Ilnterhaltungsblatt des Honvärts Nr. 103. Donnerstag oen 8. Juni 1911 (NdSdruS Betteten.) 4] pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen Rex<5. Berechtigte Uebersetzung von Mathilde Mann. Da drauhen brach sich die Sonne auf eine eigene Weise in den Bäumen, es kam ein eigentümlicher Ton in das Ge- zwitscher der Vögel, das war um die Zeit, wo die Kühe nach dem Wiederkäuen des Nachmittags aufstanden. Und da kam ein Junge aus den kleinen Tannen heraus, er brüllte eine Melodie aus vollem Halse heraus und knallte aufs lustigste mit der Peitsche, der General des Ganzen, Pelle, der Junge, der keinen Menschen über sich hatte. Und die Gestalt, die dort über die Aecker dahergestolpert kam, um die Kühe anzupflöcken— das war ja Lasset Vater Lasse, jal Er konnte nichts dafür, aber es entrang sich ihm ein Schluchzen, es überkam ihn so sinnlos.„Halts Maul!" rief der Geselle drohend. Und dann war es ganz um ihn getan, er machte nicht einmal den Versuch, dagegen anzugehen. Der junge Meister kam hin und nahm etwas von dem Bort über seinem Kopf, er lehnte sich vertraulich auf Pelles Schulter, das schwache Bein hing frei und baumelte, ßr stand eine Weile da und starrte in die Luft hinaus— zögernd: und diese warme Hand auf der Schulter des Knaben brachte ihn zur Ruhe. Aber von Frohwerden konnte keine Rede sein, jetzt, wo er deutlich wußte, das das Ganze Vater Lasse war— so eine schreckliche Sehnsucht. Er hatte den Vater nicht gesehen, seit jenem hellen Morgen, als er selber auszog und den Alten in Einsamkeit versinken ließ: gehört hatte er auch nickst von ihm, er hatte kaum einen Gedanken zu ihm hinausgesandt. Er hatte mit heiler Haut durch den Tag hindurchzukommen und sich anzupassen: eine ganz neue Welt war da, die man absuchen, in der man sich zurechtfinden mußte. Pelle hatte ganz einfach keine Zeit gehabt; die Stadt hatte ihn ver- schlungen. Aber in diesem Augenblick stieg es vor ihm auf als die größte Treulosigkeit, die die Welt je gekannt hatte. Und in seinem Nacken fuhr es fort zu schmerzen, er mußte irgend- wo hin/ wo ihn niemand sah. Er machte sich etwas draußen auf dem Hof zu schaffen, ganz unten hinter dem Waschhaus, und kauerte sich in das Brennholzloch beim Brunnen. Da lag er und kroch in schwarzer Verzweiflung umher, weil er Vater Lasse so schändlich im Stich gelassen hatte, über all diesem Neuem und Fremden. Ja, und damals, als sie zusammen arbeiteten, war er ja auch weder so gut noch so sorg- fältig, wie er hätte sein sollen. Es war wohl im Grunde Lasse, der— so alt er war— sich für Pelle opferte, ihm die Arbeit erleichterte und die Lasten auf sich nahm,, obwohl Pelle die jüngeren Schultern hatte. Ein wenig hart war er auch gewesen damals, als das mit Madam Olsen über dem Vater zusammenbrach: und mit seinem gemütlichen Greisengeschwätz, wofür Pelle jetzt, wenn er ihm lausten könnte, Leben und Wohlfahrt hingeben würde, hatte er da- mals so wenig Nachsicht gehabt. Er erinnerte sich nur allzu deutlich des einen und des anderen Falles, wo er nach Lasse gebissen hatte, ihn dahingebracht hatte, sich in einem Seufzer festzufahren. Denn Lasse biß ja nicht wieder, er schwieg nur so trübselig. Nein, wie schrecklich das war! Pelle warf alle Groß- mütigkeit über Bord und gab sich der Verzweiflung hin. Was sollte er hier, wenn der alte Lasse einsam unter Fremden umherging und sich nicht schützen konnte? Da war nichts, womit er sich trösten konnte, keine Ausflucht, Pelle erkannte brüllend, daß dies Treulosigkeit war. Und wie er so dalag und verzweifelt an den Gegenständen zerrte und sich leer brüllte, wuchs ein ganz männlicher Entschluß in ihm auf: er mußte all sein Eigenes aufgeben— die Zukunft und die große Welt und alles— und sein Leben dafür opfern, dem Alten das Dasein angenehm zu machen. Er mußte wieder nach Stengaarden zurück! Er vergaß, daß er nur ein Kind war und eben das Essen für sich selbst verdienen konnte. Den alten krüppeligen Vater Lasse in allen Punkten decken und ihm das Leben leicht machen das war gerade, was er wollte. Und Pelle war nicht dazu angetan, daran zu zweifeln, daß er es vermochte. Mitten in seinem Zusammenbruch nahm er alle Pflichten eines starken Mannes auf sich. Wie er da lag und vergrämt mit ein paar Stücken Brenn» holz spielte, teilten sich die Hollunderzweige hinter dem Brunnen und ein Paar große Augen starrten ihn verwundert an. Es war nur Manna. „Haben sie Dich geschlagen, oder warum weinst Du� fragte sie ernsthaft. Pelle wandte das Gesicht ab. Manna schüttelte die Locken zurück und sah ihn fest an: „Haben sie Dich geschlagen, wie? Wie, Du?— Denn dann geh ich hin und schelt sie aus!" „Was geht das Dich an?" „So antwortet man nicht— dann ist man nicht gebildet." „Ach, halt den Mund!" Dann bekam er Ruhe: drüben im Hintergrund des Gar» tens kletterten Manna und die beiden kleineren Schwestern im Spalier herum, da hingen sie und starrten unverwandt nach ihm hinüber. Aber was ging das ihn an, er wollte nichts davon wissen, sich von Frauenröcken beklagen zu lassen und sie als Fürbstter zu haben. Es waren ein paar nase» weise Dirnen, selbst wenn ihr Vater auf den großen Meeren fuhr und viel Geld verdiente: hätte er sie hier gehabt, wür- den sie Prügel von ihm besehen haben. Jetzt mußte er sich damit begnügen, die Zunge rauszustecken. Er hörte ihre entsetzten Ausrufe— aber was dann? Er wollte nicht mehr zu ihnen hinüberklettern und wollte nicht mehr mit ihnen spielen, in dem Garten mit den großen Muscheln und Korallenblöckcn. Er wollte aufs Land hinaus und für seinen alten Vater sorgen! Hinterher, wenn das überstanden war. wollte er selbst in die Welt hinaussegeln und solche Sachen mit nach Hause bringen— ganze Schiffs- ladungen voll! Don dem Werkstattfenster her wurde gerufen.„Wo in aller Welt bleibt das Biest denn ab?" hörte er sie sagen. Er zuckte zusammen, er hatte ganz vergessen, daß er in der Schusterlehre war. Aber nun kam er auf die Beine und lief schleunigst hinein. Pelle wurde schnell mit dem Aufräumen nach Feierabend fertig. Die anderen waren auf Lustbarkeiten ausgeflogen. er stand allein oben auf der Bodenkammer und sammelte sein Hab und Gut in den Sack. Da war eine ganze Sammlung von Herrlichkeiten: Dampfschiffe aus Blech, Eisenbahnzüge und Pferde, die inwendig hohl waren, alles, was er von den unwiderstehlichen Wundern der Stadt für fünf blanke Kro- neu hatte erwerben können. Das kam in die Wäsche hinein, um keinen Schaden zu leiden, den Sack schmiß er durch da3 Giebelfenster in den schmalen Gang hinab. Nun galt es selbst durch die Küche hindurchznschlüpfen, ohne daß Jeppes Alte Unrat ahnte: sie hatte Augen wie eine Hexe und Pelle hatte ein Gefühl, als müßte ihm jeder Mensch ansehen können, was er vorhatte. Aber es ging. Er schlenderte so beherrscht, wie es ihm nur möglich war, bis an die nächste Straßenecke, damit man glauben sollte, er trage Wäsche zur Wäscherin. Dann ging er in vollen Lauf über, es war Heimatsverlangen in ihm. Ein paar Straßenjungen schrien und warfen Steine hinter ihm drein, aber das war Pelle ganz einerlei, wenn er nur entkam: allem anderen gegenüber war er abgestuinpft: Reue und Heimweh waren hart über sein Gemüt hingegangen. Es war über Mitternacht, als er atemlos und mit hacken- der Milz draußen zwischen den Wirtschaftsgebäuden von Sten- gaarden stand: er lehnte sich gegen die verfallene Schmiede und schloß die Augen, um besser zur Ruhe zu kommen. Sobald er sich verschnauft hatte, ging er von hinten in �den Kuhstall hinein und auf die Kuhhirtenkammer zu. Der Fußboden des Futterganges kam ihm so bekannt unter den Füßen vor, und nun kam er im Dunkeln an dem großen Stier vorbei. Ter sog Luft von seinem Körper ein und bließ sie weit hinaus � ob er ihn noch kannte? Aber der Geruch in der Kuhhirten» kammer war ihm fremd.„Vater Lasse vernachlässigte sich fijo!)!*?aHke 5t uiib zog ias Federbett von 5em Kopf des Schlafenden weg. Eine fremde Stimme fing an zu schimpfen. »Ist das denn nicht Lasse?" sagte Pelle; die Knie schlotterten unter ihm. „Lasse—?" rief der neue Kuhhirte aus und richtete sich ouf.„Sagtest Du Lasse? Kommst Du. um das Gotteskind noch abzuholen. Du Teufel? Sie sind schon aus der Hölle hier gewesen und haben ihn mitgenommen, bei lebendigem Leibe haben sie ihn dahingeführt. er war zu gut für diese Welt, weißt Tu. Der aste Satan war selbst hier und hat ihm Frauenzimmermaß genommen; ja. da mußt Du ihn denn woll aufsuchen. Geh man immer geradeaus, bis Du zu des Teufels Urgroßmutter kommst, nachher brauchst Du Dich denn bloß bis zu dem Zottigen weiter zu fragen." Pelle stand eine Weile in dem unteren Hof und überlegte. Also durchgebrannt war Vater Lasse!— Und wollte sich der- heiraten, oder war er am Ende schon verheiratet. Und mit Karma, das konnte er verstehen! Er stand kerzengerade da und versank in Traulichkeit; der große Hof lag im Mondlicht getaucht da— in tiefem Schlummer; und rings umher spannen die Erinnerungen alles liebkosend in Schlaf— mit diesem gemütlichen Schnurren aus seiner Kindheit, wenn die kleinen Katzen auf seinem Kopfkissen schliefen, und er die Wange gegen den weichen, zitternden Körper legte. Pelles Sinne hatten tiefe Wurzeln. Einmal bei Oheim Kalles hatte er sich in die große Zwillingswiege gelegt und sich von den anderen Kindern wiegen lassen, er war damals wohl neun Jahre alt. Als sie ihn eine Weile gewiegt hatten, Gewann die Situation Macht über ihn; er sah eine räucherige Balkendecke, die nicht zu Kalles Haus gehörte, hoch über seinem Kopf schlingern und hatte das Gefühl, daß eine ein- gemummelte ältere Frau wie ein Schatten hinter dem Kopfende saß und die Wiege trat. Die Wiege humpelte mit argen Stößen, und jedesmal, wenn der Fuß von den Kufen glitt. schlug er mit dem Geräusch eines gesprungenen Holzschuhes auf den Fußboden auf. Pelle sprang auf,„sie humpelte ja," sagte er verwirrt.—„So? Das hast Du gewiß geträumt." Kalle sah lachend unter die Kufen.„Humpelt," sagte Lasse. „Das sollte doch erst recht was für Dich sein! Damals, als Tu klein warst, konntest Du nicht schlafen, wenn die Wiege nicht humpelte, wir mußten die Kufen ganz viereckig machen. Sie war beinah nicht zu treten, Bengta trat manch schönen Holz- schuh kaput, um Dir und Deiner Laune zu Willen zu sein." Der Hos hier war auch wie eine große Wiege, die in dem unsicheren Mondlicht ging und ging, und als Pelle sich erst ganz dahineingegeben hatte, wollte alles das. was aus den Kindheitsjahren dort aufstieg, kein Ende mehr nehmen. Das ganze Dasein mußte vorbei und über seinem Kopf hinwackeln wie damals und die Erde mußte sich überall, wo nur ein dunkler Fleck war. zu Abgründen auftun. Und das Weinen sickerte heraus— schicksalsschwanger— und übergoß das Ganze, so daß Kongsdrup wie ein begossener Pudel von dannen schlicht und die anderen sich zu Mus und Grus prügelten. Und Lasse— ja, wo war Vater Lasse? Pelle stand mit einern Sprung in der Braustube und klopfte an die Tür zu der Mägdekammer. JBist Tu es. Anders?" flüsterte eine Stimme von drinnen, und dann tat sich die Tür auf und ein paar Arme umfaßten ihn warm und zogen ihn hinein. Pelle stieß um sich, seine Händ� sanken in einen nackten Busen, es war ja wohl die blonde Marie! „Ist Karna noch hier?" fragte er.„Kann ich nicht mal mit Karna sprechen?" Sie freuten sich, ihn wieder zu sehen, die blonde Marie faßte ihn ganz warm um die Wangen, es war kurz davor, daß sie ihn auch küßte. Karna konnte sich gar nicht von ihrer Ueberralchung erholen, solche städtische Haltung, wie er ge- kriegt hatte.„Und jetzt bist Du also Schuster in der größten Werkstatt der Stadt-- ja, wir haben es gehört. Schlachter Jensen hat es auf dem Markt zu wissen gekriegt. Und groß bist Tu geworden und stadtfein I Tu hältst Dich gut! Karna aoa sich an. lLortsetzung folgt.7 fliegenäe filcbe. Von C. Lchenkling. Ave älteren Sckriftstellcr, die sich mit den Naturwissenschaften defaßten, wie alle Reisende der neueren und neuesten Zeit, die das viittetmeer durchkreuzten, wissen von Fischen zu erzählen, die fich plötzlich aui ihrem©lernen' erheben, hundert und mehr Meter über den Wasserspiegel dahinschieden, um dann in der Flut wieder zu verschwinden. Es sind Daclylopterus-Arten, Flughähne, die sich zu» folge ihrer wie ein Fallschirm wirkender Brustflossen eine Zeitlang schwebend zu erhallen vermögen. Dieselbe Kunst ist noch einer anderen Fischgattung eigen, den Exocoews-Arten, Hochflugfischen. Bewohnern der tropischen und subtropischen Meere, die ihrer Achn» lichkeir halber von den Seeleuten„fliegende Heringe" genannt werden. Auch für sie kann als Haupicharakteristlk angeführt werden: außerordentliche Entwickelung der Flossen, insbesondere der zugespitzten Brustflossen, deren Länge etwa% und deren Breite ungefähr Vg der Gesamtlänge des Körpers ausmacht, und die sich auf einem sehr starken, unter dicken Muskeln ruhenden Knochen- ring freier als bei anderen Fischen bewegen. Ohne Rücksicht auf Luft- und Wasserströmung schießen die Fische pfeilschnell aus der Flut heraus und zwar immer unter einem kleinen Neigungswinkel. In parabelähnlichem Fluge legen sie in einer Höhe von einem bis zu vier Meter eine Strecke von 200—300 Meter zurück. Sobald sie fich über dem Wasserspiegel erheben, spreizen sie die flügelartigen Brustflosien zum Fluge, wobei in nächster Nähe ein deutliches, raschelndes Flattern hörbar ist. Nach einzelnen Be» obachtern find die fliegenden Fische sogar imstande, während deS Fluges die Richtung ihrer Bahn zu ändern, Kurven zu beschreiben und ihren Kurs den Bewegungen des Wasierspiegels, also den Wellenbergen und Wellentälern, anzupassen. Seitlich einwirkenden Winde» vermögen die Fische gegen das Ende der Flugbahn hin nicht mehr zu widerstehen, werden vielmehr durch diese aus der ein» geschlagenen Richtung verdrängt und zuletzt von der Windströmung getrieben, auch senkt sich die hintere Körperhälfte allmählich abwärt». so daß.idie Längsachse des Körpers mit der Fluglinie einen immer größer werdenden Winkel bildet. Die Frage, ob die Flugbewegung altiv oder passiv ist, mit anderen Worten, ob die Brustflosien während der Dauer des Fluge» ausgespannt in der Ruhe verharren, also einem' Fallschirm gleichen, oder ob die fliegenden Fische gleich anderen Fliegern Flügelschläge damit ausführen, ist vielfach erörtert und umstritten worden. Alle Autoren stimmen darin überein, daß die Flugfische blitzschnell au» dem Waper aufschießen und daß sie diese große Geschwindigkeit be» reits im Wasser durch kräftige Wrickbewegungeu des Schwanzes er» reichen. Beim Erheben über den Wasserspiegel werden die bis dahin dem Körper dicht anliegenden Brust- und Bauchflossen gespreizt und der Flug beginnt. Alexander». Humboldt, der übrigens als erster auf die an» sehnlich« Größe der Schwinnnblas« dieser Fische aufmerksam machte, versichert, daß man trotz der ausnehmend raschen Bewegung während deS Fluges deutsich wahrnehmen könne. wie die Fische ihre Brustflossen abwechselnd ausdehnen und zusammenziehen..Auch der Kapitän_ de Frsminville spricht die Ueberzeugung aus, daß die Fiiche bei der Länge ihrer Flugbahnen aktiv und„bian veellement" fliegen mußten und keines« weg» so große Strecken zurückzulegen vermöchten, falls sie ihre Flossen lediglich als Fallsrbirine gebrauchen würden. Dem entgegen meinte Benne, daß die Hochflugfische nur beim Erheben unter vernehm» barem Rascheln Brust- und Bauckflossen spreizen und daß während des Fluge« nur eine zitternde Bewegung, nicht aber ein Ausbreiten und Zusammenlegen der Flossen wahrnehmbar sei. Roch diesem Forscher ist die Bewegung der Fiiche außerhalb des Wasser» kein Fliegen, sondern ein Springen. Die bereits erwähnte Aendemng der Fluglinie wird nach ihm dadurch verursacht, daß die Fische schnell auf» einander folgende kleine Sprünge von etwa Meterlänge ausführen und nach dem jedesmaligen Einfallen die Nichtimg entsprechend ändern. Dieser Anschauung, namentlich in ihrem letzten Teil, wider» spricht Agassiz, nach dem die veränderte Flugrichtung wie die Höhe de» Fluges nicht durch Bewegungen der Brustflosien, sondern infolge Beeinflussung der gesamten Oberfläche des Körpers durch Muskeln bewirkt wird. Das Beschreiben von Kurven in der Flugbahn werde den Hochflugfischen ermöglicht durch den eigenartigen Bau der Schwanzflosse, insbesondere durch die Ungleichbeit ihrer Lappen. Durch die größere Länge des unteren Lappens werden die Wrick« bewegungen, die den Fischkörper über die Oberfläche des Waper» und durch die Luft schleudern, erleichtert und die Ausdehnung der Brustflossen demgegenüber während des DahineilenS in dem dünnere» Mittel nur zur Stütze. Möbius endlich hält nicht(wie die meisten Autoren) die Bewegung der Flugflossen für aktive MilSkeltätigkeit, sondern erklärt sie passiver Natur und durch den entgegenwirkenden, relativen Wind veranlaßt; seine Annohme sucht er durch Hinweis auf das ungünstige Gcwichtsverhältnis der Brust» muskeln zum Gewicht de» Gesamtkörpers zu begründen. Man weiß, wie ökonomisch die Natur im Bau des Vogels vor» gegangen ist, un, ihm„die Poesie der Bewegung", wie Pettigrem so schön sagt, zu verleihen, wie sie gespart hat am Rumpfe unk» hauptsächlich am Kopse, und wie sie namentlich die Brustmuslnlatur ausbildete, damit ein den Flug ermöglichende» günstige» Verhältni» zustande lam. Während dieses hier 1: 6,22. beträgt, ist eS bei den fliegenden Fischen 1: 32.4. Selbst der beste Flieger unter den Vögeln würde sich durch Flügelschläge nicht zu erheben vermögen, wenn er wie die Flugfische belastet wäre, also das Fünfsache seines Körper» gewichtS tragen müßte. Könnten die in Rede stehenden Fische wirk» lich die reißend schnellen Flügelschläge ausführen, so müßten sie in der Reihe der Flngtiere auf einer ziemlich hohen Stufe stehen. Ferner ist durch Mareys Beobachtungen bekannt, daß sich beim Vogel die Zahl der Flügelschläge mit der Fluggeschwindigkeit auf- fallend verringert. Der Grund dafür liegt darin, datz der Lust- widerstand mil der Fluggeschwindigkeit zunimmt und daß dieser größere Widerstand den Flügeschlag unmöglich macht. Wenn nun snach den Beobachtungen von Seitz nnd dem bereits erwähnten Bennett) die vermeintlichen Flügelschläge des Flugfisches auch nur zu Anfang der Flugbewegung ausgeführt werden, wie es beim auffliegenden Vogel der Fall ist, so stehen sich doch bei beiden Flugtieren diese Flug- bewegungen eutgegen, indem sich der Vogel durch diese Flügel- schlüge erst eine gewisse Fluggeschwindigkeit erwirbt und später unterhält, während die fliegenden Fische den Flug mit der größten Geschwindigkeit slo— 20 Meter) fortsetzen, die fie ihrem Körper im Wafier durch die Wrickbewegungen des Schwanzes verliehen haben. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Anatomie der Flugmuskeln der Fische ergeben hat, daß ihre Wirkung aus die Flugflosscn wohl «ine hebende aber kerne vorwärtslreibende wie bei den Vögeln sein kann. So zeigen die gesamten physiologischen und flugmechanischctr Verhältnisse, daß die fliegenden Fische außerstande sind, akiive Ruderbewegungen auszuführen, die man ihnen bisher zuschreiben zu müssen glaubte. Was nun der Flug selbst anbelangt, so vergleicht ihn Kittlitz mit dem des Goldammers mid Finken während der ranhen Herbst- Witterung, wenn die Vögel auf Stoppelfeldern einfallen, um die letzten Körnlein zu suchen, und Humboldt sagt, daß man die Be- wegung eines fliegenden Fisches mit der eines flachen über den Wasseripiegel hingeworfenen Steines, der aufschlagend und wieder abprallend meterhoch über dem Wasser hinweg streicht, ganz richtig verglichen hat. Agasfiz sieht darin indefien mehr; er sagt:»Die fliegenden Fische sind in der Tat in Wahrheit lebende Federbälle s!?) und imstande, durch Drehen der Flossen ihre�Flugrichtnng z» ver- ändenr". lind wenn wir oben erwähnten, daß' sich die Fluglinie des Fisches der bewegten Meeresoberfläche anschmiege, so mag daran erinnert werden, daß sich auch Möwen und andere Seevögel den Hebungen und Senkungen des Meeresspiegels anpassen, ohne dazu eines Flügelschlages zu bedürfen, was sich einfach durch die über dem Wasser lagernde und von diesem betoegte Luftschicht erklären läßt. Wenn wir zum Schluß unS nun noch fragen: Was veranlaßt diese Fisch«, sich aus ihrem Elemente zu entfernen? so haben Ivir darauf mancherlei Antwort.„Die Hochflngfische", sagt Humboldt, „bringen einen großen Teil ihres Lebens in der Luft zu, aber ihr elendes Leben wird ihnen dadurch nicht leichter gemacht. Verlassen fie das Meer, um den gefräßigen Goldmakrelen zu cMgehen, so be- gegnen fie in der Lust Fregattvögeln, Albatrossen und anderen See- fliegern, die fie im Fluge erschnappen." Nnd Kittlitz meint:„Der Flug dieser Fische scheint das letzte Mittel zu sein, das fie an- wenden, um ihren Verfolgern, die man beständig nach ihnen springen steht, zu entgehen. So groß ihre Aahl, so heftig ist auch ihre Verfolgung durch Raubfische." Bennett widerspricht diesem, indem er ausführt, daß die Hochflieger nicht als Un- glückliche sdie unmittelbar, nachdem fie sich erhoben haben, von den Schwärmen gefiederter Feinde angefallen werden, wärend die wenigen, die glücklich entkommen und ihr heimische« Element wiederfinden, Raubfischen zum Opfer fallen) angesehen werden dürften, sondern daß sie selbst Jagd machen und darum als Angreifer und nicht als Opfer angesehen werden nnissen, wenn schon es vorkommen könne, daß namentlich an der Küste die ungezählten Scharen der Flugfische von Raubfischen ver- folgt werden. Wenn sich das Schauspiel deS Aufschießens und Wieder» VerschwindenS von drei und vier Dactylopterusschwärmcn nach einer Richtung hin wiederholt, läßt sich wohl annehmen, daß die Flug- höhne von Raubfischen verfolgt werden. Oft ist allerdings wahrzunehmen, daß die ausfliegenden Fische bald hier bald dort er- scheinen, auch keine bestimmte Richtung einhalten, vielmehr die Kreuz und Ouer durcheinander fliegen, dann ist der Flug sicher als Spiel anzusehen. So äußert sich auch Humboldt:„Ich bezweifle «der, daß sich die fliegenden Fische einzig und allein, um der Ver- folguug ihrer Feinde zu entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den Schwalben schießen fie zu Tausenden fort, geradeaus und immer gegen die Richtung der Wellen. In unseren Himmelsstrichen sieht man häufig am User eines klaren, von der Sonne beschienene» Flusses einzelne stehende Fische, die somit nichts zu fürchten haben, können pch über die Wasserfläche schnellen, als gewähre eS ihnen Vergnügen, Luft zu atmen. Warum sollte dieses Spiel nicht noch häufiger und länger bei den Hochfliegern vorkommen, die vermöge ber Gestaltung ihrer Brustflossen und ihres geringen Eigengewichts sich sehr leicht in der Lust halten?" kleines feuilleton. Einige Ueberraschnngen der englischen Volkszählung. Die Liffcrn. die als Ergebnisse der englischen Volkszählung veröffent- licht worden sind, werden als nur vorläufig bezeichnet; aber es kann als unwahrscheinlich gelten, daß sie noch eine wesentliche Be- richtigung erfahren werden. In England findet bekanntlich nur alle zehn Jahre, also halb so häufig wie in Deutschland, eine Bolls- gählung statt, die sich dann aber auch über das ganze britische Welt- recht erstreckt. Für England und Wales hat sich eine Gesamt- hebölkerung von 36 075 269 herausgestellt gegen 32 527 843 im Jahre 1901. Die Ziffern für Schottland und Irland liegen noch mchk Nor- Namentlich wird man aus das Ergebnis für Irland gespannt seili dürfen, dessen Bevölkerung während des vorigen Jahrzehnts in der Abnahme begriffen war. Auch für England sst die Zunahme nicht mehr so stark wie früher. Sie betrug im neunten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts noch 12,2 Proz., im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts 11,7 Proz. und im vorigen Jahrzehnt nur noch 10,9 Prozent. Ob dieser Rückgang allein auf eine Abnahme der Ge- burten oder auf ein Ueberioiegen der Auswanderung zurückzu- führen ist, wird erst noch zu ermitteln sein. Für London sind außer den Zahlen, die schon mitgeteilt worden sind, noch einige Einzel- angaben von besonderem Interesse. Der Berwaltungsbereich der Londoner Grasschaft hat im letzten Jahrzehnt an Bevölkerung ab, genommen, allerdings nicht viel, nämlich von 4 536 267 auf 4.522 961„ Die Bevölkerung des sogenannten Außenrings von London, der eine eigene Verwaltung besitzt und nur zum hauptstädtischen Polizeibezirk gehört, ist dagegen von. 2 045 135 aus 2 730 002 ge, wachsen. Daraus erklärt sich auch zum größten Tül die ungewühn, lich starke Zunahme der Einwohnerzahlen in den Grafschaften Essex, Middlessex und Surrey um 30— 42 Proz. Auch noch einige andere Städte haben an Bevölkerung abgenommen, aber nur Ort- schaftcn von geringer Wichtigkeit, wie Canterbury, Halifax, Hastings und Burton am Trent. Eine große Ueberraschung bildet das ge- ringe Wachstum von Birmingham, dessen Einwohnerschaft in einem ganzen Jahrzehnt nur um 3000 zugenommen hat und jetzt rund! 526 000 beträgt. Die Steigerung der Volksziffer in den Städten ist überhaupt keine besonders große gewesen und läßt sich mit der deutscher Städte im allgemeinen nicht vergleichen. Das Beispiel von Coventry, östlich von Birmingham, als einer Stadt, die von 70 000 auf 106 000 angewachsen ist, steht schon als einzig da. Die Volkszählungsergebnisse sind auch gerade für die englischen Groß- städte eine Ueberraschung von einem Grad gewesen, den man eigent- licht nicht für möglich halten stillte. Der Gang der Bevölkerung wird selbstverständlich für jede größere Ortschaft sortlaufend geschätzt, und diese Schätzungen haben sich als höchst fehlerhaft und in allen Fällen übertrieben erwiesen. So sollte Bristol nach der Schätzung jetzt 383 000 Einwhoner haben, während die Zählung nur 357 000 nachgewiesen hat. In Lecds wurden geschätzt 491 000, gezählt nur 446 000. In Sheffield betrug der Ausfall 22000, ,n Leicester 21 000 Seelen. So große Irrtümer der Schätzung pffegen in der deutschen Statistik auch nicht vorzukommen und lassen sich Wohl vermeiden. Literarisches. Proletarische Jugendliteratur..„Dem Proletariat und vor allem der Arbeiterjugend in den festlichen Stunden der Muße die Freude am Leben und den Willen zur Tat zu kräftigen und zu läutern und in jedem Genießer der Sammlung den sozialistischen Gedanken z» einem immer wirkende» Erlebnis zu erhöhen", soll die Aufgabe einer Sammlung„Die junge Welt" sein. Die bisher erschienenen geschmackvollen Bündchen, die der Verlag der Wiener Bolksbnchbandlung zum Preise von 20 Pf. hergestellt hat, können jungen Proletariern mir warm empfohlen werden. In Heft 1 find von dem Herausgeber der Sammlung I. L. Stern eine Reihe prächtiger„Sozialer Balladen" zusammengestellt worden. In Heft 2 lehrt Max Winter „Soziales Wandern":„Nicht die Zahl der zurück- gelegten Kilometer bringe heim, sondern erweiterte Ein» ficht in das vielgestaltige Leben der Menschen.... Einsam wandern I Langsam I Im Schlendergang. Nicht vorwärts drängend und nicht gedrängt l Lieber ein kleines Stück Welt gesehen, dieses aber gründlich. Augen im Kops für alles, was Mensch heißt und Mcnschenwerl!' In äußerst anschaulichen Bildern ziehen Holzknechte, Weber, Steinklopferkindcr, Bergarbeiter, junge Proletarier am Ofen eines Walzwerks, Salinenarbeiter und Glasbläser des mährisch, schlcsischen Ärenzlandes vorüber. Das Elend und die Ausbeutung bilden einen grellen Kontrast zu dem Reiz des Gebirges und der an sich interessanten Arbeitstechniken, die vor dem Zeitalter deS Kapitalismus z. T. ein Hauch der Poesie umgab. In Hest 3 zeichnet Engelbert Pernerftorfer das Lebensbild Friedrich Schillers. Als„einen Vorläufer de» modernen Sozialismus" können wir Schiller allerdings nicht be, zeichnen, auch sonst scheint uns Schillers Gestalt in etwas zu lichten Farben gehalten; aber als kurze Orietrtiernnjj ist das Büchlein immerbin empfehleirSivert. Am meisten Interesse wird unter den Jugendlichen wahrscheinlich Heft 4 von Hugo Schulz„Dia Indianer" erwecken; dafür verlangt es aber auch die auf« merkfamste Lektüre, um den Inhalt ganz zu verarbeiten. Die Frage„wie sind denn diese Indianer, über deren Grausamkeit. Barbarei. kriegerische Wildheit und Feindseligkeit gegenüber allem Europäischen»ms so spannende und gruselige Ge» schichten erzählt werden, in Wirklichkeit beschaffen?" be« antwortet Schulz in sachkundigen, völkergeschichtlichen Aus« sührungen über Rasse, Wohnfitz, Kultus. Gemeinwesen, Verbände und Kämpfe der Indianer. An die Stelle abenteuerlicher, falscher mid blasser Vorstellungen setzt er eine Schilderung, die der Wahrheit entspricht, dadurch an Anschaulichkeit gewinnt und selbst spannender und tragisch empfundener Situationen nicht entbehrt. Weitere Bändchen über„Flieger" von Jngenier Taffnus und ein.Mädchenbuch" von der bekannten österreichischen Genojstn Adel» Heid Popp find angekündigt. B. L. Kulturgeschichtliches. Aus der Urgeschichte des Büches. Der Stoff, auf dem die ältesten Bücher, wenn man diese Bezeichnung darauf über« Haupt bereits anwenden könnte, geschrieben worden sind, war Stein. Nicht nur die Runensteine des Nordens, sondern auch zahlreiche Kelseninschriften in Südeuropa, im Orient und in Nordafrila geben davon Zeugnis. Unter den Steinen war der Marmor bevorzugt. Später wurden Inschriften auch auf Bronze hergestellt, wo- mit aber ein Fortschritt für die Schaffung eigentlicher Bücher nicht gemacht wurde. Dazu waren leichtere Stoffe notwendig. Diese fand man im Holze. im Leder und schließlich in Pflanzenstoffen, wie dem berühmten Papyrus Aegyptens, dessen Wichtigkeit schon dadurch bekundet wird, daß unser Papier noch heute davon den Namen trägt. Die alten Seghpter wie die Hebräer schrieben außerdem besonders auf gegerbten Fellen, und nur die weniger wichtigen Auf- Zeichnungen, wie Rechnungen, Abstimmungen bei Wahlen und dergleichen wurden auf Baumrinde, Banmblätter oder auch auf Muscheln, flachen Ziegelsteinen, Holzbrettern und Topf- scherben niedergelegt. Ferner gebrauchte man im ganzen Alter- tum bis ins achte Jahrhundert hinein Brettchen aus Blei, Elfenbein und Holz, die mit einer dünnen Wachsschicht überzogen und dann mit einem Griffel(StiluS, daher die Bezeichnung Stil) beschrieben murden. Der Papyrus oder das Papier wurde aus einer Binsenart hergestellt, die namentlich an den Ufern dcS Nil und auf Sizilien wuchs. Dr. Moire, Bibliothekar an der Sarbonne, der jetzt vor der Französischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften einen fesselnden Vortrag über die EntWickelung des Buchs gehalten hat, ist vor etwa 30 Jahren in der Lage ge- Wesen, das Vorkommen von wildem Papyrus auch an den Ufern der Rhone nachzuweisen. Auf den langen zarten Blättern dieser Pflanze schrieb man mit einem CalamuS, einem am Ende zugespitzten Rohr. Die Blätter wurden dann zusammengerollt. DaS Pergament kam erst weit später in Gebrauch. Völkerkunde. In der Stadt der zehntausend Priester. Die beiden amerikanischen Reisenden Richardson L. Wright und Baasett Digby, die sich auf einer Forschungsreise durch Zentralasien be- finden, schildern in einem interessanten Aufsatz des„World Magazine" das Leben in Urga, der„Stadt der zehntausend Priester". Hier, am Rande der Wüste Gobi, in der nördlichen Mongolei, ist dem Buddhismus eine Hochburg errichtet, denn in den zahllosen Klöstern der Stadt leben mehr als 10 000 Geistliche, die vier Fünftel der gesamten Bevölkerung von Urga ausmachen. In der Mongolei wird fast immer der erstgeborene Sohn jeder Familie Buddha ge- weiht, um ihm als Priester zu dienen. Mit zehn Jahren wird das Kind nach der Priesterschule von Urga geschickt, mit 20 hat der junge Mann so viel Gebete gelernt, um zu der Würde eines nie- deren Lamas aufzurücken. Dann rasiert er sich Haar und Bart ab, kleidet sich in ein hell schimmerndes, rot und gelbes Gewand, und nachdem er noch ein weiteres Examen abgelegt hat, wird er dann ein richtiger Priester, der nicht heiraten darf und nicht arbeiten, sondern sich nur den heiligen Dingen widmen soll. Da sitzen sie denn die Tausende, murmeln Gebete, studieren die heiligen SÄrif- ten, betätigen sich als Aerzte des Leibes, indem sie allerlei Heil- mittel den Kranken verabreichen, doch noch mehr des Geistes, indem sie die bösen Geister austreiben und die Teufel im Menschen be- schwören. All'dies aber kann ihnen doch nicht über die langen Stunden hinweghelfen, in denen ihnen das heilige Nichtstun zur Qual wird und die böse Langeweile sie bejchleicht. Deshalb haben sich die Priester von Urga auf einen auch bei uns recht beliebten Zeitvertreib geworfen, sie beschäftigen sich mit Sport aller Art, veranstalten Wettrennen zu Fuß, große Tanzaufführungen und vor allem Ringkämpfe. Das größte Ereignis des Jahres ist für Urga der große Ringwettkampf, in dem die priesterlichcn Athleten ihre Kräfte mit denen profaner Sterblicher messen. An diesem großen Schauspiel nimmt auch der höchste der Priester von Urga, der Taschi-Lama, der den Namen„der lebende Gott" führt, teil. In der riesigen Arena ist die ganze Bevölkerung der Priester- fferdt schon am Vormittag versammelt. Um zwei Uhr sinkt dann die Seideufahne von dem Zelt, von dem aus der Taschi-Lama den Kämpfen zusieht, die Wettbewerber treten in den Kreis, werfen sich vor dem„lebenden Gott" in den Staub und verharren so ge- bückt wie Frösche, bis der Taschi-Lama sich setzt und sie nun mit einem Ruck gegeneinander losstürzen. Die größte Spannung herrscht dann, ob der Champion der Priester oder ein Athlet der Bürger den Sieg davonträgt. Vergessen ist alle Ehrfurcht, die man den Dienern Budohas entgegen bringt, vergessen die Angst vor der Hölle, mit der sie dem Sündigen drohen; man packt sich, rauft sich. zerrt sich, bis schließlich einer besiegt in den Staub sinkt. Da sind doch die Tanzwettkämpfe weihevoller, die die Priester unter sich ausführen. Ein malerischer Reiz liegt schon in den Kostümen, diesen reich bestickten, von Edelsteinen leuchtenden Seidengcwän- dein, den klirrenden Amuletten und Zicrraten, mit denen sie de. hangen sind. Bei den„Teufelstänzen" trägt jeder Aus- sührende noch eine gewaltige groteske Ma�ke von dämonischer Wild- heit. Eine ohrenbetäubende Musikbegleitung erklingt und stachelt die Tanzenden zu immer rasenderen Bewegungen an. Die scheuß- lichen Maskenköpfe verschwinden in einem ChaoS von bunten Ge- Verantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.=; Druck u. Verlag: wändern und durcheinander wirbelnden Gestalten, bis endlich einer nach dem anderen erschöpft niederstürzt und schließlich nur noch der Sieger in mühselig taumelnden Verrenkungen als letzter daS Feld behauptet,,. Naturwissenschaftliches. Ausgestorbene Säugetiere am Victortasee. Die großartigen Funde von Resten ausgestorbener Säugetiere bei Tendaguru in Deutsch-Ostafrika scheinen nicht vereinzelt bleiben zu sollen. Es sind nämlich ähnliche Reste nunmehr auch in Britisch« Ostafrika entdeckt worden, und zwar auf der Ostseite des großen VictoriaseeS. Professor Audrews hat sie einer Untersuchung unter- zogen und jetzt der Zoologischen Gesellschaft in London vorläufigen Bericht über deren Ergebnisse erstattet. Die Ueberbleibsel sind insofern nicht ansehnlich, als fast nur Bruchteile von Knochen erhalten geblieben sind. AlS ein Paradestück muß schon der Teil eines Kiefers mit einigen wohlerhaltenen Zähnen gelten, der jedenfalls einer kleinen Art der bekannten Sängetiergattung Dinotherium gehört, die in der Tertiär« zeit nicht nur in Europa, sondern auch in Asien eine weite Verbreitung besessen haben muß. Dies Tier war wahrsSeinlich ein Vertreter der Borläufer der Elefantensippe. Besonders berühmt ist der bei EppelS« heim im Mainzer Becken zutage geförderte Schädel, der eine Länge von mehr als einen Meter besitzt. Diese ostafrikanische Art scheint am meisten dem Dinotherium Cuvieri zu gleichen, das in Frankreich in der Miocän-Zeit der Tertiärepoche gelebt hat. Es läßt sich daraus aber nicht mit Sicherheit schließen, daß die afrikamschen Bodenschichten demselben Alter angehören, da es möglich wäre, daß diese sonderbaren Geschöpfe in Afrika länger erhalten geblieben sind als in Europa oder Indien. In denselben Lagern hoben sich noch Reste eines kleinen Rhinozeros, einer riesigen Landschildkröte von der Gattung Trionyx und von Krokodilen gefunden. So weit aus dem inneren Afrika waren bisher tertiäre Säugetierrest« nirgend bekannt. Medizinisches. Die Blinddarmentzündung bei Kindern. Die Blinddarmentzündung, unter der man jetzt allgeniein die Entzündung des sogenannten wurmförmigen Ansatzes des Blinddarmes l�.pxaiickix) versteht, hat durch die Kunst der Chirurgie viel von ihrem Schrecken verloren, aber wird vielleicht noch weniger gefürchtet werden, wenn, wie es den Anschein hat, die Aerzte solche Mittel dagegen finden, daß auch die Operation überflüssig wird. Ganz aus- geschaltet wird sie freilich sicher niemals werden. Am bedenklichsten steht eS mit der Blinddarmentzündung noch immer bei kleinen Kindern. Bei den Erwachsenen stirbt an der Blinddarmentzündung heute nur noch jeder fünsundzwanzigste bis fünfzigste der Erkrankten, während bei den Kindern die Sterblichkeit im Durchschnitt Iki bis 30 Proz., also bis fast ein Drittel beträgt. Dr. Hans Salzer hat jetzt in einem Vortrage vor der Wiener Gesellschaft der Aerzte auf Grund seiner umfangreichen Erfahrungen untersucht, worin diese größere Gefährlichkeit der Blinddarmentzündung bei Kindern begründet ist. Er hatte im Laufe von vier Jahren 200 Fälle solcher Erkrankungen an Kinder» in Behandlung, von denen 133 operiert wurden. Bei den anderen wurde eine Operation nicht vorgenommen, obgleich Dr. Salzer den Standpunkt vertritt, daß noch immer eine eigentlich» Heflung ohne Operation nicht möglich ist. Außerdem starben zwei der Kinder so kurze Zeit nach der Einlieferung, daß ihre Rettung nicht einmal mehr versucht werden konnte. Von den 133 operierten Kindern starben 22, also 13'/z Proz. oder reichlich viermal so Vieh als man hätte erwarten sollen, wenn eS sich um erwachsene Kranke gehandelt hätte. Es wäre nun wirklich an der Zeit, die Gründe.dieseS Unterschieds ausfindig zu machen. Ueberall werden die größten Be- mühunqen aufgewandt, um die hohe Kindersterblichkeit herabzusetzen, und insolgedesien sollte man darauf denken, auch diesem Feind, der schon so nrantbes hoffnungsvolle Leben hinweggerafft hat, den Boden abzugraben. Dr. Hans Salzer hat alle Erklärungen, die man für die große Kindersterblichkeit durch AppendicitiS vor« gebracht hat. gründlich erörtert. Einmal ist angeführt worden,, daß lener Wurnifortsatz deS Blinddarms, der überhaupt als ein rück« ständiger Körperteil zu betrachten ist, bei den Kindern im Verhältnis zur Länge des DarmS eine erheblich größere Entwickelung besitzt und dadurch auch wohl leichter einer Entzündung ausgesetzt ist. Dieie An- nähme weist Dr. Salzer ebenso zurück wie die Behauptung, daß die Blinddarmentzündung bei Kindern schwieriger zu erkennen sei. Wenn eS sich nicht um ganz kleine Kinder unter zwei Jahren handelt, kann die Krankheit ebenso leicht festgestellt werden wie bei Erwachsenen. Endlich ist auch die Vermutung, daß die Krankheit selbst bei Kindern einen heftigeren verlauf nimmt, zum mindesten nicht erwiesen. Dr. Salzer findet vielmehr den hauptsächlichen Grund darin, daß die Kinder zu spät dem Arzt zugeführt und infolge« dessen auch zu spät operiert werden. Die Merkmale der Krankheit sind sreilich so wechselnd, daß sie für die Eltern nicht leicht zu verstehen sind. Andererseits sind sie stark genug, um jeden kundigen Arzt auf den richtigen Verdacht lenken zu können. Dr. Salzer meint freilich, daß auch die Laien so weit aufgeklärt werden müßten, daß ihnen eine Beurteilung möglich wäre, wenn bei einer kindlichen Erkrankung an Blinddarmentzündung gedacht werden muß._ vorwärtsBuchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul SingerchCo-.Berlin SW,