Nnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 92.' Sonnabend, den 13. Mai. 1911 rsiz�drua verrslry.Z! 271 Das GememÄekinä. Erzählung v. Marje v. Ebner-Eschenba'ch. y 14. Peter ging es täglich besser: er durfte wieder sprechen lind durfte essen, was ihm schmeckte, nur schreien und rauchen war ihm noch verboten. Während seiner Krankheit hatte er nicht aufgehört sich zu fürchten, iin Anfang vor dem Sterben und später vor der Rechnung, die der Arzt ihm machen würde. Als dieser seine Besuche einstellte lind die� Rechnung nicht sofort schickte, ließ Peter sie abholen, aber nur, um ihr einen schnöden Empfang zu bereiten. Er legte sie auf den Tisch, setzte sich vor sie hin und begann, Posten für Posten grimmig anzufeinden. Sein Weib schlich voll Besorgnis um ihn herum und bat ihn schüchtern, nicht so zu toben, worauf er es noch viel ärger trieb. Zu Fleiß!— weil er doch sehen wollte, ob die Reparatur, die der alte Notcnreitzer an ihm vorgenommen und sich so unverschämt bezahlen lasse, wenigstens ordentlich gemacht sei. Es war ihm gelungen, sich völlig um sein bißchen Menschenverstand zu bringen und in den nicht mehr zurech- nungsfähigen Zustand hinein zu ärgern, in dem ihn Binska am liebsten vor der Begegnung mit fremden Leuten bewahrt hätte, als es au der Tür pochte und recht zur unguten Stunde der Wirt erschien. Er zog höflich den Hut. und Binska sah auf den ersten Blick: Der will etwas und zwar etwas nicht ganz Recht- mäßiges. Peter gab auf die Erkundigung nach seinem Befinden, mit der der Besuch sich einführte, keine Antwort, schob, als jener sich neben ihn gesetzt hatte, ihm nur die Rechnung hin. schnaubte:„Da!" und sah ihn von der Seite gespannt und erwartungsvoll an. Der Wirt versank in das Studium des Schriftstückes. Nach einer Weile, die hingereicht hätte, lim es auswendig zu lernen, sprach er, seine Worte mit einem Schlage der flachen Hand auf das Papier bekräftigend: „Das ist die Rechnung vom Doktor." „Die Rechnung vom Doktor, vom Spitzbubeir. furchtbar iiberhalten hat mich der Lump." ..Kann's nicht finden," erwiderte der Wirt:„Dich über- halten, so ein Sparmeister!— kommt nicht vor. Die Rech- nungen sind in Ordnung— beide Rechnungen, die vom Doktor und"— er lächelte verlegen, griff in die Brustwsche und zog langsam ein gefaltetes Papier hervor, das er dem Peter hinhielt,„und die meinige auch." Peter fuhr zurück wie vor einem Feuerbrand und schrie vus Leibeskräften:„Rechnung?"— was das zum Teufel für eine Rechnung sein könne, hätte er wissen mögen: er hatte keinen Kreuzer Schulden im Wirtshaus, er trank nie einen Tropfen, den er nicht sogleich bezahlte. Ja, meinte der Wirt, als er endlich zu Worte kommen konnte, es handle sich auch nicht um Tropfen, sondern um einen Zaun, den Zaun seines Gartens nämlich, der bei Ge- legenheit des Lokomobilsturzes zu Schaden gekommen war. Nun geriet Peter völlig in Wut. Was in alle Wetter ging der Zaun ihn an? Wie konnte der Wirt sich erfrechen, ihm die Rechnung für den Zaun zu bringen?... Daß der Zaun umgerissen worden, das war ja die Ursache des ganzen Unglücks gewesen. Es geschah in dem Augenblick, in dem Peter just im Begriff gewesen, die Pferde wieder in die Hand zu kriegen, er hatte sie schon, ein Riß noch, und sie wären gestanden wie Mauern lind hätten die Wendung ge- genommen ins Hoftor wie die Lämmer. Freilich, wenn der Zaun umpoltert vor ihren Nasen, da werden solche Trerc scheu... Kühe sind's ja nicht. So wars, Peter schwor es hoch und teuer— schwor auch, jeden, der es nicht einsähe, Wittels Fußtritten davon zu überzeugen. In seiner Auf- regling verließ er trotz Binskas Abmahnungen das Haus und begab sich mit dem Wirt an die Ecke von dessen Garten, um den Vorgang an Ort und Stelle ausführlichst zu de- mMstrieren. Sorgenvoll blickte sein Weib ihm na� Sieben Wochen lang hatte er das Zimmer nicht verlassen AM unternahm jetzt seinen ersten Ausgang an einem stürmischen Oktobertag, im leichten Hausanzug, heiß vor Zorn und keuchend vor Auf- regung. Bis herüber hörte sie ihn schreiem Als er den Zaun erblickt hatte, dessen Wiederaufstellung zu bezahlen ihm zugemutet wurde, war er in die Höhe gesprungen wie toll. Was war denn das! Betrugt schuftiger Betrug!... Nicht nur einfach aufgestellt, neu hergestellt war der Zaun. Mehr als die Hälfte seiner morschen Bretter durch neue ersetzt. Wie? ein alter Zaun war umgefallen und ein neuer auf- gestanden, und zwar auf Peters Kosten?... Er tobte, er rief jeden Vorbeigehenden zum Zeugen des Diebstahls, den der Wirt an ihm verüben wollte. Vor einem immer wachsen- den Publikum erzählte er die Geschichte ein halbes Dutzend Mal nach einander, erzählte sie mit immer neuen, seine Be- Häuptling bekräftigenden Zusätzen. Der verfluchte Zauii- umreißer, der„Bub", hat alles auf dem Gewissen, das Scheu- werden der Pferde, den Sturz des Lokomobils, den Unfall Peters— des Helden, der, selbst im Augenblick dringender Lebensgefahr, die Rettung des Eigentums der Gemeinde im Auge behalten und, statt zur Seite zu springen, noch ganz zuletzt seinem Gespann eine Wendung gegeben, einen Ruck, der verhindert hätte, daß die Maschine auf„Fransen" ging. Er war zuletzt fo heiser wie eine Rohrdommel und fiel vor Müdigkeit fast um. In der Nacht ließ die Unruhe ihn nicht schlafen, und des Morgens schickte er zum Bürgermeister, zu den Räten und zu einigen Freunden und entbot sie ins Wirts- haus, wo er eine ernstliche Beratung mit ihnen pflegen wollte. Sie kamen und er setzte ihnen auseinander, daß er fein Recht verlange, und wenn die Gemeinde es ihm nicht gewähre, werde er sich's beim Bezirksgericht holen, beim Kreisgcricht, beim Kaiser. Der Bürgermeister stieß Seufzer um Seufzer aus, wäh- rend Peter sprach, lächelte ängstlich, sah die Räte um Beistand bittend an. Er war der sanftmütigste Mann im Orte, sehr jung für sein Amt und— weil etwas gebildeter als die meisten seiner Standesgenosseu— ihrer Roheit gegenüber ziemlich hilflos. Was denn also Peters Recht sei? fragte er, und dieser, statt zu antworten, begann seine Geschichte zu er- zählen, die seit gestern noch viel wunderbarer,, unmöglicher und glorreicher für ihn geworden war. Der Bürgermeister zuckte die Achseln, der älteste der Räte schlief ein: Anton machte seine ausdrucksvollste bedauernde Gebärde. Einige Witzbolde jedoch erlaubten sich, Peters Prahlereien im Scherz zu überbieten, und erregten damit großes Gelächter. Er schtvankte eine Weile, ob er mitlachen oder sich ärgern sollte, wählte aber dann das letztere: „Hab ich den Zaun umgerissen?" rief er „Nein, nein," antwortete man ihm. „So bezahl ich ihn auch nicht." „Nein, nein." „Wer aber tut's?" jammerte der Wirt, dem dicke Schweiß- tropfen auf den glänzenden Wangen standen. „Wie Du die Rechnung gestellt hast, niemand: sie ist auf alle Fälle unverschämt," sagte Anton, und dankbar nickte der Bürgermeister ihm zu. Barosch jedoch, der eben sein fünftes Sckmapsgläschen leerte und gern ein sechstes auf Kredit be- kommen hätte, neigte demütig den kleinen kugelrunden Kopf auf die Seite und sagte: „Warum niemand? warum nicht der, der ihn umgerissen hat? warum nicht der Bub?" „Der Bub? Das wäre— das wäre was— haha, der Bub!" kicherte, lachte, spottete man: trotzdem aber ließ sich unschwer erkennen, daß der Vorschlag Anklang gefunden hatte. Peter bemächtigte sich seiner sogleich und beanspruchte ihn als sein Eigentum. Das war das Recht, von dem er geredet, die Genugtuung, die ihm gebührte für die Gefahr, in die der Bub ihn gebracht. Ihn, der so viel Opfermut bei Rettung der Maschine an den Tag gelegt hatte. Der älteste Rat war eben aufgewacht und fiel verdrießlich ein: mit dieser Rettung sei es ein verfluchtes Geflunker Bei dieser Rettung habe das Lokomobil„eins hinauf be- kommen," von dem es sich nicht erholen könne. In einem fort repariere Anton an ihm und vermöge nicht, es„auf gleich" bringen. Es puste wie schwindsüchtig, und sein vor- »»als so Heller Pfiff gliche jetzt dem Miauen einer kranken Katze. Daran läge gar nichts, meinte Anton: Pfeifen und Miauen käme am Ende auf eins heraus; das aber, daß die Maschine weit weniger leistungsfähig fei als früher, müsse er leider gelten lassen. Seine Erklärung erweckte allgemeine Unzufriedenheit; nur Peter nahm keine Notiz von ihr, trommelte mit den Fäusten auf den Tisch und rief: „Der Bub muß her, und der Bub muß zahlen." � „Muß her. freilich," stimmte man von vielen Seiten bei, Und der Bürgermeister, der immer ungeduldiger wurde, je ohnmächtiger er sich fühlte, der Strömung entgegenzusteuern, die die öffentliche Meinung genommen hatte, sagte lauter, als sonst seine Weise war: „Er muß, was muß er? Das nicht, was Ihr Euch ein- bildet!" Eine abwehrende Handbewegung war seine Antwort auf die Einwendungen, die sich erhoben, und er schloß:„Er kommt nicht, kann nicht kommen, weil er und der Arnost ein- berufen worden sind und sich heute haben stellen müssen." Das war nun allerdings etwas anderes, und es hieß sich bescheiden. Wohl kam Pavel am nächsten Morgen zurück, brachte aber nur vierundzwanzig Stunden daheim zu und sprach nur mit zwei Personen, mit dem Bürgermeister und mit Anton. Beim ersten meldete er sich in Gesellschaft Arnosts, Sie hatten beide das Glück gehabt zur Landwehr eingeteilt zu werden, mußten jedoch sogleich einrücken. Der zweite, den er zufällig traf, der Schmied, klagte ihm seine Not mit der Maschine und forderte ihn auf, nach dem Hofe Peters zu kommen, wo sie noch immer stand. Beim ersten Blick, den Pavel auf sie warf, wiederholte er, was er schon einnial gesagt hatte:„Seht Ihr nicht, daß das Stange! verbogen ist?"— Anton gab es zu, war aber der Ansicht, an der Kleinigkeit läge nichts. „Alles liegt daran," entgegnete Pavel.„Deswegen stoßt's ja so, deswegen geht der Schieber nicht ordentlich, und wie soll denn der Dampf richtig eintreten? Einmal kommt zu viel, einmal zu wenig." Es gelang ihm, den Schmied zu überzeugen, und nun brachten sie miteinander die Sache in kurzer Zeit in Ordnung. Peter zeigte sich nicht, aber man hörte ihn in der Scheuer jämmerlich husten.„Er hat sich verdorben mit lauter Schreien," sagte Anton;„der Doktor kommt wieder zu ihm." sFortsetzung folgt.)! Die Mufik der cxotifcben Völker. Nichts unter den Sitten und Gebräuchen unzivilisierter Völker erregt so sehr unsere Heiterkeit, wie ihre Musik. Sie erscheint uns komisch, ja crbstoßend, wenn wir sie, etwa bei einer Vorführung exotischer Schaustellungen im Zirkus, zwischen zwei Musikstücken vorgesetzt bekommen, und selbst der Forschungsreisende, der ja durch sein längeres Verweilen in fremden Ländern schon an seltsame Ein- drücke gewöhnt ist, versäumt es nie, den eigenartigen Eindruck zu schildern, den die Musik der Wilden oder Halbzivilisierten auf ihn gemacht hat. Ahcr wir tun den exotischen Völkern unrecht, wenn wir annehmen, daß nur unser Tonshstem das einzig mögliche, natur- notwendig entstandene sei, und daß jede andere Art von Musik nichts als ein mißtönendes Geräusch ist, eine Anschauung, deren Unrichtig- keit erst vor 2ö Jahren durch Alex. I. Ellis nachgewiesen wurde. Seither sind wir in der Erforschung der Musik fremder Völker er- heblich weiter gekonimen, und Dr. Erich Fischer- Berlin, der sich in einem in den„Grcnzboten" erscheinenden Aufsatz mit der exoti- schen Musik befaßt, weist mit Recht darauf hin, daß diese Musik, wenngleich wir heute noch außerstande sind, in ihre charakteristi- schen Schönheiten völlig einzudringen, doch hohen Anspruch auf unsere Beachtung hat. Denn ihr systematisches Studium wird sowohl für die Ethnologie wie für die Psychologie fremder Völker und schließlich für die Musikgeschichte von großer Bedeutung werden. Daß uns die Musik exotischer Völker, besonders die der Chi- ncscn, so unverständlich, oft sogar widerwärtig und absurd erscheint, liegt daran, daß in ihr vielfach ganz andere Formen üblich sind «ls in unserer Tonkunst. Karl Maria v. Weber hat bekanntlich in seine„Turandot"-Ouvertüure ein Houptthema aufgenommen, das aus der chinesischen Musik stammt, und das Weber selbst„bizarr" nennt. Äuch die Tonsysteme mancher orientalischer Kulturvölker sind von den europaischen grundverschieden. Der schon genannte Ellis wies 1885 nach, und zwar dadurch, daß er an fremdländischen Instrumenten äußerst sorgfältige Tonmessungcn vornahm, daß die Siamesen die Oktave in sieben Stufen einteilen, aber nicht in Halb- gnd Ganztöne wie wir, sondern in Töne von stets gleichen: Abstand. Diese Intervalle find kleiner als die zwischen unseren Ganztönen und größer als zwischen unseren Halbtönen; sie stimmen infolge-, dessen alle nicht, die Oktave ausgenommen, mit den unsrigen über- ein. Von einer im Jahre 1300 in Berlin gastierenden Siamesen» truppe haben Stumpf und Abraham Phonogramme aufgenommen, die den eklatanten Nachweis lieferten, wieviel außerordentlich In- teressantes in der exotischen Musik noch verborgen ist. Daß die Wissenschaft früher nicht darauf gekommen war, hatte seinen Grund darin, daß es an einem Mittel fehlte, die musikalischen Aeußerun- gen der freniden Völker mit ihren charakteristischen Besonderheiten zu fixieren. Dieser Mangel wurde durch die Erfindung des Phono- graphen vollständig gehoben. Die ersten Phonogramme exotischer Musik lieferte Dr. W. Fewkes, der im Jahre 1830 Gesänge der nord- amerikanischen Zuni-Jndianer aufnahm. Das Verdienst aber, die Erforschung der exotischen Musik zu einer selbständigen Wissenschast gemacht zu haben, gebührt Stumpf, der zusammen mit Dr. O. Abra- ham und Dr. E. M. v. Hornbostel das Berliner Phonogrammarchiv gründete.„Jeder Reisende in einem noch wenig erforschten Gebiet sollte mit einem phonographischen Apparat ausgerüstet sein und möglichst viele Musikstücke und Gesänge aufnehmen." So beginnt das Jnstruktionsbüchlein, das im Auftrag des Berliner Museums für Völkerkunde Forschungsreisenden, Missionaren, Offizieren der Schutztruppe und anderen nebst einer phonographischen Ausrüstung mitgegeben wird. Dank dieser Einrichtung hat sich während des letzten Dezenniums der Bestand des Archivs von 30 auf 3000 Walzen vermehrt. Alle Weltteile sind musikalisch vertreten. Grönländische Eskimolieder(sie sind im vorigen Winter in Berlin zu Gehör ge- bracht worden) finden sich hier neben patagonischen Gesängen; aus Tunis wie aus Transvaal sind Aufnahmen vorhanden, aus Finn- land wie aus Ostturkestan, aus Sumatra wie von den Solomons- inseln. Aber auch von den Wendischen Bewohnern des Spreelvaldes und von berühmten Jodelkünstlern der Schweiz beherbergt das Archiv etliche Phonogramme. Mit einein so reichen Material läßt sich die vergleichende Musikwissenschast ganz systematisch betreiben. Auf Grund der so gewonnenen wissenschaftlichen Ergebnisse lassen sich die Behauptungen mancher früheren Forschungsreisenden, daß die Gesänge der Naturvölker in einem durchaus regellosen Geheul beständen, zur Genüge widenegen. Während die Rhythmik in unserer sich immer mehr nach der harmonischen Richtung entwickelnden Musik entartet, hat sie bei der reinmelodischen Musik der exotischen Völker meist einen außer- ordentlich hohen EntwickelungSgrad erreicht. Besonders wenn die Trommel mit im Spiel ist, treten häufig rhythmische Gebilde auf, die aufzufassen wir vollkommen außerstande smd. Afrika hat es darin anscheinend am weitesten gebracht. In Westafrika gibt es eine wahre Polyphonie des Rhythmus: drei oder mehr Trommeln tragen zu gleicher Zeit verschiedene Rhythmen vor, und ztvar als Begleitung zu einem Gesang, der wieder seinen ganz besonderen Takt und Rhythmus haben kann. Das außerordentlich geschulte Auffassungsvermögen für komplizierte rhythmische Gefüge bei den Negern zeigt sich auch in der sogenannten Trommelsprache, die bc° kanntlich eine Art drahtloser Tclegraphie bildet. Bei vielen Stäm- mcn West- und Mittelastikas besitzt jedes Haus eine Trommel, die bestimmt ist, Mitteilungen auf akustischem Wege in benachbarte Dörfer gelangen zu lassen. Da die hellen Töne dieser Holztrom- mein besonders während der Nacht auf sehr weite Strecken vernehm- bar sind, so bildet dieses Meldesystem einen äußerst wichtigen Faktor im Leben zahlreicher afrikanischer Negervölker. Es findet sich übri- gens auch in der Südsee und in Südamerika. Eine ausgesprochene Vorliebe für rhythmische Delikatessen in der Melodie selbst besitzen die Indianer, während die Trommelbeglcitung bei ihnen meist recht einfach ist. Von einem eigentlichen Tonsystcm kann bei den primitiveren Völkern nicht gesprochen werden. Die Leute kennen die Töne nur innerhalb ihrer Melodien. Wenn man einen afrikanischen Musiker auffordert, eine Tonleiter zu singen, so wird er nie begreifen können, was man von ihm will. Dagegen besitzen die exotischen Kulturvölker ihre eigenen, sehr beachtenswerten Tonsysteme. So können mit der 7stufigen siamesischen Tonleiter sogar europäische Melodien gespielt werden, ohne daß sie unserm Ohr wesentlich verändert erscheinen. Weit befremdender als das Tonshstem der Siamesen mutet uns ihre Art des gemeinsainen Musizierens an. In ihrem Orchester spielt jedes Instrument eine Variation des Themas, es ist also viel eher ein Nebeneinander, als ein Zusammenmusizieren. Wahrscheinlich haben schon die alten Griechen in ähnlicher Weise musiziert, wie es heute noch in Siain geschieht und auch auf Java, in China, in Japan und anderwärts. Neben diesen Studien, die mit Hilfe des Phonographen gemacht werden, sucht die vergleichende Musikwissenschaft festzustellen, welche Rolle die Musik im Leben der verschiedenen exotischen Völker spielt, bei welchen Gelegenheiten musiziert wird und von wem, ob Musik- Instrumente existieren und welcher Art und Abstammung sie sind. Daß die Tonkunst fast nirgends einen so geringen Faktor im öffent- lichen Leben bildet, wie in den Ländern mit europäischer Zivilisa!- tion, ist bekannt.„Wollt ihr wissen, ob ein Königreich gut regiert wird, ob die Sitten der Eingeborenen gut oder schlecht sind? Fragt die Musik!" Dies war die Ansicht von Konfuzius wie von Plato. Aber auch für die meisten primitiven Stämme ist die Musik ein un- entbehrlicher Bestandteil ihres Daseins; an allen fröhlichen wie ernsten Veranstaltungen beteiligt sie sich in hervorragender Weise. So muß die bisher übliche Verspottung der exotischen Musik einer aufrichtigen Achtung weichen. — 367- f raucn- und Kinderklcider. 1. Kleidsames Mäntelchen für«in S— IvjShrigeS Mädchen aus einem Stücke. lfemWM»�rrVvon�gL rCe/f� • hn3e 55cm. Zutaten: l1/« Meter doppelt breiter Stoff<120—14(1 om breit). IS ora Samt oder Seide. Beim Zuschneiden ist darauf zu achten, dast der Stoff doppelt liegt. Am besten eignet sich Tuch oder sehr breiter Cheviot von mindestens 120 orn Breite. Bei Tuch muff daraus geachter werden, dost der Faden, oder, wie der technische Ausdruck lautet, der Strich. nach unten läuft. Am Bermel ist ein 33 cm langes Stück anzusetzen. das oben 18 und unten 12 cm doppelt breit sein musz. Oben an der Naht werden, wie die Zeichnung zeigt, drei Säumchen, je 1 cm tief, genäht. Das oberste Säumchen mutz die Naht bedecken. Drei lleine Holzknöpfchen, mit gleichfarbiger Seide oder Samt überzogen, bilden die Verzierung. Die Revers sind mit Samt oder Seide zu besetzen. Der Mantel wird mit drei grotzen Holzknöpfen, die gleich» falls mit Samt oder Seide bezogen werden, vor» geschlossen. Der Rücken ist ohne Naht. Die Manschelten find ebenfalls wie die Revers mit Samt oder Seide zu beziehen. Zu den Revers eignet fich vortrefflich eine bunte Chinc-Seide, die im Farbenton des Mantelstoffes gehalten sein mutz und möglichst bunt sein kann. Am vorderen Mantelrand und um den Autzenrand der Reverss wird eine stoffarbige Seidenschnur genäht mit drei Schlingen, die zum Zu- knöpfen dienen, wie es die Zeichnung veranschaulicht. Ein IS cm breites Stück sogenanntes Schneiderleinen, aber nicht sehr steif, wird von der Schulternaht bis zum unteren Rand Vorn in den beiden Vorderteilen befestigt und zwar in der inneren Seite. Dieser Leinenstreifen wird mit Satin, Futterseide oder sonstigem Glanzsutter besetzt, �wozu das Doppelte, also 30 ew Futterstoff gehören. Auch der untere Aermelrand bekommt nach innen einen 4—5 cm breiten Leinenstreisen. Will man den Mantel weniger elegant und sehr billig herstellen, so kann man auch die Revers und Manschetten mit demselben Stoff besetzen. Für den einfachen Mantel betragen die Anschaffungskosten zirka 4—5 M., für einen eleganteren 8—10 M., einschlietzlich samt- licher Zutaten. Arbeitsdauer 5— 6 Stunden. Man kann das Mäntelchen vorn beim Verschlutz soweit über- «inandertreten lassen, wie es dem Körperchen des KindeS an- gepatzt ist. 2. Luftbadhöschen für ein 8— lOjährigeS Kind(auch als Unterhöschen an warmen Tagen zu tragen). > urtfen Naht* Stoffbreite 64, zur Halste gelegt 32 am. Dieses einfache bequeme Höschen kann aus Neffek, Satin oder ähnlichem sehr weichen, leichten oder porösen Stoff in einer halben Stunde hergestellt werden. Am besten hellfarbig, weitz. Erforderlich 35 cm Stoff. Die zwei gleichen Teile werden unten am Rand zusammengenäht, während das Höschen oben mit einem Knopf und Knopfloch geschlossen wird. Ringsum wird das Höschen schmal ge« säumt. 3. StofskniehöSchen und Pumphöschen für 8 biS lOjährigeS Mädchen. Stoffbreite 57 cm, doppelt geschnitten. Beim Zusammennähen werden Vorderblatt und Hinterblait aufeinandergelegt und nur die untere Hälfte und zwar X auf X zusammengeheftet. Bei der oberen Hälfte werden die beiden Vorder» blälter und zwar* auf* und die beiden Hinterblätter o auf o zusammengenäht. Im Seiteubruch kommt ein 15 cm tiefer Schlitz sowohl auf der reckten wie auf der linken Seite. Im rechten Seiten- schlitz wird die Tasche eingenäht. Oben wird das Höschen mit einem 2,/a om breiten Bündchen doppelt eingefatzt. Die Weite richtet fich nach der Gürtelweite des Kindes, mutz aber auf alle Fälle bequem um den Körper liegen. Das Höschen wird seitwärts links geknöpft. Der untere Rand des Höschens wird mit einem 2>/z cm breiten Futter- streifen umsäumt. Das Höschen darf nur kurz getragen werden, die Knie müssen frei sein. Will man aus diesem Kniehöschen Pumphöschen fertigen, so schneide man die unteren Hosenbeine vorn und hinten je 5 cm weiter und gebe unten in der Länge 5 cm zu. Dann wird unten Gummi eingezogen, das aber sehr lose um das Beinchen herum fitzen mutz. — Als passendes Ueberkleidchen empfehle ich den Russenkittel, der in der Unterhaltungsbeilage Nr. 34 erschienen ist. 4. Reformhose oder Rockhose für Frauen und M ä d ck e n. An Stelle der lästigen Iluterröcke zu tragen. 27cm. odek> ZZcm. 76> Hinterblaft doppclfi 39cm. weif ■5 3 t- cQ S'tcm. m c— &> Ol c ■19 Vordcrblalt doppelt 39 cm. weife Lstcm. 1cm, unfen 78 cm. man für die wärmere Alpaka usw., und für Stoffbreite 78 cm. Diese sehr bequeme Resormhose fertigt Jahreszeit in leichtem Stoff, wie Satin, kühle Tage in warmen Wollstoffen an. Man nähe die vordere und Hintere Hosenkante zu einer Naht zusammen und zwar X auf X- Dann nähe man die beiden Vorder- blätter zu einer Naht zus immcn und zwar* aus*. Zuletzt die beiden Hinterblätter und zwar o auf o. Der obere Rand wird hinten so viel eingereiht oder in Falten gelegt, wie es zur Gürtel- weite patzt. Man kann die Hose hinten in der Naht durch einen langen Schlitz, der von oben gerechnet etwa 50 cm lang zu halten ist, mittels Druckknöpse schließen. Zu diesem Zweck muß man einen ebenso langen Untertritt 2— 3 om breit annahen. Die Druckknöpfe können in Abständen von etwa 8 om auf der Naht befestigt werden. Kalls man die Hose lieber seitwärts schliehen will, schneidet man im WruÄ einen Schlitz von 28—30 sm Länge zu beiden Seiten. Der obere Bund an der Rockhose kann gerade oder rund sein, je nach Geschmack, mutz aber auf alle Fälle lose im Gürtel fitzen. Der untere Hosenrand lvird mit einem 3 om breiten Bündchen, das doppelt sein muß, eingefaßt Man kann den unteren Hosenrand einreihen und an das Bündchen setzen, das die Kuieweite haben muß. Oder man setzt das untere Bündchen glatt an und knöpft es dann mit einem Druckknopf übereinander. Zu diesem Zweck muß man unten im Bruch einen 8 om hohen Schlitz einschneiden. Die Hose kann man unter Kniehöhe oder über Kuiehöhe tragen. Je nachdem muß in der Länge zugegeben werden. Bei 75 om Länge ist 1,60 Meter Stoff erforderlich, wenn der Stoff 76—80 om breit liegt. Bei 60 om breitem Stoff braucht man l3/« Meter und bei 120 cm breitein Stoff nur einmal die Länge, also 76—30 om. Kleines feuilleton. DaS„Antlitz" der Landschaft. Was den meisten Menschen ein Nicht in Begriffe zu bannendes Empfinden bleibt, wenn sie, irgend ein Landschaftsbild betrachtend, sich nicht sagen können, woran es liegt, warum diese Gegend so, eine andere wieder ganz und gar verschieden auf sie wirkt, das hat Alexander v. Humboldt mit wenigen Worten meisterhaft erfaßt und zu analysieren verstanden. Wir ent- nehmen diese seine Charakteristik dem in der von N. H. Francs gegründeten„Natur-Bibliothek"(die„N.-B." erscheint bei Theodor Thomas. Leipzig, und bringt ausgewählte Abschnitte oder voll- tkommene Neudrucke von den älteren Klassikern der Naturwissenschaft und Technik in fortlaufenden Heften, das Stück zu 26 Pf.s neu- erscheinenden Humboldtschen«Kosmos', da sie nur wenigen bekannt zu sein scheint. Humbold schreibt: «Jede Begetationszone hat außer den ihr eigenen Vorzügen auch ihren eigenen eigentümlichen Charakter, ruft andere Eindrücke in uns hervor. Wer fühlt sich nicht, um an uns nahe vaterländische tßflanzenformen zu erinnern, anders gestimmt in dem dunklen Schatten der Buchen, auf Hügeln, die mit einzelnen Tannen bekränzt sind, und auf der weiten Grasflur, wo der Wind in dem zitternde» Laube der Birken säuselt? So wie man an einzelnen organischen Wesen eine bestimmte Physiognomie erkennt, wie beschreibende Botanik und Zoologie im engeren Sinne des Wortes Zergliederung der Tier- und Pflanzenformen sind: so gibt es auch eine gewisse Ratürphysiognomie, welche jedem Himmelsstriche ausschließlich zukommt. Was der Künstler mit den Ausdrücken: Schweizer- »atur, italienischer Himmel bezeichnet, gründet sich auf das dunkle Gefühl eines lokalen NawrcharakterS. Himmelsbläue, Wolken- Gestaltung. Dust, der auf der Ferne ruht, Saftfülle der Kräuter, Glanz des LaubeS, Umriß der Berge sind die Elemente, welche den Totaleindruck einer Gegend bestimmen. Diesen aufzufassen und anschaulich wiederzugeben, ist die Aufgabe der Landschaftsmalerei. Dem Künstler ist es verliehen, die Gruppen zu zergliedern: und unter seiner Hand löst sich(wenn ich den figürUchen Ausdruck tvage» darf) das große Zauberbild der Natur gleich den geschriebenen Werken der Menschen, in wenige einfache Züge auf.' Statistisches. Dr. Erich Simon, Statistisches Taschenbuch. (2. Jahrgang 1S11. 1 M. Verlag von A. Bodenburg.) Es ist uicht jedermanns Sache, sich durch die amtlichen statistischen Ver- öffentlichungen(selbst das«Statistische Jahrbuch' für das Deutsche Sieich oder das für Preußen) durchzufinden; auch find jene stets zu spezialisiert oder zu umfangreich, um dem Laien schnell Antwort auf statistische Fragen erteilen zu können, die ihm bei der Zeitungs- lektüre, in der Agitation aufstoßen. Das Simonsche Taschenbuch lbietet nach Stichworten in alphabetischer Reihenfolge statistische Daten, die im allgemeinen für den Laien ausreichen dürften. Er- freulicherweise ist die Arbeiter-(speziell Gewerkschafts-) Statistik relativ ausführlich behandelt. Eiu Kalendarium(bis März 1912), eine reichhaltige Zusammenstellung von Verkehrs- und Steuertarifcn und ein Anhang mit einer Detailstatistik über Groß-Berlin und das Aus- land vervollständigen den Inhalt. Die Zahlenangaben, die der- gleichSweise meist bis auf das Jahr 1870 zurückgehen, zeichnen sich durch absolute Verläßlichkeit aus; der Verfasser benutzte nur amt- liches Material. Das empfehlenswerte Büchlein ist in zwei Ausgaben(zu gleichem Preise von 1 M.) erhältlich; die auf dünnem Papier verdient ihrer Handlichkeit wegen den Vorzug vor der auf gewöhnlichem Papier. . Ii. D. Erziehung und Unterricht. E i n eigenartiges Anschauungsmittel besitzt die Bürgerschule zu Freiberg i.