Ntttethaltmlgsblatt des vorwärts Nr. 121. Dienstag, den 27. Juni. 1911 lNachdruit verboten.) 171 Pelle äer Eroberer. Lehrjahre., Noman von M. Andersen N e x o. Nach einer Weile, als er wieder dort vorüberkam, ging ein Mann in gebeugter Stellung mit einem brennenden Streichholz dicht über dm Pflastersteinen. Es war der Reeder. Es kitzelte Pelle so eigentümlich in der Zwerchfcllgcgend. „Haben Sie etwas verloren?" fragte er boshaft, er stand auf dem Sprung für den Fall, daß es eine Ohrfeige setzen sollte. ..Ja, ja, ein Fünfundzwanzigörestück!" stöhnte der Reeder. „Kannst Du mir nicht suchen helfen, mein Junge?" Nun das hatte er ja längst gewußt, daß Monsen dadurch der reichste Mann der Stadt geworden war, daß er mit der- dorbenen Nahrungsmitteln Schiffe proviantiert und alte Seelenverkäufer, die er hoch versicherte, frisch ausgetakelt hatte. Er wußte auch, wer ein Dieb und wer ein Bankrottspieler war, und daß Kaufmann Lau nur mit den kleinen Meistern verkehrte, weil seine Tochter zu Schaden gekommen war. Pelle kannte den geheimen Stolz der Stadt, die Toppgaleasse*), die einzig und allein die Verlockung der Großstadt rcprä- sentierte, die beiden Bauernfänger und den Konsul mit der fressenden Krankheit. Das war alles befriedigendes Wissen für einen Verschnmhtcn. Es war keineswegs seine Absicht, die Stadt irgend etwas von den Herrlichkeiten behalten zu lassen, nnt denen er sie seinerzeit ausgestattet hatte, bei seinem beständigen Umher- streifen entkleidete er sie bis auf die Haut. Da lagen die Häuser so zierlich nach der Straße hinaus, bald vor, bald zurück, mit wunderlichen alten Türen und Blumen in allen Fenstern. Sie glänzten von blankem Teer an dem Jachwerk amd warm immer frisch in der Kalkfarbe: oder okcrgelb oder blendend weiß, seegrün oder blau wie der Himmel. An Sonn- tagen hatte man den Eindruck von Fest- und Flaggenschmuck. Aber Pelle hatte die Rückseite eines jeden Hauses untersucht, und da waren Ablaufrinnen mit langem, schleimigen Bart, stinkende Drangtonnen und ein großer ßehrichtkasten mit einem herbriechenden Holunderbaum darüber: zwischen den Pflaster- steinen schwammen Heringsschuppen und Dorschmägen, und die Mauern waren unten scheckig von grünein Moos. Der Buchbinder und seine Frau, die gingen Hand in Hand, wenn sie sich zu den Versammlungen des christlichen Vereins begaben. Aber zu Haufe prügelten sie sich, und wenn sie im Betfaal saßen und aus demselben Gesangbuch sangen, kniffen sie sich gegenseitig in die Beins.„Ja," sagten die Leute,„so ein nettes Paar!" aber die Stadt vermochte nicht, Pelle ein Z für ein U zu machen, er wußte Bescheid. Hätte er nur ebenso genau gewußt, wo er eine neue Bluse her- bekommen sollte. Eins ließ sich nicht so leicht entkleiden, sondern behielt beständig seine Märchenhaftigkeit: der Kredit! Zuerst benahm es ihm fast den Atem, daß die Leute hier in der Stadt alles, was sie gebrauchten, ohne Geld bekamen.„Wollen Sie es bitte anschreiben!" sagten sie, wenn sie mit Schuhzcug kamen, „es soll angeschrieben werden!" sagte er selbst, wenn er Ein- käufe für Meisters machte. Alle sprachen sie dieselbe Zauber- sormel, und Pelle mußte au Vater Lasse denken, der die Scknllinge zwanzigmal nachzählte, ehe er sich erkühnte, etwas dafür zu kaufen. Er versprach sich viel von dieser Entdeckung, es war seine Absicht, diese Zauberformel in reichem Maße zu benutzen, wenn seine eigenen Mittel erschöpft waren. Jetzt war er natürlich klüger geworden. Er hatte ge- sehen, daß gerade die Allerärmsten immer mit dem Schilling in der Hand antreten mußten, und im übrigen kam auch für die anderen ein Tag der Abrechnung. Der Meister sprach schon mit Grauen von Neujahr: und es drückte den Betrieb nieder, daß der Lcdcrhändlcr ihn in der Tasche hatte, und er sein Material nicht da kaufen konnte, wo es am billigsten war. Alle die kleinen Meister seufzten darunter. � Aber damit war das Märchenhafte nicht erschöpft, hier *) Bezeichnung eine? kleineren Schiffes: hier im übertragenen Sinne für die einzige Prostituierte des Städtchens, war doch eine Art und Weise, einen Wechsel auf das Glück zu ziehen, das auf sich warten ließ, und auf die Zukunft, bis alle Wechsel einlöst. Der Kredit war ein Funke Poesie in all! diesem Gekrabbcm, hier gingen Leute herum, die so arm waren wie Kirchenmäuse und doch den Grafen gaben. Alfred war so ein Glückskind, er verdiente keinen roten Heller, war aber fein i-n Kleidung wie ein Ladengehilfe und ließ sich nichts abgehen. Bekam er Lust zu irgend etwas, so ging er ganz einfach hin und entnahm es auf Pump: ein Nein bekam ev nie. Die Kameraden beneideten ihn und sahen zu ihm auf wie zu einem Glücksprinzcn. Pelle hatte ja auch ein kleines Techtelmechtel mit den? Glück, und so ging er denn eines Tages ganz flott in den Laden, um sich Unterkleidnngsstücke zu kaufen. Als er Kredit! verlangte, sahen sie ihn an, als sei er nicht recht bei Trost, er mußte unverrichtetcr Sache gehen.„Darunter muß ein Ge- heinmis stecken, das ich nicht kenne," dachte Pelle: er hatte ein« dunkle Erinnerung an einen anderen Jungen, der auch nicht imstande war, den Kessel dazu zu bewegen, Grütze zu kochen, und das Tischlein, sich fiir ihn zu decken, weil er das Wort nicht kannte. Er suchte sogleich Alfred auf, um Klarheit zui erlangen. Alfred stand mit neuen Patenthosenträgern da und Hanl» sich den Kragen um, an den Füßen hatte er Pantoffeln mit Pelzeinfasjung, sie sahen aus wie Tauben, die sich kröpfen. „Die Hab ich von einer Meistertochtcr bekommen," sagte er und, kokettierte niit seinen Beinen,„sie ist ganz weg in mich. Süg ist sie auch, aber da ist kein Geld." Pelle erzählte von seiner Not. „Heniden, Henidcn!" jubelte Alfred und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.„Er will, weiß Gott, Hemden auf Pump nehmen! Wenn es noch Manschetteiihcinden wären!" Er war kurz davor, zu platzen vor Lachen. Pelle ging von neuem daraus los. Als der Bauer, der er noch immer war, hatte er in erster Linie an Hemden ge- dacht: ober nun wollte er einen Sommerüberzieher miÄ Gummimanschetten haben.„Wozu willst Du denn Kredit haben?" fragte der Kaufmann zögernd.„Erwartest Du irgend woher Geld? Oder hast Tu jemand, der für Dich gut sagen kann?" Nein, Pelle wollte die Sache schon selbst deichseln, aber er hatte nur gerade jetzt kein Geld. „Tann warte Du nur, bist Du was hast!" sagte der Kauslnann mürrisch.„Wir kleiden keine armen Jugen ein!" Pelle mußte von bannen schleichen wie ein begossener Pudel. „Du bist ein Rindvieh," sagte Alfred kurz.„Du bist gerade so wie Albinus, der kann es auch nicht lernen." „Wie niachst Du es denn?" fragte Pelle kleinlaut. „Wie ich es mache-- wie ich es mache--." Alfred konnte keine Erklärung dafür geben. Es kam ganz von selbst. „Aber ich sage natürlich nicht, daß ich arm bin. Na, laß Du es man lieber nach, es glückt Dir doch nicht!" „Warum sitzst Tu da und kneifst Dich in die Oberlippe?'' fragte Pelle mißmutig. „Kneifen? Ich drehe ja meinen Schnurrbart, Du Schaf!'' 7. Pelle war am Sonnabendnachmittag mit dem Fegen de? Straße beschäftigt. Es war gegen Abend, in den kleinen Hänsern war schon Feuer auf dem Herd: man hörte es beh Maurer Nasmussen und dem schwedischen Anders prasseln. und der Geruch gebratener Heringe erfüllte die Straße. Die Frauen bereiteten etwas extra Gutes, um den Mann zu ködern, wewi er nun bald mit dem Wochenlohn nach Hausg kam. Dann liefen sie zum Höker nach Schnaps und Bier, die Türen ließen sie lveit offen hinter sich stehen, sie hatten gerade die halbe Minute, während der Hering auf der einen Seite fertig briet! So— Pelle schnüffelte ganz weit hinein �— nun hatte sich Madam Rasmussen mit dem Höker fest ge- schwatzt!„Madam Rasmussen!"„Ihr Hering verbrennt!" kreischte eine Stimme, da kam sie herbei gestürzt und drehts beschämt den Kopf von Haus zu Haus, während sie über die Straße jagte und hinein! Der blaue Rauch sank zwischen die Häuser hinab, die Sonne fiel niedrig hinein, und. füllte die Straße mit Goldstauh, Ten ganzen Weg hinab waren sie beim Fegm: Bäcker Jörgen, die Waschfrau und Kontrolleurs Mädchen. Die schweren Maulbeerbäume beugten sich auf der anderen Seite der Straße über die Mauer herüber und reichten die letzten reifen Früchte dem hin, der sie Pflücken wollte. Da drinnen hinter der Mauer ging wohl der reiche Kaufmann Hans und pusselte in seinem Garten, er, der sich mit dem Kindermädchen verheiratet hatte. Er kam nie heraus, und es ging das Gc- rücht, er werde von der Frau und ihrer Sippe eingesperrt gehalten. Aber Pelle hatte das Ohr an die Mauer gelehnt und eine lallende Greisenstimme immer dieselben Kosen- namon wierdcrholen hören, so daß es klang wie eines jener Licbeslieder, die nie ein Ende nehmen, und wenn er in der Dämmerung aus seinem Dachfenster hinausschlich und auf den Dachrücken des Hauses kletterte, um cineir Ueberblick über die Welt zu bekommen, sah er einen winzig kleinen, weißhaarigen Mann da unten gehen, den Arm um die Taille einer jüngeren Frau geschlungen. Sie glichen dahinwandeln- der Jugend, und alle Augenblick mußten sie stehen bleiben, um sich zu schnäbeln. Es gingen die unförmlichsten Sagen über Kaufniann Hans und sein Geld, über das Vermögen, das einstmals vorzeiten auf einem Brief Stecknadeln be- gründet wurde und so groß war, daß ein Fluch daran hängen mußte. Aus dem Hause des Bäckers heraus kam Sören ge- schlickten, das fromme Gesangbuch in der Hand. Er floh gleich hinüber in den Schutz der Mauer und eilte von dannen- der alte Jörgen stand da und gluckste vor Lachen, während er ihm uochsah, die Hände um den Besen gefaltet. .(Fortsetzung folgt.) (N.ichdnick vervolen.) Die Ginwandercr. Von Hermann Löns. „Eine dumme Geschichte das." dachten die Kaninchen,„wirk- sich, eine zu dumme Geschichtet" Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch Feld gesehen hatten. Seit drei Tagen Ivarcn sie in Kisten und Kasten herumgefahren, geschüttelt und gerüttelt worden, daß ihnen Hören und Sehen verging. Jedesmal, wenn das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun käme die Erlösung, aber es kam weiter nichts als neues Rütteln und Schütteln. Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbcrgcn an der Emse gelebt, sich an den guten Sacken fett geäst, die auf den Feldern und Wiesen wuchsen, fleißig an ihren Bauen gearbeitet, ab und zu mit den Hirtcnhundcn Krieg gespielt, mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinterkamen, daß ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das Haare und vier Beine hat und daß es sich unsicht- bar machen kenn, wenn es will. Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und jagten die Kaninchen allesamt aus Busch und Heide zu Baue. Das wäre weiter nickt schlimm gewesen, denn unter der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam das Schreckliche: ein langes, weißes Tier, das wie ein Iltis roch und rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da es eine Klingel um den Vals hatte, ent- setzten sich die Kaninchen so arg. daß sie Hals über Kopf zu Tage fuhren. Das heißt, fahren wollten, denn che sie zur Besinnung kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten damit im Heidetraute umher. Und dann begann das cigentlickc Elend. Sic wurden köpflings in einen Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst hin- und Herschossen, bis sie sich so abgestrampelt hatten, daß sie zitternd auf einem Haufen saßen. Tann wurden sie in dem Sacke weit weggetragen, bann kamen sie in eine dunkle Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es nicht an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis sie müde waren. Tann fuhr man sie in der Kiste über holprige Heidewcge und lud sie irgendwo ab und dann wurden sie wieder aufgeladen und den halben Tag gefahren. Runipeldipumpcl machte der Wagen und die drei Kaninchen fuhren übereinander hin.„Prr," schrie der Jagdaufseher und das Pferd stand. Der Kastendcckel öffnete sich, eine derbe Faust faßte hinein, erwischte ein Kaninchen nach dem andern und dann flogen die drei kopfüber, kopfunter in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet von der Sonne, betäubt von dem Gerüche der Kiefern und der Heide, aber nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen Haken und verschwand in der hohen Heide. Hinter ihnen her erklang das Gelächter des Jagdaufsehers. Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter einen Busch Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie machen sollten. Still und stumm war es. Irgendwo schrie ein Häher, Wasierjung- fern flirrten vorüber, die Grillen schivirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen und es roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine andere Heide als die Heimatsheide. Dort führten -überall die Pässe der Kaninchen hin und her, ringsumher lag Ka- Vj.nchenwsung und die Luft war voll von Kaninchenwitterung. Hier war Van alledem nichts. Nach Hase und Reh roch eS, aber nicht nach Kaninchen. So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur auS sehr vorsichtig, denn er hatte im Gegensätze zu seinesgleichen einen kohl- schwc.' �cn Balg mit einer silbernen Blässe mit auf die Welt ga- bracht und fiel in Sand und Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter dem Heidbusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und sah sich um. Alles, was er sah, waren junge Kiefern und Birken, Heide, Sand und der silbcrgrauc Stumpf einer Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn da schien ihm besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige Blättchen und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den Stumpf führte, größer, alle Augenblicke halt machend und witternd. Nach einer Stunde hatte er seinen Notbau fertig. Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte er nicht, Kiefern- und Birkenrinde noch viel weniger. So setzte er sich denn auf die Keulen und prüfte ringsum die Lust. Halblinks roch es nach Klee. Vorsicktig rückte Hopps nach dieser Richtung hin. Wahr- haftig, der gute Geruch wurde immer stärker und da leuchtete auck» schon zwischen den grauen Kiefern eine saftige Klecwiese auf.„Noch zu hell, viel zu hell noch," denkt Hopps und bleibt am Rande der Dickung sitzen. Hinten in der Wiese bewegt sich etwas weißes hin und her.„Der Storch," denkt der Kaninchcnbock. Ein Ruf kommt aus blauer Luft:„Das ist der Bussard." Das sind die Tiere, vor denen hat er keine Angst. Aber nun kommt von dem Felde ein heller Laut:„Also Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit, sich einen sicheren Bau zu graben." Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase geäst hat, wieder in die Dickung, eilig, aber vorsichtig.„Halt, da riecht es ja nach Kaninchen!" Hopps schnuppe.rt einen Augenblick.„Das war Flitzchen." Zweimal klopft er mit dem Hintcrlaufe die Erde. Da taucht ein grauer Fleck zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitz- chen ist es. Steif und starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und rückt näher. Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht Halt und klopft wieder. Da faßt sie Vertrauen. Ter Wind küselt und trägt ihr die Witterung von dem schwarzen Ding vor ihr zu. „Ick glaube, es ist Hoppschen," denkt sie. Da ist er auch schon. „Bist Du es?"„Ja, wer sonst?"„Das ist schön!"„Und wo ist Witsche!?"„Kein« Ahnung."„Wollen wir sie suchen?"„Nach- her; jetzt müssen wir einen Bau graben; es sind Hunde in der Nähe. Ein Rohr habe ich schon fertig."„Weiß ich!"„Wieso denn?"„Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein Rohr unter den Kiefernstumpf niedergebracht!"„Du bist ein mächtig kluges Mädel! Aber nun komm', wir wollen jetzt den Kessel buddeln und dann können uns die Hunde'was husten!" Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist ordentlich übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat und macht vor lauter Vergnügen allerlei dumme Sprünge, und Flitzchen wird von seiner Lustigkeit angesteckt und wagt auch einen frohen Hopser über einen bunten Stein. Als die beiden aber nach dem alten Sumpf kommen, bleiben sie starr sitzen, denn da rührt sich etwas. „Warte, ich hole mir Wind!" meint Hopps und leise schleicht er im Boge» zur Seite, bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, denn der Wind sagte ihm, daß dort am Stukcn Witsche! ist. Da ist sie schon, die gute Dicke. Hochaufgerichtet steht sie da und läßt die beiden herankommen.„Was wollt Ihr denn hier?"„Die Rohre mit einem Kessel verbinden."„Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht mal dahin, da steht ein dichter Dorn- busch. Bis zum Kessel sind es keine sechs Kaninchcnlängen. Wenn wir nun eine Fahrt vom Kessel bis unter den Busch bringen, dann sind wir fein heraus!"„Fein herein auch."„Also WS!" Ein eifriges Gcbuddcl beginnt. Hopps sängt unter dem Dorn- buschc an, Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, und Witsche! führt von dem anderen Rohre eine Verbindungsröhrc nach der Dornbuschcinfahrt, einmal der besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß, je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, verirrt sich einnial so ein Stinkcr von Iltis hit.ein. Es war ein glücklicher Gedanke von Witsche!, der Einfall mit dem Dornbusche, denn kaum, daß die drei in der Dämmerung am Ran!� der Klecwiese saßen und sich an den saf- tigen Olättcrn gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang und hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der die Kaninchen in die Nase bekam, sauste er hinterdrein, und wenn er sie auch nicht bekam, so hielt er doch die Fährtc. Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg und fuhren über die Heide zu Bau«, Witfchel aber schlug vor dem Hund Haken auf Haken, bis ihm ganz dunim und albern zu Mute war. lind deshalb sah er sich nicht vor und rannte gerade dahin, wo Witschels Blume verschtvand, mitten in den Schlchbusch hinein, und rannte sich einen dürren Dorn unter die Nase, so daß er heulte, daß es weit über die Heide klang, und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück, (Schluß folgtü Die k>ygiene- Ausstellung. III. Oeffentliche Gesundheitspflege.. Ulster Zivilisation kann man gemeinhin verstehen, technischen Fortsc�tcn uri«isscnschaftlichcu Erkenntnissen jnistels ge» sellschaftlicher Organisation zu allgemein nützlichen öder an- genehmen Wirkungen zu verhelfen. So erklären sich die Wandlungen in der Ernährung, Wohnung und Kleidung der Menschen, in ihrem Verkehr und in ihrer Arbeit, in ihrer körperlichen und ihrer geistigen Existenz. Zur Zivilisation, die noch gar nicht Kultur genannt zu werden braucht, gehören dann auch die Matznahmen, Störungen im sozialen Leben durch Vorbeugung oder Abhilfe zu verhindern oder zu mildern. Die öffentliche Gesundheits- pflege ist eine solche notwendige Funktion des Gesellschaftskörpcrs, seine innere Reibung zu vermindern oder ganz aufzuheben. Die persönliche Gesundheitspflege mutz, je lebendiger der soziale Gedanke wird, immer mehr zur öffentlichen Gesundheitspflege werden, ohne datz freilich, was man in eigentlichem Sinne persönliche Körper- und Gesundheitspflege nennt, dadurch überflüssig oder zwangsmätzig wird. Beide Arten der Hygiene stehen in enger Wechselwirkung: je ausgeprägter bei den Individuen der Sinn für Körperpflege, desto vollkommener werden die öffentlichen hygienischen Einrichtungen sein, und umgekehrt wieder: ze vollkommener diese, desto mehr wird der einzelne für sich auf die Gesunderhaltung seines Körpers achten. Ein Geschichtsschreiber berichtet, wenn Ludwig XIV., der Sonnen- könig, heute springlebendig unter uns träte, in all seiner Königs- Pracht, so würden sich die Menschen von heute die Nase zuhalten; des Sonnenkönigs Majestät würde nach unseren Begriffen— stinken. Denn zu seiner Zeit wuschen sich die Damen und Herren der Gesellschaft nicht; bei dem beinahe festlichen Akt des levcr, da der König vom Bette aufstand und nun' in der Gesellschaft der Hofschranzen angekleidet ward, blieb für das Waschen keine Zeit— man wischte sich die sichtbaren Körperstellen mit wcingcistgetränkten Wattebäuschchen ab und verdeckte die schwärzlichen Spuren mit Puder. Noch über Goethes Zeit hinaus waren auch in Herrschaft- liehen Haushaltungen die Waschschüsseln und Wasserkrüge für unser Empfinden lächerlich klein, und man brauchte sehr wenig Wasser, um dem Reinlichkeitsbedürfnis zu genügen. Seit das Bade- wesen des Mittelalters unter dem Verdacht, die Volksscuchen zu verbreiten, eingeschlafen oder ausgerottet war, hatte man verlernt, mit dem Wasser verschwenderisch umzugehen. Deshalb war auch kein Bedürfnis, in den langsam wachsenden Städten für reichliches Wasser zu sorgen. Deshalb blieb die Wasserversorgung durch die Gemeinden auf primitivstem Stande, und wir haben hier gleich ein Beispiel für diese Wechselwirkung zwischen persönlicher und öffent- licher Körper- und Gesundheitspflege. Man hatte auch fast das Wassertrinken verlernt, und ehe man noch gutes von schlechtem Trinkwasser zu unterscheiden lernte— die Fähigkeit dazu fehlte bis gegen das Ende des 19. Jahr- Hunderts überhaupt verstand man es, für gutes Bier und guten Wein zu sorgen: die Kontrolle des Brauwesens und der Wein- kelteret ging schon frühzeitig in staatliche oder städtische Verwaltung über. Auch die alchimistischen Mysterien der Apotheken machten es notwendig, einzugreifen, Arzneibücher herauszugeben, die Apotheker Prüfungen zu unterziehen, die Apotheken zu visitieren. Wie mit dem Wasser, so war man aber auch mit den Nahrungs- Mitteln schlecht daran, vor Erfindung des Mikroskops waren Ver- sälschungcn fast unentdeckbar, trotzdem schon im 17. Jahrhundert Lceuwenhoek mittels eines sehr unvollkommenen Mikroskops lebende Bakterien beobachtet hatte. Was man tun konnte, beschränkte sich auf die Fleischbeschau, auf Konscrvierungsmcthoden, und das war stcher auch nur in wenigen Gemeinden öffentliche Einrichtung. Aber aus früherer Zeit hatte sich, Infolge der bitteren Lehre der Volksseuchen, wohl allenthalben, wenigstens in den Städten. eine prophylaktische öffentliche Gesundheitspflege fortgeerbt, die sich allerdings mehr gegen krankhcitsverdächtige Personen richtete, als ihnen wirklich zu nützen verstand. Wer wcitz, wie es um diese Dinge heute noch in rückständigen Gegenden bestellt ist, mag sich ein Bild davon machen, wie es vor Jahrhunderten mit einer O u a r a n- t ä n e, mit der Beaufsichtigung der Landstreicher, mit dem Verbot der Einfuhr„pestfangender" Waren gewesen sein mag. Aber es war doch ein Anfang; man verbrannte verseuchtes Material, stellte auch schon Desinfektoren an, wofür besonders italienische Städte, vor allem Venedig, vorbildlich waren, und man begriff, datz zu solchen Matzregcln im Interesse der allgemeinen Gesundheit auch die regelmässige Reinhaltung der Ströhen gehöre. Auch mit den Krankenhausern ging es, besonders durch Austausch von Er- fahrungen, langsam vorwärts, nur ein düsteres Kapitel der Kranken- pflege, die Behandlung der Irrsinnigen hielt sich lange in finsteren, mittelalterlichen Anschauungen. Mit dem 19. Jahrhundert erweiterte sich auch das von den Krankenhäusern gepflegte Heilbad zum Bade schlechthin, zum Schwimmbad. Förderlich wirkte hierbei die nationale Bewegung nach den Befreiungskriegen, die die körperliche Rüstigkeit des Volkes durch Leibesübungen zu erhöhen trachtete und diese Leibesübungen zu einer öffentlichen Angelegenheit machte. wodurch sie ja auch zugleich bei den Regierungen politisch anrüchig ward. Von hier aus setzt nun die öffentliche Gesundheits- p f l e g e der neueren Zeit ein. In welchem Umfange sie in Dresden dargestellt ist, das geht aus ihrer Einteilung in 36 Gruppen und 7 Sondergruppen hervor: sie ist auf acht grosse Ausstellungshallen perteilt. Es kann sich also im folgenden nur um eine Ausleihung der einzelnen Abteilungen handeln; man erkennt daran wenigstens den ungeheuren Umfang nicht nur der Ausstellung, sondern mehr noch den des Gebietes der öffentlichen Gesundheitspflege, der sozialen Hygiene. Wir gewinnen einen Einblick, in welchem Matze heute öffentliche Mittel und Einrichtungen dazu bestimmt sind, die unge- heurcn Komplikationen zu verhindern, die Epidemien und Volks- seuchen oder auch nur Tegencrationscrscheinungcn für die soziale Struktur des Volkskörpers mit sich bringen würden. Diese öffent- lichc Gesundheitspflege mutz deshalb auch über den Bereich der menschlichen Gesundheit hinausgrcifcn, mutz die Tierseuchen mit in ihre Arbeit einbeziehen, weil vom Stande der Tiergcsundheit nicht nur die Ernährung der Menschen berührt wird, sondern weil auch direkte Krankheitsübertragungen von Tier auf Mensch möglich sind, ganz ungeachtet der wirtschaftlichen Wirkungen, die Tierseuchen mit sich bringen. Es werden hier die Krankheitserreger, die Parasiten von Tier und Mensch in mikroskopischen und natürlichen Präparaten und auch die Methoden und die Apparatur der bakterio, logischen Untersuchung am lebenden oder toten Tier gezeigt. Eine große Abteilung befaßt sich sodann mit den Jnfek» tionskrankheitcn des Menschen. Mikrobiologische und para- sitologischc Studien werden hier vorgeführt, bakteriologische Präpa» rate und Laboratorien geben einen Begriff von diesen Jnfcktions- krankheitcn und ihrer Bekämpfung, die durch umfangreiche Stati- sliken noch erläutert werden. Von hier aus begreift man leichter die Abteilung Immunität und Schutzimpfung, in der eine Uebcr- ficht der modernen Forschungsergebnisse, Instrumentarien und das Wesen der Lymph- und Scrumgcwinnung vor Augen geführt: werden: allerdings kaum für Laien berechnet. Die Seuchen« bekämpfung umfaßt Ausstcllungsmaterial über Medizin-Unter- suchungsämtcr, Ouarantäncanstaltcn, Ueberwachungsstationen. Jmpfanstalten, Desinfektion, ihre Apparate und die Ausbildungs- gclcgenhciten für Desinfektoren. Damit steht auch im Zusammen- hang die Sonderausstellung über Tropcnkrankhcitcn, die besonders vom Institut für Schiffs- und Tropenkrankheitcn in Hamburg be- schickt ist, und die außerdem auch die tropischen Volkskrankhciten der Eingeborenen in Ursachen und Wirkungen erläutert. Zu den Infektionskrankheiten sind auch die Geschlechts- krank heiten zu zählen, die unter Leitung der Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vorgeführt werden. Es sind die Krankheitserreger in mikroskopischen Präparaten und die Krank- hcitserschcinungcn in Photographien und Wachsnachbildungcn, fer- ner die autzcrgcschlcchtlichcn Uebcrtragungssormcn dargestellt und warnende Beispiele von kurpfuschcrischcr Behandlung beigefügt. Es ist eine ungeheuer ernstc Abteilung, es soll hier aber ein Einspruch des preußischen Ministers des Innern gegen die Ausstellung der sanitäts- und sittenpolizcilichcn Vorkehrungen der Großstädte gegen die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten einen Strich durch den Ausstcllungsplan gemacht haben. Wieweit das eine Lücke in diese Abteilung reißt, mag aber ein Hygicniker vom Fach beurteilen. Immer mehr zwingt sich die Erkenntnis auf, datz die öffentliche Gesundheitspflege sich zunächst mit der werdenden Genera- t i o n zu besoffen habe. Vom Säugling ab, eigentlich bei der wer- denden Mutter schon hat die Jugendfürsorge einzusetzen: Säuglings- pflege, Säuglingskrankcnhäuscr, Stillstubcn, Müttcrberatungs- stellen, Milchküchcn, der Mutterschutz, die Erziehung Minderjähriger, Zichkindcrbeaufsichtigung, Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, die Waisenfürsorge, die Schulhygiene. Ausgestellt kann freilich nur sein, wis bis jetzt geschaffen ist, nicht was— ach, noch fehlt. Die Schulhygiene aber gibt ein breites Spiegelbild, die Hygiene des Schulgcbäudcs und seiner Einrichtungen, die Hygiene des Unter- richtcs selbst, die soziale Fürsorge für Kinder armer Eltern, die Schularzteinrichtung, die Schulzahnklinik, das Internat, das Hilfs- schulwescn— alles das sind ungeheuer wichtige Einzolfragen, die hier kaum vollständig� aber doch kaum irgendwo vollständiger studiert werden können. Dann aber greift die öffentliche Hygiene auch über die Pflege des kranken oder hilflosen Menschen hinaus auf seine Umgebung; wir leben in einer Zeit, in der demokratische Aufmerksamkeit dazw zwang, den Städtebau nach vernünftigen Grundsätzen zu refor- miercn: das hygienische Gewissen zwang auch dazu. Und damit tauchten Fragen auf, denen die Ausstellung einen breiten Raun, widmet in der Abteilung für Ansiedelung und Wohnung, die irr Halle S4 untergebracht ist. In Modellen, Plänen, Statistiken, lite- rarischen Publikationen werden hier die modernen Probleme des Städtebaues, der Bodenpolitik, der Bebauungspläne, der Bauord- nung, des Verkehrs, des Baukrcdits und schließlich der Gartenstadt behandelt. Das Verhältnis der Stadt zu ihrer Waldumgcbung, das Verhältnis zwischen Einkommen und Miete, der kommunale Grund- besitz, die kommunale Aufschlictzung des Geländes findet hier seine Würdigung, ebenso wie die Grünplätze, Parkanlagen, Promenaden und Stratzcnbcpflanzungcn, Spielplätze und Sportplätze, alles Be» griffe von hygienischer Bedeutung. Auch die innere Einrichtung der Wohnungen gehört hierher. Ferner wiederum die Technik des Städtebaues, die Abwasserbcscitigung und Reinigung, die Kanali- sation, Stratzcnstaubbekämpfung, Flutzwasscrvcrunrcinigung, Wasser- leitungswcsen, Trinkwafferbesöhasfung und-Verbesserung, die Be- zichungen zwischen Boden und Wasser, Wasser und Krankheit (Typhus), Grundwasserspiegel und Baubeschasfenheit, Trockenlegung von Baugrund usw. Von diesen Fragen aus erklären sich andere: die Förderung des Badewcscns durch städtische Schwimmbäder und Volksbadeanstalten„ Uebrigens nach meiner Ansicht eine gar nicht leicht zu nehmendo hygienische Angelegenheit: jn der ethnologischen Ätzteijung jinj» MokoS SuZgestevk, die die religiösen Bäder der Inder im Gange? illustrieren, und diese Massenbäder sollen der Uebertragung und Verschleppung epidemischer Krankheiten förderlich sein. Ich besuchte vn einem warmen Maisonntag das Freibad am Wannsee bei Berlin, das an jenem Tage mindestens von einigen Tausenden bevölkert »var, die sich badeten: die ganze Umgebung bis nach Nikolassee roch überdeutlich nach selten gelüfteten Menschcnleibern! Das Massen- bad gibt also auch bei uns vielleicht zu hygienischen Bedenken An- laß. Selbstverständlich ließen sich auch bei einem Massenbad, das ich aus anderen Gründen nicht missen möchte, hygienische Vorkehrungen treffen. Von den öffentlichen hygienischen Einrichtungen seien mir noch kurz aufgezählt die öffentlichen Schlachthäuser mit ihren angeglie- derten Einrichtungen für Fleischbeschau usw., ferner die Einrich- Itungen für Milchversorgung und Milchhygiene, die sehr anschaulich den Laboratoriumsdienst darstellen(in einem Mustergut wird ge- zeigt, wie die Milch schon von der Kuh in hygienisch einwandsfreicm Zustande gewonnen werden— könnte!), und weiter die vielge- sialtigen Einrichtungen und Mahnahmen für die Nahrungsmittel- Kontrolle, die allerdings doch noch lückenhaft genug sind, um Pro- zefse wie um die Mohrsche Margarine möglich werden zu lassen. Einige Hallen illustrieren die hygienischen Fragen im Verkehrs- Kiesen, der Desinfektion der Eisenbahnwagen, der die von Ruhland Kommenden Wagen in Potsdam unterzogen werden, des Ungeziefers halber, ferner Rcttungscinrichtung für Eisenbahn und Schiff, Schiffsdcsinfektionswcsen, das besonders von Hamburg aus beschickt ist, Hafenhygicne und die für Hafenstädte überaus wichtigen Maßregeln gegen Scuchcncinschlcppung. Auswandercrhallen werden den Binnenländern schöner vorkommen, als sie in Wirklichkeit sind. Moderne Humanität kommt zum Ausdruck(wenigstens ausstellungs- mähig) in den Abteilungen für Gcisteskrankenfürsorgc, Gefängnis- iwesen und Krüppclfürsorge. Und schließlich ist das Bc st attungs Wesen heute allgemein vuch als eine Frage der öffentlichen Hygiene erkannt, die immer mehr die Feuerbestattung erheischt: diese wird übrigens in einem lbcsondercn Pavillon für sich propagiert. Eine besondere Abteilung befaßt sich sodann mit der Armee-, Marine- und Kolonialhygiene, die ja mehr oder minder Berufs- hyigcne ist. Von dieser aber soll der nächste Abschnitt im bcson- deren handeln._ Hugo H i l l i g. Stirbt die Kunft? „Stirbt die Kirnst?*— Diese seltsame Frage ist jetzt zum zweiten Male aufgetaucht. Schon vor Jahresfrist hatte MiSzkowski, der Chefredakteur der „Lustigen Blätter*, die Frage gestellt, in etwas unklarer Weise be- handelt und schließlich bejaht. Jetzt koinint ein Berufener, um sie abermals z» stelle» und abermals zu bejahen: Viktor Anbnrtin. Auburtin, der Slböpscr eines der feinsten deutschen Pr«sastücke:. DerAm- basjadeur*, veröffentlicht in einem kleinen Hefte bei A. Langen-Münchcn Ansichten, die nicht nur die kleine Gruppe der Literaten angehen. Hier wird ein Problem der Mafien behandelt! Und weil er nüt seinem blitzenden Schwertlein so unvorsichtig herumgefuchtelt hat— getan bat er keinem etwas— darum wollen wir die Marionette des Kritikers Auburtin(nicht des Künstlers!) auf eine kleine Bühne stellen und ihn sprechen lassen. Hoppla! Aber sachte I sachte! Immer ausreden lassen und nicht unter- brechen! Erst soll er uns erheitern und dann werden wir sehen.— Und er spricht: Kunst ist Verzückung, Raserei, Träumerei, Schwärmerei, Delirium... Kunst wuchs empor«us den dämmernden Kirchen, in denen(verlogene) Pfaffen beteten... Kunst entstand aus der Vagabondage und dem Elend des Schauspielers, aus den kleinen, eckigen Kleinstädten, die noch keine Kanalisation hatte», aber Idylle,— die Voraussetzungen der Kunst sind der Krieg, große Epidemien, Raubrittertum, regellose Unordnung 1"—(spricht er.) Die Ordnung kommt, die soziale Organisation, die wenigstens das aller-, allcrschlinimste zu beseitigen versucht... und nun stirbt die Kunst!—* Vorhang. Allseitiges Staunen. Also— wie?... Die Masse(wer ist das übrigens?) ist schuld am Untergang der Kunst. Hm. Welche Masse? An welcher Kunst? Das wollen wir sehen? Zunächst: Kunst ist gar nicht„Delirium, Schwärmen, Träumerei"!— Das kann sie auch sein. Aber wo bliebe, wenn sie es nur wäre, die edle Klarheit GoetheS.„Ja!" spricht die Marionette,„der könnte heute auch nicht mehr durchdringen, die Masse hat ja nicht die Geduld mehr, zu lese»."„Durchdringen?" Ist denn Goethe„durchgedrungen"?— Keine Spur; es existieren eine llnzahl ungünstiger Kritiken, die ihn nicht begriffen, und, wie er sich einst zu Eckcrmaim beklagte.„im eigentlichen Kolke bleibe alles still".— Für solche Erscheinungen hat nun Aubnrtin zwei Schemen: erstens: die Masse kümniert sich nicht »im die Kunst. Natürlich, sagt er daim, wie sollte sie auch, diese— Masse! Zweitens: sie kümmert sich um die Ämist. Dann schreit er:„Die Kunst stirbt an der Nerpöbelung. Die Masse herrscht, und vor ihr hat alles zu kuschen. S't verlangt billige Kunst und eine handfeste, deutliche Kunst, von der man' doch etwas hat*— Ja I Aber das hat sie immer getan. Und doch ist die ganz suvtlle Kunst weiter gediehen, m* bekümmert um die... die... Masse. Ja, wer war denn da» eigentlich? Hören wir:„Daß in einem wohlorganisierten Bürger staate die Kunst sterben muß, da? lehrt uns die Kunstgeschichte Hollands."— Aha! Da" glaube ich, daß die dicken Mynheers für die Kunst nichts übrig gehabt haben.— In einem Bürgerstaate, sagt er— ist daS unsere Zukunft? Sicher nicht. Sondern—? Ach, die Marionette stimmt ein Klagelied an:„Unsere SpecieS geht einer Verameisung ent- gegen. Wie bei den Ameisen und Bienen der Staat alles, die Persönlichkeit nichts ist, wie bei ihnen die Freß- und Greiforgane aus Kosten des verkümmerten Gehirns sich entwickelten, so wird eS auch bei uns geschehen, die wir unser Heil auf das Dümmste und Gemeinste gestellt hoben, auf die Arbeit. All daS Feine und Leise, das der Muße und dein Eigensinn des Individuum? entblühte, da? wird verkümmert; schon in der Schule den Rotznasen die Nützlichkeit als da? Höchste gepriesen; daS ganze Leben darauf eingerichtet, ja keine Minute zu verträume», ja die Zeit fleißig zu verHämmern und ver» pochen, ja immer mitten im wimmelnden Haufen zu bleiben... In 250 Jahren, wenn die soziale Organisation glänzend durch» geführt worden ist, dann wird man den Dämon dcS Künstlers schon auf den Schulbänken gednssclt haben.... Ich glaube, daß die menschliche Nasse einer gewaltigen Zukunft entgegengeht. Ich glaube au das Kommen friedlicher Demokratien, immcmer, ge» einter Arbeiterschaften, die das Höchste wollen, und das Höchste er» reichen werden.— Aber ich weiß, daß aus dem anonymen Ge» wimmel nie die reißend schmerzliche Strophe eines Liedes tönen wird, und sollte sie dennoch wieder einmal tönen, so wird sie nicht verstanden werden."— Er weiß das. Aber nun genug der Ironie, denn wir wissen etwas anderes: Daß jede Zeit den Ausdruck ihrer Gefühle selbst findet und die„Anemonen auch im April des Jahres WGjL nicht versäumen werden, zn blühen". Aus derarlige Ein- Wendungen, sagt Auburtin, pfeife er. Nun, so wollen wir ihm ein? troimneln.— So lange bis selbst er begriffen hat, daß die Massen sich nach der Kunst sehnen und für sie reif werden, und wenn der Pfeifer erklärt,„es gäbe nichts greulicheres als Schiller» thcaterei und jene Volksbühnen, wo die Kunst braven Arbeitern zn Aschingerpreisen serviert werde"— so muß ihm getrommelt werden. daß die undisziplinierten Grinser im Faust, die er gesehen hat, schon längst zu den Ausnahmen zählen. Schon. Dank den Be- mühungen der Volksbühnen. DaS Spiel ist aus. Wir hängen die Puppe samt Schwert und Tragik wieder an die Wand und verlassen daS Bühnchen mit einer Frage im Ohr, die so recht zeigt, wie Auburtin der Kleine— denkt. „Damals", sagt er.„zur Zeit Neros, da hat nian schon das Ende der Kunst für geUnunen gehalten, weil alles auS» geschöpft schien. Sie ahnten noch nicht die uiigchencrcn Bärbaren» masscn, die jenseits der Grenzen lauerten, und in denen die Keim« zu Rcindrandts und Goethes Naturen schon vorhanden waren. Wo aber sind heute die Aarbaren, auS denen wir mw erneuern können? Wo sind die Reserven?"— Ich erlaube mir, Herrn Viktor Auburtin auf die Existenz eine? Proletariats ausmerlsam zu machen. IL T. Kleineö feuUleton. Erdkunde. Störungen der Schwerkraft. WaS die Schwerkraft eigentlich ist, das ist vom Mcnschcngeist bisher niemals ergründet worden. Die rjZissenschaft muß aber mit der Schwerkraft gesetz» mäßig rechnen und ihre Erscheinungen überall untersuchen, sowohl im unendlichen Gebiet des Weltraums, wie auf der Erde selbst. Die Schwerkraftsbestimmungcn aus bem Erdball werden seit einer Reihe von Jahrzehnten zu den wichtigsten Aufgaben der Naturforschung gezählt, und zwar ist es in erster Linie die Wissenschaft der Geo- däfie oder Erdmessimg, die sich damit beschäftigt. Nach der Theorie sollte, wenn die Erde eine Kugel und ihre Zusammensetzung eine völlig gleichmäßige wäre, ein Lot an jedem Punkt ihrer Oberfläche nach ihrem Mittelpunkt hin gerichtet sein. Das ist nun aber weit- aus nicht der Fall. Einmal ist die Erde keine Kugel und hat in» folgedesscn auch keinen Mittelpunkt, ferner ist ihr Körper sehr ungleichmäßig zusammengesetzt, nicht nur mit Bezug auf die Art der Gesteine, sondern auch auf ihre Dichte. Im allgemeinen gilt nach der Summe der Beobachtungen der Satz, daß der Erdboden, der den Grund der Weltmeere bildet, sehr dicht zusammengepreßt ist und daß dagegen die tieferen Schichten unter den höchsten Gebirgen der Festländer»erhältnismäßig aufgelockert sind. Diese Schlüsse sind aus der Beobachtung der sogenannten Lotabweichungcn ge» zogen worden. Für die Herstellung von Karten haben solche Messungen selkjwerstiindlich eine grundlegende Bedeutung. Aujj der Insel Port I Ric» in Westindien hat man beispielsweise jetzt die Bcobachtun i einer so großen Ablenkung des Lotes aus der senkrechten Richtung gemacht, daß man sich gezwungen sah, die nördliche und südliche Küstenlisie der Insel um fast 1 Kilometer auf den Karten zu verschieben.__ Verantwortl. Liedakteur: Albert Wachs, Berlin.— Dryck C. Verlag: kZorwartsBuchdruckereiu.VerlagsanjtaltPi>'ulSingerj:Eo.,Berl'.AS)ü(»