Nnterhaltungsblatl des Dorivärts Nr. 122. Mittwoch, den 28. Juni. 1911 (Jladizui verbollN.Z 18] pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen Nexö. „Herrjemine, is daS'ne Mannsperson I" rief er Jeppe zu, der hinter dem Fenster sab und sich in die Milckschüssel hineinrasierte.„Sieh mal bloß, wie er pustet l— Nu musj er hin und Gott um Verzeihung bitten von wegen der Freiereil" Jeppe kam am Fenster zum Vorschein und beschwichtigte ihn, man konnte Bruder Jörgens Fistel ja über die ganze Straße härm.„Hat er gefreit? Wie hast Du ihn dazu bloß gekriegt, den Sprung zu wagen?" fwgte er eifrig. „Ach. daS war, als wir beim Essen saßen, ich kriegt meinen Melancholschen, weil ich an das mit dem kleinen Jörgen denken mußte. Da kommt, weiß Gott, nie ein kleiner Jörgen und verpflanzt Deinen Namen weiter, sagt ich zu mir selbst, denn«Ären is'nen Waschlappen und andere hast Du nich, auf die Du bauen kannst! Und Du kannst jeden Tag, den Gott werden läßt, mit der Nase in der Luft da- liegen, und denn is das Ganze weggeblasen und umsonst. Und all dergleichen, wie Du ja weißt, daß ich denk', wenn diese Gedanken die Oberhand in mir haben. Ich saß da und sah mich bitterböse an, Sören: ja, das tat ich: denn da sitzt ein prächtiges Stück Frauenzimmer ihm gerlade gegenüber, und er sieht sie nich mal. Und da auf einmal schlag ich mit der Hand auf den Tisch und sag:„So, Sören, nu faßt Du Marie bei der Hand und fragst sie, ob sie Deine Frau werden will, denn nu will ich der Sache ein Ende machen und sehen, wo Du zu gebrauchen bistl" Sören zuckte ja zusammen und hielt die Hand hin, und Marie, die is nich uneben.„Ja, das will ich," sagt' sie und griff zu, eh er Zeit hatte, sich zu be- sinnen. Und nu machen wir bald Hochzeit." „Wenn da denn man Stiefel aus dem Leder werden," meinte Jeppe. „Ach, die hat Wärme, so wie sie gebaut isl Die wird ihn schon aufwuen. Weiber, die verstehen es, er wird nich im Bett frieren." Der alte Jörgen lachte zufrieden und ging an seine Arbeit.„Ja, die können selbst den Toten Leben ein- blasen," wiederholte er draußen aus der Straße.—-- Die anderen flogen im feinsten Staat aus, aber Pelle hatte keine Lust. Er war nicht frohgelaunt in dieser Zeit. Seinen ständigen Beschluß zu zeigen, daß er sich selbst ordentlich halten konnte, hatte er nicht durchzuführen ver- macht, das Bewußtsein seiner Niederlage saß in ihm und nagte. Und diese Löcher in den Strümpfen, die nun so groß waren, daß sie nicht mehr gestopft werden konnten, die machten sich an der Haut geltend auf eine ekelhafte Weise, so daß er Abscheu' vor sich selbst empfand. Nun zog die Jugend aus! Er sah das Meer in einem Ausschnitt unten am Ende der Straße, eS lag in völliger Ruhe da und entlieh dem Sonnenuntergang die Farben. Dann ging der Zug nach dem Hafen oder nach den See- Hügeln hin, man tanzte im Grünen, und vielleicht wurde ein Kampf um die Mädchen ausgefochtenl Aber er wollte sich nicht wie ein reudiger Hund von der Schar weghöhnen lassen, er pfiff auf die ganze Gesellschaft! Er warf die Schürze ab und ließ sich auf einem Bier- faß draußen vor der Pforte nieder. Da drüben auf der Bank saßen die alten Leute aus der Straße und rauchten ihre Pfeifen, sie plauderten über alles unter der Sonne. Jetzt läuteten die Glocken den Feierabend ein, und Madam Ras- müssen prügelte ihr Kind und schimpfte im Takt. Plötzlich verstummte das Ganze, nur das Weinen des Kindes blieb wie ein sanfter Abendgesang zurück. Jeppe erwähnte Malaga—„damals als ich auf Malaga fuhr!" aber der Bäcker Jörgen litt noch unter seinen Ent- behrungen und seufzte:„Ach ja, ach ja, wer nur in die Zu- kunft sehen könnt!" dann fing er auf einmal an. von den Mormonen zu reden.„Es könnt eigentlich ganz ulkig sein, mal zu versuchen, was die einem zu bieten haben," sagte er. „Ich Hab' geglaubt. Du wärst schon längst Mormone, Onkel Jörgen," sagte Meister Andres. Der Alte lachte. „Na, man hat ja in seiner Zeit so allerlei erlebt," sagte er und sah in die Luft hinauf. Oben in der Straße stand der Uhrmacher auf seiner Steintreppe, er wandte das Gesicht gerade aufwärts und schleuderte seine wahnsinnigen Rufe aus:„Die neue Zeit! Ich frage nach der neuen Zeit, o Gott Vater!" wiederholte er. Zwei müde Hafenarbeiter gingen vorüber.„Er will die Armut aus der Welt schaffen und uns ein neues Leben schenken. Das ist es, womit seine Verrücktheit sich abmarachtl" sagte der eine mit einem stumpfen Lächeln. „Denn hat er woll das Tausendjährige Reich in'n Kopf," meinte der andere. „Ne, er bellt bloß den Mond an," sagte der alte Jörgen hinter ihnen drein.„Wir kriegen gewiß einen Umschlag in der Witterung." „Es geht ihm augenblicklich nicht gut, dem Aermsten!" sagte Bjerregrav fröstelnd.„Um diese Zeit des Jahres hat er seinen Verstand verloren." Eine innere Stimme spornte Pelle an. Sitz doch nicht da, die Hände im Schoß, geh hinauf und sieh deine Sachen nach! Aber er konnte sich nicht dazu zwingen, es war zu un- llberwindlich geworden. Morgen riefen Manna und die andere ihn, und er konnte nicht über den Zaun zu ihnen hin- überspringen: sie hatten angefangen, kritisch die Nase zu rümpfen. Er verstand das nur zu gut, ein Ausgestoßener war er geworden, ein Subjekt, das sich nicht meho einmal ordentlich waschen mochte. Aber was nützte das: er konnte nicht fortfahren, mit dem Unüberwindlichen zu kämpfen! Niemand hatte ihn beizeiten gewarnt, und nun hatte ihn die Stadt eingesponnen und ihm selbst das Uebrige überlassen. Er hatte die Erlaubnis, das Leben abzuschütteln. Kein Mensch hatte einen Gedanken für ihn! Wenn bei Meisters gewaschen wurde, kam die Madam nicht auf den Einfall, etwas von ihm mitzuwaschen, und Pelle war nicht derjenige, der sich meldete. Die Waschfrau war bedachtsamer, sie tat es doch, wenn sie etwas Wäsche von ihm einschmuggeln konnte, obwohl sie selber dadurch mehr Arbeit hatte. Nun, sie war ja selbst arm, die andern konnten ihn nur aus- nutzen! Hier in der Stadt hatte er nicht einen einzigen Menschen, der uneigennützig war und nur soviel an sein Wohl dachte, daß er sich die Mühe machte, seinen Mund zu öffnen, um ihm die Wahrheit zu sagen. Das war ein Ge- fühl, das seinen Mann wohl matt in den Knien machen konnte, selbst wenn er fünfzehn Jahre alt war und den Mut hatte, auf einen tollen Stier loszugehen! Mehr als alles andere war es die Verlassenheit, die seinen Widerstand unter- grub. Er war hilflos allein unter diesen Menschen, ein Kind, das— wenn es nur seinen Nutzen tat— selbst dafür sorgen konnte, wie es mit alledem fertig wurde, was von allen Ecken und Enden hereinstürmte. Er saß da und ließ den Kummer kommen und in sich hineingehen, wie er wollte, während er dem Leben um sich her mit halbem Ohr lauschte. Aber plötzlich fühlte er etwas in seiner Westentasche— Geld! Das nahm ihm einen Stein vom Herzen, aber Pelle lief nicht, er schlich hinter die Pforte und zählte es. Anderthalb Kronen waren es! Er war gerade daran, es als Gabe von oben zu bitrachten, als etwas, was ihm der liebe Gott in seiner großen Güte zugesteckt hatte, aber da fiel ihm ein, daß es ja das Geld des Meisters war. Er hatte es gestern für ein Paar Damenbesohlungen bekommen und nicht daran gedacht, es abzuliefern, und der Meister hatte merkwürdigerweise ganz vergessen, danach zu fragen. Pelle stand kopfüber draußen am Brunnen in einem Kübel und schrubbte sich, so daß das Blut brannte. Dann fuhr er in seine besten Kleider, er zog die Schuhe auf die nackten Füße, um das peinliche Gefühl der durchlöcherten Strümpfe zu vermeiden. Der Gummikragen wurde zum letztenmal an das bloße Hemd angeknüpft. Nach einer Weile stand er bei dem Kaufmann und betrachtete einige große Krawatten, die eben in den Handel gekommen waren und auf vier verschiedenen Seiten getragen werden konnten: sie ver- deckten die ganze Brustöffnung, so daß man das Hemd nicht sah: nun hatte es ein Ende mit dem Verschmähtsein I Einen Augenblick lief er hin und her und sog die Luft ein: dann witterte er die Spur und rannte in sausendem Galopp nach den Seehügeln, wo die Jugend die Sommernacht hindurch spielte. Es war ja nur ein Darlehn l Pelle hatte ein Paar Schuhe sür einen Bäckerlehrling zu versohlen, der mit Nilen zu- sammeii arbeitet! sobald die sertig waren, bezahlte er die Summe zurück. Er konnte das Geld in der Kammer des Meisters unter das Zuschneidebrett legen: dort würde der Meister es finden, es mit einem köstlichen Ausdruck angucken und sagen:„Was zum Satan ist denn das?" Dann würde er an die Wand pochen und Pelle einen langen Unsinn von seinen Zaubergabcn vortratschen, und ihn aufgeräumt hin- schicken, um eine halbe Flasche Portwein zu holen. Das Geld für das Versohlen bekam er nun nicht: die Hälfte hatte er für Leder ausgegeben und mit dem Rest hatte es lange Beine, denn der Bäckerjunge war ein armer Tropf. Aber er zweifelte nicht an seiner eigenen Redlichkeit, der Meister konnte seines Geldes so sicher sein, als stünde es auf der Bank. Noch ein paarmal vergaß er es, kleinere Beträge abzuliefern, wenn irgendein Bedürfnis unabweisbar über ihni schwebte. Es waren ja alles Darlehn, bis die goldene Zeit kam. Und die war nie fern. Eines Tages kani er nach Hause. Der junge Meister stand in der Haustür und starrte zu den treibenden Wolken empor: er krallte die Hand vertraulich in Pelles Schulter. „Wir war doch die Sache? Kämmerers haben ja gestern die Schuhe nicht bezahlt?" Pelle wurde dunkelrot, seine Hand fuhr in die Westen- tasche.„Ich hatte es vergessen," sagte er leise. „Na ja, ja!" Der Meister schüttelte ihn gutmütig,„nicht weil ich Dir mißtraue. Aber der Ordnung halber!" Pelles Herz pochte ihm wild im Leibe: er war gerade im Begriff gewesen, das Geld für ein Paar Strünipfe aus- zugeben, jetzt eben auf dem Ausgang— tvas dann? Und des Meisters guter Glaube an ihn! Auf einmal zeigte sich ihm sein Treiben in seinem ganzen schändlichen Verrat: sein In- neres war daran, sich umzukrenipeln, so aufgeregt war er. Bis zu diesem Augenblick hatte er durch alles hindurch das Gefühl seines eigenen Wortes gerettet, jetzt zerplatzte es: einen schlechteren Mensck?en als ihn, gab es auf der ganzen Welt nicht mehr. In Zukunft konnte ihn ja kein Mensch mehr glauben, und er selbst konnte niemand mehr frei in die Augen sel)en, falls er nicht sogleich zum Meister hinging und sich und seine Schande auf Gnade und Ungnade auslieferte. Eine dndere Rettung gab es nicht, das wußte er. Aber er war nicht sicher, daß der Meister die Sache vom großen Gesichtspunkt auffaßte und daß sich alles zum Guten wenden würde, das Märchen hatte er ja aufgegeben. Dann würde er ganz einfach weggejagt, vielleicht auf dem Rat- haus gepeitscht, und es war aus mit ihm. tLortjctzung jotgt.) (Nachdruck drrdolen.) Die Ginwanderer, Von Hermann Löns. lSchlutz.) Die drei Kaninchen unter der Erde lachten.„Was ist denn da loS?" fragte Hopps.„Sich, ich habe den dämlichen Spitz in die Dornen gelockt und die haben ihn gekämmt. Ich glaube, den Köter sind wir für eine Weile los."„Elaube ich auch," meinte Flitzchen, „denn er hat nicht schlecht gepfiffen." Ein Weilchen warteten sie noch im sicheren Vau, dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, sicherte lange und klopfte die anderen heraus. Sie ästen sich lange in der Kleewiese und iiiachten durch ihr Hin- und Herhuschen die zwei Haufen, die seit Jahr und Tag dort ihre Besuchöstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach dem anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am Kopfe der Wiese immer aus- trat, wurde zu seinem Mißvergnügen die fremden Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß es weithin klang und zog voller Verdruß den Hasen nach. Als es schon ganz dunkel war, bekamen die Kaninchen einen großen Schreck, denn es brach und knickte in dem Stangenort über dem Sandwege und ettvas gewaltig Großes zog über die Heide nach den Feldern. Was es war, wußten sie nicht, denn dort, wo sie hergekommen waren, gab es keine Hirsche. Aber da seine Fährte nicht nach Mensch, nicht nach Hnnd und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie bald wieder aus der Dickung heraus. In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem Haupt- baue hatten sie sich noch hier und da ein halbes Dutzend Noirohre gescharrt und zu dem großen Bau noch vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen getrieben, deren Mündungen unter Baum- stumpfen und in den dichtesten Kiefernkusseln endeten.»Jetzt kann kommen, wer da will," meinte die kluge Witschel, und bei sich dachte sie:»Es ist auch gut, daß wir uns eingerichtet haben, denn zum Scharren habe ich keine Zeit mehr." Von Tag zu Tag hielt sie sich mehr allein und sah immer magerer und ruppiger auS, und vent» HopPS ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn, daß es nur so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht anders; auch diese hielt ficht allein und Hopps saß allein in seinem großmächtigen Bau und dackste über die Launenhaftigkeit der Weiber nach und sehnte sich nach der Emsheid«, wo es nicht das eine Flitzchen und eine Witschel, sondern viele viele hübsche Kaninchenfräulein und-Frauen gab, alte und junge, dicke und schlanke, so daß ein Kaninchenherr, und besonders ein so schöner, schwarz mit einer silbernen Blässe, sich nicht Tag und Nacht zu langweilen braucht. Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Geficht und dachte:„Nanu, träume ich oder ist mir der zunge Klee in den Kopf gestiegen?" denn an der Quelle bei dem Dornbusche wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben waren es, sechs graue und ein schwarzes.„Die wollen wir uns doch einmal näher besehen," dachte er, aber da fuhr Witschel, die er gar nicht gesehen batte, hinter einem Farnbusche hervor und benahm sich so unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege ging. Drei Tage später traf er auf dem grafigen Gestelle vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen an, zwar nur fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die Kinder ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls«inen üblen Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen alleine und die beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps. Drei Monate gingen in das Land, da sah die Kiefcrnbesamung anders aus, als an jenem Apriltage, an dem der Jagdausseher die Kaninchen ausgesetzt hatte. Ueberall war gescharrt, an den Wegen, an der Feldkante, in den Gräben, und überall lag Kaninchen- losung. Der Jagdpächter freute sich, weim er in der Dämmerung von dem Hocksitze in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall die Kaninchen hin und her flitzten, doch cS wunderte ihn, daß der starke Bock, der sonst immer hier austrat, fich nicht mehr spürte. Aber dem war es in der Besamung und in dem Stangen- orte zu unruhig geworden; Tag und Nacht rnschelte und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch es nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren Losung lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert. Auch die beiden Hasen, die fich sonst jeden Abend vorn in der Kleewiese ästen, waren ver- schwunden. Erst hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die Kaninchen auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten die Hasen auch über die Jagdgrenzc. Reineke Rowoß, der Schleicher, hatte es bald spitz, daß es in der Besamung ein neues Wild gab. Er gab fich zwei ÜNunate lang die größte Mühe, eins von den unbekannten Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm immer vorbei. Und wenn er cs noch so scklau anstellte, sie entwischten ihm jedesmal und dann stand er vor dem Bau, schnupperte in die Fahrt hinein, zog Geschmacksfäden, wie ein Hund beim Hochzeits?jsen, scharrt« sich lahm und müde und zog schließlick hungrig und ärgerlich ab. Beinahe hätte er Flitzchen ein- mal geschnappt, aber da Hopste Hopps laut auf den Boden und Flitzchen schlug drei Halen und fuhr durch den Dornbusch zu Bau, der FuchS schrammte sich heftig an den Dornen und inachte, daß er weiter kam. Auch Griepto Hoihncrdeiw, der Habicht, hatte kein Glück bei den Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante der Besamung entlang strich. Jedesmal, wenn er fich sagte:„So, nun mache dein Testament!" dann witschten die grauen oder schwarzen Dinger in den Busch oder in ein Loch. Einzig und allein Dickkopp, der Kanz, hatte Weidmannsheil und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich, ein Jungkaninchen. Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide zog, da machte es nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal ein Stück oder griffen sich Kauz oder Habicht eins, denn eS waren ihrer schon viel zu viele und alle vier Wochen wurden es mehr. Schon bald fingen die Bauern an, lange Gcsickster und runde Augen zu machen, wenn sie die Gänge im Getreide sahen und einer klagte dem anderen seine Not über das neue llnzeng. Als es von Monat zu Monat schlimmer wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der tat, als wüßte er nichts, und ebenso machte es der Jagdpächter, denn er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig, weil sie die Hasen und die Rehe vertrieben. So war es auch; seitdem Hopps, Witschel und Flitzchen und ihre Nachkommen- schaft und die Nachkommenschaft davon und deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren, hatten sich die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe waren in die Rachbarjagd hinüber- gewechselt, die aus Bruch und Moorwald bestand und in der die Kaninchen nicht leben tonnten. Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter Treibjagden allein auf Kaninchen imd wenn auch den ganzen Tag über geknallt wurde, auf zehn Schuß kam meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie der Jagdpächter sagte:„Vorn ist das Deuwelszcug zu schnell und hinten zu kurz." Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und Garne und ging ihnen damit zu Balge, aber in der dichten Besamung und bei den verzweigten Bauen, die alle keinen Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch nicht. Er stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen, aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und sielen nicht mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher SchwefeUohIenstoffbombcn in die Baue warf, hatte er erst recht keinen Erfolg, weil die Baue zu viel Ausfahrten hatten. Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem Anstand abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug. So lebtcn denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig weiter und von Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst haben sie die Ge« meindegrenze überschritten, rund herum finden sich neue Siedlungen und alles, was Land oder Garten hat, flucht ihnen. Es schadet ihnen aber nicht im mindesten.«Der Mensch ist stark und schlau," sagt Hopps, der alte,«aber gegen uns kann er nicht ankommen. Witsche! hat voriges Jahr achtmal geworfen, meist sechs Stück, einmal weniger, das andere Mal mehr, im Durch- schnitt aber sechs. Sechs mal acht sind achtundvierzig." „Und ich habe im letzten Jahre vierunddreitzig gehabt," meint Flitzchen. .Na also/ spricht Hopps. Eine �ankfurter �ailerkföuimg. Berühmt ist die Schilderung einer Frankfurter Kaiserkrönung, die Goethe nach seinen Knabeneindrücken in Wahrheit und Dichtung gibt. Was der bürgerliche Knabe mit glänzenden Augen, wie ein Märchen aus anderer Welt, empfand, erschien einem boshaften Teilnehmer des Spektalels, der selbst dazu gehörte, also von keinem Nimbus befangen war, als der tollste Narrcnspuk. Dem Ritter v. Lang, der im Luftrage irgendeines der 200 deutscheu Poten- tätchcu der vorletzten Kaiserkrönung im Jahre 1799 beiwohnte. hat einen lustigen und eindringlichen Bericht über das Schauspiel erstattet. Zwei Jahre später fand die letzt.- Frankfurter Krönung statt. Dann kam Napoleon über diese deutsche Posseuwelt und mit dem Kaisertum und den Reichsmittclbarcn verschwand auch das Frankfurter Kaisertreiben. Ritter v. Lang aber berichtet: .Als Gentill>omme des Reichs-Erztruchsessen hatte ich dem Äröiuwgszug selbst mit beizuwohnen und konnte also dies« alt- testamcntliche Judeiipvacht gemächlichst in der Nähe schauen. Der Kaiserornat sah aus, als war er auf dem Trödelmarkt zusanirnen- gekaust, die kaiserliche Krone aber, als hätte sie der allcrungcschick- teste Kupferschmied zusainmengeschuiicdet und mit Kieselsteinen und Glasscherben besetzt; auf dem angeblichen Schwert Karls des Großen war ein Löwe wie im böhmischen Wappen. Die herab- würdigenden Zeremonien, nach denen der Kaiser alle Augcnbiicke vom Stuhl herab und hinauf, hinauf und herab, sich ankleiden und auskleiden, einschoneren und wieder abwischen lasten, sich vor den Biscbofsuiützcn mit Händen und Füßen ausgestreckt auf die Erde werfen und liegen bleiben mußte, waren in der Hauptsache ganz dieselben, womit der gemeinste Mönch in jedem Bettelkloster ein- gekleidet wird. Am possierlichsten war es, als eine Bischofsmütze im lieblichsten Nasentone und lateinisch zur Orgel hinaufintonierte, ob sie da oben nun wirklich den Lcrenissimum Dominum. Dominum Leopoldum wollten in regem suum habere, worauf der bejahende Ehorregent geuultig mit dem Kopf schüttelte, seinen Fiedellivgen greulich auf und nieder schwenkte, die Ehorjungfern und Singknaben aber im Höchsten Diskant herunter riefen: kiat! fiat! fiat! Sowie also von feiten dieser kleinen Herrschaft nichts mehr entgegenzustehen schien, gin� nun mit der Krone eilends aus das kaiserliche Haupt, vom Einpore aber mit Heerpauken und Trom- peten donnernd herab: Haderipump! Haderipump! Pumpt Pump? ES hätte wenig gefcljlt, so wäre mir, ohne zu wisten wie, die erste kaiserliche Gnade widerfahren. Um alles noch gemächlicher mit an- zuschauen, stieg ich auf etliche Latten mif einen Platz in der Kirche, der bei weitem minder stark besetzt und gedrängt war, bis ich dann endlich von cincm Bekannte», der mir seine Glückwünsche bringen wollte, erfuhr, daß dieses die Bühne für diejenigen sei, die der Kaiser zu Rittern schlagen wollte; ich machte mich also mit einem Sprung über die bevorgefwndene Ritterschaft wieder hinweg. Nachdem nun dem Kaiser auf einem kahlen Throne, der aus- sah wie eine Hennensteige, von den Bischöfen die Glückwünsche und Huldigungen unter allen möglichen Arten von Knie- und Buckel- beugungen abgestattet und durch die bis unter seine Nase ge- schwungenen Rauchfässer ein WolkcnHimmel um ihn her gebildet war, wurden die Kandidaten zum Ritterschlag, und unter diesen zu- erst und namentlich ein nn theatralischen Kostüme schon bereitstehen- der Dalberg aufgerufen, welches wohl daher kommen mag, daß daß alte adlige Geschlecht der.Kämmerer von Worms, welches den Namen der im Jahre l31ö schon ausgestorbenen echten Dalberg? angenommen, als solche Kämmerer zugkeich die ersten Ministerialen des alten Kaiserfitzcs zu Worms genasen. Bon der Kirche aus nahm der Kaiser mit seinem csbgeschobten Mantel in langer, aber etwas eilig drängender, daher auch krummer und verwirrter Pro- zession seinen Zug auf das Rathaus zurück. Er ging in seinen alten Kaiserpantoffeln über gelegte Bretter, die man mit rotem Tuche bedeckte, das aber die gemeinen Leute auf dem Boden knicend und mit Messern in den Hände» hart hinter seinen Fersen durch- schnitten und zum Teil so gewaltsam in Fetzen herunterrissen, daß sie den vorn laufenden Kaiser beinahe damit niederwarfen. Nachdem aus dem Römer die kaiserliche Schautafel den Anfang genommen, wobei ein Herzog von Mecklenburg, mit einem langen Messer an die Tür postiert, und ein weißes Handtuch sich vor die Brust gesteckt, für den Allerdurchlauchtigsteu den durchlauchtigsten Borsch,»eider machte, begab sich der Erbtruchseß zu Pferde in spanischer Tracht, fliegendem Haar und einem goldenen Mantel zur Hütte aus dem Markte, wo ein Ochs gebraten lourde. Seine ganze Dienerschaft trat in Gala voraus, und die sogenannten Gentil- Hammes, ivelche nebe» mir drei andere seiner Beamten vorstellten, gingen, je zwei zu jeder Seite, neben dem Pferde auf der linken Seite; ich hatte den spanischen Hut mit weißen und blauen Federn emporzutragen, mein Gegemnann auf der Rechten aber eine große silberne Platte. Während der Erbtruchseß auf dem Pferde blieb, mutzten wir Gentilhommes uns zum höllischen Feuer des in de« Hütte unter pestilenzialischem isiestanke gerösteten Ochsen verfügen. ein noch halb rohes Stück desselben auf die silberne Platte nehmen und sie dem zum Römer zurückreitenden Herrn Grasen vortragen-. während hinter uns von dem um die vergoldeten Höroer streitenden Janhagel die ganze bretterne Küche krachend zusauuncnficl. vor- mutlich als ein Sinnbild, wie es dem heiligen Reiche i» der Kürze bald selbst ergehen sollte. An den Flügeltüren des Speisesaales übernahm der Graf Truchfeß die Schüssel in seine eigenen Hände und setzte kniebeugend die duftende Köstlichkeit dem von allen Seiten mit lauter widersinnigen Fratzen geplagten Kaiser unter die Nase. Nichts konnte ein treueres Bild der eiskalt erstarrten und kindisch gewordenen alten deutschen Reichsvcrfassung geben, als das Fast- nachtspiel einer solchen in ihren zerrissenen Fetzen prangenden Kaiserkrönung. Die folgenden Tage, wo man die sibhllinischen Bücher de« goldenen Bulle nicht weiter zu befragen nötig hatte, befriedigten die Schaulust mit leidlichen Festen einer öffentlichen Huldigung in dem hessischen Lustlager und dem Fvcudenfeuer auf den prächtigen Wasserjachten der geistlichen Kurfürsten. Auch die Juden, denen jetzt die ganze Welt huldigen muß, bequemten sich wenigstens für einen Tag, in ihren schwarzen Mänteln einem kaiserlichen Kanzler zu huldigen. Aus allen Schluchten wurden dem anwesenden Könige von Ungarn die wilden Schweine herbeigetrieben. Die in ganzen Strichen herbdgeftop.cueii deutschen Professoren und Dozenten rissen sich um die nassen Druckbogen der neuen Wahlkapiwlation, um zu erforschen, an welche Stelle etwa aus cincm Komma ein Semikolon geworden, und berühmten sich zum Teil, daß sie es bewirkt Anr lebendigsten, schien eS, wurden in der Stille die Einblasungen und Racheforderungcn der französischen Ausgewanderten vertreten. Wenn man weiß, daß selbst der Herr Kurfürst von Mainz unter einem Gefolge von lövv Menschen sogar auch eine Amme und einen Kapaunstopfer mitgebracht, so darf man glauben, daß es überhaupt nirgends an den Abstufungen aller sündigen Freuden gemangelt habe. Den Beschluß in den vornehmen Gasthöfen bis zum frühen Morgen machten gewöhnlich die Spiele an den in lauter Gold auf- getürmten Banken, welche der in regelmäßiger Stunde ankommend« Reichsprofoß, ein Subaltern des Erbmarschalls, scheinbar ausein» ander treiben wollte, dafür aber mit 1, 2, auch oft 5 bis 0 in die Hände gedrückter Dukaten beschworen und zur Türe hinaus- geschoben wurde; und zwar ging er gewöhnlich mit 1 oder 2 Du- taten ganz still und bescheiden ab, schrie und schimpfte aber zum Schäumen, je nachdem er mehrere Stücke in der Hand verspürte, weil er es für seine Schuldigkeit hielt, sich nach einer so groß- mütigen Belohnung in seiner höchstmöglichen Anstrengung sehen zu lassen. Am Tage schlich er in seiner bordierten Uniform mit Degen aus kleinere Beute aus, um arme Judcnburschen zu fangen, wenn er sie«inen Haarzvpf tragend, oder mit einem Spazierstock in der Hand oder gar in den öffentlichen Spaziergängen wandelnd ertappte. Es wäre nötig gewesen, man hätte seinen Tauftchcin bei sich getragen, um nicht von diesem Ameisenbär als eine Judensecle aufgegabelt und uin 1 Ft 30 Kr. geplündert zu werden." Kleines Feuilleton. Literarisches. 332it einem jungen norwegischen proletarischen Erzähler, Johan Falkberget, der auch im Unterhalwngsblatt Bereits zu Wort« kam, macht der dänische Kritiker Chr. Rimcstad seine Landsleute bekannt Sieben Bücher seiner Hand liegen bc, reits vor, die fast alle das Grubcnlcben behandeln. Falkberget— eine norwegische Parallelerscheinung zu dem dänischen Andersen» Nexö— ist bis in sein zwanzigstes Lebensjahr selbst Grubenarbeitc« gewesen. Als er damit anfing, bestand noch kein gesetzliches Per« bot gegen die Bergwcrksarbeit Jugendlicher. Seine Bildung war so mangelhaft, daß er als Konfirmand kaum richtig schreiben konnte. Aber mit erstaunlicher Energie eignete er sich in seiner knappen Freizeit so viel Kenntnisse und Fähigkeiten an, daß er heute in seiner Heimat als ein anerkannter Schriftsteller dasteht, der sich nicht nur der Erzählung, sondern auch rege der Journalistik und der sozialen Bewegung widmet. Sein erstes Werk,„Schwarze Felsen", liegt in sechs Auflagen vor, eine Zahl, die, hinsichtlich der Bevölkerung auf deutsche Verhältnisse übertragen, um das Vierzig» fache vermehrt werden müßte. Seine ersten Bücher sind in der sogenannten norwegischen Reichssprache, d. h. der allgemein herrschenden dänischen Schriftsprache, verfaßt, während er jetzt das sogenannte Landsmal, eine künstliche literarische Wiederbelebung altnordischer Bauerndialekte, die in den letzten 30 Jahren inannig- fach versucht wird, anwendet, dadurch aber das dänische Publikum von seinem Leserkreise ausschließt. Den.Schwarzen Felsen" seh'.t noch die sichere Komposition, aber er weiß doch die eigenen bitteren Erlebnisse überzeugend zu gestalten, wenn auch seinen Figuren hier noch durch eine Unbestimmtheit in der Zeichnung und ein« gewisse Romantik individuelle Charakteristita genommen werde». Von seinen späteren Büchern nennt Rimestad die beiden zusammen- hängenden Novellen„Im ewigen Schnee' und..Urzeit-Nacht', so» Wie die ersten Stücke der Sammlung„Der Wolfsfelsen', die stoff- reichsten und reifsten. Sie wirken durch die herbe Knappheit ihrer Sprache. Falkberget gibt lauter karge Sätze, hart und prunkloS. Alles ist auf die direkte Mitteilung des Inhalts berechnet. Er nimmt sich nicht Zeit zu psychologischen Analysen, er malt keine Einzelheiten auS, hält sich so kurz als möglich mit Stimmungen auf, nie läßt da? Tempo nach. Ohne Umschweife sollen die Bücher wirken, einzig und allein durch die volle Wucht des Stoffes. Nndersen-Nexö ist eine reichere Natur als er, ein wirklicher Ro- »nanzier, der feine umfassendere Aufgabe meistert, gegen den norwe. Sischen Novellisten. Aber auch er hat sich gleich jenem aus eigener iraft emporgearbeitet und seinen Klaflengenosscn feine und tiefe Kunstwerke beschert, die von ihnen mit innerstem Verständnis und echter Dankbarkeit aufgenommen werden konnten; denn er hat dem ewigen Gefühl der Menschenwürde, da? im Letzten der Unter- brückttn nicht erstickt werden kann, mit unermüdlichem Zorn dichte- rischen Ausdruck verliehen. Sprachwissenschaftliches. Impfen und pfropfen. Heute werden Kinder geimpft, in Llterer Zeit nur Bäume. Er imphote daz firste ris sReiSj in tiutescher zungen; d& von sit este[nachher Weste] erspruhgen, von den die bluomen kämen— so sagt Gottfried von Straßburg in seinem Tristan(4736) von Heinrich von Beldeke, dem„Vater de? höfischen Heldengedichtes'. Natürlich ist hier das auS lateinischem imputare(impotus— Jmpf- teis) entstandene, über althochdeutsch impitSn, imphön zu seiner heutigen Gestalt gelangte Wort lediglich im Sinne von.pfropfen' gebraucht. Im gleichen Sinne sagt Melchior Sebiz in seinem, dem 16. Jahrhundert angehörenden Werke über Feldbau:„man pflegt zwischen Rinde und Holz zu impfen, wann die Bäum ansahen iren Saft zu überkommen', doch„soll man allzeit für eine gemeine Regul halten, da» man weder blüende noch fruchttragende Zweige impfen soll'. Der Uebergang de» ursprünglichen GärtiierauödruckS auf das bekannte Verfahren»n der Heilkunde vollzog sich erst im IS. Jahrhundert. Ein Impfling ist im ältesten Sinne des Wortes ein zu pfropfender Zweig, und ein Jmpfmeffer dient Ursprünglich dazu,„die Schoss[Schösslinge, Jmpfreiser) damit zu beschneiden und zu spitzigen". Impfen ist also im alten Sinne völlig wesensgleich mit pfropfen, hat dann aber feine gärtnerische Bedeutung völlig an dieses abgetreten. Pfropfen selbst aber ist ebenfalls römischen Ur« sprungS und geht auf das römische propagare— fortpflanzen gurück. Wenn man es nicht ohnehin wüßte, würden unS schon diese eiden Wörter darüber belehren, daß der Germane all diese gärtnerischen Künste— auch okulieren[von ooulus das Auge)— von den Römern übernommen hat. Naturwissenschaftliche?. Natur-Bibliothek. Saint- Simon teilte die Epochen des menschlichen Geistes in kritische und organische ein. Die kritischen sammeln und prüfen daS Material, die organischen fassen«S- zu einer höheren Einheit, zu einer Weltanschauung, zusammen. Dieser Einteilung folgend, kann man sagen, daß die heutige NaturerkennwiS mehr kritisch als organisch ist. Die mühsame Einzelforschlmg und die kritische Prüfung der überlieferten Theorien überwiegt Seute bei weitem daS nihige und breite Aufbauen auf >rund der gesicherten Erkenntnisse. Diese Sachlage übt einen weitgehenden und, wie ein jeder Freund der Naturaufklärung mit Bedauern seftstellen muß, einen ungünstigen Einfluß auf die populär-wissenfch östliche Schreibweise au». Hier ist jener breite, fast möchte man sagen, behagliche Zug der Natur schtlderung beinahe gänzlich entschwunden, der uns in den Werken eines A. v. Humboldt fasziniert. Und so ist eS mit Freude und Genug- tuung zu begrüßen, daß der bekannte Verlag von Theod. Thomas- Leipzig[Deutsche Naturwissenschaftliche Gesellschaft) sich der schönen Aufgabe unterzogen hat, gerade d i e von den älteren Werken unserer populär-wissenschastlichen Literatur neu inS Leben zu rufen, in denen jener künstlerische Zug der Naturbetrachtung besonder« stark ausgeprägt ist und noch heute frisch und lebendig wirft. Er hat bi» jetzt 23 Bändchen— zusammen 60 Nummern>n zwei Serien zu 25 eingeteilt— erscheinen lassen, von denen gerade die Hälfte die wahrhaft klassischen Werke von A. v. Humboldt und E. A. Roß- mäßler umfaßt. Es ist wahrlich nicht nötig, lang und breit auS- einanderzusetzen, welche nachhaltige Wirkung auf die deutsche Volks- bildung und nicht zuletzt auf die geistige Entwickelung der deutschen Arbeiterklasse Humboldts„Kosmos'— seinerzeit nach der Bibel das verbreitetstc Buch I— und die naturwissenschaftlichen Vorträge von Roßmäßler ausgeübt haben. Daß aber ihre Bedeutung keineswegs in der Vergangenheit erschöpft worden ist. erfährt ein jeder, der eines von den Bändchen der„Naiur-BIbliothek zur Hand nimmt. Die kurzen Einleitungen und die knappen Anmerkungen, die vom Herausgeber jedem Bändchen beigegeben sind, helfen über das tatsächlich Veraltete leicht hinwegzugehen und daS Unvergängliche desto reiner zu genießen. Bei der Auswahl hat der Heraus- geber— R. H. Francö— eine recht glückliche Hand gehabt. Von Kerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Humboldt bringt die Bibliothek die besten Partien de» .Kosmos'— die zusammenfassenden Schilderungen des Sahn» ganzen, wo der universelle Geist des Forschers sich so recht in seiner ganzen Machtfülle zeigt, und dann die Beschreibung seiner epoche« machenden Reise nach Südamerika. Roßmäßler ist durch die „Vier Jahreszeiten', einige selbständige Bruchstücke aus seinem größeren Werk.DaS Wasser', durch»Flora im Winterkleide' und .DaS Süßwasseraquarium' vertreten. Eine Gruppe für sich, eine Art Neine alpinistische Bibliothek, bilden 5 Bändchen[7 Nummern), die meist schon vergriffene und teilweise leider auch vergessene Werke von A. Schaubach.Die deutschen Alpen', von H. A. v. Berlepsch.Die Alpen in Natur- und Lebensbildern' und H. v. Barth»AuS den nördlichen Kalk- alpen' in Auswahl wiedergeben. Auch diese Werke passen ganz gut mit den Schriften von Humboldt und Roßmäßler zusammen, da auch hier das anschauliche Schildern von Naturerscheinungen da» eigentliche Element ist. Besonder» läßt sich das von A. Schaubach sagen, desien Alpenbilder mitunter geradezu plastische Kraft besitzen. Etwa« aus dem Rahmen der.Natur-Bibliothek' herausfallend find, wie uns scheinen will, die Schriften de» rein chemisch« physikalischen Inhalt«, die Abhandlungen von I. R. Mayer, I. Berzeliu« und I. Dalton. Wenn auch die Ab- Handlungen von I. R. Mayer, dem Begründer der mechanischen Wärmelheorie, dank ihrer mustergültigen Klarheit selbst für den Laien durchaus verständlich find, so waren fi» doch keineswegs in populär- wissenschaftlicher Abficht geschrieben und er- fordern gegenwärtig zu ihrem richtigen Verständnis eine weit tiefere Kenntnis der Grundlagen der Physik, als fi« bei dem Leserkreise der Natur-Bibliothek füglich vorausgesetzt werden darf. In noch höherem Grade gilt daS für die chemischen Abhandlungen von Dalton und BerzeliuS, die unstreitig einen viel passenderen Platz in der Ost- waldschen Sammlung»Klassiker der exakten Wissenschaften' schon lange gefunden haben. Von den übrigen Bändchen wirken sehr anziehend zwei Bruch« stücke auS den„Botanischen Streiszügen auf dem Gebiete der Kulturgeschichte' von F. Unger:»Die Pflanze als Zaubermittel' und„Die Pflanze als Erregung?- und Betäubungsmittel'. Die schrecklichsten und unheilvollsten Verirrungen des menschlichen Geiste» spiegeln sich in verschiedenen Sitten und Gebräuchen, bei denen die Pflanze eine besondere Rolle spielt. Erwähnenswert sind weiter: Die Reisebeschreibungen von G. Keate und D. G. Forster, herausgegeben unter dem gemeinsamen Titel„Schiffbruch der Antelope",— ein größere« aus dem Englischen übersetzte? Werk von M. F. Maury,„Die physische Geographie des MeereS', und endlich eine gemeinverständliche, sehr verdienstvolle„Anleitung zum praktischen Mikroskopieren', die speziell für die Sammlung von N. C a m b e r a und M. Lenze verfaßt worden ist. Die gut ausgestattete, dabei verhällnismäßig billige[25 Pf. pro Nummer) Sammlung verdient die weiteste Verbreitung bei allen Naturfteunden. V. Th. Technische?. Das AronS'sche Chromoskop. Zur'Ergänzung unsere» Artikel» von F. L. über da» Chromoskop von Dr. Aron» wird un» geschrieben: AuS dem kurzen Artikel scheint hervorzugehen, daß F. L. der Erfindung deshalb die Neuheit abspricht, weil sie auf bekannten Naturerscheinungen beruht. Die Auffindung bisher unbekannter Naturerscheinungen bezeichnet man gemeinhin als Entdeckung, während neue Benutzungen bekannter Naturerscheinungen allgemein als Erfindungen bezeichnet werden. Die AronS'sche Konstruktion wird daher mit Fug und Recht eine„neue Erfindung' genannt und zwar ist sie eine solche von eminent praktischer Bedeutung. E. L. betont, daß man Karben sehr präzis und durchaus eindeutig bezeichnen kann durch Angabe ihrer Wellenlänge, und bemerkt, daß im Spektrum sich alle Farben vorfinden, die sich überhaupt nur denken lassen.— Die erste Bemerkung ist nur mit Einschränkung richtig, di» zweite ist direkt irrig; e» gibt außerordentlich mannig- faltige Farbentöne, die sich im Spektrum nicht vorfinden. Die bunte Mannigfaltigkeit der Farben, die wir rings um unS erblicken, und mit denen eS die verschiedenen Industriezweige zu tun haben, find nicht reine Spektralfarben, nicht einfache Bestandteile des weißen Lichtes, die durch ihre Wellenlänge eindeutig bestimmt find, sondern ein Gemisch sehr vieler Lichtarten, genau wie daS weiße Licht selbst. Andernfalls hätte die Färbereiindustrie längst Farben- skalen mit Benutzung der Wellenlänge aufgestellt. Eine solche An« gäbe ist aber bei Mischfarben nicht möglich, und deshalb ist die AronSsche Erfindung von so hoher praktischer Bedeutung. Denn die Farben, die da» Chromoskop liefert, sind genau von derselben Art, wie die im Leben un» begegnenden. e» find Mischfarben. die durch Unterdrückung und Schwächung bestimmter Strahlenarten im weißen Licht entstehen. Di« Erscheinungen selbst, auf denen die Erfindung beruht, find. wie F. L. mit Recht bemerkt, längst bekannt. Da» tut der Neuheit der Erfindung natürlich keinen Eintrag. Der Apparat ge» stattet, Farbennuancen in schier unerschöpflicher Fülle— ihre Zahl kannt leicht in die Millionen gesteigert werden— in.absoluter' Weise durch Angabe von 2 oder 3 Zahlen zu jeder Zeit und an edem Orte immer wieder herstellbar zur Erscheinung zu bringen. B. B. — Druck u. Verlag: LorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerchCo.,Berlin ZW.