HlnterhattlmgMatt des vorwärts Nr. 89. Mittwoch � den 10. Mai. 1911 (Nachdruck verboten.) 24] Das Sememclekincl. Erzählung v. Marie v. E b n e r- E s ch e n b a'ch. Am Vorabeud des für Habrechts Abreise bestimmten Tages suchte er ihn auf und fand ihn in der Schulstube, wo er, am Fenster stehend in ungeduldiger Erwartung auf die Straße blickte. Als der Eintretende ihn anrief, sah Habrccht sich um und sprach: „Sie sind's— gut, gut; es ist mir lieb, daß es kein anderer ist." „Welcher andere denn?" „Nun, der Pavel, wissen Sie. Aufrichtig gestanden, ich beabsichtige, mich heute schon und zwar ohne Abschied davon zu machen... des Burschen wegen. Ich gehe freudig von hier jwrt, kann's nicht verbergen, und das tut ihm weh. So habe ich mich bei der Frau Baronin und beim Herrn Pfarrer empfohlen und fahre ab, bevor Pavel nach Hause kommt. Habe mir ein Wägelchen bestellt— drüben an die Gittertür.. es sollte schon da sein..." Er eilte wieder an das Fenster und bog sich weit über die Brüstung. Der Wind zerzauste ihm die spärlichen Haare, in dünnen Strähnen umflogen sie seinen Scheitel und sein Gesicht, das so alt aussah und so wenig harmonierte mit der noch jugendlich schlanken und beweglichen Gestalt. Er trug den schwarzen Anzug, den ihm sein Vater zur letzten Prüfung hatte machen lassen, und der, auf eine körperliche Zunahme des Besitzers berechnet, die nie eintrat, die hageren Glieder um so kläglicher schlotternd umhing, als das Tuch fadenscheiniger und seine Falten weicher geworden waren. Mladek musterte ihn durch die scharfen Gläser des Zwickers und sprach:„Wie lang sind Sie denn hier Schul- meister gewesen?" „Einundzwanzig Jahre." „Und nach einundzwanzig Jahren machen Sie sich aus dem Staub, als ob Sie etwas gestohlen hätten? Verderben den Kindern die Freude einer Abschiedshuldigung und den Erwachsenen die eines Festessens... und das alles, um Ihren Pavlicek nicht weinen zu sehen? Sonderbar!... es muß ein eigenes Bewandtnis mit Ihnen haben, Kollega... Wie?" Habrecht erbleichte unter dem inquisitorischen Blick, der sich auf ihn richtete.„Was für eine Bewandtnis?" fragte er, und die Zunge klebte ihm am Gaumen. „Erschrecken Sie doch nicht vor mir mir ist nichts Menschliches fremd," entgegnete Mladek voll Ucbcrlcgcnheit. „Aufrichtig, Kollega, bekennen Siel War die Mutter Ihres Pavlicek, die übrigens jetzt im Zuchthaus sitzen soll, ein schönes Weib?" Habrecht begriff die Bedeutung dieser Frage nicht gleich, als sie ihm jedoch klar wurde, lachte er laut auf, lachte immer munterer, immer heller und rief in fröhlichster Erregung: „Nein � so etwas! O, Sie Kreuzköpferl, Sie! Nein, daß ich heute noch einen solchen Spaß erlebe... Herr Jesus, was Sie doch gescheit sind!" Er brach in ein neues Gelächter aus. Der krankhaft empfindliche Mann, den die leiseste Anspielung auf einen auf ihn selbst erregten Argwohn in allen Seelen- tiefen verwundete, fühlte sich durch den jeder Veranlassung entbehrenden wie gereinigt. Kein Lob, keine Schmeichelei hätte ihn so herzlich beglücken können, wie jenes Nachfolgers falsche und nichtsnutzige Vermutung es tat. Er bemerkte nicht, daß er beleidigte mit seiner Lustigkeit: er wurde sörm- lich übermütig und rief:„Ich wollte, Sie hätten recht: ES wäre besser für den Burschen. Aber Sie haben nicht recht, und sein Vater ist wahrhaftig am Galgen gestorben. Ein Unglück für den Sohn, das ihm als Schuld angerechnet wird. Man muß ihn in Schutz nehmen gegen die Dummheit und Bosheit. Ich hab's getan, tun Sie es auch: versprechen Sie mir das." Mladek nickte mit sauersüßer Miene: im Innern aber blähte er sich giftig auf und dachte:„Zum Lohn dafür, daß du mich seinetwegen verspottet hast! Das wird mir einfallen!" Inzwischen vernahm man durch die Nachmittagsstille das langsame Heranhumpeln eines Leiterwagens.„Meine Gelegenheit!" sprach Habrccht, hob das Felleisen vom Boden und lud es mit Mladeks Hilfe auf seine Schulter. Jede andere Dienstleistung, besonders das Geleite zum Wagen, verbat er sich und eilte davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen nach der Stätte seiner langjährigen Tätigkeit. Keine Regung der Wehmut beschlich beim Scheiden seine Brust.„Fahre!" rief er dem ihn begrüßenden Bäuerlein zu,„und wenn Dich jemand fragt, wen Du fährst, so sag— einen Bräutigam, sag's getrost: es ist schon mancher zur Hochzeit gefahren, der nicht so guter Dinge war wie ich." Damit kletterte er in den Wagen, streckte sich der Länge nach in das dicht aufgestreute Stroh und kom- mandierte jauchzend:„Hü— e!" , Vir• Die Dorfleute kamen an dem Tage etwas früher als sonst vom Felde zurück: sie hatten Eile, ihre Anstalten zum Abschiedsfest für den Lehrer zu treffen. Der Schlot des Wirtshauses qualmte schon seit einigen Stunden: die ein Wort mitzureden hatten, gingen dem Stand der Dinge in der Küche nachsehen: andere hielten sich in der Nähe, um wenig- stens den guten Bratengeruch zu schnuppern, der die Luft ringsum zu erfüllen begann. Die Buben sammelten sich schwarmweise, und weil es ihnen bevorstand, beim morgigen Fcstzug eine gute Weile friedlich in Reih und Glied zu wan- dein, entschädigten sie sich dafür und prügelten einander heute noch in aufgelöster Ordnung gehörig durch. In den Häusern und vor den Häusern flochten die Mütter den Mädchen die Haare mit roten Bändchen ein, und in den Ställen taten die Bauernburschen dasselbe an den Mähnen ihrer Rosse. Da entstanden eine Unzahl dünner Zöpflein, so steif wie Draht, die den Köpfen der Mädchen und den Hälsen der Pferde etwas sehr Nettes und Gutgehaltenes gaben. Mit einem Worte, die Vorbereitungen zur Feierlichkeit waren im besten Gange, als sich die Kunde von der stattgefundencn Abreise Habrechts ver- breitete. Anfangs wollte niemand an dieselbe glauben: erst als der Bauer, der den Lehrer nach der Eisenbahnstation ge- bracht, von dort zurückkehrte und dessen herzliche Abschieds- grüße an die Dorfbewohner bestellte, mußte man wohl oder übel zu zweifeln aufhören. Stur Pavel ließ sich, als er nach vollbrachtem Tagewerk heimkehrte, in seiner Ucberzeugung, Habrecht sei da, müsse noch da sein, nicht irre machen. Er würdigte die, die ihn deshalb verhöhnten, keiner Antwort, lief zur Schule und trat ohne weiteres in die Wohnstube, in der er Mladek fand. Diesen fragte er kurz und barsch:„Wo ist der Herr Lehrer?" Mladek, der an einem Briefe schrieb, wandte den Kopf: „Da ist der Herr Lehrer," sprach er, auf sich selbst deutend, „und ohne anzuklopfen, tritt man bei ihm nicht ein, das merk Dir, Du Lümmel." Pavel stotterte eine Entschuldigung und bat nun, ihm zu sagen, wo der frühere Herr Lehrer sei. „Abgepascht und auch Du pasch ab!" lautete die Antwort. Pavel schritt langsam die Treppe hinab, trat in das Schulzimmer, blieb dort eine Weile stehen und wartete: und als der, den er erwartete, nicht kam, ging er ins Gärtchen, in dem er auf- und abwandelte, auslugend, horchend. Plötzlich schlug er sich vor die Stirn... Dummkopf, der er war, daß ihm das nicht früher eingefallen!... Bei ihm, in seinem Hause befand sich der Lehrer, um ihm— ihm ganz allein Lebewohl zu sagen. Auflebend mit der rasch erblühten Hoff- nung, raunte er durchs Dorf nach seiner Hütte und rief, bei ihr angelangt:„Herr Lehrer!" Keine Antwort: auch hier alles still, und nun begriff Pavel, daß er seinen alten Wohltäter vergeblich suchte. In der Mitte der Stube stand der Tisch, an dem er so oft ihm gegenüber gesessen hatte, fein dünnbeiniger Lehnsessel davor, und an der Wand sein altcrsbrauncr Schrank... Der Anblick dieser Habseligkeiten schnitt Pavel in die Seele und reizte seinen Zorn. Er schleuderte den Sessel in die Ecke und führte einen Fußtritt gegen den Tisch, daß er krachend um-- stürzte... Was brauchte Pavel das Zeug?... Was brauchte er Erinnerungen an den. der ihn so treulos verlassen hatte? Fort, fort, sein einziger Freund!... Fort— ohne nur gesagt zu haben: behüt dich Gott!... Was für ein Mensch war er denn, daß er das vermochte?... Besser tausendmal, er wäre gestorben, daß man an seinem Sargs weinen unh kenken lönnTe, bis zum letzlen Äugenblicke bak er dick, geliebt. Aber so entgleiten, wie ein Schatten, das macht all seine Güte und Freundschaft schattenhast. 13. Zur Schnittzeit in demselben Jahre'begab sich etwas Außerordentliches. Die Gemeinde führte ein lang gehegtes Vorhaben aus; sie kaufte für ihre bisher von einem Pferde- göpel betriebene Dreschmaschine ein Lokomobil. Auf der Visenbahnstation wurde es abgeholt und zog sechsspännig, mit Blumen bekränzt, ins Dorf ein. Stolz schritten die Bauern neben ihm: es verdarb keinem die Freude an der wertvollen Erwerbung, daß man nur die erste der zehn Raten, in denen sie bezahlt werden sollte, erlegt hatte und vorläufig noch nicht wußte, woher das Geld nehmen für die übrigen Neun. Unweit von Pavels Hütte lag, frei auf der Anhöhe, das Dorf beherrschend, der Hof des neugewählten Bürgermeisters. Dort eröffnete das Lokomobil seine Tätigkeit; es dampfte und schnob, und die mit ihm in Verbindung gesetzte Dreschmaschine schluckte die dargereichten Garben und spie mit nie dagewesener Geschwindigkeit die ausgelösten Körnlein aus und das zer- knitterte Stroh. Anfangs drängte sich viel Publikum zu dem hübschen Schauspiel, allmählich jedoch ließ bei den meisten das Interesse an dem ewigen Einerlei nach, und erhielt sich nur bei einem armen Jungen unvermindert, der wohl keine Aussicht hatte, die Maschine jemals in Verwendung zu nehmen— bei Pavel. Er hatte Arbeit beim Holzschlag im herrschaftlichen Wald erhalten und machte auf dem Gang dahin täglich einen kleinen Umweg, um den Anblick des schnau- benden Ungeheuers zu genießen, dem er sich mit stillem Stau- Nen hingab, bis es hieß:„Mach, daß du fortkommst!"— „Wenn der einem die Maschine wegschauen könnte, er tät's," meinte der Bürgermeister. Pavel ging, nahm aber die Er- innerung an die Bewunderte mit sich und hatte ein deutlicheres Bild von ihr im Kopfe als die Bauern, die in ihrer nächsten Nachbarschaft auf der Bank an der Scheune saßen und die Hantierung der Taglöhner überwachten. Wohlgefällig sahen die Eigentümer des Getreides, das fcb'en gedroschen wurde, zu und freuten sich, wenn die fleißige Maschine die Arbeit in wenigen Tagen fertig brachte, die Ujnen wochenlang zu tun gegeben hätte. Bald kam die Frage zur Beratung, ob man nicht einen Teil der vielen jetzt übrig bleibenden Zeit dem für den Bauer so außerordentlich locken- den Vergnügen der Jagd widmen solle? Im nächsten Jahre lief der Pachtkontrakt mit der Herrschaft ab, und man gedachte sich's dann wohl zu überlegen, ehe man ihn erneuern würde. Die Sache wurde oft besprochen und fand in der Gemeinde nur wenige Gegner, unter ihnen jedoch einen sehr einsluß- reichen und sehr entschiedenen, nämlich Peter. Aus lauter Geiz, behaupteten seine Feinde; ihn reue das Geld für die Jagdkarte, für Pulver und Blei. Er ließ das gelten und erklärte, er brauche sein Geld„zu was Gescheiterem". Nun höhnten die Spötter regelmäßig:„bei ihm ginge eben alles in Hafer auf für die Kohlfuchsen, daß die doch ein hjßchen zu Kräften kämen." Damit gelang es immer, Peter wild zu machen. .lFortsetzung folgt.)! UXzlfxkhbctzc. Von I. C. S ö r e n s e n, (Schluß.) Der Schütze stand oben auf der Brücke und untersuchte die Si- tuation durch das Fernglas. Der Walfisch ging draußen in der Oberfläche des Wassers vorwärts, so weit die Leine reichte und blies. Er hatte bei der Fahrt in die Tiefe den Atem verloren und schwamm nun und sammelte Kräfte und blies Blutwolke auf Blut- Wolke über das Meer empor. Er bewegte sich im Wasser vorwärts, wie jeder andere Wal, vielleicht ein wenig schwerfälliger. Der Schütze hatte einige Orders hinuntergerufen, und die Ma- fchine war für das Nachspiel instand gesetzt worden. Dann hatte der Wal die Leine straff gezerrt und begann zu ziehen. Das Boot bekam einen Ruck und die Leine wurde über Deck gc- spannt. Der Steven beugte sich zum Wasser hinab, als ob das Schiff sich vor seinem Gegner draußen verneigte. Dann begann die Jagd über das Meer. Einen Augenblick dauerte es, ehe das Boot richtig in Gang kam. Dann schoß es vorwärts, als würde es von xinem Schleppboot geschleppt. Der Schütze rief eine Order in den Dlaschineffxaum hinab, uüL das Boot begann langsam rückwärts zu gehen. Die Stempel bei gannen zu arbeiten. Die Schraube platschte herum. Das Book setzte sich mit dem Achterende tiefer ins Wasier und erhob den> Steven. Es wehrte sich, aber das half nichts. Es ging immer hef-> tiger vorwärts. Ter Wal arbeitet draußen. Er ist ständig kurzatmig und pustet klagend, daß es weit über das Wasser tönt. Er erhebt sich höher als zuvor und rollt vornüber. Der Schütze vorfolgt oben vom Turm aus auftnerksam jede! seiner Bewegungen. Das Tier wendet ihnen den Rücken zu. Sein großer Körper schneidet sich bei jeder Vorwärtsbewegung wie eine breite, stumpfe Eiche hoch aus dem Meere heraus. Ganz deutlich zeigt es die fürchterliche Wunde in der Seite, aus der die Trosse herabhängt. Nicht das kleinste Stückchen ist von der Harpune zgi sehen, sie ist vollständig im Körper des Tieres verborgen. „Vollkraft back!" kommandiert der Schütze, als er gesehen hak� wie gut die Harpune sitzt. Die Maschine verdoppelt ihre Arbeit. Der Stempelschlag wird klar und scharf, er tönt wie schwerer, takts fester Hammerschlag von dort unten herauf.» Die Schraube wirbelt mit doppeller Eile herum, versucht zahne» knirschend sich im Meere festzubeißen. Das Boot setzt sich schwer in! die See, der Steven hebt sich ein bißchen. Aber das nützt alles mit» einander nichts. Der Koloß draußen setzt nur um so mehr Kraft ein, und seine Bewegungen verstärken sich gleichmäßig und sicher. Die Maschine arbcllet, pustet und stöhnt, die Schraube wirbelt hinter dem Schiffe in ohnmächtiger Raserei herum. Der Schiffs» körper knirscht und kracht, als sollte er in der Mitte auseinander» gerissen werden. Die Leine geht stramm gespannt über dem Vorder» teil und schräg im Wasser hinab. Das Wasser schäumt vor dem Bug und wirbelt an den Boots» wänden entlang. Der Walfisch draußen ist offenbar im Begriff. zu Kräften zu kommen, er bläst seltener als vorher und nicht so stöhnend. Die Atemsäulen sind nicht so blutig wie zuvor. Er hat seinen Gegner entdeckt und ist entschlossen, zu kämpfen. Er schießt nun vorwärts und hinterläßt ein breites Kielwasser, rotgefärbt von! dem Blut, das aus seiner Wunde strömt. Er begreift nicht, daß jeder einzige Schlag seines Schwanzes verlorene Mühe ist. Er preßt sich so hoch wie möglich, spannt die Muskeln seines Körpers und geht über das Meer vorwärts, blind und gewaitsam. Das Boot schleppt ihm mit guter Geschwindigkeit nach, während die Schraube im Wasser hcrummahlt wie ein wüten» der kleiner Köter, der über einen Bürgersteig hingezerrt wird. SlZ verstreicht eine Stunde und noch eine Stunde. Dies ist unbegreiflich und kolossal. Ja, es ist gar nicht z» der» stehen, eine solche Riesenkraft in einem zu Tode verwundeten Tier. Dies ist kein Kampf, es ist Meuchelmord. Hätte das Tiev draußen außer seiner Krast ein bißchen Intelligenz, dann hätte es das Boot hier schon längst zu Splittern und Eisenspänen zerdrückt. Aber es kennt seine eigene Kraft nicht und weiß nicht, wie man! kämpft, deshalb jagt es über das Meer vorwärts wie ein scheuer! Hirsch. Es steht einfach gar nicht in der Rdacht eines Menschen, sich die Kraftentfaltung vorzustellen, die dazu gehört, einen Dampfer von 20 Tonnen Gehalt, der in den Eingcweiden des Tieres Anker geworfen hat, zwei Stunden durch das Meer vorwärts zu schleppen, mit einer Geschwindigkeit von mehreren Meilen in der Stunde, trotz einer Dampfmaschine, die ununterbrochen mit zweihundert Pferde» kräften zurückgeht, und trotz eines Blutverlustes von mehreren! Tonnen.„ Es ist die höchste Krastentfaltung des Lebens, die gegen Men» schenklughcit und Menschenschlauheit von Jahrtausenden kämpft. Es ist Fleisch und Blut im Kampfe gegen Stahl. Zwei Stunden dauerte der Kampf, und so lange er währte« mochte niemand an Bord richtig den Mund auftun. Ständig hämmern die Stempel, ständig mahlt die Schraube. Die Ofentüren werden auf- und zugeschlagen. Ter Scheiterhaufen wird erneuert« die Kessel werden gefüllt. Doch wer ersetzt das Blut, das da draußen aus der Wunde lief, wer erseht die zermarterten Nerven. Aber das Boot ist Stahl und nur Stahl. Es hat toeder Herz noch Nerven, es atmet Kohlen und hat kein Blut, es hat kein Gefühl, eS kennt keine Müdigkeit, keine Angst, keinen Schmerz, keine Wut. Es mahlt nur mit der Schraube herum, mahlt und mahlt. Es sitzt aufrecht in der See und mahlt, und es kann acht Tage lang so sitzen und mahlen. Dieses kleine, verdammte Stahlgeschöpf, das seine eiserne Klaue in das Tier draußen geschlagen hat, kann nicht aufgeben und nicht müde werden. Es muß siegen in diesem Kampfe, der kein Kampf ist. Und der Sieg kommt, langsam und sicher. Der Wal arbeitet schwer und gewaltsam. Die Hälfte des großen Riesenkörpers wälzt sich über das Meer empor, jedesmal, wenn er anzieht und vorwärts geht. Ständig schäumt das Blut aus der fürchterlichen Wunde, welche die Harpune in die Seite des Tieres gerissen hat. Die enorme Arbeit und der Blutverlust ermüden es. Es taumelt! draußen, schwankt. Tie Bewegungen werden langsamer, hören auf. Das Boot hält sich nun auf demselben Fleck. Das große Tier wälzt sich hilflos in der Mccresfläche. Noch zieht es, aber in schwachen, kurzen, zwecklosen Stößen. Der Stahl der Maschine schlägt scharf und taktfest dort unten« hart und klangvoll wie zuvor. Es ist ein Stahlhcrz, das leiden, schaftslos und unbarmherzig schlägt. Das Mahlen der Sckraube wird ruhig und sicher, man hört, daß sie im Begriff ist, sich festzubeißen. Der Wal draußen stöhnt Und pustek, Sie«In Undichter Blasebalg. Jehl schleudert er aus dem Blastoch nicht allein Luft empor, sondern die Körperwärme selbst, die er in seiner Not und seinem Elend von fich gibt. Er taumelt an der Oberfläche umher, wild und eingeschüchtert, bald nach rechts und bald nach linkZ. Aber er kommt nicht vorwärts, er wirst fich fast aus dem Waffer heraus und torkelt wie ein betrun- kener Mann. Das Hilst alles miteinander nichts. Das Meer ist ihm verschlossen, wohin er sich auch wendet; das kleine, unbarm- herzige Stahltier hat fich mit seiner wirbelnden Eiscnschraube im Meere festgebohrt, die Leine gibt nach, der Walfisch wälzt fich draußen, schwindelig vom Blutverlust, zischend vor Atemnot, ge- quält von Schmerzen. Das Boot hat gesiegt, die kleine unermüdliche Eisenschraube hat gesiegt, langsam schraubt fich das Boot zurück, den Walfisch rückwärts an der Leine nachziehend wie einen erschöpften Hund. „Halb-Kraft!" kommandiert der Schütze. Der bebende Stahl» schlag der Maschine verlangsamt fich, wird ruhig, überlegen. Hier gibt es ja nichts zu jagen, nur noch ein wenig gewartet, dann geht alles von selbst. Der Wirbel der Schraube wird langsamer, nicht weil sie müde ist, sondern weil sie gesiegt hat...« Die Cisbeiligen. �... Bon Dr. Richard Hennig.' Wer die Heiligen Mamertus, Pankratius und Servatius der- einst im Leben waren, dürfte der Mehrzahl der Menschen völlig un- bekannt sein. Und doch ist ihr Name alljährlich"in unzähliger Menschen Munde, wenn in der Frühlingszeit die Gedenktage nahen, die vor langen Jahrhunderten die katholische Kirche dem Andenken der im 3. und 4. Jahrhundert hingerichteten oder verstorbene» christlichen Märtyrer und Heiligen dieses Namens geweiht hat. Für uns sind Mamertus, Pankratius und Servatius keine histo- rischen Menschen von Fleisch und Blut und auch keine Heiligen. sondern drei Kalendertage, der lt., 12. und 13. Mai, und nichts weiter. Man nennt sie stets zusammen, obwohl sie bei Lebzeiten in keiner noch so entfernten Beziehung zueinander gestanden haben, und man bezeichnet sie gemeinsam als die drei Eisheiligen, obwohl ihr Lebenslauf, ihr Sterben, ihre Stellung in der katholischen Kirche absolut nichts mit Eis und Winterkälte zu tun hat. � Der Grund ist allbekannt: Das Volk behauptet, daß in den Tagen vom 11.— 13. Mai stets jene gesürchteten und weit berüch- tigten Kälterücksälle der Temperatur eintreten, die wir die„kalten Tage des Mai„ nennen und die in so vielen Jahren in Feld und Flur der erwachenden Natur durch Nachtstöste, Reif und Schnee schweren Schaden zufügen. Gärtner pslcgen bekanntlich ihre Schützlinge vor dem Tage Servatii nicht dauernd ins Freie zu bringen, und wie recht sie daran tun. erfuhr besonders dcuttich zu seinem eigenen Schaden Friedrich II., der die Furcht vor den Eis- heiligen als Volksaberglauben verlachte und dem seine allzu früh ins Freihe gebrachte Orangerie eines Nachts, als die Eisheiligen ihr Szepter schwangen, erfror! Was sagt nun die meteorologische Fachwissenschaft zu den „Eisheiligen"? Sieht auch sie die alte Meinung des Volkes als törichten Aberglauben an, oder hat sie auch diesem Volksglauben, wie so manchem anderen, wissenschaftliches Bürgerrecht verliehen? Frühzeitig haben sich die Meteorologen mit dem Glauben an die Wirksamkeit der Eisheiligen beschäftigt— die erste Erwähnung in der Fachliteratur findet fich 1777 in einem Werke des italienischen Gelehrten Toaldo— und je mehr die Männer von Fach dem Pro- blem ihre Aufmerksamkeit schenkten, um so mehr kamen sie zu.der Ueberzeugung, daß hier tatsächlich ein ziemlich regelmäßig alljähr- lich wiederkehrender Kälterückfall vorliege, der eine besondere Eigentümlichkeit des mitteleuropäischen Klimas darstellt. Heute zweifelt kein Meteorologe mehr an der Macht der Eisheiligen, und nur in einem allerdings wesentlichen Punkte ist der alte Volks- glaube berichtigt worden, nämlich darin, daß der Kältcrückfall nicht immer genau an den Tagen des 11., 12. und 13. Mai eintritt, son- dcrn nur ungefähr um diese Jahreszeit. Diese Tatsache müssen freilich aufmerksame Beobachter auch ohne den streng Wissenschaft- lichen Nachweis längst erkannt haben, denn die Fälle sind durchaus nicht gar selten, in denen zur Zeit der Eisheiligen eine recht an- sehnliche Sommerwärme herrscht; ja, erst in neuerer Zeit, 1907, ereignete sich der sonderbare Fall, daß der Eisheilige Pankratius, der 12. Mai, für Deutschland der heißeste Tag des ganzen Som- mers wurde, während am Tage des Eisheiligen Servatius(13. Mai) die Maximaltempcraturcn des ganzen JahrcS abgelesen wurden! Der unfehlbare Kälterücksall folgte dann allerdings ein paar Tage später prompt nach und verdarb uns das Pfingstwetter in kläglichster Weise l— Wenn man jedoch von solchen Ausnahmefällen ab- sieht, so ist im langjährigen Durchschnitt eine gewisse Vorliebe der Maikälte für die Zeit vom Ist— 15. oder doch sicher vom 11.— 20. Mai unverkennbar. Der Eintritt des Kälterückfnlls schwankt frei- lich in weiten Grenzen: 1886 stellte er sich schon in den Tagen vom 30. April bis 3. Mai ein, 1800 hingegen erst in der Zeit vom 30. Mai bis st. Juni. Auch beträgt die Zahl der„kalten Tage" nicht immer genau drei, obwohl in der Mehrzahl der Fälle tatsächlich gerade drei kalte Tage zu verzeichnen sind. Was ist nun die Ursache dieser seltsamen und für das mitteleuropäische Klima so unerfreulich charakteristischen WitkerüngS- erscheinung? Zahlreiche zum Teil recht phantastische Hypothcseni hat man im Laufe der Zeit aufgestellt; so dachte man zdtlveilig,, daß vielleicht um diese Jahreszeit gewaltige Meteorschwärms zwischen Sonne und Erde ständen, die uns einen Teil der Sonnen- wärme wegfangen. Aber diese Erklärung und manche andere mib ihr würde natürlich nur in Betracht kommen können, wenn der Kälterückfall im Mai gleichmäßig auf der ganzen Erde einträte. Das ist jedoch keineswegs der Fall! Er erstreckt sich zwar über eint sehr weites Gebiet: von Nordskandinavien bis hinunter nach Ober-i italien und von Island bis Siebenbürgen find die Wirkungen dep kalten Tage des Mai spürbar, aber sonst auf Erden ist diese« Kälterückfall doch unbekannt. Andere regelmäßig wiederkehrenden! Abnormitäten des Temperaturganges, zu anderen Zeiten des Jahres, treten an seine Stelle; in Chile z. B., wo bekanntlich der Frühling in den Oktober und November fällt, ist ein Kälterückfall! sehr gefürchtet, der fich ungefähr zur Zeit des AllerheiligcntagcS (1. November) einstellt und der noch weit gefährlicher zu seittl scheint als die Wirksamkeit unserer Eisheiligen. ,il Worin die den Kälterückfall bedingenden Vorgänge aber be* stehen, läßt sich nur teilweise angeben: es ist konstatiert worden; daß bestimmte, charakteristische Verteilungen des Luftdrucks zw diesen Zeiten immer wiederkehren, und es läßt sich auch beweisen,, daß und weshalb gerade diese Lustdruckverteilung einen Tem- pcratursturz zur Folge haben muß. Aber die weitergehende, inier- essante Frage, warum denn nun eigentlich gerade diese kälte- bringende Verteilung des Luftdrucks stets um dieselbe Jahreszeit! wiederkehrt, läßt sich nicht befriedigend beantworten. Wir müssen! uns vielmehr mit der Erkenntnis der Tatsache begnügen, daß iim Lauf des Jahres verschiedentlich Epochen vorkommen, in denen eins Neigung zur Ausprägung bestimmter typischer Wetterlagen besteht. Kälterückfälle, wie sie gegen Mitte Mai, zur Zeit der„Eisheiligen"' in Deutschland die Regel bilden, sind für unser Klima auch gegew Mitte Februar, Mitte März und Mitte Juni charakteristisch. Es ist sogar berechnet worden, daß im Februar, im März und vor allem im Juni der Kälterückfall meist erheblich stärker als im Mai! zu sein pflegt; wenn trotzdem die kalten Tage des Mai eine so aus- nehmend große Berühmtheit genießen, so ist lediglich die Tatsache daran schuld, daß um diese Jahreszeit jede Temperaturerniedrigung mit verdoppelter Besorgnis verfolgt wird, weil gerade dann eine kalte Nacht unberechenbaren Schaden anzurichten vermag., Die charakteristische Wetterlage nun, die die Entstehung der Maikälte verursacht, besteht in einem umfangreichen barometrischen) Maximum, das um diese Zeit den Nordatlantischen Ozean bedeckt- Je nach Höhe und Ausdehnung dieses Hochdruckgebiets, je nach der Lage und Zugrichtung der gleichzeitig Europa durchziehenden oder berührenden Depressionen wird der Kälterückfall des Mai bald schwächer, bald stärker empfunden: in manchen Jahren hcrndelft es sich nur um ein paar etwas kühlere Tage inmitten prächtigster Sommerwitterung, in anderen gibt es Böenwetter, Regen-, Grau- pcl- und Schneeschauer mit nachfolgenden kalten, klaren Nächten- und in noch anderen Jahren wiegt das wolkenlose, ruhige Metier vor. das dann aber nach angenehmen Tagesstunden sehr ftarko nächtliche Abkühlung mit einer gleichfalls höchst gefährlichen Nei- gung zur Reifbildung bringt. Da ein Maximum auf dem Nord- atlantischen Ozean die hauptsächlichste auslösende Ursache zu sein! scheint, ist es nur natürlich, wenn der Kälterückfall sich zunächst) meist im nördlichsten Europa bemerkbar macht, um sich alsdanw langsam aber sicher gegen Süden auszubreiten. Während in Nord- dcuischland der Beginn der kalten Tage auf den Tag Mamertii, den 11. Mai, angesetzt wird, gilt im Norden Skandinaviens schon der 8. Mai als erster kalter Tag, und in Süddeutschland verspätet sich! der Beginn der kalten Tage gegenüber Norddeutschland um 24 Stunden. Charakteristischerweise sind deshalb dort, z. B. in Bayern, nicht der 11., 12. und 13. Mai, sondern der 12., 13. und 14. Mai als„Eisheilige" verrufen, der Pankratius-, Servatius, und Bonifaciustag. Im allgemeinen kann man behaupten, daß Süd- und West- dcuischland stärker und häufiger unter der Maikälte zu leiden) haben, als Mittel- oder gar Ostdeutschland; einmal weil in den, ersteren Gegenden die Vegetation weiter fortgeschritten zu sein! pflegt als in den letzteren, dann aber auch, weil die vom Nord- atlantisch,! Ozean daherwehenden sehr kalten Winde oft nur das) westliche Europa bestreichen, während das östliche durch die jeweilig herrschende Luftdruckverteilung dagegen geschützt ist. ZuWeile»! kann sogar zur selben Zeit, da im Westen und Süden ein Kälte- rücksall gefährlichster Art eintritt, in Ostdeutschland wie auch int Rußland, Schweden usw. abnorme Frühjahrswärme herrschen. Be- sonders deutlich in dieser Hinsicht war der vorjährige Mai, ins- besondere der 11. Mai 1910. In Königsberg stieg an diesem Tags das Thermometer auf die ganz ungewöhnliche Höhe von 28 Grad Celsius, und gleichzeitig gab es in den Alpen und selbst noch iry Oberitalien vielfach Frost und starken Schnee!> Die meteorolgische Wissenschaft hat sich mit dem Problem der drei Eisheiligen und den Ursachen des durch sie so oft herauf- beschworenen Wettcrschadcns schon viel und eingehend beschäftigt Z sie hat auch die Naturgesetze, nach denen dieser Kälterückschlag sich! zu vollziehen pflegt, größtenteils in feste Formen gekleidet— dennoch bleibt für die vollständige Erforschung der Erscheinung noch viel zu tun übrig Kleines f euületon* Kunst. Die neueftc Malerei. Louis Corinth, der neue Präsident der Berliner Sezession, behandelt in einem Aufsatz des Pan.die neueste Malerei". Seine Betrachtungen, die zumeist negativer Natur sind, entbehren nicht eines besonderen Reizes, da ja die neueste Malerei in der Sezessionsausstellung ziemlich stark der- treten ist. Da Corinth ein erfahrener und tüchtiger Maler ist, der freilich durch seine derbe Natur vor Irrwegen und Spekulationen »vohl stets bewahrt geblieben ist, mag hier gehört werden, wo die Motive und Tendenzen der Jüngsten bereits öfter behandelt Vörden sind. Corinth sieht die Ahnen der jüngsten Malerei in Cözanne, Gauguin, van Gogh, Münch und deren Nachahmern. Aber während er den Franzosen und auch dem Norweger einen durch die Luft- und Lichtverhältnisse ihrer Heimat bedingten Naturuntergrund zugesteht, sieht er in der neuesten Phase blosi nachahmende Dekadenz.„Nach- dem alle Kulturen bis zur Neige ausgekostet waren, und die Blasiert- deit der überkultivierten Franzosen eine gewissermaßen konzentrierte Primitivität ersehnte, warf man sich auf die kindischen Stammeleien der Naturvölker. Die jetzigen Bilder der Neger und Malaycn, die Malereien auf indianischen Zeltdächern wurden das Ideal in Form und Farbe für diese Modernsten." Corinth fährt dann fort:„In allen Arbeiten von Matisse(dem französischen Führer dieser Richtung) und seinen Nächsten tritt dieses Ouellmotiv deutlich zu tage. Wie es nun immer ist, werden die Nachkommen noch wilder in ihren Annahme», was modernste Kunst verlangt, und kommen scheinbar ganz auf die Naturvölker zurück; außerdem haben sie für ihre Rätselkunst, die nichts mehr mit der freien edlen Kunst gemein hat, Lehren aufgestellt, die der Geometrie entnommen scheinen. Man versucht die Körperflächen aus Dreiecken, Wierecken und Fünfecken herauszukonstruieren, und es wird oft un- möglich, vor diesem automatischen Herumzirkeln das Dargestellte zu verstehen." Die blinde Nachäffung dieser Manieren hat nach Corinth die fast selbständig gewordene Kunst arg gefährdet. Die Nachäffung geht soweit, daß man niemals neue Motive wagt, sondern nur immer Vögel, Blumen und Tafelprunkstücke malt. Das Bestreben, das exotische Vorbild der Naturvölker zu imitieren, hat den Zu- fammenhana in der Körperkonstruktion und das Organische aus- gelöscht.„Die Jugend fängt damit an, womit die großen Meister aufgehört haben. Nicht durch angestrengtes Ringen gewinnt die jüngste Generation ihre Freiheit und Großzügigkeit, sondern durch leere und bequeme Vernachlässigung aller ernsthaften künstlerischen Kemühungen, ohne jede Selbstüberwindung und Selbsterkenntnis. Diese„Modemalerei", nicht modernste Malerei, wird sich als das entpuppen, was sie in der Tat ist, nämlich als ein Uebcrgangs- ftadium." Da Corinth als aufrechter MalerSmann von soziologischen Zu- sammenhängen in der Kunst nichts zu wiffen scheint, kann er den wahren Ursachen der Entwickelung nicht auf den Grund kommen. Wo er nur Nachahmung sieht, sind aber die gleichen Kräfte tätig. Daß das entwickeltste Land(im Sinne der Malerei), Frankreich den Ton angibt, ist naturgemäß. Die Rückkehr zur Primitivität ist in dem ZhlluS jeder Kulturentwickelung immer eine Phase, die auf einer bestimmten Stufe eintritt. Durch die Erweiterung der modernen Kunst- und Kulturlenntnisie sind die Grenzen der Rückkehr freilich viel weiter gezogen. So primitiv und barbarisch(rein im kultur- technischen Sinne), ist wohl noch nie gemalt worden lvie von diesen Jüngsten I Ob freilich der Entwickelungskreis der bürgerlichen Kunst erschöpft und die letzte Phase zugleich ein Ende absoluter Dekadenz ist, oder aber einen durch den Zwang der Mode, die in der Kunst längst ihren Einzug gehalten hat, bedingten Uebergang oder ein Jungbad und ein Neubesinnen zu neuen Zielen darstellt— darüber mögen die Propheten entscheiden. So einfach wie Corinth es meint, läßt sich der Prozeß nicht erklären. Sprachwissenschaftliches. DeS Lokalanzeiger..Schriftleitung des Lokalanzelgcr", „Geschäftsstelle des Zentralblatt".„Vorstand des Verein für Kaninchenzucht" u. ä.. daS muß man immer wieder lesen auf un- söhligen Stempeln, in Briefköpfen, Anzeigen usw. Manche glauben durch Gänsefüßchen daS Fehlen der Wesfallbeugung entschuldigen zu können, indem sie schreiben: Schriftleitung des„Lokalanzeigcr". Aber zahlreiche Leute meinen diese Fügung wirklich und wahrhaftig sogar verteidigen zu müssen, und sie erklären es für ganz falsch, daß auch Eigennamen— als solche will man diese Titel angesehen wissen— gebeugt werden, daß man also sagen müsse des Rheins und nicht des Rhein, deS Frankenwalds und nicht deS Frankenwald. Wäre das wirklich falsch,„deS Rheins" zu sagen statt„des Rhein"? Keineswegs, eS ist vielmehr wirklich ganz falsch, „des Rhein" zu sagen, und auch Anführnngsstriche stempeln Wort- fügungen keineswegs zu einem starren, unveränderlichen Klumpen. Man erkennt das aber besonders deutlich, wenn man bedenkt, wie die Verteidiger der Fügung„des Nbein" glauben schreiben zu dürfen und tatsächlich(1) oft schreiben; sie meinen, es dürfe nicht heißen:„Schriftleitung des.Rheinischen Lokalanzeigers'", Perantioortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: sondern nur:„Schriftleitnng des.Rheinischer Lokalanzeiger"; und nicht:„Das.Schwäbische Tagblatt' schreibt", sondern:„Das .Schwäbisches Tagblatt' schreibt"; nicht:„ein Aussatz der.Welt am Montag'", sondern:„ein Aufsatz der.Die Welt am Montag'" und entsprechend nicht:„Ich habe in.Kaufmännisches Zentralblatt' gelesen..." Also müssen wir nun wohl auch aus der«Die Jungfrau von Orleans" vorlesen und uns im Theater den„Der Troubadour" anhören! Da sieht man also doch wohl klar, wie falsch die Verteidiger dieser Fügungen folgern.— Und wenn nun wirklich die Gänsefüßchen solche erstarrende Gewalt hätten und man könnte wirklich so schreiben— wird aber ein Mensch auch so sprechen? Papier ist geduldig und läßt schließ- lich auch die Anführungsstriche ihres den Sprachgeist so oft ertötenden Amtes ivalten, vor dem frischen Hanche des lebendigen gesprochenen Wortes aber verlieren sie ihre Macht. Völkerkunde. Die rätselhaften Zwergvölker Afrikas haben seit jeher die Anfmerksamkeit der Forscherwelt erregt, lieber ihre Stellung in der Entwickelungsgeschichte der Menschen wurde und wird noch viel gestritten. Die einen sehen in den Pygmäen die vcr- kümmerten Fornren der normal entwickelten Völker, während die andern ihnen eine selbständige Existenz als Rasse zuschreiben. P. W. S ch m i d t in seinem viel besprochenen und angegriffenen Werke über die Stellung der Pygmäenvölker geht sogar so weit, daß er in ihnen die Ueberbleibsel der ältesten, einst über die ganze Erde verbreitete Ucrasse des Menschen sieht. Bei diesem Widerstreit der Meinungen ist es vom Interesse, einige Tatsachen über die anthro- pologischen Merkmale der Pygmäen zu erfahren, die der französische Anthropologe Dr. Poutrin in einer vor kurzem(im„L'Anthro- pologie") publizierten Studie mitteilt. Seine Beobachtungen beziehen sich auf die westaftikanischen Zwergvölker, die unter dem Namen Abongo bekannt sind und ihren Wohnsitz am Flusse Gabun haben. Daß diese Völker ihren Namen als Pygmäen mit Fug und Recht tragen. ergibt sich daraus, daß ihre Durchschniltsgröße nur 143 Zentimeter für Männer und 137 Zentimeter für Frauen aus- macht. Ihre Hautfarbe gleicht der des Milchkaffees; sie sind also heller als die benachbarten Negerstämme. Nach ihrem Schädel ge- hören sie zu dem sogenannten„brachyzephalen"(kurzköpfigen) Typus; bei den drei untersuchten Schädeln betrug die Breite 83,08 Proz. der Länge. Die Kapazität des Schädels ist klein, im Verhältnis aber zu der Körpergröße ebenso groß wie die der Bantuneger. Der Haarwuchs ist gut, doch nicht übermäßig entwickelt. So spärlich diese Angaben sind(ihre Spärlichkeit rührt hauptsächlich davon, daß die Studien am Körper der Lebenden sehr schwierig waren), so scheinen sie doch die Annahme zu bestätigen, daß die Zwergvölker be- stimmte Rassen sind, hervorgegangen wie alle Menschenrassen aus der Anpassung an die Umgebung. Ein Begräbnis bei den Hottentotten. Auch die Hottentotten, die doch zu den tiefstchenden Bewohnern Afrikas zählen, haben ihre besonderen Aerzte, die freilich diesen Ehrennamen nicht recht verdienen, weil sie, wie bei den meisten südafrikanischen Völkern weniger mit Wissenschaft oder auch nur Erfahrung als mit Zauberei ihr Geschäft zu betreiben bestrebt sind. Die„Aerzte" der Hottentotten haben sogar recht unangenehme Gewohnheiten, indem sie den Kranken einreden, daß böse Nachbarn, schlecht gesinnte Ver- wandte und andere Feinde die eigentliche Ursache der Krankheit seien. Man kann sich vorstellen, welch eine Summe von Unfug ein solcher Mann stiften kann, wenn er dazu aufgelegt ist. seinen Einfluß bösartig anzuwenden. Stirbt der Kranke trotz den Zauberkünsten des Arztes, so haben selbstverständlich andere daran schuld, und der Medizinnrann scheut sich oftmals nicht. die Verantwortung einzelnen Personen, die er mit Nrnnen nennt, zuzuschreiben. Früher ging man dann vollends so weit, die vom Arzt als schuldig bezeichnete Person zum Tode zu beruneilen, ein Verfahren, wie es widersinniger auch zur Zeit der schlimmsten Hexenprozesse nicht irgendwo bestanden bat. Dr. Biden, der in einem Vortrag vor der Royal Society für Südafrika die Bestattungsgebräuche bei den Hottentotten besprochen hat, sagt leider nicht, durch welche Ein- flüsie diese Leute bewogen Ivorden sind, wenigstens diesem äußersten Grad von Ungerechtigkeit und Willkür bei den Acrzten zu steuern oder sich wenigstens nicht mehr durch ihre Angebereien so weit hin- reißen zu lassen. Die Vorbereitung des Begräbnisses beginnt un- mittelbar nach dem Verscheiden des Kranken. Die Grube, in hie er gebettet werden soll, wird mit einer rohen Holzschaufel und einem Antilopenhorn gegraben. An die Bestattung schließt sich ein Tanz, dann eine Festlichkeit, die durch die ganze Nacht dauert. Mehrere Wochen nach dem Tod gehen die männlichen Verwandten jeden Morgen vor Sonnenaufgang nach dem Grabe und verrichlen dort Gebete an den Geist. Dabei müssen sie völlig unbekleidet sein. Später kümmert man sich nicht mehr um das Grab, wenn der Geist. wie angenommen wird, aus dem Grabe verschwunden und in einen Schakal gefahren ist. iZorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSi!!gcr5:Co.,BerllnL'»V.