Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 134. Freitag den 11. August� 1911 501 pelle der Eroberer. Lehrjahre. Noman von M. Andersen N e x ö. Um einen runden Tisch sahen ein paar umnebelte See- leute und schrien ohrenbetäubend durcheinander. Die Sau sah auf dem Knie eines jungen Burschen, sie lag halb über den grohen Tisch und spielte mit den Fingern in einer Pfütze don verschüttetem Bier. Von Zeit zu Zeit schrie sie denen, die am lautesten riefen, gerade ins Gesicht hinein. Sie war in den verflossenen Jahren nicht weniger umfangreich geworden. „Ne, seh mal einer an, das bist Du, Pelle?" sagte sie und stand auf, um Pelle die Hand zu geben. Sie war nicht ganz nüchtern und hatte Mühe, seine Hand zu fangen.„Das ist ja nett von Dir, daß Du auch mal kommst; ich glaubte cigent- lich, wir wären Dir nicht fein genug. Na, setz Dich man und trink einen Schluck, es soll auch nichts kosten." Sie nötigte ihn, Platz zu nehmen. Die Seeleute waren verstummt, sie sahen da und starrten Pelle schlaff an. Ihre schweren 5iöpfe bewegten sich Herren- los.„Das is Wohl ein neuer Kunde?" fragte einer und die andern lachten. Die Sau lachte auch, wurde aber Plötzlich ernsthaft.„Den sollt Ihr aus dem Spiel lassen, denn der ist viel zu gut, um in irgendwas reingezogen zu werden, daß Ihr das man wißt." Sie sank auf einen Stuhl neben Pelle nieder und sah da und sah ihn an, während sie sich über das fette Gesicht strich.„Wie groß und stattlich Du von Wuchs geworden bist, aber mit den Kleidern ist es man schlecht bestclltl Ueberfuttert scheinst Du auch nich zu sein!— Ach, ich kenne Dich ja noch von damals her, als Du und Dein Vater hier ins Land kamen, ein kleiner Junge warst Du und Lasse brachte mir das Gesang- buch von meiner Mutter mit!" Sie schwieg plötzlich, und die Augen schwollen ihr an. Einer von den Seeleuten flüsterte dem andern etwas zu, sie singen an zu lachen. „Laßt das Lachen nach, Ihr Schweine," rief sie wütend und ging zu ihnen hinüber.„Ten da sollt Ihr mich nicht einseifen, der kommt als Erinnerung aus den Zeiten, als ich auch noch ein ordentlicher Mensch war. Sein Vater ist der einzige, der lebt und beweisen kann, daß ich einmal ein schönes, unschuldiges, kleines Mädchen gewesen bin, mit dem man schlecht umgegangen ist. Er hat mich auf dem Schoß gehabt, als ich klein war und mir Kinderlieder vorgesungen." Sie sah sich herausfordernd um, und ihr rotes Gesicht zitterte. „Damals hast Du wohl nicht soviel gewogen wie jetzt," fragte einer und umschlang sie. „Nich die Kleine foppen!" rief ein anderer aus.„Siehst Du denn nich, daß sie weint? Nimm sie lieber auf den Schoß und sing ihr ein Wiegenlied vor, dann glaubt sie, daß es Lasie-Basse wärl" Rasend griff sie nach einer Flasche.„Wollt Ihr woll still sein mit Eurem Gespött! Sonst kriegt Ihr diese an den Kopf!" Ihre fetten Züge flössen ganz zusammen in ihrer Aufgelösthcit. Sie liehen sie in Ruhe, und sie sah da und schluchzte, die Hände vor dem Gesicht.„Lebt denn Vater noch. Du?" fragte sie ihn,„dann grüße ihn von mir, grüße ihn nur von der Sau, Du kannst mich ruhig Sau nennen, und sag ihm, daß er der einzige auf der Welt ist, dem ich etwas zu vcr- danken habe. Er hat gut von mir gedacht und hat mir die Todesnachricht von Mutter gebracht." Pelle sah da und lauschte angestrengt ihrer weinenden Rede, mit einein leeren Lächeln. Er hatte Kneifen in den Gedärmen vor Leere, und das Bier stieg ihm zu Kopf. Er entsann sich aller Einzel- heiten von Stengaarden, als er das erste Mal diese Person sah und hörte, wie Vater Lasse ihr das Heim ihrer Kindheit vorhielt. Aber er verband keine weiteren Gedanken damit; das war schon lange her. Ob sie mir nicht wohl etwas zu essen gibt? dachte er und lauschte teilnahmlos ihrem Schnau- ben. Die Seeleute sahen da und starrten sie angestrengt an, ein feierliches Schweigen lag auf ihren umnebelten Gesichtern; sie glichen Betrunkenen, die um ein Grab stehen.„So laß nu mal endlich das Deckspülen nach und gib uns was zu trinken," sagte schließlich ein alter Kerl.„Unsereins hat ja auch seinen Besuch gehabt von dieser Kindheitsunschuld und ich sage: Es ist aller Ehren wert, daß sie zu so einem alten Teufelskerl durch die Tür gucken will! Aber das Wasser laß nu man außenbords bleiben, sage ich! Je mehr man eine alte Schute scheuert, um so mehr Schäden kommen zum Vorschein!— So, gib uns jetzt was zu trinken und dann die Karten, Madam!"— Sie stand auf und schenkte ihnen ein; die Gemütsbewe« lung hatte sich gelegt, aber die Beine waren ihr noch schwer. „Das ist recht— und dann wollen wir auch ne Ahnung davon haben, daß heute Sonntag ist! Zeig mal schnell Deine Kunst, Madam!" „Aber das kostet eine Krone, das wißt Ihr ja," ant- wortete sie lachend. Sie sammelten das Geld zusammen, und sie ging hinter den Schenktisch und zog sich aus. Im bloßen Hemd und mit einem brennenden Licht in der Hand kam sie wieder zum Vorschein. Pelle sah stumpf, wie ihr fetter Körper unter dem schmutzigen Hemd bibberte und hörte die heiseren Rufe und das Lachen der Seeleute. In seinem linken Ohr siedete ein endloser Laut und darunter schlug das Blut seine Kolben- schläge. Es war, als wenn ein Lärm aus einer andern Welt seinen Kopf anfüllte und ihn ums Glcickzgewicht brachte. Er mußte sich am Tisch festhalten, um nicht umzufallen. Wie aus weiter Ferne, und als ginge es ihn gar nichts an, sah er, daß die Sau auf einen Stuhl kletterte und das Hemd hinten stramm zog. Ein Seemann hielt das Licht hinter ihren Rücken und nun zeigte sie, wie die Dünste mit einer bläulichen Flamme brennen konnten. Während die andern hiervon ganz in Anspruch genommen waren, schlich Pelle hinaus. Ihm war ganz wirr vor Hunger und Roheit und betäubtem Schamgefühl. Aufs Geratewohl schlenderte er weiter und wußte weder aus noch ein. Er hatte nur ein Gefühl, daß ihm alles auf der Welt gleichgültig sei, mochte es ihm so oder so ergehen, mochte er weiter leben in mühevoller Redlichkeit oder sich mit Trinkerei besudeln oder umkommen— ihm war das alles einerlei. Was für einen Wert hatte es auch nur! Niemand kümmerte sich ja darum, nicht einmal er selbst. Keine Menschenseele würde ihn ver- missen, wenn er vor die Hunde ging. Ja, Lasie, der alte Vater Lasse! Aber jetzt nach Hause gehen und sich in seinem ganzen Elend sehen lassen, wo sie so unsinnig viel von ihm erwartet hatten, das konnte er nicht. Sein letzter Rest von Schamgefühl bäumte sich hiergegen auf und arbeiten? Wozu? Der Traum war tot. Er stand mit dem dumpfen Gefühl da. daß er fast bis an den Abgrund gelangt war, der für die da unten so verhängnisvoll ist. Jahraus, jahrein hatte er sich schwimmend erhalten durch eine nie versagende Anspannung und mit der wahnsinnigen Vorstellung, daß es aufwärts gehe. Jetzt stand er dem Grunde des Daseins ganz nahe.— Er war so müde. Warum sich nicht auch noch ein kleines Stück sinken lassen, warum nicht dem Schicksal seinen Lauf lassen? Es lag eine süße Ruhe darin nach einem wahnsinnigen Kampf gegen die llebermacht. Der Klang geistlicher Lieder rüttelte ihn ein wenig auf. Er war in eine Gasse geraten, und gerade vor ihm lag ein großes, breites Haus, mit dem Giebel nach der Straße zu und einem Kreuz auf der Giebclspitze. Hunderte von Stimmen hatten im Lauf der Zeit versucht, ihn hierher zu locken: aber er hatte keine Verwendung dafür gehabt in all seinem Uebermut. Was war hier wohl zu suchen für einen schneidigen Jungen, und nun war er hier doch gestrandet! Er hatte ein Verlangen nach ein klein wenig Fürsorge, und hatte ein Gefühl, als habe eine Hand ihn hierher geführt. Der Saal war ganz angefüllt mit armen Familien. Sie saßen so wunderlich zusammengedrängt auf den Bänken, jede Familie für sich. Die Männer schliefen in der Regel, die Frauen hatten genug zu tun, um die Kleinen zu beschwichtigen und sie zu veranlassen, hübsch dazusitzen, die Beine gerade aus» gestreckt. Es waren Leute, die gekommen waren, um ein wenig gratis Licht und Wärme in ihr trübes Dasein zu bringen; den Soniitag wenigstens, meinten sie, könnten sie etwas davon verlangen. Die allerheruntergekommensten Armen ans der Stadt waren es, und sie suchten ihre Zuflucht hier, wo sia — 614— Nicht gerichtet wurden, sondern wo ihnm die Verheißung des tausendjährigen Reiches zuteil ward. Pelle kannte sie alle, sowohl die, die er früher gesehen hatte, wie auch die andern mit demselben Ausdruk des Ertrinkens. Er fand sich bald traulich zurecht unter allen diesen kleinen zerzausten Vögeln, die sich von dem starken Wind hatten über das Meer tragen lassen und nun von den Wellen an Land geschwemmt wurden. Ein großer Mann mit Vollbart und ein paar guten Kinderaugen stand zwischen den Bänken auf und schlug einen Gesang vor. es war Schmied Tam. Er sang vor und stand da und knickte zum Takt in die Kniee ein, und alle sangen sie bebend mit, jeder mit seinem eigenen Ton, von dem, was über sie hingegangen war. Gequält schwangen sich die Töne hinaus aus den trockenen, zerstörten Kehlen, sie krochen zu- sammen, erschreckt darüber, daß sie ans Licht gekommen waren. Zögernd entfalteten sie ein paar zarte Florschwingen und schwangen sich von den zitternden Lippen in den Raum hin aus. Und unter der Decke trafen sie mit Hunderten von Ge schwistern zusammen und streiften die Verkommenheit ab. Sie wurden zu einem Jubel, groß und herrlich, über etwas ungekannt Reiches, über das Glücksland, das nahe war. Pelle war es, als sei die Luft angefüllt von sonnenbeschienenen Schmetterlingen—: „Selig, selig wird einstmal es sein, Wenn wir von Not und Elend befreit, Mit unserem Herrn Jesus gehen ein Zu des Himmelreiches Herrlichkeit." „Mutter, ich bin hungrig," sagte eine Kinderstimme, als der Gesang schwieg. Die Mutter, eine abgezehrte Frau, be- schwichtigte beleidigt das Kind und sah sich verwundert um — was war das nur für ein dummer Einfall.„Du hast ja eben erst gegessen." sagte sie lauter, als sie es nötig hatte. Aber das Kind weinte weiter:„Mutter, ich bin so hungrig. Da kam Bäcker Jörgens Sören heran und gab der Kleinen einen Wecken. Er hatte einen ganzen Korb voll Backwerk.„Sind da noch mehr Kinder, die hungrig sind? fragte er laut. Er sah allen frei ins Auge und war ein ganz anderer als zu Hause. Hier lachte auch niemand über ihn, weil man munkelte, daß er der Bruder seines eigenen Sohnes sei, cgclcgenc Borkum hat es die Form eines Hufeisens. Sein Boden ist zum Anbau irgendwelcher Kulturpflanzen ungeeignet. Bewohnt ist es dennoch, wenn auch nur von einer Familie. Die holländische Regierung hat nämlich einem vorgeschobenen Posten auf diesem Jnselchen seinen Wohnfitz angewiesen. Es ist der Jnselvogt, der die Strandungcn und sonstigen Vorgänge, die sich in dem gefährlichen Seerevicr ereignen, beaufsichtigt, sowie die Strandgüter und Schiffsteile birgt, die die Wogen an den Strand werfen. Das ist kein heiteres Geschäft, denn unter den ange- schwemmten Gegenständen befinden sich recht traurige Ueberreste. die den Beschauer zu ernsten Gedanken stimmen. So herrscht in dem einstöckigen aber festgefügten Häuschen, das der Vogt mit seiner Familie bewohnt, ein nur zu stilles Leben. Heber ein halbes Jahr ist diese Jnselfamilie vom Fcstlande getrennt, und Konserven aller Art helfen ihr, den Winter zu durchleben. Die kürzere Sommer- Periode bringt dagegen eine angenehme und interessante Zeit, denn, ob der Jnselvogt mit den Seinen auf dieser Erdscholle auch allein haust, die Familie sieht dann so manchen Besuch. Tic Badegäste der benachbarten Inseln unternehmen Segelbootpartien nach Rottum, lassen sich von dem Wärter dies und jenes berichten und beim Abschiednehmen bleibt manches„Pfötchcn" in der Hand des freundiickcn Jnselführers zurück. Die Landratte, die auf einer der benachbarten Inseln Familien- bad simpelt, Sccwaffer und Seeluft kneipt, hat wohl in seinein Reiseführer von der Bogelinsel Rottum gelesen. Kühn geworden in dem Wellenspiel der blauen Flut, findet sich bald ein Gefährte, vm auf eine», Segelboot, das von zwei fricsifchcn Teerjacken ge- leitet wird, die Ueberfahrt nach Rottum zu wagen. Wie weitet sich Brust und Herz, wenn bei gutem Winde das Boot draußen auf dem Meere pfeilschnell dahinfliegt! Wie aufmerksam wird jedes Fahrzeug verfolgt— dort der stattliche Dreimaster, der mit ge- blähten Segeln vorüberzieht, drüben am Horizont ein Koloß in ruhiger, erhabener Würde und überall Segelboote, große und kleine, und Fischcrsmacks. kaum zu zählen. Ueber dem Boot und seitwärts streichen mit scharfem, heiserem Geschrei die Segler der Lüste. Möwen kreuz und quer umher. Und je mehr man sich dem Ziele nähert, desto zahlreicher werden dix befiederten Gäste. Scharf und dicht saust es den Bootsleuten um die Ohren. Und welch unglaub- liches Gekreisch und Gekrächze in diesen hin- und herwogendcn Vogelscharen! Da gibtS die seltsamsten und schärfsten Mißllang- töne! Hörst Du das„Kwi— kwii"?? DaS ist der Austernsischer, der seinen befiederten Strandgcnossen und den Fischcrsleuten War- nungsrufe gibt. Im Hui ist alles auseinander gestoben, denn es «aht der gcfürchtete Feind, die große schwarzköpfigc Raubmöwe, die anderen Scevögeln die Beute abjagt und unter Umständen solange verfolgt, bis sie den verschluckten Fisch wieder hcrauSwürgen, den der Räuber dann mit größter Gewandtheit erhascht, che er den Wasserspiegel erreicht. Der krumme Haken des Oberschnabcls, die großen Krallen und der schnelle Flug verleihen diesem Schmarotzer« räuber etwas Falkenartiges, da er aber ein schlechter Stoßtaucher ist, helfen ihm seine sonstigen Räuberei�enschaftcn nichts, und er müßte ohne seine Frewheit oft Hunger leidcn. Mit schnellem Flug? und unter heiserem Gekrächze ist er unverrichtctcr«achc davon- geflogen. Da vernimmt das Ohr ein eigenartiges lautes Pfeifen, „Kü— lü!" Bald find auch diese Rufer den Blicken entschwunden. „Tat sunt Tüten," bemerkt der friesische Steuermann,„die brcngt gien Gefahr, sei brcngt Regen!" Also Regenpfeifer waren es. Unter solchen Beobachtungen ist das Boot der Brutstätte näher- gekommen. Immer zahlreicher sind die geflügelten Gäste in der Luft geworden, und eben solche Mengen schaukeln sich aus den Wellen. Welch ein Leben und Treiben, welch ein Sausen und Tosen, welch ein Gewirr von schreienden, pfeifenden und krächzen« den Vogelstnnmcn! Die Insel liegt bor dem Besucher. Die Landung macht keine Schwierigkeiten. Am Wall steht der Jnselvogt. der auch darauf zu achten hat, daß die Logelkoionie keine Störung und keinen Schaden erleidet, weder von vierfüßigcn Räubern noch von Men- schen, nämlich den Gästen, die nach der Insel kommen. Und hat ja einer der Besucher sein Gewehr mitgenommen, um auf hoher See einen Schuß zu tun, so nimmt der Vogt es in seine Obhut, denn „Schietgcweers zyn hier vcrbodcn!" lächelt er den Nimrod an. Aber gern ist er bereit, die Gäste durch die Vogelkolonie zu führen, allerdings nur unter dem Versprechen, daß seine Anweisungen befolgt werden. Wir treten mit ihm den Rundgang an. Langsamen Schrittes geht er uns voran. Es ist im Ansang der Brutzeit. Nicht weit sind wir gegangen, da stoßen wir hier und da aus spärlich mit Grasbüscheln bewachsene Stellen, die sich nach dem Strande hin vermehren. Der Bau des Nestes ist höchst einfach. Muidenartige Bodenvertiefungen sind höchst dürftig mit Algen, Tang, Seegras und Federn ausgefüttert, da und dort wird noch an den Nestern gebaut, andere sind jertig, in dritten finden wir bereits Eier, zwei, drei, vier. Nur wenige Nester erblicken wir. in denen schon das brütende Weibchen hockt. Auf Wunsch des Führers treten wir nur vorsichtig auf, streifen die künftige Vogelmuttcr auch nur mit einem Blicke. Fast ohne Ausnahme verharren die Weibchen auf dem Gelege; nur einzelne fliegen ängstlich davon. Die Nester lassen nur wenige eigentümliche Abweichungen erkennen und auch die Färbung der Eier ist nur wenig verschieden: schmutziggelb mit grün untermischt gleichen sie dem Dünensand?, nur einige Arten find spärlich dunkler gefleckt. Dasselbe gilt von den unflüggen, erst mit Flaum bedeckten Jungen, die als unförmige Klumpen einzelne Nester ausfüllen. Die dürftige Ausstattung der t-cevogcl»c>ter, die scheinbar nur wenig Elternliebe erkennen läßt, hat die gleiche Ur- fache wie der spartanisch einfache Vau der Hühner-, Sumpf- und Schwimmvogelnester: sie sind nicht zu längerem Ausenthalt der Jungen bestimmt. Sobald als möglich verläßt die Brut das Rest, um seinem Lebenselement zugeführt zu werden; eine warme und weiche„.Kindcrwiege", wie man so gern das Nest der Singvögel nennt, ist hier also gar nicht am Platze. Wir gehen weiter! Vor uns, so weit die kleine Insel sich aus- dehnt, bemerkt das Ange nichts anderes als einen einzigen großen Brüievlatz von Secvögcln. Nester, nichts als Nester scher, wir überall dicht nebeneinander und an manchen Stellen so dicht bei- sammen, daß nicht das kleinste Fleckchen freigeblieben ist. Auf allen Seiten kauern unzählige Bogel, und wenn auch über uns ein gewaltig sausendes und flatterndes Geräusch von ab- und zu- streichenden Individuen, ein unaufhörlich schnarrendes, pfeifendes und kreischendes Stimmengewirr die Ohren mehr als sattsam er- füllt, so blieb die großartige Vogelkolonie trotz unserer uncrwar» teten Erscheinung doch in ihrer ruhigen Verfassung. Die Mehrzahl unter den beflügelten Bewohnern der Insel bilden die schneeweißen Möwen, darunter auch Lachmöwen, die durch ihr schückerndes Geschrei auffallen. Unter erstaunlichen Mengen von Silbermöwcn bemerkt man auch die bereits erwähnten schwarzköpfigen Räuber. Unzählige von kleinen Sturmmöwen, die auch an der Ostseeküste in Mengen vorkommen und selbst im Binnenlande nicht fehlen(selbst das Häuscrmcer Berlins besuchen sie zur Winterszeit), jagen blitzschnell über den Wasserspiegel dahin. im Fluge einen Fisch erhaschend, um dann wieder blitzartig davon- zuschießen. Es ist ein wundersames und seltsames Leben in dieser Waffcrvogclwelt, das man als FcstlandSbeivohncr nicht begreift, nur anstaunt. Alle die Taufende von beflügelten Wesen sind Räuber. alle eifrige Fischer, die, um Beute streitend, einander stets mit Neid und Gier beobachten und feindlich begegnen. Eine wunder- bare Veränderung geht aber mit den Tieren vor, sobald daS Brutgeschäft beginnt. Unter allen Scevögeln sind die Möwen die besten Eierleger, namentlich die Silbermöwcn. Obwohl auch Fischjägcr, sind die Serschwalbcn dem Beobachter doch sympathischer. Besonders häufig ist die schwarzköpfige Brandsceschwalbe, deren Gabelschwanz weiß aussieht, während er bei der viel kleineren schwarzen Seeschwalbe schtvarz gefärbt ist. Ein seltenerer Gast ist der große Säger, der ein geschickter Taucher ist und vom Tvzembcr bis März an der, offenen Gewässern Deutschlands erscheint. Wegen des«chadens. den er der Fischzucht zufügt, wird er eifrigst verfolgt. Sein schwarzgrau schillernder Balg dient überdies als Pelzwerk. Höchst lobendige Vögel sind die Strandläufcr und Austernsischer. Wegen ihrer Körpcrschwcre zumeist auf dein Wasser treibend, iomm«»« — 616- liefern Brutplatze auch Enten und Gänse. Dort schwimmen schöne grüne Brandcnten mit rostroter Brustbinde, die sich sowohl durch ihre Daunen als ihre Eier sehr verdienstlich machen. Zu ihnen gesellen sich die Stockenten, die von allen Entenartcn in den auf den ostsriesischcn Inseln errichteten Vogelkojcn am häufigsten ge- fangen werden. Auch die kleine Krickente, die Delikatesse von Fähr, hat hier ihre Brutplätze. Zwischen den Enten bewegt sich treibend und drehend die allbekannte Graugans, die zu Winterszeiten in Scharen das Festland besucht und sich überall nicderläsit. Wir verlassen die Insel mit ihrer grossartigen Kolonie. Unter- toegs erzählt uns der Vogt noch, doss den Nestjungcn und Eiern gar mancherlei Gefahren drohen und er recht sehr auf dem Posten sein müsse, damit die Räuber nicht überhand nehmen. Marder, Wiesel und Ratten sind gefährliche Nestplünderer und abgesehen davon. daß sie zu guter Letzt die Kolonie vollständig zerstören würden, muss ihnen der Beamte auch deshalb auf den Pelz rücken, weil er nicht nur zur Pflege der Kolonie verpflichtet ist, sondern zur Legezeit aus allen Ikestern Eier sammeln und sie an der 2� Stunden weit entfernten Küste an eine Hebestelle abliefern muss, die den Versand besorgt. Die Eier gelangen wegen ihres feinen Geschmackes auf die Tafel der Feinschmecker unter den Mynheers. Man schätzt die jähr- liche Eierernte von Rottum auf 30 bis 40 000 Stück. Damit die reichflicssende Eierquelle nicht versiegt, hat der Jnselvogt beim Einsammeln alle Vorsicht und Schonung anzuwenden. Das Ab- suchen der Nester findet an jedem Morgen während der Legezeit statt, nämlich dann, ivenn die Vögel auf der Nahrungssuche sind. Es geschieht in der Weise, dass die Weibchen von der Plünderung nichts merken, denn ein zu starker Eingriff würde über kurz oder lang die Kolonie veröden. Der Vogt ist aber auf seinem Gebiet ein Mann von Wissen. Er kennt die verschiedenen Arten der Seevögel. er kennt ihre Naturanlage und Legeart und weiß genau, wieviel Eier er jedem Neste entnehmen darf, damit im Legegeschäft keine Störung eintritt. Die letzten Eier bleiben zur Brut, um der Insel ihre Tausende von gefiederten Kolonisten zu erhalten. kleines feuiUeton. Das Flugproblcm vor Jahrtausenden. Wenn der Satz auf Wahrheit beruht, dass alles in der Natur veränderlich sei, so ist es «ine zwingende Folgerung, sich die Verhältnisse der Erde in ihrer Gesamtheit in früheren Zeiten der geschichtlichen Entwicklung völlig anders vorzustellen, als sie heute find. Sogar die einzige Grösse, für deren Veränderung sichere Beweise bisher noch nicht erbracht worden find, die Umdrehungszeit der Erde um ihre Achse oder, was dasselbe bedeutet, die Länge des Erdentages, kann kaum dieselbe ge- Wesen sein. Es ist anzunehmen, hass die junge Erde sich schneller gedreht hat und dass sich die Drehung noch weiter verlangsamen wird, wenn auch diese Veränderung so allmählich vor sich geht, dass sie bisher in den Jahrtausenden der menschlichen Geschichte nicht zu merken gewesen ist. Auch in allen Einzelheilen muss die Vergangen- heit sich anders ausgenommen haben, zum Beispiel auch in der Zusammensetzung der Atmosphäre. Schon lange ist der Verdacht ausgesprochen worden, dass früher einnial mehr Kohlensäure im Lufl'meer enthalten gewesen sein dürfte, insbesondere zu der Zeit, als die ungeheuren Steinkohlenlager sich bildeten. Das sind zwar nur Vermutungen, aber es hat einen eigenen Reiz, sie mit Hilfe der Logik weiter zu verfolgen. Wenn mehr Kohlen- säure in der Luft gewesen sein sollte, so müsste auch der Lustdruck ein anderer und zwar höherer gewesen sein als jetzt. Ob das nun der Fall gewesen fein kann, dafür läht sich ein gewisser Grad von Wahrscheinlichkeit gewinnen, wenn man die ausgestorbenen Tiere längstvergangcner Zeiträume der Erdgeschichte betrachtet, die nach Art der Vögel und vielleicht als deren Vorläufer auf die Fort- bewegung durch den Flug angewiesen waren. Wenn diese Geschöpfe «rheblich grösser waren, als man heute fliegende Tiere auf der Erde findet, so muss man wohl den Schluh ziehen, dass früher das Fliegen leichter, also die Luft schwerer war. Dr. Harlö hat in einem Vortrag bor der Geologischen Gesellschaft Frank- reichS diesen Schluß in aiischaulicher Weise durchgeführt. Er nimmt an. dass zwei Vögel, zum Beispiel zwei Schwalben, völlig gleiche Gestalt haben, nur daß die Längenmasse bei einer zehnmal grösser wären. Die Oberfläche dieses Tierkörpers wäre dann bei diesem Bogel hundertmal grösser, das Gewicht aber tausendmal grösser. Eine solche Schwalbe würde in dem jetzt vorhandenen Luftnieer vielleicht überhaupt nicht mehr zu fliegen vermögen, denn sie müsste mit hundertmal stärkereu Muskeln eine tausendmal grössere Arbeit leisten. Unter den ausgestorbenen Tieren gibt es nun aber Ge- schöpfe, die noch zwischen den Vögeln und Reptilien stehen und da« Flugvermögen besassen. aber an Grösse alles übertrasen. waS wir heute in der Vogelwelt sehen. Ein Pterodaktylns zum Beispiel ist mit einer Flügelweite von mehr alS S Meter be- lannt, und Übertrifft sogar die Spannweite eines Blöriot-FliegcrS. Seine Lebenszeit fiel in die Kreideperiode. In der noch weiter zurückliegenden Steinkohlenzeit aber hat es Libellen gegeben, deren Flngelweite einen Meter betrug. Da solche Wesen in der Luft, wie sie heute beschaffen ist. nicht fliegen könnten, so muss man wohl an- nehmen, dass der Lustdruck auf der Erde früher ein beträchtlich grösserer gewesen ist. Hätten damals schon Menschen auf der Erde gelebt, so wäre ihnen die Lösung des Flugproblems weit leichter «worden. Naturwissenschaftliches. Natur-Paradoxe. Wenn man irgend jemand, der mit atemloser Aufmerksamkeit dem Steigen eines mit Gas gefüllten Ballons zusieht, sagen würde, dass der Ballon eben deshalb nach oben steigt, weil die Erde ihn nach unten zieht, so wird er das Ge- sagte zuerst bestenfalls für einen übel angebrachten Scherz ansehen. Und dennoch ist es buchstäblich wahr: die Anziehung der Erde, die sich ungleichmäßig auf die gleichen Raumteile der dichten Lust und deS viel dünnere» Leuchtgases verteilt, bewirkt letzten Endes, dass der Ballon mit Gas nach oben sozusagen„hinausgepresst" wird. Dasselbe Verfahren. dem scheinbar Bekannten und Alltäglichen die Paradoxale, dem.gesunden Menschenverstand' widersprechende Form zu geben, läßt sich fast auf alle und jede Naturerscheinung ausdehnen. Welchen Zweck hat das aber? Nun etwa denselben wie der Zusatz von Würze und dergleichen zu unserer alltäglichen Speise: die geistige Aufnahme- fähigkeit wird angeregt, manche Erscheinung, die ihrer Alltäglichkeit wegen zunächst gar nicht beachtet wird, kommt auf diese Weile überhaupt erst zum Bewußtsein, die Gesetze, die zu toten Formeln hinabzusinken drohten, bekommen auf einmal neuen Reiz und stisches Leben. So ist es für jeden, der auf die pädagogische Seite der naturivisien» schastlichen Bildung das gebührende Gewicht legt, eine hohe Genug- tuung solch ein Buch anzulreffe», das das besagte Verfahren konsequent einschlägt und es ohne Uebcrtreibung und gesuchte Originalität mit Erfolg durchführt. Ein solches Buch, betitelt„Natur- Paradoxe", das Dr. C. Schäffer nach dem gleichnamigen englischen Werk bearbeitet hat. bringt uns der bekannte Verlag von B. G. Teubner zum verhälMismässig billigen Preise von S M. für das gebundene und gediegen ausgestattete Exemplar. In etwa 7V Kapiteln werden die Gebiete der Physik. Chemie, Biologie und Psychologie durch- streift und überall solche Tatsachen aufgespürt, die der täglichen Erfahrung ins Gesicht schlagen und dennoch ganz„natürlich" sind. Wie ein Körper bergan rollt, wie eine Flüssigkeit durch Sieden zum Gefrieren gebracht wird, wie kaltes Wasser Hitze erzeugt, dies alles und ähnliches erfährt der Leser, der sich auf anregende Weise in den Naturerscheinungen zurechtfinden will, aus diesem Buch. Am gelungensten sind, wie es sich übrigens aus der Natur der Sacke selbst ergibt, die physikalischen, insbesondere aber die meckanischen Paradoxe. Wo die Prinzipien so Nor und einfach � sind, daß sie beinahe als selbstverständlich erscheinen, da nimmt jede scheinbare Verletzung des täglichen ErfahrungSbildeS den Charakter eines Rätsels an. Dafür ein Beispiel. Gleich im ersten Kapitel wird uns ein Wagen präsentiert, der aus wagerechtem Apden leichter beladen als leer zu ziehen ist. Das klingt beinahe als eine Verhöhnung des gesunden Menschenverstandes, entpuppt sich jedoch als eine sinnreiche Erfindung der japanischen J'inrikisha-Führer, die ihren kleinen Zweiradwagcn so bauen, dass er nickt nur ein BeförderungSniittel für Passagiere, sondern zugleich auch eine Stütze für sie selber darstellt. Die Gesetze des Hebels und der Unterschied zwischen Rollen und Tragen von Lasten erzeugen durch ihr Zusammenwirken diese verblüffende Erscheinung. EtwaS nicht minder Verblüffendes tritt uns gleich im zweiten Kapitel entgegen, wo nachgewiesen wird, dass bei einem v-Zug, der mit 90 Kilometer stündlicher Geschwindigkeit westlich in der Richtung nach Hamburg fährt, jedes Rad eines jeden Wagens in jedem Augen- blick einen Teil an seinem Spurkranz hat, der sich mit 15 Kilo« meter stündlicher Geschwindigkeit ostwärts nach Berlin bewegt. Auch dieser so unsinnig klingende Satz wird durch die nähere Betrachtung der Natur der rollenden Bewegung vollständig klar. Und so bringt jeder im Buche besprochene Fall, mag er auch mehr oder minder paradoxal erscheinen, eine Belehning und Anregung. V. Bll. Geologische?. Der Ursprung der. Pfannen" in Südafrika. In wirtschaftlicher Beziehung, sowohl für die Siedlungen als auch für die Verkehrswege, haben die sogenannten Pfannen für Dentjch« und Britsich-Siidafrika die größte Bedeutung. ES find flache, schalen- förmige Vertiefungen, in denen Quellen sich befinden und daS Regenwasier längere Zeit erhalten bleibt. Von Pfanne zu Pfamie ziehe» sich die Verkehrswege, hier liegen die Siedelungen. Es gibt Pfannen von wenigen Metern bis zu 30 Kilometern Durchmesser und von wenigen Zentimetern bis zu 5V Metern Tiefe. Fast alle zeichnen sich in trockenen Zeilen durch Ausbildung von Salzkrusten am Boden aus. Nach einem Aussatz in.Petermanns Mitteilungen' war Johnson der erste, der auf die eigentümliche Entstehung der Pfannen durch die Tätigkeit der Tiere aufmerksam mackte. Wo an Quellen oder in tiefer gelegenen Gebieten in der trockenen Jahreszeit Wasser zu finden war. sainmelten sich nämlich die gcloaltigen Tierherden der Steppe, um zu trinken. Durch deren Hufe wird der Unlergnmd erweicht und zerbröckelt, teilweise auck schon von ihnen allmählich weggetragen; mit der fortschreitenden AuStrocknung treibt dann der Wind die zerkleinerten GesteinSmasien allmählick fort, um sie in der Nähe als Dünen abzulagern. Ein weiteres Lockmittel für die Tiere. selbst in trockenen Zeiten, mag tiann das am Boden auSkristallisierte Salz der Psannen sei», das von den Quellen und periodischen Flüsien hier abgelagert wird. Huftiere lieben bekannilich leidenschastlick das Salz; und miterjhrein Gewicht brickt nicht allein das Salz ein, auch das da- runter liegende Gestein wird zerspliitert und zermürbt, und neue Angriffsflächen werden für die Winderosion gesckaffen. Jedenfalls haben wir hier eines der seltenen Beispiele, dass Tiere unmittel- bar grössere geologische Wirkungen auszuüben vermögen. Tantw. Redakteur: Richard Barth Berlin.— Druck u. Verlag: LorwartsBuchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul SingerötCo., Berlin SW.