Nnterhaltungsblatt des'Dorwärts Nr. 143. Donnerstag den 3. August 1911 44] pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman don M. Andersen Nexö. Eines TageS kam Marker gelaufen.„Jetzt hat der Konditor einen neuen Gesellen von da drüben gekriegt, und der ist Sozialdemokrat!" rief er ganz atemlos.„Er ist gestern abend mit dem Dampfschiff gekommen." Bäcker Jörgen hatte es auch schon gehört. „Ja, nun habt Ihr sie über Euch!" sagte Jeppe unheil- verkündend.„Ihr habt alle zusammen mit dem neuen Zeit- geist gespielt. Das wäre übrigens etwas für Bjerregrav gewesen, der mit seinem Mitleid mit den Armen." „Laß den Schneider in Frieden in seinem Grab Tuhen," sagte Holzbein-Larsen versöhnlich.„Er soll nicht Schuld haben an den bösen Mächten, die heutzutage bestehen. Er wollte nur das Gute und vielleicht wollen diese hier auch das Gute!" „Das Gute?" Jeppe war lauter Hohn.„Sie wollen Gesetz und Ordnung umstürzen und das Vaterland an die Deutschen verkaufen. Sie sagen, daß die Summe schon ab- gezählt ist und alles!" „Sie sollen zur nächtlichen Zeit in die Hauptstadt ein- gelassen werden, wenn unsere eigenen Leute schlafen," sagte Marker. „Ja," sagte Meister Andres feierlich.„Sie haben ver- raten, daß der Schlüssel unter die Matte gelegt ist, die Satans- kerle!" Da brach Bäcker Jörgen in ein lautes Gelächter aus: er füllte die ganze Werkstatt damit, wenn er erst zu lachen anfing. Sie rieten hin und her. was für ein Bursche der neue Geselle wohl sein möge. Noch hatte ihn niemand gesehen. Er hat sicher rotes Haar und einen roten Bart," meinte Bäcker Jörgen.„Das ist die Art und Weise des lieben Gottes, die Leute zu zeichnen, die sich dem Bösen verschrieben haben." „Gott mag wissen, was der Konditor mit ihm will," sagte Jeppe.„Solche Art Leute können ja nichts tun, die stellen bloß Forderungen. Ich habe gehört, daß sie alle zu- sammen Freigeister sein sollen." „Verteufelte Komödie!" Der junge Meister schüttelte sich vergnügt.„Der wird nicht alt hier in der Stadt." „Alt?" Der Bäcker richtete seinen schweren Körper auf. „Morgen am Tage gehe ich zu dem Konditor und verlange, daß er ihn wegjagen soll. Ich bin Kommandeur der Bürger- wehr, und ich weiß, daß alle Bürger so denken wie ich." Drejer meinte, es könnte gut sein, von der Kanzel zu beten, so wie zur Zeit der Pest und in dem harten Jahr, als die Feldmäuse so hausten. Am nächsten Vormittag kam Jörgen Kofod vorüber auf dem Wege zum Konditor. Er hatte den alten Bürgerwehrrock an, am Gürtel hing noch der Lederbeutel, in dem Kieselsteine für das Flintenschloß vor vielen Jahren getragen wurden. Er füllte die Kleider gut aus, kam ober unverrichteter Sache zurück. Der Konditor lobte seinen neuen Gesellen über alle Maßen und wollte kein Wort davon hören, sich von ihm zw trennen. Er war ganz vernarrt.„Aber dann kaufen wir da nicht mehr! Daran müssen wir alle festhalten, und keine ordentliche Familie darf in Zukunft mit dem Landesverräter Verkehren." „Hast Du den Gesellen gesehen, Oheim Jörgen?" fragte Meister Andres eifrig. „Jawohl habe ich ihn gesehen! Das heißt von weitem! Er hatte ein paar gräßliche, stechende Augen: aber mich soll er nicht mit seinem Schlangenblick verzaubern!" Am Abend streiften Pelle und die anderen auf dem Markt umher, um einen Schimmer von dem neuen Gesellen zu er- haschen. Da waren viele Leute: sie gingen dort in derselben Absicht auf und nieder. Aber er hielt sich offenbar im Hause. Und dann eines Tages gegen Abend kam der Meister hereingestürzt.„Sputet Euch, zum Teufel auch!" rief er ganz außer Atem.„Jetzt kommt er hier vorbei." Sie warfen alles hin und stürzten durch den Gang in die gute Stube, die sonst nicht betreten werden durfte. Es war ein großer, kräftiger Mann, mit vollen Wangen und großem, schneidigen Schnurr- hart, ganz so wie der des Meisters, er hatte aufgeblähte Nasenlöcher und schob die Brust stark vor. Weste und Rock standen offen, als bedürfe er vieler Luft. Hinter ihm drein schlichen ein paar Straßenjungen, in der Hoffnung, irgend etwas zu erleben: sie hatten ihren gewöhnlichen Uebermut ganz eingebüßt und bewegten sich lautlos. „Er geht so, als wenn die ganze Stadt ihm schon gehöre!" sagte Jeppe höhnisch.„Aber hier soll er bald fertig werden!" 20. Draußen auf der Straße kam einer vorüber und noch einer und noch einer: es ward ein ganzes Getrampel von Füßen. Der junge Meister pochte an die Wand.„Was in aller Welt ist denn das, Pelle?" Er hatte nicht die Absicht, an diesem Tage aufzustehen. Pelle lief hinaus, um Bescheid einzuholen.„Jens sein Vater hat Delirium bekommen. Er hat den ganzen Hafen ge- räumt und droht, alle totzuschlagen!" Der Meister erhob den Kopf ein wenig.„Weiß Gott, ich glaube, ich stehe auf!" Seine Augen strahlten: nach einer Weile war er in seinen Kleidern und hinkte von bannen, sie hörten ihn häßlich in der Kälte husten. Der alte Jeppe steckte sein Amtskäppchen in die Tasche, ehe er davon rannte: vielleicht war Gebrauch für die Obrig- keit. Die Lehrlinge saßen eine Weile da und starrten nach der Tür wie kranke Vögel, dann rannten auch sie von bannen. Draußen war das ganze im Aufstand. Die wildesten Ge- rüchte waren im Umlauf, was Steinhauer Jörgen alles aus- gerichtet hatte. Die Erregung hätte nicht größer sein können, wenn ein feindliches Geschwader vor Anker gegangen wäre und angefangen hätte, die Stadt zu beschießen. Jeder ließ fallen, was er in der Hand hatte und stürzte nach dem Hafen hinab. Die schmalen Gassen waren ein ununterbrochener Zug von Kindern und alten Weibern und kleinen Meistern im Schurzfell. Alte, gichtschwache Seeleute krochen aus ihrem Altersschlaf hervor und humpelten von bannen, die Hand hinten auf der Lende, mit schmerzlich verzerrtem Gesicht. „Futti, futti, futti, pfui! All die pechigen Rüssel!" Ein paar Straßenjungen erlaubten sich diesen kleinen Abstecher, als Pelle mit seinen Lehrkameradcn gelaufen kam: sonst war alle Aufmerksamkeit nur auf das eine gerichtet: „die Kraft" hatte wieder um sich geschlagen! Es lag eine ge- wisse Festlichkeit über den Gesichtern der Leute, als sie dahin liefen, eine lichte Erwartung. Es war lange füll um den Steinhauer gewesen, er ging und schuftete wie ein Riesenlast- tier, erloschen und tot anzusehen, mühte sich ab lieber wie ein Bär und trug am Abend zwei Kronen still nach Hause. Es war beinahe peinlich, Zeuge davon zu sein, und ein ent- täuschtes Schweigen legte sich auf ihn. Und nun zersprengte er plötzlich das ganze, so daß jedermann zusammenzucktet Alle hatten etwas auf ihn zu sagen, während sie von bannen eilten. Jeder hatte vorausgesehen, daß es so kommen müsse: er hatte lange so unheimlich ausgesehen und alles Böse auf- gespart, es war nur ein Wunder, daß es nicht schon früher gekommen war. Solche Leute durften eigentlich nicht frei umhergehen, sie mußten auf Lebenszeit eingesperrt werden! Sie nahmen seinen Lebenslauf wohl schon zum hundertsten Male durch, von dem Tage an, als er jung und keck in seinen Lumpen daher gestapft kam und seine Kräfte geltend machen wollte, bis er das Mnd in die See trieb und als Blödsinniger zur Ruhe kam. Unten im Hafen wimmelte es von Leuten: alles, was nur krieck>en und gehen konnte, hatte sich eingestellt. ES war Humor in den Leuten trotz der kalten und kargen Zeit, sie stampften und machten Witze. Die Stadt hatte mit einem Schlage den Winterschlaf abgeschüttelt, die Leute krochen auf die Felsblöcke und hingen dicht gedrängt in den zusammen- geschlagenen Holzrahmen, die für die Molen versenkt werden sollten. Sie machten lange Hälse und zuckten nervös zu- sammen, als könne irgend etwas unversehens kommen und ihnen den Kopf abschlagen. Jens und Marten waren auch da: sie standen ganz abseits und sprachen zusammen. Traurig sahen sie aus mit ihren scheuen, gequälten Gesickstern und dort, wo die große Helling schräge nach dem Boden des Beckens zu- lief, standen die Arbeiter in Scharen: sie zogen, um etwas»» tun, die Hosen in die Höhe, schielten einander verlegen an und fluchten. Aber unten auf dem Boden des großen Beckens ging„die Kraft" allein umher und reeierte. Er schien von seiner Um- gebung so wenig zu wissen wie ein Kind, das von einem Spiel in Anspruch genommen ist: er hatte seine eigenen Ziele. Aber was das war, war nicht gut zu wissen. In der einen Hand hielt er ein Bündel Dynamitpatronen, mit der anderen stützte er sich auf eine schwere eiserne Stange. Er war langsam und gleichmäßig in seinen Bewegungen wie ein schwerfälliger Bär. Wenn er sich aufrichtete, riefen die Kameraden ihm gallig zu, sie würden kommen und ihn in kleine Stücke zer- reißen, wollten seinen Magen aufschneiden, so daß er seine eigenen Eingeweide riechen könne, würden ihn mit ihren Messern zurichten und die Wunden mit Höllenstein einreiben, wenn er nicht gleich seine Waffen niederlege und sie an ihre Arbeit kommen ließe. «Die Kraft" würdigte sie keiner Antwort. Vielleicht hörte er sie gar nicht. Wenn er das Gesicht erhob, schweifte der Blick in die Ferne, geladen mit einer wunderlichen Wucht, die nicht menschlich war. Das entsetzlich todmüde Gesicht wies weiter weg in seiner Traurigkeit, als wohin irgend jemand folgen könnte.„Er ist wahnsinnig," flüsterten sie,„Gott hat ihm den Verstand genommen." Da beugte er sich wieder über sein Vorhaben, es sah so aus, als bringe er die Patronen unter der großen Mole an, zu der er selbst den Vorschlag ge- macht hatte. Aus allen Taschen zog er Patronen hervor. Darum also hatten sie ihm so sonderbar vom Leibe abge- standen. „Was zum Teufel will er nur? Die Mole in die Luft sprengen?" fragten sie und versuchten hinter die Schlippe zu schleichen, um ihm von himen beizukommen. Aber er hatte überall Augen: bei der geringsten Bewegung, die sie machten, war er mit seiner Eisenstange da. lLortieyung tolgt.s! JVIicbad faraday.*) England, das der Welt den großen Newton, den Vater der Mechanik geschenkt hat, ist auch die Heimat eines Naturforschers, dem die Physik eine Fülle der wunderbarsten unerwartetsten Eni- deckungen verdankt, die den Al stoß zu einer gänzlichen Umwälzung der Lehre vom Magnetismus und von der Elektrizrät und zu einer EntWickelung dieser Wissertschast gegeben haben, wie sie sich groß- artiger kaum denken läßt. Dieser Naturforscher ist Michael Faraday,»der König der Experimentatoren". Erst vor etwa 20 Jahren hat die auf ihn zurückgehende Epoche der Physik durch die Versuche von Heinrich Hertz einen gewissen Abschluß gefunden. Und jetzt leben alle Physiker vkllig in den Ideen und Anschauungen, die Faraday zum ersten Male geäußert hat, geleitet von einer staunenswerten Begabung, intuitiv den Zusammenhang zwischen scheinbar ganz voneinander gelrennten Naturerscheinungen zu er- fassen. Aber nicht nur die reine Wissenschaft, auch die Technik ge- meßt heute, was Faraday der Natur abgelauscht hat. Seine Eni- deckungen haben in ihren Folgen tief in das wirtschaftliche Leben der Völker eingegriffen. Wenn uns heute die elektrischen Zentralen «ller größeren Städte elektrisches Licht liefern, der Berkehr durch elektrische Straßenbahnwagen ,n ungeahnter Weife zugenommen hat, und in dieser Industrie Tausende Brot und Be'chäftigung finden, Telephonanlagen bequemste unmitte'bare Verständigung über weite Entfernungen ermöglichen, die elektrische Energie in weitestem Umfange der Menschheit zugängig gemacht ist, so ist das fast alles in letzter Linie auf Faradays Entdeckung der Induktion zurückzuführen. Und dieselbe Entdeckung ist es, die im Jndukto- rium benutzt wird, das heute die Röntgenröhren betreibt. Alle die wunderbaren Entdeckungen, deren eine einzige genügt haben würde, um ihrem Urheber einen Ehrenplatz in der Geschichte der Physik zu sichern, verdanken wir einem Manne, der in den ärmlichsten Verhältnissen ausgewachsen ist, kaum einen ordentlichen Elementarunterricht, geschweige denn jemals einen systematischen Unterricht in Naturwissenschaften genossen hat. einem vollkommenen Autodidakten, der nichts anderes mitbrachte als eine glühende Be- geistcrung für die Natur, einen rastlosen Eiser. einen offenen Blick und warme Empfänglichkeit für die Fülle der Erscheinungen, die ihm von außen entgegentraten. Aber gerade dieser völlige Mangel eines geordneten Unter- *) Wir entnehmen di-ke Darstellung deS Lebens und Schaffens des ausgezeichneten Physikers der hier kürzlich aner- kennend besprochenen Schrift F. A. Schulzes:„Die großen Physiker und ihre Leistungen".(Verlag von B. G. Teubner, Leipzig. Preis 1,25 M.) richtS, der sich in den tausendfach betretenen gewohnten Bahnen bewegt, in dem ein Wissen in feststehender durch Traditionen fast geheiligter Form von Generation zu Generation unverändert weitergegeben wird, nur zu leicht ein unbefangenes Betrachten des Erscheinungen unmöglich macht und allmählich von selbst dahin führt, daß der Geist die gewiesenen Bahnen nicht zu überschreiten vermag und wie mit Scheuklappen den einmal gewiesenen Weg verfolgt,— gerade dieser Mangel hat Faraday wohl dazu befähigt, unbeirrt und unbeengt von©dhulmeinungen ganz naiv, gewissermaßen von neuem, an die Erscheinungen heranzutreten, sie mit un- getrübtem Blick, nicht durch die Brille einer traditionellen Doktrin zu betrachten. Daher hat denn auch seine Vorstellung der elektrischen und magnetischen Kräfte etwas Revolutionäres, von den herrschenden Ansichten durchaus Abweichendes, mit ihnen Unverträgliches. Namentlich gegen die Lehre der Newtonschen Schule(nicht etwa Newtons selbst), von der reinen unvermittelten Fcrnwirkung der Gravitation, der elektrischen und magnetischen Kräfte, lehnte sich Faraday auf. Er konnte sich durckauS diose Lehre nicht zu eigen machen, sondern sah in der scheinbaren Fernwirkung mit genialer Intuition die Wirkung von unsichtbaren Zustandsänderungen, die sich mit endlicher Geschwindigkeit durch das Zwischenmedium von Ort zitztOrt fortpflanzen, wie etwa ein Schlag auf das Ende einer Spirale versetzt, als Welle an dieser fortgleitet. Freilich war es nun einer schnellen Verbreitung seiner Ideen wieder hinderlich, daß er sie, eben infolge des Mangels an einer Schulung, nicht in einer allgemein verständlichen Weise auszu- drücken vermochte, so daß sie meistens ganz unbeachtet oder unver- standen blieben. Wohl nahm man seine Entdeckungen mit Enthu- siasmus und Dank für den Entdecker hin, scbob aber seine theoreti- scben Ueberlegungen als etwas ganz Unverständliches, Lästiges oder gar Schrullenhaftes beiseite. Allerdings hätte man sich sagen müssen, daß Gedanken, die ihren Urheber zu solchen erstaunlichen Entdeckungen geführt, wohl einen außerordentlichen Wert haben mußten. Aber sie waren eben so abweichend von aller gewohnten Art oer Darstellung geschrieben, eilten auch ihrer Zeit so weit vor- ous, daß sie unverstanden blieben und wir erst heute imstande find, den gewaltigen in ihnen enthaltenen Reichtum und ihre Genialität im Erfassen des Tatsächlichen zu erkennen. Berichtet doch selbst ein Helmholtz, daß er oft ratlos auf Sätze von Faraday gestarrt und ihren Sinn nicht habe ergründen können. Erst als ein kon- genialer Landsmann Faradavs, Maxwell, eine Darstellung dieser Ideen in der den Gelehrten gewohnten Sprache gab, singen sie an, allgemein Eingang zu finden. Ten endgültigen Sieg seiner Vor- stellungcn, den die Hertzschen Versuche brachten, hat Faraday nicht mehr erlebt. Tie drahtlose Telcgraphie, die sich wiederum auf diese berühmte» Versuche gründet, ist der denkbar glänzendste Beweis für die Richtigkeit der Faradabschen Ideen. Faraday wurde am 22. September 1791 als Sohn eines Schmiedes in Newington Butts geboren, einem Dorf, das heute ganz in dem Weichbild Londons aufgegangen ist. Nach einem kümmerlichen Elementarunterricht wurde er zunächst Laufbursche und nach einer einjährigen Probezeit Lehrling bei dem Buchhändler Niebau. Der aufgeweckte Junge ließ sich nicht an dem Binden der Bücher genügen. Ihn fesselte ihr Inhalt, und er las ziemlich wähl- los alles, was ihm dabei unter die Hände kam. Doch waren es bald vor allem die Bücher über Physik und Chemie, deren Inhalt ihn förmlich begeisterte. Er machte die einfachsten Grundversucbe der Chemie nach und baute sich selbst eine noch heute erhaltene Elektrisiermaschine. Bon entscheidender Bedeutung für sein ganzes Leben war der Besuch einer Anzahl Abendvorlesungen über Naturphilosophie, die der Chemiker Tavy in den Jahren 1319 und 1811 hielt. Das Eintritts- gcld erhielt Faraday von seinem Bruder. Bon diesen Vorträgen hatte Faraday genaue Ausarbeitungen gemacht. Seine Gcdaken waren jetzt nur noch bei der Naturwissen- schast, und als er nun noch das Unglück hatte, als Geselle zu einem rauhen heftigen Meister zu kommen, faßte er sich ein Herz und schrieb unter Beilegung seiner Ausarbeitungen an Dovy einen Brief mit der Bitte, ihn«n seinem Vorhaben, das Handwerk auf- zugeben und sieb ganz der Naturforschung zu widmen, mit seinem Rat und seiner Hilfe zu unterstützen. Faradays Herzenswunsch ging auch in Erfüllung. Daby, dem der junge Mann einen guten Eindruck gemacht haben muß, bot ihm die Stelle als Laborant in seinem Laboratorium an, die Faraday natürlich mit tausend Freuden annahm. Formell wurde er von der Royal Institution(königliches Institut) angestellt, an der Davy als Dozent tätig war. Es ist dies eine höchst eigenartige wissen- schaftliche Gesellschaft. Sie wurde 1799 von Graf Rumford als eine Art tecknische Schule gegründet. Sie kann heute als eine Art Universität für Naturwiffensckaften gelten, die Professoren besoldet, die in erster Linie nur die Verpflichtung zur Forschung, in zweiter die Abhaltung öffentlicher Vorlesungen übernehmen. An dieser Anstalt wurde Faraday mit 22 Jahren Vorlesunysasfistent. und hat ihr seine Kräfte sein ganzes Leben hindurch aufs eifrigste ge- widmet. Ihm und Tavy verdankt man, daß die Anstalt über die ersten Jahre ihres Bestehens glücklich hinwegkam, in denen sie öfters einzugehen drohte. Allmählich fing Faraday auch selbst mit eigenen Wissenschaft- lichen Forschungen an und veröffentlichte seit 181S eine Reihe kleiner Mhandlungen aus den verschiedensten Gebieken der Physik und Chemie; auch begann er nun, öffentliche Vorträge über Chemie zu halten. Bis 1825 war Faraday nominell Assistent von Davy und Brandl. In diesem Jahre wurde er zum Tirektor des Laborato- riums der Royal Institution ernannt. In unveränderter Treue widmete er ihr fortan seine Dienste bis an sein Lebensende. Trotz der im Vergleich zu seinen Leistungen geradezu kläglichen Befol- dung lehnte er 182? einen Ruf als Professor der Chemie an der llniversität London ab, mit der ausdrücklichen Begründung, daß er seine Tätigkeit weiter der Royal Institution- widmen wolle, in dankbarer Erinnerung des Schutzes, den sie ihm bisher in seinem Leben gewährt habe und der Quelle hohen Glückes, die sie ihm geworden sei, indem fie ihm die Zeit und Mittel zur Ausführung seiner wissenschaftlichen Nntevsuchungen in reichem Maße gewähre. An diesen hing er mit solcher Leidenschaft und Begeisterung, daß er 1830 sogar die Ausführung von Analysen, die er teils im Privat- auftrag, teils als Sachverständiger ausführte, und die so aus- gezeichnet honoriert wurden, daß er in Kürze dadurch großen Reich- tum hätte erwerben können, ganz aufgab, um sich vollständig seinen geliebten Versuchen widmen zu können. Mit diesem Jahre beginnt denn auch die glänzende Reihe seiner Experimentaluntersuchungen über Elektrizität, die ihn von Entdeckung zu Entdeckung führten. Den Ausgangspunkt bildet die Auffindung des engen zwischen Elektrizität und Magnetismus bestehenden Zusammenhanges durch Oerstcdt im Jahre 1820. Oerstedt fand, daß ein Magnetpol, der sich in der Nähe eines elektrischen Stromes befindet, einen Bewcgungs- antrieb erfährt, und zwar senkrecht zu der durch den Stromleiter und den Pol gehenden Ebene. Durch diese Entdeckung wurde eine innige Wechselbeziehung zwischen zwei Naturerscheinungen, den elektrischen und den magnetischen, aufgedeckt, die vorher gänzlich zusammenhanglos erschienen..Sie hat", wie Faraday sagt,.die Tore zu einem wissenschaftlichen Reiche gesprengt, das bis dahin in tiefem Dunkel lag, und hat es mit einer Flut von Licht erfüllt." 1821, ein Jahr nach Oerstedts Entdeckung der Drehung eines Magnetpols um einen gradlinigen Leiter, gelang ihm der Nachweis des umgekehrten Effekts, nämlich der Rotation eines Stromleiters um einen feststehenden Magnet. War dieser Versuch auch wesent- lich nur eina andere Seite des Oerstedtschen Fundamentalversuches, so war doch die Feststellung dieser llmkehrung des Phänomens von großer Wichtigkeit. Doch war diese Entdeckung gewissermaßen nur der Auftakt zu einer noch ungleich bedeutenderen, ja man muß wohl sagen, der glänzendsten, überraschendsten Entdeckung unter den vielen, die wir Faradays Scharfsinn verdanken, die A u f s i n- dung der Maynetoinduktion. Jerstedt hatte gezeigt, daß ein elektrischer Strom magnetische Kräfte um sicb herum erzeugt. Bis dahin war man zur Erzeugung von magnetischen Kräften auf die in der Natur vorkommenden Magnetsteine angewiesen, oder auf Stahlstücke, die durch Streichen mit einem natürlichen Magneten magnetisiert waren. Nu» zeigte sich, daß man zur Erzeugung von Magnetismus nicht auf die natürlichen Magnete allein angewiesen war, sondern daß man auch magnetische Kräfte allein aus Elektrizität gewinnen kann. Bon einem wunderbaren Instinkt geleitet sucht nun Faraday nach einer Erscheinung, welche die Umkehrung dieser Erzeugung von Mag- netismus durch Elektrizität darstellt. Er war überzeugt, daß es etwas derartiges geben müsse. Mit eiserner Konsequenz verfolgte er diesen Gedanken. Aber es bedurfte zehnjährigen rastlosen Be- mühens, ehe seine Arbeit von Erfolg gekrönt war und er zum ersten Male einen induzierten elektrischen Strom erhielt. Wir find durch außerordentlich genaue und ausführlich« Notizen in Faradays Tagebüchern sehr eingehend über die Entstehungsgeschichte dieser denkwürdigen Entdeckung unterrichtet. Faraday hatte die Gewohn- heit, gelegentliche Einfälle, auftauchende Probleme und Fragen zu notieren. Und so sinket sich schon im Jahre 1822 in seinem Notiz- buch die Bemerkung:.Verwandle Magnetismus in Elektrizität". Man wußte, daß ein von einem elektrischen Strom spiralig umflossener Eisenstab magnetisch wird. Wie kann man das Gegen- stück hierzu erreichen? Wie erzeugt man einen elektrischen Strom, wenn ein Magnet gegeben ist? Auf dieses Problem konzentriert sich nun sein ganzes Denken. Man erzählt, daß er stets ein kleines Modell eines Elektromagneten in der Tasche trug, ein etwa ein Zoll langes Eiscnstäbchen von einigen Kupferdrahtwindungen spiralig umgeben; in unbeschäftig- ten Augenblicken habe er es aus der Tasche genommen und be- trachtet. Eine innere Stimme sagte ihm, es müsse ein verwandtes Phänomen geben, bei dein Elektrizität au? Magnetismus erzeugt wird. Immer wieder stellt tr neue Versuche dazu an, ersinnt neu: Kombinationen, über die in seinen Tagebüchern dann stets mit dem Vermerk„Kein Erfolg" berichtet wird. Endlich, nach zehn- jähriger Mühe, ist die gesuchte Erscheinung gefunden. Im August 1831 erhält er den ersten Jnduktionsstrom, und eS bedurfte nun nur einer Arbeit von 10 Tagen, um alle 10 Jahre lang gesuchten Erscheinungen vollständig einwandfrei experimentell zu erledigen. Es sind alle die Erscheinungen und Versuche, die auch heute noch als Fundamentalversuche im Unterricht bei der Besprechung der Jnduktionserscheinungen an die Spitze gestellt werden. Faraday gab den neuen Erscheinungen die auch noch heute vielfach üblichen BezeichnungNc Magnetoinduktion und Voltainduktion. (Schluß folgt.> Das rchwarzflüfficfe Gold Von Walter V. Wöhlke, Sancta Monica(Kalifornioltz (Schluß.) Eine räiselhafte, geheimnisvolle sflüssigkeit ist das Steinöl� Heber seine organische oder anorganische Entstehung liegen die Ge« lehrten einander noch immer in den Haaren. Die gleiche llnge, wißheit herrscht über die Verbreitung und über die möglichen Fund« orte. Geologische Fachleute lächelten, als der Lakeview-Brunnen angefangen wurde. An d e m Platze, so meinten sie. würde nicht ein Tropfen Oel gefunden werden. Das Ergebnis gab dem alten Praktikus j:echt, der behauptete, nur das Bohreisen könne genaus Auskunst über den Fundort von Petroleum geben. Auf der Stelle, wo den Fachleuten zufolge kein Tropfen Oel vorhanden war, trieö der titanische Druck angespannter Gase ein baumdicke Oelsäul« 800 Meter von ihrem Bett in die Höhe, mit einer solchen Gewalt, daß der Mensch diesem unerwarteten Ausbruch der Natur macht» los gegenüberstand. Man konnte den gewaltigen Strahl, der bis Umgegend auf Meilen mit einer schwarzen Oelschicht bedeckte, ein« fach nicht bändigen. Eine 400 Pfund schwere Eisenkappe, durch die man den Strahl absperren wollte, wurde den Arbeilern ein« fach aus den Fäusten gerissen und von dem Strahl gegen einen Querbalken des Bohrturms gedrückt, wo sie hängen blieb, bis de» Bohrturm zusammenstürzte. Jede Stunde Verzug bei der Bändigung der Fontäne kostete den Eigentümern ein kleines Vermögen. Brausten doch alle 24 Stunden 60 000 Faß Rohpetroleum im Werte von 125 000 M. auS dem Rohr, und fast die Hälfte ging in dem Oelregen verloren. Dutzende von Versuchen wurden gemacht, den Riesenstrahl abzu- sperren, doch alle waren vergeblich. Ein Dach auS schweren, manns- dicken Balken, vielzöllige Stahlplatten, alles wurde von dem Spring- brunnen verächtlich beiseite geworfen, und erst als man den Strahl in seinem eigenen Oel ertränkte, wurde der Riese überwältigt. In einem Viereck zäunte man die mächliqe Oelsäule mit schweren, hohen Plankenwänden ein. Gegen diese Wände wurden Faschinen- bündel gehäuft und mit Erde bedeckt, bis der Wall um den Munt» des Bohrloches eine Höhe von 8 Metern erreicht hatte. Tann wurde abermals ein mit Eisen beschlagenes Dach über das Bohrloch ge» warfen. In einigen Stunden hatte der Strahl es zerschmettert, doch mußte er sich jetzt den Weg durch einen 8 Meter tiefen Oelsea bahnen, ehe er das Tageslicht erblickte, und durch das eigene Oel schoß er wallend und brausend wie ein schwarzer, kochender Geiser 10 Meter in die Höhe, um zurück in den See zu fallen, der von einem großen Rohr angezapft wurde. Natürlich waren keine Vorkehrungen getroffen, diese Petro» leummengen in Sicherheit zu bringen. Durch«inen offenen Graben leitete man den schwarzen Strom wie Waffer in drei große Schluch- ten. deren Ausgänge durch schleunigst aufgeworfene Erddämm» verschlossen wurden, hinter denen die Flut sich in großen, tiefen Petroleumseen anstaute. So viel Rohöl sprudelte dieser Geiser hervor, daß zwei Eisenbahnen und drei Röhrenleitungen, die nach dem Meere führen, die Menge nicht bewältigen konnten, daß bev Oelprcis in ganz Kalifornien erheblich sank und jedermann wünschte, der Brunnen möge doch endlich das Spiel einstellen. In acht Monaten liefert« die Quelle 7 Millionen Faß, und aus den großen Oelseen, in denen das überschüssige Petroleum aufbewahrt wird, verlieren die Besitzer jeden Tag 10 000 Faß im Werte von 20 000 M. durch Verdunsten und Versickern. Außer dem Lakevicw. traten um ungefähr die gleiche Zeit Plötz- lich noch vier oder fünf andere Oclfontänen in Tätigkeit. Ganz oben aus dem Rand eines Sattels zwischen zwei Hügeln zapfte das Bohreisen einen unterirdischen Gasbehälter an. Als ob eine Million gequälter Geister losgelassen worden sei, so pfiff und brauste es aus dem eisernen Rohr, bis das Gas Feuer fing. Da stieg eine flackernde Flamme 20 Meter hoch in d« Lust, eine Flamme, deren Schein in der Nacht wohl 100 Kilometer weit ficht- bar war. Wie die Spatzen eilten sie darauf herbei, die Spckulcm- ten und Glücksritter, die sich ein Stück des reichen Bodens billig oder umsonst aneignen, es teuer verkaufen und mit dem Profit Rentier spielen wollten. Aber fie kamen mit ihrem löblichen Bor« haben zu spät. Jedes Quadratmeter Regierungsland auf diele, viele Meilen im umkreis hatte schon mirdestens einen und oft drei oder vier streitend« Besitzer gesunden. Di«, die zuerst gekommen waren, hatten das ganze Land zu verschlingen gesucht. Barrett und Dunn, die beiden reich gewordenen Zimmerleute, hatten sich zum Beispiel durchaus nicht mit den 30 Morgen, auf denen«er Lakeview-Brunnen stand, begnügt. Sie hatten sich fleißig an die Arbeit gemacht und noch über ö00v Morgen anderes Regierungs- land für sich in Anspruch genommen. Andere waren noch weniger bescheiden gewesen und hatten 10 000 Morgen und mehr mit De« schlag belegt. Die Besitzergreifung von Petroleumland ist nämlich sehr ein- fach. Mau sucht sich 160 Morgen Regierungsland aus, kennzeichnet das Quadrat mit einem Steinhaufen an jeder der vier Ecken, füllt ein gedrucktes Formular mit dem Namen des Besitzer?, einer Be- schreibung des Landes und dem Datum aus, nagelt es an einen Pfosten und treibt den Pfosten in den �odcn, um diese Prozedur so oft mit je 160 Morgen zu wiederhole,. solange noch fteieS Land zu finden ist. Rur hat das Bcsitzergreifen leider keinen gesetzlichen Wert. Das Land gehört dem Petroleumsucher erst dann, wenn er wirklich Petroleum aus jeder Parzelle gefunden hat, und Petroleum kann nur durch kostspielige, langsame Bohrungen entdeckt TuEm So wußten denn dt« neuen Ankömmlinge auch, daß die, die sich ungeheure Laufstrecken angeeignet hatten, nur solche Parzellen wirk- lich beanspruchen dürften, aus denen sie Bohrungen vorgenommen hatten. Also ließen sie sich von den aufgepflanzten Formularen nicht ins Bockshorn jagen, sondern nagelten einfach nzue Besitz- notizen an die Pfähle. Das aber wollten sich die anderen nicht ge- fallen lassen. Ein frischer Kampf um den Boden, der oft 20 000 Mark pro Morgen wert war, der aber beiden nicht gehört, ent- spann sich. Ganze Heere wurden aufgeboten, um das Land zu be- wachen. Postenketten verwehrten mit geladenen Gewehren jeder- mann den Zutritt. Wer die meisten Söldner aufbieten konnte, dem gehörte nicht nur das bewachte Land, sondern auch das Land anderer, die mit bewaffneter Hand verjagt, deren Bohrtürme um- gerissen, deren Bohrlöcher zerstört wurden, um sie an der Ent- deckung von Petroleum, das ihnen Besitzrecht gegeben hätte, zu vcr- hindern. Während einer warmen dunklen Mainacht wurde unser Kraftwagen, mit dem wir die Oelfclder durchfuhren, erst ein dutzendmal von Wachtposten mit angelegter Flinte angehalten und gezwungen, einen Umweg zu machen. So wild war der Kampf ums schtvarzflüssige Gold geworden. Aber es wurde noch schlimmer. Der Bundesregierung gingen plötzlich die Augen für die große Bedeutung des kalifornischen Pe- troleuntgebietes auf. Sie zahlte ja in Panama monatlich eine halbe Million Mark für Rohpetroleum, das beim Kanalbau die Dampfkessel heizte. Und dieses Petroleum stammte größtenteils von den Ländercien des San-Joaguin-Tals. die der Regierung� ei- gentlich gehörten. Weiter kaufte sie jährlich viel Ocl für die Hei- zung der Bundcsgebäude und für die im Stillen Ozean statio- nierten Kriegsschiffe. Und dieses Oel hatte man der Regierung eigentlich vor der Nale fortgenommen. Um dem Unfug und den Diebstählen aber ein Ende zu machen, ordnete die Äundesregie- rung an, daß bis auf weiteres alles dem Bund gehörige Petro- leumland der Besitznahme durch Privatleute entzogen sei. Aber die Petroleumgräber kümmerten sich um die Anordnung nicht. Sie setzten ihr Treiben ruhig fort, bohrten neue Brunnen auf Rcgierungsland und ließen sich den Appetit nicht verderben. Noch heute spielen sie das gleiche Spiel, denn es ist der Regierung nicht gelungen, die Diebe von ihrem Lande zu vertreiben. Und ob «S je gelingt, ist noch eine große Frage. Im Jahre 18SS lieferte Kalifornien 2 000 000 Faß Rohpetroleum. Im Jahre 1910 hatte es mit einer Gesamtmenge von 70 000000 Faß alle Nebenbuhler geschlagen. Vor zehn Jahren importierte Kalifornien Kohlen aus Australien. Heute versorgt das Südendc des San-Joaquin-Tales die gesamte Westküste von Alaska bis Panama mit Rohpetroleum, und viele Schiffsladungen werden nach Japan verschickt. Zwei Drittel dieses Reichtums ent- stammen Landstreckcn. die von der Regierung unentgeltlich ver- schenkt wurden. Rohpetroleum im Wcrtr von 600 Millionen Mark wurde in einem Jahrzehnt auf diesem verschleuderten Lande geför- dert, und trotzdem steckt die Oelindustrie noch in den Windeln. Nur ein geringer Teil des Tales ist biS jetzt erforscht. Alle Anzeichen deuten auf das Vorhandensein ungeahnter Petroleumschätzc unter dem Boden des einstigen Meeresarmcs, der sich inS San-Joaquin- Tal erstreckte. An vielen Stellen in der Wildnis, weit, weit ab von jeder menschlichen Behausung, erheben sich schon die schwarzen Türme der Schatzgräber, die schwarzes Gold wittern. Riesengroß ist das noch unerforschte Gebiet, doch der schläfrige Onkel Kam muß sich beeilen, falls seine schlauen Neffen ihm den Schatz nicht vor der Rase forttragen sollen- kleines Feuilleton. Literarisches. Die Erbsünde. Roman von HanS Kirchsteiger(Berlin, I. Singer u. Co., 1911). Der Verfasser, ehemals ein römisch» katholischer Geistlicher, ficht mit seinem neuesten Erzählungs» werke gegen zwei Fronten: 1. Volksverdummung, hervorgerufen durch die päpstliche Avantgarde im Beichtstuhl und auf der Kanzel. 2. gegen da« Dogma von der.Erbsünde". Die» Dogma besogt: Daß kirchlich eingesegnete Eheleute die Pflicht haben. Kinder in die Welt zu setzen, ganz gleich, ob diese krüppelhaft geboren werden oder die Mutter, weil sie physisch zu schwach, darunter zugrunde geht. In solchem Falle, heißt es weiter, hat aber der Geistliche— als Hebamme oder Arzt in einer Gestalt— die Pflicht, den FotuS noch im Mutterleibe mittels einer Hohlnadel mit Weih- Wasser zu bespritzen, damit die Seele des kleinen Lebewesens, bevor der leibliche Tod eintritt, für den Himmel gerettet verde. ES kommt aber vor allem darauf an, daß bei der für diesen Akt vor- geschriebenen Gebetsformel kein.und" weggelassen werde. Viel- mehr stehe fest, daß, weil zwei.und"-Wörtchen bischöflich approbiert find, auch zwei.und" wirklich gesprochen werden. Man kann also diesen Roman in gewissem Sinne einen.Modernisten"- Roman nennen, was denn auch bereits geschehen ist. Geistliche, die, freiwillig oder gezwungen, den Boden ihrer Kirche verlassen haben, gibt'S ja in beiden Lagern— lutherisch-protestantische und römiich- kathofische schon genug Bürgerliche Ideologie möchte nun freilich in jedem dieser Renegaten einen Sozialdemokraten erblicken. Wir pflegen kritischer zu sichten; denn die Erfahrung lehrt doch, daß die wenigsten sich vollständig mausern. Kirchsteigers Vevamw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— „sozialistische� Auffassung wollen wlr gleich auf est» Beispiel fest- nageln. Der fteidenkerische Kaplan Hell— übrigens eine dem Anzengruberschen Pfarrer Hell ziemlich nahestehende Figur und außerdem der Verfasser selbst— läßt sich da auf Seite 82 folgender- maßen aus:.Würden fie(die Arbeiter) doch einmal zehn Jahre lang nur um die Hälfte weniger Kinder produzieren, dann wurden auch bald die Produkte ihrer Hände einen besseren Lohn finden." Im übrigen geht Kirchsteiger der katholischen Klerisei und ihrer Irr- und Verdummungslheorie recht tapfer zu Leibe. Zu natürlich auch. Er kennt dock, die.Scvwarzen", die fich überall— auch in Oesterreich, wo dieser Roman sich abspielt— gleich find. Der alte hier- a r ch i s ch e Dorfpfarrer ist sogar ganz ausgezeichnet geschildert und recht eigentlich ein„Prachtkerl". Er ist ein Lehrbeispiel für die Doktrin: die Religion muß dem Volke erhalten bleiben. Sie selber, diese wohlgenährten Herren sind recht weltlich, recht mammonistisch veranlagt und gönnen, frei nach Heinrich Heines Wort, den Himmel lieber den Spatzen. Bon den beiden jungen Hilfsgeistlichen vertritt der Kaplan Jung den fanatischen Gehorsamstypus, der ja unserer Arbeiterschaft au§ Max Halbes ,Jugend"-Drama bekannt ist. Der andere, Kaplan Hell:' daS ist der eigentliche MiitelpunktSheld. Kirch« steiger hat ihn, finde ich, allzu.sympathisch" ausstaffiert. Mit kapla- nistischen.Z'widerwurz'n" von solcher Färbung pflegt die bischöfliche Polizei kurzen Prozeß zu machen. Kirchsteigers Kaplan Hell scheint sieghaft zu bleiben. DaS heißt, wir wissen eS nicht; denn hier geht der Roman aus, wie daS bekannte Hornberger Schießen. Und der Verfasser tat klug, diese Frage unbeantwortet zu lassen, weil denn anders die Aussicht auf eine Romanforlsetzung vereitelt worden wäre. Ich finde auch, daß die Kirchweih zu.dick" aufgetragen wurde. Vier Erstochene auf einmal— na, na,„was z' viel iS, iS z'viel", sagt Nestroy in seiner Tannhäuser-Parodie. Als Roman kann die Geschichte nicht gut angesprochen werden. Hierfür ist der Verfasser zu wenig Dichter. Wäre er'S mehr oder gar durchaus, dann würde er trachten, daS Rohmaterial feiner zu verarbeiten. Aber als Kampfschrift gegen die kulturwidrige Herr- schaft der Tonsurierten kann KirchsteigerS Buch Nutzen stiften.«. k. Hygienisches. Lehren für daS Herz. Der Herzmuskel de? Menschen hat eine ungeheure Arbeit zu leisten. In jeder Minute zieht er fich 00 bis 140 mal zusammen und dehnt sich dann wieder au». Wenn man die einfache Rechnung ausführt, die Zahl der Zusammenziebungen zunächst für einen Tag. dann für ein Jahr und schließlich für ein Menschenleben von durchschnittlicher Länge zu bestimmen, so kommt man zu ganz außerordentlichen Ziffern. Es ist fast wie eine Maschine, die keine Ermüdung kennt, die aber andererseits freilich ihre Ueberanstrengung auf» deutlichste verrät und ihrem Besitzer durch die Erzeugung peinlicher Angstzustände eine kräftige Warnung zuteil werden läßt. Ein hervorragender Erforscher der Herzkrank- heiten, Prof. Goodall, hat an der Universität Binningham einen Vortrag gehalten, worin er die Art de» Blutkreislauf« ein wenig anders erklärt, als eZ bisher geschehen ist. Er meint nämlich, daß daS Herz bei seiner Zusammenziehung nur daS Blut nach den Geweben hin treibt und daß die anderen Muskeln des Körpers durch ihre Zusammenziebung daS Blut zum Herzen wieder zurück schaffen. Auf Grund dieser Anschauung hält der Gelehrte auch die bisherige Behandlung von Herzkranken für unrichtig. Bi« jetzt pflegte diese darin zu bestehen, daß man Krank« in einer tiegenden Stellung erhielt und dem Herzen so wenig Arbeit wie möglich zumutete. Auf diese Weise wird aber auch die Muskel- tätigkeit der Glieder verhindert, durch die das Blut zum Herzen zurückgetrieben wird, so daß gleichzeitig eine Schädigung eintritt. Das beste ist natürlich, wenn jeder alles dazu tut, sich selbst vor einer Ueberansttengung des Herzen» in acht zu nehmen. Die Zeit, die man dadurch gewinnt, daß man eine Straßen- bahn gerade noch im Laufen erreicht, oder eine Trepve in die Höhe stürmt, ist viel zu gering, um die damit verbundene Ueberanstrengung des Herzen» zu rechtfertigen. Man braucht dur-bau» kein Hypochonder zu sein, um e» sich namentlich im Großstadtlcben zum Gesetz zu machen, alle körperlichen Be« wegungen mit einer gewissen Ruhe auszuführen. Si» in einen Wettlanf begeben, beißt die Leistung des Herzen» ungefähr um die Hälfte steigern. Höchst lehrreich find in dieser Hinsicht die Be- obachtungen an Radfahrern gewesen. Wenn jemand 3'/« Minuten einen Hügel auf dem Rade hinauf fährt und dabei«inen Weg von rund 900 Metern zurücklegt und eine Steigung von 1 zu 10 über« windet, so bat sein Herz dabei eine Ueberarbeit zu leisten gehabt, die dem Heben eine» Gewichts von mehr al» 20 Zentnern um einen Fuß entspricht. Daß solchck Ueberanstrengungen, namentlich wenn sie sich häufiger wiederholen, nicht- ohne Folgen für den Zustand dieses wichtigsten aller Muskel bleiben können, muß jedem Verstände einleuchten. Professor Goodall legt zur Pflege des Herzens daS größte Gewicht auf reich- lichen Schlaf. Wenn jemand am Abend statt um 12 schon um 10 Uhr zu Bett geht, ohne deshalb früher aufzusieden, so spart er seinem Herzen in einem Jahr eine Arbeit von 2920 Meterzentnern. Werden die Grenzen einer normalen LeislungSfährgkei: des Herzen» andauernd außer acht gelassen, so meldet sich«in Herzklopfen, Kurzatmigkeit und daS Gefühl häufiger und schneller Erschöpfung. Aendert der so Gewarnte seine Lebensgewohnheiten auch dann nicht, so stellen fich weitere Folgen. Schlaflosigkeit und Sinnestäuschungen, ein._ Druck u. Verlag: 1jorwärtsBuchdruckcreiu.VerlagSanstaltPaulSingerkEo.,BerlinSVV.