Anterhaltungsblatt des Horivärls Nr. 123.' Donnerstag, den 29. Juni. 1911 lZiaSdruck btxiottn.J 19] pelle der Eroberer. Lehrjahre. Noman von M. Andersen Nexö. Pelle beschloß es für sich zu behalten: viele Tage ging er umher und litt unter der eigenen Schlechtigkeit. Aber dann packte ihn die Not an der Kehle und drängte alles andere zur Seite: um sich das Notwendigste anzuschaffen, mußte er den gefährlichen Ausweg wählen: zu sagen, daß es ange- schrieben werden solle,'wenn ihm der Meister Geld für irgend etwas mitgegeben hatte. Und eines Tages brach alles über ihm zusammen. Die andern waren nahe daran, das Haus auf den Köpf zu stellen. sie warfen seine Sachen aus de? Kammer heraus und nannten ihn ein unreines Tier. Pelle weinte, er war fest überzeugt, daß er eS nicht gewesen war. sondern Peter, der sich immer mit den dreckigsten Frauenzimmern abgab, aber er konnte sich kein Gehör verschaffen. Da lief er seiner Wege mit dem Vorsatz, nie wieder zu kommen. Draußen auf den Seehügeln wurde er von{£mil und Peter eingefangen, die der alte Jeppe nach ihm ausgesandt hatte. Er wollte nicht mit ihnen zurückgehen, da warfen sie ihn nieder und trugen ihn nach Hause, einer faßte am Kopf an, der andere an den Beinen. Die Leute kamen an die Türen und lachten und fragten, die beiden gaben ihre Er- klärung, das war eine fürchterliche Schmach für Pelle. Und dann wurde er krank. Er lag unter dem Ziegel- dach und tobte im Fieber, dort hatten sie ein Bett hin- geworfen.„Was, is' er noch nich' auf?" sagte Jeppe erstaunt, wenn er in die Werkstatt hineinkam.«Na. er wird schon auf- steh'n, wenn er man erst hungrig wird." Es war keine Sitte, kranken Lehrlingen Essen ans Bett zu bringen. Aber Pelle kam nicht herunter. Eines Tages überwand sich der junge Meister und trug ihm Essen hinauf.„Du machst Dich lächerlich," höhnte Jeppe, „auf die Weise wirst Du nie Leute halten können!" Und die Madame schimpfte. Aber Meister Andres pfiff, bis er außer Hörweite kam. Der arme Pelle lag da und erging sich in Phantasien, sein kleiner Kopf konnte nicht soviel fassen: jetzt war der Rückschlag eingetreten, und er lag da und schwelgte in alledem, woran es ihm gebrach. Der junge Meister saß viel oben bei ihm und wurde sich über vieles klar. Es war nicht seine Art, irgend etwas mit Nachdruck durchzusetzen, aber er erreichte es doch, daß für Pelle im Hause gewaschen werden sollte: und er sorgte dafür, daß nach Lasse geschickt wurde. 8. Jeppe war so ungefähr mit der halben Insel verwandt, aber es interessierte ihn nicht immer gleich stark, die Per- wandtschaft zu entwirren. E» war eine leichte Sache für ihn, ganz oben bei dem Stammvater der Familie anzufangen und das Geschlecht bis zweihundert Jahre hindurchzuführen>, die einzelnen Mieder vom Lande in die Stadt, über das Meer und zurück zu verfolgen und nachzuweisen, daß Andres und der Stadtrichter Vettern zweiten Grades sein müßten. Aber wenn dann irgend ein kleiner Mann sagte:„Wie war es doch, waren nicht mein Vater und der Meister Geschwister- kinder?" so antwortete Heppe kurz:„Mag sein, aber die Sache wird allmählich zu dünne, dies' Verwandtschaft." „Dann sind Sie und ich ja weiß Gott, Halbvettern, und Sie sind auch mit dem Stadtrichtcr verwandt!" sagte Meister Andres, der andern gerne eine Freude gönnte. Die Armen sahen ihn dankbar an und fanden, daß er so gute Augen hatte— ein Jammer, daß es ihm nicht vergönnt sein sollte zu leben. Außerdem war Jeppe düch der älteste Handwerksmeister in der Stadt und unter den Schustern hatte er die größte Werkstatt. Tüchtig war er auch, oder vielmehr, er war es gewesen. Er besaß noch die Handfertigkeit der alten Zeit, wo es sich um schwierige Gebiete handelte, um die die Ent- Wickelung gern den Weg herumlegte, oder über die sie mit einer Erfindung hinwegsetzte. Zungen- und Zugstiefel hatten das Walken überflüssig gemacht, aber die gute Kunst hatts noch ihren guten Ruf. Und wenn irgend ein alter Knopf zu dem Meister kam. und Halbstiefel aus Fettleder ohne di« neumodischen Teufelskünste haben wollte, so mußte er zu Jeppe gehen, niemand konnte einen Spann walken wie er, Auch wenn es auf die Behandlung des dicken SchmierlederS zu Seestiefeln ankam, lvar Jeppe der Mann. Eigensinnig war er auch, und lehnte sich hartnäckig gegen alles Neue auf, wo alle andern sich verlocken ließen. Dadurch wurde er noch mehr der Träger der alten Zeit, und man hatte Respekt vor ihm« Die Lehrlinge waren die Einzigen, die ihn nicht respek- tierten. sie taten alles, um ihn totzuärgern, als Vergeltung für seine harte Fachhand. Alles legten sie darauf an, ihn zu foppen, die selbstverständlichsten Dinge führten sie auf eine verblümte Art aus, um den alten Jeppe mißtrauisch zu machen; wenn er sie dann ausspionierte, und sie bei etwas ertappte, das sich als nichts ettvies, hatten sie einen großen Tag. „Was soll das heißen? Wo willst Du ohne Erlaubnis hin?" fragte Jeppe, wenn einer von ihnen aufstand, um in den Hof hinauszugehen: er vergaß immer wieder, daß die Zeiten sich verändert hatten. Sie antworteten nicht, und dann geriet er in Harnisch.„Ich bitt' mir Respekt aus!" rief er und stampfte auf den Fußboden, so daß der Staub um ihn aufwirbelte. Meister Andres erhob langsam den Kopf.„Was hast Du nur einmal wieder, Vater?" fragte er müde. Dann stürzte Jeppe hinaus und wütete gegen die neue Zeit. Wenn Meister Andreas und der Gehilfe nicht zugegen waren, ergötzten sie sich damit, den Alten in Wut zu ver- setzen, das wurde ihnen nicht schwer, er erblickte überall Auf- sassigkeit. Dann griff er nach einem Spannriemen und fing an, darauf loszuprügeln, während der Sünder die merk- würdigsten Grimassen schnitt und einen sonderbar gluck- senden Laut von sich gab.„Da, nimm das, obwohl es mir leid tut, zu harten Mitteln zu greifen!" fauchte Jeppe.„Und auch das!-- und das! Denn das gehört mit dazu, wenn das Fach bestehen soll." Dann versetzte er dem Jungen etwas, das schwach an einen Fußtritt erinnern konnte, und stand da und rang nach Atem.„Du bist ein schwieriger Junge, willst Du das eingestehen?"„Ja, meine Muter schlug jeden zweiten Tag einen Besenstiel auf mir kgput," antwortete Peter, der Schurke und Schnok.„Ja, da siehst Du's! Aber es kann noch alles gut werden! Die Grundlage ist ja nicht schlecht!" Jeppe trippelte hin und her, die Hände hinten auf dem Rücken. Den Rest des Tages war er feierlich gestimmt und bemühte sich, die bleibenden Spuren der Strafe zu ver- wischen.—„Es war ja nur zu Uuerm eigenen Besten!" sagte er versöhnlich.>> Jeppe war ein leiblicher Vetter des verrückten Anker. aber er machte am liebsten keinen Gebrauch davon: der Mann konnte ja nicht dafür, daß er verrückt war, aber er lebte schimpflicherwcise davon, Sand auf der Straße zu verkaufen, — ein fachgelernter Bürger! Tagtäglich sah man Ankers lange, dünne Gestalt auf der Straße mit einem Sack voll Sand über dem fachen Nacken; er trug einen grauen Twist- anzug und weißwollene Strümpfe, das Gesicht war leichen- � fahl. Es war keine Faser Fleisch an ihm.„Das kommt von all dem Grübeln," sagten die Leute—„seht doch den Adjunkt an!" In der Werkstatt ließ er sich nie mit seinem Sandsack blicken, er war bange vor Jeppe, der jetzt der Aelteste der Fa- inilie war. Sonst ging er mit seinen klappernden Holzschuhcn überall ein und aus: und die Leute kauften von ihm, da sie doch Fußbodensand haben mußten, und sein Sand ebenso gut war wie der aller andern. Er brauchte fast nichts für seinen Unterhalt, die Leute behaupteten, er nähme niemals Nahrung zu sich, sondern ernähre sich von innen heraus. Von dem Geld, was er einnahm, kaufte er Hilfsmittel für„die neue Zeit" und was dann noch übrig blieb, warf er in seinen großen Augenblicken von seiner hohen Treppe herab. Die Straßenjungen kamen immer gelausen, wenn der Ruf ver- kündete, daß der Wahnsinn mit der neuen Zeit über ihn ge- kommen war. Er und Bjerregrav waren Jugendfreunde, sie waren früher unzertrennlich gewesen und keiner wollte seine Pflicht hm und sich beichetralcn, obwohl sie m der Lage tvaren, Frau und Kinder zu versorgen. In dem Alter, wo andere davon in Anspruch genommen sind, sich bei Frauen einzuschmeicheln, tiefen die beiden, den Kopf voll Trödelkram, herum: Freiheit und Fortschritt und anderes mehr von dem Teufelskram, der die Leute verrückt macht. Es wohnte damals ein schlimmer Aufrührer bei Bjerregravs Bruder; er hatte viele Jahre auf Christiansö gesessen, aber jetzt hatte ihm die Regierung ge- stattet, den Rest seiner Gefangenschaft hier zu verleben. Dampe hieß er, Jeppe kannte ihn aus seiner Lehrzeit in der iHauptstadt; er hatte sich das Ziel gesetzt, Gott und König gu stürzen. Es nützte ihm nun freilich nichts, denn er wurde gestürzt wie ein zweiter Luzifer und durfte seinen Kopf nur aus lauter Gnade behalten. Ihm schlössen sich die beiden pmgen Leute an, und er verdrehte ihnen den Kopf mit seiner vergifteten Rede,, so daß sie anfingen über Dinge zu grübeln, von denen gewöhnliche Menschen sich am liebsten fernhalten sollen. Bjerregrav kam mit einigermaßen heiler Haut- davon, aber Anker mußte mit seinem Verstand dafür büßen. Ob- Wohl sie beide ihr reichliches Auskommen hatten, grübelten sie hauptsächlich über die Armut nach, als wenn d a etwas Besonderes zu entdecken sei! Das lag jetzt eine Reihe von Jahren zurück, es war um die Zeit, als der Freiheitswahnsinn ringsumher in den Ländern in Blüte stand mit Aufruhr und Brudermord. So schlimm ging es nun Wohl nicht her, denn weder Anker noch Bjerregrav waren sehr kriegerisch; aber jeder konnte doch sehen, daß die Stadt anderen Orten in der Welt nicht nach- stand.— Hier ging die Eitelkeit auf die Stadt immer mit Meister Jeppe durch, im übrigen aber hatte er nur verur- teilende Worte für die ganze Sache. Noch immer konnte es geschehen, daß er sich mit Bjerregrav in die Haare geriet, wenn die Rede auf Ankers Unglück kam« .(Fortsetzung folgt. js Kunft und Klaffe. Von Ernst Link. In der Diskussion über das Thema»Kunst und Klaffe' ist kürzlich u. a. das Argument vorgebracht worden, daß der Matzstab für den Wert einer'Dichtung in»ihrer Qualität, das heitzt in in objektiven Merkmalen, über deren Vorhandensein der literarische Kenner zu entscheiden hat', gesucht werden muffe.') Da hier die Ästhetik und ihre Vertreter als Kronzeugen angerufen werden, müssen wir wohl oder übel auf sie hören. Nun gibt es bisher kein sozia« listisches System der Aesthetik, und wir könnten sofort jedes bürger- liche als befangen ablehnen, wenn wir von der unbestrittenen und für Sozialisten unbestreitbaren Voraussetzung ausgehen, dah es eine spezifisch proletarische Klassenbildung gibt, die auch der Kunst als einer Ideologie ihre besondere Färbung verleiht. Da aber gerade für das künstlerische Schaffen eine Sonderstellung vorbehalten wird („der Dichter ist eben Dichter und nicht Bourgeois' und, logisch gefolgert, kein Proletar), müssen wir die Gesetze der bürgerlichen Aesthetik aufsuiben, um die objektiven Merkmale festzustellen, die Bourgeois und Proletarier in gleicher Weise anerkennen sollend) Mit einem Zweige der Aesthetik können wir überhaupt nichts anfangen. Es ist das die Aesthetik»von oben', wie sie Fechner, der Begründer der modernen Aesthetik, genannt hat. Sie will aus dem Begriff des Schönen und des Hätzlichen logisch die Gesetze der Kunst ableiten. Die Wider- legung ihrer fchematischen Begriffsbestimmungen, die die Ant- wort auf die Fragestellung eigentlich vorwegnehmen, liegt allein in der Existenz der Aesthetik„von unten'. Diese sucht auf dem Wege der Erfahrung das künstlerische Schaffen und Genietzen zu analysieren. Die rationale(rein begriffliche) Aesthetik hat schon längst den Todesstoh erhalten und wird von modernen Aesthetikern auch nur noch als Leiche seziert, was natürlich nicht hindert, dah sie in Feuilletons, in Backfischköpfen und bei Leuten, die allemal die Götzen geweihter Tempel gegen das ungestüme Drängen der »schwieligen Faust' verteidigen zu müssen glauben, ihr gespenstisches Unwesen treibt. Die Methoden der modernen Aesthetik gehören der Psychologie ') Dah im gleichen Atemzuge das auf Grund der sozialistischen Weltanschauung gefällte Urteil des klassenbewutzten Proletariats be- zeichnet wird als„subjektives Empfinden irgendwelcher Laien, die aus ihrem instinktiven Gefühl heraus urteilen', verdient besonders notiert zu werden. 2) Ich nutze die Gelegenheit, um auf daS einzige populäre, brauchbare Büchlein über Aesthetik hinzuweisen. Neumanns»Ein« führung in die Aesthetik der Gegenwart' unterrichtet leidlich über die Haupirichtungen und Grundprobleme der gegenwärtigen Aesthetik. (Leipzig 1S08; gebunden 1,2ö M.) Die Schrift sollte wenigstens in keiner öffentlichen Bibliothek fehlen. an. So wie die PsychopHysik die objektiven Sinnesreize systematisch durchnimnit und die daraus folgenden seelischen Veränderungen fest» legt, untersucht die psychologische Aesthetik experimentell den seelischen Eindruck künstlerischer„Reize", wobei fie von den einfachsten ästheti» scheu Verhältnissen zu-komplizierten Kunstwerken aussteigt. Sowohl die physiologischen Begleiterscheinungen(für den ästhetischen Ge« nutz charakteristische Herz-, Puls« und Atemschwankungen und die bekannten Ausdrucksbewegungen in Gesichtszügen und Gesten) als auch die rein seelischen Vorgänge werden in systematischer Weiss aufgedeckt. Aus der Reihe der Resultate, die an und für sich wohl brauchbar, gegenüber den Begriffsspielereien der alten„Aesthetik von oben' einen grotzen Fortschritt bedeuten, heben wir nur zwei für unser Thema wichtige Ergebniffe hervor. Zum ästhetischen Genutz bedarf es zunächst einer bestimmten „Einstellung' gegenüber dem Kunstwerk, die innerhalb gewisser Grenzen künstlich hervorgerufen oder gehindert werden kann. Ungünstige körperliche oder seelische Disposition(Ermüdung, Kummer) machen meist ästhetisch unempfänglich. Von andern übertragene Vorurteile hemmen von vornherein eine ästhetische Eitzstellung, die zur ästhe« tischen Wertung unerlätzlich ist. Der Beschauer tritt s»fort mit seinem ablehnenden Urteil dem Kunstwerk entgegen. Die kritisch« wissenschaftliche Einstellung verdrängt die ästhetisch-genietzende. Oder ein angeeignetes günstiges Vorurteil bringt eine befangene Einstellung zustande. Die Mode diktiert künstlich Gefallen an Dingen, die man ohne diesen Druck abscheulich finden würde, und mit innerer An» strengung sucht man dem Stoff das Aesthetische abzugewinnen. Die Einstellung findet jedoch ihre Grenze in der Möglichkeit der „Einfühlung". Für den Naturgenutz beschreibt Lipps den Prozeß der Einfühlung folgendermatzen:»Bei aller meiner Nalurbctrachtung bin eben ich selbst, der Betrachtende, mit meiner innern Tätigkeit, meinem Streben, meinem Widerstreben, meinem Tun, meinem ver- geblichen Bemühen oder glücklichen Vollbringen, notwendig dabei oder darin. Und dies macht die Einfühlung, Beseelung, Vermensch« lichung jederzeit unvermeidlich.... Indem ich in die Natur meine Strebungen und Kräfte einfühle, fühle ich in fie auch die Weise ein, wie mir bei meinem Streben und in meiner Kraft zumute ist, meinen Stolz, meine Kühnheit, meinen Trotz, meine Leichtigkeit, meine spielende Sicherheit, mein ruhiges Be« Hagen. Damit wird erst die Naturcinfühlung zur vollen ästhetischen Einfühlung.' Datz wir von einer trotzigen, wilden, freundlichen Landschaft reden können, verursacht die Ein» fühlung, in der wir dem ästhetisch betrachteten Kunstwerk unsere Gefühle unterlegen. So gibt es eine Einfühlung in die Natur, in Stimmungen(einförmige Sinnesempfindungen z. B. reine Farben wirken beruhigend, anregend), in die sinnliche Erscheinung lebender Wesen. Stets aber tragen wir unser Empfinden, unser Wolle». unsere Welt in das geschaute Bild hinein. Es ist ein Sich-Hinein- versenken in daS objektive Kunstwerk, in dem doch das Subjekt selbst lebendig wird. Nach anderen(z. B. St. W i t a s e k) besteht die Einfühlung darin,„datz das Subjekt die im(ästhetischen) Gegenstande aus- gedrückten psychischen Tatsachen durch Nacherleben und innere Wahr- nehmung anschaulich vorstellt und den Gegenstand dieser anschau- lichen Vorstellung mit dem der äutzeren Wahrnehmung vom Objekt verbindet.' Diese Verschmelzung der Wahrnehmung als solcher mit den in dem wahrgenommenen Objekt dargestellten psychischen Er« lebnissen bildet den Eindruck des Kunstwerks. Es ist klar, datz zur Einfühlung bei Lipps und Witasek Sinnes« tätigkeit(von Augen oder Ohren) zur Auffassung deS Objekts und Reproduktion(Wiederholung) früherer Vorstellungen und Erlebnisse gehören. Sinnestätigkeit und diese bestimmte Art der Gedächtnis- leistung, des Nacherlebens sind aber imanschauendenSubjektnichtzeitlich oder überhaupt irgendwie getrennt, sondern beide verschmelzen unlösbar miteinander. Die objektive Darstellung ist nur ein Zeichen für seelische Inhalte, die von den dargestellten Zügen ausstrahlen; sie ist ein „Symbol' für den inneren Gehalt des Kunstwerks.„Kunstwerke nun, welch« reichen und tiefen seelischen Gehalt zum Ausdruck bringen, regen den, der fie ästhetisch in fich aufnimmt, zu gleichen seelischen Erlebnissen an, bereichern sein Seelenleben'(Witasek). Um mich aber in ein Kunstwerk hineinfühlen zu können, bedarf es zweierlei Vorbedingungen. Vorerst muh ich überhaupt den Schatz der Erfahrungen besitzen, der künstlerisch dargestellt werden soll. DaS Bild eines fröhlichen Gesichts kann mich nur deshalb ästhetisch anregen, weil mir selbst fröhliche Stimmungen nicht fremd sind und weil ich sie oft bei anderen Menschen bereits in Wirklichkeit erlebte. Wo mir jegliche Erfahrung fehlt, versagt auch das wundervollste Kunstwerk. So stehen Kinder nichtsahnend vor Meisterwerken. Sodann aber mutz das objektive Zeichen nur als Symbol gerade für diese? geistige Erleben geläufig sein. Die Symbole bedürfen einer eindeutige» Bestimmtheit. Wie die einzelnen Sprachelemente der prägnante Ausdruck für ganz bestimmt zugeordnete Begriffe find, so braucht auch daS künstlerische Zeichen allgemeine Anerkennung zur Ver« mittelung der gedanklichen Inhalte zwischen Künstler und Ge« nietzenden. Ein schon berührter Gesichtspunkt verlangt noch schärfere Be« tonung. Die Möglichkeit des Nacherlebens und HineinfühlenS setzt weitgehende Uebereinstimmung der psychischen Verfassung von Schaffenden und Aufnehmenden voraus. Die Einfühlung gelingt nur dann, wenn dem Genietzenden die Welt des Künstlers, und dem Künstler die Welt der Genietzenden vertraut ist. Platte Geister suchen daher triviale Künstler, und mir weite, kräftige Seelen lieben freie, starke Kunst. Bisher haben wir vornehmlich an individuelle Verhältnisse ge- dacht. Es wäre aber im höchsten Grade seltsam, wenn die der- schiedenen Erfahrungen und Anschauungen nicht sozial für die Mög- lichkeit der Einfühlung von Bedeutuug wären. Oder man müßte die durch nichts gerechtfertigte, aber durch alles widerlegte Voraus- setzung machen, daß die Kunst eine Dämmerstimmung schafft, in der alle sozialen Unterschiede gleich grau werden. Warum schafft denn überhaupt ein Künstler? Ist es der reine Drang nach Gestaltungen, der ihn treibt ohne Rücksicht auf das Echo seiner Mitwelt? Ganz abgesehen von den bürger- lichen Künstlern, die schaffen, um nicht zu hungern, weil im kapitalistischen Zeitalter die Kunst zum Gewerbe werden muß, ist .stets diese Wirkung sauf Hörer und Beschauer) keineswegs zufällig und unwesentlich, sondern sie ist von dem Künstler beabsichtigt. Der Künstler arbeitet nicht nur für sich, sondern auch für andere; und wenn man auch nicht sagen kann, daß das ästhetische Schaffen allein aus der Absicht, auf andere zu wirken, hervorgeht, so wird es doch in seiner Form und Richtung wesentlich durch die Rücksicht aus das Publikum bestimmt; freilich nicht sowohl auf das Publikum, wie es ist, als auf das Publikum, wie eS sich der Künstler vorstellt"'(Grosse, Anfänge der Kunst). Nun kann ein Botokude sich sein Publikum natürlich nicht anders als in Gestalt von Botokuden vorstellen, und ein Bourgeois nur als Bourgeoisleute. Daß der Künstler unter UinstckNden dem Publikum die menschen-, vielmehr bourgeoismöglichste Reinheit anheften möchte, spricht nicht dagegen I Diese Abhängigkeit des Schaffenden und seiner Werke von der Rasse, der allgemeinen Kulturentwickelung wird von allen zugegeben�). »Immer aber bleibt... das individuelle Wirken auf den Spiel« räum beschränkt, in dem sich die Ideen der Zeit bewegen, weil die Reize und Motive, die der Phantasie des einzelnen zufließen, immer wieder jenem An- {chauungskreis angehören, der den herrschenden Stil- ormen ihr künstlerisches Gepräge verleiht."(Wundt, Völker« Psychologie Bd. 3.)„Mag darum noch so sehr das einzelne Kunst- werk namentlich auf den höheren Stufen der Kunstentwickelung zur psychologischen Vertiefung in die individuelle Eigenart seines Schöpfers herausfordern, in der Gesamtheit seiner Bedingung läßt es sich doch nur aus dem allgemeineren geistigen Zusammenhang heraus verstehen, dem es entstammt."(Ebenda.) Schon nach bürgerlicher Auffassung kann daher die Kunst nicht»die tiefe und klare Widerspiegelung des Lebens, wie es ist", sein, sondern nur, wie es ein Künstler mit den Augen seiner Zeit sieht. Daß aber Proletarier und Bourgeois die Welt mit ganz ver- schiedenen Augen sehen, gehörte bisher auf allen Gebieten der Ideologie zu den steinharten Wahrheiten des Proletariats. Auch wo beide die gleichen Worte gebrauchen, sind doch die Begriffe meist verschieden. Der Proletarier kann nicht sich selbst„einfach als Menschen" mit den gleichen Augen wie der Bourgeois betrachten. Und so lange Klassengegensätze bestehen, wird es auch kein drittes Reich geben, in dem sich Mitglieder verschiedener Klassen friedlich begegnen und einander ihr Herz aufschließen. Und selbst wenn heute jemand kraft seines psychologischen Spürsinns sich in die Seele jedes Nebenmenschen hineinzusetzen vermöchte— daß dies nach aller Literatur beflissenen Meinung das eigentliche Wesen des Dichters ausmacht, ist eine allzu kühne Behauptung—, fo würde bestenfalls eine gute Psychologie der fremden Klasse heraus- kommen, nie und nimmer aber ein Kunstwerk, das die gezeichnete Klasse ästhetisch bestiedigen würde. Der Klasseninstinkt der Bour- geoisie arbeitet denn auch prompt genug und lehnt selbst die besten Produkte prolewrischen Kunstschaffens ab. Bon den Aestheten, die in allen Welten zu Hause zu sein glauben, sehen wir hier ab. Auch wo das Proletariat vom»Reinmenschlichen" redet, verbindet es mit diesem Wort doch einen ganz anderen Inhalt als das Bürgertum. Ueberall, wo der bürgerliche Dichter seinen Mund auf« tut, spricht die Bourgeoisie aus ihm. Seine Phantastereien, seine Weltabgewandtheit dienen gerade als Beweis, und von unseren Kritikern ist Hundertemal diese oder jene künstlerische Strömung als Produkt ihrer gesellschaftlichen Verfassung analysiert worden. Wenn uns nun wieder entgegengehalten worden ist,„der Dichter ist eben kein Bourgeois, sondern ein-- Dichter", so steht dieser Satz auf der gleichen Höhe sozialer Erkenntnis wie der:„ein Tischler ist kein Proletarier, sondern ein-- Tischler". Natürlich ist ein Tischler eben Tischler, aber ist er darum weniger oder gar nicht Proletarier? Der Wert der sozialen Kategorien Proletarier, Zunfthandwerker und Unternehmer liegt doch in ganz anderer Richtung, als den tiefgründigen Unter- schied zwischen guten und schlechten Tischlern aufzudecken. Natürlich kann ein gut klassenbewußter Proletarier ein schlechter Musikant sein. Dadurch wird aber ein begabter bürgerlicher Opcrettenschreiber, dessen Werke die des schlechten Musikanten weit an Originalität und voll- endeter Form übertreffen, nicht ohne weiteres zum lünstlerischen Führer des Proletariats, nach dessen Klarinette nun zu tanzen wäre ") Man entschuldige die dielen Zitate. Wir müssen aber not- gedrungen bürgerliche Autoren heranziehen, um den„objektiven Merkmale«", die selbst jene fallen gelassen haben, auf den Leib zu rücken, und in dessen Träumereien man sich mit verlieren müßte. Ebenso wie das Proletariat nach den Broschüren greift, in� denen ihm zuweilen in schlechtem Deutsch und äugen» kränkendem Druck seine Wahrheiten geboten werden, trotzdem bessere Stilisten in schönerer Aufmachung bürgerliche Weisheiten verzapfen, wird es auch mit zunehmendem Selbstbewußtsein die Bourgeoisie- Kunst entbehren können. Die Kunst ist nun zwar nicht immer ver» kaufsfertige Ware, sie ist aber stets eine Ideologie, die wie jede andere den Gesetzen des sozialen Kampfes unterworfen ist. Der tiefe Schnitt des Klassenkampfes trennt auch den goldenen Schein der Träume. Die Arbeit der Bildungsausschüsse ist mit dazu berufen, den spezifischen Geist des Proletariats im ästhetischen Genuß zur Geltung und Klärung zu bringen. Wenn das nicht ihre Aufgabe sein sollte, könnte man ja z. B. einfach die Jugcndschriftenverzeichnisse der Lehrer übernehmen, die sich redlich ernste Mühe geben, und brauchte nicht eigene zusammenzustellen. Daß aber selbst die besten Kräfte und die ernsteste Arbeit uns nicht genug zu tun vermögen, beweist eben den Wert spezifischer Klassenbildung für den Aufstieg des Proletariats mit Einschluß der ästhetischen Bildung. Ist es bei der Charakterisierung des Wertes des Klasseninstinktes als soziale Erscheinung wirklich noch nötig, darauf hinzuweisen, daß für den einzelnen Proletarier angeborene Fähigkeit, Studium, Erfahrung, kurz künstlerisches Verständnis zttM ästhetsicheti Richteramt notwendig ist? Wie es innerhalb der proletarischen Kunst schlechte und gute Werke gibt, so treffen wir unter den einzelnen Proletariern genußfähige und künstlerischem Empfinden abgeneigte Köpfe. Aber gilt dieser Unterschied nicht genau so für daS theoretische Verständnis, für die praktische Tätigkeit? Ist es darum je einem Marxisten eingefallen, den wesentlichen Abgrund zwischen proletarischer und bürgerlicher Wissenschast, sozialistischer und kapitalistischer Politik zu leugnen, zu überbrücken? Wohl gibt eS auch auf theoretischem Gebiet weite Strecken, die nur aus Mangel an Arbeitskräften unbebaut gelassen werden müssen, wo wir unS auf bürgerliche Resultate stützen; wohl ersehnen wir Lebensformen und Freudengüter, die nur im sozialistischen Gesellschaftszustand ver» wirklicht werden können und begnügen uns bis dahin mit bürgerlich geformten— aber wer wiese dabei nicht stets auf die Mängel diese» Surrogate hin? Wer verschwiege deshalb das Unbehagen bei solche» Aneignung und ließe sich Forderungen, Urteile nicht durch di» spezifisch sozialistischen Grundsätze bestimmen? Es wäre töricht, sich ängstlich an die Reste einer fremden Geisteskultur zu klammern, sich erzwungen ästhetisch einzustellen, sich mit Anstrengung einzufühlen. Denn unweigerlich„beginnt ein Stil in dem Moment zu verfallen� wo die Ideen, aus denen er hervorging, ihre Wirksamkeit ein» gebüßt haben, und wo nun die überlieferten Formen nur noch während einer gewissen Zeit durch äußerlichs Nachahmung erhalten bleiben. Ein neuer Stil tritt aber an feine Stelle, wenn neue Ideen nach künstlerischen Ausdruck ringen". (Wundt.) Historisches Interesse nach alten künstlerischem Formen wird an die Stelle ästhetischen Genusses treten und die neuen Inhalt» werden neue lebensfähigere Gestaltungen hervorbringen. rNaiidrui! nervoten.Z Bei den beulenden Derwifeben. Von Felix Poppenberg. Auf der langen hölzernen Brücke, die von Pera nach Stambuk, aus der häßlichen pseudomodernen Mischlingsstadt, in das alt» Vyzanz mit Kuppeln und pfeilspitzigen Minaretten führt, flutet eS, wie über London Bridge von wallenden Massen, doch bunt phan- tastischer, in der Mummenschanz-Staffage orientalischer Wächte» hindurch, die den Brückenzoll erheben: athletische Hamals, Last-! träger mit ihrer Lederbuckclhucke voll hochgetürmter Lasten, zwei» beinige Möbelwagen; oder zu vieren, an federnden Stangen mäch» tige Fässer schleppend, Wasser- und Limonadenverkäufer mit blanken Mcssingfontänen, Feigen- und Dattelhändler, Soldaten in Lammfellmützen mit englischen Wickelgamaschen, verhüllte Frauen in schwarzem, grünem, braunem Tschafschal, dem dominoähnlichen Gewand und der Schleierportiere; elegante Wagen mit riesigen Cavassen in roter, goldstarrender Uniform auf dem Bock, und im Fond vornehme Türken in Diplomatendreß, Gehrock, weißen Ga» maschen, Monokel, dazu der frisch gebügelte Fez; Karren von dräu» end schwarzen schwerwandelnden Büffeln gezogen; Pera-Damen in Pariser Hüten, blinde Bettler, die mit klopfendem Stock sich vorwärtstasten, ernste, priesterlich aussehende Männer, groß, gelb» färben, mit schwarzen Vollbärtcn, langem Kaftan und dem grüner« Turban, dem Zeichen der Mekkapilgerschaft, und plötzlich auf� tauchend eine Schar junger halbnackter Läufer in buntblumigen, auf der Brust offenen Hemden, mit einem Stabführer an den Spitze; sie tragen auf ihrer Schulter eine Maschine, die von weitem einem Nargileh gleicht. Es ist ein kleiner Hydrant, und die Trupps ist die Feuerwehr. Unpraktisch, aber dekorativ wie ein Reinhardt» scher Jünglingsreigen. Vom Morgen bis zum Abend strömt es auf und ab zwischen den zwei Reichen und dies ist der erste Eindruck, wenn man mit dem Nordloydschiff hier ankommt, doch zum dritten Reich führtj keine Brücke. Drüben, durch den Bosporus geschieden, liegt Asien« liegt Skutari, streng in sich bewahrt, abgeschlossen von allen Ne«»« rungen. ■ Wenn ich eckend» bei Freunden in Per«, im Viertel Njas Pascha, in dem Terrassengarten sah oder in dem Fenster, au» dem man wie aus einer breiten Loge auf die minavcttschlanke Zypresse nnd auf den Bosporus blickte, dann leuchteten die Lichter Asien» herüber und lockten geheimnisvoll. Und eines Freitags fuhr ich von der Stambulbrücke mit dem Dampfboot nach Skutari, die heulenden Derwische zu besuchen. Vom Landungsplatz ging es in kleinen klapprigen Holzwägelchen Mlf staubiger Strasse an braunen Holzhäusern mit Holzgitter- fenstern, vorgebauten Balkonkästen wie angehängten Vogelbauern, Ml Kramgewölben und Marktständen, die in der Mittagsstille ruhten, vrbei und bergan. Zur Rechten breiten sich unendlich weit türkische Begräbnisstätten aus, am Wegesvand, unter Zypressen, von keiner Mauer eingehegt, versunkene Hügel mit schief starren� den Steinen, vom Turbanknauf gekrönt, Schrifttafeln und Schil- dern mit ornamentalem, farbig blau und gold illuminiertem Schriftsatz, verwandt den Seiten künstlerisch geschmückter Bücher. Und dann hält der Wagen vor einem Gehäus, braun wie eine alte Geige, mit einem ftiedlichen, urväterlichen Garten. Durch einen Seiteneingang tritt man in einen Raum aus grünen Holzwänden, einem Umgang mit Sitzen und einer Galerie darüber. Der viereckige, durch Ballustraden von den Sitzen der Zuschauer abgeschlossene Raum ist noch leer. Er ist mit Matten imi> Fellen ausgelegt, und vor der Gebetsnische, dem nach Osten gewendeten Mihrab, stehen flankierend zwei grosse Kerzen, und in einer Seitenkapelle ragen hochrückig grün verhangene, mit dem Tudwn bedeckte Särge auf. In dem Umgang hat sich allmählich eine grosse Zuschauermenge angefunden, viel Familie-Buchholz-Typen, GemeinschaftSreise- i ndler im Zeichen des verbrüdernden Flanells, die das Kuriositäts- r'verwir absolvieren, aber auch pikante Levantinerinnen, mit sinn- i'. /en Capricegesichtern unter dem aufs Ohr gestülpten spitzigen •�ierrothuL Nun öffnet sich eine seitliche Pforte und die Derwische ziehen ein. Voraus ein Alter, blossfüssig, in himbeerfarbenem Talar, mit ioallendem Patriarchenbart, ein rotes Turbantuch um den weissen Fez getvunden, die anderen schwarz. Sie machen die Gebärde des Erdeaufnehmens zu Stirn und Brust, sie neigen sich und beugen sich, stellen sich längs der Ballustrade auf, und der Scheich hockt wie ein Buddah in der Gebetsnische nieder. Eine Schar Andächtiger, ein kleiner Gemeindechor, lagert sich in dem heiligen Bezirk, Sol- daien sind dabei, kleine Mädchen mit roten Schleifen, ein dick- köpfiger fletschender Mohr mit schwarzweiss umwickeltem Turban. Durch die Fenster sieht man auf grüne in der Sonne nickende Kaumzwcige, und hier nicken die Köpfe pagodenmässig. Die Zeremonie beginnt mit dem eintönigen Psalmodieren der Koran-Suren. Der Scheich ist erkältet und hustet und schluckt. Bei den Abschnitten werfen sich die Beter lang auf den Boden. Es ist recht eintönig. Doch jetzt kommt durch die Pforte ein türkischer Offizier, ein stattlicher, älterer Mann, straff soldatisch, gelbbraun, das cisengraue Haar kurz geschoren, er hat dem RituS gemäss die Stiefel abgelegt und geht in Strümpfen, darüber die Stiefelhose mit roten Biesen. Er stürzt sich vor dem Scheich nieder, küsst ihm inbrünstig die Hand und stellt sich dann in die Reihe, die fromme Üebung zu teilen, vielleicht zur Lösung und Busse einer Sünden- schuld. Jetzt werden die dunklen Turbans gegen weisse eingetauscht, amd in immer sich steigerndem Rhythmus biegen die Derwische sich kreiselnd von links nach rechts. Das Psalmodieren und Murmeln Wird zum Kreischen, Heulen und Brüllen, und nur der eine Laut »la illah ill allah" weht auf- und abschwellend durch den Raum. Eine Pause, und nun brandet ein tiefes Bassgesumme, wie Orgelton. Der Chor bildet jetzt eng Schulter an Schulter eine Kette, er schwankt geschüttelt, geschleudert hin und her. In seiner Mitte der Offizier; der stösst leidenschaftlich die Gebetschreie auS mnd stampft, dah der Boden bebt. Den Waffenrock reisst er ab, eine gelbe Kutte wird ihm angetan und statt der Lammfellmütze xin weisser Leinenturban aufgefetzt. Die Ekstase wächst, das Heulen wird zum Röcheln und Gurgeln. Die Züge verzerren sich. Die Augen starren glasig und die Reihe schlingert wie im Sturmwirbel hin und her. Der Schaum tritt vor die Münder, die weit aufgerissen die Zähne zeigen, und»la jllah ill allah" dröhnt es. Man kann Untersckncde machen in dieser Schar. Nicht alle sind bei der Sache. Sicher verrichten manche den Kult mechanisch ür das Publikum, das ja sein Entree zahlt und ihnen ein ganz ein- räglicheS Geschäft ermöglicht. Viele sind aber doch fanatisch am Werk und rasen sich in ein Trance hinein. Vor allen jener Buss- gast, der Offizier und auch der magere fiebersüchtige Diener des Scheichs, der sich nicht genug tun kann. In epileptischen Zuckungen schlagen seine Glieder, sein aufgerissener Mund stösst die Heullaute auS wie ein wildes Tier, und gleich einem Tollwütigen schnappt er in die Lust, während ihm die Augen weih verdreht aus dem Kopfe guellen. Doch würdevoll, nur in leiser Hüftbewegnng sich wiegend. hockt das Buddahbild des Scheichs in seiner Nische. Da tritt ein schwarzer Kuttenmann vor ihn, er trägt'ein weiss eingewickeltes Kindchen wie ein Püpplein auf dem Arm. Er legt es zu Füssen und der Scheich tritt auf das Kind. Ein anderes wird vor der heulenden und schaukelnden Front vorbeigctragen, auf dass das Fluidum der heiligen Ucbung als SegenSwirlung es anhauche. Und jetzt stürzt sich der Offizier mit flackernden Blicken und beben- Kerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: den Lippen an» der Reih«, wälzt sich vor dem Tchetch hin und lässt sich von ihm auf den Rücken treten; ein Stöhnen rasselt ihm au» der Brust, er erhebt sich wie im Schwindel und taufntlt hinaus.�.- Der Chor ebbt ab, das Heulen erstirbt in Murmeln, der dumpfe Raum entleert sich rasch. Draussen leuchtet durch di« Zypressen der Friedhöfe Nach» Mittagssonne, und auf den schimmernden Grabsteinen zwitschern die Vögel. Unter einem zweiggedeckten Vordach vor dem lila Agri- cini-Nanken hängen, bannt man mit schwarzem Kaffee und Zigaretten den Spuk. Auf der Strasse aber kommt ein Mann da- her, er führt ein Pferd am Zügel. Man erkennt ihn, es ist der anatiker, der Diener des Scheichs, er biegt mit dem Ross feines errn in eine Gräbergasse ein, setzt sich auf-vinen halbeingefallenen Hügel und-- heult weiter...,, kleines Feuilleton. Kulturgeschichtliches. Finanzkünste au» der»guten alten Zeit'. Di« Fürsten des Absolutismus brauchten Geld. Geld und nochmal» Geld, um ihr Glanz« und Prunkbedürfm» zu befriedigen, und sie nahmen es, woher sie es bekamen. Da wurde denn zu„Finanzkünsten' aller Art Zuflucht genommen und Serenissimus suchte höchst persön- lich seinen getreuen Untertanen die Taschen nach Kräften zu er» leichtern. Ein kurioses Beispiel dafür wird in einem vor kurzem er» schiencnen Werke angeführt, in dem Karl Lohmeher einem vergessenen Architekten des Rokolo, Friedrich Joachim Stengel, wieder zu wohlverdienten Ehren verhelfen will. Stengels Meisterwerk ist die Ludwigskirche zu Saarbrücken. Wer heute diesen entzückend graziösen Bau betrachtet, wird nicht mehr daran denken, wieviel Mühe cS dem Fürsten von Nassau- Saarbrücken gekostet hat, daS nötige Geld dafür zusammenzubringen. Ausser ihm hatt« sich eine grosse Anzahl von Untertanen verpflichtet, zu dem Kirchenbau in jedem Jahre einen gewissen Beitrag zu liefern. Der Baumeister selbst zahlte jährlich 20 Fl. Such auswärtige Sammlungen wurden veranstaltet, aber es kam nicht genug zusammen, so dass der Herrscher schliesslich dazu überging. Leute, die sich etwas zu» schulden kommen liessen, zur Zahlung von Geldern für den Bau zu zwingen. Da muß ein Handelsmann»wegen geführten falschen Maasen� 170 Fl., da der»Herr Berginspektor Woorst wegen üblen Betragens mit dem Verwalther Weitzel" 10 Fl. zahlen usw. Stengel erhält Gelder für Erlassung der Strafschanzarbest, für Ver» geHungen gegen einen in herrschaftlicher Livree befindlichen Diener, wegen Ehebruch, Hazardspiel, wegen der mannigfachsten Uebeltaten. Die Metzgerzunft muh 1702 wegen»bezeigter grober Widerspenstigkeit" 200 Gulden entrichten. Als ein paar Bürgerssöhne ohne Erlaubnis auf die Entenjagd gehen und dabei«inen Raben schiessen, diktiert Seine Durchlaucht:»Jeder von den ingezogenen BürgerSbuben gibt 30 Thaler dem Herrn Cammerraht Stengel gegen OuiUung zur neyen Kürche, und sollten sie sich nochmals geltsten lassen, mit Flinten auf meiner Jacht zu erscheinen, so trackrier man sie als die ander wildbrest diebe." Selbst Verstösse in der Küche werden dazu benutzt, um Geld für die Kirche zu erhalten. Sa müssen der Mundkoch Andrae und der Lehrloch Gold beide je»einen neuen ftatzös. Thaler' beitragen, weil sie»mit übel aptirter Sauce an einem Ahl' Serenissimus erzürnt haben. In grösseren, Stil führten andere Fürsten ihre.Finanzkllnste' auS. Es kann als ein ziemlich typisches Verfahren gelten, dass man einen geschäftskundigen Mann mit allerleiPrivilegien ausstattete, diesen sich dann nach Kräften mit dem Geld der Bürger vollsaugen liess und dann bei Geldm t„den Schwamm ausdrückte'. In vielen Memoiren der Zeit hören wir davon, so z. B. in den Erzählungen Mosers und des Ritters Lang. DaS stärkste in dieser Art leistete wohl Karl Eugen von Württemberg, als er dem thüringischen Gerber» gesellen Lorenz Wittleder den Aemterhandel in seinen Ländern übertrug. In Ludwigslust eröffnete dieser, wie B e l s ch n e r berichtet, eine offene Verkaufsbude, in der Aemter jeder Art. von den höchsten bis zu den niedrigsten, schriftlich und mündlich auSgeboten und an den Meistbietenden verkauft wurden. Wer Geld hatte, konnte sich jede beliebige Stelle auswählen. So wurden Jägerburschen zu Expeditionsräten gemacht und Knaben zu Oberamtleuten. Den Be« Werbern antwortete er etwa:»Wenn Er dem Herzog 500 Fl. bezahlt und mir 1000, so kann er daS Dekret abholen.' Um neue Stellen war er nie verlegen, die wurden in Fülle von ihm geschaffen. Aber die Stunde kam, wo der skrupellose Aussauger selbst.bluten" musste. Im Jahre 1760 wollte der Herzog nach Venedig reisen; alles war da, was er dazu brauchte, nur eins fehlte: das Geld. In diesem Dilemma war er aber um Rat nicht verlegen; er schickte einen Regierung«- rat zu Wittleder und forderte von ihm ein Darlehen von 30000 FI. Der wurde zur Zahlung gezwungen und erhielt dafür eine sichere Ver- schreibung eingehändigt. Kaum hatte Karl Eugen das Geld in den Händen, so licss er durch einen neuen Abgesandten dem Wittleder die Schuldverschreibung abnehmen und ihn deö Landes verweisen? bald darauf starb diese„Geissel Württembergs' eines elenden Todes. Der Herzog aber fuhr mit seinen 30000 Gulden nach Venedig und liess sich auch wegen der 13 Millionen FI. Schulden, di« er sonst halte, keine grauen Haare wachsen._ vorwartsBuchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer�Co., Berlin SW*