Anterhaltungsblatt des Hsrwärts Nr. 132. Mittwoch den 9. August. 1911 48] pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen Nexö. Nun löste sich das Ganze plötzlich von selber auf. Der alte Jeppe verlaufte das Geschäft mit Lehrlingen und allem: Pelle wollte sich nicht verkaufen lassen. Jetzt war die Ge- legenheit da, jetzt wollte er mit schnellem ßntschlud diesen Abschluß vollziehen. „Tu gehst nicht," sagte Jeppe drohend,„Du hast noch ein Jahr von Deiner Lehrzeit vor Dir. Ich melde Dich bei der Polizei, und was das heißt, das hast Du ja erfahren." Aber Pelle ging. Nachher konnten sie, so viel sie wollten, nach der Polizei rennen. Froh und leichten Sinnes mietete er eine Mansardenkammer oben ans dem Hafenhügel und schaffte feine Habseligkeiten dorthin. Es war, als recke er sich nach jahrelanger Sklaverei. Niemand hatte er mehr über sich, keine Last, keine Verpflichtung. Jahrelang hatte er gegen einen beständigen Niedergang gekämpft: es hatte seinen Jugendmut gerade nicht gestärkt. Tag für Tag seine Kräfte vergebens gegen den Rückgang in der Werkstatt anzustrengen. Er konnte nur den Lauf ein wenig zurückhalten, und im übrigen mußte er mitgleiten. Ein gut Teil Resignation und ein wenig zu viel Geduld im Verhältnis zu seinen achtzehn Jahren, das war seine augenblickliche Ausbeute von der Fahrt den Hügel hinab. Jetzt lag das Ganze-unten am Fuße des Hügels, und er konnte zur Seite treten und sich selbst ein wenig säubern. Sein Gewissen war in Ordnung, und eine etwas verkümmerte Freude über die Freiheit, das war alles, was er gewonnen hatte. Geld, um zu reisen, hatte er nicht, und feine Kleider waren in einer argen Verfassung, aber das kümmerte ihn vorläufig nicht. Er atmete nur tief auf und sah die Zeit an. Der Tod des Meisters hatte eine so große Leere in ihm hinterlassen. Er entbehrte den seelenvollen Blick, der ihm ein Gefühl eingeflößt hatte, als stehe er im Dienste einer Idee. Die Welt um ihn her war so wunderlich gottverlassen geworden, jetzt, wo dieser Blick nicht mehr halb klar und halb unergründlich auf ihm ruhte und diese Stimme schwieg, die ihm immer zu Herzen ging, sowohl wenn sie zornig, wie auch wenn sie unendlich milde oder ausgelassen war! Wo die ertönt war, begegnete sein Ohr jetzt der Einsamkeit. Er tat nichts, um sich aufzuraffen, und faulenzte. Dieser oder jener Meister war nach ihm auS: sie wußten ja alle, daß er ein schneller und zuverlässiger Arbeiter war und wollten ihn gern als Lehrling haben für eine Krone die Woche und die Kost. Aber Pelle wollte nicht. Er fühlte, daß dort seine Zukunft nicht lag: und über das hinaus wußte er nichts, sondern wartete nur wunderlich dumpf darauf, daß etwas geschehen sollte, irgend etwas. Er war aus seinem festen Dasein herausgedrängt und hatte selber nicht das Bedürfnis einzugreifen. Von seinem Fenster aus konnte er in den Hafen hinabsehen: das große linternehmen war nach dem strengen Winter wieder in vollem Gange. Da stieg ein Summen von der Arbeit zu ihm herauf, sie hauten, bohrten und sprengten, die Kippwagen wanderten in langen Reihen die Schienen hinauf, warfen ihren Inhalt draußen am Ufer- rande ab und kamen wieder. Seine Glieder sehnten sich nach strenger Arbeit mit Hacke und Schaufel, aber der Gedanke schlug doch nicht die Richtung ein. Kam er auf die Straße, so wandten die strebsamen Bürger den Kopf nach ihm um und tauschten Bemerkungen aus. laut genug, daß sein Ohr sie auffangen konnte.„Da geht Meister JcpPes Lehrling und bummelt," sagten sie zu- einander.„Jung und stark ist er, aber er mag nichts tun: er wird noch mit der Zeit ein Tagedieb, das sollt Ihr mal sehen.— Ja, war er es nicht auch, der auf dem Rathaus Prügel bekam wegen seines rohen Benehmens? Was ist da anderes zu erwarten!" Und dann hielt sich Pelle zu Hanfe. Hin und wieder bekam er ein wenig Arbeit von den Käme- raden und armen Leuten, die er kannte, mühte sich dann ab ohne Gerätschaften und ging, wenn er gar nicht anders fertig werden konnte, zu Jens hinaus. Jens hatte Falz und Leisten. Sonst saß er am Fenster und fror und starrte hinaus über den Hafen und die See. Er sah, wie die Schiffe aufgetakelt wur- den und in See gingen, und mitjedem Schiffe, das aus dem Hafen glitt und am Horizont.»"�schwand, war es ihm, als entgleite ihm eine letzte Möglichkeit. Er hatte diese Empfindung, aber sie rührte ihn nicht. Von Marten zog er sich ganz zurück und ging auch nicht mehr linter andere Menschen. Er schämte sich darüber, los und ledig zu gehen, während alle anderen arbeiteten. Mit dem Essen hatte er sich praktisch eingerichtet: er lebte von Milch und Brot und brauchte rm Tage nur ein paar Oere« Er konnte sich gerade den ärgstc-r Hunger vom Leib halten. An Feuerung war nicht zu denken. Wenn er so müßig dasaß, genoß er mit einer gewissen Beschämung seine Ruhe, im übrigen regte sich nicht viel in ihm. Wenn des Morgens die Sonne schien, stand er früh auf und schlich aus der Stadt hinaus. Den ganzen Tag streifte er in den großen Nadelwäldern umher und lag auf den Strandhügeln und ließ das Murmeln des Meeres in seinen Halbschlummcr hineinbrausen.�Er aß wie ein Hund, was ihm von Eßbarem vorkam, ohne darüber nachzudenken, woraus es bestand. Das Sonnenglitzern auf dem Wasser und der starke Duft der Nadelbäume und das beginnende Auftreiben der faulenden Säfte, die der Frühling mit sich führt, machte ihn wirr und füllte sein Gehirn mit halbwilden Vorstellungen. Die Tiere fürchteten sich nicht vor ihm, sondern blieben nur einen Augenblick stehen und schnoben den Geruch ein: dann lebten sie sorglos weiter und erfüllten ihr tägliches Leben vor seinen Augen. Das störte ihn nicht in seinem Halb» schlummer, aber wenn sich menschliche Wesen ihm näherten. schlich er davon und verbarg sich mit einem feindlichen, fast gehässigen Gefühl. Er empfand eine Art Wohlsein hier draußen. Oft stieg der Gedanke in ihm auf, seine Wohnung da drinnen- aufzugeben und sich des Nachts unter irgendeine Tanne zu kriechen. Erst wenn die Finsternis ihn verbarg, kehrte er nach Hanse zurück, warf sich mit den Kleidern auf das Bett und lag dann da und fiel in Schlummer. Wie aus der Ferne konnte er seinen Nachbar, den Taucher Ström, in wackelndem Schritt über den Boden gehen und nebenan mit seinen Eß» gerätschaften rumoren hören. Der Speisequalm, der, mit Schlafgeruch und Tabaksrauch vermengt, immer durch hie dünne Bretterwand zu ihm hereindrang und erstickend schwer iiber seiner Stirn hing, ward jetzt stärker. Das Wasser lief ihm im Rkunde zusammen. Er schloß die Augen und zwang sich in andere Vorstellungen hinein, um den Hunger zu be- täuben. Da ertönten die bekannten leichten Schritte auf der Bodentreppe und jemand pochte an die Tür. Es war Marten. „Bist Tu zu Hause, Pelle?" fragte er: aber Pelle rührte sich nicht.. Pelle konnte hören, wie Ström mit breiten Bissen in das Brot hineinhicb und schmatzend taute, und zwischen dem Kauen ertönte auf einmal ein wunderlicher Lank, ein unterdrücktes Brüllen, das jedesmal unterbrochen wurde, wenn er einen Mundvoll nahm. Es klang, als wenn ein Kind zugleich ißt und heult. Daß ein anderer Mensch weinte, schmolz etwas in Pelle und erfüllte ihn mit einem schwachen Gefühl von etwas Lebendigem: er richtete sich auf den Ellbogen auf und lauschte. und während sich ein kalter Schauer nach dem andern an seinem Rücken herabschlich, lag er da und lauschte, wie sich Ström mit dem Entsetzlichen herumschlug. Man sagte. Ström sei hier, weil er in seiner Jugend in der Heimat irgend etwas begangen hatte, und Pelle vergaß seine eigene Not und lauschte starr vor Entsetzen diesem Kampf mit den bösen Mächten, der damit begann, daß Ström ge» duldig, mit ballender, träncnvcrmcngter 3iede die Worte der Bibel gegen die wimmelnden, kleinen Teufel anführte.„Am Ende kann ich Euch dazu bringen, daß Ihr den Schwanz zwischen die Beine nehmt," rief er aus, wenn er ein Stück gelesen hatte. Es lag eine eigene Breite in seiner Stimme, ein Bedürfnis nach Frieden.—„Ach so!" rief er nach einer Weile aus,„Ihr wollt noch mehr. Ihr verteufelten Halunken! Was sagt Ihr denn hierzu? Ich, der Herr, Dein Gott, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs---* Ström jagte die Worte heraus, das Böse brach sich Bahn in seiner Stimme und plötzlich verlor er die Geduld. Er nahm das Buch und schleuderte es an den Boden.„Dann soll Euch Per Satan Ijolcn!" schrie er und schlug mit den Möbeln da drinnen um sich. Pelle lag in Schweiß gebadet da bei diesem besessenen Kampf; mit einem Gefühl der Befreiung hörte er. wie Ström das Fenster öffnete und die Teufel üb« r die Dächer hinabjagte. Der Taucher führte den letzten Teil des Kampfes mit einem gewissen Humor aus. Er redete lockend und schmeichelnd in die Ecke hinein...Sieh. Du kleiner, süßer Teufel, was für einen weichen Pelz Du doch hast! Ström darf Dich doch Wohl ein wenig streicheln? Nc. das hättest Tu doch wohl nicht er- wartet, sind wir Dir zu klug gewesen? Wie? Du willst noch beißen. Du Teufelsjunge!— Da. nun brich Dir nur die Augenbrauen nicht!" Ström schloß das Fenster mit einem innigen Glucksen. Eine Weile ging er umher und amüsierte sich.„Ström ist doch noch Manns genug, um die Höhle selbst zu säubern," sagte er zufrieden. Pelle hörte ihn zu Bett gehen und fiel selbst in Schlaf. In der Nacht aber erwachte er davon, daß Ström dalag und taktfest mit dem Kopf gegen die Bretterwand schlug und weinend sang:„An den Ufern von Babylon." Mitten im Gesänge schwieg der Steinhauer und stand auf. Pelle hörte ihn hin und her tasten und auf den Boden hinausgehen. Von Schreck ergriffen, sprang er gus den« Bett und zündete Licht cm. Da draußen stand StnTm und war im Begriff, eine Schlinge über den Balken zu legen.„Was willst Du hier?" sagte er wütend.„Kann ich denn jetzt auch vor Dir keinen Frieden mehr haben?" „Warum willst Du Hand an Dich legen?" fragte Pelle leise. „Da sitzt eine Fran und ein kleines Kind und weint nur immer rmd ewig die Ohren voll. Ich kann es nicht mehr aushalten," antwortete Ström und knüpfte an seinem Strick weiter. �Fortsetzung folgt.j lZkachdruck verdoien.) Das tHodermficrte Liocor. Vcn Pierre Loti. Autorisierte ltebcrsctzung von N. C o l l i n. Das Wasser des Nils war schon gefallen und meine Dahabje, die sich durch Auffahren verspätet hatte, konnte Luxor nicht wehr erreichen. Wir legten an irgendeinem Winkel des peilen Ufers an, als die Dunkelheit niederzusteigen begann. „Wir sind unserem Ziel ganz nahe, morgen haben wir nur noch eine Stunde zu fabren." erklärte wir mein Fährmann, ehe er sich zu seinem Abendgebet begab. Die Nacht hatte ihre weichen Fittiche über uns ausgebreitet, hier an diesem Ort, d«i sich nicht von anderen zu unterscheiden schien, an denen wir, ganz wie der Zufall es fügte, seit einem Monat an. gelegt hatten, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Aus den dunklen Massen unterschied man unklar Rasenflächen, auf denen hier und dort sich eine Hobe Palme erhob, deren schwarze Fächer man erkennen konnte. Fröhlich zirpten die Grillen. Fast das ganze Jahr können sie hier ihre Musik erschallen laffeii, denn in der duftenden Lauheit der Gräser Oberägyptcns fühlen sie sich besonders glücklich. Durch die Stille klang das Geschrei der Nachtvögel wie Wehklagen von Katzen. Dann wurde eS wieder ganz ruhig— die unendliche Schweigsamkeit der Wüste schien gewaltig herrschend alles andere zu verdrängen. Heute früh beim Sonnenaufgang schimmert wie stets alles in prächtiger Reinheit. Immer lebhafter wird am Gipfel der lybischen Wüste die Färbung, die rosigen Korallen gleicht, und sie verdrängt die letzten bleigrauen Schatten, welche die Nacht noch am Himmel stehen ließ. Meine Augen, die seit Wochen schon an das stets gleiche Schau- spiel des Sonnenaufganges gewöhnt find, wenden sich ab, als ob sie von etwas Ungewöhnlichem gerufen werden, das sich eine viertel Meile vom Fluß, am arabischen Ufer, mitten in der düsteren Ebene erhebt. Zuerst scheint es eine Anhäufung hoher Felsen zu sein; in Dieser geheimnisvollen, zauberischen Stunde sind sie wie von einer lblaßlila Farbe übergössen, wie durchsichtig schimmern sie, und die' Sonne, die sich zögernd aus der Wüste hervorwagk, beleuchtet sie schräg, als ob es ihr Freude machte, die Umrisse frisch rosig zu umranden.... Sind es überhaupt Felsen, nein, denn als man sie deutlicher erkennt, sieht man gerade, snmmetrische Linien.... Nicht Felsen, aber wohl architektonische'Massen, groß und übermenschlich, die den Eindruck fast ewiger Dauerhaftigkeit erzeugen und aus denen zwei Obeliskenspitzen scharf wie Lanzen hervorragen.... Ach ja, jetzt habe ich verstanden: Theben I Theben I... Gestern abend, als es in dunkler Verborgenheit lag, glaubte ich mich nicht so nahe. Aber es hätte nichts anderes sein können, als die ewige Stadt; denn nichts auf der Welt kann wie diese Erscheinung wirken. Mit respektvollen, Eifer begrüßte üch die einzige und erhabene Ruine, deren Anblick mir schon seih einer Reihe von Jahren vorschwebte, ohne daß mir das Leben bis jetzt Zeit ließ, diesen Wünsch zu erfüllen. Jetzt aber auf nach Luxor, das schon zu Zeiten der Pharaonen eine Vorstadt der königlichen Residenz war und bis heute deren Hafen geblieben ist. Hier, wird mir gesagt, muß man seine Tahabjq anlegen, um sich in die fabclrcichen Paläste zu begeben, aus die jetzt daS Licht der aufgehenden Sonne fällt. Die Ketten, die uns auf dem Fluß halten, werden angezogen — während man auf meinem bronzenen Fahrzeug dazu dasselbo Lied anstimmt, das alt wie Aegypten ist, betrachte ich weiter die ferne Erscheinung. Aus den Morgenncbeln, die sie mir vielleicht noch zauberischer gestaltet hatten, löst sie sich heraus. Tie auf- steigende Sonne mit ihrem klaren Licht läßt alle Einzelheiten besser erkennen, und vollständig zertrümmert, schief, zusammengestürzt zeigt sie sich mitten in der schlveigsamen Ebene aus dem gelben Wüstcnteppich. In reiner Pracht steigt die Sonne Häher, und mit ihrer Jugend und ihrer schreckenerrcgenden Tauer scheint sie alles zu erdrücken. Denn sie hat schon seit unzähligen Jahrhunderten und Jahrhunderten dieselbe runde Form gehabt, dieselbe Klarheit ihres Diskus, und hatte ihren täglichen Laus über den Wüsten- strecken lange begonnen, ehe das einzige Theben austauchte. Diese Probe von Herrlichkeit bedeutete einen ziemlich merkwürdigen Aufschwung für die menschlichen Pygmäen, denen wir später nicht gleichkamen— übrigens müssen die Bauten sehr schwach und spott- schlccht gewesen sein, denn sie brachen zusammen, nachdem sie kaum vier Jahrtausende bestanden.... Eine Stunde später landen wir in Luxor. Welche Eni- täuschungl 'schon auf zwei Meilen Entfernung sieht man den Winter- Palast. Das Bauwerk, das sich seit einigen Jahren am Nil erhebt, ist schnell eiManden und sehr modern aufgeführt. Doch erkennt man bei dem gewaltig großen Hotel die leichte Bauart. Zwei- oder dreimal so hoch wie der bewunderte pharaonisch« Tempel, richtet sich die unverschämte, schmutzig gelbe, mit GipS abgeputzte Fassade in die Höhe. Natürlich verunstaltet sie die ganze Hingebung schändlich. Steht auch die kleine arabische Stadt mit ihren weißen HäuS-, chen, ihrem Moscheenturm und ihren Palmen noch da, erhebt fich auch der berühmte Tempel mit seinem schwerfälligen osirischen «säulemvald und spiegelt sich wie einst in dem Wasser des Nils, «s geht doch zu Ende mit Luxor l Welche Menschenfülle ist hierk DaS gegenüberliegende Ufer ist aber völlig vereinsamt, mit seinen Strecken goldenen sandcs und den am Horizont rosig gefärbten Bergen, die mit Mumien angefüllt sind. Armes Luxor! An den steilen Ufern haben eine Reihe von Touristenbootcn angelegt, eine Art zwei- oder dreistöckiger Kasernen, die jetzt den Nil von Kairo bis zu den Katarakten unsicher machen >— sie pfeifen, und ihre Dampfmaschinen inachen einen unerträg- lichcn, erschütternden Lärm.... Wo werde ich für meine Dahabje ein etwas ruhigeres Fleckchen finden, das mir die Beamten der Reisegesellschaften nicht streitig machen? Uebrigens bemerkt man nichts mehr von den Palästen Thebens, die ich gegen Abend aufsuchen will. Wir sind ihnen nicht mehr so nahe wie in der Nacht; während unserer morgendlichen Fahrt ist die Erscheinung nach und nach in die lichiüberskutctcn Ebenen zurückgetreten. Tann versperren auch der Winterpalast und alle neuen Bauten die Ausficht. » Ohne Frage ist der modernisierte Ouai von Luxor amüsant, an dem ich um zehn Uhr morgens bei klarem, flammendem Sonnen- schein ausschifsel Dem Wintcrpalast reihen sich in demselben pomphaften Stil Läden an. AlleS. was Touristen brauchen, wird dort verkauft: Fächer, Flicgenklatschen, Mützen und blaue Brillen. Dann zu Tausenden Photographien der Ruine». Außerdem noch Spielereien der Juden: alte Negermesser. Panlherfelle und Gazellenhörner. Selbst die Jndier�römen in Massen zu diesem improvisierten Jahrmarkt herbei un�bcingen Stoffe aus Radsch- poute und Kaschmir. Aber vor allen Tingen drängen fich die Mumicnhändler vor und zeigen Särge von geheimnisvollem Aus- sehen. Binden, Totenhände, Götter, Skarabäen— tausend beängstigende Tinge, an denen der alte, geheiligte Boden schon seit Jahrhunderten unerschöpflich zu sein scheint. An den Schaufenstern entlang, unter den spärlichen Palmen und den Häusern Schatten suchend, gehen Abgesandte der Pluto- kratie der ganzen Welt hin und her: dieselben Schneider haben sie angezogen, ihre Hüte sind auf dieselbe Art garniert und ihre Nasen hat der Sonnenbrand gleichmäßig rot gefärbt. Die stein- reichen Töchter der Chieagoer Kaufleutc streifen Prinzessinnen. Unverschämt drängen sich die jungen frechen Beduinen da- zwischen und bieten den schönen Reisenden ihre mit Damensätteln versehenen Maulesel an. Damit diesem Babylon nicht» fehle, laufen sehr eilig ganze Scharen von Herren und Damen der Reise- gesellschaficn an uns vorbei. Hinter den Läden ragen am Ouai wieder große Hotel» empor. Aber sie wirken nicht ganz so aufdringlich wie der Winterpalast. Sie find nicht so hoch und auf arabische Art mit weißem Kalt ver» putzt. In dem Gewirr von Palmen scheinen sie sich verbergen zn wollen. Nun haben wir endlich den gewaltigen Tempel von Lmjor erreicht, der so wenig hierher zu gehören scheint, wie der unglückliche Obelisk, der mitten auf der Place de la Concorde steht und den Aegypten uns schenkte. Am Rande des Nils erhebt sich ungefähr dreihundert Meter lang die wunderbare Steingruppe. Zu den Zeiten außerordentlicher Pracht schuf�man mit Begeisterung aus diesem Boden den hohen, gewaltigen Säulenwald aus Wunsch von Amenophis und des großen Ramscs. Wie schön mußte er früher gewesen sein, als seine prächtige Wirrnis über die Weiten dieses Landes hinwegragte, das seit Jahrhunderten in Verlassenheit und Schweigen liegt._(Schluß folgt.) J�aturwirrenfcbaftUche Qeber ficht. (Von Giften und Gifttieren.) Wenn man von giftigen Tieren schreibt oder spricht, denkt der Laie gewöhnlich nur an Schlangen, Skorpione, Bienen und ähnliche bekannte Vertreter der„Gisitiere". Nur die wenigsten wissen, daß es daneben noch eine fast unzählige Sckar giftiger Arten gibt, die sich über die meisten Klassen des Tierreiches von den Protozoen aufwärts bis zu den Säugetieren verteilen. Ganz zu fehlen scheinen giftige Arten lediglich den Manteltiercn, den Molluscoideen und den Vögeln. Nun bezeichnet allerdings das Wort Gift eine» durchaus relauven Begriff. Emen giftigen Stoff an sich gibt es überhaupt nicht, sondern man kann natürlich von Gift und Giftwirkung nur in Hinsicht auf«in bestimmtes Lebewesen reden. Ferner ist eS ja auch eine allbekannte Tatsache, daß selbst die heftigst wirkenden Gifte in geringen Mengen direkt als Heilnüttel gellen können. Die Mehr- zahl der wirksamsten nrediziniichen Präparate sind ja Gifte in diesem Sinne. Dazu kommt noch, daß sich die verschiedenen Tiere den einzelne» Giften gegenüber außerordentlich verschieden ver- halten, daß ein Stoff, der auf die eine Art als schloerstes Gift wirft und raschen Tod zur Folge hat, von anderen Arten ohne jede Schädigung vertragen wird. Dafür nur zwei Beispiele. In den Bergwaldungen Mutrldcuffchlands, z. B. im Harzgebirge, wächst in weiter Verbreitung die berüchtigte Tollkirsche. Löllackouua a t r o p a. Wie verlockend ist das Aussehen der Pflanze! Die frischen faftstrotzenden Blätter scheinen herausfordernd den Appetit aller Pflanzensrcjfcr auf sich lenken zu wollen. Und trotzdem— die Nahrung mag»och so knapp sein— wird die Pflanze von allen größeren weidenden Tieren ängstlich gemieden. Sowohl Laub wie Saft der Tollkirsche enthält nämlich ein für Mcnsch und Tier töd- liches Gift. Schlverlich hätte sich die Pflanze ohne dieics heim- tückische Erbgut im Daseinskampfe erhallen lönncn. Wie aber alle Schutzmittel nur eine bedingte Sicherheit verleihen, so auch hier; das Gift, das selbst die größten Tiere zurückschreckt, bietet keine Wehr gegen einen schwachen kleinen Käfer. Haltica atropao, dessen wichtigste, ja einzige Nahrung die Tollkirsche ist. Es ist ferner eine sehr bekannte Erscheinung, daß die meiste!, tierischen Schlangeujäger, darunter unser gemeiner Stacheligel, Erinaceus europaeus, gegen die Wirlungen deS Schlangen- gifles mehr oder weniger unenwfindlich(immun) sind. Mit größtem vehagcn kann man einen Igel, ohne daß es dem Tiere den ge- ringslcn Schaden brächte, eine Kreuzotter samt ihren Giftdrüsen veripeisen sehen. Wiederholt habe ich mich selbst überzeugen können, daß auch der Biß der Schlange, dem er bei seinen unerschrockenen Angriffen häufig ausgesetzt ist, von ihm ohne Bc- schwerde ertragen wird. Diese Giftfestigkeit findet nach dem heutigen Stande der Forschung darin ihre Erklärung, daß in dem Blute des Igels sich bestimmte Stoffe befinden, die als Gegengifte wirken imd das Schlangengift gleichsam absätligeu. Es ist ein rein chemischer Vorgang. Auch der Mensch vermag sich ja durch allmähliche Ge- wöhiiuug gegen bestimmte Eiste zu schützen. Doch sehen wir unö»ach diesem kurzen Exkurse etwas genauer die einzelnen Vertreter der Gifttiere an. Roch dem Beispiele Taschenbergs wollen wir die Gistüere in folgende fünf Kategorien einteilen: 1. Tiere mit besonderen Giftapparaten. 2. Tiere, die durch vitale Sioffwechsel- oder Zersallsprodukle giftig wirken. 3. Tiere, die in ihren Körpergetvcben oder wenigstens in bestimmten Organen giftige Stoffe enthallen, ohne sie jedoch auszuicheiden. 4. Tiere, die erst infolge ihrer Ernährung giftige Eigenschaften an- nehnien, und 6. Tiere, die auf noch unerklärliche Weise bisweilen giftig wirken können. Unter den Tiere» mit besonderem Giftapparate sind in erster Liiii« die Schlangen zu Neimen. Von de» zirkcl 1650 bis heute bekannt gewordenen Arien sind weit über die Hälfte. daS heißt mehr als 900 Giftschlangen. Die überwiegende Mehr- zahl und vor allen Dingen die gefährlichsten Giftschlaiigen sind Bewohner der wärmeren oder gar lropiichen Gegenden, während in unseren Klimaten verhältnismäßig nur wenige giftige Arten vorkommen. Welche Rolle die Schlange» auch heute noch als Feinde deS Menschen spielen, zeigt am besten eine Statislik der eng- kischen Regierung in Oftindien, der zusotge i» den Jahren 1860 bis 1893 durchichniulich 19 000— 20 000 Mcnichen jährlich an den Folgen von Schlangengift zugrunde gingen. Trotzdem die Regierung den Verheerungen nicht unlätig gegenübersteht, sondern durch Aussetzung von Bclohnuugen es erreicht bat, daß jährlich im Durchschnili fast eine halbe Million getöteie Schlangen abgeliefert werde», hat die Plage eher zu als abgenaminen. Bei dieser letzten Zahl, muß man allerdings auch in Berücksichtigung ziehen, daß zahlreiche Leute sich heiinlich große Schlangenznchtereien angelegt haben und mit der Regierung einen schwunghaften Handel treiben. In Deutschland besitzen die Giftschlangen nur zwei Vertreter, die über das ganze Reich verstreut vorkommende Kreuzotter Viper» dsvus und die lediglich auf d-: Umgebung von Metz und den süd- lichen Schwarzwald beschränk Aspisschlange Vipera aspis. Bei der Kreuzotter ist die Giftwirkung eine so bedeutende, daß nnnähernd 10 Proz. der Gebisienen daran elend zugrunde gehen. Weit höher ist die Mortalität in den heißen Gegenden, in denen»ach einer freilich nicht sehr verläßliche» Statistik durchschnittlich etwa 20— 25 Prozent der Gebissenen sterben. Wie rasch das Schlangengift von den Köruergeweben aufgesaugt wird, zeigt ein Verinch Calmettes, der eine Ratte an der äußersten Schwanzspitze mit dem Gift der gcsürchteten Kodra do Capelle» oder Brillenschlange, Naja tripudians, impfte. Obwohl bereits eine Minute später der Schwanz unmittelbar am Körper amputiert wurde, trat dennoch Vergiftungstod ein. Im Hinblick auf diese hohe Gefährlichkeit des Schlangengiftes für den Menschen ist es begreiflich, daß man schon seit langem eifrig nach einem Schutz-- oder Heilmittel suchte, und c'/ ist mit Freude zu begrüßen, daß es demselben Calmette in dem Vasteurschen Jnstilut vor einer Reihe von Jahren gelungen ist. ein äußerst wirksames Minel herzustellen. Wir sprachen vorhin schon von der Möglichkeit einer künstlichen Immunisierung durch allmädliche Gewöhnung an verschiedene Gifte. Wie zahlreiche Versuche gezeigt haben, lassen sich auch sonst äußerst empfindliche Tiere durch wiederholte Einspritzung von allmählich sich steigernden Eiflmciigen gegen die Wirkungen des Schlangengiftes immun machen. So gelingt es beispielsweise, ein Kaninchen im Verlaufe eines halben Jahres derart giftfest zir machen, daß es die hundertsache Dosis, die sonst unbedingt tödlich wirken würde, anstandslos verträgt. In dem Blute dieser giftiesten Tiere haben sich nämlich in großer Menge Schntzstoffe gegen Schlangengift, sogenannte Antitoxine gcbilder, die die schäd- liche Wirluiig des eingeführten Giftes sofort ausgleichen. Durch ein von Calnielte erdachtes Verfahrcu ist es nun möglich, diese Schutz-- stoffe zu gewinne» und durch Einspritzung damit andere Tiere eben- falls gegen das Schlongeiigift uncinpfindtich zu machen und gebissene Personen zu heilen. Den Erfolg seines Mittels konnte Ealmette einmal in sehr drastischer Weise an sich selbst erproben. Bei der Gistciitnahmc von einer lebenden Brillenschlange wurde er von dieser gebissen. Infolge sofortiger Einspritzung seines Heilmittels blieben aber alle Kranlbeilserscheiuungeu aus. Leider helfen jedoch diese Schutzstoffe im allgemeinen nur gegen das Gift der gleichen Schlangen- ort oder nahe verwandter Arten, von der das Gill zu der Jmmuni- sierung gewonnen wurde. Bei allen Schlangen besteht der Giftapparat mis paarigen zn beiden Seilen der Oberkiefer nnbe den Augen gelegener Drüsen, deren Aussührnngsgänge mit destiminten Zähnen in Verbindung stehen. Die Gistzirdne sind in der Regel sehr eigenartig gebildet. Außer durch ihre Größe zeichnen sie sich je nach der Art'dadurch aus, daß auf ihrer Vorderseite eine von der Basis bis zur Spitze reichende Furche verläuft oder daß der Zahn innerlich seiner Länge nach von einem, nahe der Spitze mündenden Kanal durchzogen wird, durch den dann das giftige Sekret in die Wunde fließt. In der Ruhe sind die Zähne nach hinien geklappt und in einer Schleimhaut« falte verborgen. Sie beben sich erst, wenn sie in das Fleisch eines Opfers geschlagen werden soll'.». Äehr.liche Einrichlungen ss.iden wir auch bei einer großen An« zahl von Fischen, doch dienen bei diesen im allgemeinen die Flossenstacheln zur Giftübertragung. 5ftir in einem Falle, bei den zu den Aalen gehörigen Muränen, einer bei den alten Römern sehr geschätzten Fischart des Mittelmeeres, steht der Giftapparat wie bei de» Schlangen mit bestimmten Zähnen in Verbindung. Allerdings besitzen die Gistzähne wede-. Furchen noch Kanäle, sondern das Gist wird aus der Drüse heim Zuschnappen einsach in die Wunde gepreßt. Den weit häufigeren Fall, daß die Flossenstrahlen zur Gift» Übertragung beiiutzl werden, finden wir bei dem bekannten Peter» mäimchen, Traoftiirus draco rcip. vipora, einem häufigen und gefürchleten Bewohner unserer Küsten. Die Tiere besitzen so-- wohl' an ihren Kiemcndeckeln wie an der Rückenflosse mit Furchen versehene Siacheln, in die das Gift bestimmter Hautdrüsen geleitet wird. Beim Menschen macht sich die Giftwirkung deS Peter« männchenS durch lokale Entzündung, heftige Schmerzen. Ersiickungs- gefühl nnd Delirien bemerkbar, und häufig ist der Tod die Folge. Von anderen Giflfil'chen seien serner noch die Knurrhähne, Drachen« löpse. Sceskorpione. einige Welse, verschiedene Haifische und Rochen nsw. erwähnt. Unter den übrigen mit Giftapparaten ausgerüsteten Tieren verdienen vor allen Dingen zahlreiche Jnselten wie Bienen, Wespen, Anicisen, Skorpione. Tausend'üßler. Spinnen, Wanzen, Flöhe, Läuse, zahlreiche Fliegellorten und noch viele andere Erwähnung. Ebenfalls müssen hier noch genannt werden die Hohltiere mit ihren Nessel« apparatcn, einzelne Würmer. Schnecken, Tintenfische, verschiedene Amphibien und Echsen und endlich auch die beiden einzigen giftigen Säugetiere: das Schnobcliier(C r rr i tlr ori uo du s) und der Aineisenigel(E c b i d n a). Bei diesen beiden zuletzt genannten Tieren besteht dcr Giftapparat aus einem mir dem männlichen Geschlechte znkoinmenden an den Hinterbeinen befindlichen Sporn, in den eine Drüse mündet. Da sich dieser Apparat aber,>vie gesagt, nur bei dem eine» Geschlecht ausgebildet findet und die Drüse in der PaarungS» zeit besonders anichwilll, sind die meisten Zoologen eher geneigt, darin eine» Reizapparat bei der Begattung alSe ine Schutzwaffe zu sehen. Zu der zweileu Gruppe von Tieren, die durch Stoffwechsel« produNe giftig toitlen, sind die grohte Zahl der Parasiten. wie Bandwürmer. Trichine, Filariden und vor allen Dingen verschiedene Urtier/ en zu rechnen. Um die Gesährlichkeit namentlich der letzteren hervorzuheben, brauche ich ja nur an die verschiedenen Trypanosemenarlen, die Erreger der Schlafkrankheit, der Tse-tsefliegenscuche der Surrah und ferner an die Malariapara- fiten zu erinnern. Allerdings mutz in diesen Fällen noch die Frage offen gelassen werden, ob die von ihncii im Körper der Erkrankten angerichteten Verheerungen wirklich auf spezifischer Gistwirkung oder nicht vielmehr auf anderen schädlichen Ursachen, die mit der un- fieheuren VermehrungS'ähigkeit der Parasiten in Züsanmienhang tehcn, beruhen. Ganz kurz möchte ich noch auf die dritte Klasse, nämlich auf jene Tiere, die in ihren Körpergeweben giftige Stoffe enthalten, hinweisen. So ist eS beispielsweise bekannt, datz das B l ll t mancher Fische, u. a. das unseres Aales, giftige Eigen- schaften hat. Da diese jedoch durch das Kochen oder Räuchern un- wirksam gemacht werden, braucht sich niemand seinen Appetit am Aal verderben zu lasten Nur der Genutz rohen Aalblutes könnte gefährlich werden. Bei anderen Fischen, z. B. den Augehörigen der merkwürdigen Kugelfische, ist die Gistwirkung weit stärker, so datz sie überhaupt ungenictzbar sind. Seit alters- her wird der als Fugugift bezeichnete Stoff in Japan zu Selbstmorden und verbrecherischen Zwecken verwandt. Ein sehr bekanntes Gisttier ist die spanische Fliege, Lytta vesicatoriat ein kleiner Käfer, der bei uns bisweilen in grotzen Scharen auftritt. Der aus ihnen gewonnene giftige Stoff besitzt eine blasenziehende Wirkung und fand namentlich früher in der Heilkunde vielfach Ver- Wendung. Infolge seines erregenden Einflusses auf den Genital- apparat wurde da? Cantharidin in früheren Zeiten vielfach zur Bc- reitnng von LiebcStränken verwendet und hat zahlreiche Opfer ge- fordert. Neben zahlreichen anderen Käserarten gehören in die gleiche Kategorie namentlich zahlreiche SchmeiterlingSraupen, ich erinnere nur an die Raupen des P r a z e s s i o n s s p i n n e r s. Bei dem mästen- haften Auftreten dieser Ziere vor zwei Jahren in Berlin und Umgebung haben ja viele am eigenen Körper die schmerzhaften Hautentzündungen, welche durch die Haare dieser Raupen verursacht tvurden. erfahren. Viele andere Tiere, namentlich Muscheln, nehme» in verunreinigtem Wasser bisweilen autzerordentlich starke giftige Eigenschaften an. In jedem Jahre kann man ja wiederholt in den Zeitungen von Ver- giftungen durch Miesmuscheln oder Austern lesen. Endlich sei auch erwähnt, datz auch durch den Gennh mancher an sich nicht giftigen Tiere bei vielen Menschen auf noch unbekanntem Wege Krankheit?- erscheinungen ausgelöst werden. So findet man z. B. bei vielen Menschen eine heftige Idiosynkrasie gegen KrebSgen»tz. der sich in der Regel in Nesselfieber äutzert. Andere Personen be- kommen sogar schon durch die blotze Berührung bestimmter Tiere Fieber und andere Krankheitserscheinungen. Im Rahmen dieser Ueberficht lietzen sich natürlich nur einige der interessantesten Er- fcheinungen aus dem Kapitel.Gifttiere' bringen. Wer sich näher darüber unterrichten will, sei auf daS ausgezeichnete Buch von Prof. O. Taschenberg„Die giftigen Tiere' verwiesen. Dr. T. Kleines Feuilleton. Literarisches. Friedrich Spielhagen: Erinnerungen au 5 meinem Leben.(L. Staackmann, Leipzig.) Mit Spielhagen-ist der letzte derer ins Grab gesunken, die den politischen»nd wirt- fchaftlichen Ausstieg des deutschen Bürgertum? in grotz angelegten Romanschöpsungen bald überschwenglich, bald abivartend-skeptisch geschildert habest. Unter all' diesen, dem Epigouenzeitalter einzu- ordnenden Autoren ist wohl Spielhage» der schärfste Kritiker, der ernsteste Beobachter, der am nachhaltigsten Aufwühlende. Wider- spruch-Weckende gewesen. Raturgemätz lag darin auch wieder sein Schicksal: das heitzt: er wurde schon bei Lebensjahren„historisch": jedoch so, datz die Spur seine» Schaffens nickt ganz verdunkelt wurde, das Interesse an seinen Hauptwerken nickt vollständig ver- ebbte. Denn ei hatte sich getreulich bemüht, den Inhalt seines Jahrhunderts, insofern sich dieser in politischen Umtvandlmigs- Prozessen vornehmlich in preußischen Landen offenbart hatte, künst- lerisch auszuschöpfen. Somit war er, was jeder Dichter und Künstler immer war, immer sein wird, ein echter Sohn seiner Zeit, für die er sein beste« getan hat. Datz eine« solchen Mannes.Lebenserinnerungen' bedeutimgs- volle Dokumente sein können, steht fest. Inwieweit sie cS tatsächlich sind oder nicht sind, wird wieder einmal an Spiel- Vagen klar. ES ist doch em Unterschied, ob einer als Maler, Bild- Hauer, Musiker rückerinnernd seinen LebenSgang beschreibt, oder einer, der als Politiker. Parlamentarier, Parteiführer die? unter- nimmt. Die Lebcnserinnerungen eines Dichters sind vorwiegend Dokumente inr seine geistige Eutwickelung und schöpferische Alis- hreitung. Ist er außerdem ein politischer Kopf gewesen, so werde» wir seine Werke zu Hilfe nehmen müficn, weil in ihnen Dichuing und Wahrheit zu einem»nehr oder weniger organischen Einheitsbilde zusammenfließen. Bei Spielhagen ist dies der Fall. Wir erfahren auSflihrlich, wie er geworden. Das Milieu, in dem er aufwuchs, die Zusammen- hänge mit der bürgerlichen Gesellschaft, die er bernach in seinen Romanen widerspiegelt, wird da umständlich geschildert. Er ist ledig- lich Beobachter der Objekte und Verhältnisse, die er sich zu freier künstlerischer Gestaltung zurecht legt. Das erweist sich befonderS aus seinen Bemerkungen über den 18. Mörz 1813. Die Revolutionsszenen am Schlufie seines berühmten Romans„Problematische Naturen', meinten doch die meisten Leser, könnten recht eigentlich nur von je» mand geschrieben sein,„der, wenn er nicht selbst auf der Barrikade gestanden, so doch dem Kampfe aus nächster Nähe beigewohnt haben müsse'. Und dock ist das nicht der Fall gewesen, wie Spielhagen zugibt. Er war zwar als Student bis zwei Tage vor Ausbruch in Berlin; aber er teilte auch mit vielen„Gebildeten" die Unkenntnis der politischen Vorgänge, ja, was der Kernpunkt der Frage, auch die ganze Indolenz des Bürgertums. Wohl kehrte er nun ziemlich rasch nach Berlin zurück. Allein über mehr als oberflächliche Be- obachtung kam er nicht hinaus. Seine aufänglich lebhafte Anteil- nähme verwandelte sich in da? gerade Gegenteil, dies um so schneller, als der Nihilismus seines Freundes Adalbert Mecklenburg ihm zeigte, datz er recht besehen auch nur den von ihm verspotteten „Kryptoroyalisten" gleiche, die man daran erkenne,„datz sie daS Königtum, den Adel und was damit zusammenhängt— ich meine insonderheit das Pfaffeutuni— hassen, verabscheuen, ein Kreuz da- vor schlagen, mit Stumpf und Stiel ausrotten möchten. Und eben dadurch: durch ihren Hätz usw. beweisen, datz sie sich im Grunde ihre? Herzen« von dem allen noch nicht losgelöst haben, eS für sie noch existiert'.... Erst während eines längeren Studienaufenthalts in Bonn sehen wir Spielhagen ein höheres Interesse an politischen Dingen ge- Winnen, obwohl dies Interesse mehr von außen hineingetragen wurde. Es sind Tagesereignisse seltsamster Art, Sensationen, poli- tische und prozessuale. In Köln spielte sich gerade der Prozeß gegen L a s s a l l e wegen des Kassettendiebstahls der Gräfin Hatzfeldt ab. Spielhagen nebst etwa einem Dutzend Komniilitonen reisen hin, um den Gerichtsverhandlungen beizuwohnen. Der Eindruck von dem sprachgewaltigen Verteidiger und politischen Agitator wirkte nach- haltig ans Spielhagen ein. Er gehört fortan zu Lassalles Be- wunderern. trotzdem er(Spielhagen)' so gut weiß, wie einer, mit welchen schweren sittlichen Makeln(!) er behaftet war: wie unlauter(!) so oft die Beweggründe, aus denen er handelte; wie unheilig die Mittel, mit denen er seine Sache verfocht.... Mit dem allem und trotz alledem hat er sich einen Platz in der Weltgeschichte erobert, den ihm seine ärgsten Gegner lassen müssen.— Ferdinand Lossalle, ruft Spielhagen schließlich aus. der rücksichtslos und skrupellos Handelnde, hat die Welt— die deutsche wenigsten«— in eine Bewegung gesetzt, zu der die Revolution von 48 sich verhält, wie die Wiiidivclle zur Grundwelle; in eine Bewegung, die beute uicht nur noch fortdauert, sondern erst jetzt beginnt, ihre mächtige Tiefe und Kraft an den Tag zu legen und deren Ende kein Verstand der Verständigen abzusehen vermag'. So schrieb der Dichter um da? Ende der 70er Jahre, wo er seine LebenScrinncrungcn zum Abschluß brachte. Vervollständigen mutz man sie sich mit seinen nachfolgenden Romanen. DaS zweibändige Werk, das den Titel:„Finder und Erfinder" führt, erscheint hier kräftig gekürzt als mätziger Band. Dr. HanS Henning— Spiel» Hägens Biograph— hat diese Auswahl mit Einleitung und An- Merklingen herausgegeben und damit ein sehr verdienstliche« Unter- nehmen vollbracht. Hennings Spiclbagen-Biographie mit diesen LebenSerinnenlngcn sollten neben de? Dichter« Werken, die ja als Volksausgabe in zwei Serien(gleichfalls bei Staackmann) erschienen sind, ihren dauerenden Platz erhallen.«. k. Völkerkunde. Menschenfresserei aus Zuneigung. Auf der Insel Neuguinea und in dem benachbarten Gebiet von Nordanstralien leben noch heilte Böller in dein Zustand, in dem sich der Urmensch im Alter der Steinzeit befand. Sie sind nacheinander von den Eng» ländern Goodbody und Roth erforscht worden, und zwar untersucht« jener eine merkwürdig« Rasse in dein bisher unbekannten Innern von Holländisch-Nengninea, während Roth sich den Eingeborenen von Nordaustralien zuwandte nnd einen Vergleich beider Völker durchführte. Der Gelehrte ist nach einem Bericht an die.Times' zu dem Schluß gelangt, datz die Nordaustralier noch weniger cnt- wickelt sind, als die Leute von Reuguinea. Während diese wenigstens schon eine Sctzhaftigkeit erworben haben, sind jene unstäte Nomaden. Al« einen Beweis des geringeren Fortschritte? filhri Roth auch an, datz die Nordaustralier kein gegorenes Getränk kennen, ein Schlutz. mit dem sich unsere MätzigkeitSapostel wahricheinlich nicht befreunden werden. Auf gleicher Stufe stehen beide Völker in der Behandlung ihrer Frauen und in ihrer Menschenfresierei. Immerhin hält Roth sie nicht für eckte Kannibalen, weil er in allen Fällen dieser Verrichtung, die ihm begegnet sind, gefunden hat, datz die Leute ihresgleichen gewisser» »läßen an« Liebe aufgefressen hätten.»Der eckte Kannibalismus bc- sieht aber nach dem Urteil der Vertreter der Völkerstinde darin, datz ein Mensch, er fei nun ein Mann, ein Weib oder ein Kind, zu dem besonderen Zweck getötet wird, mn als Nahrungsmittel zu dienen. Das scheint eben weder bei dem Volk von Nenguinea, noch bei den RordanstraUern zu geschehen, sondern die Leute haben eben nur die eigentümliche Veraiilagung. datz sie einen Menschen, den sie zum Fressen gern haben, auch wirklich aufsressen. nickt um sich an ihm zu rächen, sondern um d»e an ihm geschätzten Eigenschaften sich selbst einzuverleiben._ Perantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtSBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSi!lgerscEo..BerlinLW.