Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 116. Dienstag, den 20. Juni. 1911 lNachdruck vervo!en.7 12] pelle der Gröberer» Lehrjahre. Roman von M. Andersen N e x ö. Bisher hatte Vater Lasse alles Kopfzerbrechen auf sich genommen, und nun stand er da und war ganz auf sich an- gewiesen. Jetzt standen er und das Leben gegenüber, und Pelle kämpfte sich tapfer vorwärts, der prächtige Junge, der er war. Aber zuweilen brach er darüber zusammen. Und das legte sich hemmend unter alle seine kindlichen Lebens- äußerungen. In der Werkstatt machte er sich nützlich und suchte sich gut mit allen zu stehen. Er gewann den kleinen Nikas, in dem er seine Braut in vergrößerter Gestalt nach einer Photo- graphie zeichnete. Das Gesicht wollte nicht so recht hervor- treten, es sah aus, als habe jemand da hineingetreten: aber das Kleid und die Brosche am Halse waren vorzüglich. Das Bild hing eine Woche in der Werkstatt und machte großes Glück: Carsten, der Botengänge für das Steinwcrk verrichtete, bestellte zwei große Bilder von sich selbst und seiner Frau, für fünfundzwanzig Oere das Stück.„Aber Du mußt ein paar Locken an das Haar zeichnen," sagte Carlsen,„denn Mutter hat sich immer so gewünscht, daß ich Locken habeil sollt'." Pelle konnte die Bilder erst in ein paar Monaten ver- sprechen, es war eine mühsame Arbeit, wenn sie akkurat ge- macht werden sollen». „Na ja, eher haben wir das Geld auch nicht über. Denn diesen Monat muß das Los bezahlt werden, und dann nach- her steht die Hausmicte vor der Tür." Pelle verstand das sehr gut, denn Carlsen verdiente acht Kronen die Woche und hatte neun Kinder. Aber von dem Preis ablassen konnte er doch nicht gut, fand er. Man schwamm hier wahrhaftig nicht in Geld. Und hatte er wirklich mal einen Schilling in Händen, so geschah es sicher, daß er ihm vor der Nase Reißaus nahm, wenn er sich gerade den Kopf darüber zerbrach, wie er ihn am nütz- lichsten verwenden sollte— so wie damals, als er in einem Höckcrfenster eine unwiderstehliche Pfeife in Form eines Schaftstiefels entdeckte. Wenn die drei Mädchen ihn über die Gartenmauer riefen, kam sein Kindersinn zu seinem Recht: dann vergaß er für eine Weile Kämpfe und Sorgen. Cr genierte sich ein wenig, irgend jemand sehen zu lassen, daß er dahinüber schlüpfte. Pelle fühlte sich nicht beehrt durch den feinen Umgang, und Weiberröcke waren es nun doch einmal. Er fühlte sich nur glücklich hier drüben, wo die seltsamsten Dinge zum Spielen bcnützt wurden, chinesische Tassen, Waffen von den Südsee- inscln. Manna hatte einen Perlenkranz von weißen Zähnen, spitze und höckrige durcheinander. Sie behauptete, es seien Menschenzähne und hatte den Mut, sie auf dem bloßen Halse zu tragen. Und der Garten war voll von wunderbaren Pflanzen, da war Mais und Tabak und allerlei anderes, was anderswo in der Welt so dicht wachsen sollte wie hier in der Heimat das Korn. Sie waren feiner von Haut als andere Menschen und dufteten nach den seltsamsten Gegenden der Welt. Und mit ihnen spielte er, sie sahen voll Bewunderung zu ihm auf, hefteten seine Kleider zusammen,»venu sie einen Riß be- kommen hatten, machten ihn zum Mittelpunkt ihrer Spiele, auch wenn er nicht mit dabei war. Es lag eine verborgene Genugtuung darin, obwohl er es als etwas Selbstverständliches hinnahm, es war ja etwas von alledem, was ihm das Schick- fal und das gute Glück vorbehalten hatten, ein kleiner Vor- fchuß auf das unbegrenzte Märchen des Lebens. Er verlangte unbeschränkt über sie zu regieren, und wenn sie rechthaberisch waren, redete er sich in Zorn hinein, sodaß sie sich ihm schließ- lich fügten. Er wußte sehr wohl, daß jeder ordentliche Mänii sich die Frau untertänig macht. Damit ging der Vorsommer hin, die tote Zeit rückte heran. Die Städter hatten sich schon zu Pfingsten mit Sommerbcdarf verschen, und draußen auf dem Lande hatten sie jetzt an anderes zu denken, als mit Arbeit für die Hand- wcrker nach der Stadt zu fahren: hie bevorstehende Ernte nahm alle Sinne in Anspruch. Ueberall, bis in die kleinsten Winkel hinein, wo nichts für die Bauern verrichtet wurde, merkte man, wie abhängig die kleine Stadt vom Lande war, Es war, als habe die Stadt mit einem Schlage ihre Ueber- legcnheit vergessen; die Handwerker sahen nicht mehr auf das Bauernland herab, sondern standen da und sahen nach den Feldern hinaus, sprachen vom Wetter und Ernteaussichten und hatten alle städtischen Interessen vergessen. Kam aus- nahmsweise einmal ein Bauernwagen zur Stadt, so lief man an das Fenster, um danach zu sehen. Und als die Ernte vor der Tür stand, war es, als wenn alte Erinnerungen alle die Köpfe höher tragen machte: wer nur konnte, streifte das Stadtlcben ab und zog zur Erntearbeit aufs Land. Aus der Werkstatt waren der Geselle wie auch die beiden ältesten Lehrlinge draußen, Jens und Pelle konnten begeum die Ar- beit bewältigen. Pelle merkte nichts von toter Stimmung: er war nach allen Richtungen hin in Anspruch genommen, seine Haut zu wehren und das Bestmöglichste aus dem Dasein zu machen, Da waren Tausende von widerstrebenden Eindrücken von gut und böse, die gesammelt und zu einem Ganzen ausgeglichen werden sollten— zu diesem merkwürdigen Ding: Stadt, von dem Pelle niemals wußte, ob er sie segnen oder verfluchen sollte,>vcil sie ihn immer in Schwingung hielt. Und mitten in aller Geschäftigkeit konnte Lasscs Gestalt auftauchst und ihn einsam im Wirbel machen. Wo nur Vater Lasse sein mochte? Sollte er nie wieder von ihm hören? Jeden Tag hatte er erwartet, ihn zur Tür hineinstolpern zn sehen, im Vertrauen auf Karnas Worte: und wenn es am Türdrücker tastete, war er fest überzeugt, daß er es war, Das ward zu einem stillen Kummer in dem Sinn des Jungen, zu einem Ton, der in allem, was er unternahm, mitklang. V. An einem Sonnabend, als Pelle die Osterstraße hinab- lief, kam ein Wagen mit Hausgerät vom Lande herein- geschwenkt. Pelle hatte es sehr eilig, mußte das aber doch mitnehmen: der Kutscher saß unten vor dem Fuder ganz vorne zwischen den Pferden, er war groß und rotwangig und gehörig eingemummelt, trotz der Wärme.„Hallo!" das war ja Schwager Due, Kalles Schwiegersohn! Und oben mitten zwischen allen: Gerümpel saßen Anna und die Kinder und schwankten hin und her.„Hallo!" Pelle schwenkte die Mütze, mit einem Sprung hatte er den Fuß auf der Wagen- deichsel und saß neben Due, der bei der Begegnung über das ganze Gesicht lachte. „In, nun haben wir das Bauernland satt und woll'n mal versuchen, ob es sich hier in der Stadt besser macht," sagte Due auf seine stille Weise.„Und hier läufst Du ganz wie zu Hause herum!" Es lag Bewunderung in der Stimme. Anna kam über das Fuder hcrdeigekrochen und lachte zu ihnen nieder. „Habt Ihr Nachricht von Vater Lasse?" fragte Pelle sie. Das war seine ewige Frage, wenn er Bekannte traf. � „Ja, das haben wir, er ist daran, einen Hof draußen in der Heide zu kaufen. Na, willst Du woll artig sei,:, Du Teufel!" Anna langte nach hinten aus, ein Kind fing an zu weinen. Dann kam sie wieder zum Vorschein.„Und wir soll',: auch vielmals'von Vater und Mutter grüßen." Aber Pelle hatte keine Gedanken für Oheim Kalles« „Liegt es droben bei Steengaarden?" fragte er. „Nee, weiter nach Osten zu, bei den Zauberstuben," sagte Due.„Es ist ein großes Stück Land, aber nicht viel mehr als Steine. Wenn er sich da man nich' mit ruiniert, zwei soll'n schon vor ihm dabei hopps gegangen sein. Cr hat sich ja mit Karna zusammengetan." „Oheim Lasse wird wohl wissen, was er tut," meinte Anna.— Karna hat woll das Geld reingesteckt, sie hat ja was aufgespart." Pelle mußte weiter, sein Herz tanzte ihm im Leibe bei dieser Nachricht. Vorbei war es nüt aller Ungewißheit und allen schrecklichen Ntöglichkeiten, er hatte seinen Vater wieder. Und Lasscs Lebehstraum war in Erfüllung gegangen, er hatte jetzt die Füße unter dem eigenen Tisch gesetzt! Hof- besitzer war er obendrein geworden, wenn man es. nicht so ßcnoit nahm; und Pelle selbst— so, er war setzt'Hofbesitzers- söhn! Gegen nenn Uhr am Abend hatte er alles beiseite ge- schafft und konnte sich auf den Weg machen: sein Blut kochte vor Spannung. Ob da wohl Pferde waren?— Ja, natürlich, ober ab auch Leute gehalten werden mutzten? War Lasse Bauer geworden, der am Ziehtag Löhne ausbezahlte und des Sonnabends, den Pelzkragen über die Ohren gezogen, zur Stadt kam? Pelle sah sie ganz deutlich die Treppe hinauf- kommen, einen nach dem andern, die Holzschuhe abstreifen und on der Arbcitsstubcntür pochen— ja, sie wollten gern um Worschutz auf ihren Lohn bitten, lind Lasse kraute sich in den Nacken, sah sie bedenklich an und sagte:„Ne, auf keinen Fall, Ihr versäuft es ja doch man." Aber er gab ihnen schlietzlich doch, wenn es so weit war—„man ist ja viel zu gutmütig," sagte er zu Pelle. Denn Pelle hatre der Schusterei ade gesagt und lebte tzu Hause als Hofbesitzerssohn. Eigentlich leitete er ja das Ganze, es durfte nur nicht so hcitzen. Und auf den Weih- nachtsschmäusen schwenkte er die drallen Bauertöchter. Es entstand ein Flüstern in allen Ecken, wenn Pelle eintrat; aber er ging garadeswegs durch die Stube und forderte das Pastors Tochter zu einem Tanz aus, so datz sie den Atem verlor und noch mehr dazu, und ihn bat, sich gleich auf der Stelle mit ihr zu verheiraten.— Er lief und träumte; die Sehnsucht trieb ihn vorwärts, und ehe er sich's versah, hatte er die paar Meilen Land- stratze zurückgelegt. Ter Landweg, den er jetzt einschlug, führte durch Heidehügel und Nadelwald; die Häuser hier drinnen wurden ärmlicher, es war ein weiter Abstand von einem zum andern. Pelle schlug nach bestem'Ermessen einen Richttveg etwas weiterhin ein und lief mit weitgeöfsnctcn Sinnen. Die Sommernacht Uetz ihn alles nur halb erkennen, aber das Ganze war ihm so vertraulich, wie die Stopfstellen in Vater Lasses Westenrücken, obwohl er noch nie hier gewesen war. Tie amselige Landschaft sprach zu ihm wie mit Mutterstimme; so sicher wie hier zwischen diesen aus Lehm aufgekleckstcn Hütten, in denen arme Urbarmacher mit dem Felsboden um eine Handvoll Erde kämpfen, war es sonst nirgends in der Welt. Durch viele Generationen hindurch war dies alles sein, bis zu den Bumpen in den Fensterscheiben und dem alten Gerümpel, das auf das Strohdach hinaufgeschleppt war, um es fest zu halten. Hier war nichts, womit man sich den Kopf zerbrechen brauchte wie anderswo in der Welt, man legte sich getrost hin und ruhte. Aber in all diesem bauen und wohnen, nein, das war nichts für ihn. Dem war er entwachsen, wie mau den Röcken seiner Mutter entwächst. Ter Nebenweg ward allmählich zu einer tiefen Wagen- spur, die sich zwischen Felsen und Moor hinschlängelte. Pelle wiitzte,� datz er sich nach Osten zu halten mutzte, aber dieser Weg ging bald südwärts, bald nordwärts. Er bekam es satt, merkte sich genau die Richtung und lies quer feldein darauf ioß, iFortsetzung folgt.Zs fichte und die herrschenden. B a u st c i n e zum Fichtedenkmal. Seit Jahren sammelt man für ein Fichtcdcnkmal in der NeichsHauptstadt. Man hat es nicht eilig. Philosophen sind ein unbeliebter Gegenstand der offiziellen Dentmalerei. Otto der Faule ist wichtiger als ein Fichte. Allenfalls bringt man die Philosophen unter den Schwänzen von Potcntatcngäulen oder hinter wassersüchtigen Hohcnzollernbäuchcn unter. Aber diese Mitz- achtung ist ehrenvoller und ehrlicher als die Lobhudelei. Wie der Aufruf zu einem Fichtedenkmal erschien, war Herr v. Bülow noch der Kanzler ä la mode. Cr warf dem für seinesgleichen uu- erreichbaren Revolutionär das Sprüchlein nach, datz er geredet hätte in einer Zeit, wo alles schwieg. Ter selige Kanzler konnte diese Plattheit wagen, weil er in einer Zeit wirkte, da Fichte schwieg, während alle redeten. Tie Wahrheit ist, datz jedes Fichte- dcnkmal in der Reichshauptstadt eine Beschimpfung des seiden- schastlichen Tcnkers ist. Tie Herrschenden Prcutzen-Teutschlands haben niemals etwas gemein mit dem Geiste Fichte» gehabt. Heute noch weniger als zu seinen Lebzeiten. Und wichtiger als irgend- ein Standbild wäne es, endlich den vollständigen Nachlatz des Mannes herauszugeben, der in der Berliner Bibliothek ver- staubt. ES befindet sich darunter das«chlutzwerk seines Lebens, ein nur in einzelnen Blättern bisher bekannt gewordenes sozia- tistischeS System, in dem die ebenso berühmten wie un- gelesenen und noch weniger verstandenen Reden an die deutsche Nation nur ein vorläufiges Kapitel bildeten. Immerhin, bis zu dem bevorstehenden 100. Todestag Fichtcs wird das Denkmal fertig werden und nationaler Trara wird die Hülle wegblasen. Tis Spitzen der Behörden und kosakcnfürchtig« Professoren werden dabei sei, und wenn Herr Trott zu Solz dann noch preußischer Kultusmnister sein sollte, so wird er seine Ge» danken über den deutschen Mann spreizen. SScnn niemand einen Philosophen mehr kennt und er ganz und gar ungefährlich ge- worden ist, dann ist die Zeit gereist, ihm ein Tcnkmal in Berlin zu setzen, das nicht ein Zeichen seiner Ilnsterblichldt, sondern vielmehr seine endgültige Todeserklärung bedeutet. Was aber Fichte in Wirklichkeit gewesen st't, dafür haben wir jetzt auch eine amt- liche preußische Urkunde. Fichte wurde von den Herr- sehenden verfolgt, solange er lebte. Und selbst als man ihn nach dem Zusammenbruch Preußens reden ließ, behandelten ihn die preußischen Behörden brutaler als der französische Erbfeind, dec in Berlin regierte und gegen den der Unerschrockene zum Sturm aufrief. Fichte erlebte noch eben die„Freiheitskriege", völlig ver- einsamt und verbittert, und er starb voll tiefem Mißtrauen, ob nicht die Niederwerfung Napoleons der Beginn verstärkter deutscher Knechtschaft werden würde. Fichtes' düstere Ahnungen wurden durch die Wirklichkeit noch überboten. Tie Zciton von 1818 bis 1848 waren ein unter Preußens Führung erneuerter dreißigjähriger Krieg gegen die deutsche Kultur. Fichte galt jetzt als der große Verderber. Seine Reden an die deutsche Nation wurden verboten. Und in den Maß- nahmen, niit denen der preußische König und seine Regierung die Karlsbader Beschlüsse der heiligen Allianz noch überbot, erscheint Fichte als der böse Geist, dessen Einfluß vor allem mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müsse. In dem Prememoria, mit dem die Eylcrt und Schultz(Goethes Freund) den König Friedrich Wilhelm III. unterrichteten— es ist vom 15. Februar 1821 datiert — was gegen den llmstunz zu tun sei, erkalten wir eine offizielle preußische Darstellung des Wesens und Wirkens Fichtes. Diese Denunziation und nicht eine nach hundert Jahren jubilierende Figur aus Marmor oder Bronze ist das echte, angemessene und chrlickze Denkmal der Herrfchendcn für den Philosophen. Fichte ist gemeint, wenn es in dem Schriftstück heißt: „Da nach jenem neueren Moralsysteme nur diejenige Handlung recht und sittlich genannt werden kann, die mit der innersten Ucberzeugung des Menschen übereinstimmt, jede Handlung nach Bestimmung äußerer Autorität aber unsittlich und des reinen Menschen univ-ürdig ist, so ist es danach auch unsittlich und seinen unwürdig, sich Gesetzen zu unterwerfen, von deren Güte er nicht überzeugt ist, und zu denen er, laut oder schweigend, seine Ein- willigung nicht gegeben bat.„Tu sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen," wird nack dieser neuen Moral so gedeutet, daß, da Gott im Menschen selbst oder nichts anderes als des Menschen tiefstes Wesen, seine innerste Ucberzeugung sei, dieser Ueber- zengung mcbr als allen Gesetzen zu gehorchen ist. Gehorsam gegen die Gesetze findet also hiernach nur aus Klugheit zur Vermeidung äußeren Zwanges und mit der Mcntalreservation(dem inneren Vorbehalt) statt, sie zu befolgen, insofern sie mit der Ueberzcugung des Jndividui übereinstimmen, sonst aber ihnen aus sittlicher Ver- pflichtung auf alle Weise, heimlich oder öffentlich, entgegen- zuwirkcn. Daher entspringt denn also auch für die Bekenner dieser Moral die absolute Notwendigkeit, jedem einzelnen seinen Anteil an der Gesetzgebung zu vindizieren, mithin die Notwendigkeit einer ge- setzgebenden Volksrcpräscntation, sowie sich für selbige andererseits aus dem Grundsätze der Nichtigkeit aller Autorität, selbst der gött- lichcn Gesetze und Offenbarung, und aus dem Grundsätze des ab- sohlten gleichen Wertes der Menschen als Inhaber des höchsten göttlichen Wesens, die notwendige Forderung der Souveränität des Volkes ergibt." TaS ist die„furchtbare, geheime Macht", gegen die die Karls- badcr Beschlüsse nicht mehr genügen. Da müssen noch sebärfer« Mittel angewandt werden, und die dem König unterbreiteten Vor- schlage laufen daraus hinaus, daß jeder aus dein Staatsdienst ent- fcrnt werden müßte, der Fichtesche Anschauungen hege. Fichte war also für dh damaligen Machthaber, was heute Karl Marx ist. Im weiteren wird dann Fichte mit Namen genannt. Er ist der Schlimmste unter den Umstürzlern, von denen noch Schlcicrmachcr, Ernst Moritz Avndt und Jahn, der Turnvater, bezeichnet werden. Tie Verfasser grübeln darüber, ob das gegenwärtig berrschcnde revolutionäre'Treiben etwa als eine Schickung und Strafe Gottes aufzufassen sei. Sie kommen dann aber zu dein Ergebnis, daß daran nicht Gott, sondern vielmehr der Teufel, das ist Fichte, schuld sei: „Hier ist nicht der Fingerzeig Gottes, hier ist deutlich die Hand de? Verderbes zu erkennen, der die schwachen Menschen durch solche Vorspiegelungen zum ewigen Unheil zu verführen sucht, in- dein er das Zauberbild einer übermenschlichen Vollkommenheit ihren betörten Augen vorgaukelt. Wo die Gebote Gottes nicht höher als alle menschliche Weisheit geachtet werden, wo die Offcn� barung des Herrn durch Christum, wo die Erlösung des Menschen durch den Heiland den Glauben verloren hat, und an seine Stelle die törichte Einbildung philosophischer Erkennt» n i s der göttlichen Natur des Menschen eingetreten ist, da kann weder Kirche noch Staat länger bestehen, da bersinlt alles Heil der Gegenwart und Zukunft in einen bodenlosen Abgrund!— Am Vtande dieses Slbgrundesj'teht unser Baterland... Dieses verderbliche System ist, in gedruckten Schriften wie in öffentlichen Vorträgen, zunächst von zwei Gelehrten ausgegangen, die beide seit ungefähr zwanzig Jahren unter stetem großem Bei- falle hier öffentlich aufgetreten sind, von den Professoren Fichte und Schlcicrmachcr... Dieser Professor Fichte, dessen öffentliche Lehren die wirk- samstc Grundlage der Entwickckung dieses gefährlichen Systems gc- tvescn sind, war schon im Jahre 1733 als damaliger Lehrer der Philosophie an der Universität zu Jena, auf den Antrag des Dresdner Hofes wegen atheistischer Lehren in Anspruch genommen worden. Er verteidigte sich dagegen in gedruckten Schriften auf eine Weise, die den Grund dieser Anklage gegen ihn nur zu sehr be- stätigte und das Gift seiner Lehre desto allgemeiner verbreitete. Nachdem er demzufolge von dem Lchramte zu Jena entlassen war, wurde er zu unserem großen Unglück, gleichsam als Entschädigung für die ihm dort widerfahrene Kränkung, nach Er- langen berufen; ja er erhielt sogar die Aufforderung, anstatt zu Erlangen hier zu Berlin vor einem gemischten Publikum, also in populärer Sprache, seine Lehren vorzutragen. Von diesen populären Vorlesungen, welche Professor Fichte hier bis zum Jahre 1838 mit steigendem Beifall gehalten hat, schreibt sich die gänzliche Zerstörung d c r ch r i st l i ch- r c! i- giöscn und moralischen Gesinnung her, die weiter- hin unter einem großen Teile der hiesigen Staatsbeamten, Ge- lehrten und Jugcndlchrer zur Erscheinung gekommen ist, indem der feste Glaube an philosophische Allmacht mnd Allwissenheit des Menschen in deren Stelle trat." Nun wird das religiöse System und das System der deutschen Nationalerziehung, wie es Fichte gelehrt, des breiteren dargestellt. Seiner früheren atheistischen Ansicht getreu, habe er Gott lediglich als eine Abstraktion des Menschen erklärt, und diese Auffassung sogar als die Meinung Christi behauptet. In seinen Reden an die deutsche Nation habe er dargelegt, daß die vorhandene Generation der Menschen durchaus verworfen und verderbt sei, und daß der Grund zum neuen Heil mit der unverdorbenen Jugend durch eine deutsche Nationalerziehung gelegt werden müsse. Fichte habe ferner gelehrt, daß alle echte Bildung in Teutschland vom Volke aus- gegangen, von Fürsten und Adel gehindert worden sei, daß die deutsche Nation vor allen anderen zur republikanischen Verfassung reif sei. Er habe die bisherig« Tendenz der; öffentlichen Lehr- ansialten gänzlich verworfen, die Erziehung zur Seligkeit im Himmel: für die Seligkeit im Himmel bedürfe es keiner Bildung, wohl aber bedürfe es sehr der Bildung für das Leben auf der Erde. Diese nationale Erziehung habe auf Stand, Geburt und äußere Bestimmung keine Rücksicht zu nehmen. Sie solle nicht auf Unterwerfung unter die Autorität, sondern auf freie Entwickclung der menschlichen Kräfte gerichtet sein. Solche Auffassungen nennt die Denkschrift der regierenden Be- rater Friedrich Wilhelms III.„grundlose, ja wahrhaft gottlose Be- ihauptungen und An mutungen". Schließlich wird als der Schüler Fichte» Sand, der Mörder Kotzebucs, bezeichnet, der in seiner Wart- burgrcde die Gedanken des„genannten philosophischen Welt- rrformators" entwickelt habe. Das war denn der höchste Trumpf: Fichte als moralisch der- antwortlich für das Attentat des jungen Schwärmers, das den Porwand zu der scheußlichen Temagogenhebc gegeben bat. Herr Trott zu Solz sollte sich ja in diese Denkschrift seiner Vorgänger vertiefen, um rechtzeitig davon abzulassen, dem verruchten Um- stürzlcr zu huldigen. Tann wird er erkennen, wie berechtigt es ist, wenn sich als die Erben der klassischen deutschen Philosophie ----- die Sozialdemokraten mit Stolz bezeichnen! Z�ob der faiilbeit. Gin Hirtenbrief. Lieber Kollege I Glauben Sie nicht, ich sei über Nacht Bischof geworden. Mein Hirtenbrief handelt, wie der Titel zeigt, nicht vom Fasten und Beten. Ich sitze dreizehnhundert Meter hoch über dem Meere auf einem umgelegten Baumstamm inmitten einer leise grünenden Waldwiese und hüte einem Hirtcnbub, der eine» Brief vergessen zu haben vorgab, den er dem„Postli" bringen müsse, die vier Kühe, drei Schafe und eine Gais. Und in dieser Situation, die die alten Erzväter und sogar wirkliche Könige— das ist allerdings schon ziemlich lange her—- ihrer nicht für unwürdig fanden, denke ich über eines der wichtigsten Probleme der Menschheit nach, über das Recht auf Faulheit. Daß es sich hier um ein sogenanntes Natur. recht handelt, da» ist mir ohne weiteres klar. Denn ich habe eine unverdorbene natürliche Neigung dazu, von diesem Rechte stets ausgiebig Gebrauch zu machen. Ich habe nicht nur einen hervor- ragenden Parteischriflsteilcr, de» Genossen Lafarguc in Pud», der ein sehr schönes Büchlein über das Me u scheu reckt geschrieben hat, zur Seite, sondern auch den verstorbenen großen Tolstoi hinter mir, der sich über das Nichtstun aner'ennend ausgesprochen hat. Durch das viele Arbeiten kommen nach seiner Meinung die Menschen 60t« dem richtigen Wege ab, weil sie sich keine Zeit mehr nehmen, ihr eigenes Innere ruhevoll zu beschauen nnd zu einer Klarheit über sich selbst zu kommen. Eines der klarsten und faulsten und schönsten» Bücher der Welt, der„Grüne Heinrich", fängt mit einem Kapitel: Lob de» Herkommens an. Damit ist'aber nur jene höhere Art der Faulheit gemeint, mit der man es in aller Ruhe recht weit bringcrt kann, wie denn auch sogar ein bekannter und sogar berühmter Mann der Gegenwart mir einmal glaubhast versichert hat, er hätte c» in seinem Leben nicht so lveit"gebracht, wenn er es nicht ver- standen hätte, recht oft und recht lang mit Geist zu faulenzen. Denn etwas Geist muß dabei sein. Otto Erich Hartlcben hat diese sublimere Art des Faulenzers einmal in die schönen Verse ge, kleidet Bist du einmal recht faul und fühlst dich doch begnadet. So kannst du sicher sein, daß Faulheit dir nicht schadet. In diesem begnadigten Zustand also befinde ich mich zurzcik und wenn diese Mitteilungen ans die Beladencn und Keuchenden und Schwitzenden aufreizend Wirten sollten, so ist mein Zweck eigentlich erreicht. Das Faulenzen will gelernt sein, wenn diese Gabe Gottes einem nicht wie mir sozusagen in die Wiege gelegt wurde. Angeblich wohnt die Freiheit aus den Bergen. Das dürfte eine kleine Täuschung sein, denn ich begegne selbst hier oben verschiedenen gc- strengen Augen des Gesetze»! die den Wald nach Verbrechern ab. suchen, damit die jetzt eintreffenden Sommerfrischler keinen anderen Räubern in die Hände fallen als den gesetzlich konzessionierten. Aber einerseits ist„gewißlich wahr", wie die evangelischen Pastoren in ihren Leichenpredigten sagen: Auf den Bergen wohnt die Faul- hcit für jeden, der Sinn für sie hat, nämlich für die Berge sowohl als auch für die Faulheit. Man kann stundenlang auf dem Rücken liegen und in die Wolken sehen und glauben, man habe nichts gc- dacht, und dabei ist man ganz still zwischen den erhabenen Gc- fühlen und Empfindunycn herumgcwandelt, oder man kann stunden- lang auf einem Stein sitzen und die einem anvertrauten Kühe in alle Windrichtungen auseinanderlaufen lassen nnd meinen, man habe nichts getan, wo doch einem die famosesten Gedanken zur Linderung des Elend» der Mitmenschen ins Gehirn schleichen, wie dieser Brief ja deutlich zeigt. Aber schließlich möchten Sic auch wohl mehr von der Wirklich- keit in den Bergen hören. Und da kann ich imr eines sagen: Wir Schlvarzwäldlcr. oder wir, die wir zu Füßen dieses schönsten aller Gebirge der Erde und benachbarter Gestirne ivohncn, haben es eigentlich strafwürdig gut. Wir können die ordnungsmäßigen Jahreszeiten nach Wunsch verlängern,»venu!vir nur mit einer der vielen kleinen Bahnen einige hundert Meter höher dem Himmel zufahren. So wie wir aus den düster» Novembcrncbcln hinauf- klettern können in goldige Spätsommertagc, so können wir einen verpfuschten Frühling in der Ebene durch einen ausgemacht Herr- lichen auf den Bergen korrigieren. So bin ich jetzt, wo es bald Johanni wird, dem Frühling nachgelaufen bis hier heraus in den Hochwald. Am Himmel ist es zwar schon Sommer, aber die Erde hält es in diesen Regionen auch ctivas mit der Faulheit, kommt geruhig hinten nach und weiß, daß sie trotzdem zu ihrer Zeit viel herrlicher ist als die Ebene, die eS in allen Dingen viel eiliger hat. Zwischen den olivcnbrauncn Heiden und den letzten weißen Schneeflocken ziehen sich in spangrüncn duftigen Strichen die Wcidenslächcn hin. zwischen den dunklen Tannen, deren Zweige ge- rade mit den Spitzen des ersten neuen Triebes kokettieren, lacht das dichtgrünc Laub ungeduldiger Buchen. Da und dort balzen'in der Morgen- und Avenddämmernng noch die letzten Auerhähne.- deren Liebe die jagdgcsctzliche Zeit überdauert und alle Bcrgblumcn von der goldenen Arnika bis zum violetten Wolfsmilchlattich sind bereit? um die keusche FrühlingSlandschast in eine sommerliche Wunderwelt zu vcrivandclu. Ich weiß, daß man in unserer jetzigen wichtigen Zeit, wo jeden Morgen in allen deutschen Gauen ein neuer Rcichstagskandidat das Licht der Welt erblickt, keinen Sinn haben wird für deis Treiben meiner faulenzenden Freunde hier oben,. Aber von zweien darf ich Intimeres wohl inittcilen. Waldi, der langhaarige Dachs, ist mit der Zeit alt geworden, ohne seine aristokratischen Manieren irgendwie einzubüßen. Trotz- dem er dem Sterben nahe ist, bcriecht er noch jeden anderen Hund mit herablassender Miene, um dann nach dieser Taxierung mit er- hobci.cm Kopf und ausrecht gestelltem Schwanz in würdigem Schritt sich von der nicht standesgemäß befundenen Hundeperson abzuwenden. Sein Aufenthalt und scim Beschäfrigung gleichen anfsallcud den meinen. Er liegt am liebsten in der Sonne, an- scheinend untätig, aber er ist der geborene Philosoph der Faulheit und wenn dann ein so geschniegelter und gestriegelter Bcrggwcrl an uns vorüber wandert, dann sehen wir uns nur an und verstehen uns. Aber das slcptischc Herz dieses gerissensten aller Dachse hat noch einmal des Lebens Frühling in sich verspürt. Ich traf ihn jüngst in einer Waldlichtung mit einem erheblich jungen Hunde- sräulcin zusammen— in flagranti sagt man wohl beim Menschen. Doch seien wir nicht indiskret. Bald wird er nicht mehr fein und sein Grab mit Mutsch und Frika, den alten Renntiercn, die hier oben ihr in Grönland begonnenes Dasein beendeten, teilen. Und über Sterbende und Tote soll man nichts Böses sagen. Roch mehr in der Maienblüte seiner Sünden befindet sich ein 1 anderer Freund, Jakob der Esel. Ter Knecht hatte sich türzlich fcc irrtümlichen Auffassung hingegeben» dass, wenn er den Jakob ein- fach in den Stall jagt» ohne ihn anzubinden und dabei die Stall- türe offen lägt, dieses Langohr nicht auf den Gedanken kommen würde, einmal ganz nach eigenem Geschmack einen Spaziergang im Mondschein zu unternehmen und sich gänzlich den Wonnen un- gebundener Freiheit zu überlassen, was aber mein besagter Freund dennoch tat. Heute früh wurde mein freihcitsdurstiger Grauer schmerzlich vermigt. Ich war unter denen, die auszogen, diesen Esel zu suchen, wobei es mir erging wie sSaul, als er anstatt des Esels ein Königreich fand. Ich fand im Morgensonnenglanz die Herrlichkeit des hohen Schwarzwaldcs im Frühsommer. Ueber den Wäldern und den smaragdgrünen Matten lag ein silbcrgraucr Morgcnduft. Die Wcttertannen, die vom Sturm und Regen ge- bleicht sind wie Knochen, glitzerten im Frühlicht; die Tautropfen an den schlanken Gräsern glitzerten, die kleinen Quellen glitzerten und alles war Duft, Glanz und Blinken und Leuchten. Und in dieser Welt der Herrlichkeiten gab sich Jakob dem raffinierten Genug ausgesuchter Kräuter hin, wälzte sich wollüstig ans dem Rücken und stieg seine Freudcnrufc dazu aus, schlug nach vorne und hinten aus und bereitete den Bauern, die seine Freiheit kürzen wollten, erhebliche Schwierigkeiten. Als er endlich gegen Abend eingebracht wurde, war von Rene auf des Sünders Antlitz nichts zu vermerken. Das ist stets das sichere Kennzeichen der Genialität in der hohen Kunst des Fau- lcnzcns. Und als wir uns begegneten, blinzelte mich Jakob in seiner verschmitzten Weise an, als wollte er sagen: Gehe hin und tue desgleichen— wenn Du kannst. Ich gebe dieses schöne Wort an Sie, lieber Kollege, weiter, denn es ist das unverbrüchliche Recht jedes lebenden Wesens, von der Urzelle bis zum modernen Europäer, einmal heimlich aus dem Stall durchzubrennen, sich auf dem Rücken zu wälzen und von aus- gesuchten Kräutern zu leben und denen, die uns einfangen wollen, die erheblichsten Schwierigkeiten zu bereiten. Mit besten Grützen vom Berge Ihr derzeit Begnadeter„Schau insland". kleines f ciäUeton* Kulturgeschichtliches. Etwa? vom Strumpfe. Der Strumpf war ursprünglich nichts weniger als— unser Strumpf. In der aus dem 15. Jahrhundert stammenden Stragburger Chronik Königshofens heißt es (249,3):„Do erslug Palamedcs den künig Sapedonem und stach Diefcbum mit cime sper, das es(mhd. Aaz sper) brach und der strumpf in ime bleip(blieb)."„Strümps" bezeichnet hier also das Endstück der Waffe und ist wesensgleich mit Stumpf. So steht eS besonders auch als Bezeichnung sür das Stammende eines ab- gehauenen BaumeS, wie denn auch die ältere Formel nicht„mit Stumpf", sondern„mit Strumpf und Stiel" lautete. In einzelnen Gegenden lautet sie noch heute so. Wenn ferner Luther sagt:„Das hcwbt(Haupt) habt yr verlorn, wie fein hupst yhr mit strumphen »»nbher", so ist unter dem Strunipfe hier der Rumpf eines Körpers, das obere LeibeSende zu verstehen. Strumpf bedeutete somit oft Rumpf, meist aber Stumpf, also das Ende, und in diesem Sinne übertrug man es endlich auch anf das Ende— der Hose. Ursprünglich umfaßte die mittelalterliche Hose die Füße mit; als man sie dann aber i», IL. Jahrhundert am Knie aufhören ließ, nannte man auch den Hosenrumpf Strumpf; erst als man dann zur Hin- hüllung des durch die Hosenänderung frei gewordenen Bcinstückes ein besonderes Kleidungsstück schuf, bezeichnete man auch dieses als Struinpf. So also entstand unser Strumpf.» Physikalisches. AronS Chromoskop. Trotz der außerordentlichen Wichtigkeit, die die Farben in unserem heutigen Kulturleben lspiclen, haben wir doch bislang noch kein zuverlässiges Mittel oder llcine Skala, die einen Vergleich im Praktischen ermöglicht. Will man heute bestimmte Farben bezeichnen, so muß man sich einer Skala gefärbter Stoffe bedienen. Das ist aber ein sehr un- zuverlässiges Hilfsmittel, denn Farben bleichen namentlich durch Lichtzutritt aus und schon die geringste Veränderung genügt, um (die ganze Skala in ihrem Werte illusorisch zu machen. Nun kann man ja Farben durchaus eindeutig bezeichnen. Wir finsscn, dag die Farbe als Lichterschcinung weiter nichts ist als eben Licht bestimmter Wellenlänge. Licht ist bekanntlich eine Form der Bewegung, eine Form der Wcltäthcrschwingung, wie unsere heutige Phhsik sagt. Und die Farben unterscheiden sich in nichts als in der Geschwindigkeit der sie in unserm Auge verursatfendeir Acther- jschwiirgungen und damit in ihren Wellenlängen. Eine Farbe ist mithin völlig und eindeutig bestimmt durch die Angabe ihrer Licht- Wellenlänge. Diese Bestimmung ist so präzise und lägt sich wissen- ischaftlich so genau reproduzieren, daß man sogar ernstlich ins Auge «efagt hat, unsere Längcnmage ein für allemal unveränderlich igenau und stets wieder" absolut präzise reproduzierbar durch die Wellenlänge einer bestimmten als 5korm festgesetzten Lichtart zu bestimmen" z. B. des Lichtes, das unabänderlich durch die Natrium- flamme hervorgerufen wird._ Praktisch ist das Verfahren natürlich nicht gut anwendbar, denn man kann nicht gut verlangen, dag der Reisende in Seide oder far- bigen Stoffen noch ein kleines chemisch-physikalischcs zusammenleg- bares Laboratorium bei sich führt. Man bchilft sich daher immer noch mit den alten veränderlichen Farbenskalen. Nun lassen sich aber die Farben noch auf andere Weise her- stellen, und zwar durch Zerlegung des weißen Lichtes in seine ein- zelfarbigcn Bestandteile. Entwerfen wir auf diese Weise ein Spck- trum, ein Rcgcnbogenband, wie es uns jedes Glasprisma liefert, das an den alten Petroleumkroncn aus der„Guten Stube" dem spärlichen Pctroleumlicht Leben verlieh, so befinden sich darin alle Farben, die sich überhaupt nur denken lassen. Doch auch dieses Mittel bleibt praktisch unbrauchbar, weil die Menge der ineinander überfließenden Farbcntöne gestört und die einzelfarbigcn Bestand- teile nicht unterschiedlich genug heraustreten lassen. Ein viertes Mittel liefert die Polarisation des Lichtes. Einige lichtdurchlässige klare Substanzen, wie z. B. der Kalkspat, haben die Eigenschaft, einfallendes Licht unter gewöhnlichen Umständen in doppelter Weise zu zerlegen(Doppelbrechung) und durch geeignet zusammengesetzte Prismen aus diesen Substanzen(Nivolsche Pris- men) polarisiertes Licht herzustellen. Mit Hilfe zweier solcher Pris- wen, zwischen die man eine dünne Platte, z. B. aus Quarz ein. schiebt, kann man nun eigentümliche Farbenerschcinungcn hervor- rufen, die man chromatische Polarisation nennt. Man kann diese Farven aus zwei farbigen Kreisflächen in die Erscheinung treten lassen, die sich zum Teil überdecken. Die farbigen Kreisflächen haben immer sogenannte komplementäre Farben, d. h. solche, die sich gc- misch: wenigstens annähernd zu Weiß ergänzen. Wo sie sich über- decken, sieht man also stets einen weißen Fleck, der bestehen bleibt. welche? auch die einzelnen Kreissarben sein mögen. Durch Drehen eines der Nicolschen Prismen kann man den beiden Kreisflächen nun die verschiedenartigsten Farben erteilen, und zwar durch all- mähliche Drehung alle möglichen. Diese Farben sind aber durch die Drehung eindeutig bestimmt, so daß man die Farbcnbczeichnung einfach durch das Mag der Winkeldrchung ersetzen kann, die sich zahlenmäßig ausdrücken lägt. Warum das so ist, lägtsich hier und ohne klärende Zeichnungen und Bilder nicht in Kürze erläutern. Man kann aber wohl ein- sehen, daß auf diese Weise ein Mittel gegeben ist, durch Zahlen Farben zu bezeichnen. Dieses längst bekannte Prinzip hat Dr. Leo Arons aufgegriffen und zu einem praktischen Apparate umgestaltet, den er auf der vierten Tagung des deutschen Werkbundcs vorführte. Bon Zeitungsbcrichterstattern ist dieses Chromoskop als eine neue Erfindung bezeichnet worden. Das ist sie in der Tat nicht, was allerdings ibrem Weilfc als praktisch brauchbare Konstruktion nicht den geringsten Abbruch und Eintrag tut. F. L. Aus dem Tierreiche. Die Kuckuck-Frage. Der Kuckuck mit seinem lustig durch den Wald schallenden Ruf ist gewiß ein Liebling aller Menschen, und schon die Kinder pflegen ihn zu einem heiteren Frage- und Antwortspicl zu gebrauchen. Auf der anderen Seite aber werden diesem Vogel allerhand Sehändlichkeiten nachgesagt, unter denen die Geschichte vom Kuckucksei am bekanntesten ist. Wahrscheinlich glaubt alle Welt deshalb daran, weil sie schon seit Jahrtausenden immer wieder erzählt worden ist. Auch im alten Aristoteles findet sich die Anklage gegen den Kuckuck, daß er seine Eier in fremde Nester lege. Die neuen Naturforscher haben hauptsächlich vier Kuckuck- fragen aufgestellt: Warum bauen die Kuckucks kein eigenes Nest? — Auf welche Weise bringen sie ihre Eier in die fremden Nester? — Wie entsteht der Wechsel in der Farbe der Eier und die mehr oder weniger vollkommene Aehnlichkeit mit den Eiern des zum Pflegevater ausgewählten Vogels?— Wie endlich vollzieht sich das Verhängnis an den angestammten Nachkommen der Pflege- cltcrn?— Der Grund, warum der Kuckuck bei der Aufzucht seiner Jungen fremde Hilfe in Anspruch nimmt, ist wahrscheinlich darin zu erblicken, daß er zu knappe Zeit in der Gegend seines Frühjahrs- aufenthalts verweilt, um eine regelrechte Blütezeit abhalten zu können. Zum mindesten würden die jungen Kuckucks nicht ihre voll- ständige Selbständigkeit unter der Aufsicht der Eltern erlangen, wenn deren Frist wie gewöhnlich auf kaum drei Monate bemessen ist. Dazu kommt, daß ein junger Kuckuck einen ungewöhnlich großen Appetit zu haben pflegt, so daß vielleicht die eigenen Eltern aus Erfahrung es als unmöglich befunden haben, einem ganzen Gelege gleichzeitig die ewig hungrigen Mäuler zu stopfen. Diese Gründe nehmen sich sehr wahrscheinlich aus und es ist wohl mehr eins Grübelei, nach anderen suchen und zum Beispiel annehmen zu wollen, daß die Kuckucks, die früher ebenso gute Eltern gewesen feien als andere Vögel, sich durch ihre vielen Feinde, die ihnen ihr Nest zerstörten und ihre Jungen raubten, gezwungen gesehen hätten. ihre Eier in fremde Nester einzuschmuggeln. Man weiß auch erst seit kurzer Zeit, daß der Kuckuck seine Eier auf die Erde legt und dann im Schnabel in das fremde Nest trägt. Daß der junge Kuckuck selbst, nicht etwa die Pflegeeltern, feine Frcßkollegen aus dem Nest zu befördern sucht und damit auch meist zustande kommt. ist wohl mehr ein etwas massiv ausgeprägter Erhaltungstrieb als eine Abneigung gegen die Sprößlinge anderer Art. Man hat nämlich beobachtet, daß zwischen zwei jungen Kuckucks sich derselbe Kampf um das Futter und um den alleinigen Besitz des Nestes entspinnt._ Kerantzvortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag:VorivartsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPgAlSinger�Co., Berlin LW»