Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 93. Dienstag, den 16. Mai. 1911 (Nachdruck verboten.) 281 Das Gemcinddrind ü Erzählung v. Marie v. E b n e r- E s ch e tl b a ch. Diese Mitteilung wurde so gleichgültig aufgenommen, als sie gemacht worden war. Pavel ging heim, bestellte sein Haus, sperrte es ab und begab sich beinahe fröhlichen Mutes nach dem Orte seiner neuen Bestimmung. Das wenige, das er bei der Assentierungskommission vom militärischen Wesen gesehen, hatte ihm sehr gefallen.— Dem Schmiede wurde viel Lob zuteil wegen der wieder vollkommen hergestellten Maschine; er schien es jedoch nur ungern anzunehmen und brachte, wenn jemand damit anfing, das Gespräch sofort auf etwas anderes. Daß die Hilfe Pavels nötig gewesen war, um die Ursache des Schadens, den das Lokomobil erlitten hatte, zu entdecken, wollte ihm nicht über die Lippen.'. Während Pavels Abwesenheit kam die Frage, wer die Rechnung über die Reparatur des Zaunes bezahlen solle, im Gemeinderat auf die Tagesordnung. Der Wirt ließ mit Drängen nicht nach und setzte die Erledigung der Angelegen- heit endlich durch. Stimmenmehrheit entschied: Der Bub zahlt— man ist ja schon früher einig darüber gewesen. „Wenn er aber nicht kann," wendete der Bürgermeister ein. „Ach was, wie soll er nicht können? Er hat Geld, und wenn er keins hat, ist ja sein Haus da, das immerhin ein paar Gulden wert ist. Mag ihn der Wirt auspfänden lassen." Dabei blieb es, trotz des Verdrusses, den dieser Beschluß dem Biirgermcister verursachte. Als Pavel nach der Uebungszeit heimkehrte, fand der Wirt sich schleunigst bei ihm ein, erzählte ihm, was in seiner Angelegenheit ausgemacht worden war, und endete mit der Versicherung, daß an der Sache nichts mehr zu ändern sei, und Pavel unweigerlich zahlen müsse. Der riß die Augen immer weiter auf; es kochte in ihm, obwohl er äußerlich ganz ruhig schien. Dennoch wurde dem kleinen, dicken Wirt unheimlich beim Anblick dieser Ruhe. „Wer hat denn das bestimmt, daß ich zahlen muß?" fragte Pavel. „Nun, die Gemeinde, der Bürgermeister, die Bauern." „Der Bürgermeister, die Bauern," wiederholte der Bursche und trat einen Schritt auf ihn zu, der Wirt aber mehrere zurück. „Zahl," sagte er;„wenn Du gleich zahlst, laß ich die Kreuzer nach... laß ich einen Gulden und die Kreuzer nach." „Setz Dich und zieh den Gulden und die Kreuzer gleich von der Rechnung ab." Der Wirt hätte gern widersprochen, wäre dieser Auf- fordcrung sehr gern nicht nachgekommen, aber er tat es doch und erkundigte sich dann schüchtern:„Wirst Du jetzt zahlen?" „Eher nicht, als bis ich mit den Bauern gesprochen habe. — Am Sonntag komm ich ins Wirtshaus und spreche mit den Bauern.— Auf was wartest Du noch?" Die Frage war mit einem Ausdruck gestellt, der den Wirt veranlaßte, sie nicht erst in wohlgcsctzter Rede, sondern sogleich mit der Tat zu beantworten und dabei nicht mehr Zeit zu verlieren, als er brauchte, um die Tür zu erreichen, die er mit vorsichtiger Geschwindigkeit hinter sich schloß. Abends erzählte er seinen Gästen:„Der Kerl hat Euch beim Militär ein Wesen angenommen wie ein 5iorporal. Einer der keine Courage hat, könnt sich vor ihm fürchten, und am Sonntag will er kommen, hierher ins Wirtshaus, und mit den Bauern reden." Die Gäste— unter denen auch Anton und Barosch sich befanden— widersprachen der Behauptung, daß man Courage brauche, um sich vor Pavel nicht zu fürchten, und Barosch meinte, die Absicht, mit den Bauern zu reden, könne der Bub haben, ausführen werde er sie schwerlich:„Weil," und dabei klopfte er voll ungewohnter Hochachtung gegen sich selbst an die eingefallene Brust:„weil wir mit uns nicht reden lassen." „Ueberhaupt," rief der Wirt,„nimmt er sich in der letzten Zeit viel zu viel heraus." „Was denn eigentlich?" fragte Anton, der bis jetzt ge- schwiegen hatte, worauf der Wirt versetzte: „Und man soll es ihm einmal wieder zeigen." „Was soll man ihm zeigen?" Auf diese zweite Frage erhielt Anton ebenso wenig Ant- wort wie auf die erste, niemand wußte eine; trotzdem stimmten alle dem Wirte bei: Der Bub nimmt sich zu viel heraus, und man muß„es" ihm einmal wieder zeigen. Und eine kleine Karikatur der Fama setzte eine Kinder- trompete an den Mund und huschte im Dorfe umher von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte und verbreitete die Kunde, am Sonntag kommt das Gemeindekind ins Wirtshaus und wird dort Rechenschaft verlangen von seinen Nährvätern, und die werden ihm das geben, was ihm gebührt; sie haben sich's vorgenommen, sie werden„es" ihm einmal wieder zeigen. Worin das geheimnisvolle„es" bestand, verriet die kleine Fama nicht und gab dadurch dem erwarteten Ereignis einen ganz besonderen Reiz. Am Sonntag war das Wirtshaus überfüllt; aber der Bürgermeister erschien nicht und von den Räten nur der älteste, Peschek, ein braver Mann und auch energisch, wenn er nicht eben an Schlafsucht litt. Peter hatte sich eingefunden mit seiner zahlreichen„Freundschaft". Er sah übel aus, seine Kleider schlotterten um ihn, seine Stimme war heiser, und sein Atemholen glich dem Geräusch einer arbeitenden Säge. In der dunklen Ecke neben dem Ofen hockte auf einem Schemel Virgil. Das rote Gesicht des Alten und seine fun- kelnden Augen glänzten aus dem Schatten hervor. An die große Wirtshausstube stieß das einfenstrige Zimmerchen, in dem der Honoratiorentisch stand. Vor einer Weile hatten der Doktor und der Förster an demselben Platz genommen und den einzigen Zugang, den es hatte, die Tür ins anstoßende Gemach, offen stehen gelassen, da auch sie nicht ganz ohne Neugier den Dingen, die da kommen sollten, entgegensahen. Sie blinzelten einander zu, als der Wirt hereinglitt mit anmutig auswärts gesetzten Füßen, wie er zu tun pflegte, wenn er das Extrazimmer betrat, und lispelte: „Da ist er." Pavel trat ein, und zum allgemeinen Erstaunen kam Arnost in seiner Begleitung. Waren am Ende gute Kameraden geworden während ihrer Dienstzeit?— etwas Militärisches hatten beide angenommen. In strammer Haltung, ohne den Hut zu lüften, trat Pavel auf den Tisch der Bauern zu. Er trug ein weißes Blatt, das er langsam entfaltete, in der Hand, näherte sich Peschek, hielt es ihm vor die Augen und sprach:„Der Wirt sagt, daß der Bürgermeister und die Bauern wollen, ich soll die Rechnung bezahlen; ist das wahr?" Kein Laut der Erwiderung ließ sich vernehmen. Peschek hatte gar nicht aufgeblickt, und Pavels Stimme klang vor Bewegung so unterdrückt, daß der Rat bei dem herrschenden Durcheinander auch wirklich tun konnte, als hätte er die Frage überhört: er klopfte mit dem geleerten Bierglas traumselig auf den Tisch und mahnte den Wirt einzuschenken.. Pavel wartete, bis das geschehen war, dann wiederholte er Wort für Wort sein Sprüchlein. Zum zweiten Male verweigerte ihm Peschek seine Aufmerksamkeit, und nun legte Pavel die Hand aus dessen Schulter und sprach fest und drohend:„Ant- wortet mir!" „Hund!" ertönte es vom anderen Ende des Tisches: Peter hatte geredet, und in seiner Umgebung erhob sich ein bei- fälliges Gemurmel. Pavel jedoch drückte stärker, als er wußte und wollte, die Schulter des alten Rates. „Ob ich zahlen muß, frag ich Euch, frag ich die Bauern, frag ich den dort," rief er zu Peter hinüber. „Ja! ja! ja!" wetterten ihm alle unter einer Flut von Flüchen entgegen. Peschek wand und krümmte sich: ihm war der Schlaf vergangen: so wach hatte er sich lange nicht gefühlt und kaum je so hellsehend. „Laß mich los," drohte er zu Pavel hinauf und dachte bei sich: An dem Menschen wird ein Unrecht begangen. � „Ich kann Dir nicht helfen," fuhr er fort,„auch tvenn ich möchte... Du mußt zahlen." Pavel wechselte die Farbe und zog seine Hand zurück. „Gut," knirschte er,„gut also." Langsam, mit einer feierlichen Gebärde, griff er in die Brusttasche, entnahm einem Umschlage, den er bedächtig öff- nete, eine Zehngulden-Note, reichte sie samt der Rechnung dem Wirt und sprach:„Saldier und gib heraus." Eine Pause des Erstaunens entstand; d a s hatte ntH' sftähS crfoötlel;'Scha?en?rSud'e und Enitäuschung teilten sich !m die Herrschaft über die Gemüter; nur der Wirt war eitel Entzücken. Bereitwilligst legte er, nachdem er. die Banknote cingesteckk. einen Gulden vor Pavel hin. Dieser nahm ihn in Empfang, kreuzte die Arme und striar? einen kühnen, herausfordernden, einen echten Feld- Herrnblick über die ganze Gesellschaft.„So," sagte er; seine Stimme war nicht mehr umschleiert; sie klang laut und mächtig, und mit einein wahren Genufc ließ er sie zu den Worten erschallen: „Und jetz sag ich dem Gemeinderat' und den Bauern, haß sie alle zusammen eine Lumpenbagage find." Ein einziger Aufschrei beantwortete diesen unerhörten Schimpf, den der Geringste im Dorfe den Reichen, den Machthabern zugcschleudert. Die Nächststehenden stürzten sich auf ihn und hätten ihn niedergerissen ohne Änrost und Anton, die ihm zu Hilfe kamen. Als in dem furchtbaren Lärm die Worte„undankbare Kanaille", die Peter ausge- stoßen, an Pavels Ohr schlugen, bäumte er sich auf, und mit der Beivegung eines Schwimmers, der mit beiden Armen die auf ihn eindringenden Wellen teilte, hielt er sich die Menge, die ihn bedrohte, vom Leibe. ,, (Lortsetzung folgt.Z Der Schutzmann. Eindrücke eines Ausländers.- Bon Martin Andersen Rex?. ' Ich sißc auf dem T«ich zwischen Preußen und Sachsen, mit einem Bein in jedem Lande. Drüben auf preußischem Boden stolziert ein Gendarm auf und ab und schielt garstig zu mir herüber. Sein bläuliches, aufgeschwemmtes Gesicht mit dem hava- rierten Schnurrbart und den kalten, vorstehenden Augen, die nichts anderes können als beobachten, erinnern auffallend an den eisernen Kanzler auf den billigen Massenreproduktionen; der schwere, zu- geknöpfte Mantel und die Pickelhaube bilden treffliche Symbole eines Wesens, das gleich unempfänglich für Liebkosungen wie für Schläge ist. Der Mann da ist die Unbestechlichkeit in Reinkultur— die unerbittliche, starre Gewalt. Ich bin so unbedachtsam gewesen, Preußen mit einem roten Schlips zu durchreisen. Du lieber Himmel, wenn man keine roten Haare hat— etwas Rotes muß man doch anlegen. Es hat zwar nichts Feuer gefangen, aber die rote Farbe muß eine eigentümliche abnorme Wirkung auf die preußischen Behörden ausüben: die Schutzleute haben mich systematisch angeknurrt, und das Rixdorfer Polizeipräsidium hat sich sogar genötigt gesehen, mir ein Ultimatum zu stellen. Gestern war es abgelaufen; und weil ich ungern mein bißchen Farbe verleugnen will, so sitze ich nun hier, um den Un- annehmlichkeitcn einer Ausweisung aus dem Wege zu gehen. Der Gendarm dort hat sofort gemerkt, daß ich verdächtig bin; für so etwas haben er und seinesgleichen ja einen scharfen Geruch. Seine wachsamen Augen verlassen mich keinen Augenblick. Und um ihn zu necken, strecke ich von Zeit zu Zeit ein Bein aus und scharre mit dem Absatz in den, unfruchlbaren preußischen Junkersande; dann kommt er bissig herangeftürzt— und ich ziehe mein Bein schleunigst an mich und lache. Gewissermaßen amüsiert auch er sich dabei; er ist ganz in Anspruch genommen und sehr gespannt, ob ich es wagen werde, es noch einmal zu tun. Die Jagdlaune ist in ihm wach; und nur seine unvergleichliche Dressur hindert ihn baran, über die Grenze zu stürzen und mich anzufallen. Mit einer gewissen Befriedigung sitze ich hier und blicke zurück, Nachdem ich mich ein paar Monate lang über preußische Polizeiwill- lür, preußischen Beamtendünkel geärgert habe. Der Aergcr galt nicht mir selbst— ich bin auf alles Mögliche eingerichtet—, sondern diesem intelligenten, fleißigen und dem Gesetze beinah allzu gehör- samcn Volke, das sich wahrlich schwer gegen den Himmel versündigt haben muß, da es mit solch einem Regiment gestraft wird. Ich bin bisher zu dem Ergebnis gelangt, daß Preußen ohne Polizei daS angenehmste Land mit der größten Rechtssicherheit sein würde. Die Bevölkerung scheint mir ausgezeichnet Justiz zu üben; man muß die gute Laune bewundern, mit der die Deutschen überhaupt jeg- licher Reibung zu begegnen verstehen— zum Beispiel beim Massenandrang zu Lokalen oder Bahnhöfen—, wenn nur die Polizei sich fern halt. Man muß natürlich in die Gegenden hinaus, wo die armen Leute wohnen, um zu sehen, wie der öffentliche Apparat funktio- niert. Ein glücklicher Zufall verschlug mich nach Rixdorf— diesem Vorort Berlins mit einer Viertelmillion Einwohnern. Sonst hätte ich mir wohl die üblichen Touristencrfahrungen über eine Salon- Polizei erworben, die nichts anderes zu tun weiß, als Automobile für die Herrschaften herbeizurufen. In den endlosen Arbeitervororten von Berlin wird die Bc- völkerung ganz unglaublich behandelt, sowohl von den Schutzleuten, früheren Unteroffizieren, wie auch von den Staats- und Gemeinde- beamten, die meist gleichfalls dem Heere angehört haben. Der hochfahrende Beamte, iton, der bei uns in Dänemark vor zehn bis swanzig Jahreg üblich Kgr� herrscht hie; noch Meingeschränkt, Es ist ein IamMr, misasszü sehen, tvse efti armes MüHcrchcf, kaS einen Korb mit etwas Proviant für ihren Sohn, der bei den Sol- baten ist, gepackt hat, von einem feisten Postbeamten abgekanzelk und wieder nach Hause gejagt wird— weil die Verpackung nicht vorschriftsmäßig ist. Ausländische Arbeiter werden hierzulande freigebigst nach dem Tarif: Polnischer Ausschuß! behandelt. Sie sind ziemlich rechtlos und leben— namentlich nach dem neuen Gc- setz über die Arbeitspapiere— ganz und gar von der Gnade der Obrigkeit. Naturalisiert würden sie ja selbstverständlich einen, wenn auch verschwindend kleinen Zuwachs zur deutschen Sozialdemokratie ausmachen— und also den Untergang der Welt beschleunigen helfen. Vielleicht hat der liebe Gott es gerade deshalb den Leuten auS dem Arbeiterstande fast unmöglich gemacht, preußische Bürger zu werden; sie müssen jederzeit über die Grenze expediert werden können. In dem ideenreichen Deutschland tut man klug daran, hinter allem eine Idee zu suchen; und natürlich hat es seinen bestimmten Zweck, wenn ein paar hunderttausend abgedankte Unteroffiziere zn Herren einer Nation gemacht werden. Die prcußisehe Polizei ist wohl überhaupt die einzige, die sich auf einer Idee aufbaut. Aber auch die Beamten des Zoll-, Post- und Verkehrswesens entstammen dem Heere. Von den sämtlichen Polizeibcamtcn Preußens find fünfundncunzig Prozent frühere Unteroffiziere— und das heißt wiederum zum großen Teil Bauernknechte, die während der Dienst- zeit ungewöhnliche Anlagen für Dressur und Gehorsam gezeigt haben. Es stich körperlich kräftige, geistig stumpfe Individuen, die nach oben hin blind gehorchen und nach unten hin blinden Gehör- sam verlangen— Leute, die nie vom Drang nach persönlicher Lebensäutzerung angefochten werden, und die es für ein Verbrechen halten, selbst zu denken. Auch sie gehören der unteren Klasse an. aber ihr Drang, emporzukommen, hat sich in sklavische Bewundc» rung vor allem Höherstehenden und Haß gegen ihresgleichen gc- wandelt. Die preußische Polizei respektiert— genau so wie die Hofhunde daheim— die schönen Kleider und fährt dem armen Schlucker an die Beine, in der richtigen Erkenntnis ihrer Aufgabe; allen demokratischen Fortschritt von der großen Junkerdomäne fernzuhalten. Herr b. Jagow hat den Berliner Schutzmann mit vollem Recht als die unbefleckte Ehrenwache gegenüber der Sozial- dcmokratie gefeiert. Trotzdem erscheint der Gedanke ja desperat, die weniger werk- vollen Elemente des niederen Volkes so abzurichten, daß sie den Ausstieg ihrer Klasse verhindern und sich zu Hütern schamloser Junkermonopole abrichten zu lassen. Wer die Waffen gegen seines- gleichen kehren muß, macht sich stets bezahlt dafür; der Feind ist in der Regel den Mietstruppcn vorzuziehen. Schon Bismarck nennt in einem Brief an Mantcuffel die preußische Polizei— seine» eigenen Sproß— die gröbste in Europa. Nicht selten begegnet man hier Ausländern, die ganz begeistert sind von dieser Polizei und dem ganzen System, daß sie am liebsten gleich auch in ihre Heimat verpflanzen möchten. Hier herrsche doch endlich Ordnung in den Dingen, meinen sie; die Polizei intcr- essiere sich nicht erst für die Leute, wenn sie etwas begangen haben, sondern habe sozusagen einen Fingerabdruck von jedem Menschen. Diese Leute haben ihr politisches Ehrgefühl zu Hause gelassen; sonst würden sie sehen, daß die Polizei sich hauptsächlich für den poli- tischen Standpunkt der Menschen interessiert. Der Deutsche selber ist nicht so entzückt von dem System. Vorläufig bahnen zwar mehr die, die es handhaben, als das System selbst der Opposition die Wege; darum ist diese Opposition auch. politisch gesehen, noch recht schwach befestigt. Aber man muß doch — namentlich nach Moabit— bis in Regierungskreise gehen, che man einen findet, der die Polizei verteidigen mag. Das Ganze enthüllt sich als eine— sicherlich einzig dastehende — Feldwebelherrschaft. Der Deutsche bört erstaunt, daß es da draußen in der Welt Zivilbehörden gibt, die über der Polizei stehen. In Paris hat der Gemcindcrat den Polizeipräsckten vorgeladen, um von ihm eine Erklärung für das Auftreten der Polizei während eines Streiks zu erlangen— und der Präfekt kommt I Herr von Jagow würde kurzen Prozeß machen und den ganzen Stadtrat von Berlin ins Loch stecken, wenn der es wagen sollte, den Polizei- Präsidenten um eine Begründung des Blutbades in Moabit zu er- suchen. Man ist in Preußen im Begriff, zu entdecken, wie plump im Grunde die ganze Herrlichkeit ausgebaut ist; und man beginnt Angst zu bekommen vor diesem robusten Wesen mit der Pickelhaube. — dem man solange vorgeredet hat, daß es eine Stütze der Macht sei, bis es ansing, sich mit der Macht zu identifizieren und auch nach oben hin die Zähne zu zeigen. Moabit hat seinen großen Anteil daran. Diese Revolte, wo die Polizei— veranlaßt durch unbedeutende tlnrubcn— in wildein Berserkcrgang auf Hoch und Niedrig einschlug, sie hat vielen die Augen geöffnet. Man hatte sich wohl eingebildet, auf einem Vulkan zu wandern: dem Proletariat, und da wendet sich nun unsere eigene Schutzwchr gegen uns, geblendet von wildem Mackitgesühk. Jeden Augenblick können wir selbst dem wütenden Angriff zum Opfer fallen. Das regt dazu an, sich auch nach anderen Schutz- Mitteln umzusehen— um eventuell ein gerechteres Verhältnis zur EntWickelung zu gewinnen. Moabit scheint mir einen Wendepunkt in der sozialen Ge- schichte Teutschlands zu bedeuten, — 371— Richard Wagners Lebens- erinncrungen/) Der NaSAilg der ersten LebcnShälfte des VnyrcutZicr Kunst- reforinators, iustrunrentiert von ihni selbst(und wahrscheinlich auch seiner Fremldin und Gattiu Cosiura) ist setzt erschienen, nachdem die «lusikalische Welt monatelang vorher durch eine geschickte jour- nallstische und buchhändlerische Reklame künstlich in Cpanumig der- setzt war. Die Mitteilungen reichen von der Geburt bis zum Lahre 1b64, als durch fürstliche Gönnerschaft eine entscheidende Wendung in Wagners bis dahin äußerlich unter stetem Druck von Not und Sorge verlaufenen Leben eintrat. Der Künstler bat seine Memoiren an langen Winterabenden in seiner Villa Triebschen bei Luzern 1866—73 seiner zweiten Frau Cosima Liszt in die Feder diktiert. DaS Diktat wurde dann in wenigen, nur für die Intimsten der Familie bestinunten Exemplaren durch italienische, der deutschen Sprache unkundige Setzer vervielfältigt. 28 Jahre nach des Meisters Tode, zwei Jahre vor dem Freiwerden seiner dramatischen Werke, übergibt nun die Witwe und ratkräftige Verwalterin seines geistigen Erbes die interessanten Aufzeichnungen der Oeffenilichleit. Offenbaren nun die SM Druckseiten, deren vornehmster Wert, wie Wagner selbst behauptet, in der.schmucklosen Wahrhastig- keit* beruhen soll, der Nachwelt wirklich so Unerhörtes? Gewinnt man neue Kenntnis von dem ungeheuren Tatsachenmaterial des Wagnerschcn Lebens, das doch die Maulwurfsarbeit zahlloser Bio- oraphen und Kommentatoren schon bis in die engsten Folten durch- forscht hat? Oder find diese Erinnerungen, vergleichbar idt-.: Htvstey Vekenntnisbnchern, Ouellen zur Erkenntnis der Triebkräfte Männer? Nein,.WagnerS Leben" wird keinen„Platz ist>er literatur" finden, wie der Verleger gern möchte, eS wird nicht den erzieherischen Wert von Lebensbeichten haben, die geniale Menschen mit der erlösenden Kraft eines schmerzlichen seelischen Geständnisses, mit dem Mut der Selbstvernichtung durch rücksichtslose Offenheit, Wahrheit und Ehrlichkeit abgelegt haben. Geniale Menschen, die zugleich große Charaktere waren. Und der war Richard Wagner nicht. Ihm fehlt trotz allem scheinbaren Realismus, trotz zeitweise durchbrechender Selbstironie— die immer ein Zeichen des über der Sache Stehens, des objekiven Humors ist— die letzte Ehrlichkeit vor fich selbst. Er schreibt jede Zeile für die Unsterblich- keit, er spricht zur kosmopolitischen Gemeinde überzeugter Gläubiger, die in blindem Vertrauen zu ihrem Heros aufblicken sollen. Eine Lebcnsbeichte aber legt man nur vor fich selbst ab. Dem Künstler, dem dramatischen Gestalter der deutschen Mythologie, dem tönenden Verkünder menschlichen Seelenlebens, dem Wieder- erwccker Hans SacksenS, dem Reformator der Oper, dem großen Musiker Wogner nimmt do? Buch nichts von seinem bleibenden Wert, aber den Menschen Wagner stellt es auf ein recht niedriges Piedestal. Ja, es bedeutet in vielen rein- mcnschlischen, geselstchastlichen und persönlichen, in allen politischen Dingen eine komplette Entthroming. Das pangermanistische Kultur- Idol der Chamberlain, Wolzogen, Housegger und Glasenapp, der theoretische Berkündcr der erlösenden christlichen Lehre deS Mitleids und Mitleidens schrumpft in eigener Beleuchtung bedenklich zusammen zu einem Bilde, besten menschliche Züge fast durchweg abstoßen. Und das, trotzdem der Schauspieler in Wagner, der„L-isnstoe pai excellonce*, wie ihn Nietzsche, sein tiefster Kenner, genannt hat, jeden Abschnitt, jeden Satz inhaltlich(nicht stilistisch, den» das nnbe- holfen-schwülstige Oberlehrcrdeutsch mit seinen Schachtelsätzen ist nichts weniger als effektvoll) auf Effekt komponiert hat. auf Wirkung nach außen. Trotzdem das einzige große Leitmotiv des Buches der Egoismus ist und der große Künftlerivahn mit dem Ich als Welt- Mittelpunkt, die Selbftbespiegelung und der Wille, auch über Leichen zu schreiten, um nur sich selbst durchzusetzen. Daß dieser weniger in seinen Mitteln wie in seinen Erfolg?» geniale KüiistleregoismuS als Schutzwehr gegen fremde Einflüsse und Hindernisse notwendig war, steht freilich auf einem andern Blatte. Der Musiker und dramatische Künstler Wagner, deffen revolutionäre Knnsttaten mit elementarer Krast den stagnierenden deutschen Kunstsumpf der.nach-llassischen Periode" aufwühlten, sah wie sein Siegmund gegen sich die Welt in Waffen wüten. Er sah seine ganze Zeit gegen sich; der deutsche JndifferentiSmuS in idealen Dingen hat fich nie schmerzlicher be- währt als im Fall Wagner. Also mußte die zähe und gewaltige Naturkraft, die in dem unscheinbaren Manne mit dem venßern eines kleinen sächsischen Schulmeisters steckte, alle ihre Widerstands- energien frei machen und bis zur Brutalität gegen gleichstrebcnde Kunstgenossen, bis zur Kriecherei gegen Geldmänner und rufluß- reiche Machthaber sein großes Ziel: Reform der deutschen Opern- bühne, Gründung eines deutschen National-Theaters für das Wagnersche Drania zu erreichen suchen. Denn auch Wagner war nur daS Produkt der Verhältnisse. Der Wert deS Buches liegt meines ErachtenS weniger in der noch Möglichkeit getreuen Widerspiegelung individueller und zu- fälliger Geschehnisse, als im Typischen. Es zeigt mit vorbildlicher Deut« lichkeit die EntWickelung und den Werdegang des deutschen Künstlers im Zwiespalt mit der bürgerlichen Gesellschaft. ES beweist, daß *) Mein Leben von Richard Wagner. 2 Bände. SM Seiten. Brosch 20 M., geb. 25 M. F. Bruckmann, München 1011. der Erfolg auch für den bürgerlichen Künstler der stärkste politische Regulator ist und in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung immer bleiben wird. Es enthüllt das ungeheure Symbol Fasners, des proletarischen Riesen und Kärrners für den pluto- kralischcn Bauherrn Wotan. Als der im Elend frondete und nach Gold hungerte, da hob er die Maust gegen die göttlichen Beschützer des Bestehenden i als er aber rn den Drachenwurm verwandelt daS Kapital hütete, da brüllte er dem jugendlichen Umstürzer und Welt- erneuerrr Siegsried sein berühmte?:„Ich lieg' und besitz'. Latz mich schlafen I" entgegen. Genau so Wagner selbst, der verkörperte Zwiespalt zwischen revolutionären Jugend-Jdcalcn und sattem Philistertum. Und dieser Zwiespalt schlich sich auch in sein künst- lerischcS Lebenswerk ein. Der„Ring des Nibelungen", daS vier- teilige Drama vom Fluch deS Goldes und von der stärkeren Macht erlösender, opferbereiter Liebe, das musikalisch-dichterisch seine Theorie vom allumfassenden Gesamlkunstwerk erhärten sollte, ist inhaltlich ein Zwitterding geworden, ein Spiegelbild der wechselnden Ideale des Politikers und Soziologen Wagner. 28 Jahre lagen zwischen Beginn und Vollendung deL Ring-Gedichts. Der Dresdener Auf» stand, Roeckel, Bakunin, Schopenhauer, Ludwig IL, Bismarck, der 70et Krieg, die deutsche Rcichsgründung lagen dazwischen. Dia Ideen des Laubeschcn revolutionären Jungen Deutschlands klingen noch deutlich an bis zum„Siegfried". Aber im letzten Teil:„Die Götterdämmerung" ist Wagner ein anderer geworden und verleugnet mit Posannen und Trompeten seine politische Vergangenheit auch als Textdichter. Nicht Siegfried war gekommen, sondern AiSmarch nicht daS Walhall der freien Geister, sondern die Zwingburg der kapitfl1isicr:ei> Gründerzeit. Shaw drückt diesen inne putsche Nntionaldranm" zerklüftet, so auS:„J. „, Deutschlands von 1849 bis 70 die Geschichte � ckliSigewescn wäre, nur transponiert in die Tonck artigen Lebens, so würde die Götterdämmerung die logische Voll- endung deS Rheingolds und der Walküre gewesen sei», statt de? opernhaften Anachronismus, der sie tatsächlich ist". Man darf ein Fragezeichen dahinter machen. Denn der große Revolutionär in der Kunst W., war niemals ein Revolutionär in Politik, Lebe» und Gesellschaft. Er kokettierte mit Führern wie Bakunin und Lassalle, die er wie alle Menschen, die er auf seinen steilen Lebenskurven an sich vorübergehen sah, nur zur Folie seiner persönlichen Eitelkeit benutzte...Tie Siegfriede von 1848 waren für ihn hoffnungslose politische Mißerfolge, während die Wotane und Alberiche und Loge hervorragende politische Erfolge waren." Der am künstlerischen und wirtschaftlichen Ziel seines Lebens angelangte alternde Wagner wünschte nichts wie den Bestand einer geiellschaft- lichen-Organisation, die ihm Glanz, Ruhm, Protektoren, Fürstengunst, Wohlleben und volle Isoliertheit gegen Berührung mit den„niederen BolkSklasscn" garantierten. Dieses Ideal schien ihm die Krönung der deutschen lbeokratisch-kapitalistischen Epoche in Wilhelm I. zu sein. Uiid er feierte das Ereignis mit der Komposition des„Kaiser- morsches". Sein, Wagner war nie ein Revolutionär. Seine eigenen Memoiren zerstören die Lcgendenbildung seines polnischen MärtyrertumS grnndich, wenn sie wirklich mit„schmuckloser Wahrhaftigkeit" ge- schrieben sind. DaS Milieu, dem Wagner entstammte, ist onch nie besonders günstig gewesen als Nährboden politischen Radikalismus und revolutionärer Gesellschaftskritik. Eher günstig für die Entwicke- lung von Strebern, Kannegießern, Parvenüs und papicrcncn Dcma- gogen. Und als Sohn einer kleinen Leipziger Beamtenfamilie— der Vater war Polizeiaktuarius, der Großvater Torciiniehmer am Ransiädter Tor in Leipzig— hat der Gymnasiast, der Jüngling, der LtuckiosuL niusicse, der opätere Leipziger Korpsstudent zunächst keinen größeren Ehrgeiz als sich möglichst enge und' zahlreiche Ver- bindungcn mit dein wohlhabenden und einflußreichen Leipziger Patriziat zu verschaffen. Man hört ordentlich den Parvenü sprechen in folgenden Sätzen:„Die sonderbarsten Schicksale sollten mich nun in dieser Osterferienzeit treffen, in welcher ich wirklich daS einzige in Leipzig zurückbleibende Glied der sächsischenLandsinaiinschaft war. Dies« Verbindung bestand ursprünglich meist aiiS Adligen und diesen schloß fich der elegantere Teil der Studentenschaft cm; alle gehörten aiischnlicheren und wohlhabenderen Familie» Sachsens und namentlich der Haupt- stadt Dresden an..." Und bei Erwähnung seiner Freundschaft mit dem reichen Leipziger Patriziersohn Theodor Apel:„sein Um- gang bot mir die in meinem Leben nicht häusig vorkommenden Punkt« der Berührung mit dem höheren bürgerlichen Komfort: während meine Mutler diesen Umgang der hochgeachteten Familie gern sah. fühlte ich mich wiederum geschmeichelt durch daS Jnnciverdcn de» herzlichen Wärine, mit welcher ich in solchen Kreisen aufgenommen ward". Das klingt ebensowenig»ach Jch-Bewußtsein und Künstler- stolz wie folgende Auslassung soziales Fühlen verrät. Da der junge Studiosus Wagner nun einmal dem„eleganteren Teil der Studenten- schaft" angehörte, machte er im überschäumende» Kraftgefühl deS wildgew ordcncn Spießers alle Flegeleien der Leipziger Privilegierten mit und beteiligte sich auch an einem Bordellsuirm. Aber eines schickt sich nicht für alle:„DaS gefährliche Beispiel, welches von der Jugend gegeben worden war, verführte jedoch an den folgenden Abenden auch die niederen VolkSklaffen, namentlich das Arbeiter» Proletariat zu ähnlichen Exzessen gegen mißliebige Fabrikherren und dergleichen: nun wurde die Sache ernster, das Eigentum war bedroht, der Kampf zwischen Arm und Reich stand grinsend vor den Häusern. Jetzt waren eS die Studenten. welche zum Schutz gegen das niedere Volk.herbeigeruse» wurden.- DaS Schicksal wollte eS, bah der