Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 134. Freitag, den 14. JuN. 1911 UlafttoUt t«5sltn.l 80] pelU der Gröberer. Lehrjahre. Nomon Bon M. Andersen N e x 3. -fj Der Schloßherr jagte alle die anderen Frauen hinaus, Kann ging er mit Sturmschritten auf und nieder, schielte nach dem Waldmädchen hinüber und kehrte das Weiße aus den Augen heraus.„Na hast Du Dich endlich entschlossen?" brüllte er und schnob wie ein wütender Stier. Und plötzlich sprang er auf sie los, um sie mit Gewalt zu nehmen. Wer die Waldmaid stand aufrecht da, einen blitzenden Dolch in der Hand. „Hai Rühr mich nicht anl" schrie sie,„oder bei dem lebendigen Gott, ich stoße diesen Dolch in mein Herz! Du glaubst, Du kannst meine Unschuld kaufen, weil ich arm bin; aber die Ehre des armen Mannes ist nicht für Geld feil." „Das war ein wahres Wort!" schrie Lasse laut. Der Schloßherr aber lachte heimtückisch und zupfte an seinem roten Bart, er rollte das R fürchterlich.„Ist Dir mein Gebot nicht genug? Wohlan, bleib diese Nacht bei mir, und Du sollst ein Gehöft mit zehn Stück Vieh haben, so daß Du morgen mit Deinem Jäger vor den Altar tteten kannst!" „Halts Maul, Du Hurenbock!" schrie Lasse wütend. Ringsumher suchte man ihn zu beruhigen, der eine und der andere puffte ihn in die Seite.„Na, hat man nich mal mehr Erlaubnis, den Mund aufzumachen," wandte sich Lasse gekränkt an Pelle.„Ich bin kein Paster, aber wenn das Mächen nu doch mal nich will, soll er sie ruhig gehen lassen. Und ungestraft soll er seine Brunst nich in Gegenwart von hundert Menschen offenbaren, so ein Schweinigel," Lasse sprach laut und es schien, als wenn seine Worte ihre Wirkung auf den Schloßherrn ausübten. Er stand eine Weile da und schielte vor sich hin, dann rief er einen Mann und hieß ihn, das Mädchen wieder in den Wald hinauszuführen. Lasse atmete erleichtert auf, als der Vorhang fiel und die Jungen da oben im Loch den Kronleuter mit den Lampen wieder anzündeten und ihn herunterließen.„Soweit is sie gut davon abgekommen," sagte er zu Pelle,„aber ich trau dem Schloßherrn nich, er taugt nich!" Er schwitzte stark, so recht vergnügt schien er nicht zu sein. Die nächste Welt, die da unten hervorgezaubert wurde, war ein Wald. Wunderschön war er mit Pelargonien auf dem Boden und einem Quell, der aus etwas Grünem hervorquoll. v,Das is ein zugedecktes Bierfaß!" flüsterte Pelle, und nun unterschied Lasse auch den Hahn- aber ungeheuer natürlich sah es aus. Ganz im Hintergrund sah man die Ritter- bürg auf einem Felsen und im Vordergrund lag ein um- gestürzter Baumstamm: zwei grüne Jäger saßen rittlings darüber und schmiedeten böse Pläne. Lasse nickte, er hatte Erfahrung über die Heimtücke der Welt. Jetzt, hörten sie etwas und verkrochen sich hinter dem Baumstamm, wo sie sich verbargen, ein Messer in der Hand. Einen Augenblick war alles still, dann kam die Waldmaid mit ihrem Jäger in größter Unbefangenheit Hand in Hand den Waldpfad hinabgewandert, sie nahmen Abschied vom Quell, so herzlich, zärtlich: und dann kam er in den Vordergrund ge- jeilt, dem sicheren Tod entgegen. Das war nicht zum Aushalten, Lasse stand auf.„Paß vuf!" rief er gedämpft,„paß auf!" Die hinter ihm Sitzenden zogen chm am Rock und schimpften.„Nein, zum Teufel auch, dazu schweig ich nich auch noch," sagte Lasse und schlug um sich. Dann streckte er sich ganz vor:„Nimm Dich in acht Du! Es gilt Dein Leben! Sie liegen hinter dem Baumstamm!" Der Jäger blieb stehen und starrte hinaus, die beiden Meuchelmörder hatten sich erhoben und glotzten, aus den Kulissen kamen männliche und weibliche Schauspieler hervor, sie lachten und starrten zu dem Zuschauerplatz hinüber. Lasse sah ja, daß der Mann gerettet war, ober sonst erging es ihm »ibel, der Aufseher wollte ihn hinauswerfen. ,Jch kann ganz igut selbst gehen," sagte er,„denn in dieser Gesellschaft ist ein ehrlicher Mann wohl überflüssig." Unten auf der Straße redete er laut mit sich selbst, er war in heller Empörung. „Es war ja man bloß Komödie," sagte Pelle ganz klein« laut, er schämte sich in der Seele seines Vaters. „Darüber brauchst Du mich nicht zu belehren! Ich weiß recht gut, daß dos all längst vergangen is und daß ich nichts dabei machen kann, wenn ich mich auch auf den Kopf stellen wollt'. Aber daß sie solche gemeine Handlungen wieder ins Leben rufen wollen! Hätten die anderen so gewollt wie ich, dann hätten wir den Schloßherrn genommen und ihn tot- geschlagen, wenn es auch hundert Jahre zu spät gekommen wär'!" „Du— aber das war ja doch Schauspieler West, bef jeden Tag zu uns auf die Werkstatt kommt!" „So? Schauspieler West— so? Denn bist Du wölk Schauspieler Dorsch, daß Du' Dir so was vormachen läßt. Ich Hab' schon früher Leute getroffen, die die Gabe besessen haben, sich hinfallen zu lassen und längst Verstorbene an ihrer Stelle heraufzubeschwören, wenn auch nicht so leibhaftig wie hier, versteht sich! Wenn Du da hinter dem Vorhang gewesen wärst, würdest Du gesehen haben, daß West daliegt wie ein Toter, während er, der andere, der Teufel herumrcgiert. Ich wollt' mir nu die Gabe nich wünschen, denn das ist gefähr» liches Spielwerk. Vergessen die andern zum Beispiel das Wort, das West wieder ins Leben zurückrufen soll, so ist er fertig, und der andere regiert an seiner Stelle weiter." „Das ist bloß Aberglaube! Wenn ich nu doch weiß, daF es West is, der Komödie spielt, ich Hab' ihn doch gleich wieder» gekannt, Vater!" „Ja, natürlich? Du bist ja immer der Klügste, Du woll's? Dich woll jeden Tag mit dem Teufel in einen Disput ein» lassen. Also, das sollt' bloß'ne Vorstellung sein? So wie er das Weiße aus den Augen kehrte vor fressender Begier l Du kannst mir glauben, wenn sie das Messer nicht gehabt hält', denn Hütt' er sich über sie gestürzt und seine Lust vor aller Augen gestillt. Denn, wenn man längst vergangene Zeiten heraufbeschwört, denn muß die Handlung auch ihren Gang haben, wie viele da auch zuseh'n. Aber, aber, daß sie so was für Bezahlung tun, pfui Teubel! Und nu will ich nach Haus." Lasse ließ sich nichts sagen, sondern ließ an» spannen. „Am besten is es, wenn Du da nich wieder hingehst," sagte er beim Abschied.„Aber wenn es schon Gewalt über Dich gekriegt hat, denn steck' Dir wenigstens den Streichstahk in die Tasche. Ja, und dann schicken wir Dir Deine Wäsche an einem von den ersten Sonnabenden mit Schlachter Jensen mit."--- Pelle ging nach wie vor ins Theater, er hatte seine kluge Auffassung davon, daß das Ganze nur Komödie war. Abec etwas Geheimnisvolles war doch dabei, eine übernatürliche Gabe mußten die Leute besitzen die Abend für Abend ihr Ge» wand so total wechseln und ganz in den Menschen hineingehen konnten, den sie spielten. Pelle glaubte, er wollte Schaw» spieler werden, wenn er erst so weit gekommen war. Aufsehen erregten sie, wenn sie in den Straßen umher» streiften mit ihren flatternden Kleidern und wunderlickzen Kopfbedeckungen, da liefen die Leute an die Fenster, um sie zu sehen, und die Alten spien hinter ihnen drein. Die Stadt war wie ausgetauscht, solange sie da waren. Jeder Sinn hatte eine schiefe Richtung angenommen. Die jungen Mädchen lagen da und schrien im Schlaf und träumten von Ent» führungen, sie öffneten selbst das Fenster ein klein wenig: und jeder Bursche war bereit, mit der Truppe auf und davon zu gehen. Wer nicht theatertoll war, ging zu christlichen Ver» Sammlungen, um das Uebel zu bekämpfen. Und eines Tages verschwanden die Schauspieler, wie sie gekommen waren, und hinterließen eine Menge Schulden. „Teufelspack!" sagte der Meister mit seinem verzagten Aus» druck,„da haben sie uns angcschmiert. Aber prächtige Leute waren es doch, auf ihre Weisel Und die Welt hatten sie ge« sehen!" Aber nach der Geschichte konnte er gar nicht wieder warm werden. Er kroch ins Bett und blieb den größten Teil des Monats liegen. 12. Es kann ja ganz gemiitlich sein an diesen Winter« abenden, wo man zu Hause in der Werkstatt sitzt und die Ztzit mli Nichtstun verbringt, weil eS draußen dunkel und kalt ist und man keinen Ort hat, wo man hingehen kann. An den Cchlittschuhbahnen zu stehen und verfroren zuzusehen, wie sich die anderen herumschwingen, das hat Pelle satt: in den Straßen auf und nieder zu schlendern, nach Norden zu und wieder umzukehren, nach Süden zu und wieder umzukehren, uns in letzter Zeit gleichfalls wieder mit einer Anzahl guter und! vor allen Dingen außerordentlich preiswerter Bücher beschenkt. Die jetzt im zweiten Jahrgange stehende„Natur", Zeitschrift der Deut- schen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, herausgegeben von R. H. France, kann als eine der besten populären naturwissen- schaftlichcn Blätter gelten. In gleichmäßiger Weise werden in dem Blatte alle Zweige der organischen und anorganischen Naturwissen. schaften gepflegt. Aus dem reichen Inhalte der letzten Hefte nenne ich nur die Aussätze von France über:»Das Gesetz der funk» tioncllen Anpassung", Prof. Baglion» berichtet über:„Die naturwisscnschastlichen Grundlagen der Tonkunst", O. Hoffmann behandelt das Probien» der Marslanälc, ferner finden sich Aufsätze von M. W. Meyer:„Pom ewige» Leben", B. Franz:.„Dir eteHime des Menschen in der Natur'. Wilser:.Die Urheimat des Menschengeschlechts' u. s. f. Außerdem enthält jede Nummer (abwechselnd Beilagen aus dem Gebiete der Aquarien- und Terrarien- Runde, über Gartenbau, von Wandern und Reisen usw. Als weitere Ergänzung zu der Zeitschrift erscheinen jährlich fünf Buchbeilagen: das erste Bändchen.Denkmäler der Natur' von R. H. Francä bietet einen wertvollen Beitrag für die Naturschutzbewegung. Be- sonders anziehend und reizvoll ist das mit zahlreichen Abbildungen geschmückte Kapitel„Die aussterbenden Orchideen'. In seinem beitrage„Grundbegriffe der Chemie' gibt Dr. W. Mecklenburg eine Narc und leichtverständliche Einführung in dieses Gebiet. Die (angeführten Versuche sind meistens so gehalten, daß der Leser sie Iselbst nachzuprüfen vermag. Den Nutzen und Schaden unserer heimischen Vogelwelt untersucht R. Zimmermann in seinem gleichnamigen Bändchen. Als vierte Buchbeilage erschien ferner „Fortpflanzung und Vererbung' von Dr. C. T h e s i n g, das einen iUeberbiick über die wichtigsten Erscheinungen der Fortpflanzung bon den Urtierchen an bis herauf zu den höchsten Lebewesen bietet, und zugleich als Einführung in die moderne Vererbungsforschung betrachtet werden kann. Der letzte Band..Die Natur am Meeres- strande" bon Dr. C. Steher will den zahlreichen Ferienreisenden ein treuer Begleiter an unsere deutschen Küsten sein, und sie mit deren reichen Tier- und Pflanzenleben sowie mit deren geologischen Werhältnissen usw. vertraut machen. Erwähnt mutz noch werden. daß sämtliche Bände mit zahlreichen und im allgemeinen wohl ge- Rungenen Abbildungen ausgestattet sind. Da die alle vierzehn Klage erscheinende Zeitschrift und die fünf Buchbeilagen vom Verlage für den außerordentlich bescheidenen Preis von t.bv M. im Viertel- sahr abgegeben werden, vermag jeder sich mit der Zeit eine schöne (naturwissenschaftliche Bibliothek zuzulegen. Jedenfalls sollte die �Natur" in jeder Arbeiterbibliothek zu finden sein. Von den sog. außerordentlichen Veröffentlichungen der Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ist vor allem die soeben erschienene deutsche Ausgab« des Uves De läge und M. Goldsmith„Die Entwicklungstheorie" zu erwähnen.(Autorisierte Uebersetzung von ®nc. Rose T h e s i n g.) Der berühmte französische Gelehrte gibt hier in durchaus gemeinverständlicher Form eine Darstellung der verschiedenen Entwickelungs- und Vcrerbungstheorien von Lamarck. Darwin, Spencer, Naegeli, de Vries, Weismann, Roux, Mendel, (Gallon usw. Alle Fragen, die heute unser naturwissenschaftliches Denken bewegen finden in diesem Werke eine ebenso klare wie (kritische Besprechung. Das Buch ist keine reine Unterhaltungs- Zektüre, es fordert vom Leser eigenes Mitdenken, aber jeder wird es mit reichem Nutzen aus der Hand legen. Ebenfalls zu empfehlen ist ein kleines Werk von Professor Dr. A. Wagner:„Die Lebens- Geheimnisse der Pflanzen", das in anziehender Sprache, unterstützt durch reichen Bilderschmuck, die Wichtigiren Lebensgesetze der höheren Pflanzenwelt behandelt. Endlich verdient auch noch ein mit präch- tigen Naturphotographien geschmücktes Werk von R. Zimmer- »wann:„Tiere der Heimat"(Preis geh. 2 M., geb. 2,80 M.) lobende (Erwähnung. Unter dem Titel„Naturwissenschaftliche Schülerbiblwthek' gibt Dr. B. S ch m i d im Verlag von B. G. Teubner eine Sammlung (von naturwissenschaftlichen Werken heraus, auf die ich die Leser (noch ganz besonders hinweisen möchte. Wenn die Arbeiten, wie der Name sagt, auch in erster Linie für die Schüler unserer höheren Lehranstalten bestimmt find, so wird sie doch auch jeder Erwachsene mit Freude zur Hand nehmen. Bisher erschienen in dieser Serie: (Prof. H. Rebenstorfs„Physikalisches Experimentierbuch"(Preis neb. 8 M.s, ein Buch, das dank der Klarheit der Darstellung sowie »er sachgemäßen und geschickten Auswahl der Experimente, zu den testen Publikationen auf diesem Gebiete gehört. Professor Dr. P. D a h m s„An der See" will eine Anleitung zu geographisch- (geologischen Beobachtungen geben. Auch dieses kleine Werk wird jeiner Aufgabe durchaus gerecht. Geradezu mustergültig in Diktion mnd Stoffauswahl ist F. R u s ch S„Himmelsbeobachtung mit bloßem (Auge"(geb. 3 M.). Endlich fei noch erwähnt Prof. Dr. H. K e f e r- (stein:„Große Physiker'(geb. 3 M.), das nicht nur eine gute tbcographie von Copernicus, Keppler, Galilei, Newton, Farcway, Kobert Mayer und Helmholtz enthält, sondern zugleich auch als eine gute Einführung in die Hauptfragen der Physik angesehen »verden kann. Wenn die späteren Bände der Sammlung sich auf dem gleichen Niveau bewegen, ist eS nur lebhaft zu wünschen, daß sie im Kreise der heranwachsenden Jugend weiteste Verbreitung sindet. Gerade in Arbeiterkreisen wird ein bon der Franckschen Verlags- (Bnchhaiidlung in Stuttgart herausgegebenes, von G. N i e m a n n besorgtes,„Kleines Wörterbuch der Naturwissenschaften" willkommen sein, da eS eine rasche und im wesentlichen zuverlässige Auskunft (über die hauptsächlichsten bei der Lektüre aufstoßenden Fremdworte ttnd Fachausdrücke erteilt. Bevor ich diese knappe Uebersicht schließe, möchte ich noch auf eine ebenfalls neue, im Verlage von Bornträger in Berlin er- (scheinende„Bibliothek für naturwissenschaftliche Praxis", hcrauö- Gegeben bon Dr. W. Wächter, hinweisen. Mir liegt augenblicklich »er zweite Band von Dr. W. Schleip:„Anleitung zum prak- tischen Studium niederer Tiere' vor. Jeder, der ein Mikroskop besitzt und sich erfolgreich mit dem Studium der niederen Tiere »behandelt werden die Protozoen, Nesseltiere. Würmer und Stachel- Dfluter) beschäftigen will, wird in diesem Büchlein einen zuver- Bwanto. Redakteur: Richard Barth, Bxrlin.— lässigen Ratgeber finden. Ein ähnliches Ziel steckt sich auch daH im Jsariaverlag in München erschienene Werk von H. Morin» .Streifzüge in der Meli des Kleinen', das gleichfalls deßl Anfängetz empfohlen sein mag._ � 8« Der Krelfelhornpaß. «uS Pari» wird unterm 13. Juli gemeldet: Der Vize« fähnnch Lemair erfand einen Kompaß in Gyroskopform, der nicht den magnetischen, sondern den geographischen Nordpol anzeigt. Die Erfindung, sagen die Blätter, sei um so wertvoller. als die ungeheuren Smhlmassen der Kriegsschiffe die gegenwärtig üblichen Kompasse stark beeinflussen. Hierin irren die Blätter. Denn diesen Vorzug teilt die Neuheit mit allen Kreiselkompassen. Der Kreisel war zuerst ein interessanter physikalischer versuch, dann ein amüsantes Spielzeug, zuletzt ist er der technischen An, Wendung zugänglich, zum Maschinenteil gemacht worden. Ein« sonderbare Lausbahn, sonderbar wie der ganze Kreisel überhaupt. Die Erscheinungen, die an ihm zu beobachten sind, lassen sich ganz einfach beschreiben, und erfordern doch zur genauen Darstellung da» schwerste Rüstzeug der mathematischen Theorie. Die erste und auf, fallendste Erscheinung ist die Kraft, mit der der Kreisel die Richtung seiner Achse beizubehalten sucht. Dies beruht darauf, daß jede sich bewegende Mass« die Richtung ihrer Bewegung beizubehalten sucht; je größer die Masse oder je schneller die Bewegung um so mehr Kraft ist erforderlich um eine Ablenkung hervorzubringen. Sucht man aber einen sich drehenden Kreisel zu kippen, so müssen die sich bewegenden Massenteile aus ihrer Bahn gerückt werden, und dem setzen sie einen um so größeren Widerstand entgegen, j« schneller sie sich drehen. Die merkwürdigste Erscheinung, die den Kreisel überhaupt erst zu einem interessanten Problem macht, ist aber die sogenannte Präzession. Man stelle sich einen auf der Tischplatt« rotierenden Kreisel vor, von oben gesehen rotiert er entgegengesetzt der Bewegung deS Uhrzeiger?. Wenn man ihn nach hinten kippt, so schlägt er freiwillig nach rechts aus, so daß er im nächsten Augenblick schräg nach hinten liegt und sich trotzdem ans seine» Spitze weiter dreht. Daran sind die im Augenblick deS Kippen? am vorderen Rand befindlichen Maßenteile schuld, sie suchen ihr« nach recht?(vom Beschauer auS) gerichtete Bewegung beftubehalten und kippen den ganzen Kreisel in dieser Richtung. Einer Ber« schiebung seiner Achse parallel zu sich selbst setzt ein Kreisel keine» Widerstand entgegen. Tanzt er aufrechtstehend auf einem Blatt Papier, so kann man ihn mit diesem ohne Schwierigkeiten hin und herbewegen. Ein Modell, das alle diese Erscheinungen zeigt, kann man sich leicht aus einer Pillenschachtel mit einem durch, gesteckten Streichholz machen. Ungemein interessant ist nun die Anwendung des Kreisel? als Kompaß. Man versteht dies am leichtesten, wenn man sich einen Kreisel am Lequator vorstellt, der um eine horizontale Achsa rotiert, die in der Ost-Westrichtung liegt. Bei der Drehung der Erb« sucht der Kreisel seine Achsenrichtung im Welträume beizubehalten; hat er also zuerst auf einen bestimmten Stern gezeigt, so jeigt e» immer weiter auf ihn, und verfolgt ihn vom Aufgang brS zum Untergang; dazu ist aber notwendig, daß seine Achse sich auf» richtet, denn der Stern gelangt ja in den Zenith, dann fällt e» wieder. Hindert man aber den Kreisel an dieser Bewegung, indem man die Achse in horizontaler Lage festhält, so führt er ein« Präzessionsbewegung aus, die Achse dreht sich auS derOst, West in die Nord-Südrichtung. Hat sie diese erreicht, so wird der Kreisel durch die Drehung der Erde nur noch parallel seiner Achse verschoben, dem setzt er ja keinen Widerstand entgegen und er behäll somit die Nord-Südrichtung bei. Dieser Umstand be, sähigt ihn. als Kompaß zu dienen. Der alte magnetische Kompaß ist ja freilich viel einfacher, er hat aber schon viele Ursachen zur Un» Zufriedenheit gegeben. Daß er mißweisend zeigt, ist noch da» wemgste, schlimmer ist«S, daß die Mißweisung sich von Jahr zu Iah» ändert. Auch wird er von magnetischen Massen am Meeresgrund«; an der Küste oder gor im Schiff selbst in ganz unkontrollierbare» Weise beeinflußt, im allseitig eisengeschlossenen Unterseeboot sind sein« Angaben ganz unzuverlässig. Der Kreiselkompaß vermeidet dies« Fehler und hat den großen Borzug, daß man einen Mutterkompaß bauen und dessen Zeigerstellung elektrisch auf beliebig viele Tochterkompaff« übertragen kann, man stellt dann natürlich den Muttcrkompaß da auf, wo er gegen Störungen und Erschütterungen am besten geschützt ist. Um leichteste Beweglichkeit zu erzielen, schwimmt da? ganz« Kreiselsystem auf Quecksilber; der Antrieb erfolgt elektrisch, damit die Richtkraft möglichst groß wird, werden Umdrehungszahlen bi< zu IOOOO in der Minute angewandt. Natürlich ist dazu allersorg» fältigste mechanische Ausführung erforderlich, sonst wird der Kreiset durch die gewaltigen Fliehkräfte einfach in Stücke gerissen.— Ein« Mißweisung hat auch dieser Kompaß, fährt ein Sckiff auf einem Meridian nach Norden, so wird ja die nord-südlich stehende Kreisel- achse fortwährend gekippt lmd sucht sich nun wieder in die Ost-West, richtung zu drehen. Diese Drehung kann aber von vornherein be» rechnet und auf der Fahrt berücksichtigt werden. So stellt de» Kreiselkompaß einen wichtigen und ungemein interessanten Fortschritt in der technischen Ausnutzung physikalischer Erscheinungen dar.- Drpck it. Perlag: PorwärtsBuchdrgcksreiil.VerlggöanstgltPaiUSingerScEo.tBdrlinLÄ,