Unterhaltungsblatt des'Donvörls Nr. 109. Freitag, den 9. Juni. 191t (NacSdrult tzerdvlsn.) q Pelle der Eroberer. Lehrjahre. Nkoman bon M. Aitderseit N e x o. Berechtigte Uebersetzung von Mathilde Mantt. -..Wo ist Bater Lasse?" fragte Pelle nun: er hatte einen Kloß im Halse, wenn er den Vater nur nannte. «Ja, ja, laß mir man Zeit, denn will ich Dich hin- begleiten.— Wie fein in Zeug Du doch geworden bist, ich hätt Dich beinah gar nicht wiedergekannt. Nich' Marie?" «Er is''n süßen Jung— das ist er' immer gewesen," sagte Marie und stieß mit dem hochspannigen Fuß nach ihm— sie war wieder im Bett. „Es ist derselbe Anzug, den ich immer gehabt habe," sagte Pelle. «Ja, ja, aber dann trägst Du ihn anders, da in der Atadt sehen sie ja all' wie die Grafen aus. Wolln wir denn geh'n?" Pelle sagte der blonden Marie freundlich Lebewohl, es fiel ihm ein, daß er ihr viel zu verdanken habe. Sie sah ihn so sonderbar an und wollte seine Hand unter das Oberbett ziehen. «Was ist es denn mit dem Vater?" fragte er ungeduldig, sobald sie draußen waren. Ja, Lasse, der hatte also Reißaus genommen! Er hatte tzs nicht aushalten können, als Pelle fort war. Die Arbeit war auch zu schwer für einen. Wo er sich im Augenblick auf- hielt, wußte Karna auch nicht zu sagen.„Er ist bald hier, bald da und sieht sich Grund und Boden an," sagte sie stolz. „Du kannst eines schönen Tages auf seinen Besuch in der Stadt gefaßt sein." „Wie steht es denn sonst hier?" fragte Pelle. „Hm, Erik hat ja seine Sprache wiedergekriegt und fängt an, wieder Mensch zu werden, er kann doch nun sein Recht fordern. Und Kongsdrup und seine Frau die saufen um die Wette." „Sie saufen zusammen, so wie der Holzschuhmacher und seine Alte?" „Ja, und zwar so, daß sie oft in den Stuben da oben liegen und schwimmen und sich vor Spiritusnebel nicht sehen können. Hier.geht alles schief, das kannst Du Dir wohl denken, herrlos— wehrlos, sagt ein altes Sprichwort. Aber was soll man dazu sagen, weiter haben sie sa nichts nich' ge- mein! Denn das Beste zwischen ihnen, damit is' es ja aus.— Aber mir is' es ganz egal, denn sobald Lasse was gefunden hat, lauf ich hier weg." Das konnte Pelle gut verstehen, er hatte nichts dagegen. Karna sah ihn staunend von Kopf zu Fuß an, während sie weitergingen:„Ihr lebt woll höllisch fein, da in der Stadt?" „Ja—'ne essigsaure Suppe und ranzigen Speck, hier haben wir weit besser gelebt." Sie wollte es nicht glauben, es klang zu töricht:„Aber wozu is' denn all das, was sie in den Kausmannsläden haben, oll die Eßwaren und das Gebäck und die süßen Sachen? Wo bleibt das denn all?" „Das weiß ich nicht," sagte Pelle mürrisch, er hatte selbst über diese Frage nachgegrübelt.„Ich krieg, soviel ich jessen kann, aber für Wäsche und Kleider muß ich selbst sorgen." Karna konnte sich gar nicht von ihrem Schreck erholen, sie hatte die Sache so angesehen, als sei Pelle schon zu Lebzeiten in den Himmel aufgenommen.„Aber wie machst Du das denn?" sagte sie bekümmert,„das kann ja schwer genug für Dich werden.— Ja, ja, sobald wir erst den Fuß unter den eigenen Tisch setzen, woll'n wir Dir nach besten Kräften helfen." Oben an der Landstraße trennten sie sich und Pelle machte sich müde und niedergeschlagen auf den Rückzug. Es war fast Tag, als er wieder anlangte, er kam ins Bett, ohne daß jemand etwas von dem Fluchtversuch merkte. 3. Der kleine Nikas hatte sich die Wichse aus dem Gesicht Mrieben und seinen guten Anzug angezogen: er wollte auf den Markt mit einem Bündel Wäsche, das der Schlachter auI Aaker seiner Mutter nach Hause mitnehmen sollte, und PellS ging hinter ihm her und trug das Bündel. Der kleine Nikas begrüßte viele freundliche Dienstmädchen ringsumher in den Häusern, und Pelle fand, daß es ergötzlicher sei, neben ihm zu gehen als hinterdrein— man war doch zu zweien, um zusammenzugehen. Aber jedesmal, wenn er an die Seite des Gesellen trat, stieß ihn dieser in den Rinnstein. Schließ«. lich fiel Pelle über ein Rinnsteinbrett, und dann gab er es auf« Oben in der Straße stand der verrückte Uhrmacher am Rande seiner hohen Treppe und schwenkte mit einem Gewicht? es hing an einer langen Schnur: mit den Fingern folgte er den Pendelschwingungen, als zähle er die Zeit. Das war: sehr spannend, aber Pelle fürchtete, daß es dem Gesellen ein« gehen könne._- „Der Uhrmacher experimentiert wohl nur," sagte etZ lebhaft.« „Halts Maul," rief der kleine Nikas kurz angebunden. Da fiel es Pelle ein, daß er nicht reden durfte, und er klemmtef den Mund fest zu., Er befühlte das Bündel, um sich ein Urteil über deni Inhalt zu bilden. Die Augen hatte er in allen Fenstern undi in den Seitengassen: jeden Augenblick führte er die hohle Hand an den Mund, als gähne er und verschlang einen Happew SHnarzbrot, das er in der Küche gemopst hatte. Die Trag« bänder waren gerissen und er mußte fortwährend den Bauchi vorstrecken: da war hunderterlei zu beobachten— und des Kohlenhändlers Hund mußte einen Fußtritt hinten vor kriegen, während er in gutem Glauben dastand und einen» Eckstein beschnüffelte. Ein Leichenzug kam ihnen entgegen, der Geselle ging en?« bläßten Hauptes daran vorüber, und Pelle tat wie er. Ganz hinten im Zuge kam Schneider Bjerregrav auf seinen Krücken? er folgte bei allen Begräbnissen und ging immer ganz hinten an, weil seine Gangart so großen Spielraum erforderte. Er stand still und sah zu Boden nieder, während das übrige Gefolge sich einige Schritte entfernte, setzte dann die Krücken vor, bewegte sich eine Spanne vorwärts— und stand wieder still. So kam er auf seinen kranken Beinen vorwärts, nur indem er stillstand und sich die anderen ansah und dann hin und wieder einen Schritt machte: er glich einem langsam wandernden Zirkel, der die Bahnen der anderen maß. Aber das amüsanteste war, daß er vergessen hatte, bis Klappe seiner schwarzen Begräbnishosen zuzuknöpfen, sie hing ihm wie ein Schurzfell über die Knie herab. Es war nicht ganz sicher, daß der Geselle das entdeckt hatte.� „Bjerregrav hat vergessen--" „Halts Maul!" Der kleine Nikas machte einen RuÄ nach hinten, und Pelle duckte den Kopf und preßte die Hand» fest gegen den Mund. Aber oben in der Staalegade war ein großer Auflauf« ein mächtig fettes Frauenzimmer stand da und zankte sich mit zwei Seeleuten. Sie war in Nachtmütze und Unterrock, undj Pelle kannte sie. „Das ist die S a u ," sagte er aufgeräumt—«sie ist ein fürchterliches Fraucnziinmer." Schwupp fiel der kleine Nikas mit einer Ohrfeige über ihn her, so daß er sich auf die Treppe des Bildschnitzers nieder« setzen mußte.„Eins, zwei, drei, vier— so jetzt komm!" Er zählte zehn Schritte vorwärts und setzte sich in Bewegung. „Aber Gott sei Dir gnädig, wenn Du nicht den Abstand be« wahrst." Pelle hielt redlich den Abstand inne, aber wütend war et und flugs entdeckte er, daß der kleine Nikas ebenso wie der alte Jeppe ein zu großes Hinterteil hatte. Das kam gewiß von dem vielen Sitzen— man wurde krumm in den Leisten. Er streckte den Hintern tüchtig heraus und schlug eine Falte in die Jacke über den Lenden, hob sich kokett auf den Fußballen und stolzierte dahin, die eine Hand auf der Brust. Wenn der Geselle sich juckte, tat Pelle es auch und machte dieselben flotten Schwingungen mit dem Körver: seine Wange brannte, aber er war höchst zufrieden mit sich selbst. Sobald er sein eigener Herr war, fragte er bei den � Landschlachtern rum. um etwas Neues von Lasse SU erfahren« aber niemand wußke etwas. Er ging von Wagen zu Wagen und fragte.„Lasse Karlsson?" sagte einer—„ach das war ja der Kuhhirte aus Stengaarden!" Dann rief er einen an- deren an und fragte nach Lass;— dem alten Stengaarder Kuhhirten, und der rief wieder einen- Dritten an: sie kamen alle an den Wagen heran, um die Frage zu bereden. Da waren Leute, die fortwährend die Insel abgrasten, um Vieh aufzukaufen: sie kannten Gott und alle Welt, konnten aber keine Aufschlüsse über Lasse geben.„Dann ist er auch nicht hier auf dem Lande," sagte der erste ganz entschieden. Du mußt Dir einen anderen Vater zulegen, mein Junge." Aber Pelle war nicht zum Scherzen aufgelegt und schlich vom Wagen fort. Uebrigens mußte er nach Hause an die Arbeit: die kleinen Meister, die eifrig von einem Wagen zum anderen huschten und das Fleisch befühlten, schielten schon zu ihm hinüber. Sie hingen zusammen wie Erbsenstroh, wenn es sich darum handelte, die Lehrlinge im Zaum zu halten, sonst waren sie neidisch genug aufeinander.-- Bjerregravs Krücken standen hinter der Tür, er selbst saß in steifstem Bcgräbnisstaat neben dem Fenstertritt: er hatte ein weißes, zusammengelegtes Tuch zwischen den ge- falteten Händen und trocknete flerßig die Augen. „War er vielleicht ein Angehöriger von Ihnen," fragte her junge Meister verschmitzt. „Nein, aber es ist so traurig für die, die zurückbleiben— Frau und Kinder. Irgend jemand ist da ja immer, der trauert und vermißt. Die Menschen führen ein sonderbares Dasein, Andres." „Ja— und die Kartoffeln sind schlecht in diesem Jahr, EjerregravI" Der Nachbar Jörgen füllte die ganze Türöffnung aus. (»Herrje, da haben wir ja den feiigen Bjerregrav," rief er aus und im feinsten Staat. Was hast Du denn heute vor, gehst Du auf Freiersfllßen?" „Ick habe gefolgt I" antwortete Bjerregrav still. Der große Bäcker machte eine unwillige Bewegung, er siebte es nicht, unversehens an den Tod erinnert zu werden. „Du Bjerregrav, Du solltest Leichenwagenkutscher werden. denn arbeitst Du doch nicht umsonst!" .tFortsetzung folgt.U (Nachdruil Octßoten.) Spiele im freien. Von flöte Damm- Berlin. Je mehr die Städte wachsen, desto schwieriger wird es für die Kugend, sich so reckt aus Herzensgrund dem Spiel im Freien hinzugeben. Deshalb ist man an maßgebenden Stellen bemüht, große, zur Verfügung stehende Plätze, z. B. Schulhöfe, zum Spielen benutzen zu lassen oder in der näheren Umgebung der Großstädte geeignete Spielplätze anzulegen. Natürlick zunächst für die Schuljugend, und wer die schönen öffentlichen Spielplätze im Treptower Park oder auf der Waldwiese zu Buch bei Berlin ge- sehen hat, belebt von der Schar lufthungriger Grohftadtkinder, der wird wissen, welch eine Notwendigkeit es ist, der Jugend die Ge- lcgenheit zum Spiel zu verschaffen. Wie herrliche Spielplätze bieten ländliche Wohnorte, Dorf- anger, Gärten, vor den Toren kleinerer Städte. Welche Fülle von Jugendlust und Jugendfreude können sie in sich schließen. Denn � die Jugend mutz spielen, und zwar nicht nur im Zimmer, im Saal, in der Turnhalle, sondern in frischer freier Luft, frei von jeder Fessel, zu denen auch die Gefahren der Wagen und Auto- mobile gehören. Ein idealer Spielplatz soll, wegen der damit ver- bundenen Gefahr, nicht nahe der belebten Straße liegen, dann aber auch aus dem Grunde, weil das Geräusch da? Spiel störend beein- ussen würde. Die meisten Spiele sind ja mit Laufen, Springen. anzen oder Singen verbunden. Die Nerven aber, die sich im Spiel stärken, würden durch starke, oft wiederholte laute Geräusche leiden, so daß das Spiel Anstrengung, aber keine Erholung brächte. Die Spiele im Freien mit Reihentanz. Laufen, Springen, Ge- sang usw. gehören so recht�der Jugend an, und man ist seit un- gefähr vierzig Jahren diesen Belustigungen für die erwachsene Fugend wieder nähergetreten. Namentlich fiir Ballspiele aller Art, — lvährend daß vor vierzig Jahren noch auch von den Großen gern gespielte Reifenspiel fast ganz aus der Mode gekommen ist. Das ist um so bedauerlicher, weil gerade im Reifschleudern und Auffangen fich so viel Grazie, Sicherheit und Kraft entfalten kann, daß das Reifcnspiel jedenfalls einen weit anmutigeren Anblick gewöhn als das Lawn-TenmS. Dieses letztere Spiel— eS ist ursprünglich aiü deutsch, denn man kannte in den mittelalterlichen Ballhäusern schon das Ballschlagen mit dem Racket= mußte erst den Umweg über England nehmen, um wieder fft Deutschland aufgenommen zu werden und Verbreitung zu finden. Uebrigens ist das Tennis« spiel durch die Turniere fast zu einem Sportspiel geworden. während die anderen Spiele ohne Ausnahme allein ihrer eigenen Reize halber gespielt werden. Die Spiele sind von jeher ein Gradmesser für eines Volkes Bildungsstufe gewesen; je höher ein Volk an Bildung und Kultur« desto sinnreicher, inhaltsvoller und mannigfaltiger sind seine Spiele. Vielfach mag der oberflächliche Zuschauer zwar meinen. daß dieses oder jenes Spiel„ohne Sinn und Verstand ist". Das ist jedoch nie der Fall; ein grundlegender Spielgedanke ist immer vor- Händen, die Spielregel wird stets, wenigstens von wirklichen Spielenden, innegehalten, und im allgemeinen sind alle Spiele mit den einfachsten Mitteln dramatisch belebte Gedanken. Früher war mit dem Reihentanz das Zuwerfen und Auf- fangen des Balls verbunden, und der Name für eine Tanzfestlich- keit ist daraus entstanden. Als es dann nicht mehr nur die derben Lederbälle gab, die sich wohl schleudern und auffangen ließen, die aber nicht mit der Vielseitigkeit behandelt werden konnten wie der später erfundene, mit Luft gefüllte Gummiball—- welch eine große Bedeutung erwarb er seitdem I Eine Bedeutung, die ihn durch Fröbel um die Mitte des ver- gangencn Jahrhunderts zu dem Universalspielzeug des Kindes und der Jugend machte. Es liegt schon in der Natur des springen- den Balles, daß der eigentliche Spielort für ihn der freie Platz ist, wo er— ungehemmt durch Zimmerdecke, Möbel, Bilder, Glas- fenster— seinen Flug hoch in die Luft nehmen kann. Der Ball ist schon darum das wichtigste Spielzeug für die Kinder, weil sie geneigt sind, ihn als ein hüpfendes, rollendes, laufendes Lebewesen zu betrachten, und weil er von allen Spielen die schönsten ver- mittelt, deren Zahl fast unübersehbar ist, vom einfachen Fangeball» Prellball, Königsball angefangen bis zu den Ball- und.Kugel- spielen, die schon größere Sicherheit beanspruchen. Abgesehen von dem unmodernen Reisenspiel, das leider noch keine neue„Aus- landsmode" wieder bei uns heimisch machen will, gibt es dann die Lauf- und Haschenspiele, die Knötel- oder Plumpsackspiele, das Seilziehen und«Seilspringen, die Spiele mit Pfählen, Stäben und Ringen. Zu den Lauf, und Haschespielen gehört auch das bekannte Spiel: Räuber und Prinzessin. Aus diesem Spiel spricht ganz deutlich das Bestreben der spielenden Jugend, dem einfachen Haschespiel einen dramatisch-belebten Gedanken unterzuschieben» und da im Mittelalter das Räuberwesen allgemein verbreitet war, so hat man später die Phantasie zu Hilfe genommen und die von Räubern entführte und erlöste Prinzessin in das deutscheste aller Spiele aufgenommen. Gleich deutschen und mittelalterlichen Ursprungs sind bis Spiele, die Nonnen im Kloster verbergen lassen, während bis Kampfspiele zwischen Winter und Sommer, zwischen Himmel und Hölle, z. V. die Goldene Brücke, die Spiele mit nach außen und innen gewendetem Kreise: Sieben Jahr find um und um, Und die Gertrud dreht sich um.. weit älier sind und sich auf deutschen Mvthen aufbauen. Dls „sieben Jahr", von denen der Vers, ohne nähere Verbindung mit dem eigentlichen, im Volksgeist fast verloren gegangenen oder ver» löschten Spielgedanken, sagt, sind einfach die sieben Wintcrmonate« die nun durch den Sommer vertrieben werden: ... Und hat ihr den Kranz beschert Von lauter grünen Blättern. Dieser Kranz ist das Zeichen des wiedergekehrten Sommer?. In dieser Weise ist der Volksgeist immer an der Arbeit ge» Wesen, irgendwelche Begebenheiten, auch wohl Sagen, zu einem dramatischen Spiel zu gestalten. Ein weiterer Beweis dafür ist das noch heute oft gespielte Spiel vom Kirmesbauer, ebenfalls eins der deutschesten Spiele, die es überhaupt gibt: „Es ging der Bauer inS KirmeSholz—" Kirmes war ja im späteren Mittelalter bis hinein in dio neuere Zeit eins der beliebtesten und schönsten Feste des deutschen Volkes. Unter dcm KirmeSholz(das im Volks« und Kindermund vielfach zum Kürbisholz entstellt ist) hat man sich den mit Lauh und Blumen geschmückten Festplatz zu denken. Fröbel, als Neugestaltcr deS Kinderspiels, mochte eigentüm« licherweise gerade dieses Spiel durchaus nicht leiden; er erfand dafür das gewiß nicht minder hübsche, jedenfalls sinnreickers „Wollt Ihr wissen, wie der Bauer seinen Hafer aussät", in dem er die Kinder die Arbeiten deS Bauern beim Säen, Mähen, Dreschen und so weiter mit den Händen nachahmen ließ. Dennoch hat dieses Spiel den Kirmesbauer vom deutschen Spielplatz nicht verbannen können.. Ein alteö Spiel, da« an die Feier lustiger Fastnachts- odrv Nikolausabende erinnert, ist das sogenannte Bischossspiel: Der Herr ist nicht zu Hause« Er ist auf einem Schmause. Wcnn er wird nach Hause kommen, 8B?rd er angeklingelt kommen, DaS biet gespielte:„Es kommt ein Herr aus Nitnve� geljSrt gu den Spielen mit Gassen- oder Reihenaufstellung, die mit Hin- und Zurückgehen und Uebcrtretcn der einzelnen Spieler zu dem zuerst allein vor der Stirnaufstellung Stehenden aufgeführt wer- den, und ist einem uralten Volksschrittanz der Bewohner der Fawer-Jnseln entnommen. Während manche, noch Mitte des letzten Fahrhunderts gern gespielten Spiele, z. B.:„Kaufe lange Leinwand" oder„Vogel- Händler", bei dem es auf Laufen und Hoschen oder Freikommen ankommt, fast allgemein vergessen sind und nur ganz selten noch gespielt werden, haben sich die Spiele, die sich auf dem Grund- gedanken eines Liedes aufbauen, besonders wenn die dazu gehörige Melodie anmutig, takisicher und nicht zu schwer ist, in der letzten Zeit vermehrt. Das erste Spiel dieser Art dürften wir mit„Kommt ein Vogel geflogen" ebenfalls Fröbel danken, der das Lied mit Thor- und Einzelgesang dramatisch belebte. Dahin gehören die Reigenspiele:„Die Stampfen in der Muhle, die gehen auf und ab" mit dem bei„Klipp klapp" taktmätzigen Händeklatschen, ferner »Die Tiroler find lustig" und das sehr reizende Spiel, das aus dem allbekannten Liede Müllers:„Das Wandern ist deS Müllers Lust" entstand und das wirklich einen anmutigen Anblick gewährt. Ich habe das Spiel von Berliner Fcrienkolonie-Kindern, von den »höheren Töchtern" in der eleganten Pension, von Berlins armen Gemeindeschulkindern auf dem Fcrienspielplatz zu Buch, in der Turnhalle unter Aufsicht der Turnlehrerin oder des Turnlehrers spielen sehen, und immer hat mich dieses Spiel von neuem ent- zückt. Es schien übrigens auch, als wenn gerade dies Spiel mit einer ins Ohr fallenden Melodie(von K. Zöllner) mit besonderer Liebe und Hingebung gespielt wurde. Es sieht wunderhübsch aus, wenn sich die Räder zusammenfinden und im Nachstcll- oder Kreuz- schrittgang im Kreise drehen oder wenn sich die Steine bilden. Das hübscheste aber ist die Auflösung der Steine und die Bildung zu Paaren, die im langen Wanderzug zu dem Gesänge der letzten Strophe:„O Wandern, Wandern— meine Lust..." im Reigen- tanzschritt im Kreise umherschreiten. In fast allen aus Liedern entstandenen Spielen sind die leitenden Spielgedankcn ganz klar, z. B. in„Liebe Schwester, tanz mit mir" oder in»Maiglöckchen läutet in dem Tal" oder„Erwacht, ihr Schläferinncn, der Kuckuck hat geschrien". Die beiden letzten stellen, dramatisch belebt, den Einzug des Frühlings dar. Weniger klar ist der Gedanke in dem seit ungefähr zehn oder zwölf Jahren sehr beliebten Spiel:»Der Fürst von Thoren", das, nach alter ostpreußischer Melodie gesungen, einen fürstlichen Jagdzug dar- stellt. Daß auch unsere deutschen Märcken zu dramatisch gestalteten Spielen taugen dürsten, zeigt das Spiel„Dornröschen", das sich einfach dem Gedankengang des Märchens anschließt. Trotz der ein' fachen Anordnung, die, wie es bei derartigen Spielen selbstver- ftändlich ist, aller bunten äußerlichen Hilfsmittel entbehrt, die weder blendende Kostüme, noch schöne stimmungsvolle Dekora- tionen haben können, ist das Dvrnröschenspiel von hohem poetischen Reiz. Namentlich das Wachsen der Hecken, wenn die spielenden Kinder, zuerst auf der Erde kauernd, sich bei den Händen gefaßt hallen, und dann ganz langsam in mehreren Takten sich bis auf die Fußspitzen erheben, die Arme emporhaltend mit dem Gesang: „Da wuchs die Hecke riesengroß— Riesengroß— riesengroß— Da wuchs die Hecke riesengroß Rie— sen— groß" als Hecke das schlafende Dornröschen einschließen. Ucbrigcns ist der gemeinsame Gesang oder Wechselgesang eine Hauptstütze aller Spiele. Denn beim taktmäßigen Gesang regelt sich unbewußt, ohne daß die Spielenden besonders darüber nach- denken müssen, der Rhythmus, und der Körper sowohl wie der Geist nehmen die taktmäßige vorgeschriebene Ordnung als etwas Selbstverständliches in sich auf. Der Gesang regt die Bewegungen, die Schritt« an, er trägt zur Verschönerung des Spiels und zur Anmut der Spielenden bei und übt also auch hier, in seiner primitivsten Ausführung, durch noch ungeschulte Kinderstimmcn seine veredelnde Wirkung. Ge- sangsspiele werden stets die Lust am Spiel in bedeutsamer Weise wecken, fördern und erhöhen. Das Spiel ist im Freien die größte Wohltat für die Kinder, für die Heranwachsenden ein Jung- brunnen im wahrsten Sinne des Wortes. Es stählt den Körper, macht ihn geschmeidig durch die gebotene, vielfach rhythmisch ein- geteilte Bewegung, gibt Frohsinn und Lebendigkeit— auch den kleinen Schüchternen und den kleinen Sckwerfälligen. Und wie festigt das rechte Spiel Gemüt und Charakter durch die Stellung aller— ohne Ausnahme— unter die Spielregel. Dadurch lernt das Kind die Wohltat der ihm auch im späteren Leben so nötigen Disziplin. TaS Spiel kommt allen Erziehnngskünstcn durch ganz einfache Erkenntnisse zu Hilfe, denn: der Spielregel ist jeder der Mit- spieler unterworfen, sogar die mitspielenden Eltern oder der mit- spielende Lehrer oder die Lehrerin. Niemand darf sich gegen die Spieircgel auflehnen, niemand, der richtig zu spielen versteht, wird es tun. Und dann noch eins: Wie bei der Arbeit, so sollen die Kinder auch im Spiel ganz„bei der Sache" sein. Es kommt vor. daß unter den zahlreichen Spielen eins oder das andere ist, daS nicht gleich den Beifall der Spielenden findet. Das zeigt sich am besten durch Unausmerksamleit, während bei einem beliebten fesselnden Spiek die Spieler so vollständig davon in Anspruch genommen sind, daß sie für Ablenkungen irgendwelcher Art nicht zu haben sind und Störungen von außen sehr unangenehm empfinden. Das Spiel ist eine Erfrischung für den Erwachsenen, eins wohltuende Ablenkung und Unterbrechung irgendwelcher mehr oder weniger gewohnten beruflichen Tätigkeit— für die Kinder ist daS Spiel mehr, namentlich das Spiel im Freien: es ist eine Not- wendigkeii, eine Forderung; denn das Spiel ist unersetzlich zur Gewinnung und Bewahrung von Kraft, Jugendfrischc, von Cha- rakter- und Gemütswerten, die wir den Generationen fernerer Zeiten wünschen, Kleines f einlleton. Schriftarten bei der Volkszählung. In den Statistischen Monats» berichte» der Stadt Halle vom Februar 1911 findet sich eine Zu- saminenstellung darüber, wie viele Personen bei der Ausstellung der Volkszählungskarten deutsche oder lateinische Buchstaben verwandten. Da jedermann sein Zählblatt in der Schriftart ausfüllen wird, die ihm am geläufigsten ist, gäbe eine Auszählung ein Bild von der Bevorzugung dieser oder jener Gattung. Leider hat der Direktor des AmteS Dr. Wolff aber nicht alle 12 Beantwortungen auf die gestellten Fragen einer Volkszählungskarte berücksichtigt. Vielmehr ließ er die Antworten aus die ersten 6 Fragen nach Vor- und Zu- namen, Geschlecht, Familienstand, Zahl der Kinder(die ja auch zum Teil in Buchstaben angegeben sein wird), Alter»nd Gebnrts- gemeinde unberücksichtigt. Ausgezählt wurden nur die Ausfüllungen, über Berus. Stellung»n Beius. Religionsbekenntnis, Mutlersprache» Staatsangehörigkeit und Dienstgrad(bei aktiven Militärpersonen) sowie Arbeitsstätte(Zusatzfrage in Halle). Dadurch wollte Dr. Wolff „eine erböhte Wahricheinlirbleit für die Verwendung der Antiqua" ausschalten, waS denn auch so gut gelungen, daß nun eine künstlich erhöhte für den Gebrauch von Fraktur enlstanden ist I Als reine Antiqua- oder rein Deutsch-Schreibender wurde ge» zählt, wer alle berücksichtigten Antworten in einer Schreibweise ge» schrieben hatte. Als„gemischt" wurde gezählt, wenn eine Zeile in einer andern Schrift als die übrigen beantwortet war. Es lagen 180 804 Zählblätter vor. Da viele Blätter von einer Person(meist dem Hanshallungsvorstnnd) ausgefüllt werden, ist die Zahl der Schreiber beträchtlich geringer. Von den 180804 Blättern waren geschrieben in deutschen Buchstaben 143 658 oder 79,4 Proz. » lateinischen„ 20 203» 11,2» » gemischter Schrift 16 993„ 9,4» Da die Gemischtschreibenden zn den Personen gerechnet werden können, die Anliqnaichrift vorziehen, würde der Gebrauch von Antiqua von rund einem Fünftel der Hallenser Bevölkerung bevor- zugt werden. Ausländer können die Zahl der Lateinschreibenden nicht wesentlich erhöht haben, da von 1500 über die Hälfte deutsch» sprachlicher Herknnst waren. Am häufigsten war die Lateinschrift in den Stadlgegcnden vertreten, die eine starke Beamten-, Kaufmanns-, Dozenten- und Stuventcnbcvölkeruiig aufweisen. Im Studenten» Wohnviertel sank die Zahl der Deutschschreibcnden z. 93. auf 68 Proz. Wenn die Arbeit detailliert durchgeführt und auf alle Aittioorten sämtlicher bei der BollSzähluug beantworteter Fragen(neben denen in Zählblättrrn auch auf die in den HanShaltiuigskarten usw.) aus« gedehnt worden wäre, hätte sich ein genaueres Bild von der Ber- breitung der Schriftarten ergeben. Jetzt kann die Arbeit»nr als Anregung dienen.£. L. Kulturgeschichtliches. Ans der Urgeschichte des Klaviers. Wenn n,an die Klaviere, die zu Zeiten Bachs als die vollkommensten ihrer Art galten, mit den PimioS der Gegenwart vergleicht, so erscheint uns das Instrument des achtzehnten Jahrhunderts wie eine Urform, di« eigentlich kaum noch primitiver zu denken ist. Dennoch ist es klar, daß das Klavier auch damals bereits eine langfristige Entwickelung vor sich gehabt haben mußte. Dr. Peyne von der Universität Manchester hat die ersten Ursprünge des Pianos bis auf die Zeiten der allen Inder und Aegypter'zurückgciührt. Der Psalter der Hebräer und die Lyra der Aegypter sollen bereits als Vor- läufer des Klaviers betrachtet werden. Es läßt sich aber auch allgemeiner sagen, daß alle ähnlichen Instrumente, also alle Harfen, Lauten, Plektra und wie die Saiteninstrumente zum Sckilagcn und Zupfen sonst»och genannt worden sind, zn einer Familie gehören, aus der daS Klavier sich entwickelt hat. Die Saiteniiistcumcnte, die im Altertum viel gebraucht wurden, waren die Harfe und die Lyra, und zivar läßt sich nachweisen, daß die Munker im alten Theben vor 5000 Jahren schon aus einer Harfs spielten, wie sie fast unverändert noch am Ausgange de» Lltertuins gebraucht wurde. Verschieden war an diesen alte» Instrumente» die Zahl der Saiten. Wie diese gespannt und wie das Instrument überhaupt gespielt wurde, läßt sich nicht mehr sagen, weil nach der fast einstimmigen Meinung der be« ' deutcndsten Sachverständigen die alten Aegypter und Griechen von «wer hakmö'.üschen Tonfolge noch nichts gewußt ßa5en. NlS die Er- finbungen, die auf das Klavier hingeführt haben, bezeichnet Dr. Pehne daS Monochord, den Psalter und das Hackbrett. Das Monochord soll vom alten Pythagoras erfunden worden sein. Es bestand aus einer einzigen Saite, die sich zwischen zwei Stegen über einem Resonanzkasten schwang und nur einen Ton abgab wie eine Stimmgabel. Aus dem Monochord entwickelte sich das Klavichord. Der Psalter deS Altertums scheint dagegen dem sogenannten Harpsichord oder Spinett die Entstehung gegeben zu haben. Der alte Psalter sah äußerlich einem Hackbrett ähnlich, aber der Ton wurde in ganz anderer Weise hervor- gebracht, nämlich durch Stäbchen, an deren Stelle beim Hackbrett Hämmer traten. Eine besondere Abart des Spinetts, die als Birginal bezeichnet wird, war im sechzehnten Jahrhundert in England in der Mode und wurde besimderS vom König Heinrich VIII. begünstigt. Der Unterschied zwischen dem Birginal und einem Spinett bestand lediglich darin, daß jenes rechteckig, dieses dreieckig war. Das Harpsichord wies dann eine erhebliche Vcr- größerung und Verbesserung auf und zeichnete schon in der Gestalt das Klavier späterer Zeiten vor. Durch diesen Fortschritt wurde die Klaviennusik der allklassischen Zeit überhaupt erst denkbar. Der un- »nittelbare Vorläufer des Pianos war dann das Tastenhackbrett, das im Jahre 1709 von Christofori in Padua erfunden wurde. Medizinisches. Heilt da? Radium Krankheiten? Sir William Rain- sah, der berühmte Erforscher atmosphärischer Gase und eine Kapazität auf dem Gebiete der Radium-Transmutation, äußerte kürzlich auf einer Gelehrlenversammlung in London seine Auffassung über den Einfluß des Radiums auf das Leben des Menschen. Den Anlaß zu seinem Vortrag gab ein Experiment von Professor Gabriel Petit, der einem alten Pferde eine größere Dosis Radium- lösung eingespritzt und damit eine bedeutende Kräftigung des stark verbrauchten Gaules erzielt hat. Ramsay teilt jedoch nicht die Auffassung, daß eine Radiuminjektion so verjüngend auf den Organismus wirken könne. Derartige Versuche, so führte der be- rühmte Gelehrte aus, sind bereits oft an Menschen und Tieren ge- macht worden. Es ist jedoch nicht gelungen, irgendwelche nennens- Merten Ergcbniffe zu erzielen. Trotz alledem ist es nicht zu be- streiten, daß in manchen Fällen durch Radiumbebandlung ver- hältnismäßig befriedigende Erfolge erzielt wurden. Ramsah hat mehrere Katzen mit Radium behandelt. Das Ergeb- nis war nicht günstig. Sämtliche Katzen erkrankten schwer und starben nach kurzer Zeit. Von acht mit Radium behandelten Personen, die an vorgeschrittenem Krebse litten, gesundete nur eine. Wei den anderen konnte man gar keine Besiennig beobachten, cS schien fast, als mache das Radium gar keinen Eindruck auf den Orga- »ismus des Menschen. Nur mit der äußeren Radiumbehandlung hat Ramsay, namentlich bei speziellen Krebserkrankungen, Erfolge erzielt. Dasselbe ist auch bei anderen Krankheiten, die mit Radium be- handelt wurden, festgestellt worden. Allerdings waren die Er- gebniffe sehr verschieden, doch zeigte die Haiit stets radioaktive Erscheinungen. Die Kundgebung des berühmten Gelehrten wird jedenfalls die übertriebenen Hoffnungen, die nian auf die Heil« Wirkung des RadiumS setzt, etwas abschwächen. Die ganze Radium- sorschung befindet sich, was auch Ramsay bestätigt, erst in« Anfangs- stadium. Es läßt sich deshalb heute noch nichts Bestimmtes über die Heilwirkung des seltsamen Stoffes sagen. Am allerwenigsten ist die Auffassung derer berechtigt, die im Radium ein Universal- Heilmittel für sänttliche Erkrankungen deS Organismus sehen wollen. Geographisches. Wie sind die Koralleninseln entstanden? Seit- bem Charles Darwin nach den auf seiner Weltreise gesammelten Er- fahrungen eine besondere Schrift über die Koralleninseln und Korallen- riffe der Südsee veröffentlicht und darin eine durchaus neue und buchst geistvolle Theorie aufgestellt hatte, ist die Erforschung dieser Gebilde als eine der vornehmsten Aufgaben der Geographie und Geologie betrachtet worden. Namentlich die englischen Gelehrten haben eigene Expeditionen nach den Koralleninselu im Indischen und Stillen Ozean ausgerüstet, um diese merkwürdigen, aus den Tiefen des Meeres aufsteigenden Bauten winziger Tiere möglichst gettau zu untersuchen. Die Anschauungen von Darwin haben dadurch in der Hauptsache nur eine Bestätigung erfahren, ober es sind selbstverständlich auch manche neuen Auffassungen aufgetaucht. Die größte Schwierigkeit der Erklärung hat immer darin gelegen, daß die 5?orallenbauten in Meeresteilen von ge- waltiger Tiefe zu finden sind, während die Polypen, deren gemein- fchastlicher Arbeit sie ihren Aufbau verdanken, nur in Gewässern bis. au 30 Meter Tiefe zu leben vermögen. Darwin schloß infolge» desien, daß die Riffe ursprünglich in seichtem Wasser angelegt wurden, dann nach und nach durch eine Senkung des Meeresbodens in das tiefere Meer gerieten, während die riffbauenden Korallen in der Nähe der Oberfläche weiterbauten. John Murray. der be- rühmte Naturforscher der Challenger- Expedition. hat diese Ruffassung dahin ergänzt, daß die Anlage der Riffe auf Platt- formen erfolgte, die aus den, Meeresgrund durch vulkanische Ereig- niffe heraufgehoben worden waren. Jetzt hat eS, wie der„Kosmos, Handweiser für Naturfreunde', mitteilt, der amerikanische Geograph Prof. Daly für nötig befunden, noch eine neue Theorie aufzustellen. Er meint, daß während der großen Eiszeit der Meeresspiegel be« deutend niedriger gelegen haben muffe, weil ungeheure Wasser« mengen als Eis in höheren Breiten festgelegt waren. In dem daher flacheren Meer hätten die Korallenpolypen ihre Bauten dann von» Boden an beginnen können. Astronomisches. Eine Kometen siati st ik, die vieles Jntereffante enthält; hat der französische Astronom Dr. Borrelly ausgearbeitet, und zwar hat er alle Kometen berücksichtigt, die seit dem Beginn des 16. Jahr» Hunderts, also seit rund 400 Jahren wahrgenommen und be» schrieben worden sind. Zunächst stellt er eine Liste der Ent« deckungen zusammen nach den Orten, wo sie geschehen sind. Er muß dies mit rechter Genugtuung getan haben, weil die Ver« dienste seines Vaterlandes dadurch in ein glänzendes Licht ge« stellt werden. Von allen Kometenentdeckungen sind nämlich in Marseille allein 64 und in Paris 46 gemacht worden, und alle anderen Plätze der Welt stehen weit hinter diesen Leistungen zurück. Es folgen dann Genf mit 16, Florenz mit 15, die Lick« sternwarte in Amerika mit 14, Berlin und Nizza mit je 12, die amerikanischen Sternwarten von Nashville und Rochester und die von Rom mit je 10 Kometenentdeckungen. Alle anderen Stern» lvarten sind mit noch geringeren Ziffern beteiligt. So wurden ent« deckt in Göttingen 8, in Leipzig. Slough und Cambridge je 7; in Heidelberg, Karlsruhe, Straßburg. Bologna, Mailand und Marlia je 5; in Altona, Bristol und Moskau je 4; in Bremen, Kiel, Nauen, Kopenhagen, Haarlem, LimogeS und auf dem Echoberg in Amerika je drei und an kleineren Stern» warten in Amerika noch je zwei Kometen. Eine Reihe dieser Stern» warten hat übrigens die Kometenjagd schon seit langer Zeit auf- gegeben, unter ihnen Florenz uud Bologna. Sehr groß erscheinen die Leistungen der Licksternwarte, die mit ihren Kometen- entdeckungen schon an fünfter Stelle steht, obgleich sie erst seit 35 Jahren arbeitet. Besondere Beachtung verdienen die weiteren Erhebungen von Dr. Borrelly über die Verteilung der Kometenentdeckungen auf Jahres- und Tageszeiten. In der zweiten Hälfte des Jahres sind diese Entdeckungen häufiger gewesen als in der ersten, und der Monat Juli hat darin den Vorrang vor allen anderen Monaten, während der Mai am meisten zurücksteht. Ferner lehrt die Geschichte dieser Forschungen, daß die Mehrzahl der Kometen in den Morgenstunden vor Sonnenaufgang entdeckt werden und nur etwa der dritte Teil abends. Dieser Um- stand ist deshalb merkivürdig, weil der abendliche Himmel weil häufiger von den Astronomen beobachtet zu werden pflegt. Die Verteilung auf die Jahreszeit stimmt übrigens überein mit der Tatsache, daß auch die Sternschnuppen in der zweiten Jahreshälfte viel zahlreicher auftreten, woraus sich ein neuer Beweis für die engen Beziehungen zwischen Kometen und Meteoren ergibt. Von jenen 376 Kometen, die dem Studium der Himmelsforscher in den letzten vier Jahrhunderten überhaupt vorgelegen haben, sind 106 periodischer Natur, das heißt sie laufen in einer gcfchlossenen Bahn um die Sonne. Nur 19 von ihnen aber sind bei niehr als einer Wiederkehr wahrgenommen worden. 3 werden als gänzlich verloren betrachtet. 56. sind mit bloßem Auge zu sehen gewesen, und von diesen wiederum 7 sogar bei Tageslicht. Besonders auffällig ist endlich auch für Dr. Borrelly die Erscheinung gewesen, die sich im vorigen Jahre wieder bewährt hat, daß nämlich auf eine Kometenentdeckung alsbald mehrere andere zu folgen pflegen, was Wohl nur einer gesteigerten Aufmerksamkeit zuzuschreiben ist. Naturwissenschaftliches. Betrug im Vogelleben. Unter der großen Vogelfamill« der Sänger führt eine Unterfamilie den Namen der Laubsänger. weil sie nur in Laubbäumen vorkommen. Von diesen hat wiederum die Art des sogenannten Weidenzeisig« die weiteste Verbreitung und ist namentlich auch in Deutschland häufig. Da? deutsche Volk muß diesen Vogel seit langem sehr geliebt haben, weil eS ihm allerhand Kosenamen gegeben hat. Brehm gibt davon eine hübsche kleine Auslese, in der sich die Bezeichnungen Fitting, Schmidt!. Wisperlein, Sommerkönig, Backöfelche» und Wcidenblättchen finden. Von diesem niedlichen, recht mannigfaltig und lebhaft gefärbten Vogel erzählte Martin Duncan vor der Photographischen Gesellschaft in London ein hübsche» Erlebnis, das davon zeugt, daß auch die Vögel in ihrem Alltagsleben nicht um eine List oder einen in diesem Fall freilich entschuldbaren Betrug verlegen sind. Ein weiblicher Weidenzeisig war eifrig damit beschäftigt, ihr Junges zu füttern und hatte ihm schon fünfzehn Mal binnen einer halben Stunde Insekten zugetragen und in da» weit aufgesperrte Schnäbclchen gestopft. Nun wollte sich die Frau Mama augenscheinlich ein wenig verpusten, aber wie immer war das verwöhnte Kind ungezogen. ES wollte der Mutter keine Ruhe lassen und sperrte den gefräßigen Schnabel sofort wieder auf, als ob es ihm nicht fehlen könnte, noch fünfzehnmal dieselbe Mahlzeit zu erhalten. Die Mutter aber fand da» mit Recht unverschämt. Sie machte zwar eine Bewegung, als ob sie etwas zum Füttern aufnähme, pickte aber dem Jungen mit dem leeren Schnabel in den aufgesperrten Nachen. Die List gelang vollkommen, denn das Junge schluckte den vermeintliche» Bissen herunter und nahm dann eine ganz befriedigte Haltung an._ Iverantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Krück u. Verlag: d'orwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer�Eo., Berlin