Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 97. Sonnabend � den 20. Mai. 1911 lSiachdruck verdslen.) 32] Das Gememäekinä. Erzählung v. Marie v. Ebner- Eschenba H. Am Ende der Stadt, in unmittelbarer Nähe der Brücke, stand ein Einkehrhaus und dnvor eine breitästige Linde, die ein paar mit den dünnen Füßen in die Erde eingelassene Tische und Bänke beschattete. Pavel nahm auf einer der letzteren Platz: er war hungrig und durstig und rief nach Bier und Brot: aber als das Verlangte ihm gebracht ward, vergaß er zu essen und zu trinken. Im Hofe des Gasthauses ging es lebhaft zu. Ein Stell- tvagen war angekommen und hatte einige Reisende abgesetzt, Von denen sich zwei in lebhaftem Streit mit dem Kutscher wegen des von ihm geforderten Trinkgeldes befanden. Eine alte Frau vermißte ein Bagagestück und durchstöberte, zum Werdruß der anderen Fahrgäste, den kleinen Berg von Mantel- säcken und Bündeln, der unter dem Türbogen zusammen- getragen worden war. Diesen Vorgängen schenkte Pavel anfangs nur eine flüch- tige Aufmerksamkeit: aber sie wurde sehr rege, als ihm plötzlich ein Kofferchen, ein Pelz und ein Knotenstock auffielen, die er neben dem Eckstein auf der Erde liegen sah. Das waren ja drei alte Bekannte!... besonders der Stock, der hatte ihm einmal recht lustig auf dem Rücken getanzt. Ohne sich zu besinnen, rief er laut:„Herr Lehrer, Herr Lehrerl sind Sie da?" sprang auf und wollte ins Haus stürzen ... da trat ihm Habrecht schon mit ausgebreiteten Armen entgegen. „Alle guten Geister! Pavel..." „Woher? wohin?" fragte der Bursche. „Wohin? zu Dir: Dich wollte ich besuchen und treffe Dich auf meinem Wege. Ein glücklicher Zufall, ein gutes Omen!" „Sie haben mich besuchen wollen— das ist schön, Herr Lehrer." „Schön? I. warum nicht gar... Aber sag mir nicht, Herr Lehrer— ich bin kein Lehrer mehr... das ist alles vorbei: ich bin ein Jünger geworden, und"— er spitzte die Lippen und zog die Luft mit tiefem Behagen ein, als ob er von etwas Köstlichem spräche,„und ein neues Leben beginnt." Pavel war erstaunt und sprach:„Hat denn das neue Leben nicht längst begonnen?" „— War nichts, ist durchaus mißraten." erwiderte Hab- recht kopfschüttelnd,„sollst hören, wie. Komm ins Haus. Unter der Linde— ein schöner Baum... werde mich viel- leicht sehr bald nach dem Anblick einer solchen Linde sehnen— ist's mir zu frisch... Komm, lieber Mensch, ich habe viel für Dich auf dem Herzen und will auch viel von Dir hören, che wir uns trennen, voraussichtlich— auf Nimmerwiedersehen." Er bestellte ein Mittagessen für sich und Pavel, ließ das beste Zimmer des ersten Stockes aufsperren und erklärte sich ungemein zufrieden, als ihm eine große Stube angewiesen wurde, deren Einrichtung aus zwei schmalen Betten mit hoch- aufgetürmten, rosensarbigen Kissen, aus einem mit Wachs- leinwand überzogenen Tisch und aus vier Sesseln bestand. Auch die trübe Suppe und-�er noch trübere Wein, das ausge- wässerte Rindfleisch und die halb rohen Kartoffeln, die der Wirt ihm vorsetzte, begrüßte er mit unbedingten Lobes- erbebungen. Sein eigenes Nahrungsbedürfnis war nicht größer als das eines indischen Büßers, aber seinen Gast munterte er fortwährend auf:„Iß und trink, laß Dir's schmecken: das Mahl ist gut. und ich würze es Dir mit nütz- lichen Gesprächen, mit der Quintessenz meiner Erfahrungen." Er begann zu erzählen, geriet in iminer erhöhtere Stim- ntung, hielt es nicht lange aus auf einem Platze, sprach jetzt stehend, jetzt sitzend, jetzt im Zimmer hin- und herschwirrend und stets mit eigentümlich hastigen Gebärden. ,.— Ja. das war ein Irrtum gewesen, das mit dem Glauben an die neue Lebenssonne, die ihm in dem neuen Wirkungskreise aufgehen würde. Die Gespenster der toten Vergangenheit huschten nach in die lebendige Gegenwart und richteten Verwirrung und Hader an. wo Klarheit und Frieden herrschen sollten. Zu gut hatte Habrecht es machen wollen, zu viel Eifer an den Tag gelegt, sich zu demütig um Gunst be» worden,— dies alles, verbunden mit dem Fleiße, seines strengen Pflichterfüllung und makellosen Lebensführung, er- weckte Mißtrauen.„Der Mann muß ein schlechtes Gewissen haben," sagten die Leute. „Spürst Du was?" fragte Habrecht!„als ich das hörte, grinste das Gespenst mich an, von dem ich im Anfang ge- sprachen habe. War ich gewesen wie einer, der nichts gut zu machen hat— hätt ich's nicht zu gut machen wollen, wäre meinen geraden Weg einfach und schlicht gegangen, unbe- kümmert um fremde Wohlmeinung... Noch eins! Sie sind dort noch viel rabiater tschechisch als hier, mein deutscher Name verdroß sie: sie haben bei mir deutsche Gesinnungen gesucht, bei mir, dem die Erde eine Stätte der Drangsal ist und jeder Mensch ein mehr oder minder schwer Geprüfter: ich werde einen Unterschied machen: ich werde sagen: am Wohlergehe» dessen, der hüben am Bach zur Welt gekommen, liegt mir mehr als am Wohlergehen dessen, der drüben geboren worden ist... Es gibt eine Nation, ja, eine, die leitet, die führt, die voranleuchtet: alle tüchtigen Menschen.— der anzugehören wär' ich stolz... Was jeden anderen Nationalitätenstolz betrifft,—" er griff sich an den Kopf und lachte.„Narrheit, unwürdig des Jahrhunderts. Das ist mein Gefühl... Ge- fällt Euch mein Name Habrecht nicht— sagte ich, nennt mich Mamvrav, mir gilt das gleich... Nun, damit, daß ich be- reit war, ihnen auch in der Sache nachzugeben, damit Hab ich's ganz verschüttet. Jetzt war ich ein Spion, der sie kirren wollte, Gott weiß, in welchem Interesse... Und jetzt trat ich auf Schlangen bei Tritt und Schritt. Zuletzt konnte ich beim Bäcker kein Stück Brot mehr bekommen für mein gutes Geld und bei der Hökerin keinen Apfel... O. die Menschen, die Menschen! Man mutz sie lieben— und will ja—, aber manchmal graut einem: es graut einem sogar sehr oft." Die Erinnerung an das jüngst Erlebte drückte ihn nieder: er blieb eine Weile still, bald jedoch gewann seine unvcrwüst- liche Lebhaftigkeit die Oberhand, und neuerdings ließ er den Strom seiner Rede sprudeln und vergaß, von ihm hingerissen, auf die Bcgriffsfähigkeit seines Zuhörers Rücksicht zu nehmen. Pavels Interesse für die Auseinandersetzungen seines alten Gönners hatte große Mühe, sich dem mangelnden Verständnis gegenüber, das er ihnen bieten konnte, zu behaupten. Die letzte Prüfung, die Habrecht bestanden hatte, war bitter, aber kurz gewesen. Ein Freund, ein einstiger Schul» kamerad, mit dem er in steter Verbindung geblieben war, er» schien eines Morgens bei ihm als Erlöser- aus aller Pein und Not. Zwischen den Schicksalen beider Männ?r bestand eine gewisse Achnlichkeit, und es war die außerordentliche Heber- einstimmung ihrer Sinnesart, die ihren Seelenbund trotz jahrelanger Trennung aufrechterhalten hatte. Sie beschlösse» in der ersten Stunde des Wiedersehens, die Fortsetzung des Lebenskampfes Seite an Seite aufzunehmen. Für die Mittel, sich auf das von ihnen gewählte Schlackst feld zu begeben, sorgte der Freund, sorgten die Freunde des Freundes. Diese lebte» in Amerika in Wohlhabenheit und Ansehen und gehörten zu den eifrigsten Aposteln einer„ethischen Gesellschaft", deren Zweck die Verbreitung moralischer Kultur war und die täglich an Anhang und Einfluß gewann. „Bekenner einer Religion der Moral nennen sie sich," rief Habrecht:„ich nenne sie die Entzünder und Hüter- des heiligsten Feuers, das je auf Erden brannte und dessen Licht bestimmt ist, auf dem Antlitz der menschlichen Gemeinde den Widerschein einer edlen, bisher fremden Freudigkeit wachzu- rufen... Ihre Botschaft ist zu mir gedrungen in Gestald eines Buches, dergleichen noch nie eins geschrieben wurde... O, lieber Mensch! ein Wunderhuch, und hat bei mir beinahe dasjenige ausgestochen, das Du einst. Du Tor. ein Hcxeubuch nanntest... Ich folge der Botschaft: ich gehe hinüber, etwas zu suchen, das ich verloren und ewig vermißt habe: eine An» knüpfung mit dem Jenseits.--- Eines von beiden brauchen wir, wir armen Erdenkinder, ein— wenn auch noch so ge» ringes— Wohlergehen oder einen Grund für unsere Leiden: sonst werden wir traurig, und das ist eines Wackeren un» würdig." - 386— Hier unterbrach ihn Pavel zum ersten Male:»Ist denn Traurigkeit unwürdig?" „Durchaus. Traurigkeit ist Stille, ist Tod: Heiterkeit ist Regsamkeit, Bewegung, Leben." Er blieb vor dem Tische stehen, sah Pavel forschend an und sprach:„Sie fehlt Dir noch immer, die Heiterkeit: Du bist nicht munterer geworden... Und wie geht es Dir im Dorfe?" „Besser," erwiderte Pavel. „Das läßt sich hören. Seit wann denn?" „Seitdem ich es ihnen einmal gesagt und gezeigt habe. „Gesagt, ol— gezeigt, o, ol... Wie gezeigt? Hast sie geprügelt?" „Fürchterlich geprügelt." „Ei, ei, ei!" Habrecht machte ein bedenkliches Gesicht und kreuzte die Arme.„Nun. lieber Mensch. Prügel sind nicht schlecht, aber nur für den Anfang, durchaus nur! und über Haupt nie mehr als ein Palliativ... Salbader freilich ver stehen von Radikalmitteln nichts, leugnen darum auch, daß es solche gebe. Sei kein Salbader!" schrie er den erstaunten Pavel an, der sich nicht einmal eine ungefähre Vorstellung von hem machen konnte, was damit gemeint war. Und nun forderte Habrecht ihn auf, zu sprechen:„Ich habe Dir meine Generalbeichte abgelegt, laß mich die Deine hören." Er begann ihn auszufragen, verlangte von dem Tun und Lassen seines ehemaligen Schützlings genaue Rechenschaft und erhielt sie, so rasch die Ausrufungen, Betrachtungen und guten Ratschläge, mit denen er Pavel fortwährend unterbrach, «S erlaubten. Dem aber war das ganz recht, störte ihn nicht mehr als das Geräusch eines murmelnden Baches getan hätte, und gab ihm Zeit, nach jedem Satze seine Gedanken zu sammeln und einen passenden Ausdruck für sie zu suchen. Endlich hatte er doch sein fest verschlossenes, übervolles Herz in das seines wunderlichen Freundes ausgeschüttet. Sie befanden sich beide in feierlicher Stimmung. Der alte Mann legte dem jungen die Hände aufs Haupt und sprach einen warmen Segen über ihn. „Der Vernunft und Deiner Nährmutter, der Gemeinde nach," schloß er,„hätte ein schlechter Kerl aus Dir werden müssen: statt dessen bist Du ein tüchtiger geworden. Mach so sort, schlag ihnen ein Schnippchen ums andere, arbeite Dich hinaus zum Bauer. Werde ihr Bürgermeister." Pavel machte größere Augen als je in seinem Leben und sah den Lehrer mit einem zugleich stolzen und ungläubigen Lächeln an. Habrecht nickte hastig: „Ja. ja! Und wenn Du's bist, dann zahl ihnen mit Gutem heim, was sie Ueblcs an Dir getan haben." Der Abend brach an, die Stunde der Abfahrt nahte, und Habrecht wurde von fieberhafter Unruhe ergriffen. Er forderte seine Rechnung, bezahlte, schenkte den Versicherungen des Wirtes, daß es zum Aufbruch viel zu früh sei, kein Gehör. verließ das HauS und schlug, von Pavel gefolgt, der das Kofferchen, den Pelz und den Stock trug, im Eilmarsch den Weg zum Bahnhof ein. Als er dort anlangte und fragte, ob er noch zurecht komme zum Abendzuge nach Wien, wurde er ausgelacht, was ihn be- ruhigte. (Fortsetzung folgt.): Die Ausstellung der Sezeflion. Von Robert Breuer. II. Die Expressionisten. Ein verdöStigeS Wort, dielleicht gar ein dummes. Jndesien. wenn man'.? recht bedenkt, so bleibt jedem Wort, das Kunst und Leben begrifflich fange» möchte, ein Rest von Unzulänglichkeit. Solche Bezeichnungen sind eben keine absoluten Werte, sind nur Hilfsmittel und erfüllen ihren Zweck am «Helten, wenn man sie möglichst harmlos, möglichst wörtlich anstatzt. Expressionisten also» das find Leute: die etwas ausdrücken wollen. Gewiß, jeder Maler will etwa?, ausdrücken. Wenn man nun aber für richtig hält, diese Etikette einer besonderen Klasse vorzubehalten, so wird es sich dabei um Leute bandeln, die das Ausdrücken, daS zum Ausdruck Bringen in einem besonders starken Grade betreiben. Selbstverständlich, auch sie können nichts zeigen, was sie nicht ge- sehen hätten: aus des Menschen Hirn kann nichts heraus, eS sei denn zuvor hineingegangen. Aber: ich kann einen Eatz tonlos, ich kann ,hn mit Betonung' sagen. Ich kann die Betonung bis zum Pathos, bis zur Groteske steigern. Art und Grad der Akzentuierung kann aus dem Impressionisten einen Expressionisten machen. Auf der Ausstellung hängen Bilder von Thomas Theodor Heine: wir hören das und wissen sofort: SimplizissimuS. Mit Verwundern sehen wir dann eine Waldlandschaft, artig gemalt mit ehrlicher Hingabe an die grüne Wirklichkeit und die flirrende Sonne. Bis wir zwei seltsame, weiß umfältelte, blau bebänderte, babydumme Menschenkinder entdecken, mitten in der Natur stehend und doch nicht zu ihr gehörend. Sie find in einem anderen, spezifischeren Sinne Produkte des Malers. Nicht anders steht es um die Dame, die mit den drei Möpsen durch den Schloßpark spaziert; nicht anders um den Herrn, der in einem Lehnstuhl vor einer Gartenwand fitzt, während die rote Dogge, das steche SimplizisfimuSbiest, im Hinter» gründe knurrt. Hier spürt man deutlich, wie sich Wirklichkeit und Absicht mischen: man spürt den Gradunterschied zwischen der individuell gesehenen, individuell wiedergegebenen Natur und einer bewußt vollzogenen Neuschöpfung. Das rote Simplizissimusbiest ist ein Hund und als solcher wurde es gesehen: darüber hinaus ist es die Projektion einer im Innern des Künstlers lebenden, von ihm unmittelbar ersehenen Schöpstmg. Dabei kommt eS gar nicht darauf an, zu erfahren, was sich etwa Heine unter den roten Köter gedacht hat: das wird er vielleicht selber kaum wissen. Er wird nur empfunden haben, daß dieses Rot. diese Durchmodellierung des Dickschädels, diese Versteifung der Krummbeine ein sonderlich brutales Tempo, einen bissigen und giftigen Ausdruck in die Natur trägt. Oder umgekehrt: er wollte das Bissige und Giftige der Nattir ouszwängen und hat so seinen roten Hund erfunden. Wie er den Engel, den silbernen. und den bronzenen Teufel erfunden hat. Auch bei diesen beiden Plastiken blieb die Natur daS bildsame Material; entscheidend aber wirkte die AuSdruckSabsicht des schlimmen ThomaS Theodor. Der Engel ist köstlich anzusehen; er schraubt sich aufwärts mit sehn» süchtiger Rückenlinie und hektischer Begeisterung. Die asketischen, zerbrechlichen Beine stoßen von der Erde; die weit ausgebogenen Fittige rauschen im Aether. Der Engel ist ganz Brustkorb, ganz sphärisch drommetende Kehle: jeder Odem ein Gesang. Der Teufel hingegen, schwarz und dunstig, ist ein vollgestesseneS Biech, ein fallenschweres, verstttetes, asthmatisch pfeifendes Ungeheuer: dem der Bauch sein Gott ist. Er klebt an der Erde und sein ewig schluckender Schlund ist ein Abgrund für die Treber und Lüste. Und wiederum: es ist nicht nötig, diesem Engel, diesem Teufel ein lite» rarisches Motiv zu mtterstellen; es lassen sich beide Plastiken voll» komnien aus einer Lust an bestimmten Körpergefühlcn, an kompli» zierten Verschiebungen der Massen und kapriziösen Brechungen der Achsen und Konturen verstehen Und in der Tat. das rst eS, woraus es ankommt, was den Expressionismus ausmacht. Den Expressionisten interessiert nicht der Baum, sondern daö Wurzeln dieses senkrechten Körpers im horizontalen Erdreich; ihn interessiert da? Ausbreiten der Zweige als Funktion, das per» spektivische Zusammenlaufen der Wiesen und Felder als motorischer Vorgang, das Zusammenwachsen eines Hauses aus Flächen, aus schrägen Dächern. auS starren Mauern, aus spiegelnden Scheiben. Ohne Zweifel, hier lauern Gefahren; eS kann solche Zurückdämmung der schlicht sichtbaren Natur und deren Reduzierung auf Kontrast und Harmonie, auf Tonskalen und Raumabstecklmgen zu einer Entlcibung der Wirklichkeit, zu blutleeren Abstraktionen führen. Solche Gefahren harrten aber auch des Michelangelo, als er sich unterfing, aus Men�chenleibern die Welt der Sixlinischen Decke zu bauen. Man mutz nur einmal recht begriffen haben, daß daS Wesentliche der bildenden Künste genau wie in der Musik nicht die Wiedergabe eines Natureindrucks sein mutz, vielmehr dessen Auflösung und Reuordnung sein darf, und man wird, ohne sich in ein Schema zu verirren, die prinzipiellen Unterschiede zwischen einem, der wiedergeben, und einem. der ausdrücken will, zwanglos fühlen und verstehen. Dabei wäre e» nun töricht, entscheiden zu wollen, welche Kuiist die höhere sei, ob Michelangelo oder Donatello, ob Rembrandt oder Terborch, ob Liebermann oder Hobler. Und, um auch noch dies zu sagen: niemand wird bestreiten. daß unter denen, die der Natur ein neues Gesetz auflegen und sie zur Dienerin eines inneren(letzthin auch natürlichen) Rhythmus (der Lugenseele) machen möchten, viele find, die schon morgen ver» gessen sein werden. Zum Exempel, was uns diese Ausstellung an französischen Expressionisten der letzten Ernte zeigt, so wäre es gewiß falsch, sie alle für Meister zu achten. ES find Stümper darunter. Schwächlinge und geschmacklose Anrempler. Die werden gar bald unter die Räder kommen. Die andern aber werden bleiben, denen zum Trotz, die in solcher neuen Lebensäußerung der Kunst nicht eine logische Etitwickclung, nur eine Mode sehen. L e B e a u wird bleiben als ein Maler, der die Melodien der stillen Häfen, die Seligkeit des von roten Felsen nmar>nten Blau des Meeres sah und sehen ließ. Seine Bilder sind wie«in ständiges Kreisen, wie ein Durcheinailderweben von Farben; wie ein Gewirk aus Grün sind die Bäume, wie ein blaues Aufzucken die Segel. ES ist ganz deutlich, daß es diesem Le Beau nicht auf eine Schilderung ankommt; daß er vielmehr aus der Leinwand spiegeln möchte, was er im Gehirn an Erregungen, die ihm die Landschaft bereitete, geborgen trögt. Oder M a r q u e t; dessen„Notre Dame" ist nicht aus topographischem Interesse gemalt worden, wohl aber um des Reizes willen, den es bereitet, eine Architektur in Flächen aufzuteilen, sie aus dem Kubischen in zwei-dimensionale Elemente zu zerlege» und doch körperlich wirken zu lassen. Und Picasso, der eine Grrchpe von Dreien zu einen, Block komponiert. Ihn reizte das Ineinandergreifen und das sich Uebersckmeiden der Körper. Es ist schrecklich billig, solch ein Kunstwerk als barbarisch und komisch primitiv zu kennzeichnen; glaubt man wirklich, dak ein Insulaner «ine Hand zeichnen kann, wie die, die durch das Haar der sitzenden Frau tastet: glaubt man wirklich, das; es Barbarei sei. aus kaum körperhaften Farben, aus verdunstetem Blau, verwaschenem Braun und gebleichtem Weist die Harmonie eines Teppichs zu weben. Man hüte sich, später einmal den Hochmut von heule bereuen zu müssen. Diese franzöfischcn Erpressionislen haben das, was so manchem deutschen Akademiker fehlt: eine Taxe. Nicht alle, aber viele von ihnen sind Wegstcine in ein neues Reich. Abwarten, lieben Leute; abwarten lieber Corinth. Es bangen hier einige Bilder von Daumier; deren eines heistt.Die Last". Ein unvergehliches Bild. Eine Art von Entsinnlichung mit der Tendenz, daS eigentlich Lebendige, die SpannuugSverhältniste der Materie, den Zug der Muskeln und das Motorische in der Bewegung, greisbar und ewig zu machen. Eine Frau, ein proletarisches Weib, rennt, stürzt in Hast vorwärts, nur vorwärts, um der Last zu entgehen, die sie in einem Korb« schleppt, die auf ihre Hüften drückt. Zur Linken stapft daS Kind in einem monotonen Schwanken von links nach rechts, ein blindes, blödes, automatisches Mitlaufen, Das Gesicht der Frau ist nur ein Gesteck, ein Aufbrennen in fahlem Weist, ein schmerzhaftes Zucken, Die Last ist das Zentrum des Bildes. Eine graue, aus dem Ungewissen tauchende Mauer drückt nach vorn; hart stosten Felsen in die Höhe, fressen die Luft, in der ganz hinten, stählern, blau verbrennend, der Stürm geioittert. Dieser Daumier ist der leidenschaftliche Ausdruck einer ungeheuren Energiekonzentration i was daran fichtbar wird, ist Gefäst für ein bis zur Brutalität sich steigerndes Temperament. Man denkt an Rubens; man sieht den vlämischen Herkules wieder erstanden, aber als einen anderen; nicht mehr als einen königlichen Fresser, noch als eine Majestät des Harems; man sieht ihn jetzt psychologisch differenziert, soziologisch angespannt, tiefer in das Menschliche ge- drungen, dem ewigen Drama, nicht mehr der höfischen Maskerade verwandt. Auf einem anderen Bilde ziehen Flüchtlinge durch eine felsige Landschaft; ein einiger turbulenter Rhythmus, ein Kampf zuckender Linien und fallender Schatten scheint die Fläche zu sprengen, wurde zu einem ständigen, nie verlöschenden Bewegungsornameut. In der braunen Architektur des Bildes leuchten wie Edelsteine ein dunkel« blauer Rock, ein hellblaues Hemd, ein roter Mantel, einige fleischerne Flecke. Abermals denkt man an Rubens, denkt an die ganze Linie von Goya zu Delacroix und Gsricault, und sieht nun unwiderruflich, dast der Rüben» von heute, dast Louis Corinth nicht — unwiderruflich nicht— die Fortsetzung des grasten Peter Paul ist, Er ist nur der Versuch einer neuen Auflage. Ein oft geglückter, oft ein virtuoser Versuch; aber eben immer: eine Wiederholung, keine EntWickelung. Die EntWickelung steckt in Daumier. Von Daumier ober führt ein deutlicher Weg zu den, aus dem Geist der Gegenwart, nicht in Manier Gewaltsamen, zu denen, die den jungen Tag zu- gleich als ein Chaos und eine Harmonie empfinden, ihn in Unruhe ruhig gestalten, ihn analysierend zur schönen Monumentalität steigern, Von Daumier führt ein Weg zu Ferdinand H o d l e r und all denen, die als Maler oder Bildhauer das Entscheidende nicht im Objekt. sondern in den Manifestationen, die an solchem Objekt geschehen, zu erkennen vermögen. Von den Malern dieser herauffteigenden, neuen Generation treffen wir einige hier beisammen. HanS Meid gehört schon zu ihnen. Vielleicht lebt in ihm aber doch noch zu stark die Erinnerung an die realistische Bühne, an die Szenerie mit der Tendenz eines JllusionSeffelteS. Er will leibhaftig den Vor« gang zeigen, da Delila den JSirnson schor. Das Historische über- wiegt den Rhythmus, das einzelne Geschehnis die Formung auS Linien und Mafien, das Materielle die Musik, In seinem zweiten Bilde, einer Strastenszene. kommt Meid all diesen Problemen des Expressionismus weit näher. Seiner aphoristischen, im Strich zer« fasernden Technik gelingt es, die sterbende Seele eines abzu- brechenden Hauses, die Tragikomik bröckelnder Mauern, das Schatten- spiel vorüberflüchtender Droschken, die Atmosphäre der Auflösung kaleidoskopisch festzuhalten. Kurt Tuch geht dem Expressionismus viel bewustter zu Leibe; er nutzt Akte, um daraus für die groste Fläche seine« Bildes senkrechte und horizontale KonstruktionSbalken zu gewinnen. Indessen, die Absicht überwiegt daS Können; noch spürt man zu stark das Thema und kann sich zu wenig an der Lösung freuen. Wie wohltuend solche Uebereinstimmung bon Aufgabe und Er- füllung wirkt, zeigen hingegen die Bilder von Theo v. Brock- Husen. Er architektonifiert die Landschaft; ihn reizt eS, die Lauf« rinnen, die Furchen einer Ebene blast zu legen, wie ein Anatom zum Verstehen der Körperlogik die Muskelstränge aufdeckt. Ihn reizt die Landungsbrncke, die gleich einem Rückgrat weit in» Meer hinausstöstt, oder die andere, die eiserne, die sich bon User zu Ufer spannt wie ein Brustkorb. Brockhusen sieht die Landschaft mit den Augen, die am Jngenieurwerk systematisch die Kräfteparallelogramme, das Gegeneinander von Zug und Druck, erkennen lernten. Ganz ander» und doch wiederum solcher Art, dem Expressionismus, zu eigen ist Julius P a s c i n. Er ist ein Ingenieur der Psychologie, Jede seiner Linien erfüllt die Funktion einer psychologischen Konstruktion; er schildert nicht, er lästt durch die Struktur, durch das Erzittern, durch den müden Zug und daS schrille Zerkreischen seiner Linien die Gefühle erivachcn, ohne dast er irgendwie au das Wort oder den Gedanken sich wendet. Solche unmittelbare Wirkung bedeutet den Reiz der Pascinschen Exzentrik. Er macht einen Strich, und darin«kelt und dunstet die Animalität des Freudenhauses; man würde die geputzten, spitz» zähnigen Raubtiere auch sehen, würde ihr dekadentes Parfüm wahr« nehmen, auch wenn diese Linie keine Körper umschriebe, sondern reines Ornament bliebe. Und dann, mit welcher blinden Sicherheit modelliert Pascin die Mädchenleiber, die Arme, die Knie, substanzlos und doch voller Fleischlichkeit. Man schaue sich zum Vergleich das an, was Linde-Walther aus ähnlichen Motiven anrichtet: mit grostem Aufwand, mit Effekten und Dekorationen— eine un sinnliche Erdenschwere. Dieser Gegensatz von Stoff und Form wird noch fühlbarer, wenn wir in dieser Ausstellung Trübners.PerseuS und Andro- meda* mit Hoblers„Heiliger Stunde" vergleichen. Wir wiffen, dast Trübner ein prachtvoller Meister der starken Farbe ist, ein Virtuos in Grün, ein Modelleur aller steigenden Säfte im Pflanzen» körper. Er hat Pferde hingestellt, strotzend von Leben, er hat menschliches Fleisch blutvoll und federnd gemalt. Luch seine Andro» meda ist ein Stück guter Malerei; sie wird aber leblos und tech» nisches Gebild, wenn man dagegen Hobler sieht. Mag es ein Zufall sein, so bleibt es doch Symptom: Trübners Andronieda horcht aus den Retter, auch Hoblers Frauen horchen, hören etwas heraufsteigen, den Retler, das Leben. Wir wiffen uns völlig frei von der Scnti» Mentalität literarischer oder philosophischer Gelüste. Doch gerade weil wir so abiolut nach dem Optischen verlangen, enttäuscht un» TrübnerS Schilderei. Wir sehen nur einen Akt, und das würde un» genügen; wir sehen aber leider, dast wir noch mehr sehen sollten, irgend etwas Gefühliges, Historisches, Dramatisches. Und das per» stimmt. Stehen wir vor dem Hobler, kann uns derartiges nicht ge» schehen. Mit unmittelbarer Gewalt umfangen uns die Rhythmen und tragen uns ohne Literatur, ohne Deutung in ein Reich, das er« füllt ist von Klängen. Jetzt hören nicht nur die Frauen dort auf dem Bild, wir selber hören, sehen und hören aus dem unendlichen Rmim etwas heraufsteigen, das Leben, seinen Pulsschlag, Gewist, es liehe sich mancherlei über Hoblers Technik, sein System des Parallelismus, der Reduzierung auf komplementäre Farben sagen; doch daS alles ist nicht das Ent» scheidende. Entscheidend ist, dast wir durch Hobler daS Erlebnis de» Scbeiis erfahren, ein Etlebnis, bei dem das Auge, daS Gesicht