Interhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 73. Sonnabend, den 22. April. 1911 CK«Wat< boSstM.) I3] Dao Gemcindchind. Erzählung v. Marie v. Ebner- EschenbaLh. Ihr Schreien endete in nicht unterscheidbaren Lauten-, in einem heiseren Husten. Pavel stöhnte: der Hilferuf der Klemen schnitt ihm ins Herz, und doch blieb er unbefangen genug, um zu denken, was sie verlangt, ist unmöglich,»vas sie sich zutraut, geht weit über ihre Kräfte. Sie schwieg endlich — gewiß vor Erschöpfung. Pavel konnte sie nicht sehen— drei- und vierfach Iva reu allmählich die Reihen geworden, die die Klosterfrauen zwischen ihr und ihm bildeten. Statt der übevangestrengten Stimme seiner Schwester vernahm der Bursche eine reine, glockenhelle, die ermahnte, zusprach, gleich- mäßig eindringlich und immer leiser... Pavel hielt den Atem an und horchte— die Kleine blieb ruhig.-— Mir aufseufzen hörte er sie manchmal aus tiefster, schmerzzerrissener Brust, und scheinen wollte ihm. als nenne sie dabei seinen Namen. Und er hielt sich nicht länger, er stürzte vor. den Kreis zu durchbrechen, der ihm den Anblick seiner Schwester entzog. Er hatte Widerstand erwartet und fand keinen: wie auf ein gegebenes Zeichen wichen die Klosterfrauen zu beiden Seiten aus, und er sah Milada vor sich stehen, an der Hand der Oberin, bleich, zitternd, das Köpfchen wieder schief ge- neigt, die rotgeweinten Augen gesenkt. die um ihn rot- yeweinten Augen I... Eine fast unüberwindliche Lust ergriff ihn. sie in seine Arme zu nehmen und mit ihr zu ent- fliehen. Die Tür war offen, ein paar Sätze, und er hätte das Freie erreicht, und einmal draußen, sollten sie ihm nur nachlaufen, die Klosterfrauen!... Aber dann? wohin bringst du das Kind? fuhr es ihm durch den Kopf, und die Antwort lautete: Ins Elend! und er überwand die rasch und heiß auf-. lodernde Versuchung. „Tritt näher," sprach die Oberin,„sage Deiner Schwester Lebewohl." Er folgte dem Geheiß und setzte auS eigener Machtvoll- kcmnmmheit hinzu:„Am nächsten Sonntag komm ich wieder." Die Kleine brach von neuem in Tränen aus und flüsterte, ohne aufzublicken:„Darf er?" „Das kann ich nicht im voraus sagen," erwiderte die Ehrwürdige:„es hängt ja nicht von mir ab, sondern von Dir, von Deiner Aufführung. Dein Bruder darf immer kommen, wenn Du gut, gehorsam und—" sie legte besonderes Gewicht auf diese Worte—„nicht ungeduldig bist." „So schau!" rief Pavel fröhlich aus. Die Bcdingnis an die sein Wiedersehen mit der Schwester geknüpft worden, ent- hielt für ihn die trostreichste Verheißung. Er begriff nicht, warum Milada traurig und ungläubig den Kopf schüttelte, da er. sie küssend und umarmend, versprach, sich m acht Togen gewiß wieder einzufinden. Und als die Kleine hinweg- geführt worden, und er, dem Befehl der Pförtnerin ge- horchend, die Halle verlassen hatte und nun draußen stand aus dem Platz vor dem Kloster, lachte er vor sich hin. Er lachte über das törichte Kind, das die Trennung von ihm jahrelang guten Muts ertragen, und das sich nun, da es einen Abschied für eine Woche galt, so bitter grämte. Die arme Kleine, wie liebte sie ihn! Wann hätte er sich's träumen lasten, daß sie ihn so liebte!— Alles wäre sie bereit gewesen, um ihn auf- zugeben, das schöne Haus, in dem sie wohnte, ihre guten Kleider, das gute Essen,,, ja sogar die sichere Aussicht auf das Himmelreich... Das will er ihr lohnen, er tveiß schon wie: er wird sich ihrer Liebe würdig machen. Wonniger Stolz, die herrlichste Zuversicht erfüllten ihn: etwas Köstliches, Unbegreifliches schwellte sein Herz. Er gab sich keine Rechenschaft davon, er hätte eS nicht zu nennen gewußt, es war ihm ja so neu. so fremd,— es war ja Glück. Unter dem Einfluß des Wunders. das sich in ihm vollzog, meinte er auch, von außen kommende Wunder erwarten- zu müssen. Und wie er so langsam dahin schritt, gestaltete sich aus seinen webenden Träumen immer deutlicher die Ueberzenguug, daß er einer großen Veränderung seines Schicksals entgegen gehe, dem geheinmisvollen Anfang zu einem schöneren, besseren Leben. Eine Stunde wanderte er schon und hatte kaum den vierten Teil des Weges zurückgelegt, da überholte ihn ein Bote, der gleichfalls aus der Stadt kam und nach dem Dorfe ging: ein alter Bekannter, der Nachtwächter Wendelin Mndji Der Mann wurde jeden Sonntag am frühen Morgen von der Baronin nach dem Kloster geschickt. Er überbrachte daA Taschengeld für Milada, einen Brief für die Oberin und Ge« schenke für die Armen, und hatte den Wochenbericht über den« Schützling der gnädigen Frau in Empfang zu nehme». Dem> den die Ehrwürdige heute sandte, waren in Eile folgende Zeilen hinzugefügt worden: ..— Die Zusammenkunft der beiden Kinder hat den et* wartete» Erfolg nicht gehabt. Dieselbe gab vielmehr dem Tropfen Vagabundenblut, der leider in den Adern unseres Lieblings rollt. Gelegenheit, sich wieder zu regen. Wie fürchten, es werde langer Zeit bedürfen, bevor es uns ge« lingt, den üblen Eindruck, den dieses erste, und, wenn Frau Baronin unseren Rat befolgen, auch letzte Wiedersehen dev Geschwister auf Maria hervorgebracht hat. zu verwischen." 8. Als Pavel am späten Nachmittag heimkehrte, sah er schon im Beginn der Dorfstraße die Virgilova wie auf bis Lauer stehen. Sie rief ihn voll Freundlichkeit und fragte teil« nehmend nach seinen Erlebnissen. Er gab einsilbige Ant- wort, schielte mißtrauisch nach der Alten und dachte: Was will sie mir antun, die Hexe? Seine Ungelvißheit über ihre Absichten dauerte nicht lange, die Hartnäckigkeit, mit der sie sich an seine Fersen« heftete, ihre eifrig und ängstlich wiederholten Ermahnungen: „Wart doch!... renn nicht so!" führten ihn auf die richtige Spur: von der Hütte wollte die Alte ihn fern lialten. in deß Hütte ging etwas vor. dessen Zeuge er nicht sein sollte... Den Verdacht kaum gefaßt, und sofort versetzte er sich in Trab, ivar bald an Ort und Stelle, stieß luftig die Tür auf und sprang in den Flur. Sein erster Blick richtete sich nach der Stube. Dort saß Vinska auf dem Bette, schön und nett angetan, das Gesicht in die Hände gedrückt und schluchzte, Vor ihr stand der Peter mit einer wahren Armensündermieue, war feuerrot und hatte sein Hütlein, das drei Pfauenfedern schmückten, weit zurück ins Genick geschoben. Als Pavel auf der Schwelle erschien, erhob BinSka sich rasch:„Bist wieder da? was willst? was suchst?" rief sie. Er blickte finster und grimmig die Federn auf Peters Hütlein an und fragte:„Hast ihm die geschenkt?" Eines Atemzuges Dauer war Vinska verlvirrt, der Bürgermeisterssohn aber warf sich in die Brust:„Was unter- steht sich der Hund? Geht's Dich an?" sprach er.„Troll Dich!" Pavel spreizte die Beine aus und stemmte sie auf den Boden, als ob er an ihn anwachsen wolle:„Für Dich Hab ich die Federn nicht gestohlen. Sie gehören der Vinska. Gib sie der Vinska zurück!" Peter wendete den Kopf, brüllte ein langgedchntes drohendes„Du!" und holte mit der Faust gegen Pavel aus. Im selben Augenblick glitt Vmska ihm in den Arm und lehnte sich an ihn mit der ganzen Wucht ihrer kräftig zier- lichen Gestalt. Sie trocknete an seiner Schulter eine Träne ab, die ihr noch auf der Wange stand:„Tu ihm nichts, er weiß ja nichts." sprach sie.„er ist so dumm!" „Wer?" stieß Pavel hervor, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. „Der fragt!" antwortete das Mädchen,„und jetzt hör an und merk Dir: Was mir gehört, gehört auch dem"— sie tippte mit dem Finger auf Peters Brust,—„ich brauch es ihm nicht erst zu schenken, weil ich selbst ihm gehöre mit Haut und Haar. Und so lange er mich behalten will, ist's recht, und wenn er mich einmal nicht mehr will, geh ich in den Stammen." Der Bürgermeisterssohn wiederholte sein früheres „Du!", aber diesmal richtete cS sich an die Geliebte: seine Drohung schloß einen zärtlichen Vorwurf ein, und so stämmig und selbstbewußt er dastand, und so hilflos und voll Hin« geirnng sie s» ihm lehnte, die Stärkere schien sie. �„Echon recht, schon recht, ich weiß doch, baß ich in den ßrimnen mäf," sprach sie seufzend:„heiraten kann ja mein Liebster mich armes Mädel nicht." „Heiraten, der— Dich?" Pavel brach in ein plumpes 'Gelächter aus,„heiraten?... Ms hast Dir aedacht?" „Nie— ," entgegnete Vinska schwermütig.„Ich Hab mir nie etwas anderes gedacht als: er ist halt mein erster Schatz: ich werd schon loskommen von ihm, kommen ja so viele los von ihrem ersten Schatz... Jetzt aber merk ich,— .ich kann's nicht, und tvemt's heute heißt: der Peter gehorcht dem Vater und heiratet die reiche Miloslava, sag ich kein Wort und geh nur in den Brunnen." „Mädel! Mädel I" schrie Peter, stampfte mit dem Fuße, faßte ihr rundes Köpfchen mit seinen beiden Händen und drückte einen leidenschaftlichen Kuß auf ihren Mund. Pavel stürzte aus der Hütte. Draußen schiittelte er sich, als ob er in einen Bremsen- schwärm geraten wäre und das giftige Getier, das ihn von allen Seiten anfiel, loszuwerden suche. Dann begann er, so müde er war. ein rastloses Wandern durch das Dorf. Daß die Vinska, trotz des Versprechens, das er ihr abgerungen, die Geliebte Peters geblieben war, daran— suchte er sich ein- zureden— lag ihm nichts mehr. Aber daß sie, die Tochter des Trunkenbolds Virgil und seines verachteten Weibes, es darauf abgesehen hatte, die Frau des Bürgermeistersohnes zu werden, das erschien ihm unverzeihlich und frevelhaft: da- für konnte die Strafe nicht ausbleiben, und dafür mußte die Vinska am Ende wirklich in den Brunnen. Bei dem Gedanken ergriff ihn ein schneidendes, un- erträgliches Weh und zugleich eine wütende Lust, den anderen etwas mitzuteilen von seiner Pein. Die Dunkelheit war hereingebrochen, tiefe Ruhe herrschte, und ihr Frieden em- pörte den Friedlosen, der umherirrte, grollend, mit kochendem Blut. Er hatte das Bereich der Häuslerhütten verlassen, er schlich am hocheingeplankten Wirtsgarten dahin, dem gegen- über das Haus des Bürgermeisters sich erhob. Die Tür des- selben wurde eben geöffnet, zwei Männer traten heraus, Pavel erkannte sie an ihren Stimmen, als sie jetzt über die Straße herüberkam: es waren die zwei ältesten Ge- schworenen. „Steht schlecht mit ihm. wird's nicht mehr lang machen � was meinst?" sagte der eine. „Kaum mehr lang," erwiderte der andere. Wer?— um Gottes willen, wer wird's nicht mehr lang machen?... Der Bürgermeister... Pavel besann sich Plötz- lich, daß er dem Manne jüngst begegnet war und ihn erst nicht erkannt hatte, weil er so verändert ausgesehen... Der Bürgermeister ist krank und wird sterben, und dann ist Peter fein eigner Herr und kann die Vinska heimführen... wenn er will.., .(Fortsetzung folgt.)' cNaSdruck vervoten.1 Jens IMrnrnelreid?. Von Karin Michaelis. Uebersetzung von H. Kiy. Dcr Student war mit einem geistlichen Buch unterm Arm über die Heide zum Meere gegangen. Ann-Sofi grübelte, er müsse wohl Liebeskummer haben— obschon das ja eine sonderbare alberne Dirne sein mutzte, die nicht mit beiden Händen zugriff, wenn ihr Junge ein Auge auf sie warf. Er, der auf der Schwelle zum heiligen Pfarramte stand! Vielleicht war es ein Mädchen aus vornehmem, reichem Ge- schlecht?— Aber man hatte es doch dazu, die Schwiegertochter würdig zu empfangen! Und als der Sohn über die Heide nach Hause zurückkehrte, die Westsonne in seinem Cbristusgesicht und das geistliche Buch unterm Arm, da stand Ann-Sofi vor dem Hause und nahm ihn in Emp- fang. Sie führte ihn geradeaus in den Saal, vor die Truhe. Dann zog sie die Schubladen heraus. Da lagen die Strümpfe mit dem Gelde und die Unterröcke mit den silbernen Medaillen und Bechern:„Alles dies sollst Du haben, mein Junge, wenn wir in der Erde liegen!" Ter Sohn lächelte und streichelte ihre Wange, aber dann fügte sie unvorsicktigerwcise hinzu:„Und für alles das können wir uns bei Jens Himmelreich betanken... Ja, Gott hat ihn wirklich gesegnet!" Der Sohn wurde wieder blutrot; er zuckte zusammen und legte die Hand auf ihren Mund. Und ehe sie mutzte, was sie sagen sollte, war er mitten in einer langen Rede von der Sünde Sold und von dem Schivefelpfuhl, darin die verlorenen Seelen in alle Ewigkeit verbrennen sollen. Ann-Sofi zitterte wi, im Schüttelfrost; sie kam sich auf ein- mal so sündig und unglücklich vor» daß die Beine ihr den Dienst zu versagen drohten. Er hatte das Geld„unreinen Mammon" genannt. Sie fühlte das Bedürfnis, die Arme auszustrecken und zu rufen:„Na! Na!" Aber der Sohn ließ ihr keine Zeit dazu. Seine Worte überhasteten sich, als entständen sie in seinem Rachen ebenso geschwind, wie er sie auszuspeien vermochte. Zum min- desten jetzt sprach der heilige Geist aus ihm. Als er endlich schwieg, war seine Stirn ebenso mit Schweiß bedeckt wie die Ann-Sofis; doch nun schlang er so zart und schön seinen Arm um ihren Leib und sagte:„Hat mein Mütterchen nun verstanden, wie grauenhaft es für mich ist, mich hier inmitten all der Sünde und Not zu bewegen! Aber ich will Tag und Nacht für Euch beten, bis Ihr einseht, daß es noch Zeit ist, umzukehren und das Knie vor dem Herrn zu beugen!" Ann-Sofi dünkte es, als umgäbe ein goldner Glorienschein seine Stirn; sie wäre so gern sofort in die Knie gefallen, aber sie hatte das Gefühl, daß er es am liebsten sah, wenn sie noch eine Weile damit wartete. Kristian reiste nach dem Pfarrhofe ab, und die Eltern waren wieder allein. Es hatte sich aber etwas in ihrem Dasein um- gekehrt. Kren Pappel freute sich nicht mehr wie bisher. Wenn er auf dem Felde stand und sah wie die Leute vom Festlande mit ihren schwarzen und roten Kühen herangezogen kamen, dann jaudjzte sein Herz nicht mehr auf. und der Mund wurde ihan nicht wässerig gemacht. Und wenn er Ann-Sofi das liebe Geld brachte, dann tat er das nicht mehr mit derben Worten über Jens Himmelreichs Appetit, sondern holte es auS der Tasche hervor, als wäre es nur ein rostiger Hosenknopf oder ein zerbrochener Nagel. Und dann kam der Brief. Ann-Sofi fing an, ihn chrem Manne laut vorzulesen; aber je mehr sie von dem Inhalt des Briefes verstand, desto deutlicher hatte sie das Gefühl, als hinge ihr ein schwerer Mühlstein um den Hals; und sie verlor zuletzt ganz die Sprache. Nun begann Kren. Er hatte sonst eine grobe Stimme, jetzt aber klang sie dünn und mager, als wäre sie durch eine Wring- Maschine hindurchgegangen, die alle Kraft aus ihr ausgepreßt hätte. Kristian Fredrik schrieb, mm könne er es nicht mehr aus- hatten; denn es sei ihm zumute, als müsse er zerspringen, wenn es nicht gesagt werde; und darum wolle er es aussprechen: er schäme sich tief, und er getraue sich nicht mehr, dem Herrgott in d�e Augen zu sehen. Und wenn er daran denke, daß er«inst im Himmel sitzen werde, zur Rechten Gottvaters des Allmächtigen, und von dort in die Hölle hinabschauen werde, wo seine armen Eltern in dem ewigen Fegefeuer furchtbare Qualen erlitten..« nein, das sei nicht auszuhalten. Auch er sei ein Kind der Sünde gewesen und habe mit seinen unschuldigen Augen all das Entsetzliche und Verruchte mit- angesehen, das sich in seinem Vaterhanse als ein tägliches, Gott wohlgefälliges Werk abspiele. Aber jetzt sei er gerettet, und dafür danke er Gott immerdar. Bis hierher kam Kren, dann hing auch um seinen Hals der Mühlstein.* Mit nassen Fingern und tropfenden Augen griff Ann-Sofi nach dem Brief und suchte weiterzulesen. Der Brief bestand aus vier grotzen Bogen und war auch an allen Ecken und Kanten vollbeschricben. Kren saß ganz still da und blickte zu Boden, Ann-Sofi des- gleichen. Keines mutzte etwas zu sagen, so bekümmert waren sie beide. Der Knecht hämmerte gegen die Tür und meldete die An. kunst einer schweren, schwarzfleckigen 5ttch, die so freudig war, daß man Mühe hatte, sie zu bändigen. KreN Pappet schielte nach Ann-Sofi hin, dann holte er schwer Atem, richtete sich auf und ging hinaus. Ann-Sofi sah erst eine Weile und hörte dem Summen der Fliegen zu; dann klang es wie Streit oder laute Rede zu ihr herauf. Sie trat ans Fenster und sah den Mann mit der freudigen Kuh dastehen und die Arme bewegen und gehörig den Mund gebrauchen. Und nach kurzer Zeit sah sie ihn dann den Weg entlangziehen mit der Kuh, die sich ebenso aufgeregt benahm wie der Mann. Ann-Sofi pretzte die Hände zusammen wie in der Kirche; sie mutzte nich warum, aber es wurde ihr ganz licht zumut, als der Mann mit seiner Kuh wieder abzog— obwohl ja ein Stück Geld verloren ging. Als aber Kren wieder in die Stube zurückkam und ebenso geduckt in dem Lehnstuhl vor dem Tischende Platz nahm, ohne einen Laut von sich zu geben, da schwieg auch Ann-Sofi. Doch als Kren zu seufzen anfing, da seufzte auch Ann-Sofi. Und als Kren alle seine Finger über den Knien spreizte, da spreizte auch Ann- Sofi die ihren. Denn beide dachten ja an eine und dieselbe traurige Tatsache, datz der Sohn wünschte, sie sollten sich von Jens Himmelreich trennen. Das war der erste Schritt auf dem Wege der Be» kehrung. Kren machte sich klar, datz er sich von so mancherlei recht gut trennen könnte, ohne dadurch einen Verlust zu erleiden: er konnte die Schafe verkaufen, das Kleinvieh hingeben, all dem schönen Speck entsagen und sich mit getrocknetem Fisch und Mehlsuppe begnügen. Und wenn eS sein mußte, konnte er auch ohne Klage trotz des strengen Winters den Kachelofen entbehren, der seinem Körper sonst so gut tat. Ja, und er konnte auch— wenn auch schweren Herzens— Jens Himmelreichs Diplome entbehren. Aber Jens selber... Jens... Es bedrückte und quälte sein Herz, wenn er sich Jens Himmel- reich in anderen Händen vorstellte. Ann-Sofi sagte sich im stillen:„Er ist ja doch nur ein Tier! Er ist ja doch nur ein Tierl" Aber das half nicht das geringste, denn dieses Tier war ja nun einmal ihr Augapfel. In der Dämme- rung pflegten Kren und Ann-Sofi Hand in Hand einen kleinen Abendspaziergang zwei- bis dreimal im Hof herum zu machen, um sich Appetit auf den Milchbrei und Krens Wendschnaps zu holen. Dann wurde es Schlafenszeit, sie sagten dem Jens Himmelreich Gutenacht und schliefen ein. Das war so eine Art Gewohnheit geworden. Aber an diesem Tage blieben sie sitzen und ließen die Dunkel- heit über sich niederrinnen wie einen Regenschauer, ohne eine Hand zu rühren. Sie hätten bis in die schwarze Nacht, ja bis zur Mitter- nachtsstunde so sitzen bleiben können, wenn nicht Jens Himmel- reich auf einmal gewaltig zu brummen angefangen hätte. Fast alß ob auch er ihnen zürnte. (Schluß folgt.) Wegelagerer. TS gibt jetzt Anti-Lärmdereine und eS wäre wünschenswert, wenn sie etwas erreichen würden. Man braucht dabei gar kein Anwalt hysterischer Empfindsamkeit zu sein. Denn es gibt auch einen Lärm, der— für mich wenigstens— fast ans Vergnügen grenzt. Hämmernden Schmieden zuzuhören oder dem rhythmischen Klang des Dreschflegels ist eine direkte Anregung. ES gibt aber einen viel gefährlicheren Lärm in unserem Zeit- akter des brausenden Verkehrs, als den lauten, nämlich den stummen. Früher machte er sich nur in den Zeitungen breit in Form von Inseraten und Reklamen, die in stillem Wettbewerb untereinander möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen suchten. Dagegen konnte man sich gut schützen. Man las sie einfach nicht. Dann kletterte der stumme Lärm aus den Zeitungen auf die leeren Giebelseiten der Häuser hinauf; da knallte es den Augen rot, grün und blau entgegen. Aber auch da konnte man wegsehen. Wer es vermochte, rettete sich für einige Wochen vor diesen und anderen Aufdring- lichkeiten ins Gebirge. Der stumme Lärm reiste aber nach und setzte sich protzig auf Felsen und Bergwände. Man ärgerte sich und sä)impfte laut, wenn man dem frechen Gesellen auch in den stillen Tälern begegnete, ober er konnte einem nicht nachlaufen. Man hatte ihn bald hinter sich, und in manchen Gegenden wurde er sogar polizeilich davongejagt. Der stumme Lärm aber besitzt die Zähigkeit und Erfindungsgabe alles zielbewußten Gesindels und legte sich endlich da auf die Lauer, wo man ihm mit dem besten Willen nicht mehr entgehen konnte. Die einzige Möglichkeit für viele Menschen unserer hastigen Zeit, die Welt außerhalb des Steinmeeres der Städte zu sehen, ist da? Eisenbahnfahren. Besonders im Frühling, wo die Augen durch den farblosen Winter hungrig geworden sind nach tröstendem Grün und freudigem Rot und prunkendem Gelb, ist es ein billiger und reicher Genuß, behaglich in der Ecke eines Eisenbahnwagens sitzend, durch die großen Fenster die wechselnde Landschaft mit den er- wachende» Wäldern und Feldern an sich vorüberziehen zu lassen. Die Menschen der Städte, die nicht gerade abgebrüht sind durch vieles Reisen müssen, bekommen im Eisenbahnwagen viel ruhigere und frohere Gesichter, ohne daß sie sich der Ursache bewußt sirtd. Sie sehen wieder einmal der Natur in die Augen und ihre Augen beginnen wieder zu leuchten. So fuhr ich dieser Tage auf einer der schönsten Eisenbahnstrecken Deutschlands, von Basel land- abwärts. Links lag die Rhcinebene, rechts stiegen die wechselvollen Züge des Schwarzwalds auf. Es war Abend und die Sonne ging hinter dem Kaiserstuhl unter; aber wenn die Linien des kleinen Gebirgsstocks sich abwärts senkten, ging der rotglühende Ball für die im Zug Sitzenden wieder auf. Eine wahre Feierstimmung be- mächtigte sich der im Coupe zusammensitzenden Reisenden. Aber so schnell raste der Zug nicht, daß nicht ein mehrere Meter langes und hohes Brettergestell uns in großer Schrift den Namen i.Jas- matzi" hätte an den Kopf werfen können. Es war etwa so, wie wenn in einem Symphoniekonzert während einiger großer feier- licher Takte plötzlich ein Betrunkener laut gejohlt hätte. Und alle paar Minuten grinste wieder dieses ekelhafte Wort„Jasmatzi", das mich, ich weiß nicht warum, an einen schlecht riechenden tür- tischen Feldwebel erinnert, zum Fenster herein. Brutal stand das riesige Gestell mit der aufdringlichen Zigarettenrcklame dicht an der Bahnlinie auf Wiesen, die mit gelben Frühlingsblumen über- säet waren, oder auf braunen Feldern, aus denen das erste Grün der Spätsaat sproßte. Ob man wollte oder nicht, man mußte es sich gefallen lassen, zu erfahren, daß Jasmatzi mehrere Sorten von hochfeinen Zigaretten hat,„Unsere Marine" zu 2 Pf.,„Elmas" zu 4 und 5 Pf. Und je nach der Preislage glotzte in UeberlebenSgröge ausgeschnitten der Oberkörper entweder eines Matrosen oder Rekruten oder eine? Sportgigerls oder Kavaliers über das dreiste Reklamebrett, und dahinter ging die ewige Sonne unter, davor ästen Rehe, die sich auf den Abend aus dem Wald herausgetraut hatten. Aber Jasmatzi ist nicht der einzige Reklamewegelagerer, de« uns auf dem Wege auflauert. Da schreit das„Kunerol" hrcein, es sei das beste Speisefett der Welt; der„Champagner Mercier" versucht uns durch riesige Flaschen das Maul wässrig zu machen, ein halbes Dutzend Kakaos und Schokoladen wollen uns das Leben versüßen, und nur im Interesse der Gesundheit unserer Kinder piepst„Hohenlohe", das beste Hafermehl zu besitzen. Die zwei fast haushohen Flaschen Markgräfler, die der Herr Reichstagsabgcord- nete Blankenhorn bei Müllheim vor dem Zug aufgestellt hat, sind Kinderspiele gegen diesen stummen Krakeel. Wenn wie dort im Markgräslerland ein so bitterer Kelch nur einmal kredenzt wird, kann man es sich zur Not gefallen lassen. Es geht vorbei. Aber „Jasmatzi", die„Osramlampe", das„Neue Auerlicht" und ähn- liche Ruhestörer längs der Bahnlinie können uns das Vergnügen, die Welt noch einmal unberührt in ihrem einfachen Glanz zw sehen, für immer verekeln. So wie auf dieser Strecke liegen die Dinge auf allen großen Eisenbahnlinien Deutschlands. Ob man von München nach Dresden fährt, oder von Frankfurt nach Leipzig, oder von Berlin nach Hamburg, überall liegen diese Schreier aus Brettern und Oelfarbe neben der Strecke, brüllen uns die wunderbaren Worte des neuesten Reklamedeutsch entgegen und vcrklexen mit häßlichen Flecken die Vordergründe der Landschaft. Mit einer Intelligenz, die einer besseren Sache würdig wäre, versuchen sie durch allerhand Tricks die Aufmerksamkeit zu erregen, vor allem durch Mitteilung der Kilometerzahl, die die Entfernung nach den großen End- stationen der Strecke beträgt. So verkeltern sie noch Wissenschaft- liches Interesse in ihren Reklamemost, und von Zeit zu Zeit teilt eine ganz große Tafel mit, welches Institut in Berlin diese Kilometerreklame vermittelt. Und alles dies nur Anfang. Wenn die Regierungen nicht energisch einschreiten, dann werden wir in wenigen Jahren nicht mehr anders Eisenbahn fahren können als zwischen Alleen von dröhnenden und marktschreierischen Reklamen, und das Eisenbahn- fahren wird zu einer Qual werden. Der einzelne aber hat vorerst nur eine Art der Selbsthilfe gegen die Aufdringlichkeit dieser raffi- nierten Ruhestörung. Ich hatte einen Freund, der ein Dichter und ein armer Teufel war. Die Frauen seiner Bekannten brachten ihm oft in der schonendsten Form freundlicher Geschenke das nötigste für des Leibes Atzung. Einmal bekam er auch einige Pakete Leib- niz-Biskuits. Er nahm sie nicht. Warum? Die Berliner nächt» liche Lichtreklame hatte ihm in grellen Feuerzeichen das Wort so oft in seine kranken empfindlichen Augen geworfen, daß er die ein- zige Rache übte, die er üben konnte. Er wurde Nichtkonsument von Leibniz-Biskuits. Gehet hin und tuet desgleichen mit Jasmatzi, der Osramlampe und dem besten Speisefett der Welt. Die Regierungen aber mögen beizeiten zusehen, wie sie da in größerem Stil abhelfen. Ein joder fidele Kumpan, der etwas über den Durst getninien hat und auf offener Straße Harmonika bläst oder laut singt, fällt dem nächsten Polizisten zum Opfer wegen Ruhestörung. Es ist aber nicht einzusehen, warum diese neueste organisierte stumme Ruhestörung, die das Behagen und die Freude der Augen nicht aufkommen laßt, nicht ebenso behandelt werden soll. Denn es ist grober Unfug in dreistester Form. _ Anton F e n d r i ch. Kleines feullleton Eine Bergarbeiter-Revolte während der französischen Revolution. Wie überraschend schnell die bürgerliche Revolution auch das prole» tarische Bewußtsein zur Reife brachte, zeigt die Geschichte der Berg« arbeiter-Erhebung von Littry im Jahre 1?ö2, über die der„Temps" nach einer auf Grund bisher unverwerteter Dokumente von Gaston Lavalley verfaßten Schrift interessante Mitteilungen macht. Im Mai 1792 wurde ein junger Bergarbeiter der Grube von Littry.«m Departement Calvados, der während seiner Arbeit auf einem Felde einige Tauben geschossen hatte, vom Feldhüter der Madame de Montfiqnet, der Schloßherrin von Rubercy. der die Tauben ge- hörten, durch einen Flintenschuß niedergestreckt. Als die Gendarmerie, die zur Untersuchung des Falles ins Dorf gekommen war. wieder abzog, ohne den feigen Mörder zu behelligen, stellten die Kameraden deS Getöteten selbst eine Untersuchung an. bei der sie feststellten, daß, die edle Dame dem wohlgeplanten Mord aus dem Fenster zugesehen und dem Mörder hernach das für die Unschädlichmachung von Wild- schützen zugesagte Schubgeld von 100 Talern ausgezahlt hatte. Die Bergarbeiter beschlossen daraufhin, der lahmen Justiz zu Hilfe zu kommen und selbst Sühne für dir Untat zu erlangen. Am 10. Mai traten sie in den Streik und zogen ins- gesamt. 300 an der Zahl, vor da« Schloß von Rubercy. Die Schloßherrin hatte das Weite gesucht. Die Bergleute beschlossen nun, daß das HauS sür die Herrin zahlen solle Da man ihnen gesagt hatte, daß die Möbel'ücht der Madame de Moni- fiquet gehörten, trugen sie fie mit großer Vorsicht auf einen ab- gelegenen Platz. Dann ließen sie vom Bürgermeister konstatteren. daß daS Haus leer sei und steckten es in Brand. Zugleich richteten fie unter den Hühnern. Tauben und Karinchcn der Aristokratin em Blutbad an, und zerstörten den Garten, sc daß bald von der feudalen 812 Herrlichkeit nichts mehr übrig blieb als rauchende Ruine«. Hierauf gogen sie nach Mandeville. einem anderen ScdloK der Madame de Montsiquet. Hier trat ihnen der Hofmeister des Fräuleins de Montsiquet, ein glatter Abbä. mit einer wohlgescyten Rede entgegen, worin er ihnen vorhielt, daß sie als brave Leute dock nicht, um i(re einzige, vielleicht gar nickt schuldige Person zu bestrafen, das ganze Dorf in FeuerSgefahr dringen sollten. Die Streikenden ließen daS Argument gelten und antworteten dem Pfaffen sehr höflick, daß er sie überzeugt hätte. Sie hätten sich enricklossen, das Sckloß nicht anzuzünden, sondern — zu demolieren, bis kein Stein auf dem anderen bleibe. Gesagt, getan. In weniger als drei Stunden einer in vollkommener Ruhe, mit Disziplin und professioneller Sachkundigkeil ausgeführten Spatenardeit war daS Schloß rasiert. Dann entschuldigten sich die Streikenden wegen der Ungelegenheit, grüßten und zogen ab, ohne den zwölf Stückfäffern Most, die sie aus dem Keller gezogen hatten. auch nur eine Kanne abgezapft zu haben. Einer unter ihnen aber, der ein Taschentuch aus die Seite gebracht hatte, mußte es sich gefallen lassen, daß man ihm nach einer energischen Strafpredigt ein Ohr abschnitt. An demselben Tag mußte noch ein drittes Schloß der Madame de Montsiquet daran glauben. Vor seiner Ricderlegung aber wohnten die Streikenden dem Leichenbegängnis des ermordeten Kameraden bei. Sie ließen in der Folge, mitten in der Schreckenszeit, auch 30 Messen für sein Seelenheil lesen, was übrigens, da der Artikel sehr tief im Kurse stand, nicht mehr als t8 LivreS kostete.— Am Morgen nach der Sühneexpedition nahmen die Bergleute pünktlich die Arbeit wieder auf. Da die Besitzenden der Gegend Angst vor weiteren Gewalttaten hatten, er- klärten sie, daß man von ihnen nickt weiter hören werde, da nun Gerechtigkeit geschehen sei. Und als ein Lump unter ihnen die Furcht der Aristokraien zu einer Erpressung an einer anderen Schloß befitzerin ausgebeutet hatte, schleppten sie den Schuldigen ins Schloß und zwangen ihn, auf den Kuieu um Verzeihung zu bitten. Dann verjagten sie ihn von der Grube und erklärten dem Direktor, seine Wiedereinstellung mit dem Streik beantworten zu wollen.— Eine gegen sie eingeleitete Untersuchung wurde bald eingestellt und von allen Seiten wurden ihnen Synipalhien kundgegeben. Madame de Montsiquet aber traute sich erst nach 17 Jahren, unter dem Schutze der kaiserlichen Polizei ins Land. Kirnst. Schweizer Graphik.(In der Bibliothek des Aunfd gewerbemuseumS, wochentags von 10—10, unentgeltlich.) ES wäre übertrieben, zu sagen, daß diese Schweizer Graphiker sich bemerkbar aus dem europäischen Niveau sonderten. Gute Europäer, nicht mehr »ind nicht wemger; nur daß hier und da die Naiurvorlage, das Motiv, an die Alpen mahnt, an die Armbrustschützen und an die Kühe auf den grünen Matten. Immerhin, die gezeigten Arbeiten verdienen einiges Jntereffe: sie gewönnen es in höherem Maße, wenn die Auswahl noch sorgfältiger getroffen wäre. Doch bleibt noch genug des Erfreulichen. Ein famoser Plakatier sPlakatkünstler zu sagen, wäre um einen Ton zu schwer), ist Plinio Eolomdi', er läßt die Farben aufblitzen und kreisen, er arrangiert mit flotten Fingern einige Blumenkroiien, reduziert sie auf ein Schema und gewinnt so eine amüsante Affiche.(Etwas, wa» auf kurze Zeit an die Mauer geheftet werden soll,) Merkwürdigerl weise versagt dieser Colombi vollständig, wenn er an die Landschaft gerät! er sollte daS also bleiben lasten. Gute Plakate macht auch Rudolf Dürrioang: ein knieender. gelber Schütze hat starke Fernwirkung. Das gleiche gilt von einem Turner, der mit roter Fahne auf gelbem Grund steht i Eduard Stiefel hat ihn in großen Flächen gestattet. Bon den Lithographien, die als Wandschmuck diene» möchten, will ein Stein- orbeiter von Eduard Boß angeschaut sei»! frisch empfunden und rnutig durchgeführt wurde die Szene aus Grün und Rot aufgebaut. Ein wenig konventioneller ist Beat Wieland, auch sentimental! er liebt das Lyrische, etwas wie.Letzte? Leuchten". Stark und mächtig wirkt, selbst in so kleinem Format Ferdinand Hobler: wir sehen vier zwei verschiedene Fastungen des bekannten Rückzuges von Marignano. Das bei Teubner erschienene Blatt mit der blauen Fahne und den hellgelben Wamsen ist das bester«. Interessante Holz» schnitte zeigt Oskar Tröndle: er hat nicht ohne Erfolg die japanischen Naturdokumente studiert. Co kann er jetzt eine Fuchstenblüie auf eine äußerst schlichte und doch sinnlich wahre, auch linear klingende Formel bringen. Die Radierungen von Albert Welti find zum größten Teil recht problematisch und ohne literarische Erläuterung kaum zu verstehen. Man sollte aber mit der Radiernadel nur daS formen, ivas sich eben durch den Griffel und allein durch ihn ver- rnitteln läßt. Ebensowenig wie ein guter Roman der Illustrationen bedarf, ebensowenig darf eine Radierung nach dem Worte verlangen. L. Er. Schach. llitiet Leitung von S. Alapin. Der russische Meister Snoöko-BorowSki hat linkängst eine beachtenswerte Monographie über eine wesentliche Variante deS bei Amatenr-Spielern sehr beliebten.M u z i o g a m b i t s" herausgegeben. AuS dieser Broschüre entnehmen wir die nachstehende Korrespondenzpartie zur Beleuchtung der höchst iitteressanten Er öffnung. Vergeblich würbe man übrigens in der modemen Meister» Praxis eine entsprechende Illustration suchen. Denn die modernen Meisler vermeiden meistens das kombinationsreiche Gebiet des Königsgambits und verlegen sich vielmehr auf daS sogenannte „PositionS spiel". Da mit dem Gegensatz vom.KombtnationSspiel" zum .Positionsspiel' in der modernen Schachpreffe sehr häufig manipuliert wird, eine genaue Definition dieser Kimstausdrücke jedoch fast nirgends zu finden ist, wollen wir unsere Leser hierüber in mög- lichster Kürze aufklären. Im allgemeinen decken sich die Begriffe Denken und„Kam» binieren" fast völlig. In diesem allzrneinen Sinne wäre also das.Kombinationsspiel" die Grundform oer schachlichen Methodik, weil sich jeder schachliche Jdcengang lediglich nur auZ Schach. kombinalionen zusammenstellt..Kombination" ist eben alles l Der wesentlichste Inhalt des Begriffes.Kombination" besteht im Schach in einer Feststellung binnen einer gewissen s ch a ch l i ch e n Zeit(Tempi oder Zugreihensolge), eines gewissen BerHältnisteZ zwischen Material(Steine) und Terrain(Brett), meistens in Form von Beherrschung des Terrains durch das Material, Ist— wie meistens— die Kombination oder die schachliche Zeit, auf die sie sich erstreckt, mehrzügig, so gestaltet sich da? erwähnte Ver» hältnis zwüchen Material und Terrain zu einer variable« Größe, weil mit jedem Zuge eines Steines die Beherrschung gewisser Felder preisgegeben und die anderer Felder erreicht wird. Hierdurch entstehen sowohl im Verlauf der belreffendeu Kombination als nach deren Abschluß fortwährend Licht- und Schattenseiten (Stärken und Schwächen) in bezug auf Beherrschung des Terrains durch das Material. Vorausgesetzt, daß die betreffende Kombination zu keinem erzwungenen Matt führt, ist also immer noch daZ Fazit der Kombination zu ziehen, d. h. zu erwägen, ob deren er» zwungenerweise erreichten Zwecke die inzwischen eventuell eingetretenen Schattenseiten mindestens aufwiegen oder nicht. Es gibt nämlich„Phrrhnssiege"!... Um derartige.PyrrhuS-Schlachten" zu gewinnen, ist nur gute Taktik erforderlich während der Schlacht selbii! um aber auf solche„Danaergeschenke" klüglich zu verzichten, eventuell sie gar dem Gegner als Köder preiszugeben, dazu gehört die höhere Einficht der Strategie!... Die.Strategie der Schachschlachten", also die kühle und vorsichtige Ab» schätzung des SchlußwerteS einzelner Kombinaiionen in bezug auf den Gesamtziveck der jeweiligen Position nennt man.PositionSspicl". Hingegen pflegt man als.Kombinationsspiel im engeren Sinne" ein temperamentvolles Streben nach siegreichen Einzelgefechten ohne sonderliche Rücksicht auf das Gesamtresultat der Partie zu bezeichnen. Man sieht hieraus, daß im großen und ganzen die Begriffe .Kombinationöspieler" und.Positionsspieler" mit den vo« .Taktiker" und.Stratege' sich annähernd decken. In der nachstehenden Partie kommen einige Illustrationen dieses JdeengcmgeS zum Vorschein. Muziogambit. Romanow MirotworSki (Kiew)(Samara) Weiß. Schwarz. 1. o2— v4 v7— e5 2. 12—14..... Das Königsgambit ist taktisch korrekt, weil Weiß bei bestem Spiel noch immer Ausgleich erzielen kann. Strategisch aber ist die Eröfs- nung nicht empschienSwert, weil 8131 dem Gegner mehr Sorgen verur- lachen kann. 2...... oSXttl ES ist strategisch am sichersten. wenigsten» einen Bauer zu erobern, da die Ablehnung des Gambit» wenig Hoffnung aus die Behauptung d«S Zentrums übrig läßt, z B. 2.... EcS: So3, Skö; 4. Sa4, 8Xo4: 5. v«S I. 812; 6. to, 0-0; 7. Tgl zc. 8. Sgl— 13 g7-g5 4. Iii— c4?..... Strategisch ist 4. h4 1 angezeigt. um die schwarze Bauernkette zu sprengen. 4...... g5— g4? Strategisch ganz oersehlt. Ersten» ist der Zweck, in 5. 3sS, vl»4s! ö. Kit IC. nicht eillscheideud. Zweitens aber, falls Weiß den 3 ewstebcn läßt, gewinnt er dasür doch Mwde'lenS die 2 Bauern gb und 14. Der angestrebt« materielle Gewinn von Schwarz ist also höchstens aus i'l, Bauern zu taxieren.(Weil 1 8 annähernd 3'/, Bauern wert ist.) Dieser winzige Gewiim rechtsertigt das Risiko der vernachlässigten Entwickelung nicbt. Drittens braucht Schwarz gar keine neuen Ernmgen- schaften an Material, da er mit 4..... Lg7l nebst event. h6 de« Mehrbesitz eine» Bauern behaupten kann, zumal hierdurch noch Eol wei entlich in seiner ErilwickeliMgS» freibeit beschränkt bleibt. Durch den Terlzng wird der Parti« ein rein taktischer Charakter ausgeprägt. 6. 0—0 1.... Hiervon der Name der Eröffnung. 6...... giXtB 6. DdlX£3 l>d8— 18 7. e4— eö! VISXsS 8. 62—63 168— siS 9. SM— c3 Sg8—®7 10. Lol— 62 Sb8— 06 11. Tal— ol Do5— 15 12. Sc3— 65 KeS-dS 13. D13— c2 II..... Dieser Zug ist eine wichtige Ber- ftärtung des Angriff» und führt wahrscheinlich aus die Dauer»um Sieg. 13...... b7— b5 Bon Mapin herrührend. Oder 13.... 8X65; 14. LXd5, DXdö? 15. LcS ic. 14. Sd5Xe7| 15. Tkl— 12 I 18. 162—<-3 17. LcSXWJ 18, c2Xd3 Etwa» besser 13. 168 ic. 19. Lh8— 16 20. De2— g4 Droht Dg8. 20...... 21. Dg4-h4 63—64 nebst T13— e2 entscheidet. DI5— c5f Sc6Xo7 b5Xc4 «4X63 LcS— b7? . Laß; 19. 166, IM— 18 c7— c8 Rufgegebeid Keraniwortl. Nedalteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Perlag! LorwärtsBuchdcuckerei u.VerlagsanjtaltPauISingeräiEo., Berlin!»»�