Mnterhallungsblatl des vorwärts Nr. 84. Mittwoch, den 3. Mai. 1914 �Nachdruck verdolen.) l9] Das Sememäekmä. Erzählung v. Marie v. E b n e r- E s ch e n b a iH. Er begann sogleich seines Amtes zu walten und die Vorerhebungen einzuleiten. Der ganze Mann war nur eine Drohung, wenn er das Wort an den Angeklagten richtete, und doch fühlte sich dieser seit der Anwesenheit des Gendarmen ruhiger und sicherer: er glaubte, einen Stein im Brett bei Kohautek zu haben, seitdem er einmal wegen eines Geflügel- diebstahls von ihm verdächtigt und später unschuldig be- funden worden. Der Gendarm stellte an Pavel ungefähr dieselben Fragen, die man schon an ihn gestellt hatte, er- hielt dieselben Antworten und gelangte endlich auch zu dem dunklen Punkt in der Sache, zu der Provenienz des corpus clelieü, des Flascherls. Ueber die Provenienz dieses corpus, dieses Flascherls, mußte der Bub eine Aussage machen, er mußte! Kohautek vermaß sich, ihn gleich dazu zu bringen, fragte, erinunterte, warnte vor der Gefahr, in die Pavel sich durch sein eigensinniges SdMeigen versetzte. Alles umsonst. Der Bub blinzelte ihm fast vertraulich zu und blieb taub für seine Ermahnungen wie für die des Geistlichen und für das flehende Beschwören Habrechts, blieb unempfindlich für die Beschimpfungen Peters und seiner Gesinnungsgenossen. Zuletzt verstummte er völlig, und die Bauern sahen darin den deutlichsten Beweis seines Schuldbewußtseins. Peter spie vor ihm aus: „Er geht ins Kriminal! Er hat meinen Vater vergiftet." „Mit Kamillengeist," sagte der Doktor, nahm das Fläsch- chen aus seiner Tasche und hielt es dem Besonnensten aus der Gesellschaft, dem Schmied Anton, unter die Nase: Der roch daran, zog die Achseln in die Höhe und sprach: «Ja, ja— nach Kamillen riechts— aber,. „Nun?— Aber?" „Aber was es ist, weiß man nicht." Der Lehrer, an dem alles bebte, und der fortwährend vor sich hinmurmelte:„Verniinftig, vernünftig, haltet Ruhe, meine Nerven," versetzte nun:„Was meint Ihr, Ihr Leute, wenn das Gift wäre, würde ich davon trinken? Seht her, ich trinke!" Er erbat sich das Fläschcheni vom Doktor und tat einen Schluck daraus:„Nun seht, ich habe getrunken und be- finde mich wohl und werde mich morgen auch noch wohl be- finden." Ein wenig stutzten die Bauern, sahen den Schulmeister scheel an, traten näher zusammen und wisperten miteinander. „Was meint Ihr? was sagt Ihr?" fragte Habrecht. Barosch seufzte, schüttelte den Kopf, verzog den breiten schmunzelnden Mund:„Ja." brachte er endlich hervor,„ja, vaS ist keine Kunst— jetzt ist freilich nichts Giftiges mehr drin." „Wie so? es ist dasselbe Fläschchen, und was früher drin war, ist noch drin, das heißt ein bißchen weniger." „Ja, das Giftige, das war schon weggetrunken, das hat der Bürgermeister beim ersten Zug bekommen... Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben." „Schwimmt oben!" wetterte Peter, und der Schullehrer sprang mehrmals empor vor Zorn und Entrüstung. „Sie hören, Sie hören!" rief er dem Pfarrer zu. Der Geistliche behielt immer seine leidende Miene und seinen Gleichmut und erwiderte die Anrufung Habrechts nur mit einer bedauernden Gebärde. Der Gendarm stand unbeweglich und strahlte knirschend Hitze aus: der Doktor hingegen verlor die Geduld. Er, dem man nachsagte, daß er mit seinen Worten so sparsam sei, als ob ihn jedes einen Guldenzettel koste, brach in eine Rede aus: „O, Du nie überwundene, ewig triumphierende Dumm- Ijeit!... Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben. Da haben wirs, da wissen wirs, bleiben wir nur gleich dabei, eines besseren überzeugen kann uns ohnehin keine Macht der Welt. Und tvenn der Allweise selbst vom Himmel herunter- stiege und sich aufs Beweisen und Widerlegen einlassen wollte, er hätte den Weg umsonst gemacht." Die Bauern hörten diese Anklage an, ohne recht zu wissen, was sie daraus machen sollten: aber mit steigendem Ent- zücken hatte Pavel ihr gelauscht. Der Doktor staunte über baN Verständnis, das ihm sieghaft und wonnevoll aus den fesii auf ihn gerichteten Augen des Jungen entgegenleuchtete. Dieser hatte zum ersten Mal in seinem Leben den Kopf stolzi und gerade emporgehoben, sog jedes Wort des Doktors wie eine köstliche Labe förmlich in sich hinein, und schlug, als das! letzte gesprochen war, ein wildes, herausforderndes Ge� lächter auf.■. ,4 Da brach die Empörung über ihn los. Kohautek öer- mochte im ersten Augenblick nichts zü seinem Schutze: trotz! verzweifelter Gegenwehr wurde Pavel niedergeworfen, mißhandelt, mit Füßen getreten. Der Gendarm mußte seine ganze Autorität, und Anton, der sich ihm zur Seite stellte, die ganze Kraft seiner Fäuste aufbieten, um den Jungen den> Ausbrüchen der sinnlosen Wut seiner unbefugten Richter zu entreißen. Eine rasche, kurze Beratung mit dem Geistlichen, dem Lehrer und dem Doktor, und Kohautek beschloß, Pavel mitzunehmen aufs Gericht. „Ich tus nicht," rief er,„weil ich ihn für schuldig halte k- ich tu's, weil Ihr Bestien seid, vor denen ich ihn in Sicherheit! bringen will. Spann einer ein." „Ich," schrie Peter,„ich führ ihn," und war mit einem Sprung ans dem Zimmer. Der Geistliche warf einen Blick durch das Fenstcr. Vor dem Hause hatten sich Gruppen gebildet, die dem Lärm, dep auf die Straße herunterdrang, horchten und einzelne Worte, die zu unterscheiden ihnen, möglich gewesen, in großer Allf� regung nachsprachen. Die Bewegung stieg aufs Höchste, als Peter mit seinem Wägelchen gefahren kam, und der Gendarm mit Pavel und dem Lehrer, der den Jungen auf seinem schweren Gange nicht verlassen wollte, in der Tür des Doktorhauses sichtbar wurden. Habrecht stieg zu Peter auf den vorderen Sitz, auf dem rück- wärtigen nahm der Gendarm neben dem Delinquenten Platz. Flüche, drohende Mienen und Gebärden begleiteten das davonrollende Gefährt. Peter lenkte es so langsam durchs Dorf, daß die sämtliche Straßenjugend Zeit hatte, sich ihm abzuschließen und ihm das Geleite zu geben. Sie tat es unter Jubeln und Jauchzen:„Da fahrt er," schrie eine Stimme aus der Rotte:„da fahrt er," schallte es im Chor. „Wohin fahrst?" rief ein kleiner, verwachsener Fratz, und ein bildhübsches Häuslerkind, ein blauäugiges Mädchen, eines der lustigsten in der verwegenen Bande, an deren Spitze Pavel einst auf Holzdiebstahl in den Wald gezogen war, lachte zu ihm hinauf: „Fahrst zum Vater oder zur Mütter?" Die ausgegebene Parole pfiff in unzähligen Wieder- holungen durch die Luft, immer ärger wurde das Treiben, und endlich hieb Peter auf Befehl des Gendarmen mit der Peitsche in die vor Schadenfreude und Lust am Quälen be» rauschte Schar. Sie schien sich zu verlaufen, schlug aber nur einen kürzeren Weg ein und faßte Posto hinter einer Johannesstatue, die zwischen Bäumen am Ende des Dorfes stand. Als das Wäglein dort ankam, wurde es mit lautem Halloh und einem Hagel von Erdklumpen und Steinen emp- fangen. Kohautek fluchte, Peter trieb die Pferde an, Habrecht zog den Rock über die Ohren, Pavel saß regungslos. Erst als das Gefährt auch seinen ausdauerndsten Verfolgern ent- rönnen war, bückte er sich und warf die Steine, die in den Wagen gefallen waren, ruhig hinaus: alle, bis auf den letztew, den kleinsten, den betrachtete er aufmerksam und nachdenklich und steckte ihn dann in die Tasche. „Was willst Du mit dem Steine?" fragte der Gendarm. „Wenn ich mir einmal ein Haus baue— und ich bau mir eins"— lautete die Antwort,„leg ich den Stein unter den Riegel der Tür, damit ich mich erinnern muß bei jedem Ein- und Ausgehen, wie die Leute mit mir gewesen sind." Eine Stunde später war man am Bestimmungsort an- gelangt. Der Bezirksrichter ließ Pavel vor sich führen und schien eher geneigt, an seine Schrld als an seine llnschuld zu glauben:„denn", pflegte er zu sagen,„was mich betrifft, ich denke von dem Menschen nicht das Schlechte, sondern das Allerniederträchtigstc." Die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf, die Obduktion der Leiche des Bürgermeisters wtcidtz angeordnet. In Abweseg? IjcR?es GenchtSHemlkerZ noTiin sein Siellverireier, ein feljr zuversichtlicher junger Mann, die Analysen in höchst eleganter Weise vor und konstatierte schlankweg die Anwesenheit von Gift im Magen und in den Eingeweiden des Toten. Da gab es für Pavel eine Reihe böser Tage, doch blieb er standhaft >und benahm sich vor dem offiziellen Richter genau so, wie er sich beim Verhör daheim im Dorfe benommen hatte. Seine Leiden nahmen ein Ende bei der Rückkehr des Gerichts- chemikers, der die Arbeiten seines grünen Rivalen einer Prüfung unterzog, ihre Mangelhaftigkeit dartat und im Ein- Verständnis mit dem Amtschirurgen dem Kreisphysikus un- widerleglich bewies, der Bürgermeister sei nicht an Gift, son- dern au seiner Krankheit gestorben. Fast unmittelbar darauf erfolgte Pavels Freisprechung und seine Entlassung aus der Haft. Peter, sein Hauptanklä- ger, wurde in die�Kosten verurteilt. Am letzten Sonntag, den Pavel in der llntersuchungs- Haft zubrachte, hatte Habrecht die Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Der Lehrer war tief bewegt beim Wiedersehen. „Zwei Monate im Arrest!" rief er aus,„so weit hast Tu's gebracht. Du Feind Deiner selbst. Pavel, Pavel! viel Böses haben die Msnischen Dir schon getan, aber keiner von ihnen so viel wie Du Dir selbst." Er fragte ihn, was er denke in den langen einsamen Tagen und Nächten. „Nicht viel; in der Nacht schlaf ich und bei Tag arbeit ich. sie haben mir Werkzeug geliehen," erwiderte Pavel und holte unter seinem Bett das Modell eines Hauses hervor. Sein zukünftiges Wohnhaus, das er im Kleinen äußerst genau her- gestellt, mit Fenstern und Tür und strohgedecktem Dache. Ein merkwürdiger Kontrast, der Bursche mit den grobeii�Händen und diese zierliche Arbeit. Er hatte das für seine Schwester Milada gemacht und bat Habrecht, es mitzunehmen und ihr zu schicken: bat den Lehrer auch, ihr zu schreiben, seine Schwester solle wissen, daß er unschuldig sei. Habrecht ver- sprach es zu tun, verschwieg aber, daß er zwei umfängliche Briefe an die Frau Oberin gerichtet hatte, in denen die Sach- läge gewissenhaft und mit ehrlicher Breite dargelegt wurde, und Pavel so rein erschien wie ein Osterlämmchen aus Zucker. Beide Sendschreiben waren in Form und Inhalt Muster von jener Höflichkeit, die sich nie genug tut, weil sie einem unstill- baren Herzensbedürfnisse entspringt. Leider jedoch hatte sie zur Nachahmung nicht angespornt: Habrechts Briefe waren unbcanüvortet geblieben. Es war gegen Ende Januar, der Tag mild, der Schnee begann zu schmelzen, schmale, braune Bäche flössen die Ab- hänge herab. Trübselig schielte die Sonne durchs tveißlick)« Gewölk, die entlaubten Bäume an der Straße warfen bleiche Schatten auf den sumpfartig schimmernden Feldweg, an dessen Rand Pavel dem Dorfe zuschritt. In seiner Haft hatte er oft gemeint, wenn er nur wieder ins Freie kommt, an die Luft, chenn er sich nur wieder regen darf, dann wird alles gut. Nun war er frei, wanderte heim, aber gut wollte es nicht werden. So öde, so kahl, so freudlos wie die Landschaft in ihrer winterlichen Armut, lag die Zu- liinftjvor ihm. Sein erster Gang im Orte war der zur Hütte des Hirten. Von dem Herd im Flur hatte man den iforam, der ihn früher bedeckte, abgeräumt. Vinska kniete am Boden und schürte das Jeuer, das hell und lustig brannte. Schweigend, ohne sie an- zusehen, schritt Pavel an ihr vorbei, geraden Weges in die Stube. Virgil und sein Weib schrieen auf, als er vor ihnen erschien: die Alte bedeckte ihr Gesicht mit der Schürze, der Greis hielt dem Eintretenden, wie ein Beschwörer dem Satan, den Rosenkranz entgegen und zitterte dabei am ganzen Leibe; Pavel aber kreuzte die Arme und sprach: „Spitzbub, Spitzbübin, ich bin wieder da, und eine Schrift darüber, daß mir das Gericht nichts tun darf, Hab ich in der Tasche. Daß Ihr mich jetzt in Ruh beim Lehrer laßt, das rat ich Euch, sonst gehts Euch schlecht. Angewachsen ist mir die Zunge nicht. Das Hab ich Euch sagen wollen," schloß xr, wendete sich und ging. Sie blickten ihm betroffen nach. Der hatte sich verändert Tu der: zwei Monaten!... Als ein Bub war er fortgegangen, vls ein Bursche kam er heim; gewachsen war xr und dabei Vicht schmäler geworden. ZFortsehung folgt.Z :(?!achdruck terrcittl-Z Ver Scbut�patron. Ein Scherzo von S. B r u n o K a n z k e« Sonnenheiß wand sich der schmale, graue Weg von Napalls nach Albino empor, an verkrüppelten Oelbäumen vorbei, an breiten Kastanien und buschigem Lorbeer. In blendender Bläue spannio sich der Himmel über der Erde aus, und das brennende Licht dev Sonne ergoß sich über das schweigende Land, sog alle Wäsierlein auf wie ein trockener Schwamm, glühte auf den Straßen und! Wegen, kochte die Weinbeeren und reifte wie im Treibhaus Zitrona und Orange. Still und verödet war der Weg. Jetzt erhob sich dort, wo er dis erste Beuge machte, eine Wolke von feinem Staub, und diese Wolke wuchs, d.ehnte sich und ward zu einer grauen Schlange, die langsam den Weg nach Albino heraufkroch. Unter dem breiten Schattendachi einer Kastanie schwand die Schlange, und aus dem letzten Staub- Wirbel streckten sich unter das Blättcrgrün zwei Männer und cin Hund, ein kleiner schwarzer Pudel, in deffen kurzes, krauses Haav die Staubkörnchcn sich so dicht gesetzt hatten, als sei auf ihm ein Mehlsack ausgeklopft worden. Die Männer räkelten sich in den tiefsten Schatten hinein, der Pudel legte den Kopf auf die Pfoten, schloß die trüben, braunen Augen, die die verstaubten Haarzoticln fast verdeckten, streckte die Zunge durch die Zähne und siel in Schlaf« „Ein kluges Vieh, der Mummo! Schläft!" sagte Frizzi« Nuto nickte. „Schlafen ist jetzt das beste," Frizzi legte die Hand unter den Kopf.„Wenn nur die verfluchte Hitze nicht wäre! Hast Du noch! was zum Trinken?" Nuto reichte ihm die kleine Korbflasche. Behaglich setzte sie Frizzi an den Mund und ließ den roten Landwcin glucksend den Hals hinab laufen. Er hätte nicht eher ein Ende gefunden, als bis er den letzten Tropfen genossen, doch Nuto riß ihm die Flasche von den Lippen:„Halbpart heißt's, und ich bin auch noch da." Er trank den Rest. Frizzi lachte:„Halbpart! Schöner Halbpart, wenn nichts zu teilen ist. Die Hunde!" Er drohte mit der Faust nach Rapallo« „Weggejagt mit Schlägen haben sie uns! Die Pest über sie!" „Frizzi!" sagte Nuto vorwurfsvoll und bekreuzigte sich, doch! Frizzi schrie noch einmal:„Tie Pest über sie!" Tann fragte er grollend, und sein feistes Gesicht rötete sich vor Zorn:„Kann man sich jetzt ehrlich durch Betteln nähren, Nuto? Ucberall nur Schimpf, Spott, Schläge statt Quattrini. Ich das ein Leben? Hat die Pest ihre Herzen weicher gemacht?..Gott soll sie strafen!" Er schüttelte seine dicke Faust. „Das Fluchen hilft nichts!" sagte Nuto. „Natürlich hilft's nichts, aber das Herz macht's frei wie Asti und Verdiso." Er schnalzte.„Wer jetzt ein Fiasko Asti hätte!" „Wenn wir überhaupt nur Wein hätten!." sagte Nuto und! klopfte auf die leere Korbflasche. „Die Zeiten werden immer schlechter und die Herzen immer härter, trotz der Pest, die Gott als Strafe der Sünder gesandt hat. Zwei Quattrini in ganz Rapallo!" Frizzi grub zwei abgegriffene Münzen aus der Tasche und warf sie in den Sand.„Den einen aus gutem Herzen, den anderen als Lohn für ein Mittel gegen Glied- reißen— das nichts hilft." Er zuckte die Achseln.„Wir zwei zu- sammen haben kein Glück, wolle» uns trennen, Nuto, und in vier Tagen treffen wir uns und teilen. Halbpart, hörst Tu?. Und! ehrlich!" Nuto nickte und strich dem schlafenden Pudel über den Rücken« „Wieviel Quattrini hast Tu?" fragte Frizzi. Nuto warf drei zu denen Frizzis.„Sind das alle?" sagte Frizzi lauernd. „Alle aus Rapallo." erklärte Nuto.„Und sonst?" Frizzi setzte sich aufrecht und streckte seine Hand gierig Nuto entgegen. Den nestelte ein Bcutclchcn unter dem faltigen Rock hervor:„Das gehört mir!"' Frizzi riß ihm das Beutclchcn weg:„Halbpart!" schrie er, so daß der Hund schlaftrunken die Augen öffnete. Nuto griff mit beiden Händen nach der festgeschlossenen Faust Frizzis und preßte sie. Frizzi ließ das Beutelchen fallen und rieb sich fluchend das Handgelenk:„Betrüger!'s ist kein Verlaß auf die Menschen!" Nuto nahm aus dem Beutel einen Silbcrling und Kielt ihn bor Frizzis Augen:„Ehrlich verdient ist er!" Frizzi lachte höhnisch. „Die Magnificenz Lorenzos gab ihn mir in Careggi, als ich seinem Lieblingsrappcn Morcllo den wunden Knöchel geheilt hatte," fuhr Nuto fort. Aus Frizzis feistem Gauncrgcsicht sahen die kleinen Augen voll begehrlicher Andacht auf den Silbcrling:„Er selbst? Der Große?" Nuto nickte.„Der Filz!" sagte Frizzi und spuckte in den Sand:„Einen Silberling nur!" „Ein Goldguldcn war's, von dem ist aber nur der Silbcrling übrig!" „Wirf ihn zu den Quattrini!" schmeichelte Frizzi. „Nein. Ich halte ihn fest. Den letzten halte ich fest zum An» denken an ihn, an den großen Lorenzo," sagte Nuto und neigte den Kopf tief, als stände er vor dem Medicäer. Er ließ den Silberling wieder unter dem Rock verschwinden.„Der bringt mir Glück. Den gebe ich nicht her. Nimm Du drei Quattrini, ich nehme die zwei, Das ist doch gut Halbpart für Dich." Frizzi steckte drei Quattrini zu sich, Nuto nahm die Heiden «mUefc« UnS krhoV PH.»Also Du gehst Lorl hinüber?.' fragle Lrizzi. „Zuerst nach Fiumalbo, dann nach Maaliasina und Bentivcgno.' »Ich ziehe nach Albino, Piteccio und Vezzio, und in vier Tagen iin ich in Bentibegno.— Wirf doch den Silberling zu den Luattrinil" bat Frizzi noch einmal. Nuto nickte ihm zu, ohne ihn« Antwort zu geben, pfiff dem Bunde und ging davon. Frizzi sah ihm nach, drohte mit seiner dicken Faust, als Nuto hinter einem Oelbaum verschwunden war: «Den Silberling vergesse ich Dir nicht!" und grinste:„Du Narr, ich hätte nur zwei Ouattrini in Rapallo gefangen? Fünf sind's gewesen." Faul streckte er sich wieder in den Schatten.„Lauf Du nur hin und bettle Ouattrini. Wir wollen sie schon teilen." Nuto trottete langsam den Weg hinauf, sah die weißen und roten Häuschen Albinos durch das Baumgrün schimmern und ging am Dorf vorbei. An der Wegkreuzung blieb er stehen. Da ging's hinab nach Fiumalbo, da hinauf nach Magliasina, dort hinunter nach Bentivcgno. Mummo setzte sich und wartete geduldig, welchen Weg sein Herr wählte. Nuto erwog:„Bis Fiumalbo find's vier Miglien, bis Benti- Legno drei, bis Magliasina fast fünf. In Fiumalbo ist die Pest, in Bentivcgno war sie. Bis Magliasina ist's so weit. Weis' Du mich zvrechtl" Nuto nahm den Silberling:„Wappen bedeutet Benti- vegno." Er warf die Münze: Die Kugeln der Medici lagen oben. Nuto wischte den Staub von dem Silberling, knotete das Beutelchen über ihm zu und ging hinunter nach Bentivcgno. Obwohl er sich im kargen Schatten der Oelbäume und Maul- keerbäume hielt, stach ihn die Sonne wie mit heißen Nadeln, und feine Tropfen bildeten sich auf seiner Stirn und glitten über sein hageres, braunes Gesicht. Jetzt breiteten sich Weingärten zu beiden Seiten des Weges aus. Die roten und grünen Beerentrauben sahen feist und strotzend von Saft unter dem Reblaub und Gerank hin- durch. Nuto plagte der Durst, er bog vom Wege ab, kletterte über die niedrige Einzäunung und pflückte ein paar Hände voll Trauben. Mummo hielt Wache am Zaun. Die süßen Früchte halfen nicht viel gegen den Durst. Wasser gab's nicht ringsum. Nuto mußte sich bis Bentivcgno gedulden. Er machte große Schritte, so daß sein schäbiger Rock sich bauschte. So hastig ging er, daß er nicht ein Loch im Boden sah. Er stürzte und stieß sich das linke Knie an einem Stein. Fluchend stand er auf, riß ein paar Grasbüschel aus, legte sie auf die abgeschürfte Stelle zur Kühlung, band einen Lappen darüber und ging langsam weiter. Bald mußte er sich ruhen, das Knie schmerzte, doch im Sonnenbrand konnte er nicht liegen bleiben. Weit konnte es auch nicht mehr bis Bentivcgno sein. Er brach sich einen Rebcnstock, kürzte ihn und schlich an ihm dahin. Jetzt sah er das Städtchen, verstreute weiße kleine Häuschen, schmale Gassen, enge Straßen, die graue Kirche, unweit von ihr das Dominikanerkloster und von einem festen Gemäuer umschlossen.Garten und Kloster der Fran- ziskaner. „Wie wird's mir dort unten ergehen? Werden sie mich heraus- schlagen wie in Rapallo oder wird's Ouattrini geben? Wird sich der Weg lohnen, Mummo? Der Hund wedelte mit der staubigen Rute und bellte heiser.„Armer Teufel, war ein schlechter Sommer für uns. Ich will die Madonna um Gnade bitten." Als hätte der schwarze Tod ganz Bentivcgno gewürgt, so still lag das Städtchen, stumm die Gassen, schweigend im Sonnendunst die niedrigen Häuser. Wie ausgestorben waren sie und von Mensch und Tier verlassen. Tic Ruhe lähmte Nutos Schritte.„Wag ich's oder nicht?" fragte er sich.„Du hast mich hergewiesen." � Er klopfte auf den Silberling und schlich weiter. An den letzten Häuschen vorbei drückte er sich durch tote Gassen an die Kirche heran, warf noch einen for- schenken Blick ringsum, drückte die Tür auf und schlüpfte hinein. Mummo drängte ihm nach; Nuto packte ihn. öffnete die Tür wieder ein wenig, schob den Pudel durch den Spalt und raunte ihm zu: „Such Dir Brot, Mummo!" Nuto schloß die Tür sacht und suchte sich abseits ein Plätzchen zum Beten und Ruhen. Voran stand eine Bank, darauf setzte er sich. Wie wohlig kühl war's hier in den grauen Wänden! Nuto vergaß ganz seinen Durst. Er lehnte den Stock an die Bank, stellte die leere Flasche neben sich und bat die Madonna um gnädigen Beistand; dann setzte er sich zurccht, er wollte nicht gleich wieder hinaus in den Sonnenbrand. In der Kirche war's ganz still. Vor dem Altar hockten drei alte Weiber, den Kopf auf die Holzbrüstung gesenkt, in Gebet vcr- junken oder in Schlaf. Wo ließ fich's auch besser als hier schlafen? Müde glitten Nutos Augen durch die Kirche, lieber dem Altar hing ein breites langes Bild, von verziertem Rahmen umschlossen. Vor ihm flammte in rotem Glase das ewige Licht. Der heilige Rochus war's, der gegen die Pest hilft. Von dunklem Grunde hob sich seine hagere Mannesgestalt ab und sein mageres Gesicht sah blaß unter den dunkeln Haaren hervor. Den Pilgerstab hielt der Heilige in der Hand. An seiner Seite kauerte ein Hund, ein Stück Brot in den Zähnen. Auf dem Beinschaden am linken Knie, den der Maler scharf markiert hatte, hafteten Nutos Augen am längsten. Hat sich auch durch sein Erdenleben quälen müssen, der heilige Rochus! dachte Nuto. Jetzt ist ihm freilich geholfen! Vom Rochusbild glitten Nutos Augen an den festen Säulen empor, die das Gewölbe trugen, zu den schmalen, bunten Fenstern, durch dje das Licht sich Bahn brach, dann sanken die Lider über seine Augen. Indes er so eine Stunde des sonnenheißen Tage's derschlieh, erwachten die Weiblein vor dem Altar aus dem Schlaf oder vom! Gebet, richteten einen dankbaren Blick auf das Rochusbild und hoben sich aus der Bank. Wie sie durchs Mittelschiff tappten und auf der Seitcnbank defl Schläfer sahen, blieben sie stehen, betrachteten ihn neugierig und steckten die Köpfe zusammen. „Der kommt von weit her, ganz bestaubt ist er!" sagte die glftl Safira. „Ein frommer Pilger ist's sicherlich," meinte die Rosana. Die Carlotta rief leise:„Einen Beinschaden hat er auch« da seht!"' i „Gerade wie der heilige Rochus sieht er aus," sagte die Sasi'rir» „So lang und mager!" Die Augen der Weiber flogen zum Heiligen-, bild.„Bloß der Hund fehlt ihm," erklärte die Rosana,„der heilig« Rochus hat immer den Hund bei sich." „Habt Ihr nicht gehört, was Fra Bartolomeo gepredigt hat?! Daß der heilige Rochus zu denen kommt, die ihn um Hilfe gegen! die Pest bitten," flüsterte die Carlotta. „Und wenn er nun nach Bentibegno gekommen wäre?" sragle die Safira.„Haben wir nicht Tag und Nacht gebetet?" „Aber der Hund fehlt ihm. Nein der heilige Rochus ist'Ä nicht," beharrte Rosana.-'- (Schluß folgt.) Die Beförderungsmittel der s)o!arexpeditionen. Die Mittel, die zur Besiegung der ungeheuren Schwierigkeileil bei Polarreisen angewandt werden, haben sich seit dem letzten Jahrzehnt wesentlich geändert. Im Nordpolargebiet sind freilich! die Eskimohunde bisher die Triebkraft geblieben, deren sich alle Reisenden, auch Peary, zur Beförderung des Proviants und andc« rer Lasten, nach Möglichkeit auch der Menschen, bedienten. Auf dem großen Feld um den Südpol aber, auf dem in den nächsten Jahren» eine neue Schlacht heißen Wettbewerbs zur Entscheidung gelangen» wird, haben die Erfahrungen der letzten großen Reisen ganz neue Motive aufgebracht. Am Vorabend der Abreise der neuen deutschen Südpolarexpcdition ist es wohl angebracht, auf diesen hoch, wichtigen Punkt der Beförderungsmittel, die für ein solches Unter« nehmen zur Verfügung stehen, einen überschauenden Blick zu» werfen. Ehe man überhaupt zur ihrer Benutzung gelangt, Handels es sich darum, zu Schiff möglichst weit gegen den Pol hin vorzu« dringen, aber doch so, daß der Rückweg nicht abgeschnitten ist. Dazu gehört selbstverständlich ein Fahrzeug von ganz besonderer Bau, art und Stärke, und wer sich dessen entsinnt, wie sorgfältig seiner, zeit Nansen den Bau seiner„Fram" vorbereitete und überwachte� hat einen Begriff davon, daß damit bereits über Erfolg und Miß, erfolg einer Polarexpedition zum guten Teil entschieoen wird. AuH Peary hatte dem Bau des Schiffes für seine letzte Expedition die schärfste Aufmerksamkeit gewidmet und hat ihm zweifellos wenigstens die Vorbereitung seines siegreichen Zuges zu vcrdankeiH gehabt._' Die Polarschiffe sind fast immer klein. Das von Peary war nur 75 Meter lang und noch nicht 10 Meter breit, übrigens als Dreimaster getakelt, aber auch mit einer Verbundmaschine mit 1400 Pferdestärken ausgerüstet. Die Schiffsschraube war so ein- gerichtet, daß zwei.ihrer Flügel abgenommen werden konnten, weil man früher die Beobachtung gemacht hatte, daß zwcislügliga Schrauben beim Vordringen im Eis bessere Dienste leisten. Der Rumpf bestand aus Eichenholz, die Rippen aus Eichen- oder hartem Fichtenholz, der Kiel war 41 Zentimeter stark, der Rumpf über der Wasserlinie mit einer besonderen Holzlage von 8 Zentimetern vcr, stärkt und außerdem noch mit Dampfkesselplatten belegt. Die be« rühmte„Discovery" der englischen Südpolarexpcdition von Kapitän Scott hatte nur eine Maschine von 450 Pferdestärken, die Schiffs- schraube war von vornherein nur zweiflüglig angenommen worden und so angebracht, daß sie mit wenigen Handhaben bis zum Deik des Schiffes hinaufgezogen werden konnte.. Ebenso konnte daS Steuerruder leicht eingezogen werden, um eS vor dem Eis zu schützen oder auch nötigenfalls durch ein neues zu ersetzen. Bei dem zweiten englischen Südpolarschiff, der„Terra Nova", hatte der Rumpf durch Einfügung von Stahlstückcn in eine außerordentlich dicke Masse von Eichenholz eine ungewöhnliche Stärke erhalten. All diese Erfahrungen sind selbstverständlich bei den Vorbereitungen der neuen Expeditionen, auch der deutschen, verwertet worden. So viel aber auch davon abhängt, bleibt doch die Leistung des Schiffs nur die Ouvertüre und der Epilog einer Polarexpedition. Was die Reisenden auf dem Polarland selbst erreichen, mußj durch andere Mittel gewonnen werden. Zum mindeste» für daS Südpolargebiet läßt sich nichts anderes erwarten. Während der: Nordpol selbst im Meer zu liegen scheint, und es daher nicht als ausgeschlossen gelten kann, daß er irgendwann einmal mit einem Schiff besucht werden k wnte, kommt ein solches Ereignis für die» Erforschung des Südpols nicht in Frage. Selbst wenn das große antarktische Festland nicht einheitlich ist, sondern durch einen Meeresarm geteilt wird, ist es doch als sicher anzunehmen, daß der Südpol selbst auf diesem Festland, und zwar in beträchtlicher Höh« über dem Meeresspiegel, gelegen ist. Da das Südpolarland uwq ütfDotjrrt ist, gibt eS bork Such keine Hunde, bke an beN Aufenthalt ffchon gewöhnt wären, und man hat sie früher weit her aus Sibirien Vder Grönland herzuschaffen müssen. Shackleton machte dann als erster den Versuch, statt dieser Vierfüßler Pferde zu verwenden, Kind zwar Ponys aus der Mandschurei, aber die von ihm ge- inrachtcn Erfahrungen sind nicht unbedingt günstig ausgefallen. Als sIdeal mußte den Polarreisenden die Möglichkeit vorschweben, sich leincs mechanischen Beförderungsmittels bedienen zu können. Ab- igesehen von der Sterblichkeit, der die Zugtiere in dem aufreibenden stiolarkliina anheimfallen, erfordern sie die Mitnahme großer Mengen von Nahrungsmitteln und tragen somit erheblich zur Ver- znchrung der Lasten bei. Räch dem ungehouren Aufschwung des Automobilismus konnte es nur eine Frage verhältnismäßig kurzer Zeit sein, daß der !5kraftwagen in irgendeiner geeigneten Form auch für Polar- Expeditionen dienstbar gemacht werden würde. Der Herstellung von Klutomobilschlitten, an die dabei zunächst gedacht worden mußte, stellten sich aber unerwartete Hindernisse entgegen. Charcot, der französische Südpolarreisende, hatte bei seinen ersten Versuchen «mit der Anwendung von Automobilschlitten keine besonders günsti- Ken Ergebnisse erzielt. Mittlerweile sind die Arbeiten in dieser Michtung unermüdlich fortgeschritten und haben nun dazu geführt. jganz neue Modelle solcher Fahrzeuge für die Polarexpedition zur Gerfügung zu stellen. Zunächst hatte man sich darüber zu ent- fchoiden, ob man sie zum Tragen der Lasten selbst oder als Zug- anittsl für gewöhnliche Schlitten benutzen wollte, und ist zu dem ZSchlutz gelangt, das zweite für das bessere zu halten. Das Auto- «mobil braucht so nicht eine zu große und schwerfällige Bauart zu «erhalten und krfnn doch einen kräftigen Motor aufnehmen. Selbst (bei hoher Steigerung der Schwierigkeiten gewährt es dann die Aussicht, wenigstens mit einigen oder schließlich nur mit einem Anhängeschlittcn bis zum gewünschten Ziel zu gelangen. Mit großer Spannung darf man den Ersahrungen entgegensehen, die mit folchen Gefährten bei den in der Ausreise begriffenen Südpolar- 'Expeditionen zutage treten werden Von diesen neuen Automobil- jschlitten, die für die neue Expedition Scott gebaut worden sind und jauch rein technisch Interesse verdienen, gibt Professor Bellet im �.Cosmos" eine eingehende Schilderung. Vorn und hinten sind an «diesem Schlitten je zwei Räder befestigt, über deren Zähne eine Rette ohne Ende eingreift und je ein Vorder- und ein Hinterrad Miteinander verbindet. Die Glieder der Kette sind mit starken Kähnen ausgestattet, die in die vereiste Oberfläche eingreifen sollen. innerhalb der Ketten befinden sich dann die eigentlichen Schlitten- Lufen, die auf dem Eis dahingleiten. Der obere Teil besteht aus einem Rahmen von Holz, der mit besonderer Rücksicht auf Elastizi- ität ausgewählt ist. Auf der Unterseite ist dieser Oberbau, der den Motor, den Sitz des Führers und den Behälter zur Speisung des Motors trägt, mit einer besonders glatten Fläche gegen Reibung «der Stöße von unten her geschützt. Der Motor entwickelt 12 Pferde- stärken und hat 4 Zylinder. Besonderer Bedacht ist natürlich darauf Kenoilimen worden, daß der flüssige Brennstoff nicht gefrieren kann. fi3ei den Versuchen, die mit solchen Schlitten in vereisten Gebieten «on Nordeuropa gemacht worden sind, hat sich ihre Gebrauchsfähig- lkeit herausgestellt, die durch die Vornahme einiger Verbesserungen «noch erhöht worden ist. Ob sie nun aber wirklich den Verhält- lnisscn auf dem südpolaren Inlandeis gewachsen sein werden, kann vur die Erfahrung lehren. kleines feiiületon. Erziehung und Unterricht. Wie man Entfernungen und Gewichte schätzen lernt. Mit Recht haben die Kritiker des modernen Unterrichts« IvefenS immer wieder darüber Klage geführt, daß unser ErziehungS- »vesen zu sehr darin gipfelt, den Geist unserer Kinder mechanisch init Kenntnissen, Daten, Zahlen und Begriffen anzufüllen, ohne dabei durch praktische Anschaulichkeit den entstehenden Vorstellungen fester umgrenzte Umrisse zu geben. Der bekannte amerikanische Pädagoge William Füller hat in Chicago soeben ein fesselndes Werk über das moderne- Schulwesen veröffentlicht und weist dabei aus eine Lücke in unserem Untcrrichtsplan hin, die für die Kinder und später für die Erwachsenen von einschneidender Be- deutnng werden kann. Füller loill in den Schulen praktische llebungcn im Abschätzen von Entfernungen und Gewichten eingesührt sehen, um Blick und Urteil der Kinder zur eigenen Beobachtung an« guregen..Wie traurig die Tatsache auch ist. alle Kenner der Schul« Verhältnisse müssen zugeben, daß der Durchschnitt der Schüler so gut »vie gar keine Fähigkeit besitzt, einfache Entfernungen oder Gewichte obzuschntzen. Wie oft tritt im täglichen Leben die Notwendigkeit an »ins heran, eine Distanz oder ein Gewicht zu beurteilen, überall in Eüchern und Zeitungen wird von Metern. Kilometern, Meilen, von Kilogrammen und Zentnern gesprochen, ohne daß die Mehrzahl der Menjchen sich eine wirklich anschauliche Vorstellung von der Be- ideutung dieser Maße macht." Denn damit, daß man weiß, ein Kilometer hat 1000 Meter oder ein Kilogramm 1000 Gramm, ist für die geistige Aneignung der Vorstellung so gut wie nichts getan. Kuller hat in seiner Lehranstalt probeweise Versuche im EntsernungS« schätzen angestellt, und die Ergebnisse waren im Anfang trostlos schlecht. Bei einer Diskussion über die Entfernimg eine? Lenach« barten Gebäude» zeigte sich, daß die Mehrzahl der Schüler keinen Begriff davon hatte, wie groß eine Entfernung von 100 Meter eigentlich ist. Diese Beobachtung veranlaßte den Pädagogen, in seiner Anstalt im Schulhofe gewisse Distanzen abstecken zu lassen, um so den Schülern Distanzvorstellungen zu vermitteln. Bereits nach kurzer Zeit machten sich die Früchte dieser einfachen An- Weisung geltend und bei späteren Schätzungen waren die Resultate so günstig, daß Füller diesen Anschauungsunterricht im Eni- fernungschntzcn beibehalten hat. Er beginnt in der Regel damit, an die Schüler Fragen über die Dimensionen des Klassen- zimmerS zu stellen, Höhe, Breite und Tiefe werden geschätzt, und so lernen eS die Schüler, mit sonst tot in ihrem Geiste auf« gestapelten Maßeinheiten lebendige Begriffe zu verbinden. In ahn- licher Weise wurde dann der Anschauungsunterricht auf Gewichte aus- gedehnt und führte auch hier in kurzer Zeit von beschämender Un- sicherheit der Vorstellungen zu festen klaren Begriffen. Der Nutzen einer solchen praktischen Erziehung des Augenmaßes und des prak- tischen Urteilsvermögens liegt auf der Hand, und das Beispiel des bewährten amerikanischen Pädagogen birgt vielleicht auch für unsere Schulautoritäten eine fruchtbare Anregung. Aus dem Pflanzenreich. Bäume ohne Blätter. Innerhalb des weiten Bereiches der Pflanzenwelt gibt es, wie jeder weiß, auch zahlreiche Gewächse, die weder Blumen noch Blätter hervorbringen. Durchaus un- gewöhnlich aber sind die blätterlosen Pflanzen, die im Westen der Insel Madagaskar innerhalb sehr trockener Gebiete die ganze Land- schaft beherrschen. Diese Zone erstreckt sich fast durch die ganze Länge der großen Insel, die bekanntlich das Deutsche Reich an FlächenauSdehnung übertrifft, ist aber in ihrem südlichen Teil be- sonders ausgeprägt. Die dort wachsenden Bäume gewähren einen höchst merkwürdigen Anblick, da sie nur auS einem dickbauchigen Stamm und einigen gleichfalls eigentümlich aufgeschwollenen Zweigen bestehen und jedes Laubschmnckes entbehren, an dessen Stelle sich höchstens zahlreiche Dornen vorfinden. Selbstverständlich sind es die ungewöhnlichen klimatischen Verhältnisse, die zur Ent- Wickelung dieser einzigartigen Vegetation geführt haben. Wegen der Seltenheit des Regens sind die Pflanzen darauf an» gewiesen, die ihnen gelegentlich zukommende Feuchtigkeit auf« zuspeichern und möglichst lange festzuhalten. Infolgedessen haben sie Stamm und Zweige als Wasserbehälter entwickelt und allen übrigen Organen entsagt. Die genauere Erforschung, die von den Franzosen in Madagaskar eingeleitet worden ist. hat sich auch diesen Pflanzen zugewandt und bisher etwa 20 ver- schiedene Arten kennen gelernt. Was die Reisenden in Madagaskar davon heimgebracht haben, ist nunmehr von den beiden Botanikern Jumelle� und De La Bathie untersucht worden. Diese blätterlosen Pflanzen gehören sämtlich zu der Familie der Asklepiadazeen und innerhalb dieser wieder zu der Gruppe des Hundswürgers oder Schwalbenwurz fCynauoüum), der in Südcuropa heimisch ist. Der Blüten entbehren sie übrigens nicht und manche von ihnen treiben sogar solche von sehr starkem und angenehmem Geruch, der dem einer Rose gleicht. Mineralogisches. Der Nephrit. Wer die Sammlungen des Berliner Museums für Völkerkunde aufmerksam durchwandert, wird in den verschiedensten Abteilungen, sowohl in den prähistorischen als auch in den ethno« logischen Sälen, auf eine ganze Menge von Gerätschaften stoßen, die alle aus einem eigentümlichen, meist grünlichem Gestein, dem Nephrit, verfertigt sind. In den Bodcnseepfahlbauten der jüngeren Steinzeit hat man ihn besonders zu kleinen Beilen verarbeitet ge- funden. Neuseeländer und Südseeinsulaner verwenden ihn noch heute zu Waffen und Werkzeugen, und in China war seine technische Bedeutung für die Gegenwart so groß, daß die Kaiser zum Teil auf seine Ausbeutung ein Monopol hatten. Da bis vor ganz kurzer Zeit nur ein Gebiet als Fundort bekannt war, nämlich Ostturkestan, das die Brüder Schlagintweit zum erstenmal durchforscht halten, ver- mutete man anfangs ein einheitliches Urspruugsgebiet des ganzen in den verschiedenen Ländern verwandten Nephrits, von dem aus eine Menge der eigenartigsten Handelswege nach ollen Himmelsrichtungen konstruiert wurden. Diese Annahme hat sich als falsch erwiesen, seitdem man eine Anzahl weiterer Fundorte entdeckte und die Ent- stchung des merkwürdigen Gesteins erforschte. In Mitteleuropa wurde eS u. a. gefunden in den Serpentinsteinbrüchen von Jordans- mühl in Schlesien und vor allem in den ligurischen Alpen bei Sestri Levante am Monte Bianca und Domenico. Der Nephrit ist ein beij der Gebirgsbildung durch Umwandlung entstandenes stahlhartes Gestein j seine grüne Farbe rührt von einer bestimmten Eisenverbindung her. Ursprünglich bildete er sich aus einer Art von Serpentin- oder Gabbrogestein. das auf der Erde sehr stark verbreitet ist; bei der Auffaltung der Gebirge wurde dieses an einigen dem Druck besonders ausgesetzten Stellen so sehr zusammengepreßt und dadurch in seiner inneren Struktur dermaßen verändert, daß der eigenartig hornartige, fein- faserige Nephrit durch eine filzige Verwebung der einzelneu Bestand- teile erzeugt wurde. Damit ist ohne weiteres die theoretische Mög» lichkcit seines Vorkommens in allen Faltengebirge unserer Erde gegeben.__ tößrantwortl. Redakteur: Albert Wachs» Berlin.— Druck u. Verlag: VorwartsVuchdruckereiu.VerlagSanjtalt Paul Singer>KCo., Berlin SW.