Nnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 94. Mittwoch, den 17. Mai. 1911 29] �Nachdruck ßerdolen.) Das Gcmcindehind» Erzählung v. Marie v. Ebner-Eschenba'ch. �.„Undankbar!" donnerte er, und durch die Empörung hindurch, von der er glühte und bebte, klaNg erschütternd eine Klage lang erlittenen Schmerzes.„Undankbar? Und tvas verdank ich Euch? Für den Bettel, den Ihr zu meinem Unterhalt hergegeben, Hab ich mit meiner Arbeit tausendfach bezahlt. Den Unterricht in der Schul hat mir der Lehrer umsonst erteilt. Keine Hase, kein Henid, keinen Schuh Hab ich von Euch bekommen. Den Grund, auf dem mein Haus steht, habt Ihr mir doppelt so teuer verkauft, als er wert ist. Wie der Bürgermeister gestorben ist, habt Ihr mir die Schuld ge- geben an seinem Tod: Eure Kinder hätten mich beinah ge- steinigt, und wie ich freigesprochen war, da hat es geheißen: Bist doch ein Giftmisck>er! Jetzt rette ich dem Peter sein Leben, und weil ich dabei dem Wirt seinen Zaun umgerissen Hab, muß ich den Zaun bezahlen... Bagage!" Er warf ihnen zum zweitenmal das Wort ins Gesicht wie eine unge- heure Ohrfeige, die allen galt und für alle ausreichte, und— war's die elementare Macht des Zornes, der ihm aus den Augen loderte, war es die halb unbewußte Empfindung der Berechtigung dieses Zornes— trotz des Aufruhrs, den jedes Wort hervorrief, konnte Pavel fortfahren:„Warum lvar't Ihr so mit mir? Weil ich als Kind ein Dieb gewesen bin? — Wie viele von Euch sind denn ehrlich?... Weil mein Bater am Galgen gestorben ist?— Kann ich dafür?... Bagage..." Und jetzt übermannte ihn die Wut: betäubend, racheheischend stieg die Erinnerung an alles, was er erduldet hatte und was ungesühnt geblieben war, in ihm auf. Er fand keine Worte mehr für eine Anklage: er fand nur noch Worte für eine Drohung, und die stieß er heraus:„Wenn ich aber heute eüvas tue, was mich an den Galgen bringt, dann ist es Eure Schuld!" Nicht, was er gesagt, und was die wenigsten verstanden hatten, aber seine geballten- Fäuste, die herausfordernde Fechterstellung, die er angenommen, reizten die Geschmähten, und plötzlich Hagelten Schläge auf Pavel nieder, ohne viel mehr Wirkung hervorzubringen, als ob sie auf einem Felsen gefallen wären. Er machte aber jeden, der auch nur einen Schlag von ihm empfing, kampfunfähig für diesen Tag und vermutlich auch für ein paar der nächsten Tage. „Gib jetzt Ruh!" rief der Förster, dessen große Gestalt in der Tür des Honoratiorenzimmers erschien,„Du hast es ihnen gesagt, jetzt gib Ruh." „Gib Ruh!" tönte ein heiseres Echo zurück. Peter war auf den Tisch gestiegen und schleuderte einen Bierkrug nach dem Kopf Pavels, fehlte ihn und traf Arnost so hart an die Stirn, daß der Bursche taumelte: doch raffte er sich sofort zu- fammen, sprang auf den tückischen Angreifer los und riß ihn vom Tisch herunter. Nun war der Kampf entbrannt. Zwei Parteien bildeten sich, die kleine Pavels, die große Peters: der Wirt und Peschek flüchteten zum Doktor ins Nebenzimmer. Der Förster, der als Friedensstifter auf- zutreten gesucht hatte, sah die Nutzlosigkeit seiner Bestrebungen ein, brach sich Bahn durch den Tumult und verließ das Haus. Draußen war schon eine zahlreiche Menge, meist aus Weibern und Kindern bestehend, zusamniengelaufen. Die Buben, de- rauscht von der Nähe einer großen Prügelei, schrien, sprangen an den Fenstern empor, rauften sich um die besten Plätze. Die Schwächeren, von den Fenstern der Wirtsstube verdrängt, machten sich an das des Honoratiorcnzimmers heran, stoben ober auf einmal kreischend auseinander. Ueber ihnen waren ein paar Beine zum Vorschein gekommen und hatten die Köpfe der Jungen als Stützpunkte denutzen wollen, um Boden zu gewinnen. Der Förster eilte hinzu und half dem Inhaber dieser Beine, dem Doktor, aus seiner schwebenden Stellung. „Nicht mehr möglich, sich in anderer Weise zu entfernen," sagte der alte Herr-kopfschüttelnd:„und entfernen nnvß ich mich.., Der Holub geht fürchterlich los... Ein Bär, der Mensch— das glaubt nur. lver es gesehen hat.— Ich empfehle inich.", Auf demselben Wege wie der Doktor kam auch Peschek auf die Straße, und hinter ihm der Wirt, der laut klirrte, als er auf den Boden sprang. Dieses Geräusch wurde durch die Messer und Gabeln hervorgerufen, die er eiligst von den Tischen genommen und in seinen weitläufigen Kleidern ge- borgen hatte, bevor er die Gaststube dem tollen Heer überließ, das jetzt darin hauste. Er klagte, daß er nicht auch die Krüge und Gläser habe mitnehmen können, jammerte, trieb die Gassenjugend hinweg, preßte das Gesicht an die Fensterscheiben und suchte zu erkennen, was in der Stube geschah. Aber das furchtbare Ringen ging im Halbdunkel der schon herein- gebrochenen Dämmerung vor, im Qualm aufgewirbelten Staubes. Man sah nur einen wild ineinander gekeilten, hin und her bewegten Menschenknäuel, hörte Stöhnen und Fluchen und das Stampfen schwerer Tritte und das Krachen zer- trümmerten Holzwerks. „O meine Bänke! o meine Tische!" seufzte der Wirt, und wie er sich an Peschek mit der Frage wenden wollte, ob inan nicht nach dem Gendarm schicken solle, war der vorsichtige Rat in Gesellschaft des Doktors verschwunden. „Herr Förster, machen Sie Ordnung!" rief der Wirt: „ich steh für nichts— der Schmied, der Arnost, der Holub— drei gegen alle: sie werden alle drei erschlagen... mit meinen Bänken, meinen Tischen," setzte er, in Verzweiflung aus- brechend, hinzu. „Wird nicht so arg werden," erwiderte der Förster, und plötzlich kamen durch die offene Tür herausgeflogen, zwei Bauernsöhne aus Peters Sippe. Sie hatten- sich noch nicht aufgerafft, als ein paar gute Freunde ihnen nachkollerten und nicht minder unwillkürlich als die Vorhergehenden drei und vier und fünf andere erschienen, im Purzelbaum, im kurzen Bogen, der mit den Füßen zuerst und jener mit dem Kopfe. Und der Förster begrüßte die Ankömmlinge und vcr- stand es meisterlich,— unterstützt von den Ueberredungs- künsten ihrer Frauen— die wenigen, die sich anschickten, auf den Kampfplatz zurückzukehren, von der Ausführung ihres Vorsatzes abzuhalten. Einen unverhofften Verbündeten, fand er an Barosch, der unter kräftiger Nachhilfe am Ausgang des Flurs erschien, und hinter dem bald mehrere der älteren Generation ange- hörenden Männer sichtbar wurden. Auf der obersten Treppen- stufe blieb Barosch stehen und brachte mit großer Anstrengung hervor:„Der Gescheitere gibt nach." Er besamt sich,-griff mit den Händen in die Luft, wiederholte:„Der Gescheitere gibt nach," und fiel die Stufen herunter.. „So ist's recht," rief der Förster.„Meine Hochachtung vor den Gescheiteren!" und als alle in der Tür Eingekeilten sich herausgedrängt hatten, sprang er die Stiege hinauf, und vor der Wirtsstube angelangt, entfuhr ihm ein:„Potz Blitz und Donnerwetter!" Wie hatten sich die Reihen gelichtet! Jmnitteit dee Trümmer dessen, was die Einrichtung der Gaststube gewesen war, behauptete Peter und die wenigen Getreuen, die bei ihm ausgehalten hatten, noch das Feld gegen. Pavel. Der hatte sich seiner Jacke entledigt und stand in Hemdsärmeln vor Arnost und dem Schmied: zu seinen Füßen kauerte, seinen Schutz anrufend, Virgil. Peter, außer sich, im Fieber glühend, suchte die Seinen zu neuem, offenbar schon oft zurückgeschlagenem Angriff auf den Gegner anzufeuern. Sie aber zagten, und als nun der Förster auf sie losdonncrte:„Frieden! Daß sich keiner mehr rührt!"— gehorchten sie ihm, und auch Pavel-ge- horchte: aber sein Gesicht wurde erdfahl, und tödlicher Haß sprühte aus seinen auf Peter gerichteten Augen.. �. Die Ruhe war von kurzer Dauer. Was die Zwei mit- einander auszumachen hatten, vermochte durch die Dazwischen- kunft eines Dritten nicht geschlichtet zu werden. „Hund! Hund! Hund!" kreischte Peter, fuhr plötzlich mik der Hand in die Hosentasche: ein einschnappendes Messer knackte, und er warf sich mit blanker Klinge auf den Gegner. Arnost war vorgestürzt, den Augriff zu parieren: es gelang ihm halb und halb, der gegen Pavels Brust geführte Stoß streifte die Rippen: ein großer Blutflecken färbte fein Hemd. „Zurück!" schrie er,„zurück! laßt den Kerl mir allein!* — und ein Ringen begann, wie das eines Menschen mit einem wilden Tiere. Peter schäumte, biß und kratzte; Pavel wehrt«! — 374— nur, hielt ihn nur?on sich, ließ sich Zeit, sammelte seine Kraft zu einem entscheidenden Streich. Und nun geschah's... Mit der Linken sein Gesicht Leckend, schob er raschen Griffs die Finger der Rechten in Peters ledernen Gurt— hob ihn hoch in die Lust, und keuchte: ».Bestie! wenn ich Dich jetzt hinhau, bist Du fertig." „Tu's!" rief Arnost. „Tu's nicht!" rief der Förster, und Pavel fühlte die Last seines Feindes schwer werden wie Blei; Peters zusammen- gekrampfte Hände öffneten sich; das Messer entfiel ihm; die hinaufgezogenen Beine sanken matt herab, ein— Erschöpfter erwartete, daß ihm der Rest gegeben werde. Da lief ein Schauer über Pavels Rücken, und sein Zorn 'erlosch... Er ließ Peter langsam niedergleiten, sagte:„Ich mein', Tu hast genug!" und warf ihn seinen Freunden zu, die den Wankenden, halb Besinnungslosen schweigend aus der Stube geleiteten. Der Förster schloß hinter ihnen die Tür, und Pavel brach in Jauchzen aus: „Draußen alle, und wir drinnen!" Er spürte nichts von seiner Wunde, nichts von den Berilen, mit denen er bedeckt war; er spürte nichts als seine Siegeswonne und eine stür- mische, äußerungsbedürftige Dankbarkeit für seine Ver- hündeten:„Draußen alle, und wir drinnen, wir drei!" „Wir vier," wimmerte Virgil;„Hab ich nicht bis zuletzt bei Dir ausgehalten, Pavlicek, gegen den Schwiegersohn?" Pavel fuhr fort zu jubeln:„Gesagt Hab ich es ihnen Äuch!" „Gesagt und gezeigt," schrie Arnost,„und wenn sie bald wieder was hören oder sehen wollen, kannst auf mich zählen, Kamerad." Der Förster musterte Pavel vom Kops bis zu den Füßen: „Verfluchter Bursch!" sprach er lächelnd, und Anton lächelte -ebenfalls. Der letzte Widerstreit zwischen seiner Eitelkeit und seiner Rechtschaffenheit war geschlichtet: „Und die Maschin hat er auch repariert," sagte der Schmieds f-■ .lLortsetzung folgt.)] Rekrut Vogt. Von Karl OkonSly. Es war ein feierlicher Augenblick. Im Halbkreise umstand die Kompagnie ihren Häuptling und aller Augen hingen an seinen Weisheit spendenden Lippen.— „Patzt'n bitzchen auf, Ivenn'n Vorgesetzter mit Euch spricht. So'n Mann ist selten dümmer als Ihr. Also könnt Ihr immer was von ihm lernen." Sergeant Krüger, dem die Obhut der achten Korporalschast an- vertraut war, flüsterte uns diese Mahnung so eindringlich zu, datz das Schlnchtroh des Kompagnieführers sich entsetzt aufbäumte und der ganze Halbkreis ins Wanken geriet. Selbst verdutzt ob der Wirkung seiner Vermahnung stockte er, warf sich sodann in„mili- tärische Haltung" und starrte unausgesetzt geradeaus die rötlich schimmernde Nasenspitze des Hauptmanns an. Eine bange Minute, der Feldwebel hat unwillkürlich ans Meldebuch gegriffen. Jetzt steht er ungewiß da und spielt nervös mit dem Portepee, die Offiziere treten von einem Fuß auf den anderen— da endlich tut der Gewaltige seinen Mund auf, räuspert sich und spricht: „Stillgestanden."— „Leute, Ihr locht: Morgen ist Regimentsschietzen. Geübt haben wir Gott sei Dank gerade genug, datz jeder sich eingeschossen haben kann. Freilich, einzelne Lümmel haben bei der Vorübung geschossen wie eine gesengte Sau. Immer und immer wird ihnen gepredigt, datz sie das Korn genau in die Kimme nehmen, datz sie das Visier nicht kanten, datz sie den Kolben fest in die Schulter drücken, den Kolbenhals saugend umspannen sollen. Umsonst, die Kerls tuns einfach nicht, die knallen wie blödsinnig drauflos und natürlich vorbei,— Unteroffiziere, üben Sie heute nachmittag Zielen, und zwar auf dreihundert Meter stehend freihändig. Und dann die Ruhe, Leute, die Ruhe, die dürft Ihr beim Schietzcn nie verlieren. Besonders die Rekruten möchte ich daran erinnern. Da sind ja Kerls drunter, die zittern wie Espenlaub, wenn sie eine scharfe Patrone im Gewehr haben. Dieser Vogt zum Beispiel hat sich wie ein altes Weib. Passen Sie auf den be- sonders auf beim Zielen, Sergeant Krüger, der ist ganz verbummelt. Das sag ich Euch gleich: wer mir unter zwanzig Ringe schießt, den sperr ich ein, datz er die Beine gen Himmel streckt. Morgen früh erhält die Kompagnie extra guten Kaffee. Außer- dem erhält jeder Mann eine Semmel und eine Speckportion. Feld- webel, sorgen Sie dafür, datz die Scheibenabtcilung einige Krüge Limonade mitnimmt. Mir sind in der letzten Zeit wieder Fälle zu Ohren gekommen� datz einzelne Leute der Kompagnie sich besoffen in der Stadt herum« getrieben haben. Natürlich wieder dieser Vogt. Feldwebel, drei Tage, aber erst nach dem Vergleichschietzen. Laßt Euch das eine Warnung sein. Geht nicht in die verfluchten Schnapshöhlen, wo man schon vom Dunst besoffen wird, wenn man rin kommt, sondern trinkt Euer Glas Bier in einem anständigen Lokal.— Feldwebel, haben Sie sonst noch was?" Der Gefragte reißt pflichtschuldigst die Knochen zusammen. „Hein, Herr Hauptmann!" „Wegtreten I" Ein Ruck durchfährt die Kompagnie. Mit scharfem„Kehrt" löst sich die Linie zu einem regellosen Haufen, der lachend und schimpfend den Pforten der Kaserne zustrebt. Schwere Schritte erschallen auf den Treppen, Gewehre rasseln in den Stützen, Türen werden auf- gerissen und zugeschlagen. Die ganze, eben noch so öde Kaserne ist von Lärm und Leben durchflutet. Da ertönt plötzlich vom Hofe herauf das Hornsigiial der sechsten Kompagnie:„Essen holen". „Verflucht, da haben wir die Kiste," � grollt der Herr Gefreite Schlauch, Tambour seines Zeichens und Stubenältester von Nr. 27, „der Alte singt und fingt, datz es einem zum Halse herauskommt, und derweil fischt einem die sechste die besten Happen vor der Nase fort. Und das liegt immer nur an Euch Rasselbande, immer find's die Rekruten. Von Vogt allein hat er'ne halbe Stunde gesprochen. Den Kerl müßte man ins Maul schlagen, datz ihm die Zähne sektionsweise durch den Mastdarm fliegen. Na warte, Bürschchen, wir sprechen uns noch!" Ergrimmt packte er seine Etzschüssel und stürzte zur Tür hinaus. Auf die zurückgebliebenen Insassen der Stube 27, durchweg Rekruten, lastete eine trübe Slimmung. Schweigend beschäftigte sich jeder mit seiner Ausrüstung. Auch sie machten wohl alle in Ge- danken ihren Kameraden Vogt für ihre elende Lage mitverantwort- lich, und nur ein gewisses Mitleid hielt sie bisher ab, ihn ihren Groll fühlen zu lassen. „Kannst Dich auch wahrhaftig ein bitzchen zusammennehmen, Vogt", knurrte Sander, sein Spindnachbar,„immer haben sie Dich beim Arm und wir müssen alle darunter leiden." Vogt erwiderte nichts. Mit zusammengepreßten Zähnen und Tränen im Auge stierte er ins Spind, während die Fäuste nervös den eben ausgezogenen Stiefel bearbeiteten. „Was hast Du denn im Dienst zu bummeln? Und Du kannst doch ebenso gut wie wir Deine Lumpen in Ordnung haben. Gestern noch hatten wir Deinetwegen Appell im fünften Rock und heute früh war Dein Gewehr wieder nicht in Ordnung", fuhr der AnNägcr unerbittlich fort. Ein schweres Stöhnen drang aus Vogts Brust.„Meine Sachen sind ebenso gut in Ordnung wie Eure", flüsterte er. „Hm, ja— siehst Du. Wenn man aber weiß, daß sie einem auf die Rübe haben, dann ist man eben doppelt vorsichtig", belehrte Sander. „Es hilft ja doch nichts". „Ach, Hab Dich man nicht,— Du mutzt Dich eben durchfreffen. Sieh' mal, wir alle—* Die Tür wurde aufgerissen und herein trat Gefreiter Schlauch. die dampfende Schüssel in den Händen, zugleich erllang unten das Signal der fünften Kompagnie. Alles griff nach den längst bereit gestellten Röpsen und in rasender Hast gings die Treppe hinunter. dem Hofe zu. Wehe dem armen Kerl des jüngeren Jahrganges, der sich etwa nicht beeilt hätte, oder gar dem Nachzügler. Sie wurden unter den Augen des aufsichthabenden Unteroffiziers mit Fußtritten ins Glied befördert. Ja, es herrschte Ordnung in der fünften. Vogt war daher einer der ersten, die unten ankamen. „Ach. der Vogt!— Sieh' mal einer an. Natürlich, der letzte an der Arbeit, der erste an dem Futtertrog", höhnte Unteroffizier Klabunde, der Diensthabende.„Willst Du Schwein gleich rauf und Dir eine reine Schürze umbinden", brüllte er los, als Vogt sich schweigend ins Glied stellen wollte. Resigniert führte der Rekrut den Befehl aus. Unter Püffen und Schlägen erreichte er die Treppe, eilte hinaus und kam, noch an der Schürze bindend, eiligst wieder herunter. Klabunde hatte die Kompagnie so lange warten lassen. „Etznäpfe vorzeigen!" Prüfend schritt der Herr Unteroffizier die Front ab. Nur flüchtig besah er die ihm entgegengehaltenen Schüsseln, desto eingehender aber untersuchte er die des linken Flügelmannes, Vogt. „Das soll ein reiner Etznapf fem, Du Ferkel? Zur Pumpe, aber'u bitzchen dalli I Die Kompagnie hat keine Lust, wegen Dich Mistfinken noch länger auf ihr wohlverdientes Essen zu warten". Die Kompagnie brauchte ja schließlich auch nicht auf Vogt zu warten, Klabunde hätte, wie so oft, einfach„rechts um" komman- dieren können, die Marken auszugeben und die Ausgabe des Essens wäre erfolgt. Aber dem Herrn Unteroffizier beliebte es zu warten, und so wartete die Kompagnie eben auch. Schließlich kam ja Vogt auch angestürzt und wies die Schüssel vor. „Na, zum totlachen ist sie noch lange nicht", geruhte Klabunde gnädig zu bemerken. „Eintreten! Rechts um!" Die Essenausgabe begann.— Kaum hatte Vogt seine Reissuppe hinuntcrgcwürgt, da begannen auch seine Leiden wieder. Er hatte Stubendienst, und weil et sicher wußte, daß die auf Stüde 27 herrschende, ohnehin schon sehr strenge Hausordnung ihm gegenüber noch möglichst verschärst gehandhabt werden würde, so reinigte er die Geschirre, Wasserlrüge und Eimer aufs peinlichste, fegte die Stube gründlich und als er sich überzeugt hatte, daß auch alles in guter Ordnung war, über- gab er den Dienst Sander, seinem Nachfolger, der ihn auch ohne weiteres übernahm. Der Herr Gefreite Schlauch hatte sich zur besseren Förderung seiner Verdauung aufs Bett geworfen und beobachtete von hier aus alles, was in der Stube vorging, tat aber so. als ob er schliefe. Jetzt reckte er sich, gähnte und srug:»Wer hat denn heute Stuben- dienst 1" „Ich/ erwiderte Sander. „So— mir ist aber so, als ob Vogt ihn hätte/ „Vogt hat ihn soeben mir übergeben." „Was? Und mir meldet er nichts? War denn alles in Ordnung „Jawohl I" „Was heißt jawohl? Selber will ich sehen, ob alles in Ordnung ist. Vogt, zeig' doch mal die Eimer vor!" Vogt tat, wie ihm geheißen. „Das sollen reine und saubere Eimer sein? Bist Du verrückt? Spiegeln muß man sich drin können, marsch, runter und beide Eimer gescheuert I" Vogt war keiner von denen, die schon ihrer minderen geistigen Fähigkeiten wegen sehr leicht in die Gefahr kommen, den Kameraden als Gegenstand mehr oder minder harmloser Späße zu dienen. Im Gegenteil konnte man ihn eher zu denen rechnen, die ihren Verstand sehr gut zu gebrauchen wissen. Aber ein unglückliches Verhängnis wollte es, daß er mit einem die heiligsten Gefühle preußischer Gamaschenknöpfe empörenden Verbrechen seine militärische Laufbahn eröffnete: er war als unsicherer Kantonist eingezogen worden. Da- mit war er schon von vornherein als gänzlich minder- wertiges, moralisch verkommenes Subjekt gezeichnet. Und weil er obendrein noch die Frechheit hatte, den gelegentlichen Auf- munterungcn feines Korporals ein bedeutend feineres Ehrgefühl entgegenzusetzen, als seine militärische Rangordnung erforderte, so waren sich die Herren Vorgesetzten bald darüber einig, daß diesem Burschen gegenüber eine zwar lehr vorsichtige, aber„gediegene" Er- ziehung sehr am Platze sei. „Bogt, wollen Sie wohl fester ins Eisen greifen: das sind ja saumäßige Griffel" „Vogt, zurück, marsch, marsch I— der Mensch läuft hier einfach spazieren, statt einen Parademarsch zu liefern." „Vogt, zum Donnerwetter, nehmen Sie sich zusammen, oder ich melde Sie dem Herrn Hauptmann. Sie verderben mir ja alle Frontbeweguugen." „Vogt, Ihr Koppel sitzt wie ein Pilgerstrick, Ihr ganzer Anzug schlottert Ihnen um den Leib. So gehl es doch nicht weiter. Ich melde Sie dem Herrn Feldwebel." So sang und klang es dem Armen vom frühen Morgen bis ?um späten Abend in die Ohren, und die ewigen Vorwür-e peinigten ein Gemüt. Aus dem kräftigen, gesunden Burschen wurde in un- heimlich kurzer Zeit ein schwermütiger, nervöser Kopfhänger. Das schlimmste aber waren die raffinierten Versuche, die eigenen Kameraden gegen ihn aufzuhetzen. Mußte irgend eine Uebung wiederholt werden, dann hieß es:„Ter Vogt hat schuld. Er paßt nicht auf.. Seinetwegen müßt Ihr alle leiden." Und� es gab nicht wenig Kurzsichtige in der Kompagnie, die einen gründlichen Haß gegen ihn im Busen trugen.— Hauptmann Plätert war kein schlechter Mensch, ja, er war so- gar ein guter Vorgesetzter, der für die Leiden seiner Untergebenen ein mitfühlendes Herz hatte. Aber er hätte allwissend sein müssen, wenn er jedem gerecht werden sollte, und schließlich war er ja auch nur ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Wenn er daher, das Exerzieren seiner Leute beaufsichtigend, den Kasernenhof auf und ab schritt und ihm immerfort der Name„Vogt" entgegentönte, dann mußte sich schließlich auch bei ihm die Ueberzeugung festsetzen, daß dieser Mann ein besonders renitenter und dabei unfähiger Kerl sei, dem es gar nichts schaden könnte, wenn er ein bißchen„hoch" ge- nommen werden würde. Bestärkt wurde er in dieser Ansicht noch dadurch, daß Vogt in letzter Zeit das Unglück hatte, besonders schlecht zu schießen. Nach des Hauptmanns Ansicht war aber Schießen die Seele des Dienstes und er sah in jedem schlechten Schützen seinen natürlichen Feind. (Schluß folgt.) R-icKafd Alagners Lebens- ermnerungen. IL' Des Dresdener Hoskapellmeisters Sympathiebezeugungen für die Revolution find also nicht viel über„ideales Zuschauen" und Barri- kadenbummeln hinausgekommen. Er stellt sich Tag für Tag«mit seiner sonderbar leidenschaftlichen Teilnahme als Beobachter der Vorgänge auf demRathaus ein", er nimmt an densSitzungensder revolutionären Volks- Partei nur als„Kunstfreund" teil, er besucht Versammlungen,„wie um ein Schauspiel zu beobvchten". Endlich wird ihm die Situation zu brenzlig und er beschließt zu fliehen. Gute Freunde wie Franz Liszt der Gütige, die Züricher Musiker Müller und Baumgartner, der Züricher Staatsschreiber Jakob Sulzer bereiten ihm mit tatkräftiger Hilfe Weg und Aufnahme ins Schweizer Exil, wohin ihm, dem ungefährlichen Revolutionär, der verhängnisvolle, ihn lange aus Deutschland verbannende Dresdener Steckbrief folgt. In Zürich dichtete er als ersten Plan der„Nibelungen"„Siegfrieds Tod". War sein Herz bei dieser Arbeit, so verfaßte er für ein französisches Journal sechs Artikel:„Kunst und Revolution", in „welchen ich mich, in meinem revolutionären Sinne, über die moderne Kunst und ihr Verhalten zur Gesellschaft aussprechen wollte", nur des Honorars wegen. Es schien ihm nötig, auf solche Auskuuftsmiltel zu verfallen, da„andererseits die Welt sich ganz wieder in der Weise einrichtete, daß ich ohne etwas Geld- verdienst nicht gewußt hätte, wie ich in ihr bestehen sollte". Schnöde Welt, die sich so wenig um die ewigen Geldmiseren eines ver- sprengten Freischärlers kümmerte! In Zürich verfaßte W. ferner zwei Schriften, die einen europäischen Skandal erzeugten:„Das Judentum in der Musik" und„Das Kunstwerk der Zukunft". W. und seine immer greifbarere Gestalt(Lohengrin, Tannhäuser, die Dichtung Siegfrieds Tod, Tristan!) annehmenden kühnen und großartigen musikalisch-dramatischen Probleme wurden von den Gegnern höhnisch„Zukunftsmusiker" und„Zukunftsmusik" genannt. „Die unerhörten Anfeindungen, welche ich bis auf den heutigen Tag von der sämtlichen Zeitungspresse Europas erfahren habe, können einzig demjenigen verständlich werden, welcher weiß, daß alle Zeitungen Europas fast ausschließlich in den Händen der Juden sind." Der Maiaufstand seines Lebens nahm bald noch schärfere und persönlichere Formen an. Nach dem Ausbruch eines mehr kllnst- lerischen wie konfessionellen Rassenhasses mit Spitze gegen die jüdischen Magnaten im damaligen Musikbetrieb, die Mendelssohn. Meyerbeer, Schlesinger, nach der revolutionären Proklamation eines neudentschen Kunstideals mit Spitze gegen die terroristische deutsch-sranzösische Große Oper, erfolgt nun sein Versuch zum Sklavenaufstand auch in der bürgerlichen Ehemorak. Er zerbricht die Ehe mit Minna, nachdem sie ihn zerbrochen hat, schwärmt für eine Neuregelung des Verhältnisses der Geschlechter auf Grund einer freien Wahlehe und kommt doch, wie sein späteres Verhältnis niit Cosima beweist, kuschend in den behaglichen warmen Stall der bürgerlich legitimierten Einehe zurückgekrochen. In der Frau des reichen Züricher Kaufmanns Otto Wese'udonck trat ihm in Zürich das Weib entgegen, in dem er sein sehnsüchtig erträumtes Ideal sah und da? er mit erwiderter Leidenschaft inbrünstig liebte. Das klassische Zeugnis für diese Liebe, der die Welt bekamitlich das tränen- und schmerzensreiche Hohe Lied der Liebe:„Tristan und Isolde" verdankt, sind die„Briefe an Mathilde Wesendonck". Die von Frau Cosima Wagner herausgegebenen Memoiren strafen die Wesendonck-Briefe in wichtigen Punkten Lügen. Das ist begreiflich. Wem kann mehr daran gelegen sein, daS„unmoralische Verhältnis" Wagner-Wesendonck ebenso ins Unverfängliche zu retuschieren, wie die Moralnachtwächter es mit dem Verhältnis Goethe— Charlotte von Stein�versuchten, als eben der zweiten legitinien Gattin Wagners? So nimmt man mit menschlichem Verstehen di'plomaiische Sätze in Kauf wie: „Es bedurfte hierüber einiger vertrauter Mitteilungen, um anderer- seits eine halb verschwiegene, halb ausgesprochene Uebereinkuuft fest» zustellen, welche mit der Zeit eine bedenkliche Bedeutung im Auge anderer anzunehmen geeignet war. Somit entstand in betreff unseres nun so nahe gerückten Verkehrs eine gewisse Rücksicht, welche unter Umständen für die beiden Eingeweihten unterhaltend wurde." Genug, Minna sah ihre Ehe bedroht, schlug Lärm bei der Familie Wesendonck, benahm sich dabei in ihrer Herzensangst viel- leicht nicht taktvoll genug und— blieb auf der Strecke. Der Haus- stand wurde aufgelöst,- i»e Ehe später geschieden. W. kam indessen seinen Alimentationspflichten bis zu Minnas Tode nach Kräften nach. Sie wäre wohl auch ohne Mathilde Wesendonck gegangen worden. Die freie Wahlehe mit Mathilde wurde abgelöst durch eine andere Frau, Cosima, Liszts Tochter aus seiner freien Ehe init der Gräfin d'Agoult. Den ersten Austritt Cosimas auf der Szene seines Lebens schildert W. so:„Als ich ungefähr den ersten Akt meiner Dichtung von Tristan vollendet hatte, stellte sich dagegen ein neu vermähltes junges Paar in Zürich ein, welches allerdings hervor- ragende Amprüche an meine Teilnahme geltend machen durfte: Hans v. Bülow traf mit seiner jungen Fran, LisztS Tochter Cosima im Gasthof zum Raben ein. Von dort holte ich sie ab. um für ihren längeren, mir vorzugsweise zugedachten Besuch sie in meinem kleinen Häuschen aufzunehmen." W. fährt dann etwas höhnisch fort:„Ende September reisten meine jungen Freunde zum� bürgcr- lich-geschäftlichen Aulritt ihrer Ehe nach Berlin." Der rückschaucnde Biograph hatte Wohl allen Grund zum Hohn. Bülow bewies später bezüglich des Verhältnisses Wagner- Frau v. Bülow ebenso viel moralische Toleranz wie praktischen Geschäftssinn. Er revanchierte sich für WagncrS Einbruch in seine ehelichen Hürden, indem er „Antiwagnerianer" wurde und mit fliegenden Fahnen in das Lager Brahmsens einritt. Zürich wurde auch in geistiger Beziehung für W. bedeutungsvoll. Er lernt Feuerbachs und Schopenhauers Schriften kennen und ver- senkt sich mit der tragischen Inbrunst des Unbefriedigten in das Evangelium des Pessimismus: Die Welt als Wille und Vorstellung. Georg Herwegh, der Freiheitsditfiter war es, der ihm das Ver- ständnis der Schopenhauerschcn Welt so recht ausschloß. Das»freie Individuum" in W. sträubte sich naturgemäß zuerst gegen die voll» ständigste Entsagung und Nbtötung de« Willen«, vi« er ban! Her- wegh erkannte, dah ja alle Tragik durch die Erkenntnis der Nichtig- keit der Erscheinungswelt bestimmt sei. Jetzt verstand er erst selbst seinm Wotan. Der Einfluß Schopenhauers wurde entscheidend für sein ganzes Leben. Diese ernste Stimmung verlangte nach einem exwtischen Ausbruch ihrer Grundzüge. Der Pessimismus, verstärkt durch seine glücklich« unglückliche, sinnlich- übersinnliche Liebe zu der Frau auf dem„grünen Hügel", Mathilde Wesendonck, gab ihm die Konzeption deS„Tristan" ein, das Werk, das an Größe und Ernst de« dichterischen Wurfs wie an musikalischem Reichtum, an seelischer Ausdruckskraft der Tonsprache unerreicht steht. Sieht man die stattliche Reihe„europäischer Geister', die in diesem Buche Revue passieren müssen, durch und Wagners schroffe Urteile über diese immerhin bedeutenden Staatsmänner, Politiker und Künstler, so muß man eigentlich über seine Naivität, seine primitive Menschenkenntnis lächeln. Er wertet alle Menschen einfach nach dem Nützlickkeitsprinzip. Wer ihn versteht, ihn fördert, ihm Geld leiht, ist gut; wer seiner Musik gegenüber kalt bleibt, keine Miene macht, seine Opern zu erwerben, nicht gesonnen ist, ohne weiteres alle seine neuen Kunstprobleme aufs Tipselchen gut zu heißen, ist dumm nnd schlecht. Mit erstaunlicher Leichtigkeit werden über Männer der Literatur und Kunst Meinungen zum Besten gegeben, die die Un- duldsanikeit und Einseitigkeit dieses egoistischen Charakters scharf be- leuchten. Von Gottfried Keller, dem Schweizer Klassiker, heißt es: „Ich war erstaunt, in Keller einen auffallend unbehilflichen und spröd erscheinenden Menschen kennen zu lernen, deffen erste Bekanntschaft jedem sofort das Gefühl der Angst um sein Fortkommen erweckte... Alle seine Arbeiten, welche wirklich von sehr originellen Anlagen zeugten, gaben sich sogleich aber auch nur als Ansätze einer künstle- tischen Entwickelung zu erkennen und man frug sich nun unerläßlich nach dem Werke, welches jetzt folgen und seinen Beruf erst wahrhaft bezeugen sollte. Glücklicherweise wußte man ihn, wie es scheint, schon aus patriotischen Rücksichten, mit der Zeit endlich im Staats- dienste unterzubringen, wo er als redlicher Mensch und tüchtiger Kopf jedenfalls gute Dienste leistete, wenn auch seine schriftstellerische Tätigkeit von jetzt an, nach jenen ersten Ansätzen, für immer zu ruhen schien." Dies über den Dichter des „Grünen Heinrichs" und der„Leute von Seldwhla". Man muß sich fragen, hat hier Leichtfertigkeit im Urteilen, Unverständnis oder Arroganz die Feder geführt. Ueber seinen treuen Schweizer Ge- fährten und blinden Anhänger Herwegh akzeptiert er achselzuckend die Meinung eines Zynikers: ,H. fei genau betrachtet eigentlich nur ein guter schwäbischer Junge, der durch den jüdischen Nimbus, in welchen er durch seine Frau geraten sei, weit über sein Vennägen hinäus ge- schätzt und berühmt geworden wäre.' Fast gehässig"wird wiederholt Über den„erfolgreichen Berliner Opernmeister' Meherbeer, deffen lärmende Operntiraden allerdings das Aufkommen Wagners in Werlin stark verzögerten, ebenso über Mendelssohn der Stab ge- brachen. Berlioz ist als Mozartdirigent„ein ordinärer Takt- fchläger', von seinen schönsten Kompositionen empfindet er„im allgemeinen nur ein der Größe des Eindrucks adäquates Unbehagen". Tiehatschek und Schnorr von Carolsfeld werden als dumme Tenöre, aufdringliche Menschen hingestellt. Der arme Wendelin Weisheimcr, der ja gewiß als Komponist kein großes Licht war, aber seine hin- gebende Treue gegen Wagner durch viele Opfer besiegelt hatte, »vird von W. und Eosima im Leipziger GewandbauSsaal unter den Lugen der die beiden beobachtenden Familien öffentlich ausgelacht: „Unsere heitere Laune ward beständig unterhalten und angeregt durch die Ungeheuerlichkeit der Weisheimerschen Kompositionen. Für jetzt hatte er, zur großen Enttäuschung seines BaterS, nur die Unkosten zu tragen und dazu die sehr unnötige Beschämung, mir leinen Gewinn bringen zu können, zu verwinden. Freund Weis- heimer verfiel seit dieser Zeit in ein Mißbehagen mir gegenüber: er glaubte sich sagen zu müssen, daß, wenn er meine glänzenden Orchesterwerke nicht zur Seite gehabt, und nur seine eigenen Kom- Positionen zu einem billigen Preise dem Publikum geboten hätte, er viel besser daran gewesen sein würde." Wie egoistisch berechnend, wie kalt und herzlos klingen alle diese Urteile, selbst iiber Freunde I Vollends ehrenrührige Behauptungen über das Privatleben des schlesischen Schwarmgeistes Karl von Holtet, der WagnerS Direktor in denr Rigaer Theaterelend war, nachträglich öffentlich aufzustellen, hätten die Erben Wagners unterlassen sollen, die ja auch sonst dafür gesorgt haben, daß in Dingen, die für den NationalheroS deutscher Kunst verfänglich schienen, das Druck-Manuskript von dem Original- Diktat abwich. Von Zürich begann der von seelischen und materiellen Nöten gehetzte Künstler, dessen bisherige Opern:„Rienzi",„Fliegender Holländer",„Lohengriu" und„Tonnhäuser' sich nur widerstrebend an den deutschen Bühnen befestigen konnten, während„Rheingold" und„Tristan" überhaupt noch unaufgefiihrt waren, ei» unstetes Wanderleben, das ihn nach Genf. Brüssel, Venedig, Petersburg, Moskau Zürich. Wien und Paris führte. In Paris fand am 13. März 1861 die denkwürdige erste Aufführung des„Tann- Häuser" statt. Politische Intrigen und grobes Unverständnis halfen bei der schmählichen Niederlage mit. Der adelige Jockehklub, ergrimmt über die„arroganze" des deutschen Musikers und über das Fehlen eine«— Balletts in der Oper, pfiff: die Fürstin Metter- nich. die Wagner und..Tannhäuser" dringend Napoleon Hl. empfohlen hatte, war für den beleidigten Gast Frankreichs ehrlich mit beleidigt: „Geht mir mit Eurem freien Frankreich I Zu Wien, wo doch am iöerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Ende ein rechter Adel vorhanden ist, wäre der Fall, daß ein Fürst Schwarzenberg oder Liechtenstein aus seiner Loge pfeifend zu.Fidelio' ein Ballett verlangte, undenkbar.' Das Sedan für dieses Jena deutscher Kunst kam glorreich; heute herrschen Wagners Opern vom „Holländer" bis zur„Götterdämmerung" unumstritten auf Frankreichs musikalischer Rationalbühne. .Wach' auf, eS nahet gen den Tag l' diese Apotheose de« Nürnberger Volkes an seinen geliebten Meister Sachs aus den „Meistersingern", deren Gedicht Wagner, auf der Höhe seines dichterischen und musikalischen Schaffensvermögens stehend, in Paris in 3V Tagen, deren Komposition er am Rheinstrom in Biebrich 1866/67 vollendete, sollte sich nun auch an dem vielgeprüften, viel« verschlagenen Odysseus der neuen deutschen Kunst endlich erfüllen. Als die Not am höchsten, war der Potentat am nächsten.„Das Wunderbare" erschien wieder einmal in Wagners Leben. In Stuttgart war's, da nahte sich dem von Schuldnern bis zur völligen Verzweiflung drangsalierten Dichterkomponisten der rettende Engel in Gestalt des Herrn Pfistcrmeister au? München. Als Kabinettssekretär Ludwigs IL überbrachte er Wagnern Brief und Ring deS Königs mit dem Austrage, ihn gleich selbst mit nach München zu nehmen. Der„Romanttker auf dem Thron", der„erhabene Freund" sah in dem Schöpfer deS.Tannhäuser' und„Lohengrin" den himmelblauen Schwanenritter, der ihn in silbernem Nachen hinausführt au» der Prosa verhaßter Regiernngsgeschäfte und hinein ins Wunderland der ritterlichen Romantik. Und sie redeten sich gegenseitig an:„Mein Geliebter!' Beruhte im Grunde Ludwigs Sympathie für WagnerS Musik auch nur auf einem Mißverständnis— sein Nichtmitkönnen im Fall „Ring" und„Tristan" und„Meistersinger", den Dramen des eigent- lichen Wagners, beweisen das zur Genüge—, so konnte doch auf- atmend der Biograph Wagner als letzten Satz schreiben:„Nie je- doch hat unter dem Schutz meine? erhabenen Freundes die Last des gemeinsten Lebensdruckes mich wieder berühren sollen." Hier— 5. Mai 1864— schließt das„Leben Wagners". Von den letzten 20 Jahren seines Lebens erfährt man nichts mehr. Oder darf man die Weltflucht eines vom Getriebe der Menschen an- geekelten Künstlers, sein Einspinnen in seidene Gewänder, in Fürsten« gunst, in aristokratische Gepflogenheiten, seinen schließlichen Rückfall zum christlichen ErlösungSwahn mit„Parsifal", seine pretiöse Hof» Haltung in der Eremitage Boyreuth nicht mehr Leben nennen...? War es klug von der klugen Witwe Eosima, die Lebens- erinnerungen, die politische und menschliche Entthronung eines Kunstgenies dem Geheimfach in Wahnfried zu entreißen. Hat sie dem Andenken deS großen Künstlers genützt durch gehäufte Urkunden und Beweise, wie klein er als Mensch war? Wie ihn ahnend schon Nietzsche erkannt hatte? Wie er vielleicht sein mußte als ein Opfer des Zwiespalts zwischen freiem Künstlertum, genialischem Ausstieg zu neuen uncrschlosienen Bezirken der dramatischen Kunst und der jammervollen Indifferenz der besitzenden bürgerlichen Gesellschaft? W. Mauke. kleines Feuilleton. Physiologisches. Die Chemie deS Schlafes. Während eines tiefen Schlafes ist der Mensch ein anderer als im wachen Zustand. Den Unterschied bedingt nicht nur die fast gänzlich ausgeschaltete bewußte Tätigkeit deS Gehirns, sondern auch eine wesentlich andere Regelung der Vorgänge in anderen Organen. Insbesondere ist auch der Stoffwechsel während des Schlafes ein anderer, wie Dr. Hirschstein vor dem Aerztlichen Verein in Hamburg auf Grund umfangreicher chemischer Untersuchungen nachgewiesen hat. Während der Nacht scheidet nämlich die Niere wesentlich mehr Stoffe aus, die als Enderzeugniffe des Stoffwechsels zu betrachten sind, darunter hauptsächlich Phosphor- und Schwefelsäure nnd Sttckstoff. Hat nun jemand schlecht geschlafen und sind diese Stoffe somit zum größeren Teil in seinem Körper zurück- geblieben, so dauert eS gewöhnlich bis zur nächsten Nacht, bis der Körper sich ihrer entledigen kann. Außerdem wird durch eine Beeinträchtigung der Nachtruhe auch die wichtige Ausscheidung des Chlor gestört, die sonst während deS Tag? am stärksten ist. aber nach einer schlaflosen Nacht unterbunden wird. ES ist gewiß eine für die ärztliche Wissenschaft hochwichtige Erkenntnis, daß Schlaf- mangel dazu führt, gerade die stärksten Säuren um 24 oder 48 Stunden im Körper zurückzuhalten. Man braucht nur daran zu denken, wie viele KrankheitSzustände durch mangel- hafte Ausscheidung solcher Stoffe bedingt werden. Dr. Hirschstein hat durch längere Versuche noch genauer ermittelt, in welchen TageS- zciten die einzelnen Stoffe am stärksten ausgeschieden werden. Für die meisten ist dies in den Stunden von 7— 11 Uhr abends und von 3—7 Uhr morgens der Fall, während die Tätigkeit der Nieren während der dazwischen gelegenen Stunden des tiefsten Schlafes etwas sintt. In welcher Weise da« Zustandekommen und der Ver- lauf deS Schlafes vielleicht mit diesen Tatsachen selbst zusammen- hängt, kann noch nicht gesagt Iverden. Da die Entstehung de« SchlaseS neuerding« mit der Bildung eines.Ermüdungsgiftes" in Beziehung gebracht wird, kann vielleicht gerade die Chemie zur Auf« hellung deS Schlaftätfels führen.______ vyrwärtzBuchdrpckereiu.VerlagsanjtaltPatzlSingeräCo.tBerltnLlV«