Nnlerhattungsblatt des Horwärts Nr. 112. Mittwoch, den 14. Juni. 191t lNachdrulk verSolen.7 St Pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen Nexo. Der Meister war halb ernsthaft, halb schelmisch.„Na, Nvm kannst Du mir denn meinen Portwein holen, er steht auf dem Bort hinter dem Kasten mit den Schnürbändern, mich friert so mörderlich." Pelle kam zurück und meldete, daß die, Flasche leer sei. Der Meister guckte sie wohlwollend an. „Dann geh hin und besorg' mir eine andere! Aber ich Hab' kein Geld, Du mußt sagen, ja, denk Dir selbst was aus, Du bist ja nicht aus den Kopf gefallen." Der Meister sah ihn mit tiefem Blick an, der ihm zu Herzen ging, so daß er oft nahe daran war, in Tränen auszubrechen. Pellcs Welt hatte sich bisher auf der schnurgeraden Landstraße abgespielt, er begriff nicht das Spiel von Witz und Elend, Schelmerei und zum Tode Betrübtsein. Aber er fühlte etwas von des guten Gottes Angesicht und es zitterte in ihm, er hätte für hen Meister in den» Tod gehen können. Wenn es regnerisches Wetter war, wurde es dem Meister schwer aufzustehen, die Kälte drückte ihn nieder. Wenn er dann in die Werkstätte hinauskam, frischgewaschen und mit nassem Haar, stellte er sich an den kalten Ofen und stand da und klapperte mit den Zähnen— mit ganz eingefallenen Wangen.„Ich habe augenblicklich so wenig Blut," sagte er dann,„aber das neue ist im Anmarsch, es singt mir jede Nacht vor den Ohren." Dann hustete er eine Weile.„Da haben wir, bei meiner Seele, wieder ein Stück Lunge," sagte er und zeigte Pelle, der am Ofen stand und Schuhe bürstete, einen gallertartigen Klumpen.„Aber sie wächst wieder frisch nachl" „Jetzt ist der Meister ja bald seine dreißig Jahre," sagte her Geselle,„dann ist die gefährliche Zeit überstanden." „Ja, zum Kuckuck auch, so lange werde ich doch wohl noch zusammenhängen können, nur noch ein halbes Jahr," sagte der Meister eifrig und sah Pelle an, als habe der es in seiner Macht,„— nur noch sechs Monate! Dann erneuert der ganze Kadaver sich— neue Lungen— alles neu. Aber neue Beine krieg ich bei Gott nie." Es wuchs ein eigenes, heimliches Verständnis zwischen Pelle und dem Meister auf, das sich nicht auf Worte und Äeußerungen aufbaute, das man aber in den Blicken, im Tonfall und in ihrem ganzen Wesen spürte. Es war, als strahle die Pelzjacke des Meisters selbst warmes Gefühl aus, wenn Pelle hinter seinem Rücken stand. Pellcs Augen suchten den Meister wann und wo er konnte, und der Meister war anders gegen ihn als gegen alle anderen. Wenn er von Besorgungen in der Stadt nach Hause kam und um die Ecke bog, hatte er den erfreulichen Anblick des jungen Meisters, der in der Haustür stand: das lahme Bein in Ruhestellung und die Hand fest um den Stock, stand er da und ließ seinen Blick umherschweifen, voll Sehnsucht in die Ferne. Das war sein Platz, wenn er nicht da drinnen saß und in den abenteuerlichen Büchern las. Aber Pelle wünschte, daß er dastand. Und wenn er dann vorübcrschlüpfte, duckte er sich verschämt. Denn es geschah oft, daß der Meister die Hand in seine Schulter krallte, so daß es schmerzte, ihn hin und her rüttelte und herzlich sagte:„Du Satansbengel!" Das war die einzige Liebkosung, die das Leben für ihn vor- gesehen hatte und er sonnte sich darin. Pelle begriff den Meister nicht, auch nicht einen Seufzer von ihm verstand er. Der Meister kam nie hinaus, nur ausnahmsweise einmal, wenn die Kräfte gut waren, hum- pelte er zu Bierhansens hinüber und machte eine Partie, sonst ging seine Reise nicht weiter als bis in die Haustür hinaus. Da stand er und guckte ein wenig und konnte dann hinkend wieder hineinkommen mit dieser ansteckenden guten Laune, die die dunkle Werkstatt in einen Hain voll Vogel- gezwitscher verwandelte. Draußen war er niemals gewesen und empfand wohl auch kein Bedürfnis danach: aber trotzdem kam und ging die große Welt in seinem Wesen und seiner Rede, so daß Pelle ganz krank werden konnte vor Sehnsucht in die Ferne. Etwas anderes als Gesundheit verlangte ev nicht für sich von der Zukunft, und dann war er von Aben« teuerlichkeit umflattert: man bekam den Eindruck, daß alles Glück herabfliegen und sich auf ihn niedersetzen müsse. Pelle vergötterte ihn, begriff ihn aber nicht. Der Meister, der mit seinem lahmen Bein Scherz treiben und im nächsten Augen« blick ganz vergessen konnte, daß er es hatte, oder der schelmisch! mit seiner Armut spielen konnte, als seien es fröhliche Gold« stücke, mit denen er um sich warf— das war nicht zu ver- stehen. Und Pelle wurde nicht klüger dadurch, daß er im» Geheimen in den Büchern las. die Meister Andres den Atem raubten: er konnte sich mit weniger als dem Nordpol und» dem Innern der Erde begnügen, wenn er nur Erlaubnis erhielt, selbst mit dabei zu sein. Er hatte keine Gelegenheit, still zu sitzen und Grillen zu fangen, jeden Augenblick hieß es:„Pelle, lauf!" Alles wurde! in kleinen Portionen gekauft, obwohl es auf Kredit ent» nommen wurde.„Dann läuft es nicht so arg auf," sagte Jeppe, Meister Andres war das einerlei. Da kam Werk« führers Mädchen gelaufen, sie mußte absolut die Schuhe fürs ihr Fräulen haben, sie waren zu Montag versprochen. Der Meister hatte sie ganz vergessen.„Sie sind in Arbeit," sagte er unverzagt.„Zum Teufel auch, Jens!" Und Jens hatte es sehr eilig, er schlug Leisten in die Schuhe, während Meistex Andres das Mädchen hinausbegleitete und draußen auf der Diele mit ihr schäkerte, um sie milde zu stimmen.„Bloß ein paar Hiebe, daß sie nur zusammenhängen," sagte der Meister zu Jens. Und dann—„Pelle fort damit, so schnell Dich Deine Beine tragen können! Sag, wir ließen sie morgen früh holen und machten sie ordentlich fertig. Aber lauf als hättest Du den Deubel auf den Socken." Pelle lief, und wenn er eben nach Hause gekommen unSi eben in sein Schurzfell geschlüpft war. mußte er wieder raus. „Pelle, lauf hin und leih ein paar Messingstifte, dann brau- chen wir heut keine zu kaufen! Geh zu Klausen, ne, geh lieber zu Blom, bei Klausen bist Du ja erst heute vormittag gewesen." „Bloms sind wütend über den Schraubenblo'ck," sagte Pelle. „Ja, Tod und alle Teufel, wir müssen sehen, daß wir den wieder in Ordnung bringen und ihn abliefern: denk daran und nimm ihn zum Schmied mit!— Was in aller Welt fangen wir denn bloß an?" Der junge Meister starrte hilflos bald den einen, bald den anderen an. „Schuster Marler," schlug der kleine Nikas vor. „Bei Marker leihen wir nicht," der Meister runzelte die Stirn.„Marker is''ne Laus!" Marker hatte es ver- standen, sich bei einem der ältesten Kunden der Werkstatt ein- zuschmeicheln.—„Der hat ja nicht mal Salz für ein Ei!"' „Ja, wer denn?" fragte Pelle ein wenig ungeduldig. Der Meister saß eine Weile stumm da.„Na, denn nimm das da!" rief er verdrießlich und warf Pelle eine Krone hin, ich habe ja keine Ruhe vor Dir, solange ich noch einen Oere in der Tasche habe. Du Unhold! Kauf ein Paket und trag dann Klausens und Bloms die hin, die wir ge- liehen haben." „Aber dann sehen sie ja, daß wir ein ganzes Paket haben," sagte Pelle, der auch mit Ueberlegung handeln konnte« „Und übrigens sind sie uns so viel anderes schuldig, was sig von uns geliehen haben." „So ein Schurke," sagte der Meister und setzte sich hin« um zu lesen.—„Herr du meines Lebens, so ein Galgenstrick!� Er sah sehr vergnügt aus.. �' . Und nach einer Weile ließ es dann wieder:„Pelle, lauf!'- Der Tag verlief mit Botengängen, und Pelle gehörte nicht zu denen, die sie abkürzten, er sehnte sich nicht nach der düsteren Werkstatt mit dem hölzernen Dreibein. Da war so viel, was abgesucht werden mußte, er hielt es im Grunde für seine Pflicht, überall zu sein, wo er nichts zu tun hatte, er streifte umher wie ein junger Hund und steckte seine Nase in alles hinein. Die Stadt hatte schon jetzt nicht mehr viele Geheimnisse vor ihm. Es lag in Pelle ein ehrlicher Trieb, sich das Ganze unter« fan ZU wachen. Aber vorläufig hatte er nur Niederlagen aufzuweisen, er hatte wieder und wieder von feinem eigenen Mitgebrachten geopfert, ohne bisher etwas wiederzubekommen. Seine Scheu und sein Mißtrauen hatte er hier drinnen abge- streift, wo es galt, sich nach allen Seiten zu öffnen; feine soliden Eigenschaften war er im Begriff als bäuerisch auf dem Altar der Stadt zu opfern. Aber er gewann an Unver- zagtheit, je weniger Deckung er besaß, um so unerschrockener ging er darauf los, die Stadt sollte ja erobert werden. Er war aus feiner sicheren Schale herausgelockt und würde Zeicht zu verzehren fein. Die Stadt hat ihn aus seiner sicheren Lage herausge- schleudert, im übrigen ist er derselbe prächtige Junge, die meisten werden keinen anderen Unterschied sehen können als den, daß er in die Höhe geschossen ist. Aber Vater Lasse würde sicher Blut weinen, wenn er seinen Jungen so erblickte, wie er jetzt in der Straße auftaucht, voll Unsicherheit und Nachahmungsdrang: die beste Jacke am Werktag an und trotzdem unordentlich in der Kleidung. Er geht da und schlendert mit ein Paar Stiefeln, hat die Finger in der Strippe und pfeift übermütig. Hin und wieder schneidet er eine Fratze und geht vorsichtiger, wenn die Beinkleider die empfindlichen Streifen an den Lenden herunter berühren. Er hat einen heißen Tag gehabt, nur weil er heute vormittag an einer Schmiede vorbeikam und sich von der herrlichen Kraftentwickelung dadrinnen im Feuerschein und Halbdunkel zurückhalten ließ. Die Flammen und der Klang von Metall, dieses ganze frische Getöse von wirklicher Arbeit fesselten ihn, er mußte hinein und fragen, ob sie nicht Ver- Wendung für einen Lehrjungen hätten. Er war nichk� so dumm, anzugeben, wohin er gehörte; aber als er nach Hause kam, war Jeppe bereits unterrichtet und-- Na, jetzt ist das vergessen, ausgenoinnien, wenn gerade die Beinkleider die Lenden berühren. Dann wird er daran erinnert, daß es hier in der Welt kein Sichherumdrücken gibt; hat man sich in etwas hineinbegeben, muß man sich durchfressen, sowie der Junge im Märchen. Und diese Entdeckung ist an und für sich nicht so überraschend neu für ihn. (Fortsetzung folgt.), Ein I�ömg in der Gant. (Schluß.) Zunächst versucht Lutz dem König klarzumachen, warum«ine Vorlage an den Landtag unmöglich wäre. In einer Eingabe wies er auf die Ursachen der Verstimmungen der Kammer gegen den König hin; man sei ungehalten über die Zuriickgezogenheit des Königs,.über daS Unterbleiben aller Hoffcste und den dadurch be- dingten schmerzlichen Entgang an Erwerb für die Münchener Be- völjerung". Der König war den Leuten also im Grunde noch zu sparsam; wenn er Hunderttausende für den flüchtige» Tand von Hoffesten vergeudet hätte, würde man sich nicht über Verschwendung beklagt haben. Der König gerät über diese Schwierigkeiten in die finsterste Stimmung. Dem Minister v. Feilitzsch stöhnt er seine Qual in einem Schreibe» vom Januar l8LS. Das Unerträgliche wäre, wenn man die Gant über seine Schlösier verhängte:.Würde dies nicht verhütet, so würde mich dies dermaßen empören, daß ich entweder mich töten oder jedenfalls das schändliche Land, in welchem dies Schauderhafte geschah, sofort und für immer verlafien würde." Dann kam die entscheidende Drohung:„Wenn die anderen Minister gar nicht bestrebt sind, mir, wie ich es erwarte, zu dienen, so muß ich es genau erfahren, um andere zu nehmen." Nun waren die Minister überzeugt, daß der König verrückt wäre. Trotzdem unterhandelte Lutz ernsthaft mit den Mitgliedern der Kammer. Es bedurfte ja keiner Erhöhung der Zivilliste; Vorschüsie aus der Staatskasse hätten genügt, um die Verlegenheiten zu be- seitigen. Aber die Mehrheit wollte diesem Ministerium nicht dienst- willig sein; durchaus begreiflicherweise. Ueber diesen Verhandlungen gingen Monate dahin. Inzwischen steht der König Todesängste auS. Seine kranke Seele hängt an seinen Bauten. Mitte April 188S ergeht baS Ultimatum Ludwigs an den Minister: .Es ist mein Wille, daß zur Ordnung der Verhältnisie meiner Kabinettskasie von meiner Regierung mit dem gegenwärtig ver- sammelten Landtage eine Vorlage gemacht und mit tunlichster Beschleunigung die hierauf bezüglichen Vorschläge mir unterbreitet werden." Wiederum unterhandelt Lutz mit den Häuptern der Mehrheit. Ein Zentrumsredner erwähnte nach der Katastrophe in der Kammer die Legende,„daß, wenn der Landtag für die Verbindlichkeiten der Zivilliste eingetreten wäre, dann am Ende Seine Majestät noch länger im Sinne des Ministeriums regierungsfähig gewesen sein »vücde/ Graf Preysing hat später diese.Legende" bestätigt! Am V. Mai erklärte das Ministerium in einer Eingabe, die her» nach von den Liberalen als eine beispiellos tapfere Kundgebung eines edlen Posatums gefeiert wurde, daß die Forderung des Königs nicht ausführbar sei. Darauf ließ Ludwig durch seinen Stallknecht das Ministerium absetzen und sandte ihn zugleich in alle Welt, unr die nötigen Millonen aufzubringen: zum Fürsten von Thurn und Taxis, zum König von Belgien, zum türkiichen Sultan und Schah von Persien, zum Pariser Rotschild und zu den Orleans. � Dieser vertraute Stallknecht stand aber bereits im Dienste deS Ministeriums und— sammelte Material für die nunmehr erforderliche unheilbare Verrücktheit des Königs. Ein Brief des Königs an den Verräter zeigt den Gemütszustand des Königs nach der ministeriellen Vor» stellung vom 5. Mai: .Sind die Kammern verstockt, dann auflösen, andere her und das Volk sehr bearbeiten, schnell aber... Sage ihm(dem Kabineltssekretär Ziegler), daß die Bauten die Hauptlebensfreuds sind, daß Ich, seit alles schändlich stockt, ganz unglücklich bin, an Abdankung, Selbsttötung stets denke, daß der Zustand aufhören mutz, daß die Bauten nicht mehr stocke» dürfen, daß, wenn er alles sichert, er mir das Leben wieder gibt.... Rasch vorwärts mit dem Schlafzimmer im Linderhof, Skt. Hubertuspavillon und mit dem Ausbau der Burg von Herrenwörth und Falkenstein. Mein Lebensglück hängt davon ab.... Er(Zieglcr) soll es er- schinden, durchreißen, alle Schwierigkeiten besiegen und Hindernisie niederreißen." Einen Monat später erschien dann die Hofkommisflon in Neu- Schwanstein, um den König festzunehmen. Von der militärischen Besatzung des SchlosieS zurückgeschlagen, flüchteten sie und wurden auf dem Rückzüge, samt Irrenarzt und Jrrenwärtern, auf Befehl Ludwigs verhaftet. TagS daraus aber gelang die Festnahme und wieder drei Tage später endete der Gehetzte im Starnberger See. Jene ininisterielle Eingabe vonr S. Mai aber entblößt dos frevle Spiel, daß mit dem König getrieben ward. Sie war keine Helden- tat, sondern-- nun den noch lebenden Ministern von damals v. Feilitzsch und v. Crailsheim(dem heutigen glücklichen Aufsichtsrat) ist oft genug gesagt worden, wie sie gehandelt haben. Das Verhalten des Ministeriums war schlechterdings nicht zu rechtfertigen. War der König, wie alle ärztlichen Gutachten jetzt bekundeten, von jeher geisteskrank, die königlichen Tollheiten, die jetzt amtlich niitgetcilt ivurden, seit Jahren begangen, so hätte das Ministerium Lutz längst die Entmündigung beantragen müssen und nicht erst, nachdem der König ihm selbst an den Kragen ging. Herr v. Lutz sreilich, der doch schon in den sechziger Jahren mißtrauisch die literarische Begeisterung Ludwigs beobachtet hatte, schwor in der Kammer, er habe bis in die letzte Zeit keine Ahnung von dem Treiben de« Königs gehabt, von dem in der ausländischen Presse und in allen Münchcner Kneipen doch seit langem Unglaubliches geklatscht wurde. Wann wußte Herr v. Lutz, daß Ludwig verrückt war? Wann begann er, eine Ahnung zu haben? Was er selbst zugestand, richtete ihn und seine Kumpane. In seiner Kammerrede vom Ende Juni versuchte er die Rolle des Marquis Posa zu spielen. Er schilderte die verheerenden Wirkungen des GotteSgnadentums und byzantinischer Knechtseligkeit. Der König sei»in dem Glauben, daß seine Macht keine Grenze» hätte, natürlich immer tiefer und tiefer gekommen, die Wünsche in bezug auf die Aus» führung der durch seine Phantasie veranlaßten Projekte fanden, wenn der Hofsekretär Anstand nahm, sie zu erfüllen, bei irgend einem andern bereitwillig Gehorsam." Gletchwohl habe noch im November und Dezember(1885).keiner von uns geglaubt oder nur den Ge- danken sich auszusprechen getraut, daß Seine Majestät geistig er» krankt seien." Erst mit Anfang des JahreS sei der Verdacht rege geworden.(Wir haben gesehen, weshalb I) Seit dem 23. März aber wußte Lutz, wie er selbst bekennt, daß Ludwig krank war; denn an diesem Tage erklärte ihm der Psychiater Guddcn, daß der König zweifellos vo» Geburt an verrückt sei. .Ich mußte." so fügte Lutz hinzu,»jetzt in alles Tun und Handeln den Gedanken hineinverwcben, daß wir es mit einen, kranken Manne zu tun haben." Nun wohl: Diese Erkenntnis bewog aber den Minister nicht, die Absetzung Ludwigs herbeizuführen, sondern er verhandelte mit dem Parlanient, um die finanziellen Wünsche des Königs zu be» friedigen. Und erst als das nicht gelingen wollte, schritt er zur letzten Tat, die er durch die Eingabe vom 6. Mai vorbereitete. War Lutz von der Verrücktheit de? Königs, wie er bekannte. seit dem März überzeugt, so ist diese seine Vorstellung vom b. Mai ein an einem Kranken verübtes Verbrechen gewesen. Denn so konnte man nur zu einem König reden, dein man entweder«ine ganz außergewöhnliche monarchische Gesundheit zutraute oder aber dem man den � Rest geben wollte. Da hieß es:„In wenigen Tagen wird bei Gericht über einige gegen die Kabinettskasse er» hobene Klagen verhandelt werden."„Es müßte mit Wunderdingen zugehen, wenn unter solchen Umständen...nicht in wenigen Wochen oder Tagen die Ganteröffnung erfolgen sollte."„Wenn die Gant ausbricht, so können Eure Majestät Allerhöchst sich vor die Frage geeilt sehen, ob Allerhöchst dieselben noch dia ügel der Regierung in der Hand behalten können." Aengstigt, bedroht man so einen Menschen, fron dessen geistiger Krankheit man überzeugt ist? In der Tat war jede? Wort, jeder Vorschlag raffiniert darauf berechnet, den König zum Aeußersten zu bringen, so der Rat. daß der König fich unter Kuratel gerade des ManneS stellen sollte, dessen er sich am ehesten zu entledigen bemüht war, des Finanzmmisters. Die Wirkung solcher BerniahnuNg konnte nur sein, daß der Kranke in einen Znstand geriet, wo an seiner Verrücktheit nun niemand mehr zweifeln konnte. Und das Mittel wirkte. Der König kam um, daS Ministerium blieb am Leben. Es heischte sogar die Bürgerkrone seltener Tapferkeit für sich. Das ist die Geschichte von dem deutschen König, den man wegen sechs Millionen Schulden zur Zwangsversteigerung und ins Wasser trieb. Es ist erst 25 Jahre her, und scheint doch wie eine unmögliche Legende auS grauer Vorzeit. Und es geschah unter einem liberalen Ministerium und einem klerikalen Parlament I Monarchisch gesinnt aber waren Liberale und Klerikale auch schon damals, und die republikanischen Um- stürzlerwaren just durch einAusnahmegesetz ge- ächtet...._ K u r t E i S n e r. Die Internationale Dyqlene- Ausstellung In Dresden. T. Tie Ausstellung hat das Mißgeschick gehabt, schon in ihrer Vor- bcreitung cme weitgreifende ösfentliche Mißstimmung durch die Ausschaltung der Heimarbeit mit ihren hygienischen Greueln gegen sich wachgurufen. Dazu kam noch eine unverständliche Nachgiebig- kcit gegen preußisch-ministericlle Engherzigkeiten auf scmitäts- und sittenpolizeilichrm Gebiet«, und so stand die Ausstellung noch vor »hrer Eröffnung unter dem Damoklesschwert einer scharfgespannten Kritik, die schließlich auch noch andere Angriffspunkte fand, die bei einer Hygiene-Ausftellung befremden mußten, nämlich die mit der Ausstellung verbundenen Vergnügungsstätten. Man fragte sich, was diese denn mit einer Hygienc-Ausstellung zu tun hätten und man glaubte den Grund schließlich darin zu jindcn, daß die AuS- stcllung zuerst ein GcschäftSunternehmen sei, dessen Leitstern Profit heiße. Es sei hier gleich eine andere Kritik beleuchtet, die die Aus- Eindruck aus die Allgemeinheit nicht allzutief sein. Zu diesem Wirklichkeit sehlt es auch daran nicht, wenn man sie finden will. Die Alkoholgegner haben Eialegenheit, ihre Bestrebungen in aller Breite und in ganz vorzüglicher Weise zu zeigen, aber es sind auch die Bierbrauer da, die breit ausladend für das Bier werben. Trotz der großartigen Aufmachung der Ausstellung wird ihr Eindruck af die Allgenreinheit nicht allzutief sein. Zu diesem Schluß drängen mich meine langjährigen und vielfältigen Aus- stellungbeobachtungen immer mehr. Und nirgends mehr, auf keiner Weltausstellung und keiner Provinzialausstellung drängt sich dieser Schluß mehr auf als hier. Die Internationale Hygiene-Ausstellung ist eine Weltausstellung geworden; ihr Umfang steht der Brüsseler und Turiner Weltausstellung wenig nach. Aber mehr noch wie bei einer solchen Exposition universelle gehen die Schaustücke der Hygiene-Ausstellung von kleinen und kleinsten Einzelheiten aus. Da hat selbst der Fachmann, der Arzt, der Hygieniker, der Woh- nungspolitiker überreichlich zu tun, um wenigstens das, was ihn besonders angeht, zu bewältigen. Das große Publikum aber hat, streng genommen, wenig davon. Denn ein Tag ist selbst bei flüchtiger Durchwanderung der ganzen Ausstellung zu kurz, ein Tag ist auch zu kurz, um die Schaustücke auch nur einer Abteilung zu sehen, geschweige denn zu begreifen, sich in sie zu vertiefen, aus ,hnen wirklich etwas bleibend Wertvolles zu lernen. Wieviele von den Tausenden der AuSstellungSbesucher aber können mehr als «inen Tag an die Ausstellung wenden. Ich habe in angestrengtester pansenloser achttägiger Arbeitszeit die Ausstellung studiert und doch nicht alles so gründlich studieren können, wie ich wohl möchte. Selbst wenn man die industriellen Abteilungen, in denen ja vieles entbehrlich ist, nur kurz streift, bleibt für die wesentlichen Teil« der Ausstellung so viel, daß auch hierzu ein Zeitaufwand gehört, der dem allergrößten Teil der Ausstellungsbesucher, weder den Dresd- ncrn, noch den Auswärtigen, gar nicht zur Verfügung steht. Deshalb glaube ich die Ausstellung mehr nach ihrem Inhalt, als nach ihren Acußerlichkeiten zu kritisieren, wenn ich sage: weniger wäre mehr gewesenl Denn sie ist ja nicht eine eigentliche Fachausstellung; sie ist eine Schousammlung. Diese aber darf nicht überladen werden, so sehr auch die innere Fülle des Themas dazu reizt. Wie man hier das Gebiet der Hygicne aufgefaßt hat, begreift es schließlich alles, was im Bereich unserer Sinn« liegt, und mir kam manchmal der Gedanke, es fehle in der historischen und ethnologischen Abteilung nur noch der Knüppel, mit dem der Kam seinen Bruder Abel erschlagen haben soll, oder die Schleuder Davids, denn beides führte zu Wirkungen, die radikal unhygienischer Art waren, also auch zum Thema der Hygiene- Ausstellung gehören. So werden also sicher neun Zehntel der Besucher die Aus- stellung mit dumpfem Kopfe verlassen, und die Erinnerung daran wird ein Chaos sein. Es ergibt sich also daraus eine Kritik, die das Wesen asser«nferrt modernen Ausstellungen trifft, ltm sts mehr, je mehr sie sich in schwierige Einzelheiten verlieren, je lückcn� loser und wissenschaftlicher st« werden. Je größer die Ausftcllungew werden, desto geschäftsmäßige» müssen sie begründet sein, desto mehv müssen sie auf Massenbesuch rechnen, desto weniger aber hat d,S Masse einen Nutzen davon. Populäre Literatur, die diese Gebicia behandelt und sei es selbst Zeitungsliteratur, könnte diesen Nutzent viel billiger, viel bequemer und viel nachhaltiger vermitteln. WaS zum Beispiel die Arbeiter-Gesundheiis-Bibliothek für lächerlich billiges Geld bietet, überwiegt tatsächlich den Nutzen der Hygiene-« Ausstellung für die Masse, die keine besonderen Fachinteressen hat« Was die Literatur dagegen nicht zu tun vermag, packende An« schauungsbeifpiele des Vernünftigen und des Unvernünftigen zw geben, darin fehlt es in der Ausstellung trotz ihrer Reichhaltigkeit immer noch. Und hier eben macht sich der Konflikt bemerkbar, de« zur Ausschaltung der Heimarbeitsbeispiele führte. Wer in Brüssel in den versteckten Winkel des Parc du Solbosch fich verirrte unl» nun auf einmal nach all den Herrlichkeiten der Ausstellung vor den» „Hause" des Leinewebers oder des Schmiedes stand oder die Heim« arbeiterwerkstätten in diesem Teile der Ausstellung sah, dem gingen! Welten des Verständnisses für die sächlichen Zustände auf. Aw solchen Anschauuiigsbcispielen, mögen sie auch nicht so kraß sein wis in Belgien, sind wir auch in Deutschland nicht arm. Wenn man damit auch nur einen Teil der Ursache von Volksverkümmerung undj Menschenvergeudung zur Ausstellung gebracht hätte, so wäre damit auch der Masse der oberflächlichste» AuSstellungSbesucher einel Empfindung in das Herz und in den Kopf gehämmert worden, diel unverlöschbar ist und die fich in den Kuliurwillen umsetzen mutzte� diese Zustände weniger zu beklagen, als bessern zu helfen. Die Arbeiterhäuser, die der sächsische Heimatschutzbund au?« stellt, find allerliebst, von kleinen Fehlern abgesehen, die leicht abgestellt werden können. Aber dieser Reiz» den diese einfachen, Häuser und die einfachen Möbel ausüben, verkehrt sich in der Wirk« lichkeit sofort, wenn die Heimarbeit einziehen würde. Wenn di« Blumenarbeitcr oder die Strohhutnäher von Sebmtz oder die Spiel« Warenarbeiter und Posamentennäherinncn des Erzgebirges ode« die Puppenmacher oder die Glasbläser Thüringens oder dis Spiegelglasschleifcr des Böhmerwaldes darin leben würden, wenn die ausgeklügelten Raumwirkungen verschwänden hinter aufge« stapelten fertigen und halbfertigen Arbeiten, hinter Rohmaterialien'« Farbentöpfen, Hobelspanen, Abfällen und Arbeitsgerüchen: wenn die Kinder bis zu den drei- und vierjährigen bis in die Nacht hinein bei jämmerlicher«Beleuchiung in überheizten, schlechtqelüfteten Stuben mit Vater und Mutter für den Verleger in der Villal fronden müßten, um einen armseligen Wochenlohn zu verdienen', Was in diesen Arbeiterhäusern, die hier ausgestellt sind, ver« nünftig und schön angelegt ist, verkehrt sich dann in die Unvernunft!, Die Hygiene bedeutet aber nichts anderes, als die vernünftiga Lebensführung, die vernünftige Körperpflege. Die einfachste Vcr« nunft bewahrt uns vor unhygicnischen Zuständen. Aber wenn dis Zustände selbst unvernünftig find, wcnn die sozialen Verhältnisse jeder menschlichen Vernunft Hohn sprechen, wenn die Art, wie die breite Masse des erwerbstätigen Volkes lebt, schafft und stirbt, selbst dem landläufigsten nationalökonomischen Nationalismus ins Gesichii schlägt, so durfte eine Hygiene-Ausstellung gerade hier nicht stumm sein. Denn von hier geht alles aus, was mit moderner Hygiene zw« sammenhängt. La den sozialen Verhältnissen, in denen die brcitS Masse lebt, können auch die am besten gemeinten Woblfahrtsein« richtungen versagen. Der ostelbische Vorsitzende eines WahlsahrtS« Vereins, der da nieinte:„alle Wohlfahrt sei Blödsinn, er habe eins Badeanstalt für seine Leute gebaut und es gehe kein Schwein hin« ein", hat in seiner Art vielleicht gar nicht Unrecht, wenn man da?« was zwischen diesen Warten liegt, zu würdigen weiß. So verlockt die Internationale Hygiene-Ausstellung trotz ihre« Fehler zu Betrachtungen— vielleicht aber gerade wegen ihre« Fehler— die sie nach der Eröffnungsrede ihres Präsidenten nicht wachrufen sollte. Er meinte, wenn besürchtet werde, daß die Aus« stellung vielleicht Bcgehrlichteiten in die Bevölkerung tragen lönne« die finanzielle Belastungen im Gefolge haben würden, so wolle eo diese Befürchtungen zerstreuen mit dem Hinweis darauf, daß dis persönliche Gesundheitspflege die wohlfeilste Kunst sei. Es handelt sich aber nicht nur um die persönliche, eI handelt sich auch um die öffentliche soziale Gesundheits« pflege. Wenn die groß angelegte historische Abteilung der Aus« stellung einen Zweck hat. so doch vor allem den, um zu zeigen, wis alte Kulturvölker, die zu ihrer Zeit die Weltbühne beherrschten, für die öffentliche Gesundheitspflege gesorgt haben. Von diesen historischen Beispielen, die auch für unsere Zeit noch vorbildlich sein können, möchte ich im nächsten Artikel sprechen. Hugo Hillig» kleines f eullleton« Ans der Predigt des niederbaycrischen Pfarrers Balthasar Zog?« huvcr über die Feuerbestattung. Geliebte in Christo I A ganz c» schöne Erfindung von dene modernen Heiden ist das Verbrennen der Toten. Die alten Heiden hams tan, die neuen tunS erst recht und in Preuße» ham sie's sogar eiligführt. Und wenn in Preußen was eingführt ist, nachher kimmts a bald nach Bayern. Dös woag ma ja. — 448— Andächtige, habt's Oes schon amal zugschaut, wenn a Papierl Verbrennt? Wie st dös krümmt und zammballtl Grad a so machens dö Leichnam a, wenn s' verbrennt wer». Wißt» warum st dö tun? Ja weil der Teufel neben eahna steht und auf dö arm Seel wart. Der is ja d' Hitz gewöhnt und dem machts Feuer nix> Er freut st grab, wcnn's recht schön warm is. Und da steht er halt neben dem Toten, lacht höhnisch und sagt:«So is recht, mein Lioba, gewöhn' Di nur brav ans Feuer, wirst es bald braucha könna, Wer fie verbrenna laßt, kommt z'tiefst in d' Höll. Da is no viel hoaßer als da herin l"... Jetzt merkt aber dö arm Seel, waS angstellt hat und sie fangt's Wimmern an und der Leichnam streckt vor lauter Verzweiflung d' Arm in d' Höh und krümmt si und nachher rührt er d' Füß, sperrt's Maul weit auf und schneidt Gstchter. Der Teufel, der lacht jetzt gradnaus und sagt:»Wart nur, wennst unten bist, geht's Dir no ganz anders. Werd nimmer lang dauern, nachher Hab i Di". Und jetzt fangt dö arm Seel wieder'S Weinen a, daß an Stein derbarma könnt. Aber der Teufel derbarmt st net. Der kennt loa Der barma, liabe Leutl Und jetzt nimmt er sei lange glühende Ofengabel, spießt die arme Seel an und rutschidibutsch verschwind er mit ihr in der Erden und bringt's dahin, wo Heulen und Zähneklappern is. Andächtige I Viele, viele tausend Jahr san dö, dö wo sie der- brenna lasse», im höllischen Feuer. Und alle hoffen, daß unser Herrgott mit eahna wenigstens am jüngsten Gericht Erbarma hat. Aber Schnecken I Da san s' erst recht dö Lackierten. Da werd der Himmel ganz schwarz und überall werd's kohlrabennacht. Plötzli tuat st der Himmel auf und Christus kommt raus mit alle Engel und Erzengel. Und dö Erz> engel blasen auf große Posaunen, dö länger san wie i:„Tutuuh Tutuuh I" Dös klingt so schauerlich, wiel viel schauerlicher, als wenn's in der Nacht im Dorf chrennt und der Feucrlärm geht. Und jetzt öffnen sie dö Gräber, bö Toten steigen in langen weißen Hemden raus und stellen si auf. Aber dö Verbrennten könna nicht komma. Von dene is ja nix mehr da als ein kleins Häuferl Asche und dös is in am eisernen Kastl drin, dös wo ganz fest zua- gmacht is. Da könna s' net raus, denn davon steht nix in der heiligen Schrift, daß dö Kastln aufgenga beim jüngsten Gericht. Und a wenn st aufgehn könnten, täts dene, dö wo sie ham verbrenna lasten, nix helfen, weil st koana Knochen mehr ham und drum gar net aufstehn könnten. Wie st merken, daß st jetzt erst recht dö Peschierten san. werden dö armen Seelen von dö Verbrennten ganz verzweifelt. Sie fangen z'wimmern und z'weina an, daß ma fast dö Posauna von dö Erzengel nimmer hört und daß alle Auferstandenen kalt nunterlauft. Dazwischen aber lacht der Teufel, daß von alle Berg widerballt. und ruft:„Möcht's außi und könnt's net. Haha I Haha I Alles hilft Enk nix; aus der Holl' kommt's nimmer raus I" Ja, Geliebte in Christo, so geht? dene, dö wo sie verbrennen lasten. Merkt's Enk nur dös: Der Mensch stammt von der Erden und g'hört a wieder in d' Erden. Und wer net nei will, der ist verdammt in alle Ewigkeit. Amen l Erziehung und Unterricht. Falsche Methoden. An und für sich ist eS natürlich durch- auS erfreulich, daß sich auch in den Kreisen der studierenden Jugend Interesse für Volksbildungs- und Volkserziehungsfragen regt und daß man sich dort bemüht, tätigen Anteil an der Volksbildungs- arbeit zu nehmen. In einigen Orten hat sich auch bereits ein friedliches Zusammenarbeiten entwickelt: unsere Parteipreste macht ihre Leser auf die studentischen Arbeiterbildungskurse aufmerksam, weil sich gezeigt hat. daß man solche Hinweise dort mit gutem Gewissen riskieren darf. Bedenken erregen aber solche Unternehmungen, wenn sie nach der Methode erfolgen, wie sie das �Sekretariat sozialer Studenten- arbeit" in den von ihm herausgegebenen Hilfsbüchern für Volks- unterrichtskurse entwickelt. Man wird schon mißtrauisch, wenn man auf den Heftumschlägen die Ankündigung.Volksvereinsverlag München-Gladbach sieht, und schon ein flüchtiges Durchblättern der Hefte(Deutsch, Rechnen, Rheinische Heimatkunde, jedes 30 Pf.) zeigt, daß das Mißtrauen nur allzu berechtigt ist. In allen denkenden Arbeitern ist das Bewußtsein lebendig, daß sie Opfer der Volksschuldresiur wurden, daß die.moderne" Volks- schule viel an ihnen gesündigt und rehr noch an ihnen vernachlässigt und versäumt hat. Sie haben das starke Streben, nachzuholen und nachzulernen; das Wort vom Bildungshunger des modernen Pro- letariers ist keine leere Phrase. An solchen strebenden Arbeitern versündigt man sich, wenn man ihnen die München-Gladbach-Methode als„helfende Hand" reicht. Aus den drei Heften geht hervor, daß sich daS Sekretariat sozialer Studentenarbeit in dem.Irrtum" befindet, den bildungshungrigen Arbeiter als unmündiges Kind behandeln zu können, ihn der gleichen öden, geistlosen, verblödenden Drestur unterwerfen zu können, mit der man in den Kleinkinderschulcn die Jugend mißhandelt und der- gewaltigt. Die drei Hefte bringen den deutlichen Beweis, daß man im Sekretariat sozialer Studentenarbeit von aller modernen Pädagogik durchaus unberührt blieb oder daß man dort von dem kuriosen Grundsatze ausgeht, denkende Arbeiter habe es nie gegeben und werde es nie geben. Um den„Geist" der Hefte zu kennzeichnen, begnügen wir un» mit etlichen kleinen bescheidenen Stichproben. Aus dem Deutschheft: „Ein fleißiger, geschickter und nüchterner Arbeiter findet stets sein Fortkommen"(Seite 24);„Arbeit Bringt Segen, Arbeit bringt Glück"(Seite 25);„Armut schändet nicht, und Almosengeben armt nicht'(Seite 25);.Wer fleißig ist, braucht nicht zu darben"(Seite 26); „Dasjenige Mitglied, welches mit der Zahlung länger als vier Wochen im Rückstände bleibt,...(Seite 26);„Im Walde begegnete uns ein Mann mit einem Hunde, welcher uns nach dem Wege fragte'(Seite 26); Wilhelm II., unser geliebter Herrscher, feieri seinen Geburtstag"(Seite 27). Bedarf es weiterer Proben, um zu dem Ergebnis zu kommen, daß die Arbeiterschaft allen Anlaß hat, einen solchen Deutschunter« richt und solche„soziale" Bildungsarbeit abzulehnen, einen Deutsch- Unterricht, der außerdem deutlich genug den Beweis erbringt, daß den„Lehrern" selbst guter Deutschunterricht dringend nötig wäre? Ebenso elend wie das Deutschheft ist das Rechenheft, in dem man den Gedanken zu verfolgen scheint, Selbstverständlichkeiten „wissenschaftlich" zu geben und dürrste Regelshstematik mit hirnloser Blödigkeit besonders„reizvoll" zu gestalten. So werden die Arbeiter auf Seite 3„belehrt":„Zuzählen heißt, zu einer gegebenen Zahl so viel Einheiten, einzelne Glieder der Reihe, hinzufügen, als eine zweite Zahl angibt: 5-1-8. Zu 5 sollen noch drei einzelne Zahlen(??) hinzugefügt werden. Wie heißen diese drei Zahlen? (6, 7, 8.) Das Stück der Reihe(II) heißt jetzt(I!) 8." Es soll zugegeben werden, daß das Heimatkundeheft nicht ganz so blödsinnig und„schulmeisterlich" angelegt ist, obgleich ihm alles fehlt, was Voraussetzung sein müßte, es zu loben und zu empfehlen. Auf Seite 26 werden die Arbeiter„belehrt", die französische Revo« lution habe die buntscheckige Landkarte Rheinlands„rot übertüncht"; auf Seite 36 wird dem Gußstahlwerke der Firma Friedrich Krupp nachgerühmt, es„ernähre" über 100 000 Menschen; auf Seite 50 werden die Arbeiter belehrt, daß sich die„Wacht am Rhein" 1870 „tadellos bewährte". Unbeabsichtigt ist natürlich der„Humor" der folgenden Zu« sammenstellung auf Seite 57:„Der Begründer deS„wissensckaft- lichen" Sozialismus, Karl Marx, stammt auS Trier(„DaS Kapital",„DasKommunistifcheManifest"); FerdinandLassalle hatte Beziehungen zum Rheinland. Kutzen hat recht, wenn er sagt: Die Rheinufer sind die wahre Heimat der Deutsche«, der ehrwürdige Herd aller deutschen Kultur!" In Summa hat das klassenbewußte Proletariat begründeten Anlaß, aller BildungSarbeit mit Mißtrauen zu begegnen, die nickt aus eigener Kraft und aus eigenen Mitteln erwächst. Als warnendes Exempel verweilen wir auf— das Sekretariat sozialer Studentenarbeit, Firma: München-Gladbach l F. D. Völkerkunde. Die indogermanische Rasse. Auf wie schwächet» Füßen das Dogma der indogermanischen Rasse steht, weist Dr. A. Dirr(Tiflis) im Münchener„März" nach. Er schreibt u. a.: Es dämmert jetzt allmählich sogar in den Köpfen extremer Indogermanisten auf, daß das Indogermanische gar keine Ur- spräche ist, wie man lange geglaubt hat, sondern nur eine Form einer noch weiter zurückliegenden, noch unbekannten Sprache, ge- nau so wie die romanischen Sprachen Umformungen der latei- nischen sind. Dieses Vorindogermanische stand auch nicht isoliert im Kreise der andern Sprachen. Nichts berechtigt uns zu glauben, daß jenes vorindogermanische Idiom, das die indogermanischen gebären sollte, von Vertretern nur einer Rasse gesprochen wurde. Es ist ebenso leicht möglich, daß sowohl Vertreter der Nordrasse, als auch Vertreter der brünetten, kleinen, kurzköpfigen Südrasse, die ersten indogermanischen Worte und Sätze stammelten. Der hochangesehene Forscher Meillet, den man wirklich nicht des Wolkenwanderns zichten kann, fertigt als einer der ersten Ver- treter der indogermanischen Sprachwissenschaft den Rassenschwindel mit folgenden Worten ab:„Man weiß nicht, wer die Jndoeuropäer waren. Es gab eine Sprache, die im ganzen genommen dieselbe auf dem gesamten Territorium war; man glaubt starke Unter- chiede der Aussprache und der grammatischen Formen in den verschiedenen Teilen dieses Territoriums schon zur Zeit der Ge- meinsamkeit feststellen zu können. Aber selbst, wenn die sprachliche Einheit eine vollkommene wäre— was nicht der Fall ist—, würde daraus noch keine Einheitlichkeit der Rasse hervorgehen. Sprachliche Einheit impliziert nicht ethnische Einheit(Rassen- einheit) und wir haben gar keinen Grund anzunehmen, daß es bei den Jndoeuropäern anders war." Es wird aber lustig mit den vagen Begriffen weiteroperier?. Man hat sich nicht entblödet eine arische, indogermanische Menta» lität(Geisteszustand) zu konstruieren. Das ist arisch! Und da» Arische wird frank und frei jedem andern Volk entgegengehalten. Aber wissen wir denn ordentlich und wirklich, was deutsch istA Was romanisch? Man könnte wirklich glauben, die Leute hätten nie die tiefen psychologischen Unterschiede zwischen den verschie- denen Völkern indogermanischer Zunge bemerkt, um so frank und hei einen vagen, unbestimmten Typus aufzustellen, in den sie noch >azu fast nur die guten Seiten eines Teiles der Menschheit hinein« gepreßt haben. Kerantwortl. Redakteur.; Albert Wach», jfkili«.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaulSinger�Co.,BerlinLW,