Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 137. Mittwochs den 19. Juli. 1911 �Nachdruck vervoten.) m pelle der Gröberer» Lehrjahre« Noman voll M. Andersen Nexo. Die Welt steigt auf wie ein lichtgraues Wunder, durch- zogen von endlosen Landstraßen mit tief weißem Staub, und Garibaldi durchwandert sie alle. Sein Wanderbuch hat er an einen Kameraden für ein Stück Butterbrot verkauft und ist ohne Papiere, deutsche Gendarmen veranstalten eine Treibjagd auf ihn, Garibaldi kriecht vierzehn Tage auf Händen und Knieen in Weingärten herum und bekommt nichts weiter als Trauben und eine fürchterliche Cholerine. Schließ- lich sind seine Kleider so lebendig, daß er sich selbst nicht mehr zu rühren braucht. Er liegt ganz ruhig und läßt sich von dannen befördern und gelangt an eine kleine Stadt.„Her- berge?" fragt Garibaldi. Ja, da ist eine Herberge. Dann verfaßt er eine Geschichte von einer Plünderung, die guten Leute stecken ihn ins Bett und heizen ein und trocknen seine Kleider. Garibaldi schnarcht und schiebt den Stuhl näher an den Ofen heran, schnarcht und schiebt ihn noch ein wenig weiter, und als die Kleider in hellen Flammen stehen, brüllt er auf, schimpft und weint und ist untröstlich. Und dackn be- kommt Garibaldi neue, reine Kleider und neue Papiere und ist wieder auf der Landstraße, das Fechten beginnt von neuem. Berge tauchen auf und gleiten vorüber, große Städte tauchen auf, Städte an breiten Flüssen. Da sind Städte, in denen der wandernde Handwerksbursche kein Geld bekommen darf, sondern arbeiten muß, verdammte Städte und deutsche Her- bergen, wo man wie ein Zuchthausgefangener behandelt wird, sich in einem langen Gang aller Kleider entledigen muß, so- gar des Hemdes: es wird von ein paar Mann untersucht und das Ganze wird in Verwahrung genommen. Dreißig bis vierzig nackte Männer werden, einer nach dem andern, in den großen Schlafsaal hineingelassen. Paris— das ist, als sprängen einem Blasen im Ohrt Garibaldi hat dort zwei Jahre gearbeitet, zwanzigmal ist er auf der Durchreise dort gewesen. Paris, das ist die Pracht der ganzen Welt, aufeinander gehäuft, und die vernünftigen Einrichtungen der ganzen Welt auf den Kopf gestellt. Hier in der Stadt will kein ehrlicher Meister die schlampenden Zugstiefel der Toppgaleasse herrichten, sie geht mit nieder- getretenen Kappen, und wenn die Seefahrt so ganz darnieder liegt, geht sie mit Holzschuhen. In Paris gibt es Frauen- zimmer, die mit Schuhen zu fünfhundert Francs das Paar gehen, sie benehmen sich wie Königinnen, verdienen eine Million im Jahr und sind doch nichts weiter als Dirnen. Eine Million! Wenn ein anderer als Garibaldi das erzählte, bekäme er alle Leisten an den Kopf. Pelle hört nicht, was der Meister zu ihm sagt, Jens hat es aus einmal so eilig mit dem Pech, er hat bei seiner Ver- sohlung in das Oberleder geschnitten. Sie sind unzurech- nungsfähig, wie besessen von diesem wunderbaren Wesen, das fortfährt, Branntwein in sich hineinzuspülen und das ver- dämmte Getränk dann umsetzt in den bunten Kreis der ganzen Welt und in eine Arbeit, die wie das Wunder selbst ist. Das Gerücht hat sich schon verbreitet, und sie kommen her- beigerannt, um Garibaldi zu sehen und sich vielleicht zu er- kühnen, ihm die Hand zu schütteln. Klausen will Pflöcke leihen: und Marker läßt alle Scham beiseite und kommt selbst, um die größten Mannsleisten zu borgen. Der alte Flick- fchuster Drejer steht bescheiden in einer Ecke und sagt ja, ja, zu der Rede der andern. Garibaldi hat ihm die Hand ge- reicht und nun kann er heimgehen zu seinem düstern Kram und dem schmutzigen Schuhzeug und seiner Altenmänncr-Ein- samkeit. Der Genius des Faches hat ihn angerührt und für den Rest seiner Tage Licht auf seine armselige Flickarbeit ge- worfen, er hat einen Händedruck mit dem Mann gewechselt, der die Korkstiesel für den Kaiser von Deutschland selber gemacht hat, als er auszog, um die Franzosen zu schlagen. Der verrückte Anker ist auch da, kommt aber nicht herein, er ist scheu vor Fremden. Er geht draußen auf dem Hof auf und nieder vor den Werkstattfenstern und schielt hinein. Gari» baldi zeigt mit dem Finger auf die Stirn und nickt, Anker zeigt ebenfalls mit dem Finger auf die Stirn und nickt wieder: er schüttelt sich vor innerlichem Lachen über einen guten Witz und rennt dann wie ein Kind, das fort muß, in eine Ecke, um seine Freude zu genießen. Bäcker Jörgen steht gebeugt da, die Hände auf den Schenkeln und mit offenem Mund.„Herr Jemine!", ruft er von Zeit zu Zeit,„hat man je so was gehört!" Er sieht die weiße Seide durch die Sohle laufen und sich als silberschimmernde Perlen an den Rand legen, Perle an Perle. Garibaldis Arme fliegen um ihn, er trifft den Bäcker an der Hüfte.„Stehe ich im Wege?" fragt der alte Jörgen.„Nein, Gott bewahre, bleiben Sie nur stehen!" Und dann fliegen die Arme wieder hinaus, der Knopf des Pfriems trifft den Bäcker, daß es nur so klatscht. „Ich stehe wohl im Wege!" sagt Jörgen und bewegt sich ein klein wenig.„Keineswegs", antwortet Garibaldi und zieht den Stich an. Dann holt er wieder aus, diesmal wendet er die Pfriemspitze dem Bäcker zu.„Nu, kann ich, weiß Gott, merken, daß ich im Wege stehe," sagt Jörgen und scheuert sich auf dem Hintern.„Durchaus nicht!" antwortete Garibaldi höflich und macht eine einladende Handbewegung,„will Jörgen Kofod nicht?"„Nein, ich danke, nein, ich danke!" Der alte Jörgen stöhnt mit einem gezwungenen Lächeln und humpelt von der Erhöhung herunter. Sonst läßt Garibaldi sie kommen und glotzen und gehen, wie sie wollen. Was kümmert es ihn, daß er ein großes und merkwürdiges Wesen ist: ungeniert setzt er die Branntwein- flasche an den Mund und trinkt, so lange er Durst hat. Er sitzt da und spielt gedankenlos mit Leder und Messer und Seide, als habe er fein ganzes Leben lang hier auf dem Hocker gesessen, und sei nicht vor wenigen Stunden vom Mond heruntergefallen. Und um die Mitte des Nachmittags steht das unvergleichliche Ergebnis da: ein Paar Wunderschöna: Atlasschuhe, schlank wie Ochsenzungen, blendend in ihrem weißen Glanz, als seien sie eben aus dem Märchen heraus» getreten und warteten auf den Fuß der Prinzessin. „Sieh Dir die an, zum Teufel auch," sagt der Meister und reicht die Arbeit dem kleinen Nikas, der sie weiter gehen läßt, der Reihe nach. Garibaldi wirft den kurzgeschorenen, grauen Kopf in den Nacken: „Ihr braucht nicht zu erzählen, wer die gemacht hat, denn das kann jeder sehen. Sagen wir nun mal, die Schuhe gehen nach Jütland und werden dort vertragen und wandern auf den Misthaufen. Eines Tages, nach ein paar Jahren, geht da ein Grützfresser und pflügt: da kommt ein Stück Spann zum Vorschein, und ein wandernder Gesell, der am Graben- rand sitzt und an seinem Vesperbrot nagt, rakt es mit seinem Stock zu sich heran. Das Stück Spann, sagt er, das hat, der Teufel frikassier mich, an einem Schuh gesessen, den Gari- baldi gemacht hat, sagt er, hol mich der Deubeh.da hat es gesessen. Dann muß der Gesell aus Nürnberg sein, oder aus Paris oder aus Hamburg, einerlei, versteht ihr. Oder sind das Lügen, Meister?" Nein, Meister Andres kann beteuern, daß es keine Lügen sind, er, der von Kindheit an mit Garibaldi auf Landstraßen und in großen Städten gelebt hat, er, der ihm mit seinem lahmen Bein so heftig gefolgt ist, daß er sich Garibaldis Heldentaten besser erinnert, als dieser selbst.„Aber nun solltest Du hier bleiben," sagt er überredend.„Dann treiben wir das Geschäft in die Höhe, wir kriegen all die feine Arbeit auf der ganzen Insel." Garibaldi hat nichts dagegen, er hat es satt, sich fo herumzuschinden. Klausen will gern von der Kompagnie sein, es arbeitet etwas in aller Augen, ein Traum, das Fach noch einmal wieder in die Höbe zu bringen, es einmal derartig weit zu treiben, daß es vielleicht mit der Hauptstadt konkurrieren kann. „Wieviele Medaillen hast Du denn eigentlich bekommen?" sagt Jcppe, während er dasteht und ein großes, eingerahmtes Diplom in der Hand hält. Garibaldi zuckt die Achseln. „Weiß nicht, Altmeister, man v'ird alt und die Hand wird unsicher. Aber was ist denn das? Hat Meister Jeppe die silberr c Medaille bekommen?" Jtppe lacht:„Ja, dies Hab ich einem Landstreicher zu verdanken, der Garibaldi heißt. Er war vor vier Jahren Jiet und verschaffte mir die silberne Medaille. Na, das hat Garibaldi längst vergessen! Ueberall, wo er sich bewegt, liegen Medaillen ausgestreut."„Ja, da sitzen ringsumher an die hundert Meister und prahlen jeder mit seiner Aus- Zeichnung. Erstklassige Werkstatt, hier können sie selbst sehen, silberne Medaille." Aber der, der die Arbeit gemacht hat, der bekam seinen Tagelohn und einen Extraschnaps und dann fertig, Garibaldi. Was hat man dafür, Meister Jeppe? Da sind Bäume genug, hinter denen man die Wäsche wechseln kann, aber das Hemd, Meister? Einen Augenblick befiel ihn Mißmut..Lorrain in Paris gab mir zweihundert Frank für die goldene Medaille, die ich ihm verschafft habe: aber sonst hieß es immer: Guck mal in meine Westentasche! oder: Ich Hab''ne alte Hose für Dich, Garibaldi! Aber das hat nun ein Ende, will ich Euch sagen, Garibaldi trägt nicht mehr Wasser auf die Mühle der Großbürger, denn jetzt ist er Soscherlist!" Er schlug auf den Tisch, so daß Glasscherben hüpften.„Das letzte war Franz in Köln, Herrenstiefel mit Korkeinlagen. Er war geizig, ja, das war er, und da wurde Garibaldi ärgerlich. Ich fürchte, dies hier langt nicht zur Medaille, Meister, sage ich, da ist zu viel Unruhe in der Lpft. Da bot er mir mehr und noch mehr, es langt weiß Gott, nicht zur Medaille, sage ich nur. Schließlich schickt er die Madame mit Kaffee und Wienerbrot zu mir heraus, sie sollt ein Pflaster drauf legen, versteht sich: und sie war war sonst eine Dame, die mit'm Lakai auf dem Bock fuhr. Aber man war ja nu mal wütend! Na,'ne rühmliche Auszeichnung wurd' es denn ja, der Madame zu Liebe." „Hat er viele Gesellen?" fragte Jeppe. «Ach, woll' so'n dreißig, vierzig Stück." „Aber denn muß da doch was an ihm gewesen sein!", Jeppe spricht in tadelndem Ton. „Was an ihm, ja,'n Schuft war er also! Was schert das mich, daß er viele Gesellen hat, ich will sie doch nicht um ihren Arbeitslohn betrügen." Nun ist Garibaldi verstimmt, er streift die Schürze ab, setzt den Hut schief auf den Kopf und geht in die Stadt. „Jetzt geht er hin und sucht sich'ne Braut," sagt der .junge Meister,„er hat'ne Braut in jeder Stadt!" Um acht Uhr kommt er in die Werkstatt hineingesegelt. -„Was, sitzt Ihr da noch!", sagt er zu den Lehrlingen. „Anderswo in der Welt haben sie schon vor zwei Stunden Feierabend gemacht. Was für Sklaven seid Ihr doch, sitzt hier und käut vierzehn Stunden wieder. So streikt doch, zum Kuckuck auch!" Sie sahen einander dumm an. Streiken, was ist das? Dann kommt der junge Meister.„Nun könnt es gut tun, sich die Augen ein bischen zu wärmen," sagt Garibaldi. „Ein Bett für Dich ist in der Zuschneidekammer aufge- macht," sagt der Meister. Aber Garibaldi rollt seine Jacke unter dem Kopf zusammen und legt sich auf die Erhöhung. „Wenn ich schnarche, dann zieh mich nur an der Nase," sagt er zu Pelle und schläft ein. Am nächsten Tage niacht er zwei Paar Ziegenlederstiefel mit gelber Steppung: für den kleinen Nikas ist das eine Arbeit für drei Tage. Meister Andres hat alle Pläne fertig. Garibaldi soll Teilhaber werden.„Wir schlagen ein Stück Fachwerk heraus und setzen ein großes Lade'nfenstcr ein!" Garibaldi ist einverstanden, man hat wirklich das Bedürfnis, einmal zur Ruhe zu kommen.„Aber wir müsse» nicht zu groß anfangen," sagt er,„dies hier ist doch nicht Paris." Er trinkt ein wenig mehr und redet nicht viel; die Augen schweifen zu den wandernden Wolken hinauf. (Fortsetzung folgt-I (Nachdruck»erboten.) 61 Der Vater. Von C. V i e b l g, (Schluß.) Wenn man den kleinen Toni, der in den ersten Hosen lief, fragte:„Wuh is Dein Pappa?" dann streckte der Knabe das Aerm- chen aus. Er zeigte in jene Fernen, die weit, weitab, hinter der setzten Welle des Hochlandes blauen:„Lao is l�tn!" Der Josef war fort. Was dem Gcmeinderat mit all seiner Ueberlegung nicht gelungen war, das hatte das Weib zuwege ge- bracht ohne Zutun; ihre Bravheit hatte dem Josef Scheidweiler «licht mehr genehm gemacht. Ter Toni Kämmerer hatte es freilich anders gemeint, er hatte gehofft, durch sie den Josef zu halten,— :0"95* DeS Jofef Eohn tvat ein liebes Kind. Wenn niemand eS say, dann raffte der Toni wohl den Kleinen miß hob ihn hoch auf dre Schulter, ließ ihn da reiten und es zog wie Lachen über sein Ge« ficht, wenn das Kind recht laut jauchzte. Der Scheidweiler Josef war schon an die zwei Jahr fort, eS war friedliche Zeit. Die Luzia brachte sich ehrlich durch, sie der« diente genug für sich und das Kind, und ob sie auch oftmals weinte, wenn jemand auf den Josef zu sprechen kam, man wußte noch nicht, ob sie darum weinte, weil er nicht mehr bei ihr war, oder vielmehr weil sie sich erinnerte an böse Stunden mit ihm. Mm hörte vom Josef nichts, gar nichts mehr. War das ein gutes, war es ein schlimmes Zeichen? Er war einst entwichen über Nacht, die Luzia wußte sich keinen äußeren Grund; als sie ihn noch im Wirtshaus wähnte, war er schon fort— konnte er nicht einmal auch ebenso schnell über Nacht wiederkehren?! Wenn der alte Mnn in dem Winkel neben dem Pferdestall dieses träumte.- dann gehabte sein Herz sich wunderlich. Das klopfte dann hart, schlug zum Aengstigcn schnell; er bekam Atemnot. Der Toni vom Kammererhof war gealtert. Lange schon war sein Haar an den Schläfen grau gewesen, nun wurde es weiß, und die Bartstoppeln auf seinem hageren Gesicht, die wie Borsten st an.' den, wurden auch weiß. „Grußvadderl" rief der kleine Toni, wenn er den alten Mnn sah. Und lief ihm nach und suchte ihn am Rockstboß zu fassen, wenn der so schnell enteilte, als sei er auf der Flucht, und lachte mit einem Schelmengesicht:„Grußvadder, Grußvadder!" Hatten andere Leute dem Kind dos gesagt?! Argwöhnisch sah der Toni sich um und dann fuhr er unsanft den Knaben an, wie er den noch niemals angefahren hatte und hieß ihn sofort das Maul halten. Was fiel dem Buben ein, ihn Großvater zu rufen?! TaS toar unartig! Und doch gönnte er es den anderen nicht, die der kleine Toni auch Großvater rief. Alle Männer mit grauem Kopfe nannte das Jüngelchrn so. Sie waren alle alt geworden zu Schcidweiler, die, in deren Blut sich einst etwas gerührt hatte, wenn sie der Anna Buben, den schönen Josef, über die Gasse schlendern sahen. Aber das war nun schon so viele Jahre her, jetzt wußten sie nichts mehr davon. Es regte sie auch nicht mehr im geringsten arif. als«S eines Morgens hieß: der Mnn der Luzia ist wieder da! Und Per Schub war der gebracht worden vom Gendarm der nächsten Bürgermeisterei. Ter Toni hörte es bei der Mittagssuppe. Der Noldcs brachte die Nachricht vom Frühschoppen aus dem Wirtshaus mit. Er er-> zählte sie, wie er erzählt haben würde: der Stüppcs, der dem Schäfer vom Frauenhof neulich davongelaufen war, sei wiederge- kommen. Da legte der Toni den Löffel hin, wischt« sein Messer, em starkes Messer, das härtestes Holz durchschnitt, mit dem er sich auch Brot und Speck zu zerkleinern pflegte, an der Hose ab, klappte eS zu und steckte es in die Tasche. Er konnte nichs weiter essen mehr. Ihm war, als 06 jeder Bissen ihn ersticken würde. Ter Josef war wieder da— der Josef?! Aber er traute sich nicht hin in die Hütte hinter dem Torf; er blieb fern— ach was, ein alter Mann darf auch nicht so neu-, gierig sein! Doch in der Nacht, in der er nicht schlief, sah er sich im wachen Traum immer bei der Luzia eintreten, sah sie erschrocken in einen Winkel sich drücken, das Kind am Rock, sah, wie sie abwehrend beide Hände erhob, hörte, wie der Kleine, erschreckt, hell auftrcijchte: „Grußvadder! Grußvadder!" Halte das wirklich jemand gerufen? Oder war es nur ein Traum? Zitternd fuhr der Toni aus seinem Bett. Nein, es war Wirklichkeit, ein Stimmchcn rief! Vor dem Fensterchen, das hinaus auf den sumpfigen Anger sah, auf dem tagsüber die Schweine Ampfer und Lattich weideten. stand der kleine Toni. Sein Gesiebt schimmerte ganz weiß im Mndenschein, weiß schimmerte sein kleines Hemd; notdürftig nur war er angezogen, die Füßchen waren bloß, jetzt weinte er laut: „Grußvadder, Grußvadderl" Jesus, was wollte das Kind hier? Noch war es ja Nacht! Der Toni fuhr in seine Hose, er sprang auf den Anger zum Fenster hinaus, er fragte gar nichts, er hob den Knaben ans seinen Arm, er machte riesige Schritte. Wie ein fliegender Schatten glitt er im Monilicht dahin— weiß lag die Welt— größer als sie in Wirk- lichkcit war, hob sich aus blendender Helle die dunfle Gestalt ab. An dem Halse des Mannes wimmerte da? Kind:„Hän is esa bös, esu bös— mein' Mamma, mein' arme Mamma— Gruß, vaddcr, Grußvadder!" Da fragle der Toni nicht:„wer is esu bös?" Aengsilich, nur immer ängstlicher preßte er des Kindes Körper an sich, er fühlte sich Plötzlich ganz elend schwach, die leichte Last drohte ihm zu ent- gleiten, seine Arme hatten auf einmal nicht Kraft mehr. Die Nacht raunte ihm mit Grauen ins Ohr:„Der Josef, der Josef!" ES wälzte sich etwas aus seine Seele, das hatte Zentnerlast: und dieses Gewicht- drückte ihm Leib und Seele zusammen, daß sie ächzten in Ohnmacht und Kläglichkeit. Er, der immer noch Krakt gehabt hatte und Widerstand, ein zähes Holz— jetzt war er gcbrockcn— eist morscher Stamm, an dessen Wurzel die Axt gelegt ward. Die Hütte, die sie erreichten, lag totenstill, man hörte keinen! Zank. Aber«in Lämpchen brannte trüb, und in der Küche saß die Luzia am Boden, wie niedergesunken vor Scham und Schmerz, _„Wuh is dän Josef?." Sie hoV, tftif die Stuben titt weisend, die Hand, z? elend zum Sprechen i für Klagen war ihr Jammer zu groß. Der Toni schritt zur Stubentür, die Diele ächzte unter seinem Tritt. Er trat ein, er zog die Tür wieder hinter sich zu. Er mutzte allein sein mit fich und dem Josef. Auf dem Bett lag eine Gestalt, in der konnte er den Josef nicht erkennen; er hätte auch bei hellerem Licht ihn nicht mehr erkannt. Aber die Stimme war es— seine Stimme— wenn sie auch heiser klang, wie aus einer vom vielen Branntwein verengten Kehle. «Wer is da?" lallte der Mensch. Es klang wie Röcheln. »Moacht Euch ab, oder ich treten Euch die Kaldaunen ein!" Verwirrt stand der Alte mit offenem Mund, ganz blöde blieb er bewegungslos so. «Sperrt Eure Brotlade zu," schrie der auf dem Bett mit rohem Ton. Und dann schimpfte er:«Hat die Kalle's Maul nicht ge- halten— hetzt se mir den Schindollett) auf den Hals?! Wart', Ka- naille, wenn ich wieder rauskomme!" Er fuchtelte mit beiden Fäusten:«Ich schlagen dech dot un wenn se mich auch einlochen drum. Das wird mcr gewohnt!" «Ech sein kein Schendarm!" Der Toni schüttelte ernst den Kopf. Der Mensch richtete sich ein wenig auf den Ellbogen auf, arg- wöhnisch starrte er für ein paar Augenblicke den Alten an; nun schien er ihn zu erkennen, mit einem beruhigten:«Ah, Ihr seid et," fiel er schwer wieder auf das Bett zurück. „Wich kömmste hör?" Der Toni sagte es leise. Es war eine Angst und ein Vorwurf in seinem Ton, aber die Angst war grötzcr, fie war es, die den Ton kaum aus der Kehle lietz und die Stirn schmerzlich zusammenkrampfte. ,,Wat geht et Euch an?" brummte verdrossen der Mensch. Aber dann schien doch ein Mitteilungsbedürfnis über ihn gekommen, eine Art von Prahlsucht:„Ech komm har, wo die Schnorrer loschie- ren, wo die Schinnägler�) Erde karren, wo die jungen Raben3) dat Singen lernen!" Er schlug mit der Faust dreimal gegen die Wand, an der das Bett stand; Mörtel- und Kalkstaub lösten fich, mit unheimlichem Knistern rieselte es nieder hinter das Bett. Ein Krach folgte— das Marienbild war vom Nagel gehüpft, es klirrte ijl Scherben. Das Marienbild wollte ihn nicht mehr sehen, die Heilige hatte sich von ihm gelehrt! Ein plötzliches Entsetzen erschütterte den Alten, er versuchte seine bebenden Hände zu falten, aber er konnte es nicht. Hier half auch kein Beten mehr. Mit weit aufgerissenen Augen hörte er zu, was der Mensch weiter sprach. «Zu Brauweiler steht en stattlich Haus, da is mer ganz gut drin aufbewahrt, wann mer kein anner Dach mehr überm Kopp hat. Da lernt mer stricken un weben un Stuhl' flechten, un—" der Mensch lachte, datz es den Hörer kalt überlief'—«un noch wat anneres. Von Braulveiler nach Sirgburg is et net weit, nur ein Sprung, un mer sitzt hoch in der Burg3) da." «Tau haS— dau has— im Kaschott gesätz?" Ter Toni stotterte Mit gelähmter Zunge. Der Micnsch lackte frech und streckte fich dann lang.„Latzt mich in Ruh!" „Jessas Maria, duh neist OnrächteS! Josef, Josef, ech bitten dech!" Der Toni hob flehend die Hände. Seine ganze Seele schien ins Auge getreten, in die grauende Dämmerung hinein bohrten fich seine Blicke. Er sah, sah, sah, und ein rauhes Aufschluchzen hob seine Brust— das war der Josef, da lag er auf dem Bett! Er trat näher zum Bett heran. Der Mond schien nickt mehr, er war untergegangen, nur«in bleich-ttübes Morgenlicht legte «inen schmutzigen Schimmer über das verwüstete Männeroesicht. In grauen Büscheln stand das Haar struppig vom Kopf ab, die Mundwinkel waren schlaff heruntergezogen— ein böses Maul. Jetzt lachte der Mensch nicht mehr, er sah müde ans, verfallen und abgehetzt, wie gesunken von Stufe zu Stuf«. Seine Fütze waren mit Lumpen umwickelt, die waren wohl wund?! Ein ungeheures Mitleid wurde im Toni wach: wer wollte, wer durfte hier rechten? Oh nein, er rechtete nicht! Hatte der Anna Sohn einen Vater gehabt— einen Vater anstatt der vielen, er läge jetzt so nickt hier! Der Toni barg das Geficht in den Händen. Ein Vater, ein Vater, was würde der jetzt Wohl tun?! Dem Toni knickten die Knien ein. Wie ein Blatt am Baum, das bald fallen wird, das wehrlos zittert unterm Windesstotz, zitterte der alte Mann; er kniete am Bett mit verhülltem Gesicht, niedergeworfen vom Gefühl der Verantwortung, niedcrgebrochcn von einem Schmerz, wie nur der Vater ihn fühlen kann. Der Josef kehrte sich an den Alien nickt mehr, er blies durch die Nase, er brummte gähnend:..Ruh' jetzt!" Eine Weile blieb es ganz still, man hörte nur nebenan das Weib leise weinen und da» Kindchen sprechen, das die Mutter trösten zu wollen schien. Der Toni hielt immer noch das Geficht in den Händen; was er alles dachte, wußte er selber nickt. Sein ganzes Leben schoß blitzgcschwind an ihm vorbei— der Tod loar ihm nicht fern mehr — er überdachte noch einmal alles. Und wie der Ertrinkende im letzten Augenblick blindlings nach Rettung hascht, so tastete auch seine Seele verzweifelt umher und fand einen Halt, einen starken Halt— das war die Liebe, *1 Gendarm.*) Arbeitshäuslcr.*) Jünge Gapncr.«) Zuchthaus. Und die Liebe sah in das schreckliche Gesicht auf dem Belke dch sah, was auf jener Stirn noch verderblich drohte, was in jene« Mundwinkeln gefährlich lauerte. Der Toni hatte die Hände jetzt sinken lassen, er sah so klar: noch waren struppige Haarbüschel dq auf des Josef Kopf, aber wie lange noch, und sie scharen ihn kahl« so kahl wie die- Zuchthäusler sind. Er kriegte das Zeichen nnge* brannt, er faß hinter Eisenstäben hoch auf dem Berge. Ein Schau« der rüttelte den Toni: das durfte nicht sein! Er erhob sich von den Knien. Seine Hand griff wie suchend umher— leere Lust— Schemel— Bett— die Gestalt auf den« Bett schlafend lang ausgestreckt— da war die Kehle— da war die Brust— hier schlug sein Herz! Der alte Mann zitterte jetzt auf einmal nicht mehr, seine tätige Kraft war ihm wiedergekehrt. Es mutzte fein! Er setzte die Zähne aufeinander. Einen Augenblick des Ueberlegens noch, dann führ sein« Hand in die Tasche. Und sie zog das Messer bedachtsam heraus, ein starkes Messer, das härtestes Holz durchschnitt, und sie senkte es langsam, langsam und doch mit kräftigem Stoß dort hinein, wo das Herz des Scheidweiler Josef schlug. Ter gab keinen Laut mehr. Und wie damals hinter dem Beichtstuhl in der Kirch« versteckt« stand der Toni Kammerer jetzt. Beruhigung glättete seine Stirn« eine heilige Zuversicht machte fie frei: Besseres hätte auch der Vater nicht für den Josef tun können! Ties war das Beste, Die groken pbyftfccn «Große Menschen sind Inhaltsverzeichnisse der Menschheit", — kann dieser Ausspruch Hebbels irgendwo anders mit größerem. Fug und Recht angewandt werden, als in bezug auf jene Forscher, die ihre Tätigkeit auf dem Gebiete der Naturwissenschoftcn ent- falten? Denn chier mehr als irgendwo werden große Ergebniuc nur durch Anhäufung mühsamer Einzeluntersuchunge» erzielt, und epochemachende Ideen leuchten nur auf dem dunklen Grunde der mißlungenen oder halbgelungcncn Versuche der Minderbegabten Vorgänger eines großen Mannes. Dieser Sachverhalt ist stets jedem biographischen Werk gegenüber im Auge zu behalten, denn hier wird naturgemäß mehr Hauptgewicht auf die persönlichen Leistun- gen des einzelnen als auf dir geschichtlichen Zusammenhänge ge- legt. Wir brauchen also nicht dem ileinen biographischen Sammel- werk: Prof. Dr. F. A.Schulze: Die großen Physiker und ihre Leistungen(Teubners Sammlung: Aus Natur und Geistcswelt, 324. Bändchen), das vor uns liegt, aus einer gewissen Ucberfchätzung des Persönlichen gleich einen Vorwurf zu machen. Umgekehrt: ohne eine starke Betonung des Individuellen umre jene abgerundete Geschlossenheit und Plastik in der Darstellung nicht zu erreichen, die besonders in der Lebensbeschreibung von M. Fa» raday so wohltuend wirkt. Das Büchlein bringt uns fünf Lebensbilder: von G. Galilei', I. Newton, Chr. Huvgens, M. Faraday und H. Helmholtz. Die ersten drei fallen in das siebzehnte, teilweise sogar in das sechzehnte Jahrhundert. Sic bilden unstreitig die wirklichen Höhepunkte der damaligen, für die weitere Entwickclung der gesamten Naturwisscn- ichaft so ungemein wichtigen Forschungsepoche. Was Galilei mit seinen Fallgesetzcn, Newton mit dem Gesetze der allgemeiner. Gra- vitation und Huhgens mit der Wcllenthsorie des Lichtes für den Aufbau der theoretischen Physik geleistet hatten, das bleibt in der Hauptsache auch heute bestehen, gehört zu dem eisernen Bestände der Naturwissenschaft. Der stolze Bau der mechanischen Natura«» schanung von dem„Weltsystcui" des Laplace bis zur Herzschcr, „Mechanik" ruht auf dem Fundament, das von diesen drei großen Geistern errichtet worden war. Das neunzehnte Jahrhundert, das die Physik mit den zwei grundlegenden Errungenschasten bereicherte: mit der Erforschung der elektrischen Erscheinungen und dem Prinzip der Erhaltung der Energie ist in der vorliegenden Arbeit durch zwei Forscher vertreten, Michael Faraday und Hermann Helmholtz. Michael Faraday,„Großmeister der Experimentierkunst", ein echter Sohn des Volkes, der es vom Laufburschen bis zum Präsidcntei' der Royal Society(Königliche Gesellschaft) brachte, dem die Wissen- schaft großartige, kaum bis heute noch vollständig gehoben« Schätze von Entdeckungen und Ideen verdankt, � verdient durchaus den Ehrenplatz, den ihm der Verfasser angewiesen. Die theoretischen und technischen Entdeckungen auf dem Gebiete der Elektrizität, die gegenwärtig die gesamte zivilisierte Welt in Atem halten, sind zu einem nicht geringen Teile auf die Anregungen zurückzuführen, die die Wissenschaft von diesem genialen Manne empfangen. Ist also das Recht von M. Faraday, in die Gesellichaft der großen Physiker aufgenoinmen zu werdet«, tatsächlich unbestreitbar, so läßt sich das in bezug auf Helmholtz nicht so zweifelsfrei behaupten. Die Bedeutung dieses Mannes beruht in erster Linie auf seinen Forschungen zum Ausbau des Prinzips der Erhaltung der Energie, dann aber auf seinen clcltrodhnamischen und physiologi- scheu Untersuchungen. Was nun das erste anbetrifft, so scheint uns, daß eS gerechter wäre, nicht Helmholtz, sondern I. R. Mayer den ehrenvollen Platz einzuräumen, da doch»er der Erste war, der den Gedanken, welcher für unsere heutige Naturwissenschaft charaktzh, ristisch ist, flicht nur öffentlich ausgesprocheff, sondern auch, worauf es ja den meisten ankommt, nach Matz und Zahl verwertet und auf alle ihm zugänglichen Naturerscheinungen im einzelnen angewendet hat"(M. Planck: Das Prinzip der Erhaltung der Energie). Und was die physikalischen Einzelforschungcn angeht, so wollen wir doch, ohne die Verdienste von Heimholt im geizigsten zu schmälern, darauf hinweisen, dah er auch hier, was Fülle und Reichtum des Er- rungenen anbetrifft, von seinem großen englischen Zeitgenossen, dem „König der Physiker" W. Thomson(Lord Kelvin) in Schatten ge- stellt wird. So scheinen uns diese Erwägungen den Wunsch durch- aus zu rechtfertigen, datz die folgende Auslage des lesenswerten Büchleins wenigstens um das Lebensbild von I. R. Mayer be- reichert erscheint. Unter dem ähnlichen, nur etwas bescheideneren Titel:„Große Physiker" hat derselbe Verlag von B. G. Teubner ein Buch aus der Feder von Prof. Dr. H. Keferstein erscheinen lassen, das als Band IV der naturwissenschaftlichen Schülerbibliothek einer Ergänzung des physikalischen Schulunterrichts dienen soll. Das Werk ist„für reife Schüler", d. h. solche über 16 Jahre bestimmt. Da die Bändchen dieser Bibliothek, wie die Ankündigung des Ver- lags ausdrücklich hervorhebt,„im Gegensatz zu anderen für Jugend und Volk oder gebildeten Laien angelegten Sammlungen einen regelrechten Unterricht in den einschlägigen Gebieten, die sie ver- treten, voraussetzen", so erübrigt sich für uns das nähere Eingehen auf das übrigens sehr verdienstvolle und gut ausgestattete, dabei nicht teuere(dauerhaft gebunde kostet das Buch 3 M.) Werk von selbst. Erwähnen möchten wir noch, datz das Werk im Vergleich mit dem vorhin besprochenen sein Gebiet etwas weiter saht und auch die Lebensbeschreibungen von zwei Astronomen, Kopernikus und Keppler, sowie die von I. R. Mayer bringt, und datz es, ent- sprechend seinem pädagogischen Ziel, das sachliche Moment der Jdeenentwickelung etwas stärker betont. Insofern kann das Buch als eine willkommene Ergänzung des Schulzeschen betrachtet werden und wer sich in den Anfangsgründen der Physik sattelfest genug fühlt und sich auch nicht durch ein paar mathematische Formeln ab- schrecken läßt, sollte durchaus nicht versäumen, es zur Hand zu nehmen, iV, Th. Kleines feiiilleton. Literarisches. ReclamS Nodellen'Bibliothe!. DaS weltbekannte Leipziger VerlagshauS, das bereits seit einem Menschenalter auf dem Gebiet einer guten, dabei ausnahmsweise für wenig Geld dar- gebotenen Volksbücherei ersprießlich tätig ist, bestrebt sich immer mehr, seinen alten Ruf durch neue Erschließung der Literatur- schätze aller Kulturreiche zu verdoppeln. Eine anerkennenswerte Neuerung war es schon, als der Verlag vor Jahren daran ging, seine Zwanzig-Pfennig-Bücherei, obzwar broschiert, dennoch fest geheftet zu liefern. Jetzt aber ist er mit einer Neuerung hervor- getreten, die wohl einzig in dieser Art dastehen dürfte. Die Novellen-Bibliothek ist in einen abwaschbaren weißen Pergamentkarton gebunden. Der praktische und hygienische Nutzen dieser buchtechnischen Neuerung kann gar nicht genug hervorgehoben werden, da, ganz abgesehen von der Haltbarkeit dieser Deckel, nunmehr eine bislang mit Recht be- fürchtete Uebertragung von Krankheitserregern so gut wie ausgeschlossen ericheint. ES kann jetzt jedermann die Reinigung der Buchhülle selbst vornehmen: und eS wird nur zu wünschen sein, daß der Verlag allmählich auch auf alle Bücher seiner Bibliothek die abwaschbaren Pergamentdecken anwendet. WaS nun die Rovellenbibliothek angeht, so umschließt sie bis jetzt schon in drei Folgen von je 50 Exemplaren 150 Werkchen. Von älteren Autoren treffen wir Schöpfungen der bekanntesten fremdländischen wie einheimischen Meistererzähler. Meist find verschiedene, zum Teil erstmalig gebotene Stücke zu einem Bündchen vereinigt. Alle Gattungen von der.historischen" Novelle bis zur allermodernsten Skizze, ernst oder humorvoll gehalten, auch Dialekt-Erzählungen, stehen da beieinander. Die Erhöhung des Preises von 20 auf 30 Pf. für das in abwaschbaren Pergamentkarton gebundene Büchlein wird, deS find wir sicher, der Verbreitung «her förderlich als schädlich sein. o. k. Geographisches. Die englische Expedition in Neuguinea. Von Neuguinea ist jetzt sehr viel die Rede, und man sollte meinen, daß diese Insel nun völlig erforscht sein müßte. Es ist aber zu bedenken, daß sie um die Hälfte größer ist als das ganze Deutsche Reich, und überhaupt die größte Insel der Erde. So kommt es denn, daß sie trotzdem noch immer zu den am wenigsten bekannten Teilen der festen Erdoberfläche überhaupt gehört. Namentlich die in hollän- dischem Besitz befindliche Westhälfte der Insel ist noch fast unbekannt, und da von den Holländern allein ihre schnelle Erforschung nicht zu erwarten ist, haben sich auch Reisende anderer Nationen in letzter Zeit mehr und mehr dort betätigt, unter anderen auch mehrere d mische Expeditionen. Eine besonder« Kerantw. Redakteur: Richard Marth, Berlin.— Druck u. Verlag: wichtige Stellung unter den Unternehmungen, die auf die Erkundung dieses Gebietes gerichtet gewesen sind, nimmt die deS englischen Kapitäns Rawling ein, der sich stüher durch Forschungen im süd- lichen Tibet verdient gemacht hatte. Die Expedition, deren Aus« rüstung durch die Ornithologische Vereinigung Englands geschehen war, ist jetzt zurückgekehrt und Kapitän Rawling hat in der Londoner Geographischen Gesellschaft die hauptsächlichen Ergebnisse vorgelegt. Leider ist eS dieser Reise ähnlich ergangen wie ihren meisten Vor« läufern. Der fabelhaft dichte Tropenwald, der starke Regenfall und die Ungunst des Sumpfklimas haben die Ausdehnung der Reise bis zu dem weiter im Innern gelegenen Hochland verhindert, nament« lich infolge zahlreicher Erkrankungen der Träger. Dennoch werden die wissenschaftlichen Ergebnisse in geographischer, völkerkundlicher und zoologischer Hinsicht als höchst wertvoll bezeichnet und besondere? Gewicht darauf gelegt, daß eine ziemlich gründliche Erkundung der dort hausenden Zwergvölker erreicht werden konnte. Die Eingeborenen in der Küstengegend, das Mimika-Volk, werden als eine Art Jdealgestalten geschildert, von fast kohlschwarzer Hautfarbe, ungewöhnlicher Größe und glänzender Muskelentwickelung. Diese Körperschönheit wird im Eindruck allerdings beeinträchtigt durch den rohen Ausdruck der Gesichtszüge. Auch die Sitte, das ursprünglich reiche Wollhaar mit scharfen Muschelschalen und dergleichen möglichst glatt abzurasieren, trägt dazu bei, das Aussehen dieser Leute unangenehm und miß- trauenerregend zu machen. Auch die stark ausgeprägte Putzsucht führt zu keiner Verschönerung nach unseren Begriffen. Die Männer feilen außerdem auf höchst mühsame Art ihre Vorderzähne zu, so daß sie eine raubtierähnliche Form annehmen. Der Verdacht, daß diese Leute noch Menschenfresser seien, scheint jedoch unbegründet zu sein. Weiter nördlich als der Küstenstamm lebt eine andere Rasse und wieder nördlich von dieser die Zwergvölker. Diese drei Stämme find durchaus voneinander verschieden und pflegen auch keine Ge« meinschaft miteinander. Soweit die Bergkette im Innern beobachtet werden konnte, ist sie etwas niedriger, als bisher angenommen wurde. Wenigstens ist der Carstenz-Berg nur etwa 4900 Meter hoch (statt 5500). Westlich davon wurden noch drei große Schneespitzen entdeckt und jenseits davon noch weitere. Neu ist ferner die Be- obachtung, daß die große Kette, die von dem genannten Berg West« wärtS zu dem sogenannten CharleS-LouiS-Gebirge reicht, einen un« geheuren ununterbrochenen Kamm bildet. Der Carstenz-Berg hat auch einige Gletscher, aber die Schneelinie liegt in einer Höhe von etwa 4400 Metern. Der Absturz dieses Gebirges ist nach der An- gäbe der Forscher der größte und steilste der ganzen Erde. Aus der Vorzeit« Neue Ausgrabungen auf der Römerschanze. Vor einigen Tagen hat der Direktor deS Museums für Völkerkunde in Berlin, Professor S ch u ch a r d t seine diesjährigen Ausgrabungen aus der Römerschanze beendet. Ueber das Ergebnis der diesjährigen Grabungen äußerte er sich folgendermaßen: „Während wir im ersten Jahre der Ausgrabung(1908) den Bau des Walles und der Tore und im zweiten die Befiedelung des Innern des BurgringeS studierten, sollten dieses Jahr die Verhält« nisfe vor dem Walle, die Gräben und die Siedelungen auf der steien Fläche nach dem See hin aufgeklärt werden. Es bat sich er» geben, daß auf der alten germanischen Bärme vor dem Wallbau später ein l�-l'/e Meter hoher Sockel aus Erde und Holz gebaut worden ist, der vorn mit eingerammten Pfosten abgestützt wird. Die vordere Pfostenreihe steht l'/z Meter vom Grabenrande entfernt. Der Sockel hat, wie die Funde beweisen, noch in flämischer Zeit bestanden. Auf der steien Fläche wurden nämlich zahlreiche slawische Scherben ge» funden. Der ganze Befund zeigt uns wiederum, daß die germanisch« Befestigung bis in die slawische Zeit hinein erhalten war und von den Slawen weiter benutzt worden ist. Die offene Siedelung am Fuße der Burg ist in germanischer Zeit unbedeutend gewesen. Nur an einer Stelle konnten nach der Nedlitzer Furt eine Anzahl von Gebäuden festgestellt werden. Sonst traten nur am Seerande hier und da kleine Häuser auf. Erst in slawischer Zeit war eine volle Befiedelung des Werder erfolgt. Während die germanischen Häuser regelmäßig mit Pfosten auf der ebenen Fläche erbaut worden find, haben die Slawen eine tiefe Hausgrube angelegt, über der das Dach so errichtet war, daß es bis anf den Erdboden aufftand. In diesen slawischen Gruben wurden sehr viel Töpfereien gefunden. Im allgemeinen wurde das Ergebnis der früheren Grabungen bestätigt und erweitert. ES steht fest, daß die Burg alS Sitz germanischer Stämme— wahrscheinlich der Semnonen— einige Jahrhunderte v. Chr. erbaut und bis in die slawische Zeit hinein bewohnt worden ist. Eine schöne bronzene Speerspitze steht in der ersten Reihe der diesjährigen Funde, mehrere eiserne Messer, ein Sporen schließen sich an. Die keramischen Ueberbleibsel reichen von der späten Bronzezeit bis in die germanische Periode. Das Programm der Ausgrabungen für das nächste Jahr hat hauptsächlich das große Westtor ins Auge gefaßt, bei dessen Freilegung alle in Betracht kommenden Verhältnisse noch nachgeprüft werden können. Hierbei wird sich eine Revision aller bisherigen Feststellungen ermöglichen lassen." vorwärtSBuchdruckerei u.VerlagSanjtalt Paul SingerSiCo., Berlin SW.