Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 139. Freitag, den 21. Juli. 1911 85] lktachdrilS üetsoten.) pelle der Gröberen Lehrjahre. Roman von M. Andersen Nexö. -' Jens sah wohl der Zeit entgegen, wo er selbst brotlos dastand.„Schick mir Deine Adresse. Du." sagte er.»Und dann verschaffst Du mir was da drüben." ..Und mir auch," sagte Pelle. Peter spie aus.„Pfui Dcuebl! das war ein bistchen saure Kohlsuppe, das nehmt man mit nach Haus und grüßt Jeppe. und ich wünsche ihm Prost Mahlzeit I Aber Meister Andres müßt Ihr vielmals grüßen! Und wenn ich schreibe, dann kommt Ihr, hier in diesem Loch ist ja doch nichts zu machen!" „Laßt Euch man nicht von den Soschaldemokraten auf- fressen!" rief jemand den Dannenziehenden zu. Das Wort Sozialdemokraten war zn dieser Zeit auf aller Lippen, aber niemand wußte, was es bedeutete, es wurde als Schimpf- wort gebraucht. „Wenn sie mit ihrem Tcufclskram zu mir kommen, dann kriegen sie einen ans Maul!" sagte Peter schneidig. Und dann setzte sich der Dampfer in Bewegung. Das letzte Hurra bekamen sie von der äußersten Mole. Pelle hätte sich am liebsten in die See gestürzt, so brannte es in ihm, dem Ganzen den Rücken zu kehren. Und dann ließ er sich von dem Strom über den Hafen- platz bis an das Zirkuszelt führen. Auf dem Wege dahin fing er ein paar Worte von einer Unterhaltung auf, die es ihm beiß um die Ohren machte. Zwei Bürger gingen vor ihm her und sprachen. „Er soll einen solchen Fußtritt gekriegt haben, daß er Blut bricht." sagte der eine. „Ja. es ist schrecklich mit diesem Gesindel! Hoffentlich fasten sie den Lümmel fest an!" Pelle drückte sich hinter dem Zelt herum bis an die Oeff- nung. dort stand er jeden Abend und sog das Ganze durch den Geruch ein. Geld, um hineinzugehen, hatte er nicht, aber hier ließ sich eine ganze Menge von der Herrlichkeit auffangen, »venn der Vorhang in die Höhe gezogen wurde, um einen Nachzügler einzulassen. Albinus kam und ging nach Belieben, wie immer wenn da Gaukler im Städtchen waren. Er war, fast ehe er sie sah. mit ihnen bekannt. Wenn er so eine richtige Kraftproduktion gesehen hatte, kam er unter der Leintvand herausgekrochen, um den Kameraden zu zeigen, daß er das auch könne. Er war so recht in seinem Element, ging auf den Händen auf dem schmalen Bolllverk entlang und ließ den Körper über das Waster hängen. Pelle hatte Lust, nach Hause zu gehen und die ganze Ge- schichte zu verschlafen; aber da kam ihm ein glückliches Paar entgegen, eine Frau, die im Tanzschritt daherging und einen jungen, verlegenen Arbeiter fest unterm Arm hielt.„Da. HanS," sagte sie,„das ist Pelle, der schuld daran is, daß wir zwei zusammengehören." Dann lachte sie laut in ihrer Freude und Hans reichte Pelle lächelnd die Hand.„Hab Dank dafür," sagte er.. �. „Ja, das tvar das Tanzfest." sagte sie.„Hätt ,ch meine Tanzschuhe nicht in Ordnung gehabt, dann war' Hans»nit 'ner andern»veggeflogen, Du!" Sie packte Pelle beim Arm. Und dann gingen sie. herzlich beglückt durcheinander, und in Pelle regte sich der Uebcrnmt wieder ein wenig. Er konnte doch auch so allerlei Kraftkunststllcke. Am nächsten Tage war Pelle an Bäcker Jörgen aus- geliehen, um Teig zu kneten, der Bäcker hatte in ganz kurzer Frist eine große Bestellung Schifsszlvieback für»Drei Schwestern" bekommen. ..Daß Ihr Euch gehörig tummelt." rief er jeden Augen- blick den beiden Jungen zu, die die Strümpfe ausgezogen liatten und nun oben in dem großen Knettrog standen und stampften, die Hände um die Leiste, die unter dem Balken festgenagelt war. Die Balkendecke»var schwarz von olmigeiu Holz; Qualm und Staub und schmutziger Teig flosten als schleimige Masse an den Wänden herab. Wenn sie sich zu schwer an die Leiste hingen, rief der Bäcker zu ihnen hinauf: „Braucht mir Euer ganzes Gewicht! Runter in den Teig mit Euch, dann kriegt Ihr Füße wie ein Schönjungferlein l Von den Leichdörnern bleibt nicht viel sitzen, wenn wir fertig sind!" Sören ging für sich einher, gesenkten Hauptes tvie inimer, bin und wieder seufzte er. Dann puffte der alte Jörgen Marie in die Seite, und sie lachten beide. Sie standen dicht nebeneinander, wenn sie den Teig ausrollten, begegneten sich die Hände, sie lachten und schäkerten in einem fort. Aber der Junge sah sie gar nicht. „Siehst Du denn nicht?" flüsterte die Mutter ihm zu»md stieß ihn hart in die Seite: sie hatte ihre wütenden Augen beständig auf die beiden gerichtet. „Ach, laß mich in Frieden," sagte der Sohn nur und rückte ein wenig von ihr fort. Aber sie rückte ihm nach:„Geh doch hin und faß sie um, das will sie ja! Warum meinst Du, schiebt sie den Busen so vor? faß sie um! Laß ihre Hüften Deine Hände fühlen, wirf den Alten beiseite!" „Ach. laß mich in Frieden," entgegnete Sorgen und rückte wieder von ihr fort. „Du verlockst den Vater zu Sünden, Du weißt, wie er ist! Und sie kann sich nicht mehr recht beherrschen, jetzt, tvo sie Anspruch darauf hat, in der Sache mitreden zu dürfen. Willst Du das all auf Dir sitzen lassen? Geh doch hin und faß sie rund um! Hau sie, wenn Du sie nicht leiden kannst, aber laß sie fühlen, daß Du ein Mann bist!" „Na. schafft Ihr was da oben?" rief der alte Jörgen zu ihnen herauf und wandte sein lächelndes Gesicht von Marie ab.„Tretet nur zu! Der Teig soll Euch woll alle Ungesund- hcit aus dem Leib ziehen! Und Du, Sören, so tuinmel Dich doch!" „Ja, so tummel Dich doch, steh da nicht wie ein Blöd sinniger!" fuhr die Mutter fort. „Ach, laß mich in Ruh! Ich Hab' keinen Menschen etwas getan, laßt mich doch in Frieden!" „Pfui!" Die Alte spie nach ihm.„Bist Du ein Mann? Läßt andere Deine Frau besingern? Sie muß mit'm alte» gichtbrüchigen Kerl vorlieb nehmen! Pfui! sag ich. Aber am Ende bist Du auch'n Frauenzimmer, Du? Ich Hab' mal 'ne Dirn zur Welt gebracht, ich wüßt»ich anders, als daß sie gestorben is. aber am Ende bist Du das? Ja. macht Ihr man lange Ohren!" rief sie den beiden Jungen zu,„so was. was hier vorgeht, habt Ihr nocki nie erlebt. Das da is ein Sohn, der seinen Vater alle Arbeit allein tun läßt!" „Na, schafft Ihr was?" rief der alte Jörgen munter. „Mutter verdreht den jungen Leuten doch woll»ich den 5topf?" Marie stimmte unten ein klangvolles Lachen an. Jeppe kam und holte Pelle.„Nu sollst Du aufs Rat- Haus und Prügel haben," sagte er. als sie in die Werkstatt kamen. Pelle tvurde aschgrau. „Was hast Du denn im wieder gemacht?" sagte Meister Andres und sah ihn betrübt an. „Ja, und noch dazu unser Kunde!" sagte Jeppe.„Das hast Du wohl verdient." „Kannst Du die Strafe nicht ablösen, Vater?" fragte der junge Meister. „Ich Hab' vorgeschlagen, daß Pelle'ne tüchtige Tracht Prügel hier in der Werkstatt haben sollt, in Gegenwart des Adjunkten und des Sohnes. Aber der Adjunkt sagte neu». Er wollte der Gerechtigkeit seinen Lauf lassen." Pelle sank ganz zusammen. Er wußte, was es bedeutete. »venn ein armer Junge aufs Rathaus kam und zeitlebens gc- brandmarkt wurde. Sein Gehirn suchte verziveifelt nach Aus- wegen. Es gab nur einen— den Tod. Er konnte den Spannriemen heimlich unter die Bluse stecken und in das kleine Haus hinausgehen»md sich erhängen. Er vernahm ein eintöniges Getöse, das»var Jeppe, der eine Erinahnungsrede hielt, aber die Worte hörte er nicht: ferne Seele hatte die Wanderung in den Tod bereits angetreten. Als das Getöse innchielt. erhob er sich geräuschlos. „Was? Wo tvillst Du hin?" fuhr Jeppe auf. „Nach dem Hof," sprach er tvie ein Nachtwandler. „Willst Du den Spannriemen vielleicht mit rausnehmen?" Jeppe und der Meister wechselten beredte Blicke. Da trat Meister Andres auf ihn zu:„So dumm»virst Di» dock» nicht sein?" sagte er und sah Pelle tief in die Augen. Dann machte er sich zurecht und ging in die Stadt. "'-..Pelle, Du Teufelsjunge," sagte er. als er nach Hause kam,„nun bin ich von Herodes zu Pilatus gelaufen und habe es so geordnet, daß Du davon abkommst, wenn Du um Verzeihung bittest. Um eins mußt Du nach dem Gymnasium gehen. Ueberleg Dir aber vorher, was Du sagen willst, denn die ganze Klasse soll es mit anhören." „Ich will nicht um Verzeihung bitten!" es entrang sich ihm wie ein Schrei. Der Meister sah ihn zögernd an:„Das ist doch keine Schande, wenn man unrecht gehandelt hat." „Ich habe nicht unrecht gehandelt. Sie haben ange- fangen, und sie haben mich schon lange gehänselt." „Aber Du hast geschlagen, Pelle, und die Feinen darf man nicht schlagen: sie haben ein ärztliches Attest, das Dir den Garaus machen kann. Verkehrt Dein Vater vielleicht mit dem Amtsrichter, Du? Sie können Dich für den Rest Deines Lebens ehrlos machen, ich meine, Du solltest das ge- ringere Uebel wählen." Nein, Pelle konnte sich nicht entschließen.„Dann sollen sie mich lieber durchpeitschen!" sagte er verbissen. „Na, ja, dann findet es um drei Uhr ans dem Rathaus statt." sagte der Meister kurz, während es ihm um die Augen rot wurde. Plötzlich fühlte Pelle, wie wehe sein Eigensinn dem jungen Meister tun mußte, der, lahm und krank wie er war, um seinetwillen durch die ganze Stadt gerannt war,„Ja, ich will es tun," sagte er,„ja, ich will es tun!" „Ja, ja," erwiderte Meister Andres ruhig, um Deiner selbst willen also. Und dann glaube ich, daß Du Dich jetzt fertig machen mußt." Pelle schlenderte von dannen: es war nicht seine Absicht, um Verzeibung zu bitten, also hatte er reichlich Zeit. Er ging wie im Schlaf, in ihm war alles tot. Die Gedanken singen interessiert alles Gleichgiiltige auf und verweilten dabei, als gelte es, irgendetwas durch Plaudern hinzuhalten. Der ver- rückte Anker ging mit seinem Sandsack über dem Nacken die Straße hinab, die dünnen Beine wackelten unter ihm.„Ich sollte ihm tragen helfen," dachte Pelle demütig, während er weiterging,„ich sollte ihm tragen helfen." Fortsetzung folgt.). (Nachdru» verdslen.> Der Sobn der JVIagd. .Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen AnSführnng auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will von meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeichnen, und dieser Mensch werde ich sein. Einzig und allein ich." Mit diesen stolzen Worten hebt die erste moderne Selbstbiographie an. die„Bekenntnisse" Nousseaus, im englischen Exil von dem Drei- »mdsünfzigjährigen begonnen: sein„Emil", von Goethe das Natur- evangeliuin der Erziehung genannt, war vom Henker als gottlos verbrannt worden, er selbst aus Frankreich, seiner zweiten Heimat, flüchtig, aus seinem schweizeriswen Vaterlands vertrieben. Rund hundert Fahre nach dem Erscheinen der„Bekenntnisse" läßt der siebennnddreihigjährige A u g u st S t r i n d b e r g die ersten Bände einer Selbstbiographie, betitelt.Der Sohn der Magd""), von der Schweiz ausgehen: er hatte Paris, das Zentrum der Zivilisation nach damaliger Anschauung, mit der abgeschiedenen Alpenfreiheit ver- tauscht, hatte sich selbst aus seinem schwedischen Vaterlande verbannt. in dem er eine Anklage wegen Gotteslästerung in seinen sozial- pädagogischen Novellen.Heiräten" unlängst siegreich niedergekämpft. Den„Bekenntnissen" war. Rousseans Prophezeiung zum Trotz, eine zeitgemäße und ebenbürtige Nachfolge erwachsen..Der Schweizer lilhrmachersohn hatte das Recht der Natur gegen Absolutismus und Feudalismus angerufen und so die Befreiung des Bürgertums durch die französische Revolution vorbereitet. Der Schwede, der sich selbst als Sohn der Magd bezeichnete, wollte damit sein bisheriges Leben und Leiden unter die Wirkung des Klassengegensatzes "j StrindbergS Selbstbiographie umfaßt bis jetzt acht Bände: 1. Der Sohn der Magd. Entwickelungsgeschichte einer Seele. 1849—67(1886). 2. Gärungszrit. 1867—72(1886). 3. Im roten Zimmer. 1872— 75(1887). 4. Die Beichte eines Toren(1893). 5. Inferno(1397). 6. Legenden(1893). 7. Einsam(1962). 8. Ent- zweit(1993). Die deutsche Gesamtausgabe, übersetzt von Ennl Schering(Müchcn bei Georg Müller) bringt diese acht Bände in fünfen und zwar: 1. und 2. unter dem Titel:„Der Sohn einer Magd", 3. als:„Die EntWickelung einer Seele", 4. als 3.. 5. und 6. als 4., und 7. und 8. als 5. Band. Gegenüber einer früher, von anderer Seite unter dem Titel:„Die Vergangenheit eines Toren" veranstalteten Ueberseyung von 1—3, sowie gegenüber der schwedischen Ausgabe ist„Die Entwickelnng eincr Seele" um zwölf bisher unveröffentlichte Kapitel vermehrt, die die Erzählung bis ins Jahr 1886 führen. und des Klassenbewußtseins rücken; er fühlte und bekannte sich als Sozialist. Der Zusammenhang zwischen Rousseau und Strindberg beschränkt sich nicht nur auf äußere Parallelen. Eine innere Verwandtschaft eint sie nach Charakter wie Idee. Strindbergs Ausnahmestellung in der gesamten heutigen Lite« ratur wird bestimmt durch seine Universalität. Seine Uni- versalität in bezug auf die Wahl der Stoffe; seine Universalität in bezug auf die Beherrschung der Form, dichterischer wie Wissenschaft- licher; seine Universalität in bezug auf die Entwickclungsfähigkeit des schöpferischen Gehalts; seine Universalität in bezug auf Hingabe seines persönlichen Menschen an sein Werk. Kein anderer hat so vielfältig und rastlos die Fragen seiner Zeit gestaltet und zu beantworten gesucht, kein anderer sich so furchtlos und verschwenderisch, bis an die Grenzen der Selbstvernichtung, dafür eingesetzt. Schon äußerlich gc- nommcn wird seine Produktion von keinem der Mit- lebenden, von wenigen der früheren übcrtroffen. Sie zählt heute an oder gar über hundert Buchtirel, davon gegen die Hälfte Dramen, ein Viertelhundert Romane, Novellen und Selbstbiographie, ein viertes Viertel wissenschaftlicher Schriften und endlich einige Bände Verse. Die deulsche Gesamtausgabe, die sich der Vollendung nähert, gibt den größten und wesentlichen Teil davon in vierzig starken Großoltavbänden wieder. Diese äußere Ausdehnung des Werks gibt der erwähnten Ent» wickelungsfähigkcit des inneren Gehalts weitesten Spielraum. Der Wechsel allgemeiner Anschauungen, unter denen die einzelnen Erlebnisse gestaltet werden, diese Veränderlichkeit der„Standpunkte", ist bei Strindberg immer mehr verblüfft bemerkt, als verständnisvoll erklärt worden. Für ein kämpf- und arbeitS« reiches Leben ist es typisch, daß sich die jugendlichen Anschauungen mit der Reife und dem Alter wandeln, oft bis in ihr völliges Gegenteil. Bei Strindberg verläuft der Weg nicht so einfach, er scheint in sich zurückzukehren und sich zu verschlingen. Oder um mit seinem Landsmann Ola Hansion das glückliche Bild einer Spiral« Ihne darauf anzuwenden:„daß StrindbergS Standpunkt von heute intmer über seinem Standpunkt von gestern zu liegen kommt, und er denselben Blick von einem stets höheren Aussichtspunkte gewinnt." In einem Zeitraum von drei Jahrzehnten bekennt sich ein in- brünstiger Wahrheitssucher nacheinander zum kirchlichen Kinder« glauben, zu Materialismus und Sozialismiis, zu krassem Individualismus, und wieder zu büßerischem Glauben, zu skeptischer Weltbettachtung, zi» überirdischen Versöhnungsträumen. Eins schließt das andere unerbittlich aus, scheinbar unvermittelt folgen sich diese Gegensätze aufeinander, kein Ausgleich der Widersprüche wird ange- strebt, im Gegenteil: der Dichter widerruft und verleugnet ftank seine jeweilige Vergangenheit. In dem jüngst verfaßten Vorwoet zur deutschen Ausgabe zur„Entwickelungsgeschichte einer Seele" er« klärt er etwa:„Die Persönlichkeit des Verfassers ist mir ebenso fremd geworden, wie sie dem Leser fremd ist— und ebenso unsympathisch." Er muß erlauben, daß der Kritiker hier feiner unterscheidet, indem er unter dem„Verfasser" keine ungeteilte geistige Potenz, sondern zum mindesten eine Doppeltheit der Art sieht, daß er bis zu einem Grade solche und ähnliche Behauptungen wie die zitierte widerlegt, indem er sich auf den„Verfasser" selbst, unabhängig von seinen sonstigen Wandelunge, stützt. Verfolgt man nämlich durch StrindbergS gesamtes Schaffen nicht mehr die LcbenSanschauungen und ihren Wechsel, sondern den dichterischen Stil, so ist man überrascht, wie ungleich stetiger dieser verbleibt und harmonisch sich entfaltet. Strindberg ist nie der Mann blasser ästhetischer Theorien gewesen, wen» er einmal allge» meine Gedanken über seine Kunst in den Druck gab, so tat er das mit dem greifbaren Ziel praktischer Wirkung, wie etwa in Theater« fragen. Er hat weder eine lange Lehrzeit gebraucht, noch auch viel experimentiert, um seinen allereigenstcn Aus- druck zu finden, der ihm dann anch durch alle inneren Umstürze dienstbar und treu geblieben ist. StrindbergS Stil in seiner Vollendung ist stets so persönlich gewesen, daß der An» schluß an eine Schule oder Richtung nicht in Frage kam, ebenso wenig wie Abkehr und Bekämpfung. Er war von Anfang an Realist, ohne je die letzte LcbcnSwahrhcit bei einem konsequenten Naturalismus suchen zu wollen: er verfügte als solcher noch stets über einen so reichen Fonds von Lyrik, daß sich ein übermächtiges Gefühl nicht der alleinseligmachenden Romantik in die Arme zu werfen brauchte; er sah die Dinge stets im weitesten Nahmen deS Alls und der Menschheit, so daß er es nicht nötig hatte, gewaltsame Prunk- und Feiertagsgedanken herauszutreiben und sie in einen be- sonderen hohen Tempelstil zu fasien. Dem wachen Alltag gegenüber vergißt er nie den Poeten, der alle unsichtbar mitschwingenden Gcfühlstöne erlauscht und wcitcrklingen läßt; in den Sphären mystischen Glaubens malt er Menschen und Mächte greifbar, fcharf« umrissen wie am hellen Tage. Während des Vierteljahrhunderts, das etwa zwischen dem Drama„Meister Olaf" oder dem Roman „Das rote Zimmer" einerseits und zwischen„Gustaf Vasa" oder den „Gotischen Zimmern" andererseits liegt, ist von einer wesentlichen Wandlung des künstlerischen Stils nicht die Rede. Gewiß ist er ge- reift und entwickelt, aber an Stamm und Wurzel unverändert der- selbe. Mit Ausnahme seines ersten großen DramaS, des„Meister Olok", das nacheinander fünf verschiedene Fassungen erhielt, hat Sirindberg sich in k ü n st l e r i s cki e r Hinsicht nie widerrufe». Bei Neuauflagen hat er nie etwas geändert oder fortgelassen, geschweige denn ganze Werke unterdrück:, die er gedanklich als über» wunden erklären mußte. Nach alledem kann für ihn selbst wie für uns daS Zentrale, Unveränderliche seiner Persönlichkeit nur der Dichter sein und nicht der Denker. Der Dichter, der Bildner. Im Lyrischen etwa gibt dieser Typ seine inneren Stimmungen und Empfindungen durch finnenfällige Gegenstände der Außenwelt von gleichem Gefühlswert wieder. In der Menschensibilderung des Romans und deS Dramas stellt er ent- weder eigene Charakrerzüge und Strebungen in phantasiegesckaffenen ?figuren heraus oder er erfüllt von außen ergriffene Gestalten mit einem eigenen Geist und Blut. In diesem Sinne ist Dichtung seelische Berwandlungskunst. DaS Leben all seiner Geschöpfe muß auch der Dichter einmal in seinem Innern durchlebt haben, waren auch verkürzt, zusammengedrängt, nur in den Hauptmomenten, und eben nur innerlich,„in der Phantasie'. Im „Sohn der Magd' bekennt Strindberg beispielsweise von einem seiner ersten Dramen, dem Einakter„Der Friedlose'(1871), er habe darin sich selbst in fünf Personen verkörpert:„Im Jarl, der gegen die Zeit kämpft; im Dichter, der überschaut und durchschaut; in der Mutter, die sich empört und rächt, deren Rachgier aber durch ihr Mitgefühl aufgehoben wird; in dem Mädchen, daS mit dem Vater ihres Glaubens wegen bricht; in dem Geliebten, der eine unglück« liche Liebe trägt.' Der Dichter verstünde die Motive aller handelnden Personen; er spräche für die Sache aller.— Geht das Miterleben des Autors mit seinen Geschöpfen nicht nur auf«ine zufällige Situation, hat er vielmehr nawspürend ihr ganzes Dasein mit dessen letzten Motiven, mit dessen prinzipiellen Grundsätzen durchdrungen, zwingt ihn schließlich der mit seinem Erkenntnis- und Schaffensdrang wachsende Sloffkreis immer neue und Wesens- verschiedene Individuen und Typen ins Leben zu rufen, so werden auch die Gegensätze und Widersprüche zwischen seinen Geschöpfen als Kämpfe in seiner eigenen Seele weiterwülen, in ihrer höchsten Ent- faltuug als unversöhnlicher Widerstreit von Weltanschauungen und Morallehren. Und der Dichter darf doch, wenn anders er nicht die Kunst verraten will, in diesem Streit, den er aus der ganzen Umwelt seiner Zeit gleichsam in seine Brust gesammelt hat, dennoch keine Partei ergreifen, weder für noch wider. Sein Richteramt gilt erst der Zukunft.„Der Dichter", heißt es mit einer gewissen An- Näherung an diese Gedanken in der„Entwickelung einer Seele',„ist ein Experimentator, der in gedichteten Bildern zu konstruieren sucht, wie die Zukunft unter den und den gegebenen Verhältuifien aus- sehen könnte..." In diesem Begriff des Experimentators liegt das volle Eingeständnis, daß der Dichter fich fremde Seelenzustände, ja ganze Charaktere, erschaute oder erträumte, bis zur Selbst- Vergessenheit zu eigen macht, indem er in sie wie in eine MaSke oder Verkleidung hineinschlüpft und daraus hervorogiert, sie beiseite wirft, nachdem er sich in ihnen ausgelebt hat, und sie alsbald wieder gegen neue vertauscht. Dieses klare Bewußtsein, als Schöpfer über seinen Ge- schöpfen zu stehen, hat Strindberg unverändert begleitet. Ein Passus aus dem Roman„Die gotischen Zimmer' von 1904 klingt aus wie eine breitere und deutlichere Ausführung jenes Gedankens von 1830. Es taucht dort der gealterte Held des„Roten Zimmers', Arbid Falk, der niemand anderes ist als Strindberg selbst, im Hintergrunde wieder auf und jemand, der ihn einen wunderlichen Kerl neiint, der schließlich in Streit mit sich selbst geraten sei, wird eines besseren belehrt I„Er experimentierte mit Standpunkten und als gewissenhafter Laborator stellte er Kontrollexperimente an, stellte sich versuchsweise auf die Seite des Gegners... und wenn das Gegcncxperiment negativ ausfiel, kehrte er zu dem bewährten Ausgangspunkt zurück.' Er sei darin dem dänischen Denker Kierkegaard vergleichbar, der sich in jedem Werk ein anderes Pseudonym gab, während die Summe all seiner Deck- nainen immer nur sein eigenes Selbst bildete.„Falk war ein Vivisektor, der mit seiner eigenen Seele experimentierte, stets mit offenen Wunden ging, bis er lein Leben hingab für das Wisien, ich will das mißbrauchte Wort Wahrheit nicht anwenden. Und sollten seine gesammelten Schriften einmal herauskommen, so dürfte nicht ein Wort daran geändert werden, sondern alle Widersprüche schlössen sich unter dem gemeinsamen Kierkegaardichen Titel zusammen: Stadien auf dem Lebenswege.' Der Verfasser der„Entwickelungs- geschichte einer Seele' von 188ö, der sich selbst 1909 fremd und»insympathisch geworden sein will, ist demnach nicht der Ver- fasser, der das Buch geschrieben hat, sondern der, der darin beschrieben wird. Darum aber auch verwahrt sich der Strindberg von 1909 an derselben Stelle mit Recht dagegen, seine seelische Entwickelungs- geschichte von 1886 als Memoiren oder Bekenntnisse zu nehmen. Wie im Texte selbst bereits nennt er sie jetzt noch„einen Bücher- abschlug oder eine Abrechnung". Er hätte sie ebensogut„Dichtung und Wahrheit' im klassischen Sinne nennen können. Denn sie stellt fich dar als die gedichtete Jugendgeschichte eines Mannes(in engem Anschluß an des Dichters eignes Lebe»), dem ein in Wahrheit erst allmählich aufdämmerndes Klassenbewußtsein von Anfang an zugedacht wird. Dieser Held deS Romans ist es denn,„der die Entstehung und Entwickelung seiner Seele untersucht", wie sie unter allen zu- sammeuwirkendcn Ursachen von Erblichkeit, Erziehung, Naturell, Temperament entstanden und sich unter dem Druck und der Einwirkung der äußeren Ereignisse und geistigen Bewegnngen der historiicken Epoche entwickelt hatte.' Und er gibt sie wieder unter dem Druck und der Einwirkung von Klassengegensätzen, im vollen Bewußtsein eigener Zugehörigkeit zur„Unterklasse". Die beute in Schweden geläufigen Begriffe von.Obcrklasse" und.Unterklasse' stanunen von Strindberg. Er selbst ist keineswegs proletarischer Abkunft, sondern Sproß einer gutsituierten Kaufmannsfamilie, die zufällig in seinen ersten Kinderjahren unter geschäftlichen Mißerfolgen des Vaters zu leiden hatte. Die Mutter dagegen, die sich vor der Ehe als Dienstmädchen und Kellnerin halte ernähren müssen, hat ihm die Instinkte und Gedanken vererbt, die den Sohn iinmer wieder zur Unierklaffe ziehen, während der Vater mit den Merkmalen und Gewohnheiten des Wohlstandes ihn zu sozialem Aufstieg verpflichtet und mit den entgegengesetzten Gefühlen der Oberklasse erfüllen möchte. Diese Gegensätze bilden den tiefsten und letzten Konflikt seiner seelischen Entwickelung. der sich besonders bei der Berufs- wähl aus das Berhängnisvollste geltend macht. Strindberg war nacheinander Hauslehrer, noch als Schüler, und Vernichs- weise Prediger, Philosophiestudent und gleichzeitig Volks- schullehrer; Mediziner und Schauspieler; Schriftsteller und Maler; Redakteur, Tclegraphist, königlicher Bibliothekar. Was ihn immer wieder von neuem losreißt und weitertreibt, ist der unerbittliche Zwang einer bestehenden Gesellschaft, in ihren tausend Formen, der seine Entwickelung unterworfen war, in Schule, Familie, jeder ökonomischen Abhängigkeit, und anderer- scitS das Entfaltungsbedürfnis senier eigenen Persönlichkeit, die neuen menschlichen Daseinsformen dienen möchte. Dieser ungestüme Drang, der sich im gleichen Tempo mit seiner Phantasie nicht reali- sieren will, läßt ihn die„Utopien in der Wirklichkeit" erfinden, Idealbilder im Sinne Saint-Simons und Fouriers, künstlich eher als künstlerisch. Die Tyrannei der Gesellschaft treibt ihn später in den extremen Individualismus, aus dem ihn erst wieder eine religiöse Einkehr erlösen sollte. „Der Sohn einer Magd' ist heute, ein Vierteljahrhundert nach der Entstehung, noch daS stärkste dichterische Dokument seiner Gattung, ein Dokument mit allen Anzeichen der Ilebergangszeit, in der wir noch stehen, eben jenes Uebcrganges von der Herrschaft einer Obcrklasse zu ihrer Gleichsctzung mit der Unterklasse. Und in dieser Uebcrgangscpoche konnte es nur entstehen, nicht als gedank- lichcs Bekenntnis, sondern als dichterisches Bild aus einer so weit- umfassenden Phantasie, wie die Slrindbcrgs es ist. dessen ganzes Lebenswerk einen Titanenkampf des Bildners gegen die Zerrissenheit und mangelnde Kultureinheit dieser Uebcraaugszcit bildet. Alfons Fedor Cohn. (Nachdruck verdaten.). Oer Panamakanal. Ein neuer Weg des Weltverkehrs Von Hanns Günther. Als Junge habe ich häufig darüber nachgegrübelt, warum die Natur eigentlich ihren Kindern überall so große Berge vor die Nase gesetzt hat, die gerade den Eintritt in die gelobten Länder der Erde vernxhren. Da sind dia Alpen, die wie ein dicker Riegel auer vor Italiens Fluren liegen, die Pyrenäen, die Spanien sper- ren und viele andere Ketten noch, die ich damals alle kannte und nannte. Heute bin ich ein wenig von der Meinung abgekommen, daß alles auf Erden dem Menschen diene, und daß es deshalb hübsch für ihn eingerichtet sein müsse. Aber geblieben ist mir aus jener Zweifelszeit immer die Achtung davor, mit welcher Geschick- lichkeit und welchem Auftvand an Geld und Zeit die Menschen über- all schaffen und tagcwerken, um diese natürlichen Mauern zu durch- brechen. Tunnels hat man gegraben und Wasserstraßen und Eisen- bahnen gebaut, alles nur zu dem einen Zweck, Grenzen zu über- winden und Entfernungen zu durchfliegen, die die Natur ursprüngi. lich als Hindernisse schuf. Auch in unseren Tagen ist wieder ein Werk der Vollendung nahe, das Mutter Natur ein Schnippchen schlägt, und das wieder einmal zeigt, daß die Menschenkinder der alten Dame helrte doch ein wenig über sind. Denken wir uns für ein paar Stunden hinüber nach dem ame- rikanischen Kontinent. Bon den arktischen Regionen zieht er sich hinunter bis bald in die Antarktis hinein. Im Norden ist das riesige Viereck, das die Vereinigten Staaten mit Mexiko und ein paar anderen Ländern füllen. Im Süden hängt der dreieckige Zipfel Südamerikas tief herab, und in der Mitte dazwischen liegen als schmaler Verbindungssteg die zentralamerikanischen Staaten. Dieser schmale Landstrcifcn, der in Wirklichkeit auch eine trennende Mauer ist, hat die Menschen jahrhundertelang schon geärgert. Er zwingt Schiffe, die etwa bei Colon und Panama ankern, und die sich hier— bildlich gesprochen— ungefähr durch das Sprachrohr anrufen können, ganz Amerika zu umfahren, wenn sie zueinander kommen wollen, und diese Reise ist natürlich kein Katzensprung, denn es handelt sich da um ungefähr 20 000 Kilometer Weges. Dazu liegt Amerika mit seinen Ländermasscn gerade zwischen den alten Kulturstaaten Westeuropas und den reichen Gefilden Asiens, so daß natürlich der Umweg von jeher dem Handel arg hinderlich war. Was lag näher, als einen Weg durch diese Landbrücke hindurch zu suchen, um so die Reise, die einmal notwendig war, so viel wie möglich abzukürzen. Gleich mit der Entdeckung Amerikas beginnt denn auch schon daS Sehnen und Trachten nach einer solchen Verbindung, aber erst in der Mitte deS 19. Jahrhunderts kommt Klarheit in diese Pläne hinein. Kalifornien war damals gerade in den Besitz der Ver» einigten Staaten übergegangen. Tie Weit wurde durch die erste» Eolöfunte dort ül'erroscht, ,md nun strömten Tausende von Gold- grabern aus dem Osten herbei, die alle da? neue Goldland er- reichen Ivolllcn. Die meisten kamen mit Dampfern in Greytown an und wanderten quer über die Landenge von Panama oder West- dich durch Nikaragua. Viele ertranken, noch mehr verhungerten, und Hunderte erlagen'dem gelben Fieber und der Nlalaria. Aber Zimmer neue Schirren folgten, und so entschloß man fich um 1855 zum Bau einer Eisenbahnlinie von Colon nach Panama, die dann aum Aufblühen Kaliforniens wie überhaupt der westlichen Staaten Ämerikas ungeheuer beitrug. Die goldene Ernte, die die Bahn- yesellschaft einheimste, zeigte die Möglichkeit eines Kanals im gün- ftigsten Lichte, und nun wurden in den folgenden Jahren die Landenge hinauf und hinab Vermessungen ausgeführt und Expeditionen ausgeschickt, die die besten Stellen für eine Durchgrabung feststellen sollten. Nach allen Vorarbeiten aber ergab sich, daß eigentlich nur zwei Wege wirklich in Frage kommen konnten, der durch die Land- enge von Panama und der Nikaraguakanal, für den besonders die amerikanischen Ingenieure waren. Die europäischen Sackwerstän- digcn hielten mehr von dem Panama-Projekt, und zu ihren Gunsten entschied sich dann die französische Gesellschaft, die sich 1879 für den Bau des Kanals bildete. Ferdinand v. LessepS, der Erbauer des Suezkanals, stand als Ehrenpräsident an der Spitze, und das schuf dem neuen Unternehmen anfänglich die günstigsten Aussichten und den größten Kredit. Doch die Aussichten trogen, und um 1888 er- -folgte-der Zusammenbruch der Pauama-Kompagnie, der damals in Frankreich riesiges Aufsehen erregte, weil Tausende von kleinen Sparern ihr Geld dabei verloren. Die Geschichte des Kanals geht über diesen Zusammenbruch ruhig werter. Fünf Jahre lang lagen die Arbeiten still, dann aber wurden sie von einer neuen französischen Gesellschaft wieder aufge- -nommen und langsam fortgeführt,-bis die Vereinigten Staaten eines Tages erkannten, wie wichtig dieser Wasserweg für sie werden könne. Im Jahre 1902 erhob der Kongreß in Washington den Bau eine? zentralamcrikanischen Kanals zum Gesetz. Man unterhandelte mit Kolumbien, dem die Landstrecken, durch die der Kanal geftchrt wurde, gehörten, aber dies weigerte sich, das Land zu verkaufen. da ihr die angebotene Summe zu niedrig schien. Die Kolumbier jselber lvaren anderer Meinung. Der nördliche Teil des Landes revoltierte, erklärte sich zur Republik Panama, und schloß im No- vember 1903 mit der Union den Panamakanalvcrtrag. durch den die Vereinigten Staaten einen sich qncr durch die Landenge von Panama erstreckenden Landstreifen von 10 Kilometer Breite er- tvarben, dessen Mittellinie der Kanal bildet und innerhalb dessen die Union alle Hoheitsrechte besitzt. Im April 1904 folgte der An- kauf der französischen Gesellschaft, die den Vereinigten Staaten das ganze Unternehmen mit allen fertigen Arbeiten, Maschinen, Ansiedlungen, Baumaterialien usw. für 100 Millionen Mark abtrat. Der Anfang de» Kanal» liegt bei Colon, etwa 7 Kilomeier von der Küste entfernt.'Er führt zunächst durch die sich von Colon süd- dich erstreckende Limonbucht und dann von da als 150 Meter breite Wasserstraße 4 Kilometer weit quer durch das Land bis Gatun, wo «r auf den Chagresfluß trifft. Ursprünglich wollte man in seinem Bett den Kanal tociterführen, aber dann merkte man, daß der Wasserstand des Flusse? loie der aller tropischen Ströme außer- ordentlich schioantte, so daß die in einer Sekunde bei Hochwasser abfließende Waffermenge den 300fachen Betrag vom Gefunden« abfluß bei niedrigstem Wasserstand erreichte. Deshalb ist man dazu übergegangen, die Fluten de» Cbagre» durch einen bei Gatun errichteten Damm abzufangen und in einem großen Binnensee aufzuspeichern. Der Gatundamm besteht aus zwei Flügeln, die sich in einem stumpfen Winkel treffen. Er ist 2400 Meter lang, hat am Grunde eine Breite von 800 Metern und bei einer Gesamt- höhe von 45 Metern nur ganz flache Böschungen. Nach seiner Fertigstellung staut er als die gewaltigste Talsperre der Welt einen See von 424 Quadratkilometer Fläche auf, dessen Spiegel 20 Meter -über der mittleren Mecresfläche beider Ozeane liegt. Neben der Regulierung des ChagreS wir» das Wasserbecken gleichzeitig die Atasserspeisung der gesamten über der MeereShöhe gelegenen Kanal- strecke besorgen. Um bei besonders hohem Wasserstand des Chagres lieber- flutungen zu verhindern, ist in der Mitte des Gatundammes ein kleines Schleusenwerk angebracht, das gleichzeitig die Kraft für die «elektrischen Anlagen am ganzen Kanal und für die beiden Städte Colon und Panama liefert. Die Zuverlässigkeit de» riesigen Dammes ist natürlich für den Bau de? ganzen Kanals von allergrößter Bedeutung, und die Fol- gen eines plötzlichen DammbrucheS nach Eröffnung des Kanals lassen sich überhaupt nicht übersehen. Um so mehr muß man hier den Bedenken Gehör schenken, die bereits seit Jahren von verschie- denen Seiten gegen den Dammbau geltend gemacht wurden, die die Bauleitung jedoch immer wieder zu beschwichtigen verstand. Der Boden, auf dem der Damm niht, besteht aus wasserundurchlässigem Lehm. Er wird aber von zwei alten Kanälen des Chagresslusses durchzogen, die jetzt mit Sand. Kies. Muscheln usw., also mit recht durchlässigem Material gefüllt sind. Diese Kanalschichten gehen bis zu einer Tiefe von 88 Meter, und man hat daher unterhalb de» Dammes mit einer mächtigen Schicht zu rechnen, die dem Druck der aufgestauten Wasscrmassen vielleicht nicht genügend Widerstand leisten kann, so daß Durcbsickerungen entstehen, die den Bestand der ganzen Anlage gefährden. Die Bauleitung betont aller- Vecantw, Redakteur: Richard Barth, Berlin.= Druck u. Verlag: ding? immer wieder, daß die Fundierunz eine durchaus fichrte sei. Sie stützt sich dabei auf die Ergebnisse von Bohrungen, die man kürzlich angestellt hat. Es ergab sich dabei zwar, daß unter dem Damm Lehm und Sand abwechseln, aber das Bohrloch zeigte in seinen Wandungen bis zum untersten Ende nicht die geringste Neigung zum Bröckeln, und daraus schließt man, daß der Boden so fest ist, daß er wohl allen Druckwirkungen widerstehen wird, zumal die Sandschichten von einer harten Lehmmasse eingeschlossen sind, die ihnen an ollen e-eilen Halt gibt. Nur die obersten Sand- Massen in einer Mächtigkeit von etwa 27 Meter sind ohne solche Gegenwirkung, und hier mußte man deshalb durch seitlich einge-. senkte wasserundurchlässge Massen künstlich den nötigen Halt geben. Allerdings fragt es sich, ob die bei den Proben hergestellten Ver- suchSverhaltnisse mit der späteren Wirklichkeit tatsächlich überein- stimmen, oder ob dann bielleicht noch ganz andere Druckbedingun- gen entstehen. Darauf kann natürlich erst die Erfahrung Antwort geben. Der Damm selbst wird durch einfaches Anschütten ohne Ein- rammen von Pfählen oder sonstige Fundierungen gebaut. Als man vor etwa 4 Jahren mit diesem Plan deS Dammbaues herauskam, erhoben sich zahlreiche warnende Stimmen, so daß man iwtgedrun- gen Konzessionen machen mußte. Man begann damals, den Boden durch das Einrammen von Pfählen zu festigen, hörte aber bald wieder auf, da man auf Grund der neueren Untersuchungscrgeb- nisse glaubte, diese Vorsorge sparen zu können. Im Januar 1911 hatte der Damm bereits eine Höhe von 2Z Metern erreicht. Er besteht ans zwei seitlichen Anschüttungen von Gestein, zwischen denen sich eine Zwischenwand aus feinem Ma- terial befindet, das dem Wasser den Weg versperrt. Für dies« Zwischenlage benutzt man einfach das gleiche Material, auf dein der Damm steht, also den vom Chagres herangespültcn Schlamm. Die Gesieinswände sollen der wasserundurchlässigen Schickt den nötigen Halt verleihen, und eine Verschiebung durch den Wasser-, druck verhindern. Wie. sich der Damm heute dem Auge darbietet. macht er allerdings den Eindruck größter Sicherheit und riesiger Widerstandskraft. Der Neigungswinkel der Dammoberflächc zur Erde ist so gering(1:10), daß man es eher mik einer sanften Bodenansteigung«lö mit einem künstlichen Bauwerk zu tun zu haben glaubt, und diese Täuschung wird dadurch vollständig, daß die un- teren Teile bereits mit dichtem Graswud� bedeckt sind. Anfänglich befürchtete seitliche Bo-denverschiebungen und Boden! wellungen durch den Druck des Dammes sind, wie die Ingenieure vorhersagten, nickt eingetreten, wohl in erster Linie infolge der flachen Form, die so breit nach beiden Seiten auslagert. Da der Gatunsee 20 Meter über dem Meeresspiegel liegt, müssen die Schisse natürlich vor dem Eintritt in den See auf diese Höhe geljobcn werden. Das geschieht durch drei gewaltige Doppelschleusen, von denen jpde ein Drittel des Höhenunterschiedes überwindet, und die, wie alle übrigen Schleuscnwerke des Kanals, 330 Meter lang und 33 Meter breit bei einer Wassertiefe von 12% Meter sein werden. Diese Abmessungen genügen, nm selbst die allergrößten Schisse noch aufzunehmen. Di« Schleusen sind doppelt gebaut. Es liegen also dreimal je zwei nebeneinander, und so können zu gleicher Zeit Schiffe in steigender nnd in fallender Bewegung, also sowohl von Süden nach Norden wie auch von Norden nach Süden befördert werden. Weiter hat jede Schleuse eine größere und kleinere Abteilung, so daß große und kleine Schiffe ohne Gefahr gleichzeitig befördert werden können. Der Schleusen- bau bei Gatun ist heute schon so weit vorgeschritten, daß man sich ein Bild von der ungeheuren Mächtigkeit dieser Bauwerke machen kann. Bis zur Fertigstellung werden ungefähr 4 Millionen Kubik- meter Beton verbraucht sein, zu deren Herstellung eigene riesige Anlagen geschaffen wurden. Die notwendigen Steine kommen von Porto Bello, einem kleinen Dorfe an der Küste des Atlantischen Ozeans. Das Gestein wird in riefigen Mühlen gemahlen, durch Boote nach Aristobal, einem Ort am atlantischen Eingang des Kanals, geführt und von hier durch die schon im Betrieb befindliche Kanalstrecke nach Gatun gescbasst. Der Sand kommt von Nombre de DioS. einem zweiten Küstcnort, und den Zement liefert New Uork. Der Boden, auf dem die Schleusen stehen, ist mit einer 0 Meter dicken Zementschicht belegt. Die Ouermaueni haben eine Grundbreite von 13— 15 Meter und sind am oberen Ende immer noch 2,4 Meter breit. Die Schleusentore sind aus Stahl hergestellt, und zwar in doppelter Konstruktion mit einem beträchtlichen Zwischenraum, damit sie nicht etwa einmal beide herausgerissen werben können. Wenn ein Schiff zufällig gegen ein Tor fahren und dieses zertrümmern sollte, so bleibt immer noch da? zweite Tor unversehrt. Außerdem liegen schwere Schutzketten vor de» Toren, die bei solchen Unfällen den ersten Stoß aufnehmen würden. Durch die Schleusen darf kein Dampfer mit eigener Kraft fahren. Riesige, elektrisch betriebene Lokomotiven ziehen die Schisse hinein und hindurch. Für die Leistungsfähigkeit der Schleusen und des ganzen Kanals ist naturgemäß die Zeit, in der die Schleusen gefüllt werden können, von der größten Bedeutung. Man hat berechnet, daß die Füllung einer Schleusenkammer etlva eine Vier- telstunde in Rnspnfth nehmen wird. Im ganzen sollen etwa 48 Durchschlensungen täglich vorgenommen lverden, und wenn diese Zahl eingehalten wird, würde die Leistungsfähigkeit de» Kanals die de» Suezkanak» bald viermal übersteigen. lSchluß folgt- vorwärt»Buchdruckereiu.VerlagZanstaltPaulSlngerziCo.,Pcrtm5VV.