Unterhattungsblatt des Horwärls Nr. 113. Sonnabend, den 17. Juni. 1911 (JtiuftftnK verboten.! tu pelle der eroberen Lehrjahre. Roman von M. Andersen NexS. Meister Andres rückte ungeduldig hin und her. Er konnte die Stimmung wechseln wie ein Frauenzimmer. Bjerregravs Anwesenheit peinigte ihn.„Jetzt Hab' ich gelernt. Geister zu beschwören, willst Du es mal versuchen?" sagte er plötzlich. „Nein, um keinen Preis will ich das," sagte der Alte lächelnd unsicher.', Aber der Meister zielte mit zwei Fingern auf seine zwinkernden Augen und starrte ihn beschwörend an.„Im Namen des Blutes, im Namen der Säfte, im Namen aller Säfte des Körpers, der guten wie der schlechten und auch des Meeres," murmelte er und kroch zusammen wie ein 5wter. „Laß es nach, sag ich Dir! Laß es nach! Ich will es ünicht!" Bjerregrav hing ratlos zwischen seinen Krücken und pendelte hin und her, er sah nach der Tür hinüber, konnte sich aber nicht losreißen von der Verzauberung. Dann schlug er verzweiselnd nach der beschwörenden Hand des Meisters und benutzte die Unterbrechung der Verzauberung, um hinaus- zuschlüpfen. Der Meister saß da und blies seine Hand.„Der schlug vrdentlich um sich," rief er verwundert und kehrte die rote Hand nach innen um. Der kleine Nikas antwortete nicht. Er war nicht aber- igläubisch. liebte es aber nicht, daß Spott mit dem Wesen der Dinge getrieben wurde. /„Was soll ich tun?" fragte Peter. „Sind Steuermann Jessens Stiefel fertig?" Der Mei- ster sah nach der Uhr.„Tann kannst Du an Deinen Schien- deiiren nagen." Es war Feierabend. Der Meister nahm Hut und Stock und hinkte von dannen zu Bierhansens, um eine Partie Billard zu spielen, der Geselle kleidete sich um und ging, die älteren Lehrlinge hielten Halswäsche in dem Einwcichkübel ab. Dann wollten sie ausgehen, und Pelle sah ihnen lange nach. Er empfand ein verzehrendes Bedürfnis, den harten Tag ab- zuschütteln und auch hinauszufliehen, aber die Strümpfe waren nur noch Löcher, und die Arbeitsbluse mußte gewaschen werden, um am nächsten Morgen trocken zu sein. Ja. und das Hemd, ihm wurde heiß um die Ohren: waren es erst vier- zehn Tage oder war es schon die vierte Woche? Ach, die Zeit hatte ihn an der Nase herumgeführt. Ein paar Abende hatte er die unangenehme Wäsche nur hinausschieben wollen, und dann hatte es sich zu vierzchn Tagen angesummt. Es kroch so ekelhaft auf dem Körper, ob die Strafe schon da war, weil er dem Gewissen das taube Ohr zugewendet und sich über Water Lasses Worte hinweggesetzt hatte, die einein jeden Schmach androhten, der sich nicht ordentlich hielt? Nein, Gott sei Dank! Aber Pelle hatte einen tüchtigen Schrecken bekommen, seine Ohren brannten noch, während er das Hemd und die Bluse unten auf dem Hofe schruppte. Es war wohl das beste, es als wohlgemeinte Warnung von oben hinzunehmen! Und dann hingen Hemd und Bluse und breiteten sich auf dem Staket aus, als wollten sie den Himmel vor Freude über iihre Reinheit umarmen. Aber Pelle saß mißmutig oben im Fenster der Lehrlingskammer und prühnte. das eine Bein draußen, um doch in der Luft zu sein. Das kunstfertige Stopfen, das ihn der Vater gelehrt hatte, kam hier nicht zur Anwendung, man mußte das eine Loch nehmen und es über das andere ziehen! Pelle prühnte, so daß Vater Lasse vor Scham in die Erde versunken wäre. Er kroch allmählich ganz auf das Dach hinaus: unten im Garten des Schiffers gingen die Drei müssig umher, sie sahen weit hinüber nach der Werk- statt und langweilten sich. Da gewahrten sie ihn und wurden ganz andere Menschen. Manna kam hin, stand da und stieß den Körper ungeduldig gegen dis steinerne Mauer und bewegte hie Lippen zu ihm hinauf. Sie warf den Kopf zornig in den Nacken und stampfte mit den Füßen, es kam nur kein Laut. Die beiden anderen bogen sich krumm vor verhaltenem Lachen. Pelle verstand ausgezeichnet, was die stumme Sprache be« zweckte, hielt aber tapfer noch eine Weile stand. Dann konnte er nicht mehr, er schmiß das ganze hin und war unten bei ihnen. Alle Träume Pelles und all sein unbestimmtes Sehnen schweiften hinaus, wo sich Männer betätigten: nichts war ihm so lächerlich, als hinter Wciberröcken herzurennen. Frauei» waren für ihn eigentlich etlvas Verächtliches. Kräfte hatten sie nicht, und viel Verstand auch nicht, sie wußten nur. sich lecker zu machen. Aber Manna und ihre Schwestern waren etwas für sich: er war noch Kiird genug, um zu spielen, und sie waren vorzügliche Spielgefährten. Manna, die Wildkatze, war vor nichts bange: mit ihrcni kurzen Röcken und den Zöpfen und den hüpsenden Bewcgun» gen erinnerte sie ihn an einen ausgelassenen, neugierigen Vogel— wupp aus dem Gestrüpp heraus uird wieder hinein. Sie konnte klettern wie ein Junge und Pelle auf ihrem Nückel» den ganzen Garten herumreiten lassen: es war eigentlich eil» Versehen, daß sie Röcke an hatte. Kleider hielten nicht bei ihr, jeden Augenblick kam sie in die Werkstatt gestürzt und hatte irgend etwas an ihren Schuhen zerrissen. Dann kehrte sie alles drüber und drunter, nahm dem Meister den Stock weg, so daß er sich nicht rühren konnte, und hatte die Finger zwischen des Gesellen neuem amerikanischen Werkzeug. Ueber Pelle machte sie sich gleich den ersten Tag her. „Was für ein Neuer ist das?" fragte sie und klopfte ihm auß den Rücken. Und Pelle lachte und sah sie wieder frei an mit dieser Selbswerständlichkeit, die das Geheimnis der ganzer» jungen Jahre ist. Da war keine Spur von Sichfremdfühlei» zwischen ihnen, sie hatten sich immer gekannt und konnte?» jederzeit das Spiel da fortsetzen, wo sie zuletzt damit auf» gehört hatten. Am Abend stellte sich Pelle an der Garten» mauer auf und sah ihnen zu, einen Augenblick darauf tvav er hinüber und mitten im Spiel. Nanna war keine gewöhnliche Heulliese, die sich durch Brüllen den Folgen von allem entzog. Hatte sie sich auf eine Prügelei eingelassen, so flehte sie nicht um Gnade, wie hart es auch herging. Aber etrvas hielt ihr Pelle ja zugute, auß Rechnung der Röcke hin. Es ließ sich nun einmal nicht leugnen, sie hätte gern etwas mehr Kräfte haben können! Aber Mut hatte sie, und Pelle gab kameradschaftlich alles zurück, nur nicht in der Werkstatt, wo sie über ihm saßen— tripp- trapp Treppe! Wenn sie da von hinten über ihn her» fiel und ihm heimlich etwas in den Rücken hineinsteckte, odev ihn von dem hölzernen Drehbein stieß, hielt er sich im Zaun, und begnügte sich damit, daß er seine Glieder still wieder aufsammelte. Alle seine frohen Tage lagen da drüben in des Schiffers Garten: und eine wunderliche Welt war es, die seinen Sin?» wohl gefangen halten konnte. Die Mädchen hatten aus» ländische Namen, die der Vater von den langen Fahrten mit nach Hause brachte: Aina, Dolores, Sjermannal Schwere. rote Korallen hatten sie um den Hals und in den Ohren. Uns rings umher im Garten lagen die mächtigen Muscheln, aus denen man das Kochen des Ozeans erlauschen konnte, Schild» krötenschalen, so groß wie Fünfzehnpfundbrote und ganz« Kocallenblöcke.. Das war alles neu, aber Pelle ließ sich nicht dadurch verblüffen. Er reihte es so schnell wie möglich in seine selbst- verständliche Welt ein und behielt sich zu jeder Zeit daS Neckst vor, etwas noch Größerem und Merkwürdigcrem zu begegnen... Des Abends enttäuschte er sie leicht und streifte in dm Stadt hinaus, wo das eigentliche Leben vor sich ging, nach den Seehügeln und dem Hafen. Dann standen sie müßig an der Gartenmauer und langweilten sich und zankten sich. Aber des Sonntags stellte e» sich getreulich ein, sobald er rn der Werkstatt fertig tvar, und sie breiteten dos Spiel weitz auZ, in dem Bewußtsein, einen langen Tag vor sich zu Habens Da waren Spiele zu Hunderten, und Pelle war der Mittel- Punkt von ihnen allen: er konnte zu allem verwendet werde»; zum Ehegemahl und zun? MenschensressU irnd zum SklMg, Cr war wie ein zahmer Bär tn ihren Händen, sie ritten auf «ihm, trampelten auf ihm herum, und zuweilen warfen sie {sich alle drei über ihn her und„mordeten" ihn. Und er mußte still liegen und sich darein finden, daß sie die Leiche vergruben und alle Spuren verwischten. Die Glaubwürdigkeit erheischte, daß er ganz mit Erde bedeckt war, nur das Gesicht blieb frei, weil es nun einmal nicht anders sein konnte, und durste sich mit welken Blättern begnügen. Weinte er dann hinterher über seinen schönen Konfirmationsanzug, so konnten ihre Hände so sorgfältig werden, indem sie ihn abbürsteten: und wollte er sich gar nicht trösten lassen, so küßten sie ihn alle drei. Unter ihnen hieß er nie anders als Mannas Mann. So vergingen die Tage für ihn. Er hatte mehr Galgen- Humor als heiteren Sinn, er fühlte ja selbst dunkel, wie es mit ihm zurückging, und hatte niemand, auf den er sich stützen konnte. Aber unverzagt kämpfte er weiter gegen diese Stadt, er hatte sie Tag und Nacht im Kopf, er prügelte sich mit ihr im Schlaf. „Stößt Dir etwas zu, so hast Du ja Alfred und Albinus, die helfen Dir schon zu Deinem Recht," hatte Oheim Kalle gesagt, damals als Pelle seinen Abschiedsbesuch machte, und er ließ es nicht daran fehlen, sie aufzusuchen. Aber die Zwillinge waren dieselben geschmeidigen, ausweichenden Bur- jschen jetzt wie auf der Weide: sie wagten ihren Pelz weder für sich selbst noch für andere. Sonst war da Fortgang genug in ihnen. Sie waren bom Lande hierhergekommen, um vorwärts zu gelangen, und hatten damit angefangen, dienende Stellungen anzunehmen, bis sie soviel zusammengespart hatten, daß sie eine ansehnliche Laufbahn beginnen konnten. Albinus war dann daran hän- gen geblieben, weil er keine Lust zu irgendeinem Handwerk hatte. Er war ein gutmütiger Junge, der anderen gern alles «überließ, wenn er nur in Frieden seine Akrobatenkunststücke «üben konnte. Immer ging er umher und balanzierte mit irgend etwas, bemüht, Gegenstände auf dem unmöglichen Ende anzubringen. Er hatte kein Verständnis für die Ord- nung der Natur, er verreckte seine Glieder in alle möglichen Stellungen, und wenn er ein Ding in die Lust emporhob, verlangte er, daß es da oben bleiben sollte, während er etwas anderes unternahm.»„Dinge müssen sich ja ebenso gut dres- sieren lassen wie Kreaturen," sagte er und fuhr unverdrossen fort. Pelle lachte, er hatte ihn gern, rechnete aber nicht weiter vuf ihn. Alfred haste eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Cr gab sich nicht mehr damit ab, Kopfsprünge zu machen, fondern ging anständig auf seinen Beinen, hatte beständig idamit zu stm, Kragen und Manschetten zurecht zu zupfen und tvar in ewiger Angst um seine Kleider. jEr war jetzt in der Makerehre, hatte aber einen Scheitel bis in die Stirn hinein tvie ein Ladenschwengel und kaufte sich in der Drogenhandlung allerlei Sachen, die er in die Haare schmierte. Wenn Pelle sich ihm auf der Straße anschloß, sorgte Alfred immer für einen Vorwand, um ihn wieder abzuschütteln: er verkehrte am liebsten mit Kaufmannslehrlingen und grüßte geschäfstg nach rechts und nach links Leute, die in höherer Stellung waren als er selber. Alfred war ganz einfach ein Wichtig- macher, den Pelle schon eines schönen Tages durchprügeln würde. Tarin glichen die Zwillinge einander noch immer, daß «man von der Seite keinerlei Handreichungen zu erwarten hatte. Sie gaben sich getrost selbst dem Gelächter preis, und wenn jemand Pelle höhnte, lachten sie mit. Leicht war es nicht durchzukommen«. Den Bauern hatte Sr griindlich abgeschüttelt, aber jetzt war es die Armut selbst, die ihm zu schaffen machte. Er hatte sich sorglos für Kost »md Logis in die Lehre gegeben: ein wenig Kleider hatte er Ija auf dem Leibe und anderen Bedarf kannte er nicht für »emand, der nicht bummelte und sich mit Dirnen herumtrieb. Aber dann kam die Stadt und forderte, daß er sich umtakeln sollte. Ter Sonntagsanzug war hier auch nicht ein bißchen zu gut für den Alltag: er mußte sehen, daß er sich einen Gummi- tragen anschaffte, der den Vorteil hatte, daß man ihn selbst waschen konnte: Manschetten steckte er sich als ferneres Ziel. iGeld gehörte dazu und die mächtige Summe- von fünf Kronen, mit der er antrat, um das Ganze im Sturm zu erobern oder im schlinimsten Fall es doch zu kaufen, die hatte ihn? die Ntvjtt aus der Tssche gelockt, ehe er sichs versah. ilLortsctzung folgt.]) CStafflsni« PfrlsItJtl ver Dcyy im Zylinder* Von Dimitri K arrik. I. Der Hofhund Vobil stand an der Hintertreppe und wartete, daß die Köchin ihm sein Essen bringen sollte. Gewöhnlich brauchte Bobil nicht lange zu warten, höchstens eine halbe Stunde. Er wußte ganz genau, wann er sein Essen zu be» kommen hatte, stellte sich regelmäßig um die Mittagszeit am Fuße der Treppe auf und begann mit dem Schwanz zu wedeln. Nach zehn Minuten erschien dann die Köchin mit der großen, irdenen Schüssel— und Bobik dinierte. Aber eine ganze Stunde warten zu müssen— das war ihm doch noch niemals passiert I Uin sich der Köchin in Erinnerung zu bringen, begann er zu winseln, wartete ein Weilchen und winselte wieder. Nein, man hatte ihn tatsächlich vergessen. Bobik tappte die Treppe hinauf und blieb oben an der Schwelle stehen. In der Küche keine Menschenseele. Eine Minute stand er so, unentschlossen mit dem Schwanz wedelnd, dann trat er in die Küche und erblickte auf dem Tisch eine Schüssel mit einem großen Stück Rostbeef. Welch ein wunderbarer Geruch I Vom Geruch allein hätte man berauscht werden, sterben können I Ohne sich zu beeilen, ging Bobik, mit dem Schwanz wedelnd, an den Tisch und legte, un- fähig, länger zu widerstehen, die Vorderpfoten auf die Bank. Im nächsten Augenblick hatte er das Rostbeef im Maul und... Nachdem er sich unten an der Treppe hingestreckt hatte, legte Bobik seine schmutzigen Pfoten auf das Rostbeef und begann, es gierig, mit Entzücken zu verschlingen. Noch niemals in seinem ganzen Leben halte er etwas so Schinackhaftes gefressen, niemals l Es schien ihm, als ob die rosigen, safligen Stücke Fleisch nur ein Traum wären. Er fraß, traute sich selbst nicht und knurrte gleich- zeitig böse bei dem Gedanken, daß Hunde in den Hof stürzen und ihm das Stück Fleisch abjagen könnten. Plötzlich erschien oben auf der Treppß die Köchin. Bei ihrem Anblick wurde Bobik ganz verwirrt und begann mit Rührung, wahr» schetnlich aus Dantbarkeit für daö gut zubereitete Fleisch, mit dem Schwanz zu wedeln. Die Köchin schrie auf und blieb wie erstarrt stehen. „AS, du Teufel I WaS hast du da gemacht I... Das Rost« beef l Das Rostbeef 1' Sie lief die Treppe hinunter und stieß den Hund wütend mit dem Fuß in die Schnauze. Bobik winselte, sprang auf, kleinmte den SSwanz zwischen die Beine und lief davon— aber ohne das Rost« beef fallen zu lasten. „Halt' ihn I Halt' ihn st schrie die Köchin über den ganzen Hof. „Halt' ihn auf st Bobik wandte sich nach der Hoftür, aber hier trat ihm un- erwartet der Hausknecht mit dem Besen in den Weg. Ein Schlag auf den Rücken— Bobik winselte und stürzte auf die Straße hinaus. Der Hausknecht warf ihm ein Stück Ziegel nach und traf ihn am rechten Hinterbein. Der Hund winselte wieder und tat hinkend noch einige Sprünge, der Hausknecht und die Köchin holten ihn aber bald ein und warfen ihn mit Fußtritten zur Erde. „Verfluchter Köter I Der Teufel soll dich holen, du Biest st rief die Köchin erbittert, indem sie Bobik bald mit dem einen, bald mit dem anderen Fuß traktierte. Der Hund heulte und winselte, aber schließlich erboßte ihn ein besonders starker Tritt auf die Schnauze derart, daß er, die Zähne fletschend, die Köchin am Kleide packte. „Was? Willst hier noch beißen?!" schrie die Köchin und be» gann wie ein wildes Tier niit beiden Füßen den Hund zu be« arbeiten. Gleichmütig, als verrichtete er eine Dienstobliegenheit, schlug der Hausknecht unterdessen Bobik mit dem Besen. Binnen kurzem hatte sich eine Menschenmenge angesammelt. Irgend jemand feuerte den Hausknecht und die Köchin ununter- brachen an: „So ist'S recht!... Gebt ihm tüchtig!... Noch immer weiter!" Bobik rührte sich fast nicht mehr. Ein feingekleidctcr Herr mit spiegelblankem Zylinderhut drängte sich durch die Menge, stieß die Köchin beiseite und rief laut: „Schutzmann I" Nach wenigen Minuten erschien der Hüter der Ordnung ans der Bildfläche. „Bringen Sie den Hausknecht und dieses Weib hier zur Wache!" befahl kategorisch der Herr im Zylinderhut.„Bringen Sie beide zur Wache und lassen Sie ein Protokoll aufnehmen! Sie haben den Hund hier mißhandelt!" „Warum zur Wache? Warum Protokoll? Wir haben den Hund ja nur Anstand gelehrt! Das ist ja unser Hund I" erklärte der Hausknecht.„Mit unserem Hund können wir doch wohl machen, was uns beliebt? Außerdem, Herr, haben Sie kein Recht, mich am Arm zu fassen, ich bin hier Hausknecht! Ich bin nicht irgendwer, ich bin Hausknecht!" „Schutzmann! Bringen Sie diese beiden sofort zur Wache! Ich verlange das als Mitglied deS Tierschutzvereins,— verstanden? Hier ist meine Karte. Ich komme sofort nach. Führen Sie die beiden ab!" sagte der Herr, jedes Wort betonend. »Zu Befehl 1* entgegnete der Schutzmann, nachdem er die Karte gelesen hatte, stand stramm und legte die Hand an den Helm. II. Stark schwankend ginjj Stepan über die Strafe. Er war de- trunken. Von Zeit zu Zert verzog er das Gesicht und bist wie im Schmerz die Zähne zusammen. Eine Dame kam ihm entgegen. Stepan blieb stehen, taumelte gegen einen Zaun und lehnte sich mit dem Rücken daran. Noch- dem er einen Augenblick nachgedacht hatte, nahm er die Mütze vom Kopf und streckte der näher kommenden Dame die Hand ent- gegen. „Schenken Sie mir was... um Christi willen... gute Dame... den ganzen Tag... nichts gegessen...* sagte er mit stockender Stimme. „Betrunken und bettelt l Hättest Dir lieber Brot kaufen können, statt Branntivein zu trinlen l Hast das Geld zum Branntwein Wohl gefunden? Schäm' Dich doch 1' antwortete die Dame und ging weiter. „Man gab mir zu trinken, liebe Dame... Branntwein gab man mir, aber Brot nicht.... Lachten mich blosi aus in der Schenke.... Ging betteln.... Leute sahen, riefen mich ran.... „Zieh' Dir", sagen sie,„eine Nadel durchs Ohr", sagen sie...„mit dem Faden"...„Wenn Du durchziehst", sagen sie...„werden wir Dir Ivos geben."... Und ich zog duri�... da I Das Ohr blutet noch... Und sie gaben mir em Glas nach dem anderen... zwei Teegläser voll Branntwein.... Mußte trinken... aber zu essen gaben sie nur ein Stückchen Gurke"... sagte Stepan, der Dame beharrlich nachgehend.„Schenken Sie, gute Daiue l... Nach dem Branntwein habe ich noch ärgeren Hunger.... Schenken Siel' „Wirst Du nun endlich machen, daß Du fortkommst— oder nicht? I Ich sagte Dir doch, ich gebe nichts I Wenn Du mich nicht in Nuhe läßt, rufe ich den Schutzmann..." Stepan blieb stehen, kratzte sich den Kopf, setzte die Mütze auf und ging mit ungleichen, schwankenden Schritten auf dem Trottoir weiter. „Einem Betrunkenen geben sie nichts... natürlich..." sagte er, mit den Händen gestikulierend.„Wozu habe ich nur so viel Branntwein gesoffen?... hätten sie mir lieber ein Stückchen Brot ... aber nein l Ach Gott, ach Goul"... Und dabei, wie zum Posien, rechts und links Läden mit Schinken, gebratenem Geflügel. Würsten, Pasteten usw. in den Schaufenstern 1 Und der Hunger immer stärker und stärker. „Nein, einem Betrunkenen gibt man nichts I" entschied er und trat, nachdem er noch eine Weile gestanden und nachgedacht halte, in einen Laden. Hinter dem Ladentisch stand der Besitzer, wohlgenährt wie ein Wildschwein. „Schenken Sie'n Stückchen Brot I Hungrig..." sagte Stepan. „Raus mit Dir, Du Schnapsbruder I" antwortete das Wild- schwein grob. Seiner selbst nicht bewußt, griff Stepan schnell ein großes Stück Wurst vom Ladentisch und taumelte damit auf die Straße. „Halt ihn!" schrie der Besitzer.„Halt ihn auf!" Stepan lief schwankend, während er gierig die Wurst aß und große Stücke, fast ungekaut, hinunter schlang. „Halt I Haltet den Dieb!" rief das Wildschwein über die ganze Straße.„Ha— alt I" Zwei Hausknechte und ein Portier schnitten Stepan den Weg ab. Ein starker Schlag auf den Kopf warf ihn nieder.' Er fiel schwer zu Boden und schlug mit dem Gesicht auf die Steine. „Will hier stehlen I" schrie jemand und trat Stepan mit dem Fuß in die Seite. Ein anderer beugte sich schweigend über ihn, hob seinen Kopf an den Haaren in die Höhe und stieß ihn einige Male mit dem Gesicht gegen die Steine. Die Erde rund um den Kopf Stepans begann sich rot zu färben. „Nicht schlagen!" wimmerte er. Ein Lehrling aus dem Fleischgcschäft kam angestürzt und fragte: „WaS ist hier loS?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, schwenkte er seinen leeren Korb und schlug damit auf Stepan los. „Wie könnt Ihr Schlingel Euch unterstehen, einen Menichen so gn schlagen?" rief ein feingekleideter Herr im spiegelblanken Zhlinderhut. „Er Hat'S verdient I Und Ihren„Schlingel" behalten Sie ge- fälligst für sich I" begann der Portier zu zanken. Ein Schutzmann erschien auf der Bildfläche. „Hören Sie, Schutzmann... diese Bestien hier treten einen Menschen mit Füßen l" sagte der Herr im Zylinder. »Was geht hier vor?" wandte sich der Schutzmann an die Hausknechte und den Portier.„Bitte weiterzugehen, meine Herr- schaftenl" fügte er hinzu. „Der Kerl hier hat beim Fleischer eine Wurst gestohlen und wollte damit fortlaufen, stolperte aber, fiel und zerschlug sich den Kopf," erklärte einer der Hausknechte. „Zur Wache mit ihm I" entschied der Schutzmann.„Und Sie, meine Herrschaften, gehen Sie auseinander!... Gehen Sie doch auseinander, so lange man Sie im guten darum bittet t" „Aber diese Menschenschinder gehören auch auf die Wache!' mischte sich der Herr im Zylinder von neuem ein.„Ich habe selbst gesehen, wie sie geschlagen haben I So etwas dürfen sie sich doch nicht erlauben I" erzürnte sich der Herr. „Und was macht eS Ihnen für Spaß, sich in solche DiebS» geschichten zu mischen?" sagre geringschätzig der Schutzmann. „Na, erlauben Sie mal... Ich als Mitglied des Vereins zum Schutz..." Der Herr im Zylinder sprach nicht zu Ende, sondern ging achsel« zuckend weiter. Man hob Stepan auf, zuerst an den Haaren, dann bei den Händen. Er machte noch einen schwachen Versuch sich loszureißen» aber die Stöße einiger Hände und Füße machten ihn schnell zahm. Dann legte man ihn auf den Boden einer Droschke unter die Füße von zwei Hansknechten, wahrscheinlich, damit er nicht herausfallen und Schaden nehmen sollte, und— zur Wache. Von der Qualitätsarbeit zur form. (Zur vierten Jahresversammlung des Deutschen Werkbundes.) Als vor vier Jahren eine Schar von Künstlern, Fabrikanten und Kaufleuten sich zusammenschloß, um für eine Ausbreitung der schönen Qualitätsarbeit zu sorgen, war es die dreifache Forderung der Zweckmäßigkeit, der Materialechtheit und der technischen Soli- dität, die man sich aus freiem Entschluß als Gesetz auferlegte. Man darf wohl sagen, daß dieser Wcrkbund(so nannten sich die Alliierten zum Zeichen, daß das Werk sie aneinander bände) ein redliches Teil von dem, was er erstrebte, auch erreicht hat; es geht durch Deutsch- land eine starke Bewegung, die den Schund aus der Produktion tilgen und die Qualität zur alleinigen Herrschaft bringen möchte. Und mit nicht geringerer Energie regt sich überall zum mindesten eine Sehnsucht nach dem Geschmackvollen und dem Schönen. Ge- wiß, Kultur läßt sich nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen, und das Kapital ist zähe und wehrt sich hartnäckig, ehe es sich unter dem Druck einer höheren Intelligenz wirkliche Werte, nicht nur Gewinste abringen läßt. Immerhin, auch der Skeptische muß sagen, daß das Niveau der deutschen Produktion, daß deren Geschmack um einige Grade gestiegen ist. In bestimmten Ge- werben: etwa in der Möbelindustrie, im Buchgewerbe, in der Textil- industrie ist solcher Fortschritt so offenbar, daß von ihm die Dis- kussion des Tages erfüllt ist. Was nun den besonderen Wert und das Gemeinsame dieser vielfältigen Reformarbcit ausmacht, ist die Tatsache, daß sie sich in ihrer Ganzheit auf das architektonische Prinzip orientiert hält. Man hat das Möbel, aber auch das Buch und das Haus wieder als Architektur begriffen, als etwas, was nach logischer Ucberlegung Teil für Teil gebaut und gefügt sein will. Als etwas, was körperliche und räumliche Funktionen zu er- füllen und dem Rhythmus zu gehorchen hat. Damit stellte sich der Forderung nach Qualität und Schönheit das Formproblem zur Seite. Man erkannte bald, daß es nicht genüge, einen Gegenstand praktisch, gut und schön zu machen, daß es darüber hinaus noch eine größere und reinere Vollkommenheit gebe, nämlich die: daß der Gegenstand, das Buch, das Möbel, das Haus der rhythmische A-uSdruck bestimmter Lcbcnskreise, bestimmter Gefühlszentren und Enrpfindungsarten sei. Dicfe Entwickclung von der Nützlichkeits- thcorie zum Dogma der Form charakterisiert die Jahresversammlungen des Deutschen Werkbundcs; sie gab auch der diesjährigen zu Dresden das spezifische Gesicht. M u t h e s i u s, den man mit Recht einen mutigen Pionier der modernen Bewegung im Reiche des Kunstgewerbes und der Architektur nennt, sprach eS in seinem Referat scharf und deutlich aus, daß jetzt die Zeit gekommen wäre, da auf der selbstverständlichen Basis der Zweckmäßigkeit» der Materialcchthcit und der technischen Solidität um die architekto- nische Form für alles, was es an sichtbaren und optisch wertbaren Kulturgütern gibt, gerungen werden muß. Er nutzte diese Ge. legcnhcit, um sich energisch gegen jene Ausbrecher und Spaßmacher zu wenden, die es sich seit vorgestern plötzlich wieder einfallen lassen, statt nach der Form und der architektonischen Wahrheit zu streben, mit tausend Formen und Förmchen ein sthillcrnöss Lügen- spiel zu treiben. Mutheffus hat durchaus recht, wenn er auf die Gefährlichkeit solcher Reaktion, solcher schwächlichen Sehnsüchte nach Stilmeierei rücksichtslos hinweist. Er wird sich dadurch neue Feinde geschaffen haben; aber alle, die mit ihin der Meinung sind» daß die Architektur aus gemeinsamen Lebensverhältnissen empor. wachse und daß, wenn die Lebensverhältnisse zur Kultur reiften, auch eine architektonische Klassik gewiß sei, all diese werden dem kühlen Denker zur Seite stehen in dem Kampf, der noch keineswegs zu Ende ist, der vielleicht jetzt erst recht anhebt, in dem Kampf um die architektonische Form für alles, was den Bedürfnissen des tag. lichcn Lebens dient. Gewiß, es hat seine Bedenken, wenn Theodor Fischer, der süddeutsche Baumeister, der Evrichter virler Landhäu'ser, den Gmindcrsdorfer Arbcitcrkolouie und mancher anderer, einer milden Menschlichkeit dienenden Bauten, in Dresden erklärte, daß er die Architektur nur als Hintergrund begriffen sehen wolle. Solche Bescheidenheit im Dienste des Wenscheg kann leicht mißverstgsden Verden; um sie richtig zu deuten, mutz man an jene Artisten tüti Jndividuolitätsfarmtüer deuten, die in jedem Stuhl, in jedem j�chtcholz ihre Seele erschöpfen wollten. Falsch wäre es indeZ, tvollte man wirklich verlangen, dast die Architektur, datz jede Archi- tcktur zur absoluten Neutralität verurteilt sei. Das eben ist ja gerade das Ziel, nach dem die moderne Bewegung, die aus der KlSfese der Zmeckmäßigkeit wuchs, hinstrebt: die Forin, die daS Wesentliche bestimmter LebenSkreise zum Ausdruck bringt. Anderer- jfeitZ aber ist es durchaus richtig, dost, wer die Form erstrebt, eifer- süchtig darauf achten mutz, der Willkür das Tbr zu schließen. Auster diesen prinzipiellen Erörterungen brachte die Dresdener Tagung des Deutschen Werkbundes eine Reihe interessanter Einzel- heilen in der Praxis. Leo AronS zeigte sein Chrouwskop, eine geistreiche Erfindung, durch tte es ermöglicht wird, die Farben emd deren Nuancen durch zwei Zahlen zu bestimmen. Das be- deutet etwa fiir die Färberei eine große Erleichterung. Wie unklar find alle Versuche, mit Worten eine bestimmte Farbe zu um- schveiben; was nutzt es, wenn ich dem Färber sage: zu meinem himmelblauen Bezug brauche ich eine Besatzschmir. Das Himmel- Vkai wird stets ein anderes sein, einnml mehr grün, einmal mehr «rosa. Wenn ich ihin aber jetzt durch zwei Ziffern eine Farbe an- gebe, die er mittels seines Chromoskopcs nach meinem Vorgang aus der gleichen Lichtquelle sich auf daS genaueste erzeugen kann, dann ist eine relativ sichere Kontrolle gefunden. Lebhafte Zustimmung verdiente abermals MuthesiuS für seine it reffliche Kritik unserer technischen Hochschulen die es für wichtiger achten. Räte vierter Klasse als Künstler erster Klasse auszubilden. Alle Sachverständigen stimmten solchen! Angriff bei. Ein Professor der Aachener Hochschule klagte besonders über die törichte Be- fchwerung des Lehrplanes mit tauiendcrlei Dingen, die wohl ge- eignet wären, brave Daubeamte z» drillen, der Entwickelung des Künstlerischen aber nur hinderlich sein können. Dazu komme, dost für die Aufnahme auf einer technischen Hochschule wohl bestimmt« staatlich sanktionierte Examina gefordert werden, daß aber keines» Wegs der Nachweis künstlerischer Befähigung notwendig sei. Dem ftmmte auch Cornelius Gurlitt bei: ihm scheinen alle offiziellen Dritfungen höchst überflüssig; er selbst hat die erste erlebt— nicht als Schüler, als Professor. Im übrigen plädiert Gurlitt für eine ldoppelt« Art der Ausbitdung. Man solle Baubeamite erziehen für IWe Verwaltung und die Pflege, und daneben sollten künstlerisil» Bsgabungen sich zum Architekten ausbilden können. Es ist wohl richtig, daß solche Verzweigung gewisse Gefahren der Einseitigkeit rniit sich bringen würde; dennoch steckt in GurlittS Vorschlag ein ge- sunder Kern, eben der gleiche, den MuthesiuS meinte: nicht Räte gierte? Klasse, sondern Künstler erster K.'ajjx. R. Br. 1 : Kleines feuilleton. Statistisches. Die Bewegung der Bevölkerung in Groß- städten. Einen Rückschluß auf den Wechsel der Bevölkerung er- laubt die Feststellung der OrlSgebürtigkeil. Nach einer für die Dresdener tzygieneausstellung bestimmten Ucberncht des Statistischen Amtes von Amsterdam waren in 22 europäischen Großsmdten am gleichen Ort von 1000 der Gesamtbcvölkerung geboren in Paris Sa7. München 361, Budapest 367, Dresden 333, Stockholm 406, Berlin 409, Mailand 434. Breslau 437. Kristiania 439, Leipzig 440, Rom 404, Wien 404, Hamburg 498, Cöln 511, Turin 623, Kopenhagen 526, Haag 580, Rotterdam 603, Amsterdam 663, London 665, Palenno 718. Neapel_ 736. Wie zu erwarten, fanden sich in der Weltstadt Pari? die wenigsten OrtSgebürtigen; ihr folgte gleich München. In den deutschen Groß- städten Dresden, Berlin. Breslau, Leipzig, Hamburg hat ebenfalls mehr als die Hälfte aller Einwohner anderswo zuerst daS Licht der Welt erblickt. Merkwürdigerwerse gehört London trotz der großen Fremdenzahl zu den Orten, die beinahe V,» ihrer Einwohner seit der Geburt festgehalten hat. Aus dem Tierleben. DaS OrtSgedächtniS der Fische. Die Wanderungen der Seefische, besonders die des Herings, der Scholle, der Flunder, des Schellfisches und deS Aals sind im letzte» Jahrzehnt der Gegen» stand der aufnierkiamen Beobachtungen und eingehenden Studien gewesen. Eine Zusammenstellung der gewonnenen Ergebnisse suchte Dr. Franz in einem Vortrage in der Biologischen Gesellichaft in Frankfurt a. M. zu geben. Er stellte zunächst die grundlegend« Tat- sache fest, daß viele Wanderungen vom Salzgehalt des Meeres abhängen. Berfchiedetie Fiscbanen suchen zum Laichen entweder besonders salz- reiche oder besonders salzarme Gewässer auf. Die Aendcrungen des Salzgehalte nehmet» aber eine merlliche Größe erst auf den beträcht- lichen Entfernungen a» und also müssen die Fische, die sich danach orientieren, nach Zmücklegung längerer Strecken ihre Schwimm- richtung beibehalten oder ändern, je nachdem daS Wasser sich in diesem oder jenem Sinne geändert hat. DaS ist aber ohne daS «SecuiuworU. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Vertag: OrtSgedächtniS nicht auszuführen. Selbstverständlich(st hier daS Wort.Gedächtnis" nicht im Sinne der menschlichen Psychologie auf- zufassen, sondern ganz allgemein als eine Fähigkeit, gewiss« zweck« einsprechende Bewegungen auszuführen, ohne Rücksicht darauf, od hier das bewußte Wollen eine Rolle spielt oder nicht. Die Tatsachen, durch die Dr. Franz seine Anficht erhärtet» wurden von ihm einer sorgfältigen kritischen Sichtung unterworfen und geben in ihrer Zusammenstellung etwa folgendes Bild z Der Karpfen und einige ihm nahe verwandten Arten besitzen ein sehr guleö und detailliertes Ortsgedächtnis in kleineren Gebieten. Das Gedächtnis hält mindestens vier Monate vor. Alte Hechte. Forellen. Aeschen und Huchen betätigen den Ortssinn im Umkreise bis zu sechs Kilometern um ihren festen Standplatz, während der Seestichling sich nur in Entfernung von etwa zehn Metern von seinem Reste auskennt. Auch die Flunder befitzt Ortsgedächtnis, doch fehlen hier die näheren Angaben. Desgleichen geben manche anderen Fischarten, deren Wanderungen innerhalb eines BinnengewässerS stattfinden und von den Jahreszeiten abhängen, sichere Anzeichen für das Borhandensein des OrtügedächtnisjeS im oben angegebene» Siuu«. Scdacb. Unter Leitung von S. Als Pitt. F. Kenney. ad od» fgh ab od« fgh 2 4=(9P(I) Schachnachrichten. Ein Wettkampf unter interessante» Bedingungen beginnt in München die nächste Woche. R. Spiel» mann und S. L l a p i n werden 10 Partien miteinander spielew, Remisen zählen jedem einen halben Zähler. Mit 5'/, ist niaa Sieger. Wir werden die iniercssamesten Partien hiervon schon deS- halb bringen, weil sie eine beachlenswerie Streittrage über dir Korrektheit des bestehenden Spielmodus praktisch beleuchten solle», wie aus Nachstehendem ersichtlich. S. Alapin stellte nämlich schon seit Jahren in der Fach» presse die Behauptung mif, eS fei ungerechtfertigt, daß man ia ernsten Meisterparticn den Gegnern nicht gestattet, bevor st» auf dem offiziellen Brette den fälligen Zug ausführen, aus ihre» Taschenschachspielen oder sonst irgendwie die Stellung analytisch für sich privatim zu untersuchen. Den Zuschauern, Lesern und sonstige» Interessenten tami es doch gleich fein, mit welchem Wege der Spieler zur Entf>4lubfassung über seinen fälligen Zug kommt. Der jetzige Modus, der von den Partnern verlangt, die Vorberechnuug im Kopfe(also etwa blindlings) vorzunehmen, führt erstens zur Entstellung der Partien durch etwaige grobe Beriehen und be» deutet zweitens eine Vorgabe, die die ältere Generation der Meister(also die erfahreneren Kenner deS Spiels) der jüngere» Generation machen müssen, weil diese letztere zur Anspannung ihrer Aufmerksamkeit binnen 3—4 Stunden hintereinander einfach mehr physische Kräfte besitzt. Alapin behauptete, daß nicht nur die Qualität der Partien durch Ausschaltung von groben Wer» sehen turmhoch gehoben werden, sondern auch die bestehende Rang- und Erfolgliste der bekannten Maiadore bedeutende Veränderungen zugunsten der älteren Generation erfahren würde, falls ma» sich entschließen sollte, in der M e i st e r p r a x i S von einer unzweck» mäßigen und ungerechten Tradition abzusehen, um ersten? daS Analysieren während der Partie selbst zu gestatten und zweiten» die Dauer der ununterbrochenen Spielfitzung auf höchstens drei Stunden hintereinander festzustellen. Die Bedingungen des bevorstehenden MatchcS entsprechen voll» ständig den erwähnten Forderungen von Alapin. ES darf so viel man will analysiert werden: man spielt nur 6 Stunden, den Tchz in zwei Sitzungen je zu 3 Stunden, zwischen denen eine Erholung»» pause von 2>/j Stunden eintritt. Die Vedenkftist bleibt die üblich«: 15 Züge pro Stunde: jedoch im Einklänge mit den obigen Ber» änderungen des Spielmodus wird die Zeit kontrolle erst nach 45 Zügen vorgenommen.(D. h. die Zeitbestimmung lautet, praktisch genommen: ,45 Züge in 3 Stunden".)_