Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 105. Freitag, den Z. Juni. 1911 UtoiSbata veriotm.) u pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von. M. Andersen Nexo. Berechtigte Uebersetzung von Mathilde Mann. 1. ssill so geringer Zufall wie der. daß der alte Klans Hermann gerade mit seinem Miftwagen nach der Stadt hinein- rammelte, um Dünger zu holen, an jenem hochlnstigen Maien- tag, an dem sich Pelle aus dem Nest stürzte, ward entscheidend für die Lebensstellung des Jungen. Mehr konnte nicht jpen- diert werden für die Frage: Was soll Pellc-tverden? Er selbst hatte sie sich gar nicht gestellt, er zog bloß von idannen in den Tag hinein, den Sinn der lichten Welt ge- öffnet. Das. was er»verde»»vollte,»venn er da hinaus gelangte. das»ucr etwas so Unbegreifliches, daß es geradzu Tor- heit»oar zu raten. Deshalb ging er mir fürbaß. Jetzt»var er an das äußerste Ende des Höhenzuges ge- langt. Er lag im Groben und verschnaufte nach der langen Wanderung. müde und hungrig, aber in vorzüglicher Laune. Da unten vor seinen Füßen, rmr eine halbe Meile entfernt, lag die Stadt und schimmerte festlich, ans den Himderten von .Herdstätten schlängelte sich der Mittagsranch in die blaue Luft hinauf, die roten Dacher lachten schelmisch dem Tag in das vergnügte Gesicht. Pelle machte sich gleich daran, die Hauser zu zählen, er hatte sie nur auf eine Million veranschlagt, um nicht zu übertreiben, und»var schon bis über hundert ge- toimnev. Mitten im Zählen sprang er ab— Was sie da unten wohl zu Mittag bekamen? Sie lebten skfter gut, die da! Ob es fein war.»veiter zn essen, bis man ganz satt war. oder legte man den Löffel ans halbem Wege hin— so wie Gutsbesitzers, wenn sie zu einen» Festschmaus»varen? Für einen, der innner Hunger hatte,»var das eine sehr ernste Frage. Fahrend»md gehend, und es herrschte starker Verkehr auf der Landftaße, zogen sie vorüber, Leute mit der.stifte hinten auf dem Wagen, »md andere, die ihr Hab»md Gut in einem Sack auf dem Nacken trugen, ganz wie er. Pelle kannte einig« von ihnen »md nickte wohltvollend: von ihnen allen wußte er Bescheid. Es waren Leute, die in die Stadt wollten— in seine Stadt. Einige»vollten weiter fort über das Meer— nach Amerika, oder hinüber, um dem König zu dienen: man koiuite das an der Llusstaftierung und an de» erstarrten Gesichtern, sehen. Lindere wollten nur hinein, um den Lohn tlein zu machen und Umstehtag zu feiern— sie kamen trällernd in ganzen Haufen, mit freien Händen und ausgelasiener Laime. Aber die Eigentlichen, das waren solche, die die Kine auf einer Schubkarre hatten oder sie an beiden Griffen schleppten. Sie hatten gerötete Wangen»md waren fieberhaft in ihren Be- »aegungei»; das waren Leute, die sich von dem Lande»md der gewohnten LcbenÄveise losgesagt,»md die Stadt gewählt hatten, so»vie er selbst. Da kam ein Häusler mit einer kleinen grünen Kiste ans der Schubkarre, breit im Boden»var sie und von ihm selbst mit niedlichen Blumen bemalt. Neben ihm ging die Tochter, sie hatte heiße Wangen, und ihre Augen waren in das Un- bekannte hinaus gerichtet. Der Vater sprach, aber sie sab nicht so aus, als höre sie es.„Ja. nun übernimmst Du die Wermftrvortuug über Dich selbst, denke daran und wirf Dich nicht weg; die Stadt ist recht gut für jemand, der vortvärts will»md auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist: aber sie nimmt es nicht so genau damit, ob»vas niedergetreten»vird. — Sei auch nicht zu vertrauensselig, die da drinnen sind sehr erfahren in der Berfühnmgskunst.— Aber sanft und freund- lrch mußt Du fein!" Sie anbvortete nicht: sie»vor scheinbar mehr davon in Anspruch genommen, daß sie die Füße in den neuen Schuhen nicht anstvärts setzte. � Ein Strom ging mich bincms: an» ganzen Vormittag batte Pelle Schweden gctroffei», die am Morgen mit dem Dampfer gekomnzer»»varen i»nd draußen auf den» Land« einen Dienst s»»chten. Es Niaren alte, abgearbeitete Leiste»md kleine Jungen, Mädchen so schm»»vie die blonde Marie»md i»li»ge Urbciter. die die Schlagkraft der ganzen Welt in Lenden und Muskeln liegen hatten. Das war das Leben, das von ander- tvärts herbeiströmte, um den Platz auszufüllen, den die fort- ziehenden Scharen hinterließen— aber das ging Pelle nichts an. Schon vor 7 Jahren erlebte er alles das. Was jetzt ihre Gesichter»»rft Unruhe erfüllte: die Runde, die sie jetzt be- gannen, hatte er hinter sich. Da War liichts, das sich des Uinsehens verlohnte. Aber da kam der alte Großknecht von Kaasegaard daher- gewandert, ganz amerikamäßig misgerüsttet, mit Mantclsack und seidenem Halstuch»md die innere Tasche des offenen Rockes von Papieren strotzend. Also hatte er sich endlich ent- schlössen und reiste der Brmst nach, die schon drei Jahre drüben »var. „Halloh!", rief Pelle,„Geht's»um los?" Der Knecht kam heran»md setzte den Maistelsack a»if den Grabennmd. „Ja, nun soll es losgehen," sagte er.„Lmira Will nich'- länger auf»»sich warten. Dam» müsse»» die Allen ja sehen, wie sie ohne Sobn fertig werden: nun Hab' ich drei Jahre alles für sie getan. Wenn sie im man bloß allein fertig werden." „Das werden sie schon können," sagte Pelle erfahren', „»md sonst»nüssen sie sich Hilfe»»ehmen. Das is keine Z»»- kunft für stmge Leiste in dem Haus." Er hatte die Aelteren das sagen hören und schllig überlegen nstt dem Stock ist das Gras. „Rein,»md Laura will auch nicht.Häuslerfran werden, -- Na, denn adjö!" Er reichte Pelle die Hand und ver- suchte zu lächeln, aber die Züge gingen ihren eigenen Weg. nick» es kam nur etnxvs Gequältes dabei heraus. Er stanv eine Weile da und sah m»f seine Stiefeln»lieder, der Dmmiest ging tastend über sein Gesicht, als»volle er das Ouälende wegstreichen: dann nahm er den Mantelsack und ging. Es war offenbar»licht»veit her nstt ihm. „Ich kmm gern das Billett und die Brml! für Dich über- nehmen!" rief Pelle ansaelaffen»md streckte sich wie cm Er- »vachsener, er war verteufelt gut aufgelegt. Den Weg, den Pelles eigenes Bl»st wies,»»randcrte beule Allewelt— jeder Bursche mit est» wenig Muck im Leibe, jede Dirne, die gut a»»ssah.' Der Weg»var auch nicht einen Augmblick frei von Verkehr, es war»vie ein großer Alst- bnrch— fort von den Stätten,»vo ein jeder sich venusteilt »mißte, gencu» ans dem Fleck zu sterben, wo er geboren lmirde — hinaus in die spannende Ilngelvißheit. Tie kleinen Ziegel- steinbänser. die über dem Stadtanger zerstreut lagen, oder in ztvei einfachen Reihen aufmarschiert standen, da»vo die Landstraßen in die Stadt hineinliefen— das»varen die kleinen Hütten des Bmiernlandes, die sich von alle»»» da draußen losgesagt und sich in städtische Getvänder gekleidet lwtten und hinabgetvandert»varen. Und nisten am Strande standen die Häuser in Hailfen z»lfan»mr>igee„ ja splitternackend und verhüllten ihre Scham mit blauen Tätowierungen: aber Pelle, der hatte daheim seine Braut sitzen, die treu ans ihn wartete. Sie war»»och schöner als Bodil und die blonde Marie zlisammen. und ein ganzer Säiwarm folgte ihren F»rßspuren: aber sie saß getreulich da »md sang die Liebesklage: ..Ich hatt' einen Schatz, und der verschwand. Er fuhr über das grausame Meer, Drei Jabre ist es her. daß ich mit ihm sprach, lind er schreibt mir auch gar nicht mehrt" Und»vährend sie so sang, kam der Brief zur Türe herein. Aber aus jedem Brief, den Lasse bekam, fiel ein Zeln, krönen- schein heraus: und eines Tages»varen da Dampserbilletts für alle beide. Da taugten die Lieder nicht mehr, denn darin kamen sie»innrer auf der Ueberfahrt um, und der arn« iHungllng stand den Nest seiner Tage am Strands und spähte in der Finstenns des Wahnsinns nach jedem schwellenden Segler aus. Aber Lasse und sie kamen richtig an— nach vielen Beschwerlichkeiten, versieht sich— und Pelle stand am Strande und nahm sie in Empfang. Er hatte sich als Wilder verkleidet und tat als wolle er sie fressen, ehe er sich zu ierkennen gab. Hopsa! Pelle stand auf seinen Beinen. Oben vom Wege her tönte ein Rasseln, als ob mindestens tausend Sensen in Streit geraten seien, und ein Bretterwagen wackelte langsam auf ihn zu� von zwei Heidekracken gezogen, wie er sie elender noch niemals gesehen hatte. Auf dem Sitzbrett saß ein alter Bauersmann und bammelte ebenso zum Fallen bereit wie all das Uebrige. Ob es der Wagen selber war, oder die zwei knochengefüllten Häute davor, was einen so gewaltigen Spektakel aus dem Schrittgang machte, das wußte Pelle nicht sogleich. Aber als das Fuhrwerk endlich bis zu ihm hinabgelangt war, und der alte Bauer anhielt, konnte er der Einladung aufzusitzen nicht wieder» stehen. Seine Schulter schmerzte noch von dem Sack. „Du willst am Ende nach der Stadt?" sagte der alte Klaus und wies auf seine Habseligkeiten. Nach der Stadt, ja! Das war ein Griff gerade in Pelles stberfülltes Herz hinein, und ehe er sichs versah, hatte er sich und seine ganze stolzeZukunft dem alten Bauer ausgeliefert. „Na ja— ja woll auch-- ja natürlich!" fiel Klaus vickend ein, während Pelle vorwärts schritt.—„Ja, das versteht sich! Weniger kann's ja nich' tun— Und was hast 5Du Dir denn gedacht, was zuletzt aus Dir werden soll— Landrat oder König?" Er sah langsam auf--„Ja, in die Stadt, ja wäll, den Weg nehmen sie ja all', die sich zu was berufen fühlen. Sobald ein junger Windhund Kräfte sn den Knochen fühlt, oder einen Schilling in der Tasche hat, in die Stadt muß er und es da lassen. Und was kommt denn nachher aus der Stadt? Dünger und nichts weiter! Was anderes Hab' ich da nie in' Leben auftreiben können, und nu bin ich fünfundsechzig. Aber was nützt all das Meden? Nich mehr, als man den Hintern raussteckt und gegen das Wetter anbläst. Es konunt über sie, wie das Magenkneifen über die jungen Kälber, und hu, hei,— weg müssen sie— hin und was Großes machen. Nachher, denn kann Klaus Hermann es wieder hinter ihnen her rausfahren! Einen Platz haben sie nich', auch keine Verwandtsckiaft, bei die sie unterkommen können; aber was Großes is es immer, was auf sie wartet. Denn da in der Stadt, da stehen ja die Betten aufgemacht auf der Straße und die Rinnsteine fließen über von Essen« und von Geld.— Oder was hast Tu Dir denn gedacht? Laß uns das mal hören." Pelle wurde dunkelrot. Er war noch nicht bis zum An- fang gelangt und wurde schon dabei ertappt, daß er sich wie ein Rindvieh aufführte. „Na ja, ja," sagte Klaus gutmütig—„Tu bist ja kein größerer Narr als all die anderen. Aber wenn Du auf meinen Rat hören willst, dann geh' bei Schuster Jeppe Kofod in die Lehre; ich will gerade zu ihm hin und Dünger ab- holen, und ich weiß, daß er einen Jungen sucht, dann brauchst Du nicht im Ungewissen rumzuzappeln, und Tu wirst gleich vor die Tür gefahren, wie'ne Herrschaft."----- lLortsetzung folgt.)] (M»druck bndoten.) Dae JVIarchcn vom verfcb wendeten Haler. Von Max Stempel. „ES war einmal"— Ja, was denn? Der junge Dichter, der diese Worte so rasch und feurig, in so kräftigen Buchstaben zu Papier gebracht hatte, stockte plötzlich, stützte den Kopf in die Hand und sann nach. Was war denn einmal? Aber je eifriger er darüber nachsann, desto weniger fiel eS ihm ein, bis er endlich zu grübeln aufhörte. Die Vergangenheit schien ihm, so fleißig er sein Gedächtnis auch anstrengte, mit einem Schlage wie ausgelöscht. Z Und er legte traurig die Feder aufs Schreibzeug und gab es auf, ein Märchen zu erzählen, wie er gewollt hatte. Denn ohne Vergangenheit ist kein Märchen möglich. Alle Wirklichen Märchen fangen an:„Es war einmal," und wer nicht weiß, was einmal war. der soll das Märchenerzäblen hübsch bleiben lassen. Die Gegenwart kennt keine Märchen, die ist zu nüchtern dazu» Das kam dem jungen Dichter so recht zum Bewußtsein, al<« sich in dem ärmlichen, engen Dachstübchen umblickte, das seine Wohnung war. Ein zerlederteS Sofa, ein Tisch und ein wackliger Stuhl, die er billig vom Trödler erstanden hatte: das bildete den ganzen Hausrat deS Dichters. Einen Schrank hatte er noch nicht kaufen können, und nicht einmal eine Bettstelle besaß er; hinter einer vergilbten roten Gardine, die auch einmal bessere Tage erlebt haben mochte, lag aus der Erde ein Strohsack, und darüber war eine graue Wolldecke gebreitet. Da schlief der Dichter deS Nachts; aber er träumte auf diesem dürstigen Lager sio herrlich, wie Man herrlicher nicht im kostbarsten Himmelbett träumen kann. Auch ein Ofen stand in der Ecke des Stäbchens, und wenn eS Winter war, so heizte der Dichter ein bißchen ein; denn der Ofen brauchte nicht viel, um genügend Wärme zu geben. Heut aber stand er verdrießlich in der Ecke und fror, wie sein Herr, der kein Geld gehabt hatte, um Holz und Kohlen zu besorgen. Und der Schnee- stürm rüttelte am Fenster und häufte davor die kühlen weißen Flocken zu wahren MaulivurfShügeln an, die höher und höher stiegen und fast schon die winzige Scheibe verhüllten, so daß eS immer dunkler im Stäbchen wurde. „Ja, ja", seufzte der junge Dichter und hauchte betrübt in die eiskalten Finger. Und dann warf er fich aufs Sofa, daß die alters« müden Sprungfedern in schrille Klagetöne ausbrachen, und zog die graue Wolldecke bis an den Hals. Und als ihm unter der Decke etwas wärmer geworden war, tauten auch seine Gedanken wieder auf und er wurde sogar sehr munter, denn er mußte auf einmal an die schöne Tänzerin denken, die er gestern so bewundert hatte. Ja, gestern! Da schwamm er auch noch im Ueberfluß. Einen richtigen blanken Taler hatte er gestern besessen! Den hatte ihm ein Onkel zum Danke für ein Geburtstagsgedicht geschenkt, das unter Brüdern gut seine zwanzig Taler wert gewesen wäre. Aber der Onkel war nicht reich und Vater von sieben Kindern deswegen konnte er grade nur den einen Taler entbehren. Es war auch nicht nötig, daß er mehr gab, denn der Dichter war nicht ver- wöhnt, und hatte sich über den einen Taler so unbändig gefreut, wie andere Leute, die keine Dichter find, sich kaum über hundert Taler freuen. Und gestern war er, seinen Taler in der Tasche, ausgegangen und hatte sich in der Stadt umgesehen, wie er ihn am besten wieder loswerden könne. Wohl hatten ihn die vielen köstlichen Läden voll leckerer Tört- chen oder fetter Würste, die in den vornehmen Straßen zum Ein» tritt luden, gar mächtig angezogen, und öfter als einmal glaubte er schon der Versuchung erliegen zu müssen. Aber tapfer hatte er doch immer wieder seine Begierde niedergekämpft, die nur aus dem Magen und'nicht aus dem Herzen kamen und ihm daher eines Dichters unwürdig schienen. Und so war er weiter und weiter in die minder vornehmen Straßen gelangt, ohne daß er sich für einen der Genüsse, die überall lockten, entschieden hätte. Aber dann blieb er, wie verzaubert, vor einem Theaterchen in der Vorstadt stehen, wo brave Spießbürger und ehrsame Handwerker ihr Vergnügen fanden. Ein grelles Ricsenplakat, das dort an der Mauer Nebre. hatte eS ihm angetan. Das Plakat war wirklich übertrieben grell, und die Tänzerin Pepita, die es darstellen sollte, war gräulich verzeichnet; aber der Farbenkleckser, von dem eS stammte, hatte doch die Schönheit, die aus ihren Zügen zum Herzen des jungen Dichters sprach, nickt völlig verwischen können. Und so löste er an der Kasse für zwei Groschen ein Billett und trat ein. In dem dunstigen, verräucherten Räume war kein Plätzchen mehr frei; aber endlich schob ihm ein dicker Herr, der mit zwei dicken Weibern an einem schmierigen Tische saß. doch noch mürrisch einen Stuhl zu. Der Dichter setzte sich und sah wie im Nebel einen Kerl, stark wie Herkules, Zentnergewichte heben, hörte eine Sängerin mit verrosteter Stimme Gasienhauer singen, und waS e? sonst noch zu sehen und zu hören gab; er rührte, wenn die anderen klatschten, keine Hand, sondern wartete, wartete nur auf sie, auf Pepita. Und jetzt trat sie ans. Wer das in dem kleinen Vorstadtiheaterchen gesucht hätte I Sie glich in keinem Zuge dem grellen Plakatbild draußen. Wie schön, 0 wie wunderschön sie war! Trotzdem sie gar keinen besonderen Putz trug, keine Spitzenschleier und keine seidenen Gewänder, keine gol« denen Armbänder und Ohrringe, wie sie die Tänzerinnen in den großen Theatern, wo die reichen Leute verkehren, zu tragen pflegen. Und wie anmutig sie tanzte I Der Dichter dachte an Göttinnen und Feen, an Elfen, die sich auf mondbeglänzter Waldwiese im Reigen schwingen, und seine Augen waren trunken von Schönheit. Und als ein schüchternes Kind mit Blumen an den Tisch trat und rauh von dem dicken Herrn und den dicken Weibern abgewiesen wurde, kaufte er ihm den ganzen Korb voll ab. Sein Geld reichte knapp zum Bezahlen, doch er gab es gern. Keinen Pfennig behielt er von seinem Taler übrig! Und als die schöne Pepita sich lächelnd verneigte, warf er ihr alle Blumen in den Schoß und schlug lauter als alle übrigen in die Hände. So laut, daß der dicke Herr ihn enttüstet zur Rede stellte und über den verschwendeten Taler lamentierte, als ob er ihm aus der Tasche gestohlen sei. Aber der Dichter antwortete nicht, sondern starrte nur immer auf die Bühne, noch lange nachdem die Tänzerin verschwunden war... Und das eine dicke Weib sagte so scharf, daß«S ihm wie em Mesier inS Ohr schnitt:.MeZ an dieser Person ist falsch. Sie heisjt Friederike Sckulze und nicht Pepita. Ihre Waden find Watte und ihre Haare und Augenbrauen gefärbt. Habt Ihr beim Lächeln zwischen den Zähnen die Lücken gesehen? Nicht einmal Plomben schafft fie fich an." Und das andere dicke Weib fügte boshaft hinzu:„Sie hat einen Liebhaber, ich weiß es. Mit dem lebt sie wie Mann und Frau, obwohl er nichts hat. Pfui, wie unmoralisch I" Und der dicke Herr keuchte verächtlich:„Sie ist nicht nur un- moralisch, sie ist auch dumm. Der alte Baron von Stolzenfels hat sie heiraten wollen, aber sie hat nicht gemocht. Lächerlich 1* Und alle drei kicherten höhnisch und sahen den Dichter heraus- fordernd an. Der aber lachte ihnen lustig ins Gesicht und ging. Und er lachte noch auf der Straße über die Beschränktheit, die sich am Schönen nicht erquicken kann, ohne es zu besudeln. Die alberne Lügen erfindet, um es in den Kot zu zerren. Die selber nicht weiß, wie roh und gemein sie bisweilen tst. Und er spürte weder Hunger noch Durst, obwohl er nicht zu Abend gegessen hatte, und träumte nachts auf seinen» Strohsack von Pepita. Ach ja, wie glücklich war er gestern gewesen I Und er seufzte unter seiner Wolldecke und murmelte wehmütig bor sicki hin:„Es war einmal.. Aber kaum waren ihm diese Worte entschlüpft, so sprang er auch schon vom Sofa empor, griff hastig zur Feder und schrieb: „Es war einmal ein Taler"— und schrieb u»d schrieb. Zeile um Zeile, Satz um Satz, bis das Märchen fertig war. Das Märchen vom verschwendeten Taler, vom Mammon, den er der Schönheit ge- opfert hatte! Und während er schrieb, fühlte er nicht, wie kalt es im Zimmer war und wie heftig sein Magen knurrte. So find die Dichter. Aber dann nahm er das Märchen und brachte eS einem Manne, der Märchenbücher druckt. Und der Mann las es auf- merksam durch. Und er schüttelte den Kopf und sprach:„Mein Lieber, Sie haben entschieden Talent. Schreiben Sie mir andere Märchen. Ihr Märchen vom verschwendeten Taler ist leider verfehlt. So was gibt's heute nicht mehr. Ein Dichter, der einer Vorstadttänzerin auch nur fünf Groschen opfert, der sein Kapital in Schönheit an- legt: das war einmal I" Und er bot dem Dichter zehn Taler Vorschuß, wenn er ihm andere Märchen dichten wollte. Aber der Dichter nahm schweigend sein Manuskript und verschwand. Drei Tage blieb er weg: dann kam er kleinlaut zurück und bat um den Borschuß. Denn er stand vor dem Hungertod. Und er schrieb hinfort Märchen, wie sie von ihm verlangt wurden und wie fie die reichen Leute gern lesen; so viele, daß er immer mehr Taler verdiente und sie ausgeben konnte, wie er mochte. Aber er hielt sich jetzt nur noch an Törtchen und Würste, und mied die Schönheit und die Blumen wie die Pest. Und er wohnte in einer prächtigen Villa und schlief in einem Himmelbett und war bald dicker geworden, wie damals der dicke Herr im Vorstadttheater. Und als er älter wurde, bekam er sogar ein Fettherz. Und wenn er am Fettherzen nicht gestorben ist, so lebt er— in zahlreichen Exemplaren— noch heute! Die(lebung als pnnzip der Entwicklung. Die Darwinsche Lehre, daß sich die Entwickclung der Organis- wen aus der im Kampf ums Dasein und durch die geschlechtliche Iguchtwahl bewirkten Auslese der Tüchtigeren erkläre, ist allgemein aufgegeben. Sie ist schon logisch unhaltbar; denn sie setzt voraus, was sie erklären will. Die Stufenfolge der lebenden Wesen in der Natur zu immer höheren Zweckmäßigkeiten soll erklärt werden, und man erläutert das geheimnisvolle Spiel der natürlichen Kräfte damit, daß die Natur eben das Tüchtigere auslese, wobei denn an- genommen wird, daß die Natur wisse, was das„Tüchtigere" sei und wie sie es durchsetze. Im Grunde war dieser Gedanke Darwins nur eine biologische Spiegelung der zu seiner Zeit in England herrschenden Manchestertheorie auf wirtschaftlichem Gebiete; und deshalb spukt dieser Irrtum heute nur noch bei gewiffen kapitalistisch bediensteten Philosophen des Unternehmertums, die aus dem Darwinismus die Wunderwirkungen des kapitalistischen Kampfs ums Dasein für die Höherzüchtung der Menschheit„schlußfolgern". Gegenwärtig ist man geneigt, die EntWickelung der Wesen aus ihrer schöpferischen Leistung zu erklären. Man könnte sich vorstellen, daß schon das niedrigste organische Wesen, ehe es ward, was es ist, gleichsam eine lange Kulturgeschichte hinter sich hat; daß es seine Vollendung sich allmählich erarbeitet, seine rätselhafte Anpassung an die Umwelt den unermüdlichen Versuchen seines triebhaften Wollens und Denkens verdankt. Auch diese prometheisch stolze Ent- Wickelungslehre ist freilich nur eine Hypothese, die besonders durch das Problem der Vererbung(ist z. B. die Klavierhand des Vir- tuosen, wenn auch nur als Disposition, als Anlage vererbbar?) erworbener Eigenschaften beeinträchtigt wird. Immerhin entspricht diese Auffassung aller menschlichen Erfahrung über di« Entwickv» lung seines eigenen Wesens. Mer auch experimentell findet diese Anschauung mancherlei Unterstützung. Wir wiffen, daß sich alle menschliche Leistung als Hebung erklärt. Je mehr Uebung, das heißt je mehr Arbeit auf-, gewendet wird, desto rascher, leichter, sicherer ist die Leistung. DaS Kind lernt durch Uebung aufrecht zu gehen, eine ungeheure Wunder« leistung; denn das balancierende aufrechte Gehen widerspricht eigentlich den Gesetzen der Schwere.(Der Leichnam stürzt dem» auch als ungefüge Masse zu Boden, ebenso wie der seines gesunden Hirns beraubte Trunkene!) Die Uebung bewährt sich in allen niederen und höheren geistigen Tätigkeiten. Durch Uebung lernt man— lernen. Die Virtuosen und Genies des Denkens, deS künstlerischen und technischen Schaffens und des Willens sind Er« Zeugnisse ihres rastlosen Uebens. Ihnen wird infolge ihres ge« waltigen Aufwands von Uebung„leicht", was andere zu erreichen! nicht einmal zu träumen wagen. Der Wille, der Charakter wird „gestählt"— was heißt das anderes, als daß er sich geübt hat. Sc» hat die Menschheit sich in ungezählten Jahrtausenden ihre Kultur errungen. Durch Uebung wird die Leistungsfähigkeit gesteigert, jedoch nur bis zu einem gewissen Grade. Wird die Uebung zu lange fortgefetzt, so tritt das Gegenteil, die Ermüdung und Erschöpfung, selbst die Vernichtung ein. Diese uns geläufigen Erscheinungen der Uebung und Er« müdung lassen sich nun auch auf den niedersten Stufen der Lebe« Wesen nachweisen. Durch Uebung wird die materielle Selbst» erzeugung, der Regenerationsprozeß beschleunigt und verfeinert. Wenn man gewissen Organismen Teile ihres Körpers abschneidet, so wachsen sie wieder. Bei den Pflanzen ist eine solche Regeneration allgemein. Auch bei den Menschen wachsen abgeschnittene Haare und Nägel, freilich keine lebensnotwendigen Organe wieder, wie das auf niederen Stufen der Fall ist. Gerade solche Organe, ohne die das Wesen nicht leben kann, werden ungestüm aufs neue er» zeugt, wenn sie zerstört sind. Und je öfter der Prozeß wiederholt wird, desto geläufiger wird er ausgeführt, bis die Kraft versagt und das Leben sich vernichtet, gerade indem es sich seine organischen Bedingungen wieder zu erzeugen sucht. Die Raupe, deren Ge» spinstc man immer aufs neue vernichtet, stellt sie mit wachsender Leidenschaft immer wieder her, bis sie bei diesem Werk vor Er» mattung stirbt. Eugen Schultz, Professor an der Petersburger Frauenhoch« schule, hat an gewissen, bei Neapel massenhaft vorkommenden Würmern(�.mpbiglen-t) Versuche unternommen, um den Zu- sammenhang von Uebung und Regeneration zu ermitteln. Er schnitt diesem Wurm— in einer großen Anzahl von Fällen— das vordere Segment ab, das eine strahlenförmige, seitlich verästelte Krone trägt. An jedem Tier wurde die Operation viermal unter gleichen Bedingungen vorgenommen. Nach dem Abschneiden erzeugt sich das Organ in drei Etappen aufs neue. Erst entsteht ein Höcker, der sich fingerförmig auswächst» und schließlich entstehen an diesen Fingern ähnliche Zacken, wie sie selbst entstanden waren. Man sollte nun denken, das mit der jedesmaligen Wieder- holung des Schnittes der Negcnerationsprozeß schwieriger und un- vollkommener wird. Das zur Verfügung stehende Bildungsmaterial nimmt mit jeder Operation ab, da das Tier bis zur Erzeugung einer neuen Mundöffnung hungern muß. In Wahrheit wird aber, wie Eugen Schultz in dem„Archiv für Entwickelungsmechanik" aus- führt, der Neublidungsprozeß jedesmal schneller durchgeführt; auch noch nach der vierten Operation werden die beiden ersten Etappen der Regeneration schneller erreicht als bei den früheren Malen, � plötzlich aber tritt die Erschöpfung ein, und die letzte Etappe wird nicht mehr vollendet. Da die äußeren Entwickelungsbedingungen jedesmal ungünstiger werden, so erklärt sich die trotzdem beobachtete Beschleunigung des Prozesses in der Tat nur durch Uebung: das Tier hat„gelernt", sich zu regenerieren, bis das Uebermatz der Anstrengung den Zusammenbruch herbeiführt; genau wie beim Menschen auf der Höhe der Leistung jäh die Erschöpfung eintritt« wie etwa das Kind, das hintereinander dieselbe Zeichnung ver- fertigt, sie zuerst immer besser und schneller vollendet, bis es dann ermüdet nichts Ordentliches mehr zustande bringt.... Es gibt nichts Erhabeneres als eine Weltauffassung, die sich auf der Idee aufbaut, daß alles Lebendige die Schöpfung seiner Mühe ist. In diesem Sinne ist schon alles Wachsen, alles Sich- entwickeln Handlung, Tat, Arbeit. Wir sind nicht die zufälligen Erzeugnisse fremder Mächte, sondern, was das Leben emporsührt, hat das Leben selbst erzeugt. Alles Lebendige ist der Ertrag seiner eigenen Arbeit, der unvergänglich sich fortzeugendcn und mehrenden; Arbeit, von der Alge, dem Wurm bis zum Menschen. Ist das nicht schließlich das ewige und unablässige Psingst« wunder des heiligen Geistes? fortlebritte der elehtrifcben Beleuchtung» Von allen Zweigen der modernen Technik steht wohl keiner mit dem ganzen Volksleben in innigerer Verbindung als� die Elektrotechnik. Mit ihr kommt in mannigfachster Gestalt jeder einzelne in Berührung, der Bauer im kleinsten Dörfchen ebensogut tote der Stadtbewohner, wenn auch dieser diel häufiger als jener. Sei es nun. daß er ein Telegramm aufgibt oder ein Telephon- xespräch führt, sei es daß er zur Fahrt nach der?lrbeitsstelle die elektrische Bahn benützt oder seinen Arbeiisplatz elektrisch beleuchtet und seine Maschine vom Elektromotor antreiben läßt. Von früh bis spät umgeben ihn die Erzeugnisse der Elektrotechnik, aber wohl idurch keine ihrer Gestalten gewinnt sie so enge Beziehung zum Volksleben als durch die elektrische Beleuchtung. Licht braucht jeder, und die große Bequemlichkeit der elektrischen Beleuchtung hat ihr Ischneil eine außerordentliche Beliebtheit verschafft. Heutzutage gilt eS freilich noch als Luxus, sich elektrische Beleuchtung zuzulegen, gum Teil mit Recht, zum Teil auch mit entschiedenem Unrecht. Wenn der Strompreis nicht zu hoch ist, 40 Pf. für die Kilowatt- stunde kann als Grenze gelten, und die Zählermiete nicht mehr als bei Gas beträgt, kann unter Verwendung der sehr viel Strom parenden Metallfadenlampen die Beleuchtung billig genug sein. ogar billiger— und dabei gesünder— als das„Licht des kleinen Mannes", die Petroleumlampe. Die Metallfadenlampen haben sich bisher freilich noch keiner allzu großen Verbreitung zu erfreuen. tvas an ihrem etwas hohen Preise liegt, aber es ist ja nur eine ßsrage der Zeit, daß sie billiger werden, sind sie doch beute schon erheblich billiger als noch vor wenig Iahreit. Ihre Einführung bedeutete seiner Zeit einen so gewaltigen Sprung vorwärts in der »virtschaftlichen Ausnutzung der Elettrizität zur Lichterzeugung, daß fte wohl in der Frage der Einzelbeleuchtung bis auf weiteres baS letzte Wort darstellen, die Arbeit der Elektrotechniker galt in den letzten Jahren mehr ihrer Ausgestaltung und Weiterentwüke- lung. als dem Erfinden neuer Beleuchtungsmittel. Dagegen ist mm so mehr auf dem Gebiete gearbeitet worden, das man als Gesamtbeleuchtung bezeichnen könnte, die Beleuchtung von Straßen »ind Plätzen sowohl als von Wertstatt, Bureau und Kontor. Hier iist aber jeder Fortschritt von fast noch größerer Bedeutung für den einzelnen, als bei der häuslichen Beleuchtung, denn eine ungeschickt angebrachte Lichtanlage kann die Arbeit crsckwercn. zu rascher Er- »nüdung, sogar zu Erkrankungen führen. Es muß daher die Aus- gäbe des Leleuchtungstechniters sein, ein Licht herzustellen, das genügende Helligkeit gibt, ohne durch zu hoben„Glanz" die Augen anzustrengen, das auch in der Farbe möglichst angenehm empfunden toird und das auch möglichst billig ist. Daß es nicht leicht ist, allen biescn Forderungen mit einem Male zu genügen, liegt klar auf der Hand; immerhin sind wir doch in den letzten Jahren diesem Ziele beträchtlich näher gekommen. Da ist vor allem der Sieg der indirekten oder der noch besseren balbindirekten Beleuchtung zu erwähnen. IInv tvas ihr zum Siege verHolsen hat, ist vor allem die bei den Unter» aehmern zur Verbreitung gelangte Einsicht, daß sie durch Sparsam- teil in der Beleuchtung sich selbst schädigen, da sie die Leisttings» Fähigkeit ihrer Angestellten nur herabsetzen. Wo sie durchführbar ist, wird darum heutzutage halbindirelte oder indirekte Beleuchtung bevorzugt, da» Licht einer Bogenlampe z. B. wird von einem unter ihr hängenden Reflektor an die iveiß getünchte Decke geworfen, von tvo es ganz zerstreut auf die Arbeitsplätze geworfen wird und hier eine sehr gleichmüßige, milde und angenehme Beleuchtung erzielt. In großen Maschinenhallen ist das natürlich nicht durchführbar, hier ist man eben nach wie vor auf daS direkte, nur durch matte Glocken abgeschwächte Licht der einzelnen Bogenlampe angewiesen� fiit sehr viele Werkstätten und so ziemlich alle Bureaus ist dagegen die indirekte Beleuchtung ohne Zweifel die beste. Voraussetzung ist natürlich, daß die Farbe des Lichtes angenehm, neroenberuhigen» empfunden wird, wie es bei dem M o n d l icht z. B. der Fall ist. das ja auch ein indirektes ist. Nun ist aber versucht worden, die bei der indirekten Beleuchtung bis zu 50 Proz. ausmachenden Licht- Verluste durch Absorption dadurch wieder hereinzubringen, daß «naii eine sparsamere Lichtquelle als die gewöhnliche Vogenlampe bcrwendcte, und zwar die Q u e ck s i l b e r d a m p f» oder neuer- dings die Quarzlampe. Bei dieser wird das Licht in einer buftleeren, nur zum Teil mit Quecksilber gefüllten Röhre erzeugt. Wird der Strom geschlossen, so wird ein Teil des Quecksilbers verdampft,� dieser die enge Röhre erfüllende Dampf wird durch den Strom zum Glühen gebracht und sendet ein äußerst helleS, fast nur au» grünen Strahlen l>c stehendes Licht aus. Statt der Glasröhre kann man auch eine solche aus geschmolzenem, glasklarem Quarz verwenden. Da dieser Diel toärmebeständlger ist als Glas, kann man die Temperatur Dnd damit die LichtauSbeute beträchtlich hinaussetzen. Die Farbe diese? Lichtes ist aber infolge des gänzlichen Mangels an roten Strahlen eine so abscheultche, daß seine Einführung die Vorteile der indirekten Beleuchtung wieder vollkommen wettmachen würden. Kln manchen Stellen ist sie auch infolge des Protestes der An- gestellten wieder entfernt worden; e» zeigte sich, daß daZ nahezu einfarbige Licht geradezu Erkrankungen herbeiführte. Viel mehr Erfolg verspricht eine Lichtart. die in neuester Zeit «n Verbreitung gewinnt, und die ganz besonders für Werkstatt- «und Burcaubeleuchtung geeignet ist, das von dem?lincrika»r ID. Mar Farlan Moore erfundene und nach ihm benannte Moore- Licht. Im Prinzip ist e»-oeitcr nichts als die wohlbekannte Geißlerfche Röhre, die ja viele noch aus dem Schulunterricht lennen, auch in vielen Schaukästen und Läden von Mechanikern äst fie zu f mdeti. Eine seltsam phantastisch geformte Röhre, die luftleer gemacht oder mit einem anderen Gas gefüllt und dann tSerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: ausgepumpt worden ist. Legt man sie an die Pole eines Funke«» induktorö. so leuchtet sie in den herrlichsten Farben auf, grün, blau, rot, auch weiß, je nach dem Gase, dessen Spuren noch darin ent» halten sind. Stickstoff z. B. gibt ein he"-« rosiges. Kohlensäur« ein rein weißes Licht. Wohl mancher«g sich gefragt haben, ob e» nicht möglich fei. diese Geißlersche Röhre zur Beleuchtung zu verwenden, aber Moore war der erste,, dem dieS in praktisch brauchbarer Weise gelang. Natürlich kommt kein Funkeninduktor zur Verwendung, sondern der gewöhnliche technische Wechselstrom, der nur durch einen Transformator auf hohe Spannung gebracht wird. Die Lampe besteht aus einer 4— 5 Zentimeter starken, sehr langen Glasröhre, die mit Stickstoff gefül' und dann ausgepumpt worden ist. Ein« zirka l Meter lange Röhr« ergibt etwa 50 Kerzen Lichtstärke, da diese sich aber über die ganze Länge gleichmäßig ver» teilen, ist der Glanz ein sehr geringer, da? Licht ist fast so diffus wie bei indirekter Beleuchtung durch Bogenlampen. Ilm einen größeren Raum zu beleuchten ist natürlich eine große Röhrenlänge erforderlich: in Amerika sind ununterbrochene Röhren von 70 Meter Länge verlegt worden. Die Moore-Röhren verbrauchen vorläufig etwa? mehr Strom als gute Metallfadenlampen; es ist aber wahr» sebcinlich, daß man ihre Wirtschaftlichkeit noch erheblich verbessern kann, dann dürften sie wohl die indirekte Beleuchtung vielfach ver» drängen. Jedenfalls sichert ihnen ihr mildes, weiße? Licht. daS man wirklich als nervenbcruhigend bezeichnen kann, für Werkstatt» und Burcaubeleuchtung ein großes SlnwendtittgSgebiet. lind jede Verringerung überflüssiger Ermüdung bei der täglichen Arbeit, namentlich wenn sie unser kostbarstes Org�n, die Augen, betrifft» ist für die VolkSgefundheit von größtem Wert. Kleines feulüeton. Der Heilige von Aegypten. Den Eingeborenen Aegyptens ist wieder einmal ein Prophet oder wenigstens ein Heiliger erstanden in der Pen'on von Mohammed Moussa. Der Ethnologe Professor «rligmann verössriitlicht über diesen merkwürdigen Mann im „Lmtcet" eine auSfübrliche Schilderung. Mohammed Moussa wird von seinen Glaubensgenossen als Maburak bezeichnet, ein Titel, der nur ganz migeivöhnlich heiligen Leuten des Islams bei» gelegt wird. Wenn die ihm erwiesene Perehrong noch weiter wmbst, so kann er es, namentlich nach seinem Tode, noch zu etwa? Außerordentlichem bringen. Zu seinem Ruf ist er baupnächlich da» durch gelangt, daß er zeitweilig von ekstatischen Zuständen befallen wird, während er sich sonst von seilten Aebemneiiichen kaum unter» scheidet. Professor Seligmann schildert eine religiöse Ver» anftaltung. bei per Modaimiied Moussa mit seiitettt ungewöhnlichen Gebaren die Hauptrolle spielte. Der Anlaß war die Darbringimg von Danksagungen für die Heilung eineS Schwerkranken. Em wesentlicher Teil der Veranstaltung ist eilt Tanz. Mohammed Moussa war tmter den Tänzer» und verfiel in seine Ekstase, nach» dem er etwa 20 Minuten geimizt hatte. Den Kennern kündigte sich der in ihn gefahrene heilige Geist dadurch an, daß er da» mohammedanische Glaubensbekenntnis mehrere Mal« hintereinander mit einer von Heiserkeit beinah« erstickten Stimme hersagte. Dann zeigten sich auch die ersten sichtbaren Merkmale, indem sein ganzer Körper steif wurde. Ein Zittern übersiel ihn von den Beinen auf» wäns. der Hals reckte sich weit nach vorn, die Augen waren ge» schlössen, die Lippen bewegten sich lantloS. Dann sprang er mehrmals aus den Zehenspipen auf und nieder, warf den Kopf zurück und machte heftige Anstrengungen, um sich zu schlagen. Sein Kamps wurde immer gewaltsamer, der Atem�giiig tief und keuchend, Schaum stand vor seinem Munde. Allmählich legten ihn seine Gefährten auf den Boden und hielten ihn dort in einer sitzenden Stellung. Wieder begannen sich seine Lippen zu be» wegen und Seligmann wurde darüber delehrt, daß der Heilige mm eine Bision habe. Alle Männer setzten sich nun nieder und fingen an zu beten. Nack einigen Minuten flüsterte ein Mann ihm etwa» ins Ohr. Dann sprang er auf und schien sofort wieder ganz zu sich zu kommen, und hob dann mit einer Erzählung dessen an. wa» et in seiner Verzückung erfahren hatte: Die Vision des Heilige« ist immer die gleiche. Er gelangt dabei in» Paradies, wo er die Heiligen und Propheten und auch viel grüne.Bogel sieht. Nachdem der Anfall vorüber ist, fühlt er sich volllonu-nn frisch und ohne Uebetkeit. Prof. Seligman bezeichnet den Zustand ve v Mohammed Moussa als eine hochgradige Hysterie oder hysterisch» Epilepsie. Zu allen Zeiten des Altermm» und Mittelatters find Lette mit dieser Ver» mtlagnng als Heilige verehrt worden. In Aegypten beschäftigen sich solche Leute zum Nachweis ihrer Heiligkeit noch damit, lebende Schnecken zu essen tind mit Skorpion«« zu spielen. Auch andere Europäer haben den neuen Heiligen mehrfach beobachtet. Bei einer Vorführung soll er Eiienstücke benutzt haben, die mit einem Ende im Feuer zur Rotglut gebracht worden waren. Er hielt sie länger als zehn Sekunden an beiden Enden in den Händen und beleckte sie an der glühendsten Stelle, ein bei den Arabern ganz bekannter Trick. Eine Prüfung seiner Hände ergab allerdings, daß diese Spicleiei nicht ganz ohne sichtbare Folgen abgegange» war, ober Moussa hatte nicht das geringste Bewußtfein davon. LorioärisVuchdrucie rei».Verlagsanstall Paul SingertCo.,BerItn L>V,