Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 153. Donnerstag� den 10. August� 1911 49] pelle der Gröberer» Lehrjahre. Roman von M. Andersen Nexo. ..Denke dock an das kleine Kind," sagte Pelle bestimmt und riß den Strick herunter. Da ließ sich Ström willenlos hineinführen und kroch in das Bett. Aber Pelle mußte bei ihm bleiben, er wagte nicht, das Licht auszulöschen und allein im Dunkeln zu liegen. „Sind es die Teufel?" fragte Pelle. � „Was für Teufel?" Ström wußte nichts von Teufeln. „Nein, es ist die Reue," antwortete er.„Das Kind und seine Mutter klagen mich beständig wegen meiner Treulosig- keit an." Aber im nächsten Augenblick konnte er aus dem Bett springen und da stehen und pfeifen, als locke er einen Hund. Mit einem raschen Griff hatte er etwas im Nacken gepackt, öffnete das Fenster und ivarf es hinaus.„So, das war es," sagte er befreit,„nun ist da nichts mehr von der Teufels- brutl" Er langte nach der Branntwcinflasche. „Laß die doch stehen," sagte Pelle und nahm ihm die Flasche weg. Der Wille wuchs ihm beim Anblick von des andern Elend. Ström kroch wieder in das Bett: er lag da. warf sich hin und her und seine Zähne klapperten.„Wenn ich nur einen Schlnck kriegen könnte," sagte er flehend,„was kann mir das wohl schaden. Es ist das einzige, was mir hilft! Warum soll man denn immerfort sich quälen und den An- ständigen spielen, wenn man auf so billige Weise seiner Seele Frieden erkaufen kann? Gib mir einen Schluck!" Dann reichte ihm Pelle die Flasche.„Du sollst selbst einen nehmen, das richtet auf! Glaubst Du, daß ich nicht sehen kann, daß Du auch Schiffbruch gelitten hast? Der arme Mann stößt so leicht auf Grund, er hat so wenig Wasser unter dem 5�iel. Und wer. meinst Du, hilft ihm wieder flott, wenn er den einzigen guten Freund verraten hat? Nimm doch einen Schluck, das belebt den Teufel in uns und gibt uns Mut fürs Leben." Nein, Pelle wollte zu Bett. „Warum willst Du denn jetzt gehen? Bleib doch hier, es ist ja so gemütliche Wenn Du mir etwas erzählen könn- test, das mir nur für eine kurze Weile den verdammten Laut aus den Obren treiben könnte? Da ist eine junge Frau und ein kleines Kind und die tuten mir beständig die Obren voll." Pelle blieb und versuchte den Taucher zu zerstreuen. Er griff in seine eigene leere Seele hinein und wußte nicht, was er finden sollte, so erzählte er denn von Vater Lasse und von ihrem Leben auf Stengaarden, bunt durcheinander, was ihm gerade einfiel. Aber die Erinnerungen bauten sich in ihm selber auf bei der Erzählung und starrten ihn so trübselig an. daß sie sein gelähmtes Seelenleben wach riefen. Plötzlich empfand er Schmerz über sich selber und gab sich dem hilf- los hin. „Nanu," sagte Ström und erhob den Kopf,„kommt nun die Reihe an Dich? Du hast am Ende was Niederträchtiges zu bereuen oder was fehlt Dir?" „Ich weiß es nicht!" „Du weißt es nicht? Das ist ja beinahe so wie die Frauenzimmer, wenn sie heulen, das gehört mit zu ihrem Pläsier. Aber Ström ist kein Unmensch: er würde gern die Freude in sich aufkominen lassen, wenn ihn nicht ein paar Kinderangen tagaus tagein vorwurfsvoll ansähen und die Anklage einer jungen Frau! Die beiden sitzen daheim in Schweden und ringen die Hände um das tägliche Brot. Hier geht der Versorger und legt seinen Verdienst in Wirtshäusern an. Vielleicht sind sie auch schon tot, weil ich sie verlassen habe. Siehst Du, das ist ein reeller Kummer: das ist kein Kindergesabbel um nichts. Aber einen Schnaps sollst Du darum doch haben." Pelle hörte nicht: er saß da und starrte blind vor sich hin. Auf einmal fing der Stuhl an mit ihm zu segeln, er war einer Ohnmacht nahe vor Hunger.„Na, denn gib mir nur einen Schnaps, ich Hab heut noch keinen Bissen gegessen!" Er lächelte beschämt bei dem Geständnis. Ström war mit einem Satz aus dem Bett heraus.„Nein, dann sollst Du was zu essen haben," sagte er eifrig und schaffte Mundvorrat herbei.„Hat man je so was gesehen, so ein desperater Teufel will Branntwein in einen leeren Magen gießen. Iß Du man, dann kannst Du Dich anderswo volltrinken. Ström hat genug auf dem Gewissen außerdem. Seinen Branntwein kann er selbst trinken. Na ja, dann hast Du aus Hunger geheult! War es mir doch gleich, daß es so klang wie Kinderweinen."--- Solche Nächte erlebte Pelle bäufiger. Sie vertieften seine Welt nach der Richtung des Finstern hin. Wenn er spät nach Hause kam und sich über den Boden tastete, ging er in einem geheimen Grauen, daß er Ströms entseelten Körper streifen könne: er atmete erst auf, wenn er ihn da drinnen schnarchen oder herumregieren hörte. Er sah gern bei ihm ein, ehe er sich schlafen legte. Ström freute sich immer über ihn und bot ihm Essen an: Branntwein wollte er aber nicht an ihn herausrücken. „Das ist nichts für einen so jungen Menschen wie Du es bist! Kannst noch früh genug Geschmack daran finden." „Trinkst ja selbst," sagte Pelle eigensinnig. „Jawohl trinke ich, um die Reue zu betäuben. Abev das hast Du wohl nicht nötig." „Ich bin inwendig so leer," sagte Pelle.„Am Ende könnte der Branntwein mich ein wenig aufrichten. Mir ist, als wäre ich gar kein Mensch, sondern ein totes Ding, ein Tisch zum Beispiel." „Du mußt irgend etwas vornehmen, sonst wirst Du ein Taugenichts. Ich habe so viele von unserer Art vor die Hunde gehen sehen. Wir haben nicht viel Widerstandskraft!" „Mir ist es ganz egal, was aus mir wird!" antwortete Pelle schlaff.„Ich pfeife auf das Ganze!" 23. Es war Sonntag und Pelle hatte Verlangen nach etwas, das über das Gewöhnliche hinausging. Zuerst war er draußen bei Jens: aber das junge Paar hatte sich gezankt und sich in den Haaren gelegen. Das Mädchen hatte die Bratpfanne mit dem Mittagessen in das Feuer fallen lassen und Jens hatte ihr eine Ohrfeige gegeben. Sie war noch blaß und kränklich von der Fehlgeburt. Jetzt saßen sie jedes in seiner Ecke und schmollten wie zwei Kinder. Sie bereuten es beide, aber keiner wollte dem andern das erste Wort geben. Es gelang Pelle, sie zu versöhnen, und sie wollten, daß er zu Mittag bleiben sollte.„Kartoffeln und Salz haben wir noch, und ein Schluck Branntwein kann ich wohl vom Nachbar leihen!" Aber Pelle ging: er konnte es nicht mit- ansehen, wie sie halb flennend übereinander hingen und sich küßten und sabbelten und ins Unendliche um Verzeihung baten. Da ging er denn zu Dues hinauf. Sie waren in ein altes Kaufmannshaus gezogen, wo Platz für Dues Pferde war. Mit ihnen schien es gut vorwärts zu gehen. Man sagte, der alte Konsul interessiere sich für sie und hülfe ihnen weiter. Pelle ging nie hinein, sondern suchte Due im Stall auf, traf er ihn nicht zu Hause, so ging er wieder.— Bei Anne war er nicht willkomnien. Due selbst nahm ihn freund- lich auf. Wenn er keine Fuhre hatte, pflegte er im Stall umherzugehen und mit den Pferden zu pusseln: er mochte nicht im Hause sein. Pelle gab ihm eine Handreichung, er schnitt ihm Häckerling und half bei allem, was gerade vor- lag. und dann gingen sie zusammen in die Wohnung. Due wurde gleichsam ein anderer Mensch: wenn er Pelle hinter sich hatte, dann trat er sicherer auf. Anne gewann mehr und mehr die Uebermacht über ihn. Sie war noch eben so sicqer wie früher und hielt das Haus gut instand._ Die kleine Marie hatte sie nicht mehr bei sich. Ihre beiden Jungens hielt sie gut gekleidet und schickte sie in eine Kleinkinderschule, wo sie für sie bezahlte. Sie war allerliebst anzusehen und verstand es. sich zu kleiden, gönnte aber andern nichts Gutes. Pelle w x ihr nicht fein genug: sie rümpfte die Nase über seine gewöhnlichen Kleider, und um ihn zu verhöhnen, sprach sie immer von Alfreds feiner Verlobung mit Kaufmann Laus Tochter.„Der bummelt nicht herum und schlägt seine Zeit tot und schnüffelt nicht an anderer Leute Türen, um einen Teller Essen zu bekommen," Tflflte sie. Pelle lächelte nur, nichts machte mch? recht Em- druck auf ihn. Die kleinen Jungen liefen draußen herum und langweilten sich in ihren feinen Anzügen; sie durften nicht mit den armen Kindern draußen auf der Straße spielen und durften sich nicht einschmutzen.„Ach, spiel doch ein bißchen mit uns, Onkel Pelle," sagten sie mch hängten sich an ihn. „Bist Tu nicht auch unser Onkel? Mutter sagt. Du bist nicht unser Onkel. Sie will immer, daß wir den Konsul Onkel .nennen sollen, aber dann laufen wir bloß weg. Seine Nase ist fo gräßlich rot." „Kommt denn der Konsul zu Euch?" fragte Pelle. „Ja, er kommt oft; jetzt ist er auch dal" Pelle guckte in den Hof hinein, der hübsche Wagen war fort.„Bater ist ausgefahren," sagten die Jungens. Dann schlich er wieder nach Hause. Er stahl einen Bissen Brot und einen Schnaps drinnen bei Ström, der nicht zu Hause war, und warf sich dann aufs Bett. Als die Dunkelheit kam, schlenderte er hinaus und trieb sich frierend an den Straßen- ecken herum. Er hatte ein dumpfes Bedürfnis, an etwas teilzuhaben. Die geputzten Leute spazierten die Straße auf und nieder; viele von seinen Bekannten»vareil draußen und führten die Braut spazieren; er vermied es. sie zu grüßen und fing halblaute Bemerkungen auf und hörte sie lachen. So schlaff er war, hatte er doch noch das feine Aufhorchen. Das stammte von der Zeit, als er auf den: Rathaus gebrand- markt wurde. Die Leute pflegten einander irgend etwas zu sagen, wenn er vorüber gegangen war; ihr Lachen bewirkte noch immer, daß es nervös in seinen Kniekehlen zu zucken begann, wie ein versteckter Anlauf zu einer Flucht. Er schlich in eine Seitengasse hinein. Die dünne Jacke hatte er stramm um sich zusanimengeknöpft und den Kragen in die Höhe geschlagen. In dem Halbdunkel der Torwege standen Burschen und Mägde im vertraulichen Flüstern. Bon den Mädchen stiegen Wärmewellen auf, ihre weißen Latz- schürzen leuchteten in der Finsternis. Pelle kroch in der Kälte herum und wußte noch weniger, was er mit sich anfangen sollte: er faselte davon, sich auch ein Liebchen anzuschaffen. Auf dem Markt begegnete er Alfred, Arm in Arin mit Fräulein Lau. Er trug einen Renommicrstock, braune Hand- schuhe und einen Zylinder.„Ter Schurke, er schuldet mir noch zweieinhalb Kronen, das Geld krieg ich nie!" dachte Pelle und empfand einen Augenblick ein wahres Verlangen, sich auf ihn zu stürzen und all seinen Staat in dm Schmutz zu wälzen. Alfred wandte den Kopf nach der anderm Seite herum.„Der kennt mich nur, wenn er etwas gemacht haben will und kein Geld hat," sagte Pelle bitter. In kleinem Trab lief er in eine Straße hinein, um sich warm zu halten, die Augen auf die Fenster gerichtet. Da drinnen saßen Buchbinders und sangen fromme Lieder. Ter Mann hielt auch zu Hause den Kopf schief, das konnte man deutlich auf den? Rouleau sehen. Drinnen beim Wollhändler saß man beim Abendessen. Weiter hinauf bei der„Sau" war Leben wie immer. Lärm und Rauchnebel kochten zu dem offenen Fenster heraus. Sic hatte ein Lokal für ledige Seeleute und verdiente viel Geld. Pelle war oft eingeladen worden, sie zu besuchen, hatte sich aber immer zu gut dafür gehalten, er konnte Rud auch nicht ausstehen. Heute abend aber griff er mit Begierde nach der Erinnerung an diese Einladung und ging hinein, vielleicht würde dort ein Mundvoll Essen für ihn abfallen. lIortsetzung folgt.s l??achdnick vcrdolcn.l Das modcrmfiertc Luxor. Bcn Pierre Loti. Autorisierte Uebcrsctzung von N. C o l l i n. (Schluß.) Heute, wenn man die Bauwerke ringsumher sieht, kann man Zagen, daß der Tempel aufgehört hat zu czisticrcn. Er ist von einem Gitter und Wächtern umgeben, und um ein- zutreten, muß man eine Einlaßkarte vorzeigen. Wenn man noch wenigstens in dem getvaltigen Heiligtum allein sein könnte. Aber nein, in den profanierten Säulengängen laufen mit Bädeker in der Hand Scharen von jenen Leuten umher, die man überall trifft und die Nizza und die ganze Riviera unsicher machen. Der Gipfel des Hohns ist aber der Lärm der Maschinen, der uns bis hierher verfolgt, denn an den nahen steilen Böschungen haben die Boote einer Reisegesellschaft angelegt. Wir sehen Hunderte von Säulen, die schon mehrere Jahr- hunderte denen Griechenlands vorausgegangen sind und die in »hrep naiven Gewaltigkeit die ersten Vorstellungen des menschlichen Hirns darstellen. Einige sind kanneliert Und' mächen den Eindruck eines Riefenstraußes Schilfrohr. Andere wieder stehen einzeln und gleichen Papyrusstcngcln; sie trägen als Kapital deren selt� fame Blume. Wie die Fliegen schwärmen die Touristen zu bestimmten, schon bekannten Tageszeiten einher. Bald wird die Hotelglocke mich ihrer entledigen und ich werde zur Mittagsstunde hier allein sein. Aber» großer Gott, wer wird mich von dem Maschinengeräusch befreien?—> Ol ganz in der Tiefe des Tempels, in dem Teil, der wohl einst der allerheiligste war, wie wirkt dort diese halbvcrlöfchte Freske» die kaum noch sichtbar an der Mauer ist, überraschend und er- greifend: ein Christus! Ein Christus mit einem byzantinischen Heiligenschein. Er war wahrscheinlich von Barbarenhändcn auf den hinzugefügten groben Bewurf gemalt worden. Dieser bröckelt nun ab, und die Hieroglyphen erscheinen wieder darunter. Denn dieser Tempel hat, da er durch seine«chwere fast unzerstörbar ist, die verschiedenen Herrscher an sich vorbeiziehen sehen. Bereits in der Epoche Alexanders des Großen hatte er ein sagenhaftes Altertuur hinter sich. Für diesen Eroberer wurde eine Kapelle hinzugebaur» und später, zu Beginn des Christentums, nahm man einen Ruinen, Winkel, um eine Kirche darauf aufzuführen. Die Klingeln der verschiedenen nahen Hotels rufen zur Mittags, mahlzeit, und die Touristen beginnen zu verschwinden. Während sie den Platz leeren, betrachte ich die Reliefs, die sich an der unterer« Mauer hundert Meter entlang ziehen. Es ist eine Serie kleiner Personen, die zu taufenden sich alle in derselben Richtung auf, reihen: die rituelle Prozession des Gottes Amman. Mit der Sorg- falt, mit der die Aegyptcr alle Dinge vermerkten, um sie ewig zu erhalten, findet mau hier die geringsten Einzelheiten eines Fest- tages vor drei- oder viertausend Jahren. Wie gleicht er den hcuti- gen Volksvergnügungcn! Weder die Obstvcrkäufer fehlen in den« Zuge, noch die Handler mit Getränken und Kuchen. Köche tragen Gänse- und Entenbraten, Neger gehen als Akrobaten auf den Händen oder verrenken sich die Glieder. Der Umzug selbst war von so blendender Pracht, wie»vir sie heute nicht mehr kennen. Musi- kanten, Priester, Zünfte, symbolische Figuren und Fahnen! Mit erhobenem Bug zog das große goldene Schis f des Gottes Amnion auf dem Fluß einher, ihm folgten die Barken anderer Götter und Göttinnen seines Olymps. Alles das erzählt mir der rötliche, sorg- fältig ziselierte Stein, wie er es schon vielen verstorbenen Gene- rationen erzählt hat, und ich glaube �deutlich den Zug zu sehen. Bald ist niemand mehr in den Säulengängen, das lästige Ge- räusch der Maschinen beginnt aufzuhören; die drückende Mittags- stunde ist da. Der ganze Tempel ist wie von Sonnenstrahlen ver- zehrt, und ich sehe auf dem Fußboden dieses Steinwaldes die Schatten kürzer werden. Die Sonne, die im Lärm des Geschäfts- lebenS, der Eseltreiber und der kosmopolitischen Reisenden in der neuen Stadt noch soeben Heiterkeit und Lächeln am Quai ver- breitete, glüht hier in traurigem, starrem, verzehrenden Feuer.... Die Schatten werden kürzer— genau wie alle Tage, alle Tage, denn der Himmel ist in diesem Land nie bedeckt. Seit fünfund- dreißig Jahrhunderten zeigt der Glutball auf diesen Säulen, diesen Friesen, auf dem ganzen Tempel, wie ein geheimnisvoller, feicr- lichcr Zeiger mit Geduld den langsamcivHortschritt der Stunden an.... Wirklich, für uns hat diese unveränderliche Fortdauer der Sonne Aegyptens noch mehr Melancholie als da» wechselnde und trübe Licht unseres Klimas. Der Tempel ist jetzt endlich völlig einsam, und jedes Geräusch in der Nähe hat aufgehört. Eine von höheren Säulen eilige faßte Allee, deren Kapitale auf- geblühte Papyrusblumen darstellen, führte mich zu einem gc- schlossencn Ort, fast einer Stelle des Grauens, wo sich eine Bcr- einigung von Riesen befindet. Zwei, die zehn Meter hoch wären, wenn sie sich erheben würden, sitzen auf Thronen zu scder Seite des Einganges. Die anderen, an den drei Seiten dieses Hofes aufgereiht, stehen in der Säulcnweite und machen Micne, schnellen »--chrittes daraus hervorzugehen und auf mich zuzuschreiten. Es sind Verstümmelte darunter, die gar kein Geficht mehr haben und nur noch die Haltung bewahrt haben. Aber die, welche unverletzt geblieben sind— weiße Gesichter unter der breiten Sphinxhaubc— öffnen die Augen groß und lächeln. Einstmals war hier der Haupt- eingang, und Riesen hatten die Mission, die Menge zu empfangen. Aber Trümmer, gewaltiges Geröll, haben die großen Ehrenpforten versperrt, umgestürzte Obelisken aus rosigem Granit liegen davor. So wurde dieser Hof ein unfreiwillig verschlossener Raum, wo man nichts mehr von den Dingen da draußen sieht, in Augenblicken der Ruhe verschwindet die moderne Umgebung mir aus dem Ge- dächtnis, ebenso vergesse ich Tag. Jahr und Jahrhundert inmitten dieser riesenhaften Gesichter, deren Lächeln daZ Fliehen der Zeilen verachtet. Die Granitsteinc, zwischen denen man hier eingemauert ist— und in schrecklicher Gesellschaft— lassen nur an dem Blau deZ Himmels die Spitze eines ganz nahen alten MoscheentunneS sehen: ein bescheidenes Reis des Islam, das vor einigen Jahr- Hunderten zwischen diesen Ruinen hcrvorsproßtc. als sie schon mehr als dreitausend Jahre alt«raren; eine kleine Moschee, die auf dem Trümmerhaufen entstanden ist und ihn durch ihre Unverletzlichkeir beschützt. Oh, welche Schätze, Reliquien. Dokumente bedeckt uno hütet zweifellos diese Moschee mit ihrem Säulengang— denn niemand würde wagen, die Erde unter diesen heiligen Mauern zu durchwühlen.,,, SKdjt und' meHr erfüllt die Stille den Tempel. Zeigen auch die kurzen Schatten die Mittagsstunde an, so sagt doch nichts, »vclchcm Jahrtausend die jetzigen Minuten angehören. Dieses Schweigen und ähnliche Mittagsstunden, welche die im Hinterhalt unter den Säulengängen aufgestellten Riesen schon vorbeiziehen sahen, wer würde sie zählen können? Ganz oben, in der blauen Glut verloren, kreisen Raubvögel. Zu Zeiten der �Pharaonen waren es dieselben, sie breiteten in der Luft ihr Gefieder ebenso aus und stießen dieselben Schreie aus. Im Laufe der Zeiten wiederholen sich die Tiere und die Pflanzen genauer als die Menschen, sie blieben unveränderlich bis in ihre geringsten Einzelheiten. Jeder der Riesen um mich herum, von hohem Wuchs, einen Fuß vorwärts gestreckt, wie für einen schweren und sicheren Marsch, den nichts mehr aufhalten kann, u»tchließt leidenschaftlich in einer seiner zusammengeballten Fäuste, ote an den muskulösen Ärmen sich krümmen, eine Art geringelten Kreuzes, das in Aegypten das Abzeichen ewigen Lebens war. Das symbolisiert auch die Eni- schlossenheit, die in ihrem Gange liegt: ihr ganzes Vertrauen hängt an dem kläglichen Spielzeug, das sie in der Hand halten, und in triumphierendem Gang überschreiten sie die Schwelle des Todes... Tie drei gleichen, kaum verstümmelten Riesen, die an der Ost- seite des Hofes, vor den zusammengestürzten Blöcken sich aujreihen, stellen wie alle anderen RamseS den Großen, den Zweiten, dar, dessen Bildnis unfinnig oft in Theben und Memphis vervielfältigt wurde. Aber jene drei haben ein mächtiges, feuriges Leben be- wahrt. Ihre Gesichter find so frisch, als wäre man erst gestern damit fertig geworden, sie zu meißeln und zu polieren. Zwischen den riesenhaften, rötlichen Pfeilern mit den stämmigen Sitzen, treten ihre weißen Erscheinungen hervor, jeder kommt aus seiner Säulenöffnung heraus, und wie die Soladten im Manöver, gehen sie im gleichen Schritt. In diesem Augenblick fällt die Sonne scharf auf ihre Köpfe und ihre seltsamen Hauben und leuchtet auf ihr unbewegliches Lächeln; sie wirft die Strahlen auf ihre Schultern und ihren nackten Rumpf zurück und läßt durch ihr Licht die Athlctenmuskeln stärker erscheinen. Jeder der Kolosse umschließt mit der Hand sein symbolisches Kreuz. In gewaltigem Schritt stürzen die drei Ramses vorwärts, erhabenen Hauptes, lächelnd, in begeistertem Marsch zur Ewigkeit. Oh der Mittagsstrahl, der diese weißen Stirnen streift und langsam, ganz langsam auf der Brust den Schatten des Kinnes und des osirischen Kinnbartes verschiebt!... Wenn man daran denkt seit wie langer Zeit, in demselben Schweigen, derselbe Strahl von demselben unbeweglichen Himmel fällt, um dasselbe ruhige Spiel anzusehen!... Ja, ich glaube, die Nebel, die Regengüsse unserer Winter auf diesen großen Ruinen, würden weniger traurig und weniger schrecklich sein, als die Ruhe einer so ewigen Sonne. » Plötzlich fängt wieder ein dummes Geräusch an und läßt die Luft erzittern. Die Dampfmaschinen nehmen ihre Arbeit von neuem auf. Damen mit blauen Brillen, mit dem Baedecker in der einen Hand und den.Films" in der anderen, erscheinen wieder. Die Touristen verlassen die Hotels zu derselben Zeit, da die Fliegen erwachen. Der Mittagsfriede in Luxor ist zu Ende. Eine poUzirtenvcrrcbwöruncf unter dem Konfulat. Die neuesten Enthüllungen über das Treiben der Lockspitzel in Wt französischen Arbeiterbewegung haben Erinnerungen an das ausgebildete Provokationssystem unter dem zweiten Kaiserreich erweckt. Aber dieses selbst setzte nur die Praktiken des Julikönig- tums fort. Die berüchtigten Häuptlinge der bonapartistischen «svitzelhorde, Chcnu und De la Hodde, waren unter Louis Philipp eifrige Teilnehiner an den Konspirationen der Republikaner. Die Organisation des politischen Lockspitzcltums geht aber bis auf die Zeit des ersten Bonaparte zurück. Sie ist eine Schöpfung Kouches, des Expfaffen und Exjakobiners, der als Polizei- minister den Titel eines Herzogs von Otranto einheimste. Sie er- blühte auf dem Boden einer Gesellschaft, worin nach den furcht- baren Stürmen der Revolution die bürgerlichen Nutznießer der neuen sozialen Ordnung vor allem das Bedürfnis der„Ruhe", der Sicherung des wirtschaftlichen Lebens hatten, während anderer- seits die Legitimistcn und die letzten, nach dem Aderlatz des Ther- midor und nach der Niedenvcrfung der Baboeusfchen Ver- schwörung übriggebliebenen und von der fressenden Korruption des Direktoriums und des Konsulats nicht ergriffenen Jakobiner entschlossene Versuche, das Heft wieder in die Hand zu bekommen, noch nicht für aussichtslos halten mußten. Die Angriffe dieser .Umstürzler" verschiedener Gattung mußten sich vornehmlich gegen die Person Bonapartes wenden, der als erster Konsul um die Jahrhundertwende tatsächlich schon seine monarchische Gewalt etabliert hatte, die nur nock» der formalen Weihe entbehrte. Die eine» sah«! in ihm den.Usurpator", den auf jede Weise aus dem Wege zu räumen die Moral des Legitimismus guthieß. Aus ihrem Erbbefitz geworfen, verwandelte sich die Gottcsgnadensippe der Bourbonen in ein wüstes Banditcnlager. Die jämmerlichen Prinzen im Exil operierten mit Meuchelmördern aus der Junker- und Lakaiensphare gleich den bösartigsten der so biclbewunderkett „Renaissancemenschen", und die Kirche, mit der Bonaparte noch nicht seinen Frieden gemacht hatte, verbarg— jenseits von gut und böse— die Werkzeuge des Mordes im schützenden Schatten der Klöster. Die Bourbonen hatten ein großartiges System von — um ein modernes Wort anzuwenden—„Kampforganisationen� geschaffen, das Bonapartcs Existenz mit der eines heutigen Zaren vergleichbar machte. Wenn auf republikanischer Seite der hicrar- chische Aufbau der politischen Mordinstitution fehlte, so rief hiev wiederum die klassische Tradition zur Befreiung des Staates vom Cäsar auf. Jedenfalls war den Personen, denen der Schutz der Person Bonapartes vor den ihr aus den verschiedenen Klassen der Gesellschaft drohenden Gefahren übertragen war, ein schweres Amt aufgebürdet. Fouche erkannte als sein wertvollstes Mittel die Ausbreitung eines engmaschigen Spionagenetzcs. In der Zeit des Terrors hatte die Angeberei aus Fanatismus und Ranküne ge» wuchert, nun wurde sie ein nährendes Staatsamt. Wie Gold- s m i t h in seiner„Geheimzeschichte deS Kabinetts Bonaparte" schreibt, hatte die Polizei Persönlichkeiten deS ersten Ranges zq Spionen, Männer und Frauen, die die beste Gesellschaft von Paris sahen und zwei Karossen besaßen:„Diese Spione aus der guten Gesellschaft beziehen 2000 Francs monatlich.... Ja, einer oder zwei ausländische Gesandte und fast alle Ge- sandtschastssekretäre, eine große Anzahl Ausländer, Schauspieler, Tänzer, Bankiers, Richter, Notare, Priester, aus- gehaltene Mädchen, gemeine Prostituierte, Spieler, Eeschäftsleuie, Agenten" und— Josephinc Bonaparte lieferten der Polizei Nach- richten. Eine solche, durch leidenschaftliche Gegner beunruhigte, durch Denunziation verseuchte, durch eine bedenkenlose Herrschgewalt ein- geschüchterte, in ihren Spießcrintercssen geängsiigte Gesellschaft bot natürlich einen Boden für die Umtriebe der Polizei dar. Hatte diese wirklichen, gegen die Verfassung und gegen die leitenden Per- sonen des Staate? gerichteten Anschlägen nachzugehen, so mußte sie andererseits, schon um ihren kostspieligen und für ihre Leiter einträglichen Apparat und ihre Machtbefugnisse zu rechtfertigen, versucht sein, sich durch aufsehenerregende Erfolge beim ersten Konsul und beim Publikum den NimbuS professioneller Hellsichtig- kcit und politischer Unentbehrlichkcit zu verschaffen. Dazu kam in dem tausendfach verschlungenen Jntriguenspiel jener Tage daS Interesse, dieser oder jener Person oder Gruppe gefällig oder furchtbar zu werden und auf dem Instrument der öffentlichen Meinung eine gerade erwünschte Melodie anzuschlagen. Um solche Effekte zu erzielen, hielt man sich mit den Kleinigkeiten, die Ge- rcchtigkcit und persönliche Freiheit genannt werden, nicht weiter auf. Die Jahre des Terror? und die wilden inneren und äußeren Kriege hatten das Gefühl für den Wert des Menschenlebens abge- stumpft und die Opferung des Individuums für den Staatszweck war eine Praxis geworden, die vollkommen festsaß, als sich der Staatsmyihus der jungen Republik in die brutalen Interessen von Klassen, politischen Machtstrebern, habsüchtigen Bureaukraten und kriecherischen Bütteln auflöste. Derart war das Milieu beschaffen, worin die Polizei Fouches 18iX> ein Komplott fabrizierte, dem vier Menschenleben zum Opfer fielen: die sogenannte.Verschwörung der Ccracchi und Arena". Sic ist, wie Gustave H u e an der Hand der Archive der Polizeipräfektur eingehend nachlocist sG. Hue: Un Complot de Police sous le Consulat, Paris bei Hachette), von Anfang bis zu Ende das Werk eines Lockspitzels, der sein Geschäft im Einvernehmen mit dem Polizeiminister und Polizeipräfekten begami, um es mit der nachfolgclrden Hilfe infamer Richter zlh vollenden. Nach der Errichtung des Konsulais hatte Bonaparte Versuche gemacht, die royalistischen Emigranten für sich zu gewinnen. Das gclalig ihm nur zum Teil, da der Graf von Artois(Lud- wig XVIII.), in zorniger Enttäuschung über das Resultat seiner mit Bonaparte geheim gepflogenen Verhandlungen, bei denen er sich von dem Korsen geprellt sah, mit englischen Subsidien die Be» wegung in der Vendee weitcrschürte und die konspiratorischen An» schlage seiner Getreuen gegen den Usurpator förderte. Der immer zweideutige Talleyrand,"der die auswärtigen Angelegenheiten leitete, wußte indes diesen zu überzeugen, daß die wahre Gefahr ihm nicht von dieser Seite, sondern von den Jakobinern drohte. Bonapartc mochte sich nicht ungern dieser Ansicht zuneigen, die daS Gewissen des„angepaßten" Mitverschworenen Babocufs mit dem moralischen Imperativ beruhigte, die„Anarchie" niederzu» ringen. Am IS. Germinal des Jahres VIII fö. April 1800) schrieb, offenbar auf seinen Befehl, HugueS Maret. der spätere Herzog von Bassano— derselbe, über den Talleyrand das boshafte Wort geprägt hat:„Ich habe nur einen Menschen gekannt, der noch düninier war als der Herzog von Bassano— Hugucö Maret—" an Fovche folgende Zeilen: „Die Konsuln wünschen, daß Sie ihnen innerhalb einer Dekade einen Bericht über die Namen und über den Aufenthalt von etwa fünfzig Individuen erstatten, die, gewohnt von rcvolu- tionären Bewegungen zu leben, die öffentliche Meinung fortgesetzt beunruhigen, ferner über die Mittel, diese Leute, von denen einige vom Ausland besoldet sind, alle Arten von Rollen spielen und für jeden zu baben sind, der sie bezahlt, die öffentliche Ruhe zu stören, aus Paris zu entfernen." Dieses Schreiben mutzte für Fouche die Anregung zu irgend einer aufsehenerregenden und den Gebieter verpflichtenden Tat be- — 612— deuten. Beschuldigte ihn doch die Clique Tallehrands, die Revolu tionäre, seine einstigen Freunde zu protegieren. Und er wußte auch sich selbst vor den Spionen drs Konsuls umgeben. Da führte ihm der Zufall eine allerdings an sich geringfügige Denunziation zu, die sich aber seiner bedenkenlosen Schlauheit als der mögliche Kern einer umfänglichen Haupt- und Staatsaktion darstellte. Im Vcndeniiaire des Jahres IX erschien ein gewisser Harel Hauptmann der 6ö. Halbbrigade, bei dem mit ihm befreundeten Kriegskommissär Lefebwre, um ihm mitzuteilen, daß der in seiner Nachbarschaft wohnende D e m c r V i l l e, ein ehemaliger Beamter der Militärverwaltung, mit einigen anderen, ihn besuchenden Individuen über die Regierung in den heftigsten Ausdrücken spreche und ein Komplott schmiede. Lefebvre forderte Harel auf seine Besuche fortzusetzen und ihn auf dem Laufenden zu halten Harel handelte demgemäß. Bei seinen Besuchen bei dem zu jener Zeit kranken Demcrville spielte er den Provokateur. Als Demer- ville ihm sagte, daß es ohne Zweifel von Vorteil wäre, die Ne gicrungsform zu ändern, daß es aber an entschlossenen Leuten dazu fehle, erwiderte Harel: Wenns darauf ankommt, will ich die tat bereiten Leute schon finden. Lefebvre, dem er über diese Unter- redung Bericht erstattet hatte, nannte ihm zwei Freunde, Ange- stellte der Militärverwaltung. Demcrville ging indes auf den Vor- schlag Harels, sie ihm zuzuführen, gar nicht erst ein, angeblich, weil ihm die Leute nach der Beschreibung zu groß waren. An diesem Tage äußerte der gleichzeitig bei Dcmerville anwesende Bildhauer Ccracchi die Absicht, nach seiner Heimat Rom zurück zukehren, um dort für die Sache der Freiheit tätig zu sein. Harel meinte darauf, die Straßen seien nicht sicher, besonders für die Patrioten, und es sei nicht ratsam, sich ohne Waffen auf die Reise zu wagen. Demcrvill* empfahl ihm Harel als Militär zum Kaufe eines Paars Pistolen, und dieser erklärte sich mit Vergnügen dazu bereit. Nicht minder Vergnügen bereitete ihm der gleichzeitige Auftrag Demervilles, auch für ihn eine Schußwaffe(Espingole) zu kaufen. Harel besorgt: das Gewünschte. An demselben Tage noch machte er Lefebvre die Mitteilung, daß diese Waffen für die Verschworenen bestimmt seien und daß Napoleon vor dem 1. Brumaire ermordet werden solle. Die Sache schien dem Lefebvre genügend reif. Er begab sich sofort zum Sekretär Bonapartes, Bourrienne und von dort zum Polizeiminister. Fouche griff mit Freuden zu. Nun hatte er sein „jakobinisches" Komplott. Er beauftragte Harel, die Besuche bei Dcmerville und die Berichterstattung an Lefebvre fortzusetzen. Zugleich verständigte er den Polizeipräfckten Dubais, eine nicht mindere Kanaille, der die Affäre wiederum dem Bürger Bcrtrand, dem mit Untersuchungen betrauten Chef der ersten Polizeidivision ans Herz legte. Am nächsten Morgen— dem 18. Vendemiaire— brachte Harel Lefebvre die für Demervillc und Cerncchi gckaukien Schußwaffen, ferner zwölf Dolche, die Dcmerville ihm zur Be- waffnung der Verschworenen übergeben haben sollte. Er gab ihm ferner bekannt, daß das Komplott noch am Abend selbst, bei der Erstaufführung der Oper„Die Horatier" ausgeführt werden solle. Endlich erklärte er, daß er, weil Dcmerville geklagt hätte, daß die geeigneten Männer zur Vollbringung fehlten, sich selbst erboten hätte, sie zu besorgen und am Abend Temerville und Ccracchi im Cafe de l'Opera zuzuführen. Lefebvre erstattet, sofort Meldung, Fouche wolle zunächst die Verschworenen unverzüglich verhaften lassen, aber er fügte sich der Meinung Lcfcbvres, �»aß es nützlich wäre, die Ausführung des Mordplanes scheinbar zu unterstützen. Man mußte also die aus- führenden Organe beistellen und fand sie— in der Polizeimannschaft. � Der Polizeipräsekt ließ vier Agenten kommen und beauftragte sie, sich in den Tuileriengarten zu begeben und dort die Jnstruk- tionen eines Mannes, den er ihnen beschrieb, in Empfang zu nehmen. Um IX Uhr stellte sich Harel— der Angekündigte— ein und führte die Polizisten vorerst ins Wirtshaus zum Mittag- essen. Er selbst verschwand und kehrte nach einiger Zeit mit einem Paket wieder, dem er 6 Dolche, zwei Pistolen und eine Espingole entnahm. Er hatte sie angeblich von Demerville er- halten, der 6 weitere Dolche und zwei Pistolen für sich und Ceracchi zurückbehalten haben sollte. Die Dolche sollten von einem gewissen Arena herrühren. Harel gab den Polizisten eine de- taillierte Schilderung des Attentatplans. Die Zahl der Ver- fchworencn betrage im ganzen elf, ihn und die vier Poliztsten rnbegrifsen. Die zwei Chefs werden den Konsul an der Treppe in der ersten Etage erwarten, die Mitwirkenden am Fuße der Treppe, um ihnen die Flucht zu erleichtern (Schluß folgt.), I�adrungsmittewergiftiingen und ihre Behandlung, Gerade in der heißen Jahreszeit neigen viele an sich gesunde Rahrungs- und Genußnüttel dazu, sich zu zersetzen und bei diesen, Fäulnisprozeß Giftstoffe zu bilden, die die schwersten Krankheits- erscheinungen auszulösen imstande sind. Abgesehen von diesen durch nachträgliche Veränderung ihrer chemischen Zusammensetzung giftig ivirkenden, sogenannten„verdorbenen* Speisen finden wir auch noch solche, die nur bei gewissen Individuen, die dafür besonders enipfänglich sind, Schaden stiften, und schließlich überhaupt giftige Tiere und Pflanzen, die von jeder Verarbeitung für die Küche aus- geschlossen sind und nur zuweilen aus Verwechselung gegessen werden. Zu den Speisen, die, um Erkrankungen hervorzurufen, eine individuelle Disposition erfordern, gehören vornehmlich Erdbeeren, Krebse. Vanilleeis, Lachs und schließlich Pilze f es sind Fälle vor- gekommen, wo letztere bei Leuten, die sonst stets Pilze vertrugen, plötzlich Krankheitserscheinungen zeitigten, während andere, die von demselben Gericht gegessen hatten, völlig gesund blieben. Die Krankheitserscheinung, die hierbei am häufigsten auftritt, ist das Nesselfieber: der über den ganzen Körper sich schnell ver- breitende Ausschlag, der ein unerträgliches Jucken verursacht, indes ohne Schaden nach einigen Tagen vorübergeht. Das beste, was sich dagegen anwenden läßt, sind kühlende Salben. Manche NahrungS- mittel sind nur unter besonderen Umständen giftig. So z. B. Austern und Pfahlmuscheln(Miesmuscheln), wenn sie auS stag« nierendem Wasser stammen oder wenn in der Nähe ihrer Bänke resp. Pfähle Flüsse oder Kloaken münden. Giftige Pfahlmuscheln lassen sich jedoch durch längeres Kochen und öfteres Weggießen der Brühe entgiften. Die Shmptome solcher Vergiftungen ähneln durchaus den VergiftungSerschetnungen, die durch verdorbenes Fleisch oder schlecht gewordene Konserven hervorgerufen werden. Am häufigsten, gefährlichsten und durch ihre Massenwirkung (sind doch nach einem Autor von 1380— 1900 fünfundachtzig Massen- erkraukungen mit 4000 Einzelfällen vorgekommen) bedeutsamsten Speisenvergiftungen sind die Fleisch- und Wurstvergif- t u n g e n. Sie werden dadurch bewirkt, daß entweder schon krank- machende Mikroben(einzellige, mikroskopisch kleine Lebewesen, Ba- zillen, Bakterien) im Körper des Tieres vorhanden waren und nach dem Tode eine Beschleunigung und Verstärkung der Zersetzung zur Folge hatten, oder daß an sich einwandfreies Fleisch von außen her nach dem Schlachten infiziert wurde. Wir sehen daher die meisten Fleischvergiftungen durch das Fleisch solcher Tiere entstehen, die ivegen der Gefahr einer allgemeinen Blutvergiftung notgeschlachtet werden mußten. Vermutlich beruht die Giftigkeit des Fleische? darauf, daß die giftigen Stoffwechselprodukte der Bäk» t e r i e n, die hitzebeständig sind und im Gegensatz zu ihren Er« zcugern durch Kockien und Braten nicht unwirksam gemacht werden können, den Vergiftungserscheinungen zugrunde liegen. Kommen auf gesunde? Fleisch nachträglich Mikroben, so bewirken diese durch Ein- leitung komplizierter chemischer Prozesse, daß die Eiweißverbindungen des Fleisches sich in giftige Verbindungen verwandeln. Dies geschieht aber nur in einer bestimmten Phase de? FäulniSprozesieS, denn kurz danach wandeln dieselben Bakterien diese giftigen Verbindungen wieder in unschädliche um. Wird solch Fleisch noch in dem Stadium seiner Giftigkeit verwandt, so lassen sich doch sowohl die Bakterien wie die Fleischgifte durch Kochen oder Braten, nicht aber durch Räuchern, zerstören. Die Vergiftungserscheinungen selbst sind, obwohl sie oft genug Anlaß zur Verwechselung mit Cholera und TypHuS gegeben haben, sehr markante. Allen ist zu eigen, daß sie mit er- schreckender Plötzlichkeit austreten, wenn auch die Zeit ihres ersten Auf- treten? nicht überall und stets die gleiche ist. Manchmal schon nach einer viertel bis einer halhen Stunde, oft aber auch erst nach ganzen Tagen brechen die Symptome blitzschnell über den Vergifteten herein. Kopfschmerzen, Ohnmächten, Schwindelanfälle. Krämpfe, Sehstörungen, Nervenschmerzen an den verschiedensten Körperstellen. vor allem aber heftige Leibschmerzen, Erbrechen und Durchfälle bilden zusammen einen solchen Komplex bedrohlicher Einzel- erscheinungen. daß es eigentlich verwunderlich erscheint, wie relativ niedrig die Sterblichkeit ist: sie soll 2—5 Proz. oller Fälle betragen. Manchmal führt die Vergiftung nach wenigen Stunden oder Tagen zum Tode, manchmal in derselben Zeit zur Genesung. Seltenr sind die Fälle, wo sich Wochen- und monatclangeS Siechtum mit ver» chiedenen Nach- und Nebenkrankhciten anschließt. In der Behandlung dieser Vergiftungen spielt die Vor» beugung die wesentlichste Rolle. Namentlich jetzt im Sommer, der Jahreszeit, in der Nahrungsmittel am ehesten„anrüchig* werden, muß man sich hüten, irgend etwas zu genießen, was nach Aussehen oder Geruch nicht ganz einwandftei erscheint. Sind aber die Ver- gifiungssymptome schon da, so muß man alles tun, um da» Gift»o schnell als möglich aus dem Körper zu entfernen, bevor es weitere Erscheinungen zeitigen kann. Zuerst gibt man ein Brechmittel und holt deu Arzt, der ev. eine Ausspülung des Magen» vornimmt, um dessen Inhalt zu entleeren. Ist das Gift schon im Dannkanal, so bringt man eS aus diesem am besten durch Sbsühr» mittel, wie Rizinusöl, heraus oder nimmt, wenn schon Darm» läbmung eingetreten ist, zu reichlichen Klyitieren seine Zuflucht. Die Schmerzen bekämpft man durch heiße Umschläge auf den Unterleib und gibt, um einer Herzschwäche vorzubeugen. Wein, beißen Tee. Kassee, Kognak. Den kolossalen Wasserverlust, den der Körper durch die Diarrhoe erleidet, sucht man durch häufige Darreichung von Ge- tränken zu ersetzen. Wenn es uns auch»»cht gelingen wird, der- artige Nahrungsmittelvergiftungen völlig aus der Welt zu schaffen, so sind wir docb wenigstens imstande, sie durch genügende Vor» i ck t auf das Dkindestuiaß einzuschränken und durch zielbewußte erste Hilfe ihre Lebeusgefährlichteit möglichst abzuschwächen. C. Bj-g. Veranuv. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtSBuchdruckereiu.VerIagSanstaltPaulS!Ngcrä:Co..BerlinLVV.