen, Leben, Bau und EntWickelung und die Beschreibung ihrer Gattungen und Arten, die durch viele Ab- bildungen gefördert wird. Der Verfasser berücksichtigt überall die praktischen Gesichtspunkte und zeigt u. a. auch das Querschnitts- bild eines Rieselfeldes aus der Umgebung von Berlin. DaS Werk ist schon wegen seines beträchtlichen Preises nicht allgemein zugänglich, denn der Verlag gibt das Heft nicht einzeln ab. AIS eine hervorragende und in dieser Weise bisher nicht vorhanden gewesene Bearbeitung der gesamten Bakterien unserer Mark sollte es aber an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. L. L. vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerLCo., Berlin SW,