Anterhaltungsblatt des Torwarts Nr. 102. Dienstag, den 30. Mai. 1911 (NaSdruck verboten.) � Oas SememckekinÄ. Erzählung v. Marie v. Ebner* Eschenba Hj. Pavel gab eine derbe Antwort und rief von seinem Platze dus mit unterdrückter Wut den Holzknechten zu:„Packt lEuchl" Sie erwiderten mit Roheiten, schlimmer als alle vorher- gehenden, und Hanusch, bequem an den Zaun gelehnt, die Pfeife zwischen den Zähnen, tat. als ob er den im Gärtlein liegenden Dachstuhl aufmerksam betrachte, und sprach: „Der is ja fertig, jetzt kannst anfangen, den Stall zu bauen... Bau ihn! bau ihn! tummel Dich, die Du ein- stellen willst, iS schon auf'm Weg... die aus'm Zuchthaus!" „Die, ja— die!" scholl es im Ehor. und Hanusch schrie, haß die Adern an seinem Halse schwollen: „Nehmt ihn, Weiblein l Vor der Schwiegermutter aus'm Zuchthaus braucht Ihr Euch nicht zp fürchten, die kommt in den Stall, die Mutter!.. Die Worte reuten ihn. Pavel hatte sich aufgebäumt, aus seiner Brust drang ein gräßliches Stöhnen, über seine Zähne floß Blut aus seiner zerbissenen Lippe. Einen Augenblick schaute er... Da stand die Frau, die er geliebt hatte— da stand das Mädchen, das er liebte, da der ehrliche Bursche, dem er es streitig machen wollte, und dort am Zaun der Schurke, der ihn in ihrer Gegenwart unauslöschlich beschimpft hatte, auf dem Boden aber, zu seinen Füßen, lag sein gutes Zimmer- mannsbeil. Die Dauer eines Blitzes, und er hatte es er- griffen und geschleudert.— Hanusch kreischte und bog aus. Das nach seinem Kopfe gezielte Beil flog haarscharf an der Schläfe vorbei und verletzte das Ohr. Alle schrien. Pavel stieß Vinska weg, die ihm den Weg vertreten wollte, schwang sich über den Zaun und sprang mitten unter die Holzknechte hinein. So furchtbar war er anzusehen, ein so maßloser Zorn sprühte aus seinen Augen, daß der ganze Trupp vor ihm zurückwich— am weitesten Hanusch, die Hand am Ohr. Aber schon war er ereilt und gestellt von einem, der noch rascher gewesen als Pavel. Lamur hatte ein unheilverkündendes Knurren ausgestoßen, sich seinem Herrn vorangeworfen und war Hanusch an die Gurgel gesprungen. Der glitt aus, wankte und stürzte dicht vor Pavel nieder, die hervor- gequollenen Augen in verzweiflungsvoller Angst auf ihn ge- richtet, der schon seinen Fuß erhob, um den Mund zu zer- »nalmen, der ihm solche Schmach angetan... Plötzlich jedoch. wie von Abscheu und Entsetzen ergriffen, totenbleich, stampfte ier den Boden und rief:„Zurück. Lamur!" Ungern ließ der Hund ab von seiner Beute. Hanusch erhob sich mühsam, seine Genossen machten Miene, alle zu- sammen auf Pavel loszugehen, besannen sich aber anders. Sie parlamentierten noch eine Weile mit Arnost, während Pavel, dumpf vor sich hinbrütend, dastand, und zogen endlich, kleinlaut geworden, weiter. Erst in einiger Entfernung vom Grubenhaus faßten sie den Mut, sich zurückzuwenden und Mrohungen auszustoßen, die gänzlich unbeachtet blieben. Pavel und seine Gäste bildeten eine kleine, stumme Gruppe. Er schien der letzte sein zu wollen, das Schweigen zu brechen, er war an die Tür der Hütte getreten und sah zu seinem Hunde nieder, der seinen Blick ernst und verstand- uisvoll erwiderte. Eine Weile verging, bevor sich Slava so weit ermunterte, baß sie Pavel an seine vorhin gemachte Einladung erinnern konnte. Halblaut erneuerte er sie und lächelte das Mägdlein, auf dessen Gesicht sich die Spuren des überstandenen Schreckens malten, fremd und traurig an. Mau trat ins Haus, in die durch Habrechts Großmut eingerichtete Stube mit der nie- brigen Decke, mit den kleinen Fenstern und dem Fußboden aus gestampftem Lehm. Der Tisch stand in der Mitte der Stube, wie er in der Mitte des Lehrerzimmers gestanden hatte, der alte Lehnstuhl und drei Sessel um ihn herum. In der Ecke, der Herdnische gegenüber, der schmale Schrank, der das Heiligtum des Hauses trug, des Freundes kostbares Per- mächtnis, die Bücher, in denen immer zu lesen er Pavel empfohlen hatte. Nicht umsonst, man sah es den schlichten Bänden an, daß sie oft, wenn auch in schonender Ehrfurcht, zur Hand genommen wurden. Vinska nahm Platz im Lehnstuhl, Slava auf einem Sessel neben ihr. Die erste schwieg, die zweite äußerte sich verbindlich über die Reinlichkeit, die im Hause herrschte, brach aber ab, verwirrt durch die strengen Mienen der drei anderen. Arnost war zu Pavel getreten und hatte ihm ein paar Worte zugeraunt, und Pavel hatte den Kopf geschüttelt, sich nicht mehr geregt und stand, wie auf dem Fleck angewurzelt, in finstere Gedanken versunken. Lange bezwang sich Arnost, zuletzt aber siegte seine Un- geduld, er faßte Pavel bei der Schulter und sprach:„Was simulierst? hör schon auf... Was liegt Dir dran, was ein paar Betrunkene reden?" „Ja," fiel die Kleine mit ihrer glockenhellen Stimme ein,„was liegt Dir dran? Laß die Leut reden, und sprechen wir lieber von was Lustigem." Pavel horchte auf— eine so liebe Stimme und konnte doch einen Mißklang erwecken. „Von was Lustigem?— gut— ich Habs nicht anders im Sinn." Er lachte herb upd trocken, kam auf den Tisch zu und wendete sich an die Kleine:„Ich bin ein Freiwerber," sprach er,„fiir den da, für den Arnost. Wir haben es schon lang zusammen ausgemacht, daß ich Dich fragen soll, ob Du ihn nimmst?" „Mach keinen schlechten Spaß," fuhr ihn Arnost derb an: „was soll denn das heißen?" und noch derber gab Pavel zurück: „Willst bielleicht nicht mehr werben?. Ist die Lieb schon verraucht?..."$ „O, was die Lieb betrifft..." Der Ausdruck, mit dem diese Worte gesprochen wurden, erledigte die Frage übergenügend. Eine Viertelstunde später verließ ein Brautpaar die Hütte Pavels. Der Bräutigam glückselig, die Braut still zu- frieden. Arnost war ihr lieber als Pavel; noch lieber jedoch wäre ihr Arnost mit dem Felde Pavels gewesen. Vinska empfahl sich zugleich mit den Verlobten, die sie ins Forsthaus begleiten wollte. Am Ausgang des Gärtchens jedoch hieß sie die jungen Leute vorangehen, blieb stehen und sprach zu Pavel:„Was war das jetzt? Es hat geheißen, Du hast die Slava gern?" „Ich Hab sie auch gern," rief er, und mit seiner Selbst- beherrschung war es zu Ende;„aber wie soll denn ich hei- raten, wie soll denn ich ein Weib nehmen, ich. dcms alle Tag geschehen kann, er weiß nicht wie, daß er einen erschlagen muß, weil er sich nicht anders helfen kann? Ich Hab Schand fressen sollen, dazu hat die Mutter mich geboren. Jetzt haben sie„was Bessres" aus mir machen wollen, der Herr Sichrer und meine Schwester Milada, und jetzt schmeckt mir die Schand nicht mehr, und jetzt bring ich sie nicht mehr hinunter, das ist mein Unglück." Nach einer Pause, in der Vinska die Augen fest auf den Boden gerichtet hielt, sagte sie:„Du bist mitgegangen bei dem Begräbnis von meinem armen Peter. Ich Hab Dir noch nicht danken können, weil Du mir immer ausweichst." Er zuckte die Achseln und erwiderte:„Ich werd Dir nimmer ausweichen. Leb Wohl." „Lieber Pavel," nahm sie nach abermaliger Pause wieder das Wort!„eh ich geh, mußt Du noch was anhören. Ich Hab keine Ruh, die Leut lassen mir keine Ruh. Mein armer Peter ist erst drei Monate tot, und schon haben sich zwei Freier bei mir gemeldet." „So such Dir einen aus." „Ich glaube," sagte Vinska, nachdem sie eine Weile in den Schnee geblickt hatte,„daß ich eine Witfrau bleiben werde." „So bleib eine Witfrau. Leb wohl." Schon im Begriffe, zu gehen, wendete sie sich noch einmal zu ihm und begann von neuem mit beklommener Stimme: „Du hast gut sagen: Leb wohl. Wenn man gegen jemanden so schlecht gewesen ist. wie ich gegen Dich, lebt sichs nicht woh'' �.„Teswegen Frblt3)ft Dir keine grölten Zoore wo'chsen zu Zossen," sproch er ruhig:„das hob ich olles vergessen." Sie senkte den Kopf ouf die Brust, ein Schmerzenszug Umspielte ihren Mund:„Und Tu," frogte sie,«wirst Du wirklich immer ein Junggeselle bleiben?" „Jo," entgegnete er:„ich bleib der einsame Mensch, zu dem Ihr mich gemacht hobt." 19. > � Die Nochricht, die Povel ous der Stobt erholten sollte, frof ein und lautete sehr unbefriedigend. Die Frou Boronin ließ sagen, noch könne ihm die Erloubnis, seine Schwester zu besuchen, nicht erteilt werden: ous welchem Grunde, solle er später erfohren und sich vorläufig in Geduld fossen. Bold darauf kom ein Brief von Milodo, in dem sie Povel bot, sein Kommen aufzuschieben. Auf dos liebreichste donkte sie im vorous fiir die Erfüllung ihrer Bitte, vertröstete ihn ouf dos Frühjohr, versicherte, daß es ihr von Tag zu Tog besser gehe, und schloß mit der Kunde, daß ihre Einkleidung, auf die sie sich unoussprechlich freue, im Mai stattfinden werde. So mußte Povel sich bescheiden und tot es: doch wurde es ihm nicht leicht. Jede Woche wenigstens einmal ging er ins Schloß und frogte:„Ist die Frau Boronin zurückgekommen?" und erhielt immer zur Antwort:„Nein."— „Hot sie auch nicht geschrieben?"—„Tos wohl— um Anordnungen zu treffen, die auf eine neue Verzögerung ihrer Rück- kehr schließen lossen." Mit der Verlobung Slovas, die ihr pflichtgemäß onge- zeigt worden war, hatte sie sich einverstanden erklärt, dem Mädchen die erbetene Entlassung und ein Geschenk gegeben, das nicht nur hinreichte, um die Kosten der Hochzeit zu be- streiten, sondern auch, um ein rundes Sümmchen für die Wirtschoft zu erübrigen. Ties olles, weil Slava, obwohl von früher Jugend an verwaist und ouf eigenen Füßen stehend, sich stets brav geführt und nun unbescholten an den Altar treten konnte. Am dritten Sonnobend noch Ostern fand die Trouung statt. Povel sunuierte als Brautführer. Er hotte sich schwer- lich dazu entschlogcn, tot es ober dann in guter Holtung und mit Stolz ouf seinen über sich selbst errungenen Sieg. Anton der Schmied vertrat die Stelle des Brautvoters, Vinsko die der Broutmutter. Sie wor trotz des großen Witwentuches, daß sie sich über den Kopf gezogen hatte, schöner als die Braut selbst. Ter Herr Pfarrer sprach die Traurede mit ganz un- gewöhnlicher Wärme, beehrte auch die Neuvermählten mit seiner Gegenwart beim Festessen im Wirtshause. Der Doktor, der Verwalter, der Förster, der Bürgermeister und- einige große Bauern kamen, ihren Glückwunsch zu bringen und den Tank des jungen Paares für die ihm ins Haus geschickten 'Geschenke zu empfangen. Alles ging ohne unanständigen Lärm, einfach aber„urnobel" zu. .lFortsetzung folgt.ZI' Letzte fahrt. Von N. A. Ordern an n. Wer hak nicht schon in seiner Jugend von Island gehört, dem sagenhaften„Eislande", mit seinen vulkanischen Gebirgen, seinen heißen Springquellen, seinen trotzig ragenden Basaltkuppcn, seinen schauerlichen Lavaivusten, der Hochebene, die zu den durch Fjorde zerschnittenen Küsten in sandigen Fluhtälern und schneeigen Planen abfällt. Tie Besatzung unserer von Nordenham, Geestemünde, Bremerhaven. Cuxhaven und Altona auslaufenden Fischdampfcr kennt Island nur vom gigantischen Anblick der ragenden Gletscher, die Hunderte von Kilometer lang, auf eine Strecke, wie die von Tüsseldorf nach Frankfurt geradenwegs gemessen, an der Südküste fast unmittelbar aus der See aufsteigen. Ist das Handwerk auch rauh und gefahrvoll, den Isländer Schellfisch, den Kabeljau und den Rotbarsch und manch andere nütz- liche Nahrung in diesem Revier zu fischen, im Sommer ergreift es auch das schlichte Secmannsgemüt wie mit Wundcrgewalt, wenn es diese herrliche Szenerie erschaut. Aber ein geheimes Grauen faßt es an, sobald die Herbst- und Frühjahrsstürme die schwarze See heulend auftürmen und das Schiff, wie in rasender Wut, umher- schlagen. Frühmorgens zwischen der sechsten und siebenten Stunde. Unter Island tobt im fahlen Tömmern ein Märzorkan von unerhörter Heftigkeit. Der Bremerhavener Fischdampfer„Merkur" hält sich jchon zwei Tage hier auf, tatlos, er kann die Netze nicht auswerfen, weil ein Fischen in diesem Wettertoben geradezu da? Leben aufS Spiel setzen heißt. Das Fangzeug ist fest an Deck gefroren und nur durch stundenlanges Weichen in heißem Wasser kann es wieder gebrauchsfertig werden. So kalt ist's dort im März noch? fragt der erstaunte Leser. In dieser Breite„jal" Wir sind nicht weit vom nördlichen Polarkreis und hier stellt sich der Frühling zaghaft zu einein kümmerlichen Gastspiel ein, wenn bei uns schon längst die Nachtigall aus blutenvollen Büschen gesungen hat. Der wetterharte Kapitän Aarons will den Sturm abwarten und hält in langsamer Fahrt„Kops auf See", denn mit der Nähe der Küste wächst in solch höllischem Tanze die Aussicht auf Tod und Verderben. 6 Uhr SO Minuten. Eben ist der Kapitän von der Brücke in seine Kammer gegangen, um nach dem Barometer zu sehen, als eine furchtbare Sturzsee den Dampfer glatt auf die Seite wirft, und nur langsam läßt sie ihn wieder hochkommen. Das waren Sekunden— aber was ist alles in ihnen geschehen 1 Als ob eine Riesenfaust über das Schiff hinweggestreift ist. Die Borderseite der eisernen Brücke, auf der das Ruderhaus steht, wurde vollständig eingedrückt, das Haus selbst zum großen Teil in Trümmer und in die brüllende See geschlagen. Wie durch ein Wunder ist der Mann am Ruder gerettet, in seiner Angst kletterte er hinter den Schornstein und wartete hier auf sein letztes Stünd-- lein. Das Rettungsboot ist sortgewaschen, auch Kompaß und Seitenlichter, eiserne Stützen sind wie Streichhölzer geknickt, die Wände der Decksaufbauten aus schwerem 10 und 12 Millimeter Eisenblech hat dieser eine, fürchterliche Wasserschlag wie ein Spiel- zeug verbogen. Doch nicht genug damit! Die unsichtbare Hand des Verderbens hatte auch das Reservenetz entführt und es in die Schraube geraten lassen, daß die Maschine ihren taktmäßigen Gang gegen die höllenentfesselte Gewalt aufgeben mußte. Der wacht- habende Maschinist arbeitet, daß ihm der Schweiß in Strömen von den weit hervorgetretenen Augen tropft. Er muß die starre Eisen- masse da wieder ins Leben bringen, sonst ist's um Menschen getan! Gott sei's gedankt! Ein Pfauchen und Zischen-- und langsam stampfen die Kolben. Ter Kapitän steht selbst am Ruder und seiner ehernen Ruhe gelingt es, den Dampfer, der quer zur mörderischen See lag, wieder auf sie hinauszubringen. Nur guten Mutes! Was tut es, wenn der„Merkur" aus- schaut, als ob er aus dem Gefechte kommt. Sein erbarmungs- würdiger Anblick gereicht jenen Braven zur Ehre, die ihn aus dein Rachen des Todes gerissen haben. Nun darf auch an das Frühstück gedacht werden. Koch! hallt's über Deck. Und nochmal: Koch!! An Leeseite schlägt die Kombüsen- türe bei jeder Luvsee klappernd zurück. Die enge Küche, die quer über Deck liegt, ist leer. Ist der Koch im Logis? Auch nicht—! Bangklopfenden Herzens sucht Mann für Mann— vergebens! Es bleibt nur die Möglichkeit: Ucber Bord! So hatte sie sich doch ihr Opfer geholt, die rasende Flut--- Als es zwei Stunden später Tag geworden, da findet man den Kameraden unter dem Backbordwant an Deck tot. Nicht in ein feuchtes Grab hatte die See ihn gerissen. Meuchlerisch durchbrach sie die Tür der Kombüse an der Leeseite und schleuderte den Aermsten mit furchbarcm Anprall gegen die Tür luvseits, daß sie aufsprang und die dämonischen Wassergeister frei dahinstürmen konnten. Schädel und Wirbelsäule waren gebrochen-- Kurs südwärts! Den Toten zur Heimaterde bringen! Das ist nun der Schiffsleitung heilige Sorge. Daheim sitzt ein blühendes Weib, heiter der Heimkehr des jungvermählten Gatten wartend, und wiegt das Erstgeborene---- Sie haben dem Kameraden Koch den letzten Liebesdienst getan, ihn gewaschen mit dem Wasser der tückischen See, die ihn getötet hat, dann wurde er in das rauhe Segeltuch gehüllt und vorn an Deck unter die Back gelegt— zur letzten Fahrt. Der tatkräftigen und umsichtigen Leitung gelang es dann, einen Reservekompaß in Gang zu bringen und nach Beschluß des Schiffsrats wollte man Nordschottland anlaufen. Drei Tage nach dem schrecklichen Morgen wurde Dunnet Head gesichtet und von dort Kurs auf die Weser gesetzt, die man drei Tage später ohne weiteren Unfall glücklich erreichte. Wie nichts so traurig in der Welt ist, daß nicht auch der Humor mit seinem versöhnlichen und tröstlichen Lächeln hineilt» schaut, so hat in dieses Katastrophe der sprichwörtliche Stoizismus unserer„Fahrensleute" einen heiteren Ton angeschlagen. Bei dein furchtbaren Brecher, der über den„Merkur" hinwcggging. fiel ein Matrose aus seiner Koje und, stutzig geworden durch den ohren- betäubenden Tonner der Wogen und den furchtbaren Anprall, eilte er die Treppe hinauf an Deck. Ein Blick aus der Luke machte es bei ihm gewiß, daß das Schiff in Strandung sei. Bedächtig stapft er wieder ins Logis, sucht das verloren gegangene Priemchcn, die „Seemannsschokolade", und legt sich seelenruhig wieder auf die Matratze. Als ihn die Kameraden fragen:„Wat is denn los?" meint er nur:„De Dampfer strand't, denn will ick darbi dochi wenigstens in de Koje liggcn!" Nachdem der„Merkur" ohne jeden Fang, Flagge halbstock, Bremerhaven binnen gelaufen war, fand die Sceamtsverhandlung statt, in der der Tod des Kochs auf höhere Gewalt zurückgeführt wurde. Die Maßnahmen der Schiffs- und Maschinenleitung er» kannte der Spruch des Gerichts als tatkräftig und durchaus fach« gemäß besonders an. Ein nicht alltägliches Lob vgg djesex Stelle,< jVeue Sr�äklungsliteratur. Wollte man sich der Jndustriesprache bedienen, müßte man sagen, «in mächtig aufblühender Zweig in der Romanfabritation ist die Freiluft-Dichtung. Immer bestimmter lassen sich die neuerschicnenen Bücher gliedern in Stubenromane und Lustromane. Die einen find am Schreiblisch erstanden und der Dichter holt seine Begebenheiten don.innen" heraus, sein Geist geht spazieren in der Welt der Phantasie, derweilen sein Körper feslsitzt, die anderen erwuchsen dem Dichter auS den Weiten der Welt, er holt sich seinen Stoff von .draußen" und er wandert wirklich. Wer er ist kein Wanderer mehr von der altvaterischen Sorte, der auf der Landstraße mit dem Sträußchen am Hute, den Stab in der Hand gemächlich dahin- schlendert, er ist Welkenbummler geworden. Wie sich äußerlich das Ansehen des Dichtermannes verändert hat— die obligaren Locken sind gefallen und er handhabt das Auto so gut wie die Feder— so hat sich auch der sogenannte Reiseroman verändert. Der moderne Reiseroman, der von den Abenteuern, Erlebnissen und Ein- drücken solcher Weltreiscndichter erzählt, hat nichtnur dieKultur geschluckt, die das„Weltkennenlernen" mit sich bringt, er ist über das referierende Tatsachenmaterial hinausgewachsen, eS ist Freilust in ihm, Sonne, Kraft, Leben, gereiftes Gefühl. Ich möchte sagen, der moderne Freilustroman hat eine Seele bekommen. Da ist vor allem ein Buch, auS dem nian den Herzschlag hört, einen doppelten»Herzschlag, einmal das Klopfen eines Menschenherzens und dann einen ge- waltigeren, stürmischen Herzschlag, den des großen, ewigen Meeres. Es heißt auch schlichtweg nur: Das Meer, erschienen bei S. Fischer-Berlin, und sein Dichter ist Bernhard Keller- mann. Der Name bat seit seinem wundervollen Buch„Jngeborg" einen guten Klang. Aber diesmal fingt er uns nicht die zärtliche Melodie einer Liebe voll Süße und Innigkeit, diesmal ists die Musik der Elemente und ein anderer Rausch, der leidenschaftlich durch da? Buch geht. Das Meer, das brausende, das Meer, das verschlingende, das Meer, das schenkende und beglückende I Die Fischersleute auf der kleinen bretonische» Insel leben ein hartes, mühsames Leben, ein steter Kampf mit der salzigen Flut ist dieses Leben. Aber daneben gibt es Gelage und Mädchen, frisch wie Mcereshauch, mit glühenden Augen und noch glühenderen Herzen und zwischen Arbeit, Lieben und Trinken, gelegentlich auch einem echten, festen Raufen gehen die Tage dahin. Der Fremdling, der uns von dieser meer- umtosten Insel erzählt, ist Gast und Zuschauer des ewig gleichen Fischerlebens, ein Mitgenießcr ihrer Freuden, gelegentlich auch ein Besitzergreifer ihres Guts, ihrer Liebsten. Vor allem eine, die prächtige Rosseherre, der Schatz seines Freundes Dann, tritt in sein Leben mit rassiger Leidenschaft, und nun lebt dieses Jnselkind in Fleisch und Blut vor dem Leser, wie alles Leben bekonimt in der frischen Schilderung Kellermanns, daß es ist, als ob man das Salz der Seeluft auf den Lippen schmeckte. In all' die Fischzüge, die Gelage, die Liebschaften hinein aber rauscht daS Meer mit seinen tausendfachen Chören und wird recht eigentlich zum Haupthelden des Buches. Wieder geht eine Trunkenheit durch das Buch, die trunkene Naturliebe, das berauschte Umfangen all' der Schönheiten des Meeres mit seinen Schrecken -und seinen Segnungen. Bis dann der Tag kommt, wo der Tafel- gast, der auf eine kurze, glückliche Spanne Zeit die Kultur aus« gezogen,„ins kochende Zentrum" springt, wo die Maschinen stampfen und das europäische Gesicht wiedersieht. Was Kellermanns Buch so feffelnd macht, daß wir untertauchen wie in eine wirkliche Welt und das„Papier" vergessen, ist die Wärme, das Durchgefühlte seiner Schilderungen, ist vor allem auch sein Stil, der das Tempo hat, jenes lebendig bewegte Tempo, das fortreißt und eine unmittel« bare Wirkung hervorbringt. Ein anderes Buch, in dem die farbig und plastisch hervortretende Umwelt nicht nur den Mantel der Geschehnisse bildet, ist die neue Robinsonade: Van ZantenS Insel der Verheißung nach Tagebuchblättern herausgegeben und bearbeitet von L a u r i d s Bruun.(Verlag Fischer, Bibliothek zeitgenössischer Romane.) Zantcn, dieser imaginäre, von seinem Dichter geborene oder wirkliche Weltenbummler(was macht eS dem Leser schließlich aus, ob er gelebt hat oder nicht?) der nach seinem Südsee-Jdyll: van ZantenS glückliche Zeit wiederholt auf den Boden der Zivilisation zurück- gekehrt war, versucht in der„Insel der Verheißung" mit ironischem Lächeln sich dem Glück und der Unschuld des samoanischen Blumen- Paradieses zu entziehen. Das gelingt ihm nur halb. Immer wieder greisen die hundert Arme der Insel nach ihm und sein beglücktes Herz läßt sich vom Verstand nur widerwillig maßregeln. Und dann stt alle kluge Ueberlegung weggeblasen und ein tiefer Ernst macht seine Seele traurig und auch wieder stoh gegenüber der einsamen Tropenpracht. Nun blühen üppig wie die zauberischen Pflanzen des geliebten Urwaldes die Naturschilderungen auf. die Anbetung dieser unberührten, steien, großen Natur, wo alles in Fülle strotzt und der blaue Himmel über wunschlosen Kreaturen brennt, solange der Mensch nicht hinkommt mit seiner Kultur. DanielderDichter, Hendrichsder Maler. Jakob der Musiker, ein holländisches Bohöme-Trio wollten aber in diese friedliche Welt ihre Zivilisation verpflanzen und ihre Sehnsucht nach einer Morgenröte der Menschheit da drüben verwirklichen. Wie alle ideologischen Experimente sozialer Utopisten scheiterte auch ihr Ziel, am klopfenden unberhüllten Mutterherzen der Nawr das ursprüngliche paradiesische Leben wiedererstehen zu lasten. Wie sie eS auch anfingen, es kam doch immer wieder eine Art alter Staat mit seinem Mein und Dein, seinem Gut und Böse, seinem Soll und Muß heran?. Der Kulturmensch ist eben trotz allen Willens zur Primitivität für den unschuldigen Urzustand verloren. Und die Kulturmllden vertragen am Ende auch das furchtbare„Auge der Einsamkeit" nicht. So verlosten auch sie die„Glückseligkeits« insel" wieder, wie auch Kellermanns Jnselgast, um auf einem Kultur» Kämpfer der Zivilisation entgcgenzuschwimmen und wieder in der „Gesellschaft" zu landen. Trotz dieser wehmütigen Resignation und Rückkehr zu Europens übertünchter Höflichkeit ist auch dieser Roman vollgesogen von Fceiluft, voll starken echten Gefühls abseits der „Literatur" stehend und mit seinem rotwangigen Stil ein gesunde? Buch. Nicht so durchaus gesund, dafür aber von bestechendem Relz intimer Feinkunst sind die beiden im Verlag A. Langen, München, erschienenen Bücher von Max Dauthendeh: Lingam, „Asiatische Novellen" und„Die acht Gesichter am Biwasee", Japanische Liebesgeschichteu. Bei ihm ist das exotische Milieu mehr Dekoration und dennoch umspinnt auch hier deu Leser bald diese schillernde bunte Welt, in der das eine, große, unerschöpfliche Thema Dauthendeys lebt: die Liebe. Welche Variationen weiß Dauthendeh diesem Grundmotiv zu geben. Die einzelnen Novellen klingen zusammen zu einer Sinfonie, bald klagend, bald brausend, bald als ein zartes Adagio. Und verwoben mit dem Kolorit der Landschaft geht ein schwüler Hauch über di» Geschichten, die einfach wie ein Märchen und doch innerlich reich an Beseelung sind, und mit diesem Hauch überträgt sich die Atmosphäre jener blühenden Orte voll fremden Duftes, an denen die thematisch verschlungene Liebessinfonie erklingt. So bekommt man wiederum den Geschmack des Echten auf die Zunge, der bei den Erstlings« büchern Dauthendeys so gänzlich fehlte. Er ist einer von denen, die lange still waren und ausruhten, nun tritt er wieder an die Oeffentlichkeit und zeigt seine dichterische Zucht. Vielleicht wäre es auch für Johannes V. Jensen bester, wenn er etwas weniger produktiv wäre und wie Ackerland, wenn es gute Frucht tragen soll, sich ein Ruhejahr gönnte. Freilich kann man es ihn, nicht verdenken, wenn er die Konjunktur ausnutzt. Der Name I. V. Jensen steht zurzeit, und mit Recht, hoch im Kurs. Dieses letzte Buch indesten: Der Gletscher(Verlag S. Fischer, Berlin) erscheint mir doch mehr (bei vielen Vorzügen) eine Art Mußbuch zu sein. Ein Buch, das wie eine Aufgabe vorgenommen wurde, zu dem es den Verfaster nicht drängte. Obgleich es ganz und gar ein Phantasieprodukt ist, könnte mau indesten auch diesen Roman den Freilustbücheru eingliedern. Der neue Mythos vom ersten Menschen zeigt, wie der Urmensch mit Einbruch der Eiszeit nach Norden getrieben stufenweise Mensch wird, wie er als Gletscherbewohner sich im rauchenden Blut der getöteten Tiere wärmt, bis er den ersten Schutz in der Menschen Geschlecht, den Feuerstein findet und besten Geheimnis entdeckt. Wie mit dem Feuer das Leben zwischen Eiskämmen und Klüften wärmer, und auch die Natur nach und nach fruchtbar wird, daß die Drengsöhnö sich ihre Weiber vom Urwald herholen können und schließlich die wilden Weiber nicht mehr brauchen, weil sie unter einander bereits ein fremdes Geschlecht geworden sind. Und der starke Hoidbjörn zeugt mit Vaar wiederum Kinder, die schon Viehzucht und Ackerbau treiben und auch Schiffe bauen, mit denen sie über das Wasser fahren und sich die Pferde holen, die sie bezwingen und sich Untertan machen. So sehen wir in der Jensenschen Nobinsonade die Menschen durch Gefahren, Kampf und Mühsal hindurchtreiben, bis fie das albtier in sich überwinden und die starken Urväter des neuen eschlechts der Arbeitenden, der Erfindenden, der Liebenden ge- worden sind. Natürlich ist die Stammwieg« dieser Erstlingsmenschen wieder Skandinavien, von dem Jensen mit beredtem Geist alle Ent» Wickelung ausgehen läßt. Von Klara Viebig liegen Drei Erzählungen vor, die die Vorbemerkung tragen„für das deutsche Volk und seine höheren Schulen herausgegeben von Paul Beer"(Verlag Egon Fleischel, Berlin). Daß man die Werke der Viebig in einer volkstümlichen Ausgabe weiteren Kreisen zugänglich macht, wäre mit Freuden zu begrüßen, indessen diese Auswahl ist doch wohl nur ein Surrogat. Geradezu geschmacklos scheint eS, einen Romanausschnitt auS dem bekannten� Dicnstbotenroman„DaS tag- liche Brot" unter dem Titel„Ein Weihnachtsabend" als selbständige Novelle herauszugeben. Sicherlich hat man sich gerade mit diesem Stück, das das eigentliche Wesen der Viebig eher verschleiert als aufdeckt, die Gunst der Maßgebenden sichern wollen, die darüber zu bestimmen haben, ob das Büchlein als Lesestoff für die Schulen an- genommen wird oder nicht. Denn es macht immer einen guten Eindruck, wenn die Güte des Himmels gepriesen und die � hilfreiche Menschenfreundlichkeit der Neichen den Armen gegen- über glorifiziert wird, wie in der in gartenlaubenmäßige Senti- Mentalität übergehenden Schlußgeschichle: Ein Weihnachtsabend. Die Meifternoveile des Bandes dagegen„Das Kind und das Venn" dürste, obgleich es von einem Kinde handelt, gerade für Kinder- gemüter so wenig geeignet sein, wie„Ein einfältig Herz", in dem wiederum lodernde Trieb: zum Bösen und verbrecherische Gier der- tiertcr Menschen mit der Anschaulichkeit Viebigscher Elementarkrast im Mittelpunkt stehen. Freilich, jede einzelne der Geschichten zeigt der Verfasserin wuchtige, männlich zugreifende Art. ihre Beherr- schung des Stoffes, ihr flammende« Aufgehen in der jeweiligen Sphäre der Handlung, mag es nun daS Eifelland. die Ostmark oder die Großstadt sein. Wo aber das Land, das die Viebig sozusagen erst für die dichterische Gestaltung entdeckt hat, das Eiselgebiel im — 408— Spiele ist, da;e?gt sich die Stärke der Dichterin am eindringlichsten. Da wo das Venn, jenes rauhe, unwirtliche Gebirge dräuend lagert, mit seinem sengenden Sommer und eisigen Winter, dort schwingt da? Herz der Verfasserin am hörbarsten mit und ihre Erzählungen sind hier erfüllt von Sonne und Sturm, also auch rechte Freiluft- geschichtcn. Ein weitig an der Vicbig abgefärbt ist Richard Huld- s ch i n e r s Erzählung„Die Nachtmahr"(Verlag A. Langen, München). Dieser tiroler Bauernroman zeigt die Hauptgestalt, gleich der Viebig, in ihren Urinstinkte», mit den fordernden Sinnen, animalisch bis zur Bestialität und doch im Grunde nur sehnsüchtig nach Liebe mit gesunden Trieben. Anna Niedermoster ist die un- verstandene Frau auf dem Dorfe, das Leben trieb sie auS ihrer Bahn. Als Kulturgeschöpf wäre sie vielleicht eine Hedda Gabler geworden mit egoistischen Zerstörungstrieben, als Bäuerin ging sie dem ersten besten ins Garn, der ihr für ihren nüchternen Mann sexuellen Rausch bot, und wird so in der Verwirrung ihreS begehrenden Herzens in Schuld verstrickt. Ohne Halt, ohne Ausweg aus ihrer freudlosen Ehe, endete sie als Mörderin ihres Kindes, das nicht ihres Mannes Kind ist, eine Einsame, von ihrer Natur getriebene und Ueberrumpelte, eine jener unerlösten Frauen, die auf dem Lande und im niederen Stand so gut wie im Salon vom Leben und seiner Grausamkeit auf das tote Geleise geschoben werden. Als ein Lebensbuch ist Marie-Claire von Marguerite Eludoux zu bezeichnen(übersetzt von Olga Wohlbrück, Verlag Deutsches Verlagshaus, Bong u. Comp., Berlin). Der Franzose Mirbeau hat die>er Jugendgeschichte einer armen Näherin eine be- geisterte Empfehlung mit auf den Weg gegeben, aber wohl auch ohne diese Lancierung würden die Aufzeichnungen einer Frau, die. um sich vor dem Erblinden durch feine Nadelstichelei zu retten, zur Feder griff, das Interesse auf sich gezogen haben. ES geht zwar durchaus nichts Ungewöhnliches vor: die ihrer Mutler beraubte kleine Proletarierin wird als Dienerin zu den Klosterfrauen geschickt, kommt von da als Schafhüterm auf das Land, wo ihr Geist romantisch befruchtet wird, und fährt endlich dein Ziel ihrer Phantasie entgegen: dem Moloch Paris, wo die Armut und der bittere Lebenskampf ihrer warten. Aber in der schlichten Weise, wie das alles geschildert ist, gleichsam eine Mosaik von Eindnicken, filtriert durch das Sieb einer unerhörten Hellsichtigkeit, wüßte ich nur ein Pendant an frischem Impressionismus. Das find die Bücher Hermann Bangs, der gleichfalls Eindruck an Eindruck hinsetzt und dabei doch mehr gibt, als viele ausführliche und umständliche Beschreibungsdichter. Marguerite Audoux hat die feine Empfänglich- keit einer Wachsplatte für die geringste Berührung, nichts geht ihrer Empfindung verloren und aus dem anfänglichen Bestaunen des Lebens mit seinen tausendfältigen Geheimnissen und Wunderlichkeiten, reift ein Erkennen hervor. Daneben steht ein großes Herz, ein großer Sinn. Reinheit und Ernst, so daß wir da in einem Leben lesen, als ob es sich bor uns abspielte und zugleich einem vortreff- lichen Menschen nahe kommen und mit ihm die Jahre durchleben, die reich an der Herzensnot, den Prüfungen und Entbehrungen find, die ein Mensch der Armut in unserer Welt der Gerechtigkeit zu durch- leiden hat. Schlichte Einfalt und natürliches„Schauen" haben ein tvarmdurchpulsteS Buch geschaffen, das Buch der Verlassenen, der die Arbeit die Augen zwar blind machte, aber das innerliche Auge sehend ließ._ J. V, Der Schneider von(Ilm. , r Sluch ein Fliegerjubiläum. " Dcho? werden manche Leute sagen, auch noch ein Schneider, Und dazu einer von Ulm, dessen man nach hundert Jahren ge- denken soll. Warum denn nicht? erwidere ich. Viel weniger wegen des auch außerhalb Schwabens bekannten Spotwerscs von dem Schneider von Ulm, der das Fliegen probiert hat und bei dieser Gelegenheit von dem Teufel direkt in die Donau geführt wurde, als vielmehr, weil es sich in dem Zeitalter der Luftfliegerei darum handelt, einem Manne wieder zu Ehren zu helfen, dessen Pläne und Gedanken durchaus nicht so lächerlich und phantastisch waren, wie man gemeinhin anzunehmen pflegt. In dem Jahre �811, an dessen 30. und 31. Mai Albrecht Ludwig Berblinger, �ehrsamer Schneidermeister und daneben Fabrikant künstlicher Glieder, seine unglücklichen Flugversuche unternahm, lag das Problem buchstäblich in der Luft. Nicht nur Goethe und Jean Paul und Kleist beschäftigten sich viel damit, auch aus Wien war die Kunde gekommen, daß der Mechaniker Vogen dort etliche Male schon in die Luft geflogen sei. Was Wunder, daß der Nlmer Schneider, der offenbar wie so manche seiner Zeitgenossen ein Grübler und Spintisiercr, daneben freilich auch, wie die bose Welt behauptete, dem Branntwein durchaus nicht abhold war, sich nun iin den Kopf setzte, es den Vögeln gleichtun zu wollen. Oft stand er hoch oben auf oem Kranze des Münsterturmes und starrte hinein in die Weite. Was kümmerten ihn da noch Nadel und Zwirn. Hatte nicht schon ein im April am Himmel stehender Komet pjophezeit, daß dieses Jahr große Ereignisse bringen werde, und stand er nicht selbst in dem glücklichen Schwabenalter von vierzig Jahren, wo der Mensch erst anfängt, gescheit zu werden? Seine Landsleute freilich spotteten seiner als eines Narren und wenn er, in halblautem Selbstgespräch, mit den langen Armen fuchtelnd, als gälte es. einen unsichtbaren Feind zw siaifest, durch die Gassen schritt, dann bekam er wohl manche ungute und höhnische Rede zu hören. Aber was kümmerte das unseren tapferen Schwaden? In stiller Werkstatt zimmerte und hämmerte er, und eines Tages stand zu lesen, daß es dem Ulmer Einwohner Berblinger nach vielem Aufwand an Zeit und Geld wie nach dem genaueren Studium der Mechanik gelungen fei, eine Flugmaschine herzustellen, die sich des einmütigen Beifalles der Kunstsachver» ständigen zu erfreuen habe und schon in einigen Tagen dem Publikum werde vorgeführt werden können. Aus diesen einigen Tagen wurden freilich Wochen, und erst als bekannt wurde, daß König Friedrich von Württemberg das eben erst wieder seinem Lande zugefallene Ulm besuchen werde, entschloß sich der Magistrat, dem Schneider die lang erbetene Erlaubnis zu einem Schauflug zu erteilen. Freilich, ein Flug vom Münsterturm herab, wie ihn Berb- linger tollkühn geplant hatte, wurde wegen Lebensgefahr für ihn und die Zuschauer nicht gestattet. Dagegen sollte der Schauflug am Abend des 30. Mai von der Adlerbastei auS stattfinden. Vier» zig Fuß hoch fällt diese in die Donau hinab, und zudem war auf ihr noch ein mehr als 24 Fuß hohes Gerüst erbaut, von dem auS der Schneider über den Fluß hinüber auf bayerisches Gebiet fliegen sollte. Hoch zu Roß, begleitet von Trommlern und Paukern, durchzog am Morgen des 30. Mai Berblinger in rot- weißem Anzug, wie ein 5hmstreiter. die Stadt, und verkündete den Einheimischen und Fremden, daß er seinen Schauflug am Abend unternehmen und damit der Stadt Ulm vor den Augen de? „guten Königs" reichen Ruhm erwerben werde. Eine dichtgedrängte Menschenmenge harrte denn auch seiner. Droben auf der Plattform läßt sich Berblinger seine Flügel anschnallen, aber wie es ans Fliegen geht— bekommt er es mit der Angst, oder ist's wahr, was er nun verkündigt, daß an seinem Apparat etwas zerbrochen worden sei— kurz seine Botschaft, daß er bestimmt am folgenden Tage fliegen werde, wird mit Spott und Schelten aufgenommen, und unser Schneiderlein flüchtet rasch in seine Behausung. Der König reiste folgenden Tages ab, nachdem er Berb- linger noch hatte zwanzig Louisdor zukommen lassen, weil er der Meinung war,„daß jede Erfindung zu weiteren Fortschritten auf» gemuntert werden müsse, wenn sie auch gleich im Entstehen den Erwartungen nicht entspricht." Während er die ganze Sache offenbar mehr von der spaßhaften Seite nahm, und deswegen auch sofort einem Gerücht, als habe er den Schneider zu einem zweiten Flug gezwungen, mit einem energischen Dementi ent» gegentreten ließ, war eS Herzog Heinrich, der auf einen zweiten Flug bestand. Wieder durchzog Berblinger am 31. Mai die Straßen, wieder stand er, schon mit seinen Flügeln bewaffnet, aber dieseSmal zitternd wie ein armer Sünder vor dem Galgen, auf der Plattform des Gerüstes. Höhnische Zurufe klangen zu ihm herauf— er hebt die Schwingen, will vorwärts, schließt die Augen— und hat er von einem„guten Freund" einen Stoß erhalten, ist er freiwillig gesprungen? „So rasch giengS in den Fluß hinein, Als wär Herr Berblinger ein Stein" heißt es in einem der Spottgedichte auf ihn, während eine Chronik aus jener Zeit berichtet:„DaS ist die ganze Kunst des Schneiders geweft. Dann die Schiffmann sind schon mit ihren Schiffen in Paratschaft gestanden, die haben ihn herausgezogen. Die Flug» Maschine ist verschwunden." Vor der Wut der Menge, die sich und ihre Stadt vor den Augen des Hofes nun doppelt blamiert sah, flüchtete sich Berblinger in eine kleine Seitengasse, und fand es für geraten, mehrere Fahre sich seiner Baterstadt fernzuhalten. In diese zurückgekehrt starb er in bitterer Armut dort im Jahre 1829. lind seine Flugmaschine, deren rotwcißer Taffctstoff später einem findigen Schirmmacher zur Verarbeitung in die Hände fiel? Berblinger hatte seiner Maschine die Prinzipien des Vogel» fluges zugrunde gelegt und deshalb dem Apparat die Flügel» anordnung gegeben. Zwei je sieben Fuß lange Flügel, im Grund- riß von gedrungener Form und je aus einem durch Eisenstänge und Schnüre in schirmförmiger Wölbung gehaltenem Stoff be- stehend, stießen in der Mitte auf vier Fuß Breite zusammen. waren aber nur zur Hälfte dieser Ausdehnung beweglich vcr- bunden. Die vordere Hälfte war freigelassen zum Durchstecken de? Kopfes. Diese Flügel mußten an die Arme der Versuchs- Person festgeschnallt werden, dabei' waren die Abmessungen so gewählt, daß die Hände genau an die Vereinigungsftellen der Versteifungsstäbe des Flügelstoffes zu liegen kamen und so im« stände waren, die Flügel wie einen Schirm zu öffnen und zu schließen. Die Versuchsperson sollte also den Flügelschlag der Vögel durch Auf- und AbwärtLbewcgcn der Arme nachahmen und beim jedesmaligen Hochheben der Flügel zur Verminderung eine» hohen Luftwiderstandes wie einen Schirm schließen. Die heutige Flugtechnik sieht mitleidig auf die Maschine des Schneiders von Ulm herab. Aber der Spott, der ihm von seinen Zeitgenossen entgegengebracht wurde, erscheint denen, die sein Wollen ernst- hast prüfen, heute unangebracht, und wenn ihn Max Ehth irr seinem bekannten Roman einen„zweihundert Jahre zu früh Ge» borenen" nennt, so gibt auch er eiuen Fingerzeig für den Werf der Erfindung._ Kergntwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Krück g. Verlag: vorwärtsBuchdruckereip.VerlagSanstalt Paul SingeräCo., Berlins�.