Interhallungsblatt des Horwärts Nr. 149. Freitag, den 4. August. 1911 4SI pdlc der Eroberer. Lehrjahre. Roman Kon M. Andersen N e x ö. Da lag die ganze Arbeit. Zweihundert Mann standen Stunde auf Stunde leer und ledig, sie knurrten und drohten mit Tod und Teufel, wagten sich aber nicht vor. Die Aufseher liefen imschlüssig umher, und selbst der Ingenieur hatte den Kopf verloren. Das Ganze war in der Auflösung begriffen. Der Amtsrichter ging in voller Uniform auf und nieder und sah unergründlich aus: seine bloße Anwesenheit wirkte schon beruhigend: aber er unternahm nichts. Ein Vorschlag wilder als der andere wurde gemacht. Man wollte einen mächtigen Schirm anfertigen und ihn vor sich Herschieben oder eine ge- waltige Zange aus langen Balken und ihn damit einfangen: ober niemand versuchte es, sie auszuführen: sie konnten sich freuen, daß er sie überhaupt da stehen ließ, wo sie standen. „Die Kraft" konnte eine Dynamitpatrone mit einer solchen Wucht schleudern, daß sie explodierte mW alles rings um ihn her wegfegte. „Die Kippwagen?" rief einer. Tarin war doch endlich einmal Sinn. Schnell wurden sie mit bewaffneten Arbeitern gefüllt. Man schlug den Pricken weg, aber die Wagen glitten nicht.„Die Kraft" mit seinem verteufelten Verstand war den andern zuvorgekommen: die Kette ohne Ende wollte nicht wandern, er hatte sie durchhauen. Und nun schlug er die Unterlagen von ein paar von den Stützen weg, damit sie die Wagen nicht mit Handkraft auf ihn loslassen konnten. Das war kein Delirium, jedenfalls hatte noch niemand gesehen, daß sich Delirium so äußette. Und er rührte ja keinen«pi- ritus an seit dem Tage, da sie mit der Tochter geschleppt kamen. Nein, das war der ruhigste Beschluß von der Welt. Als sie nach der Frühstückspause aufgestanden waren und nach der Schleppstelle herunterschlendetten, stand er mit seiner eisernen Stange da und bat sie ruhig, sich von hier fort- guscheren. Ter Hafen gehöre ihm! Es setzte ja mehr als eine Cchrfeige, ehe sie begriffen, daß es Ernst war. Aber sonst war nichts Böses in ihm: man konnte förmlich sehen, wie wehe es ihm tat zu schlagen. Es war wohl der Teufel, der ihn ritt, gegen seinen eigenen Willen. Aber woher es auch kommen mochte, jetzt mußte es genug sein! Jetzt läutete die große Hafenglocke zu Mittag. Ganz lächerlich klang es, wie ein Hohn gegen ehrliche Leute, die nichts weiter wollten, als ihre Arbeit wieder aufnehmen: sie hatten keine Lust, den ganzen Tag zu vergeuden und Leben und Gesundheit wegen der Narrenstreiche eines Verrückten wagen, wollten sie auch nicht. Selbst der starke Bergendal hatte seine Todesverachtung heute zu Hause gelassen und be- genügte sicki damit, zu murren wie die anderen. „Wir müssen ein Loch in den Tamm schlagen," sagte er, »,mag dann das Tier in den Wellen umkommen." Sie griffen sofort nach dem Werkzeug, um in Gang zu kommen. Der Ingenieur bedrohte sie mit Gericht und Chng- feit, es würde Tausende kosten, den Hafen wieder zu leeren. Sie hörten nicht auf ihn: was ging er sie an, wenn er nicht einmal Ruhe zum Arbeiten schaffen konnte. Sie wanderten mit Hacken und eisernen Stangen nach dem Gatt herunter, um ein Loch in den Damm zu schlagen; her Ingenieur und die Schutzleute wurden zur Sette ge- schoben. Jetzt handelte es sich nicht mehr lim die Arbeit, es galt zu zeigen, ob zweihundert Mann sich vor einem verrückten Teufel auf der Nase herumspielen lassen sollen. Beelzebub sollte ausgeräuchert werden, und„die Kraft" sollte voll da unten heraufsteigen oder in den Wellen umkommen. Ihr sollt vollen Tagelohn ausgezahlt bekommen, rief der Itugellierir, um sie zurückzuhalten. Sie hätten nichts_ aber als sie herumkamen, stand„die Kraft" unten am Fuß des Dammes und schwang feine Hacke, so daß es an den Wänden des Bassins widerhallte. Er strahlte vor Hilfsbereitschaft bei jedem Hieb; die schwache Stelle, wo das Wasier hineiusickerte, hatte er sich ausersehen, und sie sahen entsetzt, welche Wirkung seine Schläge hatten. Es war ja der reine Wahnsinn, was er ha vorhatte. -»Er füllt uns den Hafen mit Wasser, der Teufeil" riefen sie und warfen ihm einen Stein au den Kopf.„Und so eine Arbeit, wie das gekostet hat, ihn leer zu machen!" „Die Kraft" deckte sich hinter einem Pfeiler und schlug weiter darauf los. Dann blieb nichts weiter übrig, als ihn niederzuschießeik, ehe er seinen Zweck erreichte. Ein Schuß Hagel in die Beine, wenn nichts weiter, dann war er wenigstens unschädlich ge- macht. Ter Amtsttchter wußte weder aus noch ein. Aber Holzbein-Larsen war schon auf dem Wege nach Hause, um sein Gewehr zu holen. Da kam er herangehumpelt, von einer Schaar Jungen umgeben.„Ich habe mit grobem Salz ge»! laden," sagte er, so daß der Amtsrichter es hören konnte. „Nmi wirst Du totgeschossen!" riefen sie hinunter.„Diö Kraft" setzte als Antwort die Hacke in den Fuß des Dammes, so daß der gestampfte Lehm seufzte und die Feuchtigkeit ihnen bis unter die Füße drang: ein langer Krach verkündete, daß die erste Planke gesprengt war. Der Beschluß war ganz von selbst gekommen. Jeder: sprach von Niederschießen, als sei es ein längst gefälltes llrteiß und jeder sehnte sich nach der Ausführung. Sie haßten den da unten mit einem geheimen Haß, der keiner Erklärung bedurfte: er war�ihnen allen in seinem Trotz und seiner Un- bändigkcit ein Schlag ins Gesicht, sie hätten ihn selbst gern mit dem Absatz zertreten, wenn sie nur gekonnt hätten. Sie riefen Schimpfworte zu ihm hinab, ließen ihn HL reff, daß er in seinem Hochmut seine Familie zugrunde gerichtet und fem Kind in den Tod getrieben habe, und feine rohen Ueberfälle auf den Wohltäter der Stadt, den reichen Schiffs- reeder Monsen, rieben sie ihm auch unter die Nafe. Für eine Weile rafften sie sich aus ihrer Schlaffheit auf, um sich daran zu beteiligen, ihn niederzuschlagen. Und nun sollte es gründlich geschehen, man mußte Ruhe haben vor diesem Einen, der seine Kette nicht still tragen konnte, sondern sie klirren ließ, wie einen Groll hinter Armut und Unter- orückrhcit. Der Amtsrichter balancierte nach dem Quai hinaus, um sein llrteit über„die Kraft" zu verkünden. Dreimal mußte es verkündet werden, damit er Gelegenheit hatte, in sich zu geben. Er war leichenblaß, und bei der zweiten Verkündigung: zuckte er zusammen. Aber„die Kraft" warf keine Tynamit- patrone nach ihm, er führte nur die Hand an den Kopf, als wolle er grüßen, und machte ein paar stoßende Bewegungen in die Luft hinein mit zwei Fingern, die von der Stirn ab- standen wie ein paar Hörner. To et, wo der Apotheker iir einein Kreis von feinen Damen stand, ertönte ein gedämpftes Lachen. Aller Gesichter wandten sich nach der Richtung hin, wo die Bürgermeisterin hoch und stattlich auf einem Stein stand. Sie aber starrte unverwandt zu der„Kraft" hinab, als habe sie ihn noch nie zuvor gesehen. Auf den Bürgermeister wirkte die Bewegung wie eins Explosion.„Schießt ibn nieder!" brüllte er mit blauem Ge- ficht und stürzte erregt über die Mole hinweg.„Schießen Sie ihn nieder, Larsen!" Aber niemand achtete auf sein Rufen. Alle strömten nach der Schleppstelle zusammen, wo ein altes, tvelkes Mütterchen im Begriff war, sich ans der Schlippe nach dein Boden des Beckens hinabzutasten.„Das ist die Mutter der„Kraft"!" ging es von Mund zu Munde.„Rein, wie alt und klein sie ist! Man kann es gar nicht fassen, daß sie einen solchen Riesen zur Welt gebracht hat!" Gespannt folgten sie ihr, während sie über den scherbigeni Boden wankte, der m seinen Sprengbrüchen an aufgetautes Eis erinnerte; es ging nur langsam vorwärts und sah fort- während ans, als müsse sie die Berne brechen. Aber die alte Frau ging drauflos, so gekrümmt und welk sie auch war, die kurzsichtigen Augen vor sich hingerichtet. Da gewahrte sie den Sohn, der dastand und die eiserne Stange in der Hand wog.„Wirf den Stock weg. Peter?" rief sie scharf, und er ließ mechanisch die eiserne Stange sinken. Er zog sich langsam vor ihr zurück, bis sie ihn in einen Winkel gedrängt hatte und nach ihm greisen wollte: dann schob er sie vorsichtig zur Seite, als geniere ihn etivas. Ein Seufzer ging durch die Menge und verpflanzte sich rings umber durch den Haufen, wie ein wanderndes i-xhauern. „Er schlägt seine, eigene Mutier! Er muß wahnsinnig feinl* sagten sie fröstelnd, Mer die We war wieder auf den Bemerf.«Schlägst Du Deine eigene Mutter, Peter!" rief sie mit stark verwunderter Stimme aus und langte nach seinem Ohr hinauf; sie konnte eä nicht erreichen: aber„die Kraft" beugte sich nieder, als drücke ihn etwas Schweres hinab, und ließ sie das Ohr fassen. Und dann zog sie ihn mit sich von bannen, über Stock und Stein, schräge die Helling hinab, wo die Leute wie eine Mauer standen. Ueber den Boden gebeugt, ging er dahin und glich einem großen Tier in den Händen der kleinen Frau. Da oben stand die Polizei bereit, sich mit Sitricken über ihn zu werfen; aber die Alte wurde wie Pfeffer und Salz, als sie ihre Absicht sah.«Macht, daß Ihr wegkommt, oder ich hetze ihn wieder auf Euch los!" fauchte sie.„Seht Ihr denn nicht, daß er den Verstand verloren hat? Wollt Ihr den anfallen, den Gott gerichtet hat?" „Ja, er ist wahnsinnig," sagten die Leute versöhnend; »mag seine Mutter ihn strafen, sie ist doch die Nächste dazu!" 21'. Pelle und der jüngste Lehrling hatten jetzt das Ganze vllein zu besorgen. Zu November hatte Jens ausgelernt und wurde sogleich entlassen. Er hatte nicht Mut genug, um nach Kopenhagen zu gehen und sein Glück zu versuchen. So mietete er denn eine Stube in dem Armenviertel und zog mit seinem Mädchen zusammen. Verheiraten konnten sie sich nicht; er war erst neunzehn Jahre alt. Wenn Pelle im Norden der Stadt zu tun hatte, pflegte er bei ihnen einzusehen. Der Tisch stand zwischen dem Bett und dem Fenster, dort saß Jens und flickte an irgendeiner Ausbesserungsarbeit für die Armen herum. Wenn er etwas zu tun bekommen hatte, stand sie über ihn gebeugt und wartete gespannt darauf, daß er fertig werden würde, damit sie etwas zu essen bekamen. Dann ging sie hin und kochte etwas im Ofen zurecht, und Jens saß da und sah ihr mit brennenden Augen zu, bis er wieder eine Arbeit ijn Händen hatte. Er war mager geworden und hatte sich einen dünnen Spitzbart zugelegt, der Mangel an Nahrung stand ihnen beiden auf dem Gesicht geschrieben, aber sie hatten sich lieb und halfen einander bei allem, unbeholfen wie zwei Kinder, die Vater und Mutter spielen. Es war die traurigste !Gegend, die sie gewählt hatten: die Gasse, die nach der See zu steil abfiel, war voll von Abfall, räudige Hunde und Katzen liefen umher und schleppten Fischeingeweide auf die Treppen- steine und ließen sie dort liegen. Vor jeder Tür lagen schmutzige Kinder und wühlten herum .(Fortsetzung folgt.)! IVlkKad faraday. (�jlutz.) Die Erscheinungen, die Farcidah stets vorgeschwebt hatten, waren von ganz eigentümlicher Art, wie sie von vornherein schwer aus- zudenken oder zu ahnen waren. Es zeigte sich erstens, daß ein elektrischer Strom in einem geschlossenen Leitungsdraht entsteht in dem Moment, in dem in einem ihm nahen aber doch von ihm räum- llich getrennten zweiten Leitungsdraht ein elektrischer Strom ge- schlössen oder aber geöffnet wird, oder auch, wenn dieser Strom der- stärkt oder geschwächt, genähert oder entfernt wird. Und zwar ist der erregte, induzierte Strom dem ersten entgegengesetzt gerichtet, »venn der induzierende Strom geschlossen, verstärkt oder genähert Ivird; gleichgerichtet in den anderen Fällen. Dies nannte Faraday Woltainduktion. Ihr entsprechen die Erscheinungen der Magnetoinduk- tion: Nähert oder entfernt man einen Magneten einer geschlosse- neu Leitung, so entsteht in ihr im Moment der Näherung oder Entfernung ein induzierter Strom, und zwar ist wieder die Rich- tung des induzierten Stromes beim Nähern des Magneten ent- gegengesetzt derjenigen beim Entfernen. An Wichtigkeit für die Erkenntnis sind die Entdcchingen des 'Elektromagnetismus und der Induktion einander gleichwertig. Diese beiden Erscheinungen sind die Grundpfeiler der Lehre der elektrischen und magnetischen Erscheinungen bis heute. Die enge Werkcttung von Magnetismus und Elektrizität wird durch sie dar- gestellt. Dieser enge Zusammenhang ist uns heute so geläufig, daß er uns nicht mehr als etwas Besonderes erscheint. Zur Zeit ihrer Auffindung mußte sie aber notwendig ein Aufsehen machen. Geschichtlich ist aber die Entdeckung der Induktion durch Fara- fiay gegenüber der des Elektromagnetismus, die einer zufälligen Beobachtung zu danken ist, so interessant, weil sie die Krönung gielbewutzter Versuche war. In den folgenden Jahren baute Faradatz seine Entdeckung noch weiter aus..Er zeigte, daß auch der Erdmagnetismus allein genüge, um induzierte Ströme zu erzeugen. Ferner konstruierte gf kleine Apparate, durch die mittels Rotation von Stromleitern zwischen festen Magnetpolen forkgesetzt elektrische Ströme hervor- gebracht wurden— die ersten Dynamomaschinen. Er zeigt«! auch, daß der sogenannte Rotationsmagnetismus AragoS ganz eine Folge induzierter Ströme ist. Auch baute er Apparate, die in» wesentlichen unseren heutigen Induktoren und Transformatoren gleichen, und es gelang ihm zu seiner großen Genugtuung, hiermit glänzende Funken an den einander nahegebrachten Enden der in, duzierten Spule zu erhalten. Nach einigen vergeblichen Bemühun, gen gelang es ihm auch zu zeigen, daß ein induzierter Strom ebensa wie ein gewöhnlicher einem Element entnommener elektrischee Strom imstande ist, Wasser zu zersetzen. Diese Versuche führte» ihn weiter zu eingehendem Studium der elektrolytischeni Erscheinungen(Zersetzung einer chemischen Verbindung durch den galvanischen Strom). Wie in allem, was er angriff, sollte er auch hier bahnbrechend wirken. Ihm verdankt man zunächst eins präzise Benennung, die so glücklich gelvählt war, daß sie bis heuta unverändert beibehalten wird. Den Vorgang selbst nennt er Elektrolyse, den zersetzten Stoff Elektrolyt. Die Eintritts- bezw. Aus, trittsfläche des elektrolysierenden Stromes bezeichnet er als Anode, bezw. Kathode. Die Teilstücke der Moleküle, die an den Elektroden erscheinen, heißen Jonen(die wandernden), und zwar die an die Anode gehenden Spaltungsstücke Anionen, die an die Kathode wan, dernden Kationen. In diesen Namen ist seine Ueberzeugung ausgedrückt, daß die Spaltungsstücke der Moleküle nicht, wie man bis dahin meist an- nahm, erst an den Elektroden gebildet werden, sondern daß sie innerhalb des ganzen Elektrolyten vorhanden sind und durch ihn hindurch zu den betreffenden Elektroden„wandern". Bewährter naturwissenschaftlicher Methode getreu förderte nun Faraday die Kenntnis der Elektrolyse dadurch, daß er in mühe, voller Arbeit zunächst das Zahlenmäßige. Quantitative der Erschei- nungen, das„Wie" des Vorganges durch genaue Analyse der an den Elektroden sich abscheidenden Produkte nachwies. Diese führten ihn zu den beiden nach ihm benannten Grundgesetzen der Elektro, lyse. Diese Gesetze sind das Fundament zu der Lehre von der Elek, trolyse, die heute bereits so außerordentlich weit gefördert ist. Hatte Faraday durch die Entdeckung der Induktion und deu Gesetze der Elektrolyse der Wissenschaft neue Gebiete und ungeahnte Tatsachen erschlossen, die sich aber doch noch einigermaßen in dem Rahmen von bereits bekannten Erscheinungen hielten und dem Vorstellungsvermögen trotz der Neuheit ihrer Erscheinungsformen keine erheblichen Schwierigkeiten boten, so ging nun in den folgen- den Jahren seine rastlose Phantasie, sein wunderbares Ahnungs- vermögen weit über die Köpfe seiner Zeitgenossen hinweg, und bot ihnen sowohl in Spekulation und Hypothesen, wie in Tatsachen unerhört Neues, von dem ein. großer Teil in seiner vollen Bedeu- tung erst Jahrzehnte später völl gewürdigt werden konnte. Diese neuen Faradahschen Vorstellungen knüpfen zunächst an die Entdeckung der induzierten Ströme an, als Faraday sich be- mühte, das quantitative Gesetz der neuen Erscheinung der Mag- neto- und der Vottajn�uktion anzugeben, und ferner noch weiter in da? Wesen diesWÜrscheinung einzudringen. Ihm dienten hier- bei die magnetischen„Kraftlinien" als wesentliches Hilfsmittel, jene Linien, die einen Magnetpol umgeben und deren Gestalt in bekannter Weise sichtbar gemacht werden kann, wenn man auf ein Papier, auf dem der Magnet liegt, Eisenfeilspäne ausstreut. Fa- raday zeigte, daß für die Größe der in einer Drahtschleife bek ihrer Bewegung in der Nähe des Magneten induzierten elektro, motorischen Kraft maßgebend ist, mit welcher Geschwindigkeit sich bei der Bewegung die Anzahl der die Fläche des Leiters durch, setzenden Kraftlinien ändert. Fond diese Fassung des Jnduktions- gesetzes, die heute noch die präziseste und zugleich anschaulichste genannt werden muß, viele Gegner, so fand Faraday nicht das geringste Verständnis, als er nun dazu überging, den Kraftlinien, die bis dahin nichts als fiktive, für die Rechnung und Anschauung leidlich brauchbare Gebilde waren, eine ganz besondere Bedeutung beizumessen, indem er ihnen reale Existenz zuschrieb. Faraday war zu der Erkenntnis gelangt, daß längs ihrer Bahn das einen Mag» neten oder eine Stromspule umgebende Medium sich in einem von dem normalen gänzlich abweichenden Zustande befinde, dessen Be- stehen das Wesentliche an dem Mogneten oder der Stromspuls sein sollte. Ebenso sollte auch ein elektrisierter Körper in seiner ganzen Umgebung einen eigentümlichen Zwangszustand hervor- rufen. Das umgebende Medium sollte nicht, wie man srüher an- nahm, bei den elektrischen und magnetischen Erscheinungen gänz- lich unbeteiligt sein, sondern der veränderte Zustand, in den es gelangt ist, soll die wesentliche Rolle spielen, namentlich z. B. bei den Kräften, mit denen sich zwei elektrische Körper oder zwei Mag- nete gegenseitig beeinflussen, oder mit der ein elektrischer Strom einen Magneten ablenkt. In Analogie zu der Gravitation(Schtver- kraft) war man gewobnt, diese Kräfte als reine Fernkräfte aufzu- fassen, die unvermittelt von einem Körper durch den umgebenden Raum hindurch auf den zweiten wirkten. Faraday war die Bor- stellung einer solchen Fcrnkraft etwas durchaus Unsympathisches, unmöglich Scheinendes. Wie richtig seine feste Vermutung von dem großen Einfluß des Zwischenmediums war, zeigte er sehr bald(1837) durch eine Entdeckung, die der Aufsindung der Jnduktionsströme durchaus ebenbürtig war, wenn sie äußerlich auch nicht direkt so glänzend erschien und ihr eine praktische Verwendbarkeit abging. Er wies nämlich nach, daß ein aus zwei konzentrischen Kugelfchalen be- stehender elektrischer Kondensator ganz verschieden großer elek- irischer Ladungen bedarf, um zu derselben Spannung geladen zu werden, je nach dem Medium, mit dem man den Zwischenraum ausfüllt. Stach einigen Jahren überraschte er 1847 die Welt mit einer neuen Entdeckung, die vielleicht den weitesten Vorstoß darstellt, den Faraday in der Aufdeckung des Zusammenhanges der Naturerschei- nungen zniteinander gemacht hat. Es ist bekannt, daß das Licht in Transversalschwingungen des Aethers besteht. Die Schwingun- gen erfolgen immer senkrecht zum Strahl, aber für gewöhnlich in dieser Ebene in allen möglichen Richtungen in unregelmäßiger Weise. Durch besondere Mittel kann man es erreichen, daß die Schwingungen nicht unregelmäßig in allen möglichen Richtungen erfolgen, sondern nur in einer ganz bestimmten durch den Strahl gelegten Ebene. Solches Licht heißt polarisiert. Faraday fand nun die wunderbare Tatsache, daß diese Ebene ihre Richtung ändert, gedreht wird, wenn das polarisierte Licht längs magnetischen Kraft- linien, also etwa in der Längsdurchbohrung eines Elektromagneten sich fortpflanzt. Es ist dies einer der merkwürdigsten Versuche, die jemals an- gestellt sind. Jemand, der nicht die erstaunliche, ans wunderbare grenzende Divinationsgabe Favadahs besaß, wäre wohl niemals auch nur flüchtig auf den Gedanken eines solchen Versuches gc- kommen, geschweige denn zu dem Mute, ihn wirklich auszuführen. Für Faraday war aber das Gelingen dieses Versuches nur die Bestätigung eines innigen Zusammenhanges von Licht und elektro- magnetischen Vorgängen, den er schon lange geahnt, zu dessen An- nähme ihn seine intensive langjährige Beschäftigung mit den Er- scheinungen der Elektrizität geführt hatte. Die tiefere Erklärung der von Faraday gefundenen Drehung der Polarisationsebene des Lichtes im Magnetfelde konnte erst lange nach seinem Tode gc- geben werden. Um so bewundernswerter ist die Kühnheit und Sicherheit der Faradayschen Vorstellungen und Ahnungen von Zu- sammenhängcn zwischen scheinbar ganz getrennten Naturerschei- nungen. Es vergingen kaum dvei Monate nach der Entdeckung der magnetischen Drehung der Polarisationsebene, als Faraday noch Ende des Jahres 184S von einer neuen wichtigen Entdeckung be- richten konnte, nämlich des Diamagnetismus. Er fcmd, daß es eine ganze Reihe von Substanzen gibt, die, in Siabform zwischen die Pole eines kräftigen Elektromagneten gehängt, nicht wie Eisen sich in die Richtung der Verbindungslinie der beiden Pole, sondern senkrecht dazu einstellen. Es bleibt Faradays Ver- dienst, gezeigt zu haben, daß alle Substanzen in die beiden großen Klassen der paramagnetischen und der diamagnetischen Körper ein- geteilt werden können: die ersteren stellen sich in die Richtung der 'Verbindungslinie der Pole eines Magneten, die letzteren senkrecht dazu. Zur Erkenntnis des inneren Grundes dieses merkwürdigen Unterschiedes sind erst jetzt Ansätze vorhanden. Faradays glänzende Entdeckungen brachten ihm Ehren über Ehren ein. Die gelehrten Gesellschaften fast aller Länder ernann- ten ihn zu ihrem Ehrenmitglied; man wetteiferte darin, ihm die allgemeine Verehrung der ganzen wissenschaftlichen Welt zu zeigen. Ja, die größte Ehrenbezeigung, die überhaupt einem Gelehrten zuteil werden konnte, wollte man ihm erweisen. Man wählte ihn 1857 zum Präsidenten der Royal Society(Kgl. GesellschaftZ, auf den Platz, den einst Newton inne hatte. Er fühlte sich aber den Verpflichtungen, die mit diesem Amt verbunden waren, körperlich nicht mehr gewachsen und lehnte ab. Die großen geistigen Anstrengungen, denen er sich unterzogen hatte, machten sich fühlbar. Immer längere Erholungspausen mußte sich der tatkräftige, nur in der Arbeit lebende Mann auferlegen. Ein Amt nach dem andern mußte er allmählich aufgeben. Am 20. Juni 1862 hielt er zum letzten Male seine berühmte Freitag- Abcndvorlesung in der Rohal-Jnstitution. In den folgenden Jahren schwanden seine Kräfte immer mehr. Am 26. August 1867 verschied er schmerzlos. Im Gegensatz zu seinem großen Landsmann Newton, der sich stets mit einer gewissen zurückhaltenden Würde umgab, die ihm etwas Unnahbares verlieh, gab sich Faraday stets vollkommen na- türlich und riß mit der Lebhaftigkeit seines Körpers und Geistes seine Zuhörer mit sich fort, sie begeisternd für die Erscheinungen, deren Studium er sein ganzes Leben widmete. Dazu kam eine un- türlich ungekünstelte, stets klare und wohldisponierte Ausdrucks- weise, die ihn zu einem Meister der Vortragskunst machte. Seine öffentlichen Vorträge wurden als ideal in jeder Beziehung ge- rühmt. Er verstand es, sich ganz dem Bildungs- und Verständnis- grab seiner Zuhörer anzupassen, sei es. daß er vor einer gelehrten Gesellschaft vortrug, oder eine jener berühmt gewordenen Vorlesun- gen vor Kindern hielt, die ihm eine Quelle ganz besonderer Freude waren und das beste Zeichen für sein kindlich liebenswürdiges hei- teres Gemüt sind. Eine jener Vorlesungen Faradays vor Kindern ist veröffentlicht unter dem Titel:„Naturgeschichte einer Kerze". Faradays Werk wurde in würdiger Weise in seinem Heimat- land von Maxwell fortgesetzt, der die neuen Vorstellungen, die Fa- raday in die Lehre vom Magnetismus und der Elektrizität ein- führte, in die den Fachleuten geläufige mathematische Formelsprache brachte und damit dem allgemeinen Verständnis erschloß. Nur zögernd allerdings und oft fast widerwillig wurden die neuen Lehren und Vorstellungen aufgenommen, namentlich auf dem Kon- tinent. Aber gerade von hier aus, von Deutschland, gingest aus den Händen des genialen Hertz die Versuche hervor, die endgültig die Entscheidung zugunsten der neuen Faradah-Maxwellschen An'« schaüung gegeben haben. Die moderne Elektrizitätslehre ruht ganz auf dem Fundament, das Faradays Genie errichtet hat, )Zu9 der Gerchichte der deutfchen Recbtrchreibung* In Konrad Duden hak die deutsche Rechtschreibung ihren Schutzpatron und eigentlichen Repräsentanten ver- loren. Aber in seinen Büchern lebt der Geist der Orthographie, den er verkörperte, unter uns fort und wird so lange wirksam und mächtig bleiben, bis etwa eine neue Revolution die jetzigen Regeln und Gesetze umstößt und neue an ihre Stelle setzt. Einen ähnlichen„Schriftensturm" haben wir ja erst vor kurzem erlebt, als man die deutsche Schrift aus den Schulen verbannen wollte. Solche Kämpfe, wie sie diesmal unter dem Schlachtruf:„Hie Antiqua, hie Fraktur" entbrannten, haben sich noch viel erbitterter und hitziger um die deutsche Rechtschreibung abgespielt, als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Reformer aller Art auftraten und schließlich das allgemeine Chaos in der Konferenz von 1876 eine neue Form der Rechtschreibung gebären sollte. Die Orthographie, die wir heute in der Schule erlernen, ist ja nichts notwendig Gewordenes, sondern etwas willkürlich Fest-, gesetztes. So alt wie der schriftliche Gebrauch der deutschen Sprache ist auch der Kampf um die Schreibung, mochte er nun in gelehrten Klosterstuben mit spitzfindigen Gründen ausgefochten oder von naiveren Gemütern mehr instinktiv entschieden werden. Die Mönche von St. Gallen haben dereinst geglaubt, die einzig richtige Schreibung zu besitzen, und haben die rheinfränkische und die nieder- rheinische Orthographie für falsch und sinnlos erklärt. Immerhin, machte sich doch das Streben bemerkbar, möglichst phonetisch getreu, d. h.„wie man spricht", zu schreiben. In der Blütezeit der mittel- alterlichen Literatur, im 12. und 13. Jahrhundert, war dieses Ideal fast erreicht; aber als sich nun im 14. und 15. Jahrhundert in den Gärungen einer phantastisch wirren Uebergangszeit die neu- hochdeutsche Sprache zu bilden begann, da machte sich in Schrift und! Schreibung eine gewisse Zuchtlosigkeit bemerkbar; eine Unzahl! wunderlicher Worte und Wortformen tauchte auf, die der Willkür Tür und Tor öffnete. Luthers einzigartige Sprachgewalt erlangte zwar einen entscheidenden Einfluß, aber in der Rechtschreibung schwankte auch der Schöpfer unserer neuhochdeutschen Sprache, und die auf seiner Grundlage weiterbauenden Schriftsteller und Gram- matiker suchten nur in ganz oberflächlicher Weise allerlei Unbeholfen- Heiken und Roheiten auszugleichen, allzu schwinge Lautverbindungen zu vereinfachen. Jedenfalls wurde unsere Rechtschreibung seit Luther mehr und mehr historisch, drängte zu einer prinzipiell etymologischen, nicht lautgetreuen, sondern der Abkunft der Wörter Rechnung tragenden Schreibung hin, wie sie das Französische und' Englische haben. Allerlei Theorien tauchten auf, die aber keine allgemeine Anerkennung erlangten, sondern, von Eigenbrödlern auf, genommen, nur noch größere Wirrnis stifteten. Zu den gegen Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahr- Hunderts anerkannten Sprachmeistcrn Adelung und I. Eh. A. Heyse traten im Laufe des 19. Jahrhunderts immer neue Apostel neuer orthographischer Evangelien. Wie der Deutsche damals die Qualen der allgemeinen Schreibunsicherheit empfand, das schildert ergötzlich ein braunschweigischer Eisenbahnbeamter, der 1863 in einer Schrift „Ueber die Umbildung der deutschen Rechtschreibung" sein Leid klagte. Nach dem System Heyse war er erzogen worden; auf eigene Füße gestellt, wählte er erst K. F. Becker und späterhin Jakob Grimm, den Meister der deutschen Sprachgeschichte, der aber in, allerlei Wunderlichkeiten und Schrullen einer historischen Ortho- graphie verfiel, zum Führer und Leitstern. Da er in seinem Beruh diese seltsame Rechtschreibung nicht anwenden konnte, mußte er sich! in amtlichen Aktenstücken einer offizielleren Schreibung bequemen, während er in seinen privaten Arbeiten eine mehr reformierte durchsührte.„Daneben aber," klagt er,„muß ich verschiedene andere Rechtschreibungen einlernen, um meinen Kindern in ihrer» Schularbeiten nachhelfen zu können. Die Nachhilfe ist dann zu- gleich mit einer Warnung verbunden, ja nicht zu schreiben» wie Papa schreibt, sondern lediglich wie der zeitige Lehrer und die zeitige Sprachlehre es will." Um die deutsche Welt vor einer Verwirrung der Rechtschreibung zu bewahren, die die Zustände beim Sprachenchaos des Turmbaues zu Babel wieder heraufbeschwöre, trat nun Karl Wein hold in» die Schranken. Als treuer Schüler Jakob Grimms und der junger» deutschen Sprachwissenschaft verlangte er, daß man„der geschicht- liehen EntWickelung des Neuhochdeutschen" genüge. Zurück zun» 13. Jahrhundert! lautete seine Parole; man könne gar keine bessere Schreibung finden, als sie die edelsten und gebildetsten Kreise des 13. Jahrhunderts besaßen. Diese„Reform", die eigentlich nur von Germanisten durchgeführt werden konnte und deren wunderliche Eigentümlichkeiten aus den Schriften der Grimm, Weinhold undl anderer heute nur noch wie kleine altväterrische Zöpfchen hervor- lugen, mußte den Widerspruch weitester Kreise hervorrufen. Sie brachten im Laufe der 50er Jahre eine allgemeine orthographische Bewegung erst recht in Fluß. Als berufener Sprecher aller Gegner der romantisch-historischen Methode trat Rudolf v. Räumer aus, der cjnen gemäßigten phonetischen ilautgetreuen) Standpunkt ver» trat; er wendete sich sowohl gegen die Zurückjchraubung unser« OrthograMe ins Mittelalter, ivie auch gegen eins übertriebene Servorkehrung des Phonetischen, gegen die„F i- P a r t e i", wie fre Scherer nach ihrer Schreibung des„V'eh' nannte. Raumer arbeitete auch den Entwurf aus, der den Verhandlungen der Brr- liner Konferenz zugrunde gelegt wurde, die endlich im Jahre 187S zusammentrat,„zur Einigung über die Grundsätze der deutschen Rechtschreibung". Dieser Konferenz gehörte auch Konrad Duden an, und bei ihren Beschlüsien trat er, wenn auch nicht völlig ihrer Ansicht, der Mittelpartei bei, deren Vorschläge dann im wesentlichen in der sogenannten Puttkamerschcn Rechtschreibung zur Geltung kamen. Duden stellte damals seine Anschauungen in einem Buche „Die Zukllnftsorthographie" auf, das in diesen Tagen dcS Kampfes um die Wagnersche Zukunftsmusik nicht wenig verspottet wurde. Diese Zukunftsorthographic ist nun heute aber doch zur Gegenwarts- Orthographie geworden, nachdem im Jahre 1903, nicht zum gering- Pen Teil durch Dudens Wirken, eine wiederum reformierte Recht- Schreibung von den Behörden und Schulen für das ganze deutsche Sprachgebiet durchgeführt ist. Daß freilich das Stückwerk der jetzigen Orthographie reform- bedürftig sei, wird kein Kenner leugnen, kleines f cuiUeton. Paläontologisches. Neue paläontologsche Funde aus Aegypten. Aegypten scheint nicht allein für die Kulturgeschichte des Menschen. fondern auch für seine EntwickelungSgeschichte aus tierischen Vor» fahren von groher Bedeutung zu werden. Die dortigen Tertiär- schichten, die seit dem Jahre 1901 genauer untersucht werden, haben über eine ganze Reihe entwickelungsgeschichtlicher Probleme neues Licht verbreitet. Die darin enthaltenen Fossilien heule längst aus- gestorbener Säugetiere weisen noch auf jene in der ältesten Tertiär- zeit vorhanden geweiene Verbindung de» afrikanischen mit dem siid- amerikauischen Kontinent hin. Deutlich lätzt sich die EntWickelung de? Elefanten vom Mörilherium. bei dem sich schon Stoßzähne und Rüssel herauszubilden begannen, über Paläomastodon, Tetrabelodon, Mastodon bis hinauf zu dem heutigen Elefanten verfolgen. Auch die Sirenen, pflanzen- fressende Säugetiere u. a. des Indische» Ozeans, gehören mit ihrer Wurzel in diese Entwickelimgsreihs hinein. Dagegen haben sich die Wale, wie anS de» in Aegyvren gefundenen Fossilien hervorgcbt. sicher aus Ilrranbtieren entwickelt, die vom Norden ausgehend, sich nach den südliche» Meeren hin verbreitet haben. Tie grötzte Be- deutung beanspruchen aber, wie M. Schlosser in seinem Bericht üi den.Zoologische» Anzeigen" hervorhebt, die Reste von drei Affen, deren Grvsic zwischen der eines Eichhorns und eine? Brüllaffen schwebt. Davon sind die beiden Gattungen Moeripithecns und Parapithecus besonders wichtig, weil sie Uebergangsformen darstellen von den in chcr frühesten Tertiärzeit zuerst auftretenden Halbaffen zu den echten Affen. In entwickelungsgeschichtlicher Beziehung noch dedeutnngsvoller ist?ropUoxitbeeus Ickaoolroli. ein echter Menschen- äffe des Otigoeäns, nicht nur der Ahne aller Menschenaffen, sondern vermutlich auch der des Menschen. DaS Gebitz entspricht dem primitiven weiiichlichen. die Zähne stehen bereits ziemlich vertikal, die Kiefernäste parallel zu einander; die geringe Gröge dieses Affen ist durchaus lein Hindernis für die ihm von Schlosser zugewiesene Stelle im Stammbaum des Menschen. Naturtviffenschaftliches. AuS dem Leben der virginifchen Palmenlilie. Eines der anziehendsten Kapitel der gesamten Biologie bilden die gegenseitigen Veziebungen der Blumen zu den Insekten und ihre »vechselieilige Anpassung. Eines der überraschendlten Beispiele, wie eine Pflanze in ihrer ganzen Erhaltung aus ein bestimmtes Insekt und dieses wieder zu seüiem Lebe» an die betreffende Pflanze an- gepatzt ist, bildet die auch in unseren Gärten häufig kultivierte Virgünsche Palinenlilie. Vuoaa filameutosa. Die Pflanze hat einen fast bauiiiföcnngen Wuchs und trägt große rispcnförmige Blüten- stände mit glockenförmigen, hängende», weitzen Blüten von etiva vier Zentimeter Durchmesser. Die Blüten sind zwittrig, das heitzt Stauogefätze und Stempel sind in derselben Blume vereinigt. Aeutzerlich_ bieten die Blüten nichts besonders Auffallendes. Um so seltsamer aber ist der Befruchtungsvorgang, der vollständig von einem kleinen Schmetterling, der sogenannten Ducca-Motte, kroiutdn yuccasella, abhängt. Und auch die Motte ihrerseits ver- mag nicht zu einstieren, wenn sie nicht die Palmenlilie zur Ber- sügung hat. So lange es bell ist, verkriechen sich die kaum ändert- halb Zentimeter langen Motten in den Duccablüten. Erst bei berein- brechender Dunkelheit schwärmen sie aus und beginnen ihr Liebes- spiel. Räch erfolgter Begattung kehrt das Weibchen in eine Blüte zurück, klettert an einem Staubgefäß in die Höhe und fängt an. den Pollenftanb einzusammeln. Zum Zweck des PollensamnielnS find die Weibchen dieser Motten g-mz besonders von der Rotur auSge- rüstet. Am unteren Ende der Kiefertaster entspringen nämlich zwei lange, gekrümmte, an der Innenseite mit schar'cn Stacheln besetzte Greiforgane, mit denen die Tiere geschickt den Samcnstaub abkratzen »md mit sich forttragen. Auf drei oder vier Staubgefäßen setzt das Tierchen diese Sammelorbeit fort und knetet den Pollen zu einer Kugel von etwa der dreifachen Größe seines Kopfes zusammen, dl« es dann, zwischen Hals und Borderbeinen eingeklemmt, mit sich fortträgt. Ist das Sammelgeschäft beendet, so fliegt die Motte zu einer anderen Blüte, um hier ihre Eier abzulegen. Mit Hilfe eines Legestachels bohrt sie den Fruchtknoten an und legt ein Ei unmittelbar an die Samenlager eines KeimfacheS. Nun klettert die Motte an dem Stempel in die Höhe und pfropft einen Teil seine? Pollenvorrates oben in seine Narben, mit anderen Worten, sie führt eine künstliche Befruchtung der Duccablüte ans, gleichsam als ob sie sich bewußt wäre, daß das sich ent- wickelnde Ei nur dann genügende Nahrung vorfindet, wenn sich die Samenanlagen der Ducca entwickeln können. Nachdem sie sich dann einige Minuten von dieser anstrengenden Arbeit ausgeruht hat, kriecht sie wieder zum Fruchtknoten hinab, legt ein zweites Ei an eine der anderen Samenanlagen und versieht gleichzeitig die zweite Narbenfurche mit Samenstaub. Dieses Geschäft vollzieht sie dann noch mehrmals, bis der Pollenvorrat aufgebraucht ist. Au? den Eiern der Motte entwickeln sich dann im Verlaufe von etwa acht Tagen die Larven, die beim Heranwachsen einen Teil der sich entwickelnden Samenanlagen aufzehren. Zu Beginn der Fruchtreife schlüpfen dann die Larven auö, lassen sich auf die Erde herunter und kriechen in den Boden, wo sie überwintern. Zur gleichen Zeit, wenn dann im nächsten Jahre sich die Duccablülen von neuen, eickfalten, schlüpft auch wieder die neue Schmetterlings« generation aus der Puppe und das Spiel beginnt von frischem. Wenn die Duccamolten auch fast wie Schmarotzer in den Frucht- knoten hausen und Dutzende von Sameuanlagen vernichte», so ent- halten doch die Faichtlnoten so zahlreiche Samenanlagen, daß immer- hin in den einzelnen Kapseln mehr als hundert Samen zur Reife kommen. Hält man dagegen die Motten von den Blüten fern, so findet überhaupt keine Befruchtung statt, die Pflanzen bleiben steril. T. Technisches. Ein neuer Längenmaß st ab. Es gibt einen internatio- nalen Ausschuß für Maße und Gewichts der darüber zu wachen hat, daß diese Grundlagen unterer Schätzung eine hinreichende Zuver- lässigkeit bewahren. Dazu ist eS auch nötig, daß es ein Normalmaß gebe, und dies besteht für die Längeneinheiten in einem Maßstab, der m Paris aufbewahrt wird. Es ist nun aber äußerst schwierig und in absoluter Strenge unmöglich, einen solchen Stab zu erzeugen, der durchaus keiner Veränderung unterworfen wäre. Dem steht das Naturgesetz entgegen, daß sich jeder Stoff unter der Wirkung der Wärme ausdehnt und bei Abkühlung zusammenzieht. Es ist also notwendig, einen Stoff zu wählen, der dieser Einwirkung am wenigsten unterliegt und ihn bei möglichst gleicher Temperatur zu erhalten. Zunächst wählte man eine Legierung der beiden kostbaren Metalle Platin und Iridium, ans dem tatsächlich das Urmeter in Paris besteht. Später wurde fest- gestellt, daß eine Nickelstabllegicrung. die daher auch in Jnvar ge- nannt wird, einen erstaunlichen Grad von Nnveränderlichkeit besitzt. Auch hat Dr. Kaye der Royal Society in London eine Untersuchung übermittelt, die einen ganz anderen Stoff als noch zweckmäßiger für die Herstellung von Normalmaßen empfiehlt. Es ist kein anderer als der Quarz oder die mineralische Kieselsäure, die in geschmolzenem Zustand und nach geeigneter Behandlung neuerdings zu vielen wissenschaftlichen Zwecken an Stelle von GlaS benutzt wird. Vor dem Plaliniridium hat die Kieselsäure den gewaltigen Vorzug einer viel größeren Billigkeit, während sie den Nickelstabl durch andere für diesen Zweck wichtige Eigenichaften übertrifft. Bei einer Tcm- paraturschwankung von 490 Grad wurde nur eine Längender- änderung des QuarznietersystemS um etwa'/> Tausendstel Millimeter ermittelt. Ein Fernrohr von 2'� Meter Durchmesser.®et Fortschritt der für die HimmelSkunde benutzten Instrumente scheint jetzt wieder einen neuen Antrieb erhalten zu haben. Auf das Riesen- fernrohr der Licksternwarte folgte das der DerkeS-Sternwarte mit einer Linse von einem Meter im Durchmesser, und bis auf den heutigen Tag ist kein Refraktor von größeren Ausmaßen gebaut worden. Die neue Entivickelung wandelt eine andere Bahn, indem sie sich dein Spiegelfernrohr zugewandt hat. AIS vor einigen Jahren mit den Mitteln des Carnegie-Instituts eine ueue Stern- warte auf dem Gipfel deS Wilson-BergeS in Kalifornien gegründet wurde, bestand ein Teil dieses Planes in der Schaffung eines Spiegelsernrohrs. Seitdem ist dies Instrument vollendet worden und dient mit seinein Spiegel von 152 Zentimeter Durch- messer gegenwärtig dem Leiter der Sternwarte, Profeffor Hnle, zu Beobachtungen des Planeten MarS, von denen man vielleicht wichtige ÄufNärungen über manche der Fragen, die sich an dies Befklrn knüpfen, erhoffen darf. Vor einiger Zert schon hatte dann ein reicher Amerikaner dein Carnegie-Jiistinck 200 000 M. angeboten, die für die Herstellimg eines neuen Spiegel? von mehr als 2ll2 Metern, genau 254 Zentimeter, benutzt werden sollten. Die Spende tvrirde angenommen und der heikle Auftrag einer Anstalt in St. Gobain in Frankreich übergeben, der einzigen, die für seine Aus« führung in Frage kam. Sieben Versuche znr Herstellung des uuge» heuren GlaSvlocks mißlangen. Auch der achte, der ein Gewicht von 4'/, Tonnen besaß, wurde bei genauerer Prüfung noch nicht alS rein genug befunden. Jetzt endlich ist nach fünfjähriger Arbeit ein tadel- loier Block für den Spiegel zustande gekommen. Peranrw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.Perlagsanjtalt Paul SingertEo., Berlin SW»