NttterhaltMgsblatt des Horwärts Nr. 113. Donnerstag, den 22. Juni. 1911 �Nachdruck(«(Beten.) i4] pelle der Gröberer. � Lehrjahre.' Noman von M. Andersen Nexö. Die Lust zum Essen stieg in Lasse auf. so nach und nach stahl er sich aus dem Alkoven heraus.„Du sitzt ja allein da," sagte er und setzte sich in Nachtmütze und Unterhose an den Tisch; er hatte sich eine gestrickte Nachtmütze zugelegt, der IZipfel fiel flott auf das eine Ohr herab. Wie ein richtiger, alter Bauer sah er aus, wie einer mit Geld im Bettstroh. Und Karna, die hin und her ging, während die Männer aßen, hatte einen rundlichen, fettigen Bauch. Ein großes Brotmesser war in ihrer Hand. Sie sah so vertrauenerweckend aus wie nur irgendeine Bauersfrau. Auf der Bettbank wurde ein Lager fllx Pelle bereitet. Er löschte die Unschlittkerze aus. ehe er sich auskleidete, und die Unterkleider steckte er unter das Kopfkissen. Er erwachte spät, die Sonne hatte den östlichen Himmel bereits verlassen. Der lieblichste Kaffecduft erfüllte die Stube. >Pelle richtete sich hastig auf, um in die Kleider zu kommen, ehe Karna hereinkam und seine Verfassung sah: er griff unter das Kopfkissen, das Hemd war nicht mehr da! Und auf dem Muhl lagen seine Strümpfe und waren gestopft. Als Karna hereinkam, lag er unbeweglich und verschlossen in Trotz da: er antwortete nicht auf ihren Morgengruß und verwandte kein Auge vom Wandschrank. Sie sollte nicht so in seinen Sachen herumschnuppern. „Ich Hab Dein Hemd genommen und gewaschen," sagte sie ruhig.„Aber Du sollst es zu' heute Abend wieder haben. Am Ende ziehst Du das solange an." Sie legte ihm eins von Lasses Hemden auf das Oberbett. Pelle lag eine Weile da. als habe er nichts gehört, dann richtete er sich verdrossen auf und zog das Hemd an.—„Na, bleib Du man liegen, bis Du Kaffee getrunken hast," sagte Karna, als er aufstehen wollte und richtete auf einem Stuhl für ihn an. Und dann bekam Pelle Kaffee ins Bett, wie er geträumt hatte, daß es geschehchr würde, wenn Vater Lasse sich wieder verheiratete: und das Böse mußte weichen. Aber die Schande fuhr fort, in ihm zu brennen und machte ihn wortkarg. Am Vormittag gingen Lasse und Pelle aus und be- sahen das Gut. „Es is woll am besten, wenn wir erst mal rund herum gehen, damit Du Dir klar darüber bist, wo die Grenzscheide isl" sagte Lasse, der wußte, daß die Ausdehnung den Aus- schlag geben mußte. Es war eine Wanderung durch Heide- kraut und Ranken und Dornen, in Moor hinein und um steile Felswände herum. Es währte mehrere Stunden, bis sie ihre Runde beendet hatten. „Das is doch ein schrecklich großes Gehöft," sagte Pelle immer wieder. Und Lasse antwortete stolz:„Ja, hier sind über fünfzig Tonnen Land: wenn es man bloß bewirtschaftet wär'." Es lag als Urboden da. überwuchert mit Heidekraut und Wacholdergestrüpp, durch das sich Brombeeren und Geis- blatt schlangen. Mitten in den lotrechten Wänden der Felsen hingen die Esche und der wilde Kirschbaum, sie klammerten sich mit den Wurzeln, die verkrüppelten Händen glichen, an die kahle Wand an. Wilder Apfel, Schlehe und wilde Rose bildeten undurchdringliche Gestrüppe, die bereits die Spuren von Lasses Art trugen. Und mitten in der Ueppigkeit schob der Grundfelsen seine ernste Stirn vor, oder kam der Ober- fläche so nahe, daß die Sonne den Pflanzenwuchs absengte. „Das ist ein richtiges kleines Paradies," sagte Lasse, -..man kann den Fuß beinah nicht hinsetzen, ohne Beeren zu zertreten. Aber urbar gemacht werden muß es ja, wenn man hier eristieren will." „Ob der Boden nicht recht mäßig ist?" meinte Pelle. „Mäßig— wenn all das gedeihen und blühen kann?" Lasse zeigte vor sich hin, wo selbstgesäte Espen und Birken standen und lustig das blanke Laub im Winde hin und her bewegten.„Nein, aber es wird eine verdammt saure Arbeit werden, es soweit zu bringen, daß man es bestellen kann: ich bereu' es jetzt, daß Du nicht zu Haus bist." Lasse hatte mehrmals dieselbe Anspielung gemacht, abev Pelle überhörte es. Dies hier war denn doch nicht, was er sich gedacht hatte: er empfand kein Verlangen, auf diese Art den Hofbesitzerssohn zu Hause zu spielen. „Es kann schwer genug werden, hier das tägliche Brot rauszuwirtschaften," sagte er erstaunlich altklug. „Ach, das tägliche Brotjsier herauszuwirtschaften wird woll nich so schwer werden, wenn es auch nicht alle Tage Fest» tagsessen wird," entgegnete Lasse gekränkt.„Und hier kann man doch den Rücken gerade halten, ohne, daß gleich ein Verwalter kläffend ankommt: selbst wenn ich mich hier auch tot arbeiten sollt', bin ich doch aus der Sklaverei raus. Und dann mußt Du auch nicht die Freude vergessen, die es is. wenn man den Boden von Tag zu Tag unter feine Gewalt kommen und was hergeben sieht, statt daß er nutzlos daliegt. Das is doch woll die vornehmste Aufgabe des Menschen, sich die Erde Untertan und fruchtbar zu machen, ich kann mir nichts Besseres denken! Aber Du hast da in der Stadt wölk den Erdtrieb eingebüßt?"# Pelle antwortete nicht. Aber wenn das etwas Schönes und Großes sein sollte, sich auf einem Stück Heideland zu Tode zu arbeiten, nur damit da einmal etwas anderes würde wachsen können, so war er froh, daß er diesen Erdtrieb nicht besaß. „Mein Vater und auch dem sein Vater und alle, die rch von unserer Familie gekannt habe, wir haben das all' in uns gehabt, daß wir die Erde verbessern müßten, ohne nach unserer eigenen Behaglichkeit zu fragen. Aber es ist gewiß keinem von ihnen in den Sinn gekommen, daß wir einmal böse Worte darüber hören sollten, noch dazu von einem von unseren eigenen Leuten." Lasse sprach mit abgewandtem Gesicht, so wie Gott der Herr, wenn er zornig auf sein Volk war: und Pelle hatte ein Gefühl, als sei er ein häßlicher Wechselbalg, der dem Allerschlimmsten nachartete. Aber nachgeben wollte er trotzdem nicht. „Ich würd' Wohl gar nicht dazu taugen, hier herum zu gehen," sagte er entschuldigend und sah in die Richtung nach dem Meer hin.„Ich glaub' es nicht." „Nein, Du hast Dich ja von allem losgesagt, Du," ent- gegnete Lasse bitter.„Aber am Ende bereust Du das noch einmal, das Leben da draußen in der Fremde is woll auch nich lauter Herrlichkeit und Freude." Pelle antwortete nicht: er war in diesem Augenblick zu sehr Mann, um das eine Wort das andere nehmen zu lassen. Er verhielt sich prüfend und sie wateten schweigend weiter. „Ja, ein Rittergut is es natürlich nich," sagte Lasse plötzlich, um der weiteren Kritik den Stachel zu nehmen. Pelle schwieg nur. Um das Haus herum war der Boden bestellt, und rm Umkreis um das bestellte Land verriet die Oberfläche des kräftigen Heidekrautes eine verschwindende Andeutung von Ackerrücken und Furchen.„Das ist wohl einmal Kornfeld gewesen," meinte Pelle... � „Na, daß Du das auch gleich raus hast! rief Laste halb höhnend, halb in Bewunderung aus:„Ein verteufeltes Auge, wahrhastig, ich hätt gewiß nichts Besonderes an dem Heidekraut entdeckt, wenn ich es nicht gewußt hätt'. Ja, das ist unter Kultur gewesen, aber tf)ie Heide hat es wieder zurückerobert! Das war unter meinem Vorgänger, der nahm sich mehr vor. als er überkommen könnt', und dann brach er dabei zusammen. Aber hier sollst Du mal sehen, daß es was hergeben kann!" Lasse zeigte auf ein Stück Roggen, von dem Pelle anerkennen mußte, daß es wirklich gut aussah. Aber durch die Aecker in ihrer ganzen Länge liefen hohe Kämme von aufgebrochenen Steinen hindurch und erzählten ihm, welch eine fürchterliche Arbeit dieser Boden erforderte. um in Kultur zu kommen. Dort hinter dem Roggen lag frisch aufgebrochenes Land, das sah aus wie gestautes Eis, der Pflug war durch lauter Brocken gewandert. Pelle sah das Ganze und wurde traurig, wenn er an den Vater dachte. Lasse selbst war unverzagt.„So ist es, Du, es gehören zwei dazu, um den Pflug zu halten. Karna hat ja solche guten Lkräfte, und doch ist es, als wenn einem die Arme vom Leibe gerissen würden bei jedem Schlag, den der Pflug tut. Und das meiste muß ja mit Hacke und eiwrner Stange ge» brochen werden � ein bißchen Niesen is auch hin und WiedN forderliche Ich brach' Dynamik, wenn es auch gefährlicher As als Pulver, es Wägt besser in den Grund reinl" sagte er ltolz. Wieviel ist hier jetzt in Kultur?" fragte Pelle. ?..Mit Wiese und Garten fast zehn Tonnen' aber es soll Mehr werden, ehe das Jahr um is." „Und bei den zehn Tonnen sind zwei Familien zugrunde gegangen," sagte Karna, die herauskam, um zu Tisch zu rufen. „Ja, ja, Gott mach' es ihnen leicht, auf ihre Arbeit woll'n wir jetzt in die Höhe kommen I Die Gemeinde soll den Hof nach uns nicht wieder übernehmen." Lasse sagte das mit Selbstgefühl, so aufrecht hatte ihn Pelle noch nie gesehen. „Ganz froh kann ich nu doch nich immer dabei sein," fuhr Karna fort,„es ist als ob es Friedhofserde war', die man bestellte. Der Erste, den die Gemeinde hier herauskriegte, soll sich ja aufgehängt haben, wie man sich erzählt." „Ja, er hatte eine Heidehütte da drüben, wo Du jetzt den Hollunderbanm siehst, die ist seitdem eingefallen. Ich freu mich man, daß es nich hier im Haus geschehen is." Lasse schudderte sich vor Unbehagen.„Die Leute sagen, er spukt, wenn seinen Nachfolgern was Schlimmes bevorsteht." tFortsetzung folgt.1 (Nachtrua MvBoKn.) In Arkansas. Von Artuv Heye, In einer tollen Gewitternacht trabten unter strömendem Regen zwei dunkle Gestalten auf dem Bahnkörper der Southern- Padfic-Eisenbahn dahin. Drüben überm Mississippi war es, im «Staate Missouri. Die beiden unterhielten sich deutsch.„Verflucht und zugenäht," schimpfte der eine,„ich bin schon vollständig durch. Warum wir Heupferde auf den Einfall kommen mußten, in die Hundehütte zu kriechenl In Cotton-Gin standen ein paar hundert leere Güterwagen, in einem waren sogar Sägespäne, darin hätten wir schlafen können wie die Grafen. Nein, wir müssen partout in die verlauste Niggerhütte, der Romantik wegen. Der Teufel hole die Romantik, wenn einem Nachts der Sturm das Dach ab- deckt, daß es in die Bude regnet. Na, so was kann ja auch bloß uns passieren. S's ist uns ganz recht, daß wir jetzt hier in Matsch Und Finsternis herumhuppen wie die Wasserflöhe. Ei, ei, aber uns gehts dreckig, Arturl" Der Artur war ich und der mit den Wasser- flöhen mein Freund und Vetter Kurt. Seine schlechte Laune war begreiflich. Das alte, verlassene Blockhaus im Walde hatte uns aber auch so gefallen. Wir hatten ein Feucrchen darin angezündet, als es Abend wurde, und be- schlössen, für die Nacht da zu bleiben. Mit dem Gewitter hatten wir freilich nicht gerechnet. Gegen Mitternacht war plötzlich das Dach verschwunden und wir zwei gebadeten Mäuse mußten die Flucht ergreifen. Mr wußten, daß vor uns die Station Pcpper- mint war, und eilten jetzt triefend darauf zu. � Da zuckte ein gelber Blitz auf, Kurt stieß einen Freudenschrei aus:„Du, vor uns ist was, ich glaube Peppermintl" Wirklich tauchte ein schwarzes Ungetüm in der Dunkelheit auf. Ein Eisen- tbahnwagen�auf einem Nebengleis stehend; juchhe, eine Arche Noach in dieser Sintflut! Er war verschlossen, aber wir verstanden den Kram, in einer Minute war er offen. Ich fühlte erst einmal, Kartoffeln waren drin, lose hineingeschüttet. Kurt machte es sich an der Tür bequem, ich legte mich etwas höher hinaus, mit dein Kopf an die Stirnwand des Wagens. Wenn man tagsüber bv Kilometer gelaufen ist, schläft man auch in klitschnasscn Sachen wunderschön. Lange konnte ich noch nicht geschlafen haben, als ich plötzlich «ins vor den Kopf bekam.„Au, wer-- ," ich mußte mich erst be- sinnen, wo ich war. Damit war ich noch nicht fertig, als ein ge- «valtigcr Ruck kam, ich rutschte auf den rollenden Kartoffeln hinunter und auf meinen Kameraden. Ter fuhr wie ein Wilder in die Höhe und boxte mich vor den Magen. So ein Schafskopf! Er hatte wahrscheinlich von einer Kirmeskeilerei geträumt.„Was ist denn los? Bist Du es, Artur?"„Schnell, mach die Tür auf, ich glaube, wir fahren!" Er sprang hin und hantierte daran herum. „Du, es geht nicht, sie haben von draußen verschlossen." Das hatte gerade noch gefehlt. Ich versuche es auch, vergeblich, es war nichts zu machen, wir saßen in der Falle.„So, vielleicht fahren die uns nun bis nach Kanada. Hier habe» wir eine feine Gelegenheit, Rohköstler zu werden," sagte er, und legte sich wieder lang. Der Wagen rollte mit zunehmender Geschwindigkeit dahin. Wir machten aus, daß nur einer schlafen solle, und der andere sich bemerkbar machen, wenn der Zug irgendwo hielt. Als eS Tag wurde, sielen ein paar Lichtstrahlen in unser Gefängnis. Ich spähte hinaus, als ein anderer Zug vorüberfuhr:?!ack Kairo stand daran. Wir fuhren in entgegengesetzter Richtung, also nach Süden zu, wo wir hergekommen waren. Solch ein Pechl Uns schienen heute alle Götter verlassen zu haben. Und das sollten wir noch viel mehr erfahren l Fünf Stunden mochte unsere unfreiwillige Reise gedauert haben, äks der Zug endlich hielt. Wir donnerten natürlich<9i dis Tür, daß der Wagen wackelte, und brüllten wie die Löwen. Ein junger Mann machte auf. wir fuhren wie die Katzen heraus und! rannten davon, ohne auch nur„Guten Morgen" gesagt zu haben» In Amerika gibts nämlich sechs Monate Arbeitshaus, wenn man als blinder Passagier auf Güterzügen erwischt wird. Daß wir in dem Wagen nuv hatten schlafen wollen, hätte ryis kein Mensch geglaubt. Aber wo waren wir hier eigentlich? Hinter uns und an beiden Seiten war Wald. Vor uns waren fünf oder sechs Häuser und eins große Kneipe, dahinter einige Felder und dann wieder Wald— Wald. Ein kleines Mädchen kam gelaufen. Sie stieß einen Apfel alS Fußball vor sich her. Sie gab uns Auskunft. Diese„Stadt" da sei Knobel.„Und welcher Staat?" Sie sah erst mich erstaunt an und dann vorwurfsvoll Kurt; der aß ihren Apfel.„Na, Arkansas natürlich, Hinterwald-Grafschaftl" So sah es hier auch aus. Schön, Arkansas, auch hier wurde schließlich Brot gebacken, Wir stiefelten nach Knobek hinein. Der Hunger meldete sich. Wiv fochten einige Häuser ab und bekamen auch etwas, zum Sattessen war es freilich nicht. Tann kam ein schmuckes Häuschen, in einem großen Garteni versteckt. Für uns wäre es besser gewesen, es wäre diese Nacht niedergebrannt, oder in den Mississippi gerutscht. Wir beteten unsern Spruch: Ob wir nicht etwas zu essen bekommen könnten, wir wären willens, dafür zu arbeiten. Es war ein ältlicher langer Mann, der herauskam. Sein Gesicht trug ganz den Typus eines alten Dankees, scharf geschnitten und hager, mit einer großen Hakennase, dünnen Lippen und weißem Kinnbart. Die Oberlippe ausrasiert. Am wenigsten gefielen mir seine Augen. Sie waren grau und stechend scharf wie Messerklingen. Er würdigte uns keiner Antwort und ging wieder hinein. Wir warteten eine Weile. Dann trollten wir uns. In dcirt Gartcnzaun war eine Lattentür. Kurt sah hinein und rief mich. Drin war ein großes Beet mit Sugarcorn, einer süßen MaiSark, bepflanzt.„Soll ich ein paar �olcn, es macht auch ein Loch mit zu?" Ich riet ab; denn vom£ause sahen einig« Fenster in den Garten.„Ach, es geht fix, passe Du aufl" sagte er und kroch neben der Tür durck, da war ein Loch. Ich behielt das Haus und den Weg im Auge, doch war mir ängstlich zumute. Er hatte schon ein paar Aehren abgebrochen, als ein Fenster klirrte und eine Stimme rief:«Willst Du raus, aus dem Garten, verdammter Strolch; wart ich will Dir Beine machen!" Kurt sprang sofort herüber. Da, war das nicht ein Gewchrlauf, der aus dem Fenster sah?! „Kurt, wirf Dich nieder, er schießt!" schrie ich in Todesangst. Wio ein Schatten verschwand er im Grase, keine Sekunde zu früh, der Schuß krachte, die Schrotkörner schlugen in die Hecke. Der Alte war es. Er bog sich aus dem Fenster und zielte mit! dem anderen Lauf auf meinen Eousin. Ter hatte sich hinter einen Busch gekauert und wagte sich nichk hervor. Mir jagten die Gedanken durch den Kopf; was tun? „Schießen Sie nicht, er geht ja rausl" rief ich. Ter weißbärtige Schurke lachte höhnisch und bemühte sich, Kurt vor das Rohr zu bekommen. Da dachte ich an meinen Revolver. Ich riß ihn aus der Hüften- tasche und schrie ihm zu, ich würde auf ihn schießen, wenn er nicht das Gewehr wegnähme. Ein erneutes Lachen war die Antwort. Sollte ich? Es war ein Mensch! Aber mein Kamerad war mir mehr wert, ich hob die Waffe und schoß. Sein Schuß krachte auch. Wir hatten beide nicht getroffen. Mit zwei Sprüngen war jetzt Kurt herüber und kroch in daS Loch. Ich bückte mich, ihm zu helfen, als es wieder knallte: der Alte stand im Garten und schoß aus einem Revolver, und zwar nach mir. Ich stürzte sofort wütend nach der Lattentür und schoß drei — viermal auss Geratewohl hindurch. Ter Alte brüllte zornig und kam auch hergesprungen. Im Hofe bellte ein Hund, und ein junger Mann kam mit einer Axt- Hier wurt: es gesährlichl Kurt war jetzt durch und zog mich hastig mit fort.„Du hast den Alten getroffen, jetzt aber fort, wenn sie uns kriegen, lynchen sie unsl" Jetzt rannten wir. Wir wußten, eS ging ums Leben! Ich beugte mich vor und preßte die Fäuste vor die Brust. All unsere Kraft konzentrierten wir auf die Beine; wir mußten einen Vor» sprung gewinnen. Kurt jagte in langen, gewaltigen Sätzen neben mir her. Häuser und Gärten flogen an uns vorüber,«ine Ochsenkarre kam gefahren. der schwarze Kutscher starrte uns verwundert an; wir huschten wie Phantome vorbei. Nun kam eine Straßenkreuzung, links gingö bergan nach der Bahn zu, rechts fiel der Weg steil ab. „Rechts, Kurt, rechts I" Wir sausten um die Ecke herum. Kurt sah rückwärts:„Schnell, sie kommen, Hunde!"„Verflucht I" Ich verdoppelte meine Schnelligkeit, in rasendem Laufe stürzten wir den Berg hinunter, jede Minute in Gefahr, in einem Loch den Hals zu brechen. Ein heiseres Gebell erreichte mein Ohr. Jetzt waren wir unten, über eine kurze Brücke flogen wir wie flüchtende Hirsche. Aber nun bergaufl Mir wurde der Atem knapp. Das Blut drang mir zu Kopfe, vor den Augen flimmerte es. Ter wcitgeöffnete' Mund keuchte nach Luft, und daS Herz (joJjfe irt raschctt, schmcrzcn� In einem besonderen Teile der Ausstellung können wir dann studieren, wie all diese von Not und Zwang erzeugten Einrich- Üungen vom 16. Jahrhundert an ausreifen. Langsam, langsam sfrcilich; in den Krankenhäusern steckt man noch zwei und drei Kranke in ein Bett, und statt des Fortschrittes geht es stellenweise rückwärts. Erträglich weitläufig gebaute Städte verdichten sich, jindem die großen Hinterhöfe und Gärten bebaut werden, die lHäuser werden höher und die schmalen Gassen deshalb dunkler. Noch immer ist die Heizung der Wohnungen eine Seltenheit; selbst lim weiten Dresdener Residenzschloß waren nur sehr wenige Räume iheizbar. Statt systematischer Verbesserung der Abortanlagen kamen »ie Nachtstühle auf, die oft äußerlich als Luxusmöbel ausgebildet wurden; Friedrich II. hatte einen solchen in Gebrauch. Mit der Schlafgelegenheit stand es nicht anders. Aus dem Moritzburger Schlosse ist ein Bücherschrank da, aber die Bücher sind nur kaschiert lind die ganze Vorderseite läßt sich Herunterklappen, und sie ergibt Dann ein Bett; ein hochnobler Vorläufer der Berliner Schlafkiste, Die bei Tage Küchentisch ist. Mit der Kanalisation begann man, «aber es fehlten die technischen Erfahrungen, und so blieb ihr Nutzen gewöhnlich aus. Hier hat nun die Ausstellung eine geradezu beängstigende Fülle, sso daß ich mir versagen muß, noch weiter in der Detailschilderung gu gehen; ich werde in den folgenden Artikeln noch einiges hiervon iaufgreifen. Auch die ethnologische Unterabteilung kann hier jnicht im speziellen besprochen werden; es sei deshalb nur ange- Deutet, was sie enthält. <> Sie führt uns zunächst in den Kulturkreis des Islams und ßeigt dessen wohlausgebildete und auch für Europa in vielfacher Beziehung vorbildlich hygienische Einrichtungen. Andere Abteilungen führen das vor, was Indien und Hinterindien, Ostasien in (hygienischer Beziehung an Anschauungsbeispielen bieten können. fJZann stoßen wir auf die Kulturwelt Altamerikas, von der wir (immer noch verhältnismäßig wenig wisien, trotzdem sie vielleicht ebenso reich ist wie die Antike unserer Hemisphäre. Und schließlich lernen wir von den Jäger-, Fischer- und Nomadenvölkern Asiens, Afrikas und Amerikas und von den Polarvölkern, von Volks- Ftämmen auf Ceylon, auf Malakka, auf Celebes, auf Sumatra, auf Den Andamcncn und Philippinen, aus Australien, von den Zwerg- raffen Afrikas kennen, was primitiver Zustand, Wildheit, vielleicht Mrmenschentum bedeutet. Manchmal wollte es mir scheinen, als wenn die Zivilisation ein zweischneidiges Schwert ist, als wenn sie !in vielen natürlichen Dingen dem Menschen mehr nimmt als gibt. Manchmal aber faßt dem nachdenklichen Beschauer auch das Grausen vor dem Abgrund, aus dem die Menschheit emporsteigen mußte, um Der Tierheit dumpfe Schranke zu überwinden und über die Welt, ihre W.elt, herrschen zu können. v,'? Hugo Hillig. kleines feuilleton. Naturwissenschaftliches. Wasserkäferlarven und fleischfressende Pflan« zen. Auf die auffallende Uebereinstimmung, die zwischen den fleischfressenden Pflanzen und den Larven verschiedener Arten von Wasserinsckten hinsichtlich ihrer Verdauungstätigkeit besteht, macht Dr. A. Koclsch im neuesten Heft des.Kosmos' aufmerksam. Die fleischfressenden Pflanzen überschütten bekanntlich Insekten, die an ihren Blättern hängen geblieben oder in ihre Verdanungsschläuche hineingeraten sind, mit einer Flüssigkeit, die wie tierischer Magensast wirkt. Dieser verdauende Saft führt die komplizierten Eiweiß« Verbindungen des Tierkörpers zunächst in einfachere Eiweißsubstanzen über und zerlegt diese wieder so, daß sie ohne weiteres in den pflanzlichen Stofflvechscl übernommen werden können. Die Ver» danung des Fleisches findet also außerhalb des Pflanzenkörvers statt. Erst wenn die Nahrung vollständig präpariert und verflüssigt ist, wird sie durch Saiighaare in den StoffwcchielkreiSlauf des Fleischsreffers übergeleitet.— Eine ähnliche Ausnahmestellung, wie diese Kräuter im Pflanzenreich, nehmen nun seltsamerweise im Tierreich die Larven tLerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag; einiger Wafferkäfer ein. ES gehören hierher die Angehörigen der Gattungen itytiscus, Hydriphilas und Hyströbius. Die Jugend» formen dieser Insekten lebe» im Wasser und find als sehr gefräßige Räuber bekannt. Vom kleinsten Wurm unitz Krebs bis zum Jungfisch und zur Kaulquappe ist vor ihrer Beißwut nichts sicher. Im Gegen« satz zu anderen Wasserinsekten und zu zahllosen Landformen, die von Fleischnahrung leben, saugen sie jedoch ihr Opfer nicht einfach aus. sondern arbeiten es so gründlich auf, daß etwa von einem Krebschen nichts übrig bleibt als der Chitinpanzer. Es ist noch gar nicht so lange her, seit man weiß, wie sich die Auflösungsprozesse der fleischigen Teile des Beuteticres vollziehen. Wenn man ganz kurz sein wollte, könnte man einfach sagen: die Verdauung spielt sich wie bei den insektenfressenden Pflanzen ab. Sobald nämlich die Larve eines der genannten Käfer die Beute mit den Hakenzähnen ihres Oberkieferapparates gefaßt hat, spritzt sie eine schwarzgefärbte Flüssigkeit in den Leib des Opfers. Wie die Untersuchung ergab, wird dieser Saft im Magen des Räubers erzeugt und in dem Augenblick, in dem die Beute geschlagen wird, durch Würg- bcwegungen in die ausgehöhlten Hakenzähne erbrochen. Von hier fließt er dann tropfenweise in den Leib des Opfers hinein. Zwei Dinge sind dabei merkwürdig: erstens, daß auch bei den Wasser- käfcrlarven die Verdauung außerhalb des Körpers geschieht; zweitens, daß zur Nahrungsaufnahme nicht die Mundöffnung dient, sondern da« Kanalsystem der Oberkieferzähne, durch das wenige Minuten vorher der verdauende Saft sich in den Leib des Opfer? ergossen hat. Llstronomisches. Der große rote Fleck des Jupiter. Der größte der Planeten, der jetzt jeden Abend prächtig am südöstlichen Himmel erscheint und später bis zum September der Abendstern werden wird, bietet sich jetzt der Beobachtung der Astronomen besonders günstig dar. Er wird noch einige Zeit die ganze Nacht hindurch zu verfolgen sein. Dies Gestirn, das die Erde an Umfang 1306mal und an Masse 310mal übertrifft, ist von einer ganz eigentümlichen Atmosphäre umgeben, in der sich zwar große Umwälzungen voll- ziehen, aber doch bestimmte Zonen dem Aequator parallel verlaufend zu unterscheiden find. Außerdem machen sich Flecken be- merkbar, die zum Teil eine aufsällige Dauer besitzen. Unter ihnen ist der berühmteste und beständigste der sogenannte große rote Fleck, der sich zwischen dem 25. und 30. Breilengrad der südlichen Jupiterhalbkngel in einer Länge von etwa 42 000 und einer Breite von 15 000 Kilometer ausdehnt. Auf die Erde übertragen, würde dieser Fleck also mehr als einmal um den ganzen Umfang unseres WeltkörperS herumreichen und ihn fast ganz einhüllen. Man würde glauben dürfen, daß dieser Fleck ein Loch in der Atmosphäre deS Jupiter bedeutet, durch das man auf seine eigentliche Oberfläche hin- durchsieht. Dem widerspricht aber der Umstand, daß die Bewegung des Fleckens mit der Achsennmdrehnng des ganzen Planeten nicht ganz gleichförmig erfolgt. Man müßte also zum mindesten annehmen, daß dies Loch in der Atmosphäre, dessen Bestand überhaupt schwer zu erklären wäre, sich im Lauf der Zeit verschiebt. Der bekannte Astronom Antoniadi hat in der Zeitschrift„Astronomie' die Meinung geäußert, dieser rote Flecke sei das erste, noch in der Bildung begriffene Fest- land, das auf der sonst noch flüssigen Oberfläche des Jupiter sich ausgeschieden habe. Wahrscheinlich schwammen auch die erste» Fest« länder der Erde auf einer feurig flüssigen Masse. Technisches. Kinematographische Röntgenbilder. Ein Ideal für die Erforschung des Menscheninnern wäre die Herstellung kine- matographischer Photographien der einzelnen Organe, weil dadurch ihre Bewegungen in gesundem und krankhaft beeinträchtigtem Zu- stand dem Ange sichtbar gemacht werden könnten. Auf dies Ziel hat sich daher das Jntereffe der Aerzte und der mit ihnen verbündeten Physiker und Techniker beizeiten gerichtet. Es find daher auch schon etwas mehr als zehn Jahre darüber vergangen, seit zum ersten Mclc Dr. Carvalho im Institut Marey in Paris solche Aufnahmen ausführte, zunächst freilich nur an Tieren. Durch diese Bilder wurden die Siblnckbewegnngen und die Bewegungen des Magens und der Därme an Fröschen und einigen anderen Tieren enthüllt. Die Schwierigkeit de? Verfahrens beruhte darauf, daß gute Röntgenbilder nicht in so kurzer Zeit zu erhalten sind wie gewöhnliche Photographien. Für eine kinematographische Herstellung wird eine Geschwindigkeit von wenigstens 16 Ansiiahmen in der Sekunde fiir nötig gehalten, und das ist in der Radiographie nicht leicht zu erreichen. Nach einem zusammenfassenden Bericht im .Lancet' hat jetzt Prof. Stirling eine Verbesserung eingeführt, die vielleicht zu einem großen Fortschritt leiten wird. Dabei wird ein Apparat mit hoher Spannung und ein besonderer Unterbrecher be- nutzt, der so arbeitet, daß die Röntgenstrahlen nur während der Zeit der Aufnahmen wirken, dazwischen aber unterbrochen werden. Außer- dem bediente der Forscher sich einer Onarzlinse und eines Schirms, auf den die Bilder geworfen wurden. Luch dieser Schirm war nicht von der gewöhnlichen Art, sondern von eigener Erfindung. Auf diesem Wege konnten bequem sechzehn Aufnahmen in der Sekunde erzielt werden. Außer an Fröschen wurde der Apparat an Affen erprobt, bei denen die Bewegungen des Herzens, des Zwerchfells, des Magens, der Gedärme und anderer Organe sichtbar erhalten wurden.___ vorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Slnger�Co., Berlin SVV»