Ilnterhaltmgsölatt Nr. 90. Freitag, den 19, Mai. 1911 (SloaKtutf verboten.) 81] Das Sememäekinä. Erzählung v. Marie v. Ebner-Eschenbach- 5 Er wurde von der Pförtnerin in dasselbe Zimmer ge- fuhrt, in dem er als kleiner Junge so unvergeßliche Stunden der peinlichsten Erwartung durchlebt hatte. Nichts verändert in dem traurigen Räume, jeder Sessel im der alten Stelle, an der Mauer derselbe feuchte Fleck. Nur die Aussicht aus den vergitterten Fenstern bot heute ein freundliches Bild, denn die damals halb entblätteren Obst- bäume prangten jetzt im Frühlingsschmuck weißer und rosiger Blüten. Am Ende des Rasenplatzes, vor dem bis an die Gartenmauer reichenden Seitenflügel des Hauses, trieb sich eine lustige Gesellschaft von kleinen Klosterzöglingen herum. Sie unterbrachen oft ihre Spiele und rannte« im Wettlanf auf die Novize zu, der die Aufsicht über sie anvertraut war. Und was hatte diese nun zu tun, um sich der Liebkosungen des anstürmenden Schwanns zu erwehren! Und wie gütig tat sie's und wie ernst: wie verstand sie, die Wildsänge zu bändigen und die Schüchternen aufzumuntern, Tadel und Lob zu verteilen, Zärtlichkeit zu spenden und Strenge walten zu lassen nach Verdienst und Gebühr! Pavels Augen hingen unverwandt an ihrer holden, gertenschlanken Gestalt. Ihre Züge genau zu unterscheiden vermochte er nicht; doch bildete er sich ein, das Wesen des jungen Mädchens mahne an das Miladas. So— ungefähr so mochte sie jetzt aussehen, seine Milada... nur nicht so groß konnte sie geworden sein: das schien ihm unmöglich: unmöglich auch, daß sie jetzt schon das Kleid der Nonnen trage. Ein Glockenzeichen erscholl: die Novize nahm das kleinste Mädchen auf den Arm: die anderen liefen vor ihr oder neben ihr her— einen Augenblick, und alle verschwanden im Hanse. Pavel trat vom Fenster zurück. Er war durch die Worte des Fräuleins Afra auf ein langes Warten vorbereitet gc- Wesen und nun sehr überrascht, als sich schon nach wenigen Minuten die Tür in ihren Angeln drehte. Auf der Schwelle erschien, in gewohnter edler Ruhe, unverändert durch die an ihr hingegangenen Jahre, die Oberin. Sie führte ein junges Mädchen an der Hand, ein hohes, schlankes, dasselbe, dessen stilles Walten Pavel gesehen, dasselbe, das ihn an seine Schwester gemahnt hatte— Milada im Novizenkleide. Er starrte sie an in grenzenlos wonnigem, grenzenlos wehmütigem Staunen: über ihre Lippen kam bei seinem An- blick ein Ausruf des Entzückens: die Blässe ihres zarten Ge- sichts wurde noch durchsichtiger, noch farbloser. „Pavel, lieber, lieber Pavel!" sprach sie: aber sie riß sich nicht loS von der führenden Hand: sie stand still und sah ihn mit großen glückstrahlenden Augen an. Auch er stand still. Mächtiger als der Wunsch, auf sie zuzustürzen und sie an seine Brust zu ziehen, war die ehr- erbietige Scheu, die ihn ergriffen hatte und gebannt hielt und ihm die geliebte Ersehnte, die Nahe— unnahbar machte. Beklommen schwieg er: in seinem Kopf jagten sich die Gedanken: diese junge Heilige, war das seine Schwester? „■. Durste er sie noch so nennen?— War sie's, die er tausendmal in seinen Armen gehalten, geküßt, geherzt hatte — manchmal auch geschlagen?— War sie's. deren Geschrei „Hunger. Pavlieck, Hunger!" ihn zum Diebstahl verleitet hatte, wie oft, wie oft!— War sie's, deren Füßchen er der- bunden, wenn sie sich wund gelaufen bei den Wanderungen von Ort zu Ort, hinter dem Vater und der Mutter her?.,. War sie's?— Die Oberin weidete sich an der Ueberraschung der Ge- schwister.„Nun'." sagte sie, sich freundlich zu Milada wendend. „wer hat denn einst in kindischem Vorwitz gesagt:„ich sehe Dich nie mehr: sie werden mir nie mehr ertauben. Dich zu sehen?"... Und jetzt ist er da. Dein Bruder. Begrüßt Euch, gebt Euch die Hände." Die Ausforderung mußte wiederholt werden, bevor Pavel und Milada ihr nachzukommen wagten, und dann, als Pavel die Hand seiner Schwester in der seinen hielt, beängstigte ihn ihr Glühen und das Jagen der Pulse, die an seine Fipger klopften. In seiner derben Rechten lag eine kleine schmale Hand, aber nicht die weiche Hand einer MllßiggLngerin, son- dern eine mit der Arbeit vertraute. So hatte man die zarte Pilgerin aus dem Wege zum Himmel nicht enthoben von der gemeinen Mühsal der Erde. Ein. als der Lehrer es zu ihm gesprochen, halb ver- standenes Wort tauchte im Gedächtnis Pavels auf:„Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Kerze brennen!" Sein Herz schnürte sich zusammen, er erhob die Augen von der Hand Miladas zu ihrem Angesicht:„Eine Nonne, also eine Nonne—" sagte er. Die Oberin erwiderte:„Noch nicht: über ein kleineI jedoch wird sie zu denen gehören, die mit unserem göttlichen Erlöser sprechen: Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?" Bei dem Worte Mutter erwachte Pavel wie aus dem' Traum:„Die Mutter läßt Dich grüßen," sagte er:„es geht ihr gut. Sie möchte auch gern wissen, wie es Dir geht. Was soll ich ihr schreiben?" „Schreibe ihr," antwortete Milada. unterbrach sich jedoch und richtete einen um Erlaubnis bittenden Blick auf die Oberin: erst als diese zustimmend genickt, begann sie wieder: „Schreibe ihr, daß mein ganzes Leben nichts ist, als ein ein- ziges Gebet für sie, und— noch für einen, unseren armen, unglücklichen Vater..." ihre Stiinme hatte sich gesenkt, nun erhob sie sich freudigen Klanges—„und auch für Dich, lieber, lieber Pavel." Pavel murmelte etwas Unverständliches, seine Augen be- gannen unerträglich zu brennen: plötzlich ließ er Miladas Hand aus der seinen gleiten und trat einen Schritt zurück. Sie fuhr fort:„Der Allbarmherzige hat mich erhört, er hat Dich gut werden lassen... nicht wahr?... sprich, lieber Pavel, sag ja, Du darfst es sagen— es ist ja ein Werk Seiner Gnade. Sag, ich bitte Dich, daß Du gut und brav geworden bist... Pavel, Lieber, bist Du gut und brav?" Er senkte den Kopf, gepeinigt durch ihr Flehen, und sprach:„Ich weiß es nicht." „Du weißt es nicht?" fragte Milada. und als er schwieg, rief sie mit aufsteigender Besorgnis die Oberin an:„Er weiß es nicht— ehrwürdige Mutter, wie kann das sein?" Die Oberin sah Bangigkeit und Unruhe sich in den Zügen der Novize malen, sah ihre bleichen Wangen sich mit immer dunkler werdender Röte färben und versetzte beschwichtigend: „Es kann wohl sein. Er hat Dir eine schöne Antwort gegeben, die des Bescheidenen, der seinen Wert nicht kennt. Wir kennen ihn: wir wissen von den Fortschritten, die Dein Bruder aus dem Wege des Heiles macht. Darum auch durste er seinen Auftrag selbst bestellen und den Deinen selbst einholen. Es ist geschehen und nun, liebe Kinder, sagt Euch Lebewohl." Pavel seufzte tief auf:„Jetzt schon?" und zugleich unl» mit derselben Bestürzung drangen aus Miladas Mund die- selben Worte. Aber nur ein kurzer Kampf, und dem unwill» kürlichen Schrei des Herzens folgte der Ausdruck der Ergebung in fremden Willen, und sie sprach: „Lebe wohl. Pavel." Ihr frommer Gehorsam wurde belohnt, die Oberin lächelte gütig:„Du kannst auch sagen, auf Wiedersehen." „Bei meiner Einkleidung," fiel Milada begeistert ein, „zu meiner Einkleidung wirst Du kommen, das darf man,,, Nicht wahr, ehrwiirdige Mutter, man darf— er darf... und ich," setzte sie nach kurzem Besinnen demütig hinzu,„dar? ich noch eine Frage an ihn stellen?" „Frage!" Milada, die schon im Begriffe gewesen war. der Oberin zu folgen, wendete sich wieder Pavel zu:„Lieber, hast Du allen verziehen, die Dir Böses getan haben?" Er sah die gespannte, bebende Erwartung, mit der si» seiner Antwort lauschte, er prüfte sein Herz und sagte; „Einigen schon." „Du mußt aber allen verzeihen: sie sind ja Werkzeuge Gottes, die Dich zu ihm führen durch Prüfungen. Verzeih ihnen, liebe sie, versprich es mir..." Sie beschwor ihn mit einem Ungestüm, der an die Miladck früherer Tage gemahnte.„Versprich's, mein Pavel: wena Du es nicht tust, muß ich leiden," klagte sie,„es ist ein Zeichen, daß ich noch nicht genug getan, gebetet, gehüßt habe." ',�<5 vcrsPrM es," rief er überwäftinf und sireRe seine Urme nach ihr aus. „Tank," hörte er sie noch sagen.„Dank, lieber, lieber AZavel," und alles war vorbei, die Lichterscheinung entglitten. {Die Oberin hatte Milada mit sich fortgezogen, er war allein. Bald darauf öffnete die Pförtnerin die Tür und blieb an derselben stehen, die Klinke in der Hand. Pavel leistete ihrer stuimnen Aufforderung Folge, er trat in die Halle, er trat !ins Freie, T r- 16. 1 Pavel schritt langsam über den Platz, der ihm einst einen so großen Eindruck gemacht und für dessen Herrlichkeiten er Heute keinen Blick hatte. Das Glücksgefühl über das un- erwartete Wiedersehen niit Milada zitterte noch eine Weile in ihm nach, wich aber bald einer jede andere verdrängenden Eiirpfindnng qualvoller Besorgnis und füllte seine �recle mit Leid und mit Reue. Er hätte sich nicht foriweisen lassen dürfen, wie er es in seiger Schüchternheit getan: er hätte bleiben und der Frau Oberin sagen sollen:„Mir bangt um meine Schwester: sehen Sie nicht, daß sie sich verzehrt in Arbeit. Gebet und Buße?" — das wäre seine Pflicht gewesen, Wohl auch sein Recht.— Ter Gedanke, einmal gefaßt, und sogleich ward er auch zum Ent- schluß. Pavel kehrte nach dem Kloster zurück und zog an der Glocke. Die Tür öffnete sich nicht, aber an einem in derselben angebrachten kleinen Gitter wurde ein Auge sichtbar; die Pförtnerin fragte nach dem Begehr des Schellenden, und auf Pavels Antwort kam der Bescheid, die Frau Oberin sei nicht zu sprechen. Die Klappe hinter dem Gitter schloß sich. Was tun? Pochen, stürmen, den Einlaß erzwingen, auf die Gefahr hin, den Unwillen der frommen Frauen auf sich zu laden?... Und wenn dies geschah— wer würde für Pavels Vergehen büßen, mehr büßen wollen als müssen?— Milada. .Er wußte es wohl und trat von neuem seine Wanderung an. .sFortsetzung folgt.x .rNuchdrus sntcicn.j „Die RüfK von Ernst Viktor Tobkeri Melne Bcrgeinfiedelei ist ein klein wenig schwer zugänglich und abgelegen. Dies bringt kleine Rachteile mit sich, die aber sllr mich so belanglos find, daß ich gar nicht davon zu sprechen brauche. Hin- gegen soll man von den Vorzügen einige« hören. Nicht der ge- ringst» ist der, daß man nur von wenigen beneidet wird. Die Aus- ficht freilich, die mir mein Studierstübchen im Giebel eines sonn- gebräunten, rebenumsponnsneu Pränigauer Häuschens spendet, möchte manchem gefallen. ES ist der lieblichste Ausblick, den ein engeres Tal, wie das Prättigan, überhaupt bieten kann, und eine noch ländlichere Umgebung ist auch kaum denkbar. Da? bodenständige, freundliche Holzhaus schmiegt sich an den Rand einer wie eine grüne Muschel in den steil ansteigenden Berg ein- geschnittenen Wiescnterrasie, von der o>ls der Blick das Tal völlig deherrscht. Wenn hier ein rechter Freund der Natur sich niederläßt, um diese stille Herrlichkeit eine Woche zu aenießen, wird er bald zu der Erkenntnis kommen, daß er auch Monate und Jahre schauen könnte, ohne die Lust daran einzubüßen. Denn je länger man hin- sieht, desto wonniger und unbegreiflicher will einem dicS Bild des Friedens in seinem traumhasten Duft vorkommen. Reizender noch als der grüne, flußdurchglänzte Talgrund muten die an Hängen verstreuten und aus Obsthaine» blinzelnden Weiler und Höfe an, dann daS stattliche Dorf Schiers mit seinem zwiebel- bekrönten Turm und den altersbrauuen, malerischen Häusern, deren sich weich ins Bild schmiegende Schindelbedachung immer mehr durch die feuersicheren, aber aufdringlichen Dachziegel verdrängt wird. Hinter dem Dorf steigen steile, am Fuß niit herrlichen Buchen-, weiter oben mit ununterbrochenen Tannen- und Lärchen- Wäldern bestandene Berge bis in die ivonnige Alpenregion an. Den emdruckZvollen Abschluß des Tales bildet von meiner Seite her ein fast immer schneebedecktes Felsgcbirge. die stolze, formenschöne Ea- sanna. Dieser koketten Schmeichlerin schreibe ich fast noch mehr die Schuld zu, daß ich das Wandern in den Bergen nicht lassen kann, als dem Churer Ealanda und de«�»ildeii Gczacke der grauer, Höruer, deren Schönheit ich von meiner Behausung aus ebenfalls genießen kann. Ties ist der Ort, lvo ich alljährlich mit freudiger Spannung zusehe, wie die täglich erstarkende Sonne den Winterschnee wegküßt und die ersten Veilchen hervorschmeichelt. Hier erwarte ich das Grünen der Lärchen und der Buchen, das Blühen der Kirschen-, Zwetschgen- und Apfelbäume, versenke mich mit Behagen in eine satte Sommerherrlichkeit, frohlocke in dem reichen Segen des Herbstes und seinen stendigen Farben und begrüße endlich nach vielen goldenen Rovemhertagen dennoch mit Freuden den Winter, der >a—5 eines Morgens blinkend und licht als guter Freund in unserm Tal erscheint. Wie ruhig eS hier oben ist I Fremde Gesichter tauchen nur selten bei uns auf, und auch die Einheimischen, die auf den, steinigen Bergweg täglich vorüberkommcn, find gar leicht zu zählen. Aber totenstill ist's dennoch nicht. Etwas regt sich beständig. Fe nach der Stimmung säuselt oder rauscht hinter dem Hause der schöne Buchenwald, mein lieber Freund. Ein stischer Quell sprudelt unmittelbar aus dem Berge seinen reichlichen Segen in einen mit malerischem Grünzeug umrankten Stein- trog. Der Obsthain, der das Haus so anmutsvoll umgibt, ist beinahe das ganze Jahr hindurch belebt vom Jubel zahlreicher Sing- Vögel, die hier ein ungestörtes Dasein genießen;»nd ein ganzeS Heer unermüdlicher Grillen, Käfer, Bienen und Fliegen liefert an sonnigen Tagen in den blumigen Wiesen dem bunten Schmetterlings- voll die lustige Ballnuisik. Vom fernen Dorf tönt Stundenschlag und Glockenläuten zu uns. Aber noch niehr bestimmend für unsere Zeitrechnung sind die Eisenbahnzüglein der Rätischen Bahn, die unten im Tal dahinrollen. Wie gerne sieht man zu dem Weltverkehr hin. der einen so wenig belästigt, wie uns daS gesamte Bahnwesen deS PrättigauS. Fast hätte ich unfern Hauptruhestörer bergessen. ES ist dieS ein gewöhnlich unscheinbarer Bach, der sich kaum 300 Meter unter dem HauS aus einer engen Felsenschlucht drängt. Sein Rauschen vereint sich mit dem de» viel bedeutenderen, aber auch ferneren Talwassers, der Landauart, zu einer von mir zwar kaum mehr beachteten, und dennoch am fremden Ort oft sehr vermißten Musik. Bon diese, n Bach möchte ich heute erzählen. Ich schätze ihn sehr, denn ihm verdanke ich manche stillvergnügte Badestunde. Wer einen Wald oder einen Dach, oder wie ich gleich beides, in der Nähe seines Hauses hat. der weiß die warmen Souunerlage ganz zu würdigen. Das scheint mir erst die richtige Sommerfrische zu sein, wo man in paradiesischer Bekleidung den halben Tag im Walde oder am Bach liegen und in der köstlichen Sommerwärme schwelgen mag, die einem in solcher Lersajsung nur Wohllar, nicht Unbehagen bedeutet. Zum Schwimmen bietet mein Bach keine Gelegenheit, bewahret Ich bin ja schon znstieden, wenn er mit seinen klaren, milden Fluten ein kleines Felsenbecken auszufüllen vermag, in dem ich dann wie in einer Badewamie sitzen kann und mir den gesamten Bach erquickend von oben munter über Kopf, Nacken und Schulten, sprudeln lassen kann. In einem besonders trockenen Sommer ist mir der Kerl nämlich schon ganz weggeblieben, gerade als ich seiner am nötigsten bedurft hätte. I» dieser Hinsicht war er im Jahre 1909 zuverlässig. Nur über seine arktische Temperatur hatte ich damals zu klagen. Endlich schien er sich bessern zu wollen und ich ließ mich mehrere Male zur Nachmittagslektüre mit eingestreute» Bade- erfrischungen in die Schlucht hineinlocken. Ist mir auch gut be- kommen und soweit alle« überaus idyllisch verlaufen. Aber man soll hören, wie sich die Idylle plötzlich in einen Kriegsschauplatz der- Wandeln kann. Wenn ich mitunter meinen Besuchern erzähle, daß der kleine Bergbach ein unglaublich wilder Teufel sein kann, belächeln sie»vcr- ständnisvoll" mein Jägerlatein. Aber dann bitte ich sie, mir ge» fälligst zu sagen, woher der ungeheure Schutt- und Gerüllkegel stammen möchte, der sich von der Schlucht weg in etwa kilometcr- langer Ausdehnung quer ins Tal hineindrängt, wenn nicht vor» diesen, Bach, und wofür die langen, starken Dämme im Tal und das mächtige Schwellwehr am Ausgang der Schlucht errichtet sein könnten. Und erzähle ihnen, loie nach Gewittern, langen Siegen- güsien und zur Zeit der Schneesckimelze große Steine mit dem Wasser herunterpoltern. Eine Rüfi jedoch, dieses gefürchtete Un- getüm, das sich zum Glück durchschnittlich nur alle fünfzehn Jahre einmal auS der Schlucht stürzt, konnte ich bisher nicht aus eigener Anschauung schildern. Run aber habe ich die schöne Bestie mtt eigenen Augen geschaut. Was eine.Rüfi" ist? Man wird cS gleich aus meiner Erzäh» lung hören I ES war ein gar nicht heißer oder schwüler Nachmittag, und darüber zufrieden, saß ich eifrig an meinem Schreibtisch und be« merkte mir, zuweilen einen Blick inS Grüne hinaussendend, daß ein Regen im Anzüge war. Bald hörte ich die ersten schweren Tropfen ins Blätterdach der Obstbäume klatschen und eilte, die zur Durchsonnung auf der Wiese liegenden Betten rasch unter Dach zu bringen. Noch war diese Arbeil nicht beendet, als ein Gewitterregen mit aller Kraft einsetzte und nicht enden zu wollen schien. Zuerst galt meine Aufmerksamkeit dem rauschenden Regen, dein tief herabhängenden Gewölk und den zuckenden Blitzen. Dann aber zog der Bach mein Augenmerk ganz aus fich. Denn daS war im Nu kein Bach mehr, sondern ein wilder, tückischer, brüllender Strom, dessen vom Bündnerschiefer schwarze Fluten im Airbelsturn, vorbeijaglen und alle? ohne Erbarmen mit stäi rissen, was sich ihrem beständig wechselnden Lauf entgegenstellte. Wie mächtige Rappen bäumten sich die gewaltigen Wogen an den Dämmen auf. und jede riß einen Stein, einen Busch. ein Stück Erdreich mit fich. Dies beobachtete ich des starken Regen« wegen mit dem Feldstecher. Namentlich wollte ich sehen, wie«S unserer erst im letzten Herbst erstellten Brücke ergehe. Unser Lieb- ling, dessen Kommen wir längst ersehnt hatten, hielt sich topfer in dem Graus: das Maiierwerk wich und wankte nicht, trotz des An- prall» von Wogen und Steinen. Aber was kommt nun, fragte man fich mit Bapgcn? Denn das Brüllen des SiromeS hatte sich jäh in ekn gewattiges Donnern verwandelt. Ein kleiner Bergrutsch Muhle fick hinten in der Schlchcht, die für die niederstürzenden Äegenmaffen gewissermaßen als Sammel- trichter wirkte, losgelöst haben. Die Rüfi war in Bewegung. Man hörte eS: Millionen von großen imd kleinen Steinen rollten, von der Riesenstärke des Stromes gedrängt, mit ihm zur Schlucht heraus, daß der Boden dröhnte und unser entferntes HauS wie ein Fieberkranker zitterte. Nur durch Schreien vermochte man sich im Hause zu verständigen, so groß war das Getöse. Es war, als ob die Hölle losgelassen wäre. Ich mochte mein Glas nicht von der Brücke wenden. Jetzt kam's daher, gräulich anzusehen, ein Riesenungetüm, das einen er- schaudern machen konnte, auch wenn man völlig in Sicherheit war: ein großer, ungestalteter, sich bewegender und beständig ver- ändernder Berg aus Schlamm. Wasser, Geröll und Felsen. Nicht langsam kam's, nein, in rasendem Lauf wie ein scheuendes Roß und trug auf seinem Rücke» feine scheußliche Beute. Ganze Tannen eilten vorüber. Jetzt schwamm ein großer Felsblock obenan in dem schwarzen Schlammbrei— vorbei, vorbei-- Erlengehölz, Baumstämme, Bretter. Wurzelwerk,-- vorüber, rasch vorüber, denn hinten drängt noch viel anderes nach. Wamr sollte dieser Höllen- drodel ein Ende finden? Nun rannte der Berg auf die Brück? los. Sie erzitterte, von den höchsten Stämmen, die mitfuhren, berührt, in ihren Grundfesten, und für einen Augenblick schien cS, als sei sie schon weggefegt, denn sie war in eine Schaumwelle völlig untergetaucht. Aber der lebendige Berg hatte inzwischen unter ihr seinen Weg gefunden und die Brücke triumphiere noch. Die Äiisi schwoll indessen noch höher an, wischte über die Brücke hin und legte das eiserne Geländer um, als wären eS nur Zündhölzchen. Die Brücke sah ich noch wanken, dann verschwand sie m dem Gebräu der Hölle. Bald konnte man daran, wie Felsen, Bäume, schwere Holzblöcke an ibrer Stelle ungehinderten Durchzug fanden, erkennen, daß keine Brücke mehr da war. Es war vielleicht das größte Glück, denn. hätte sie der Nüfi länger Widerstand geleistet, so würde diese wahr- scheinlich in die Gemeindefelder und gegen das Sckierser Dorf hin ausgebrochen und hätte bedeutenden Schaden angerichtet. So hielt sich der Schuttstrom wenigsten? an sein geräumiges Gebiet, das er von Grund aus umwälzte. Furchtbar genug sah es da au?, an vielen Orten nicht mehr zum Erkennen. Am gleichen Tage beruhigte sich der Bach nicht mehr, der Regenguß war zu heftig und anhaltend. Jedoch am nächsten Morgen sah er wieder so still, helläugig und heiter aus, als wäre nichlS geschehen. Aber das große Schwellwehr oben an der Schlucht hat er weggerissen, die Schlucht hinter dem Wehr mindestens vier Meter hoch mit grobem Geröll ausgefüllt, an anderen Orlen fast ebenso viel weggespült, den Dämmen hat er stark zugesetzt, Erlen- gruppen seines Reviers mitsamt ihren: Boden nach ganz anderen Orten getragen. Brückenteile kann man fiinfhnndert Meter unter- halb der Unglücksstelle im Geröll halb vergraben vorfinden. Die langen eisernen ll'-Balkcu haben freilich eine weniger weite Reise gemacht. Richtete auch das Geröll sonst keinen weitereil Schaden an, so überschwemmten die gewaltigen Wasiermassen weiter unten in der Talebeue, wo sie die Steine hinter den Dämmen abgelagert hatten, zahlreiche Wiesen und bedeckten sie mit einer zähen Schicht von Letten, daß wohl nicht mehr viel zu ernten übrig blieb. Aber eS gibt kein Unglück, ans dem nicht etliche Nutzen zögen. Wie manches Klafter Holz unten am Damm zusamn, engetragen wurde, weiß ich nicht, doch sah ich wochenlang viele Menschen mit Aexten und großen Waldsägen die unten angeschwemmten Bäume und Blöcke zerkleinern und auf mancherlei Fahrzeugen nach Hause schaffen zur erwünschten Bereicherung der häuslichen Holzvorrüte, nicht zu reden von all' den jungen Sammlern, die sich des kleineren, arg zerschundenen und entrindeten Holzes annahmen. Ebenso mußten wochenweise Tagelöhner zur provisorischen Ausbesserung des Schadens aufgeboten werden, die auf diese Weise wieder vielleicht ungeahnten Berdienst fanden. Und schließlich gehöre auch ich zn den Ausbeutern deZ Schadens, denn nicht um viel möchte ich niich trennen von dem bedeutenden Eindruck, den das gewaltig« Nawrschauspiel auf mich gemacht hat. Einen Hauptdämon der Berge habe ich am Werk gesehen, die Ohn- macht deS Menschen ihm gegenüber gestählt. Erst jetzt versteh« ich d»e gewallige Erosionswirkung auch gc- ringer GebirgSwasier ganz und sehe mir jede Rüfi lfa nennt man in Granbünden überhaupt jedes Rutsckgebiet und die Geröllgebiete der Wildwasser) mit ganz anderen Augen an. Jetzt bin ich auch imstande, mir ein lebendiges Bild zu'machen, wenn ich von Ber- heerungen durch Wildwasser in der Zeitung lese. DaS ist weit fürchterlicher als ein Hochivasser, eine Ueberschwemmung in der Ebene, so fürchterlich, daß ich im Bergland nie in der unmittelbaren Näh« auch nur deS kleinsten WasierzugeS wohnen möchte.. Die Secleutung der Bakterien im fflacfendarmkanal. Bon Tr. med. L. Reinhardt. Bon der Fülle der mit den verschiedenen Speisen und Ge- iränkcn in das Tarmrohr gebrachten Bakterien inachen wir uns keine Vorstellung. Ihre Zahl beträgt täglich viele Millionen. DiS Mehrzahl von ihnen aber wird im Magen durch die Salzsäure ver-, nichtet, und nur die widerstandsfähigeren Arten, besonders dis Sporen oder Dauerzustände, passieren den Magen lebend, werden aber mit dem raschströmenden Dünndarminhalt in verhältnismäßig kurzer Zeit in den Dickdarm abgeschoben, wo allerdings sehr gün- stige Bedingungen zu ihrer Vermehrung vorhanden sind,«o kann es uns nicht vertvundern, daß hier eine rege Baktericnslora zn finden ist, so daß wir täglich etwa 126 Billionen Bakterien mitl dem Kote ausscheiden. Allerdings sind von ihnen nach den neuesten Untersuchungen nicht weniger als S9 Hroz. in ihrer Entwickclung gehemmt oder bereits abgestorben und nur 1 Proz. ist leben?-- kräftig, so daß sie sich auf einem ihnen günstigen Nährboden weiter entwickeln. Dieses Absterben der weitaus meisten Bakterien ei> folgt durch die von den Bakterien selbst ausgeschiedenen Hein» mungsstoffe, Autotoxine genannt, die an Giftigkeit selbst die Kar- bolsäure übertreffen. Und zwar scheiden das kräftigste Gift von allen die Colibazillcn aus, die dadurch die Borherrschaft über die anderen Mitbewerber erlangen. Infolgedessen herrschen sie um so mehr vor, in je tiefere Darmabschnitte der Kot gelangt. Durch sie wird wesentlich eine Eiweitzfäulnis bewirkt, die dem Kote durch die dabei entstehenden Zersctzungsprodukte wie Inda!, Phenol« Skatol, flüchtige Fettsäuren, aromatische Säuren, Ammoniak, Methan, Schwefelwasserstoff und Methylmerkaptan den unange- nehmen Geruch verleihen. Im Dünndarm dagegen werden fast nur Gärungen ausgelöst, wodurch vorwiegend die Kohlehydrate der Nahrung unter Bildung von Milchsäure, Essigsäure. Bernsteiusäure und Aethylalkohol zersetzt werden. Durch diese Baktericugärung wird die Verdauung der Pflanzenstosfe für den Menschen wesent- lich begünstigt, indem dabei die für die Verdauungssäfte unangreif- bare Zellstoffhülle gelöst und dadurch der meist aus Stärkemehl bestehende Zellinhalt für die Verdauung ausnützbar gemacht wirdi. So verschivinden beispielsweise aus jungen Gemüsen bis zitz 4lZ Proz. Zellulose durch die Tätigkeit der Dünndarmbakterien. Bei der Unzahl von Bakterien sind natürlich Schut-vorrich-> tungen im Körper getroffen, die die Epithel(Oberhaut)zcllen deS Verdauungsrohrs vor ihrem Eindringen schützen. Aber nur gc» sunde Epithelien der Schleimhaut vermögen die andrängende»« Bakterien mit Erfolg abzuwehren; geschwächte und kranke dagegen werden von ihnen bald überwältigt und sterben ab. In die dabei entstehende Lücke werfen sich aber alsbald die Weißen Blulkörper» che» als die vorsorglichen Schützer des Körpers, um den Feind, de« durch die entstandene Bresche einzudringen versucht, abzuhalten. Dabei gelingt es ihnen, durch Ausscheidung von Giften, die diq Bakterien zum Absterben bringen sollen, und auch meist zum Ab- sterben bringen, den Körper vor der Invasion der schlimmer» Feinde zu bewahren, indem sie sich dabei aufopfert' und durch die» von den Bakterien ausgeschiedenen Gegengifte zugrunde gerichtet« absterben. Der nächste Schutzwall, der die Bakterieiiinvanon im Falle des Nichtgelingens durch die sich vordrängenden weißen Blut» körperchen verhindert, sind die Lymphdrüsen, die jene erzeugen, Diese sind inehrfach hintereinander gelagert und müssen durch, krochen werden, ehe der Körper seinen Feinden preisgegeben ist, Dieser durch die llnversehrtheii der Epithelzelleu bedingte Selbstschutz des Darmkanals ist am stärksten ausgebildet im Dünn- darm, wo demgemäß auch die wenigsten Bakterien nachweisbar find. Erst wenn in diesem Darmabschnitt eine stärkere Stauung des Inhalts eintritt, vermögen sich die verhältnismäßig wenig zahl» reichen hier normalerweise vorhandenen Bakterien starker zu ver» mehren und durch die von ihnen ausgeschiedenen Gifte die Schleim- Hautzellen zu reizen. Diese autworten durch vermehrte Ausschei- dung von Gegengiften und Schleim, euch Bluttvasser, welch letzteres den Inhalt verdünnt. Dabei wird der Darminhalt durch vermehrte wurmförmige Bewegungen des DarmeS schneller als sonst von den angegriffenen Teilen weitergcschoben. Dieser Prozeß pflanzt sich fort in dem Dickdarm, der durch denselben Porgang den noch nicht eingedickten Kot in Form von diarrhoischen Stühler, hinausschafft. Diese stinken weit mehr als normaler Kot, wei! darin eine starke EntWickelung von die Eiweißfäulnis beloirkenderr Bakterien stattfindet. Dabei entstehen starke Gifte, sogenannte Ptomaine, die, vom Körper resorbiert, in hohem Maße schädigcndt auf ihn einwirken. Alle stärkeren Durchfälle hemmen und schwächen nun die physiologischen antibakteriellen Schutzkräfte im Dickdarm, indem sie die obligaten, dem Menschen angepaßten und'hm nützlichen Darm- bakterien in ihrem Gedeihen behindern oder sie selbst und ihr» bakterientötcnden Stoffwechselprodukte teilweise oder gänzlich fort» schaffen. Daß der Mensch eine gutentwickelte physiologische Darm- flora, zumal eine kräftige Rasse von Colibazillen(gutartige Darm-. bazillen) habe, ist ein sehr wertvolles persönliches Schutzmittel für ihn, indem dadurck die Darmfäulnis eingedämmt und der Kampf gegen eindringende Krankheitserreger aufgenommen wird. Diese persönliche Rasse von Colibazillen sind durchaus unschädlich, sa lange sie im Darme verbleiben. Zwischen ihnen und den Epithel- zellen des Dickdarms hat sich eine regelrechte Symbiose odeu Lebensgemeinschaft ausgebildet, und der Organismus ist durch Ge- Wohnung und Anpassung an die Produkte seiner Darmbattenor, immun, d. h. gefeit geworden. Deshalb wirkt auch das Blutsermr» auf solche Kultur«, von Colibazillcn agglutinierend(zusammen- klebend), die auS dem Darme desselben Individuums stammen» nicht aber auf Colibazillen anderer Herkunft. Diese eigenen Coli« bazillen, an die sich der Körper gewöhnt hat. können niemals, wi, französische SluloröN«mnaHmen, für iihren Träger böSariig werden rind ihn gelegentlich krank machen, sondern es sind stets andere Vrten, die solche Wirkung ausüben. Unter solchen ihnen sehr nahe berwandten Formen sind als besonders bösartig die Bakterien der Kälberruhc. der Schtvcine- und Wildseuche, der Fleischvergiftung sind andere zu nennen. Auch in der Milch können den Kindern Lolche giftige Colibazillenarten zugeführt werden, die bösartige iDiarrhöen verursachen. Das ist aber nur bei kunstlicher Ernäh- rung mit artfremder Milch möglich, nicht aber bei Ernährung mit Iber betreffenden Muttermilch. Die Mutter nämlich, sei es Tier oder Mensch, hat in ihrem Blute Schutzstoffe für die wichtigsten .unter den Darmbakterien, das Bacterium coli und Bacteriuin lactis aerogenes u. a., die es in seinem Dickdarm als Mitbewohner Ibeherbergt. Diese gehen nun, da die Albumine und Globuline des Wlutes die gleichen sind, in die Milch über und schützen den Säug- ling vor der schädigenden Wirkung der betreffenden Bakterien, an die sich sein Organismus noch nicht gewöhnt hat. Dies ist sehr nötig, da sein Darin sehr wenig widerstandsfähig ist und auf alle Gifte stark reagiert und durch sie geschädigt wird. Solange es die Muttermilch erhält, ist es gegen solche Schädigungen immun, d. h. gefeit, da die damit aufgenommenen Antikörper durch die Verdau- ung nicht zerstört werden, sondern unverändert durch die Darm- wand des Säuglings in dessen Säftemasie übergehen. Durch das Kochen der Milch werden aber diese Schutzstoffe vollkommen zer- stört, ganz abgesehen davon, daf} dadurch die Milch verdorben und ihochgradig entwertet wird; denn sie ist eine lebende Flüssigkeit, die durch das Sieden abgetötet und minderwertig gemacht wird. Die Bekämpfung der abnormen Gärungs- und Fäulnis- Prozesse mit sogenannten antiseptischen Mitteln, wie sie immer wieder von der chemischen Industrie angepriesen werden, hat «immer wieder enttäuscht, so daß sie heute mit Recht in Mißkredit steht. Das darf auch nicht wundernehmen, denn es ist ein Ding wer Unmöglichkeit, den Darmkanal zu desinfizieren. Auf einige Millionen oder sogar Billionen Keime mehr oder weniger kommt es ja gar nicht an. Viel aussichtsreicher ist der Versuch, Nachweis- bar gutartige Pilze im Dickdarm anzusiedeln und dadurch weniger gutartige zu verdrängen, wie dies neuerdings mit dem Aoghurt oder der bulgarischen Dickmilch geschieht, die dadurch berühmt wurde, daß ihre Konsumenten durchschnittlich ein überaus hohes Alter erreichen. Während nämlich unter den 64 Millionen Be- wohnern Deutschlands nur 71 hundert Jahre oder darüber alt werden, finden sich in Bulgarien, wo der Doghurt ein beliebtes Wolksnahrungsmittel ist, bei nur vier Millionen Einwohnern nicht weniger als 3806 Leute von hundert Jahren und darüber. Unter Viesen letzteren erreichen nicht wenige ein Alter von 126 Jahren (und sind dabei körperlich noch vollkommen rüstig und sogar arbeits- sähig. Diese auffallende Tatsache zog die Aufmerksamkeit ver- .schiedener Aerzte auf sich, die der Sache nachgingen und zum ISchlusse kamen, daß wirklich die Nationalspeise der Bulgaren, der Aoghurt, die Ursache davon ist. Dieser Aoghurt ist an sich schon dadurch außerordentlich nahrhaft, daß zu seiner Bereitung vie Milch auf die Hälfte ihres ursprünglichen Volumens eingedickt wird. Dann werden in ihr durch Beschickung mit dem Nest der letzten Sauermilch, sobald die Masse auf 45 Grad Celsius abgekühlt «ist, die Bakterien bei gleichmäßig warmer Temperatur zur Ver- «nehrung gebracht, wobei die Milch unier Ausscheidung von Milch- {äure gerinnt. Bei der mikroskopischen Untersuchung des Doghurt indet man darin lange Stäbchen von geringer Beweglichkeit, die man als Majabazillen bezeichnet hat, dann einen meist einzeln auftretenden DoppelkokkuS und einen zu 4 bis 16 Stück anein- andcrgercihtcn Kettenkokkus. Diese gedeihen bei 45 Grad CclsiuS am besten und sterben bei 76 Grad ab. Es darf also die Milch »licht zu heiß sein, wenn man das Bakteriengemisch hinzufügt. Alle drei Arten sind vollkommen unschädliche Saccharolyten, die vor- HUgstlkdise Milchsäure erzeugen. Sie verdrängen nun, in so großer Menge in den Darm eingeführt, die die Darmfäulnis bewirkenden Siweißzersctzcr oder Proteolyten und heilen so meist rasch selbst lehr hartnäckige und chronische Darmkatarrhe, die auf keine andere Weise zu beeinflussen waren. Die von ihnen ausgeschiedene Milchsäure ist an sich ein sehr wirksamer Stoff, um Eiweißgärung erzeugende Bakterien fern- guhaüen und in ihrem Gedeihen zu hindern. So hat eine Enquete französischer Aerzte ergeben, daß regelmäßig in der Nah- amng sehr langlebiger Menschen diese in Form von Sauermilch oder Sauerkraut eine sehr große Rolle spielt. Diese Speisen sind also außerordentlich gesund und bekömmlich und in der Kost aller Menschen sehr zu empfehlen. Schon die Patriarchen der Bibel, von denen berichtet wird, daß sie ein außergewöhnlich hohe? Alter erreichten, haben sich, wie die Vertreter der Hirtenvölker über- ihaupt. vorzugsweise von der sauer gewordenen Milch ihrer Herden- itiere ernährt. Dazu wurde das aus allerlei Körnerfrüchten, be- fonders Gerste, hergestellte Brot und nur bei festlichen Anlässen fleisch gegessen. Es wäre ja für die Hirten irrationell gewesen, ihre eigenen Herden durch zu häufiges Schlachten einzelner Excm- plare zu dezimieren. So leisteten sie sich nur dann einen Braten. wenn ein Fremdling ihre Hütte betrat und das Gebot der Gasi. freundschaft-in außerordentliches Opfer heischte. Bei dieser Milch-Pflanz-ukost sind an Stelle der eine faulige Eiweißgarung bewirkenden Protcolvte die eine Kvhlehydratgärung bewirkenden Swcharelyte an der Arbeit die au? dem Milchzucker durch Wasser- Berainwöritz Ltedakteur: Albert' Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: aufnähme und auS dem Traubenzucker durch Spaltung Milchsäure erzeugen, deren reichliche Anwesenheit im Darme durch Verhinde« rung der Fäulnis im Dickdarm sehr günstig auf das Allgemein» befinden wirkt. Für alle Leute, die eine auffallend starke Darmgärung mit Eiwcißfäulnis, die sich durch stinkende Winde kundgibt, aufweisen» ist die längere Beobachtung einer vorwiegenden Milch-Pflanzendiät unbedingt anzuraten. Dadurch wird viel schneller als durch Medi- kamente einem Prozesse ein Ende gemacht, der sehr ungünstig auf das Allgemeinbefinden wirkt und die körperliche und geistige Lei- stungsfahigkeit wesentlich herabsetzt. Ueberhaupt sei bei dieser Ge- legenheit darauf hingewiesen, daß viele Menschen viel zu viel Fleisch, und dies dazu noch in viel zu scharf gewürzter Form ge, nießen und sich damit großen Schaden zufügen. Ganz abgesehen davon, daß wir damit die sichere Grundlage zu Gicht schaffen, er- leichtern wir damit die Ueberschwemmung des Körpers mit giftigen Stofftvechselprodukten, die uns mit der Zeit unfehlbar krank machen und ein vorzeitiges Altern bewirken. Deshalb sei immer und immcx wieder die Parole ausgegeben: Eßt recht viel Obst und Ge- müse, wie Mehlspeisen und Pflanzenkost überhaupt statt der teuren und nachteiligen Fleischspeisen, dann werdet ihr viel gesünder und leistungsfähiger sein und ein hohes Alter erreichen, kleines Feuilleton. Hauswirtschaft. Salat. Unsere Bezeichnung Salat stammt au? dem Italienischen her, wo man Jnsalate, das heißt Gesalzenes, die Mischgerichte von rohen Pflanzen, gekochten Wurzeln, Pilzen, Früchten, Fleisch oder Fisch mit Essig, Oel und Salz nennt. Uralt ist die Verwendung von allerlei Grünzeug zu Salaten in der Küche aller Kulturvölker. Einer der ersten historisch bekannten Salatesser war— wenn man Heinrich Heine glauben darf— der babylonische König Nebukadnezar, von dem die Bibel meldet, daß er Gras aß wie ein Ochse. Der bekannteste aller grünen Salate ist der Kopfsalat oder Lattich, der für die kommende Zeit eine ebenso angenehme wie gesunde Bereicherung des täglichen Tisches bietet. Seinen erfrischenden Wohlgeschmack verdank! der Salat seinem Gehalt an organischen Säuren und einem bitterlich-aromatischen Stoffe, der in dem Milchsaft der Pflanze vorbanden ist. Von erfahrenen Diätetikern wird häufiger Genuß von Salat als Zukost warm empfohlen. Er wirkt appetitanregend, verdauungbefördernd und Blut kühlend in der warmen Jahreszeit. Leider liegt es mit der rationellen Bereitung deS Salats— so einfach diese auf den ersten Blick erscheinen mag— bei uns in Norddcutschland sehr im Argen. Allgemein wird hier in Wirtshäusern und auch in den meisten Familien der Kopfsalat in einer langen Brühe angerichtet, in deren Säure jede Spur von dem Eigcngeschmack des Salats untergeht. Ein solcher Salat ist auch nickt zuträglich für die Gesundheit, Bei der Bereitung eines schmackhaften und bekömmlichen Salats sind folgende Grundregeln zu beachten: Der Salat muß möglichst frisch sein. Niemals darf er längere Zeit im Wasser liegen und auslaugen. Er muß sauber ge- waschen und danach in eiiieni Siebe niöglichst trocken geschivenkt werden. Die Blattrippen wegzuwerfen ist Verschwendung; jung und zart sind sie sogar von besonderem Wohlgeschmack. Das Anmachen de? Salats geschieht erst kurz vor dem Anrichten. In Frankreich wird es vielfach erst bei Tische von dem Hausherrn vorgenommen. Nach einem alten Sprichwocte gehören zur Bereitung des Salats vier Personen: ein Verschwender, der da» Oel, ein Geiziger, der den Essig, ei» Weiser, der das Salz hinzufügt, und ein Narr, der alles durcheinander rührt. Zuerst hat der Weise in Funktion zu treten, der den Salat mit Salz und nach Gefallen noch init Kräutern würzt. Schnittlauch, Boretsch, der dem Salat einen feinen Gurkengcschmack verleiht, Petersilie, ESdragon, Dill oder Kerbel eignen sich hierzu. Mancher liebt auch einen Zu» sah von etwas Zucker, Dann ist der Salat mit dem Oel zu mischen, das die Blätter mit einer feinen Fettschicht über- zieht, Olivenöl, das wohlfeilere Erdnußöl, das in den deutschen Kolonien gewonnen wird, sowie frisch geschlagene» Mohnöl sind hierzu geeignet. Zum Schluß erst wird Essig untergemischt. Hält man diese Reihenfolge in der Mischung des SalatS inne. so nehmen die Blätter fast die ganze Flüssigkeit auf. Da Essig nicht immer in einwandfreier Qualität zu haben ist.— er enthält oft Kähmpilze und Essigälchen— empfiehlt es sich, ihn vor der Verwendung aufzukochen und erkalten zu lassen. Er muß nach Bedarf verdünnt werden. Noch besser ist eS. Zitronensaft zu verwenden. Kopfsalat mit saurer Sahne. Hierzu nimmt man dicke saure Sahne statt des OelS und fügt außer Essig oder Zitronen» soft noch Zucker uach Geschmack hinzu, S p e ck s a l a t. Würfelig geschnittener Rauchspeck wird an- gebrate»; die Grieben entfernt»nan. Dann werden Essig und Salz, nach Belieben auch ein wenig Mostrich hinzugefügt und aufgekocht. Noch heiß wiid die Flüssialeit unter den mit Kräutern gewürzten Salat gemischt, der nun so-ort zu Tisch gegeben werden muß. da er längeres Stehen nicht verträgt. Die warm erhaltenen Grieben können auf den Salat gestreut werden,___ M. Kt vorwärtSBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerchEo.,Berlin SW,