UnlerhaltungsMatt des Horwärls Nr. 99. Mittwoch� den 24. Mai. 1911 31] (Nachdruck verdate».! Das Sememäekmä. Erzählung v. Marie v. Ebner-EfchenbaH. Er wollte auf die Baronin zugehen und ihr die Hand küssen, wie es sich geschickt hätte: aber der Tisch versperrte den Zugang zum Kanapee, und den wegzuschieben, hätte sich wieder nicht geschickt. So geriet Pavel in einen peinlichen Konflikt der Pflichten, ließ in seiner Verlegenhet den Hut fallen und wagte nicht, ihn aufzuheben. Die Baronin winkte ihm, näher zu treten, stand auf, beugte sich über den Tisch und suchte sich, so gut ihre Schwach- sichtigkeit es erlaubte, durch den Augenschein davon zu über- zeugen, daß wirklich Pavel Holub vor ihr stand. Dann setzte sie sich wieder und fragte, was ihn herführe. Er indessen hatte abwechselnd sie und die Strickarbeiten angesehen, die vor ihr lagen und neue und farbenfrische Eben- bilder der Röcklein und Jacken waren, in denen alle armen Dorfkinder herumliefen. Angeheimelt durch den Anblick und gerührt durch den Fleiß der alten, gebrechlichen Frau, faßte er sich auf einmal ein Herz und kam mit seinem Anliegen heraus. Es bestand in der Bitte, die Frau Baronin möge sich gnädigst dafür verwenden, daß man seiner Schwester Milada den Dienst im Kloster erleichtere, sonst könne sie es nicht aushalten und müsse sterben. „Sterben? Milada sterben?"— Die Greisin lachte, war entrüstet, befahl dem impertinenten Dummkopf, der so etwas zu denken wage, dem rohen und grausamen Schlingel, der ein solches Wort über seine Lippen bringe, das Zimmer zu ver- lassen, rief den Bestürzten, als er gehorchen wollte, wieder zurück und forderte ihn auf, ihr zu erklären, wie er ins Kloster und dazu gekommen sei, Milada zu sprechen.„Aber lüg nicht wie ein Zigeuner, der Du bist," setzte sie heftig hinzu. Pavel erstattete seinen Bericht in äußerster Kürze, jedoch mit einem Gepräge der Wahrhaftigkeit, das wohl den ver- härtetesten Zweifler überzeugt hätte. Die Baronin senkte den Kopf immer tiefer auf ihre Strickerei: sie bereute schon ihre Ausfälle gegen Pavel, beson- ders den letzten. Warum hatte sie ihn einen Zigeuner ge- nannt? Warum ihn damit an das elende Wanderleben, das er in seiner Kindheit führen mußte, und zugleich an Vater und Mutter erinnert und ihm sein Unglück zum Vorwurf gemacht?-- Pfui, daß sie sich soweit von ihrem Aerger über den Burschen hatte hinreißen lassen, weil er eine unbe- gründete Besorgnis um seine Schwester geäußert. Nach allem, was die Baronin in der letzten Zeit von ihm gehört hatte, ver- diente er eher Lob als Tadel. Hatte Anton, einer ihrer Ver- trauensmänner nicht gesagt:„War Nichtsnutz Holub, aber jetzt macht sich." Hatte der Förster ihn nicht ganz außer- ordentlich gerühmt? Hatte nicht sogar der ihm durchaus nicht wohlgesinnte Pfarrer auf ihre Erkundigung nach ihm erwidert:„Es liegt nichts gegen ihn vor."— Und sie be- schimpfte ihn!... Sie, die am Rande des Grabes stand, die bald nicht mehr vermögen würde, einem Menschen wohl zu tun, tat noch einem ohnehin Hartgeprüften weh! „Holub," sprach sie plötzlich,„Deiner Schwester fehlt nichts. Trotzdem will ich zu Deiner Beruhigung und auch ein wenig zu der meinen morgen ins Kloster fahren. Denn— einen unangenehmen Eindruck machen mir Deine eingebildeten Befürchtungen doch, und ich möchte ihn bald los werden." Pavels Gesicht strahlte vor Freude.—„Wenn die Frau Baronin," sagte er,„sich selbst vom Aussehen Miladas über- zeugen und bestimmen wollte, daß besser acht auf sie gegeben würde! Wenn die Frau Baronin ihr verbieten ließe, sich weit über ihre Kräfte anzustrengen, wie sie es tut, weil sie sich vorgenommen hat, gar zu schwere Sünder loszubeten— das wäre eine große Wohltat, und der liebe Herrgott würde es der Frau Baronin tausendfach vergelten.". Sie lächelte und meinte:„Da hätte der liebe Herrgott viel zu tun, wenn er alle die Wechsel einlösen sollte, die von unbefugten Schatzmeistern auf ihn ausgestellt werden."_ „Freilich, freilich," erwiderte Pavel gedankenlos, hob! seinen Hut vom Boden auf, sah sich im Zimmer um unbi erkannte es als dasselbe, in dem er nach dem Federnraube an dem bösen Pfau seine erste Audienz im Schlosse gehabt hatte. Unwillkürlich warf er einen Blick nach der dünnen Schnur an der Decke und sah, daß sie noch immer festhielt« und daß der vergoldete Kübel bis zur Stunde nicht herab-? gefallen war. Jede Einzelheit des damaligen Vorganges tauchte vor ihm auf. Er erinnerte sich besonders deutlich der großen Abneigung, die ihm die Frau Baronin eingeflößt hatte, und die in solchem Gegensatz zu der Hochachtung stand« von der er sich jetzt für sie durchdrungen fühlte. Was hatte sich denn verändert?... Sie nicht, sie waö dieselbe geblieben, in seinen Augen nicht einmal älter gewor- den, eine Greisin damals, eine Greisin jetzt. Er war ein anderer, ein reicherer Mensch, nicht mehr der stumpfe, für den es nichts Verehrungswürdiges gibt, weil ihm der Sinn, es zu erkennen, fehlt. Er empfand das mit ziemlicher Klarheit und hätte es gern an den Tag gelegt, hätte sich aber auch gern empfohlen, nachdem sein Geschäft beendet, sein Gesuch angebracht und auf das beste aufgenommen worden war. Ohne Ahnung, daß es ihm zukomme, zu warten, bis er ent- lassen werde, sprach er: „Ich will Euer Gnaden nicht länger belästigen, ich sag der Frau Baronin tausendmal, vergelts Gott, und wenn Sie sterben, werde ich für Sie beten." „So? so?" Sie richtete sich empor:—„Wirst Du das wirklich tun, und andächtig?" „Sehr andächtig." „Pavel Holub," sprach die Baronin in freundlichem Tone, „es freut mich, daß Du für mich beten willst.— Und jetzt sag mir: mein Feld, das, an dessen Rand Deine Hütte steht, hast Du es Dir wohl recht aufmerksam angesehen?— Wie groß schätzest Du's?" „Es wird so seine fünfzehn Metzen haben, nicht ganz dreh Hektare," erwiderte Pavel ohne Zögern. „Ein schlechtes Feld, was?" „Ja, die Felder dort oben sind alle schlecht. Wenn ich der Verwalter wär, würde ich dort oben nie Weizen aus-� säen." „Sondern?" „Hafer oder Korn, und Kirschbäume würd ich setzen, viele, viele." „So setze Kirschbäume," sagte die Baronin ernst unH rasch,«das Feld ist Dein." Mein— was ist mein?" „Nun, das Feld, ich schenk es Dir." „Um Gottes willen— mir— das Feld.. Ihm war, als ob alles ins Wanken geriete, der Boden unter seinen Füßen, die Wände, das Kanapee und auf dem Kanapee die Frau Baronin. Er streckte die Arme aus und griff nach einem Stützpunkt in die Luft.„Das große, das schöne, das gute Feld..." „Hast Du nicht eben behauptet, daß es ein schlechtes Feld ist?" „Für Sie, aber nicht für mich: für mich ist es ein gutes, zu gutes... Um Gottes willen," wiederholte er,„schenken Sie es mir im Ernst, das Feld?" Die Baronin blinzelte.„Es tut mir leid, Holub, daß ich das Gesicht, das Du jetzt machst, nicht recht deutlich sehen kann. Das Blindwerden, mein lieber Holub," fügte sie leicht aufseufzend hinzu,„verdirbt dem Menschen manche Freude. Geh jetzt und schick mir den Verwalter. Ich will gleich An- ordnungen treffen, daß die Schenkung rechtskräftig gemacht werde." „Rechtskräftig... Euer Gnaden... sogar rechts- kräftig..." Pavel kannte sich nicht mehr: sein Entzücken überwand-seine Schüchternheit, er stürzte auf den Tisch zu, schob ihn zur Seite, ergriff die Hände der Gutsfrau und küßte sie, und als sie ihm mit aller Kraft, die sie aufzubringen vermochte, die Hände entzog, küßte er den Saum ihres Kleides und ihre Aermel und ihr Umhängctuch und stöhnte und jauchzte und konnte nicht sprechen. Ihr wurde, so mutig sie war, ein wenig bange vor diesem entfesselten Sturme. Sie zankte Pavel tüchtig aus und er- klärte ihm, alles müsse ein Ende haben, auch Dankbarkeits- bezeigungen, und wenn er den Verwalter nicht augenblicklich holen gehe, sei es mit der Schenkung nichts. Das brachte ihn zu sich. In der nächsten Minute war er draußen im Hofe. Vor dem Tor stand die blonde Slava, das Häuslerkind schnöden Angedenkens. Sie diente im Schlosse seit ihrer Rückkehr und war jetzt damit beschäftigt, kecke Turteltauben zu füttern, die sichs nicht einfallen ließen, dem heranstürzenden Pavel auszuweichen: er mußte sich in acht nehmen, nicht eine von ihnen zu zertreten. Slava rief ihin einen guten Morgen zu, und er, ganz vergessend, daß es seine schlimmste Feindin war, die zu ihm sprach, erwiderte: „Ich Hab ein Feld, die Frau Baronin hat mir ein Feld 'geschenkt." Die Feindin wurde rot bis unter die Haarwurzeln.„Das ist aber schön," sagte sie,„das freut mich." Jetzt erst besann er sich, mit wem er redete, und eilte ohne Gruß hinweg. So ganz anderes und wichtiges ihn auch erfüllte, neben. bei mußte er doch daran denken, wie gut das Rotwerden ihr gestanden hatte, welch ein bildhübsches Mädchen sie war, und daß es nicht recht sei vom lieben Herrgott, einer so schwarzen Seele Wohnung anzuweisen in einer so holden Hülle. Jeder Unbefangene mußte dadurch irre geleitet werden. Zum Glück war Pavel kein Unbefangener, ihn vermochte der Schein nicht zu täuschen. Er kannte diese Slava, und ob ihre Lippen sich im Sprechen bewegten, ob sie von lieblichster Sanftmut umschwebt aufeinander ruhten, er konnte sie nicht ansehen, ohne der Stunde zu gedenken, in der sie sich geöffnet hatten, und ihn dem Hohn und Spott preisgegeben mit der grau- samsten Frage:„Fahrst zum Vater oder zur Mutter?"... Verzeih allen— hatten Milada und Habrecht gesagt, und er, wahrlich, er wollte es tun: aber der gemahnt wird zu verzeihen, wird er nicht auch zugleich an das gemahnt, was er zu verzeihen hat? Die Erinnerung bildete die unüberbrückbare Kluft zwischen ihm und jenen, mit denen Frieden zu schließen seine liebsten Menschen ihn beschworen. Die Frau Baronin hielt Wort; die Schenkung wurde rechtskräftig gemacht: Pavel war ein Gutsbesitzer geworden. Das unerhörte Glück, das ihm vom Himmel gefallen, trug allerdings nichts bei zur Verminderung seiner Unbeliebtheit. Niemand gönnte es ihm: sogar Arnost hatte, als ihm Pavel die große Nachricht gebracht, den Mund verzogen und gefragt: -„Wie kommst Du dazu?" Auch der Förster und Anton äußerten im ersten Moment mehr Ueberraschung als Teil- nähme. Was den Verwalter betraf, so sprach er der Frau Baronin gegenüber unverhohlen aus� sie habe sich von ihrer Großmut leider hinreißen lassen. Das Geschenk sei ein viel zu namhaftes und müsse in der Dorfbewohnerschaft Neid gegen den Empfänger erregen und Mißmut gegen die Spen- denn. Die Frau Baronin begnügte sich damit, diese Aeuße- rungen der Unzufriedenheit ihres ersten Wirdenträgers zur Kenntnis zu nehmen: als jedoch der Herr Pfarrer dasselbe Lied anstimmte und von edlen, aber gar zu spontanen Ent- schlüssen der Frau Baronin sprach, entgegnete sie: Die Schen- kung an Pavel Holub sei die Frucht eines von ihr ausnahms- weise lang gehegten Entschlusses und durchaus keine zu groß- wütige, sondern die genau entsprechende Spende für einen braven, vom Schicksal bisher vernachlässigten Burschen, der überdies der Bruder der mutmaßlich zukünftigen Oberin eines Klosters sei. Hierauf schwieg der geistliche Herr. Aus dem Kloster war die Frau Baronin nach mehr- kagigem Aufenthalt ganz vergnügt zurückgekehrt, hatte Pavel rufen lassen, ihm zahllose Grüße von seiner Schwester ge° bracht, ihn wegen seiner Sorgen um sie beruhigt und mit unendlicher Liebe und mit unendlichekn Stolz von ihr er- zählt. Die alte Frau wurde förmlich schwärmerisch in ihrer Begeisterung über„das Kind". Der Allgütige selbst hatte ihr, der alten müden Pilgerin, das Kind gesandt, damit es ihr die letzten Lebensjahre erhelle und ihr die Pforten seines Himmels öffne. „Mache Dich einer solchen Schwester würdig," schärfte sie Pavel ein, und er faßte die besten Vorsätze, nach diesem Ziel, das ihm das denkbar hichste schien, zu streben, konnte aber den geheimen Zweifel, ob er auch jemals imstande sein werde, es zu erreichen, nicht los werden, Koch kämpfte er redlich und wünschte heiß, daß die Frau Baronin und daß seine Schwester nur noch Gutes von ihm zu hören bekämen. Eine große Aengstlichkeit um seinen Ruf begann sich seiner zu bemächtigen. Tie Sehnsucht, gelobt zu werden, die Freude an der Anerkennung erwachte in ihm, und er ahnte nicht, daß sie ihn so schwach machte, wie einst sein Trotz gegen die Menschen und seine herausfordernde Gleichgültigkeit gegen ihr Urteil ihn stark gemacht hatten. lFortsetzung folgt.) ObmtaUemscbe SinärUcke. Sago Maggiore und Mailand. l. Es geht mir nicht um die Aufzählung der Kathedralen und Bürgertugenden der einen, der Gemütsteinperatnrcn und Mitternachts- stimniungen der anderen Gegend. Was mich vielmehr noch nach« träglich über den Simplon zurückzwingt, ist jener ZwanaSsprung von der.Idylle" zum Grotzstadtlärm, vom Weitblick des hohen Felsgrats zur Rinnsteinperspektive des Mailänder Cafssessels. Jubelt eine Seele so, wenn sie aus derart»reiner Poesie" des ewigen Sonntags in die Prosa der Menschengeschicke zurückkehrt, so muß jene Vorstellung von zauberhafter Schönheit der einsamen Natur so wenig absolute Gültigleir haben, wie die andere von der öden Sinnlosigkeit des Menschen-Alltags. Und das will ich mir nun ansehen, was da vorging. Zunächst ganz weil zurück bis zum untätigen, hoffnungslosen Gang über immer gleich geformte Berliner Trottoirs bis zu einem der kleinen, schnell verwehenden kleinen Aufläufe, die den im Beob- achten und Erspähen vom Sinn im unbedeutenden stets fleißigen Nichtstuer anhalten. Eine eben abfahrende Droschke. Gepäck. Eine winkende Hand. Zu den etwa? zivecklos interessiert Umherstehenden sagt stolz die Portierftau:»Die Beletage. Die fährt an dem Latsche Matschere—."»Ach——". Dieses Ach derer, die es hören und dann sich ihrer Pflichten erinnernd weitergehen, indem sie noch einen langen Blick nach der fern schaukelnden Droschke mit dem gelbbraunen Koffer obendrauf werfen. Und dann sitzt man eines TageS wirklich am Kamin eines Allogio im Bergnest über jenem See, bereitwilligst durch die engen Maschen der Netze jener Unternehmer in Schlaf und Stoffwechsel ge- lasten, die uns Kleine mitleidig verschmähen und sieht diese Tessiner, die jenes Glück ständig genießen und mißbilligt, daß sie es min- destenS sehr zu verbergen verstehen. Sie husten und spucken, krauchen in ihre steinerne Ställe, in Betten, die man sich nicht gern aus« malen möchte. Ihre Wangen sind eingefallen, sie sprengen einige Felsstücke weg, um drei Quadratmeter mehr flüchtig zu bearbeiten. Sie schaffen in ihren Weinbergen, deren Ausbeute ihnen nicht erlaubt, je jene Fliegenden Blätter-Hosen mit Onadratmeterflicken gegen noch so billige neue zu vertauschen und schauen fleißig auf ihren See, ob er mehr oder weniger Gäste locken wird. Und doch sind nicht sie es. die sich dadurch verbessern. Wie dürftig ist ihre Küche: in der Tat eine»Hand voll Bohnen", dazu Brot und ein Stück Käse, ein Schluck des nicht heiteren Weines, nur Sonntags ein Stück Fleisch und dabei eine Art Zufriedenheit— mit einem deutlichen Zug zur Resignation. Und ich ziehe fort von ihnen. sZch ertrage sie nicht, diese Menschen. Etwas in ihrem Leben scheint das unsere zu verspotten. »Seht, wie wir leben— beten, eine Handvoll essen. Wir haben unseren See, dazu die Fremden und— füge ich hinzu, leben im Dreck, haben zu fünfzig Prozent Schwindsucht, haben unser Leben hingebracht, um den fremden Unternehmern, die sich unsere fetten Plätze nehmen, die Stiefel zu putzen, die Steine fortzusprengen und mit unfern Knochen bequeme Angelplätze nach dem fremden Gold anzulegen. Unser Ort, alles könnte uns gehören, wenn wir nicht zufrieden wären." Und ich ziehe fort von ihnen, zu den harmlosen Ansiedlern.*) Die fassen.einen nach dem andern, den dritten, immer den dritten Rockknopf und predigen mir, ihn drehend:»Wieviel Harnsäure Du hast. Zeig Deine Nägel. Ach, wir dachten es: magenkrank seine Keine Röte im Goldfingernagel). Du mußt absolut Fleisch meiden, vegetarisch leben, schon vom ethischen-- Ich gehe weg von ihnen. Wie? Sie reißen meine große lebensprühende Kohlpflanze mit ihren kraftvollen Adern und Venen aus. zerschneiden und rösten sie lebendig, und sagen sehr ernst: Ihr Fleischesser tötet, eßt Leichen. Schon vom ethischen Standpunkt aus darf man nicht töten. Seht, wie leben wir, Geschöpfe GottcS, in ewigem Frieden, kein Mißton einer Qual in der Harmonie des Un- endlichen--- Mit einem Fußtritt befreie ich mich von ihnen. Ihr Fdeal ist eine abschreckende Lüge, ein kindliches Verstecken und Ohrenverstopfen. »Die Qualen, die wir nicht hören, sind nicht---* und dabei zeriSbeln sie meine Kohlpflanze. Und ihre bessere Verdauung, ihr idyllisches Genügen im sonnigfaulen Wiederkauen, ist es für starke Herzen? Ihr Ideal ist der arglose Wiederkäuer auf grüner Flur. unseren herrlichen Zorn, unseren Willen zur Stärke und zu hohem *) Der Verfasser meint die Kolonie der deutschen Rohköstler, Baumanbeter und Höhlenmenschen, die sich auS der Kultur in die Umgegend von Locarno geflüchtet haben. ScBcn stellen sie.Ergebung",.Duldung" und alle Tugenden der Fett, Fleisch und noch Wolle gebenden Schafe entgegen. Noch eine dritte Gruppe gibt es: die Weisen auf ihrer einsamen Felszelle. Hier leben fis jahraus, jahrein, liegen in der Sonne, steigen hinab zum See oder hinaus zum Schneegipfel, reinigen den Viehstall, mahlen ihr Mehl selbst und sagen bescheiden:„So solltest du leben I" Aber ich fühle am Puls ihrer Sprache: es sind Sterbende, Vernichtete, Geflüchtete, die ein Ashl, eine Irrenhaus- felle nach eigener Wahl oder ein selbst gerichtetes, geschniücktes Grab uchten und fanden. „Aber wie komisch," fragst du.„Geht man nicht, wenn man überhaupt ein höheres Leben sucht in diese Berge, diese Natur, um sich zu finden? Und liebst du die Menschen, arbeilest du mit an ihrer Entwicfelung, so ist es doch Einsamkeit, die Ideen reift? So darf der sprechen, den der Zwang der Gesellschaft, ihrer heutigen Arbeitsform hemmt oder derartig Haus- und Familienpflichten an die so gern jene Berge erklimmenden Füße hängen. Gingst du aber zehn, zwanzig Jahre diese Gamsstcige, sähest du, so lange noch der geringste Zweifel reizte, in jene Spalten, in die Fernen, würde dir so das ganze Naturgebäude des Menschen- denkens und-Möllens geläufig, dann wolltest du'froh und von keinem Zweifel mehr geplagt, wirken, weiter bauen. Nicht ans der toten Natur kam unsere Gedankenwelt. Nichts aus dem Nabelbeschanen des Eremiten, sondern alles aus dem Welt- ringen, Wettspielen, Wettlaufen um die Entfaltung der gröfiten Meisterschaft, der Erreichung der besseren und besten Daseinsform für Menschengruppen und Völker. Nichts wissen davon diese Berge. Und steige ich die Steige bis zur Schneezone, dann sehe ich Ginster, Geröll. Je länger ich bei ihnen verweile, desto mehr verfällt von dem, was die Menschheit in jedem Glied entwickelt, als unnötig. Man wird bald anorganisch, stumm, fich sonnend und wiederstrahlend. Man verzehrt, zersetzt, was noch an Gedanken da war, und sinkt bis zur Einfalt der übrigen herab; reif zur Staffage dieser Idylle— im Gras zu liegen und es zu kauen. Welcher Intellektuelle denkt nicht mit einer Art Beschämung an längere Krankenhauskuren, mit Entziehung jeder geistigen Nah- rung, wie schlietzlich das ganze Denken und Wollen sich aus die Fütterung richtet und alle Gespräche daran hängen bleiben, nachdem alle geistigen Vorräte der Speisekammern bis zum Ueber- drutz vorgenommen sind. Eine Möglichkeit hatte ich noch von meinem kleinen dunklen Garten aus, in den ich mich zurückgezogen hatte: die Nachbarn aus der Heimat, die in ihren Villen Gold suchen oder verbrauchen. Ihre Atmosphäre lag schwerer als die Nebel auf dem Berge. Unter mir der Feigenbaum mit seinem Arabeskengeäst, links der Affenbaum mit den hundert Affenschwänzen, danach rechts die hohe steife ge- spreizte Palme, die sich über die hohe weiße Mauer selbstgefällig breitet.... Es genügt, diesen Menschlein zuzuhören, um sie nicht in Atemnähe zu wünschen. Hyänen mit ewig sauren, tückischen Augen, die doch zusammenhalten, weil eine drohende Bewegung jeden einzelnen in die größte Angst bringt. Hatten sie den Tag über sich genug beneidet, beklatscht, be- schwindelt, bemitleidet, so brachte fie der Abend oft der Heimat näher. Während die Ketten der glitzernden flimmernden Welttänzer hervor- kamen und den ganzen Horizont erfüllten und aus der dunklen See- ebene die Berge mit feierlichem Aufleuchten ihrer Schneeflächen eine Weltfestlichkeit andeuteten, kam aus einem der Gartenwinkel, wie aus einem Souffleurkasten vor der Helle der Bühne, langsames Wechselgcspräch, wenig zum Spiel passend. Es waren meine Lands- leute bei Himbeerwasser oder sonstigen Abführmitteln, dessen Heil- Wirkungen sie bei jedem Schluck ein wenig herauSgurgeln mußten. Sie waren so gerührt.„Er ist so sparsam unser Kaiser, der spar- samste Mensch, den eS gibt," sagte mit ernster Andacht der Besitzer des Affenbaums. Niemand lachte. Aber ich lackte auch nicht. Um 520 fährt der erste Dampfer über den See zum Zug nach Mai- land, dachte ich nur.„Trinken wir", bat der Direktor und Palm- baumherr,„auf das Wohl unserer geliebten Kaiserin". Aber es kam nicht gleich dazu. Ich hatte trotz aller Vorsicht beim Erheben wohl etwas Geräusch gemacht. Vier mondbeschienene verlogene Masken wandten sich feindselig gegen meine Mauer und wagten eS nicht--. Ich packte drinnen den Rucksack, und die Syänen wurden mutig. Als ich fertig heraustrat, waren sie bei der telle„nicht Roß, nicht Reisige, schützen die steile Höh". Ich sah mit großem Ergötzen mir noch ihre vom Mond er- leuchteten Mienen an. Spekulanten, die nie einen Finger für die Allgemeinheit gerührt haben, die nur durch Angst vor Strafe ge- hemmt werden konnten, am hellen Tage in die Rechte und Notkasten der Nachbarn einzubrechen, die jener Art Regierung Liebe entgegen- brachten, weil sie sie gewähren ließ und selbst nur mit Widerwillen den Raubtieren Schranken zog. Diese nun noch einmal, der Lächer- lichkeit und Verlogenheit ihres Gesanges nicht unbewußt, ihre Form der„Vaterlandsliebe" vorführen zu sehen, erquickre mich und er- leichterte de» Abschied von dem schönen Naturschauspiel, das sich durch keine Albernheit der Menschen unterbrechen ließ. Demonstrativ sangen sie weiter. Aber ein plötzliches ungeheueres Gelächter von irgendwoher ließ sie abbrechen und schnell und ge- ängstigt verschwinden. Nur der Spekulant warf gehässige Blicke gegen meine unschuldige Mauer, ehe er die Tür hinter sich schloß, und dröhnte empört:„Der Mensch beschimpft sein Vaterland, pfui—" und dann war er fort. Die Zicrmlt der Gräber. „Von Erde bist du geuommc':, zu Erde sollst du wieder werden!� lauten die Worte, die dem zur Rr he Bestatteten von der Kirche nach« gerufen werden, und wohl nieniais hat die Menschheit daran ge« zweifelt, daß der Leib zu Staub und Asche wird. Unbekannt da» gegen sind lauge Zeit die Urheber dieses Naturprozesses geblieben. Von der zerstörenden Tätigkeit der einen Gruppe dieser Lebewesen, von den winzig kleinen Bakterien, hat erst die Neuzeit erfahren, die der anderen Gruppe, die Insekten, waren allerdings bereits dem Alter- tum bekannt, wie denn, auf dieser Kenntnis fußend, die alten Mönche das lateinische Wort caäavsr für Leichnam schufen, das nichts anderes ist, als eine Abbreviatur und Kombination dev{Worte coro— Fleisch, data— gegeben, vermibus— den Würmern. Die Untersuchungen haben tatsächlich gelehrt, daß sich die Tierwelt der Gräber ausschließlich aus Kerfen bezw. Larven lim Volksmunde „Würmer" genannt) zusammensetzt. Allzuoft sind Gräber und Leichen auf ihre Bewohner hin a»s leicht erklärlichen Gründen freilich nicht untersucht werden. Die ersten Untersuchungen stellte der namhafte Gerichtsmediziner Orfila an, der in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu Paris lebie. Nach ihm machte sich ein deutscher Forscher an die wenig delikate Arbeit, der verstorbene Geheime Mediziualrat Reinhardt in Dresden. Gründlicher und eingehender als beide befaßte sich indessen Dr. Mägnin, früher Haupt« roßarzt der französischen Armee, mit diesem Studium und der« öffentlichte die Resultate in seinem Buche„La Faune des Cadavres". Gelegentlich der Exhumieruug von Leichen während des Winters 1886— 1887 auf dem Kirchhofe von Jvry bei Paris hat er mit Hilfe mehrerer hervorragender Pariser Gelehrten unter den leichen- ? erstörenden Insekten und deren Larven eine regelmäßige Reihen« clge konstatiert. Seine Arbeit ist insofern von besonderem Wert. als er genau wußte, wie lange die Leichen im Grabe gelegen hatten; die Zeitdauer schwankte zwischen zwei und drei Jahren. In sämtlichen Gräbern wurden Insekten in ihren vier Enrwickelungs- stadien und besonders Larven in großer Menge gefunden. Die Artenzahl der die Auflösung des menschlichen Körpers bewirkenden Tiere zeigte sich dagegen als sehr gering. Die Insekten der ersten Gruppe wittern bereits den heran» nahenden Tod und legen ihre Eier mitunter schon ab. ehe noch der Sterbende den letzten Atemzug getan. Zu dieser Gruppe gehören die gemeine Stubenfliege nebst einigen ihrer Verwandten, der Schmeißfliege und Hundsfleischfliege. Wenn nach einigen Stunden die ersten für den Laien meist unerkennbaren Zeichen der Zersetzung eintreten, folgt die zweite Gruppe, bestehend aus den goldgrün glänzenden oder braunen Fleischfliegen slmoilia, Cyrtoneura und Sarcophaga), deren Larven, namentlich die von Sarcophaga rnortuoruin(Leichenfliege), die früher so berüchtigten„Leichen» würmer" sind. Diese, mit der Leiche unter die Erde gebracht, zer- stören alsbald die Fleischteile, werden zu Puppen und JmagineS (ausgebildeten Insekten), gehen dann aber ein, da für fie als Licht- und Tagtiere das dunkle Grab kein Aufenthaltsort ist. Wenn die Fetteile des Körpers die saure Gärung durch« gemacht und sich in daS sogenannte Leichenfett umgewandelt haben, was etwa nach drei Monaten der Fall ist, stellt sich die dritte Gruppe, bestehend aus der Larve des SpeckkäferS, jenen» Schädling für alle tierischen Stoffe(Fleischwaren, Felle, Pelzwerke usw.), und die Raupe eines kleinen Schmetterlings, des Fettzünslers oder der Fettschabe ein, die wohl auch im Talg, Schmalz, Speck und Butter zu finden ist. Im achten Monat folgt dies vierte Gruppe, Larven der genieinen Käsefliege. Blumenfliegen und einige kleine Käferarten (Coryustos). Mit den noch anwesenden Larven der dritten Gruppe durchfressen sie die vorhandenen Weichteile, bis sie im Verlauf der ammoniakalischen Gärung zu einer schwärzlichen Masse zusammen« fließen. Alsdann, nach 11—12 Monaten tritt die fünfte Gruppe mff, bestehend aus Larven der Buckelfliegen(Pbora) und Fliegenmücken, sowie des Käferchcns Ehizophagus. Jene. eine bebende Läuferin, die auch die Faulbrut der Bienenstöcke hervorruft, und dieser, der nur drei Milli« meter lang ist, werden Mittel und Wege finden. von der Oberfläche in das Grab und von da durch einen Spalt in den Sarg zu gelangen. NebrigenS sind sie nach Reinhardts Beobachtungen bei Leichen, die in Sand oder Kiesboden begraben waren, weit häufiger als bei solchen, deren Grabstätte sich in weniger durchlässigem Boden befand. Während des zweiten Jahres nach der Bestattung erscheinen als Vertreter der sechsten Gruppe zahlreiche Aaskäfer aus den Gattungen Lilpba, Hister und Saprinus, die die jetzt noch vor» handelten geringen Reste der weichen Körperteile vollends beseitigen. Nach ihrer Tätigkeit sind dann nur noch festere Teile, Sehnen, Haut und Knochen vorhanden. Im dritten Jahre treten als Repräsen» tauten der siebenten Gruppe die Pelz- und Kabinettskäfer auf, eben- falls nur 2>/,— 4 Millimeter große Tierchen sowie kleine Milben und zum zweitenmal die Larven der schon in der dritten Gruppen genannten Insekten und vernichten alles bis auf die Knochen. Al» achte Gruppe endlich wurden einige Käfer der Gattungen Ptirnis und Tenebrio festgestellt, die iin vierten Jahre die letzten Reste aus« arbeiten. Die neben den genannten Fliegen und Käfern aufgefundenen zwei Poduridenarten, ein Tauseudfuß und ein Haarwurm, mögen nur durch Zufall in die Särge gelangt sein, sind es doch Tiere, die sich auf feuchtem Boden, in Erdhöhlen usw. aushalten und nacht», also fn der Dimkelbelt, ihr Wesen treiben» wie baS von einer, bier allerdings nicht in Frage kommenden Poduride, dem Silberfischchen oder Zuckergast, ja allgemein bekannt ist. Zweifellos wird sich bei Fortsetzung dieser interefianten und bedeutsamen Untersuchungen noch manche? Merkwürdige herausstellen, namentlich wenn die Gräber« fauna auch anderer Länder untersucht würde. Dadurch, daß das Auftreten der angeführten Gruppen stets in derselben Ordnung erfolgt, wenn auch das eine oder andere Insekt einmal ausbleibt, läßt sich, da jede einzelne Gruppe Larven« und Puppenhüllen sowie tote Insekten oder Teile von ihnen auf dem Platze zurückläht, stets mit ziemlicher Genauigkeit daS Alter_ der betreffenden Leiche berechnen. Aus dieser Tatsache geht die hohe Wichtigkeit hervor, die die MSgninschen Umerkuchungeu für die ge- richtliche Totenschau haben, bei der:S sich ja zumeist um Fälle handelt, wo die Leiche nur oberflächlich verscharrt oder bloß mit Laub und Gesträuch, mitunter auch nur irgendwie versteckt ist und die Leicheninseklen dann leichten Zugang haben. MSgnin fiihrt neun« zehn Fälle an, in denen dem Gericht durch die Bestimmung der auf« gefundenen leichenfrefiendcn Insekten werlvolle Anhaltspunkte für die Aufklärung dunkler Rechtsfälle gegeben wurden. C. Sch. Kleines f euiUeton* — Die Geschichte deS Kinematographen. Das bewegliche Lichtbild, fo jung noch seine Erfindung ist, hat nichtsdestoweniger schon seine Geschichte. Diese Geschichte beginnt, wie die so mancher technischen Errungenschaft der Neuzeit, mit einer Ausstellung, und zwar mit der grofien Weltschau des Jahres 1893 in Chicago. Besucher ent- sinnen sich vielleicht noch eines kleinen automatischen Apparates, in wen man eine Nickelmünzc warf, und der dann durch eine Linse eine Steih« vergrößerter Photographien zeigte, die sich schnell von«wer Spule abwickelten und durch die Geschwindigkeit des wechselnden Pildcs den Eindruck lebender Szenen machten. Dieser Apparat war eine Erfindung von Edison und das Urbild des Kinematographen. Schon im Jahre 1894 kam Edison auf die Idee, seine Erfindung mit einer Laterna magica in Verbindung zu bringen, um diese sich äußerst rasch bewegenden Bilder in starker Vergrößerung auf eine weiße Leinewand zu projizieren. Der Eindruck, den diese bewegten Bilder machten, erinnerte sehr an die Wirklichkeit, und man glaubt geradezu Menschen und Tiere, Fuhrwerke und Eisen- bahnzüge lautlos vorbeihuschen zu sehen. Die Ausbildungsfähigkeit dieses Apparates leuchtete nicht nur Edison, sondern auch anderen Technikern ein, und sehr bald wurde die Erfindung in Amerika und Europa nachgeahmt, zum Teil auch schon überholt. Denn die ersten Kinematographen, die Edison hergestellt hatte, krankten an zwei Fehlern. Einmal flimmerte das Bild so sehr, daß der Be- ffchauer bald ermüdete; dann machten die Maschinen einen ge- wältigen Lärm. Das Bestreben der kinematographischen Technik «ing nun dahin, diese beiden Mißstände nach Möglichkeit zu beheben, was mit der Zeit auch in anfangs ungeahnter Weise gelang. Damit war dem Kino der Weg geebnet, und es dauerte nicht lange, da trat et seinen Siegeszug in die Welt an. Eines der Länder, in dem or pm frühesten eine große Verbreitung erlangte, war Frankreich. Dazu hatte eine Firma beigetragen, die sich sehr bald die Aus- beutung der Erfindung in jeder Hinsicht angelegen sein ließ, und die heute noch an erster Stelle unter allen kinematographischen Firmen der Welt steht: Pathe Freies in Paris. Von Frankreich aus nahm das Kino seinen Weg nach Spanien und Italien, und schon lange, bevor man in Deutschland die Entwickelungsmöglich- teiten der Erfindung ahnte, gab es schon in allen großen Städten Südeuropas zahlreiche Kino-Theater, die gewöhnlich in Läden unter- gebracht waren. In Deutschland wurde die Bekanntschaft mit dem Kinemato- graphen durch die Varietes vermittelt, die vor etwa 12 Jahren begannen, am Schlüsse ihres Programms ein oder zwei Lichtbild- aufnahmen vorzuführen. Dann kamen die Jahre großen Auf- schwungs. Etwa im Jahre 1996, als die„Kientöppe" allenthalben wie Pilze auS dem Boden schössen, gab es allein in der Reichs- lhauptstadt mehr als 400 derartiger Theater, die jedoch zum größten Teil in primitivster Weise eingerichtet und in leerstehenden Läden untergebracht lvaren. Im Jahre 1908 zählte man in den Vereinig- jtsn Staaten nicht weniger als 10000 Kinotheater, und ihre Besucher- zahl wurde täglich auf ungefähr 3 000 000 geschätzt. Di« weitere Entwickeluna des Kinematographen ist bekannt. Das Großkapital bemächtigte sich seiner, und neben dem Theater des kleinen Mannes entstanden elegant ausgestattete Lichtspielbühnen, deren Eintritts- preise sich von denen wirklicher Theater schon kaum mehr unter- scheiden. Seine größte Bedeutung wird der Kinematograph wohl erst in Iber Zukunft erlangen, wenn er in weitestem Umfange für wissen- Ischaftlichc und pädagogische Zwecke dienstbar gemacht sein wird. Cckon in den letzten Jahren ist es den Bemühungen zahlreicher wissensH/tlicher Arbeiter gelungen, subtile und nur im Mikroskop sichtbare Vorgänge der organischen Natur kinematographisch auf- zunehmen und Wissenschaftlern sowie Laien in überaus sinnfälliger und anschaulicher Weise vor Augen zu führen. Gerade in der jüngsten Zeit hat die Verbindung des wissenschaftlichen Kinemato- Kerautwortl. Redakteur: Aibcrt Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag r graphen mit dem Ultramikroskop glanzende und ganz üngeahnke Ergebnisse geliefert. Ist es doch nicht nur gelungen, die winzigsten Organismen, die Bakterien und andere einzellige Lebewesen in jeder ihrer charakteristischen Erscheinungsformen sichtbar zu machen, man hat sogar neuerdings bis vor kurzem noch ungeahnte Vorgänge, wie die Phagocytose(die Verbindung von Mikroorganismen durch die weißen Blutkörperchen), kmematographisch in 40 000facher Vergrößerung zu demonstrieren vermocht. Diese von Dr. Commandow. Paris erzielte Vervollkommnung ultramikroskopischer Kinoauf» nahmen stellt augenblicklich den fortgeschrittensten Stand dieser Technik dar, und ungeahnte Möglichkeiten fernerer Entwickelungs« stufen liegen noch vor uns. Ethnologisches. Buddhismus im alten Mexiko. Bei den japanischen Bonzen in San Francisco lebt eine Tradition, wonach im 5. Jahr- hundert fünf Buddhisten aus Asien nach Mexiko gekommen seien, um ihre Lehre dort zu verbreiten. In der„Revue du TempS prvsent" führt nun A. G e r m a i n auS, daß diese Ueberlieferung nicht un- begründet erscheint. Alte chinesische Schriftsteller sprechen oft von einem Land weit im Osten und in Peking wird der Bericht von einer Reise aufbewahrt, die ein gewisser Hui-Shen eben im S.Jahr» hundert unternommen hat. Seine Erzählung enthält nichts Un» wahrscheinliches und ihre Angaben lassen sich nur auf Mexiko beziehen. Es besteht aber auch eine mexikanische Tradition, die von der Ankunft eines Fremden namens M Shi (Hui-Shen) spricht. In neuerer Zeit sind zahlreiche Entdeckungen dieser These zu Hilfe gekommen. Die Tempel von Palengö und Mitla weisen in der Anlage und in ihrer Ausschmückung, sowie in den plastischen Darstellungen von Priestern und Gottheiten viele Aehnlichkeiten mit mongolischen, chinesischen und javanischen Heilig- tümern auf. Die Ruinen von Uxmal sind mit astronomischen Bildern von buddhistischem Charakter bedeckt. Auf einer Mauer von Palenkä sieht man den Kopf eines Elefanten— eines in der amerikanischen Fauna nicht vorkommenden Tieres. Endlich weist Germain auf die Aehnlichkeit der Ortsnamen Guatemala, Socatepek, Sakapula mit den Namen Gotama und Cakia hin.— Mit kühner Etymologie kann man freilich alles mögliche beweisen. So haben wir z. B. seinerzeit einen alldeutschen Ethnologen die peruanische Jnkakultnr für die germanische Herrenrasie in Anspruch nehmen gesehen und Atahualpa wurde uns als amerikanischer Gote Ataulf präsentiert. Technisches. GaS-Fernbersorgung. In einem von der sächsischen Regierung inspirierten Artikel wurde kürzlich den Landgemeinden nahegelegt, die Versorgung mit Gas durch Bildung von Zweckver- bänden zu unternehmen; damit wäre in Deutschland zum ersten Male die Frage der Gasfernversorgung ernstlich angegriffen, ein Problem, dem man bei uns bisher geflissentlich ausgewichen ist. Nach dem beutigen Stand der Gastcchnik ist, wie„Die Welt der Technik' aus- führt, die Möglichkeit, Gas ebenso wie elektrische Energie auf größere Entfernungen rationell zu verteilen, unbedingt gegeben. Die Praxis zeigt, daß in amerikanischen Städten, wo die Elektrizitäts- Versorgung in großzügiger Weise durch Ueberlandzentralcn glänzend gelöst wird, sich riesige Gaszentralen mit gewaltigen Fernleitungen entwickeln, deren Wirtschaftlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Während die lleberlandzentralen hochgespannte Elektrizität durch ein strahlenförmiges Netz von Drähten über das Land verteilen, führen die Unterlandzentralen, wie man sie genannt hat. durch ein nicht minder ingeniöses Röhrenshstem unterirdisch die ebenso wert- volle Kraft, das Gas, den Konsumenten im entlegensten Dörfchen zu. Die Druckausgleichung bietet keine Schwierigkeit mehr und ebenso- wenig die Ueberwindung größerer Entfernungen durch eine absolut dichte Rohrleitung. Es hat sich in Amerika, der Heimat der Gas- fernleitung, gezeigt, daß selbst eine Entfernung von 2S0 Kilometer fast spielend vermittelst stählerner oder schmiedeeiserner Röhren, mit Muffen oder Flanschen mit Gummiringen ineinandergefügt, über- wunden wurde. Die Dichtigkeit dieses Röhrensystems, in dem daS Gas noch dazu unter Hochdruck steht, hat sich als nahezu absoluter- wiesen. Der Verlust an Gas wurde im Betrieb auf höchstens ein Prozent geschätzt. Die Länge dieser Leitung wurde noch übertroffen von einem neuen Projekt, wonach die Stadt Baltimore, mit 600 000 Einwohnern, von den Oelwerken in West-Virginia Naturgas auf eine Entfernung von 320 Kilometer(gleich etwa der Strecke von Berlin bis Bremen) beziehen will. Wenn in Deutschland Ferngas- leiwngen von so imposanter Länge noch nicht bestehen, so ist der Grund nicht etwa in mangelnder Leistungsfähigkeit der deutschen Gasindustrie zu suchen, sondern darin, daß bei uns die Notwendigkeit so weit ausgedehnter GasfernleiwngSgruppen noch nicht so dringend vorlag. Auch mußte auf die Verwendung de? Hauptneben- Produktes bei der Gasfabrikation, deS Kokses, aus wirtschaftlichen Gründen(Ersparnis hoher Transportkosten) mehr Rücksicht genommen werden. Wohl aber ist es ein Gebot, dem immer mehr' Rechnung getragen werden muß, daß dem Entstehen vieler kleiner Werke nach Möglichkeit vorgebeugt werden sollte, und daß die Versorgung größerer Umgebungen mit GaS im Interesse niedrigerer GaSpreijs voir einer Zentrale aus erfolgt. vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerseCo., Berlin SVV»