Zlnlerhattungsblatt des Vorwärts Nr. 113. Donnerstag, den 18. Juni. 1911 schiedcncn europäischen Völkern bestand als die, über toclche die „Geschichte", das heißt die aus schriftlichen Quellen schöpfende Ge- schichte, zu berichten hatte. Aber über Dinge wie den friedlichen Handel weiß die Geschichte nicht viel, und das Wenige, was sie weiß, rührt aus vergleichsweise später Zeit. Jetzt firrden wir nicht nur, daß die Verbindung zwischen unserN (nordischen) Gegenden und den südlichen Kulturländer»» sehr zeitig beginnt und sehr bedeutend ist. Wir bemerken auch etwas anderes, was sicherlich von Gewicht ist, um die älteste Kulturgeschichte Europas zu verstehen. Da die Verbindung zwischen den Mittel- meetländern und den Küsten der Ostsee lebhaft wird, da die Kultur im Süden hoch steht, blüht die Kultur auch hier im Norden; als ein Niedergang im Süden stattfilrdet, zeigt er sich auch im Norden. Es ist nicht am wenigsten bemerkenswert hierbei, daß diese Wandlungen nicht viel später in Nordeuropa als in Südcuropa eintreten. Tie Wellenbewegung pflanzt sich in überraschend kurzer Zeit bis hierher fort. In der Mitte des zweiten Jahrtausends bor Christi Geburt steht die Kultur in dem Kreise in Blüte, den wir den griechischen zu nennen pflegen. Es war die wu>»derbare Kultur der mykeni- scheu Zeit, von der man seit 30 Jahren eine Ahnung hat. In der- selben Zeit haben wir hier im nordischen Gebiet während der zweiten Periode der Bronzezeit eine Kultur, welche sicher nicht ebenbürtig war mit der mykenischen in Hellas, aber die— wenigstens was die materielle Seite betrifft— alles übertraf, was das übrige Europa in dieser Zeit aufzutveisen hatte. Die mhkenische Kulwr wurde vernichtet durch die Umwälzung, die in der Geschichte des Altertums bekannt ist als„dorische Wände- rung". Von der wirklichen Bedeutung dieser Revolution beginnt man erst heute einen Begriff zu bekommen. Tarauf folgte eine Dekadenzperiode, welche man den geometrischen Stil nennt, und die mehrere Jahrhunderte dauerte. Gleichzeitig damit»var hiev iin Norden die vierte und fünfte Periode der Bronzezeit, die aller» dingS nicht einen Verfall ährrlich dein während der geoinetrischenl Zeit»n Griechenland zeigten— die Voraussetzungen warm wcsent- lich verschiedene hier und da—, die aber doch nicht so hoch wie die zweite Periode stehen. Daß der Unterschied zwischen der älteren ur»d jüngeren Bronzezeit hier im Norden nicht größer wurde, als er ist, beruht offenbar darauf, daß die nordische Bevölkerung in den jüngeren Bronzezeit unter dem Einfluß der etruskischen Kultur: stand, die sich damals in Italien entwickelte. Sobald die Verbindung zwischen Süden und Norden nicht so lebhaft ist wie in den eben genannten Perioden, läßt sich ein Nieder» gang in der Zhiltur in unseren Lärchern bemerken. Wir haben gesehen, daß der Bernsteinhandcl lange Zeit hauptsächlich von der Jütischen Halbinsel ausging, aber in der Mitte des letzten Vorchrist- lichcn Jahrtausends trat hierin eine Veränderung ein,>da nach dieser Zeit die eigentliche Ausfuhr von dem preußischen Bernstein- gebiet um die Weichselmündung stattfand. Wenn der Bernsteinhandel sich so vom Elb- zum Weichselgcbiet zog, können wir einen Rückgang des Verkehrs überhaupt zwischen Skandinavien und den Mittelnreerländern annchme». Ohne Alveife! hÄb-n wir hierin den eigentlichen Grund oder wenigstens einen der Hauptgründe dafür, daß die Denkmäler aus den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt hier im Norden nicht so be- deutend sind, wie man annehmen möchte mit Rücksicht auf den hohen Stand der Kultur während der älteren Zeit. Die Verhältnisse änderten sich jedoch ungefähr am Anfange Unserer Zeitrechnung. Damals dehnte Rom seine Macht über die Alpen zuerst bis Gallien und dann bis Britannien und über große Strecken von Mitteleuropa aus. Hierdurch kam die Nordgrenze des römischen Reiches mit seiner hohen Kultur so nahe an die Süd- grenze des germanischen Gebiets, daß ein starker Einfluß südlicher Kultur sich ohne Schwierigkeit hier im Norden geltend machen kann. Die Folge davon ist der Aufschwung, der sich in der germanischen Welt in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten zeigt. Daß die Kultur der nordischen Bevölkerung lange vor Ansang unserer Zeitrechnung ungewöhnlich hoch war, ist ein Faktum, das die Forschungen der letzten Jahrzehnte unwiderleglich dargetan haben. Aber die Erklärung dieser merkwürdigen Tatsache haben wir im Handel zu suchen, einem Handel, der auch in den fern- biegenden Perioden weit bedeutender war, als man früher glaubte. Welches waren nun die Gegenstände dieses Handels und welchen Wegen ist er gefolgt? Wir können leider nicht alle die Einzelergebnisse der Forschungen von O. Montelius wieder- geben und müssen uns auf das Wichtigste beschränken. Deshalb sehen wir von den Luxusgegenständen, Waffen, Gerätschaften usw. ab und betrachten die Produkte, die für die materielle Kultur des Nordens von ausschlaggebender Bedeutung waren. Das sind zu- nächst die Metalle. Mehr als ein Jahrtausend, sagt der Verfasser, bildete die Bronze die materielle Grundlage für die Kultur der nordischen Völker, während dieser Zeit aber mußte sie aus fremden Ländern gekauft werden. Das lehrt bereits der Umstand, daß der eine Bestandteil der Bronze, das Zinn, nicht bei uns gefunden wird. Aber auch der andere Bestandteil, das Kupfer, war hier nicht gu erlangen, da keine Kupfererze in Südschwcden, dem Hauptsitz S>er nordischen Bronzczeitkultur gefunden werden, und da die Kupfergruben, die später im nördlichen Teile der skandinavischen Halbinsel ausgebeutet wurden, erst ungefähr anderthalb Jahr- tausende nach dem Ende der Bronzezeit entdeckt sind. Bereits der Umstand, daß jedes Kilo Bronze, das während der Bronzezeit sowohl in Dänemark wie in Schweden gebraucht wurde, von außer- halb gekauft werden mußte, beweist, daß der Handel wohl geordnet war. Der Bedarf an Bronze, der jährlich gedeckt werden mutzte, war nämlich sehr groß. Auch Hausticrc und Ackerbau haben die nordischen Völker von anderen Völkern bekommen. Ebensowenig als die Kenntnis der Metalle hat die von diesen wichtigen Kulturelementcn ihren Ur- sprung im Norden. Bereits lange vor dem Ende der Steinzeit hatten die Bewohner des Nordens alle wichtigen Haustiere: Hund, Hferd, Rind, Schaf, Ziege und Schwein. Auch bereits während der Steinzeit, wenigstens während des dritten Jahrtausends, bauten tbie nordischen Völker Gerste, Weizen und Hirse. Während der Wronzezcit kam der Hafer dazu, aber erst am Anfange der Eisenzeit her jetzt so unentbehrliche Roggen. Werfen wir jetzt zum Schluß einen Blick auf die Handelswege, hie nach O. Montelius die Südküste der Ostsee mit den Ländern pm Mittclmeer verbanden. Die Wege, die zu diesen Gegenden führten, waren die längs der Weser, Elbe, Oder und Weichsel. Von ihnen ist der Elbweg der bedeutendste. Einer der meist benutzten Wege, dem der Handel zwischen Norditalien und Skandinavien in der Vorzeit folgte, war 'der folgende. Längs der Etsch und deren Zufluß, der Eisack, kam »nan durch Tirol hinauf zum Brennervaß, der noch heute bekanntlich von der größten Wichtigkeit für den Verkehr zwischen Italien und Puropa nördlich der Alpen ist. Vom Brenner stieg man darauf 'mieder zuerst längs der Sill, einem Zufluß des Inn, und darauf Tängs des Inn zur Donau. Von diesem Flusse konnte man sodann -vuf zwei Wegen zur Elbe kommen. Entweder man folgte der Donau ein Stück bis zu der Stelle, wo jetzt Linz liegt. Von hier war es leicht, nach dem nur ein paar Meilen entfernten und durch keine höheren Berge vom Donautale getrennten südlichen .Keile von Böhmen zu gelangen, wo man auf dem Oberlauf •her Moldau stieß. Wenn man sich hier aus einem gefällten «usgchöhlten Baumstamme ein Fahrzeug schuf, konnte man die Moldau hinab zur Elbe und dann zur Nordsee gleiten. Oder man King von dem Platze, wo der Inn in die Donau mündet, nach 'Norden, bis man auf die Saale traf, und kam dann auf oder längs hsescm Flusse zur Elbe. Aber dieser Weg, wie auch die anderen Flußwege gehören einer verhältnismäßig späteren Zeit. Der ursprüngliche Weg, längs \ hem die Verbindung zwischen Süd und Nord vermittelt wurde, ging h jnicht quer über den europäischen Kontinent, sondern den Küsten �he» Erdteils entlang. Die ältesten Einwirkungen des Orients konnten lange Zeit nur längs der Küsten Europas nach dem Norden :