Nnterhaltuttgsblatt des vorwärts Nr. 166. Dienstag, den 15. August. 1911 62] pelle der Gröberer. Lehrjahre. Noman von M. Andersen Nexo. Während sie darauf los redete, arbeitete sie fleißig an feiner Wäsche und warf ihm ein Stück nach dem andern an den Kopf. Tann bügelte sie ihm seinen Anzug auf.„Jetzt bist Du ja ganz fein," sagte sie, als er wieder in die Kleider gekommen war und betrachtete ihn warm.„Es ist, als wärst Du ein neuer Mensch geworden. Wäre ich nur zehn oder fünfzehn Jahre jünger, ging- ich gern Arm in Arm mit Dir die Straße hinauf. Aber einen Kuß sollst Du mir geben. !Jch habe Dich ja in Ordnung gebracht, als wenn Du mein Kind wärst." Sie küßte ihn heftig und wandte sich dann nach dem Ofen um. „Und nun weiß ich keinen besseren Rat, als daß wir kaltes Mittagessen essen müssen, und dann.geht jeder seiner Wege," sagte sie abgewandt.„All meine Feuerung ist über Nacht beim Trocknen Deiner Sachen draufgegangen, und hier in der Kälte können wir nicht bleiben. Ich denke, ich kann irgend jemand besuchen, dann geht dieser Tag auch hin, und Du findest auch wohl irgendeinen Ort, wo Du sein kannst." „Es ist ganz einerlei, wo ich bin," sagte Pelle gleich- gültig. � Sie sah ihn mit einem eigentümlichen Lächeln an.„Willst Du eigentlich immer herumbummeln?" fragte sie.„Ihr Männer seid doch merkwürdige Geschöpfe I Wenn Euch nur irgend etwas verquer geht, so müßt Ihr Euch gleich be- trinken oder Euch auf irgendeine andere Weise ins Unglück stürzen. Ihr seid nicht besser als Wickelkinderl Wir müssen ruhig weiter arbeiten, ob es' uns so geht oder so!" Sie stand schon in Hut und Mantel, dg und zögerte noch.„Hier bast Du fünfundzwanzig Oere," sagte sie,„das ist immer für eine Tasse Kaffee, daß Tu Dich wärmen kannst!" .- Pelle wollte es nicht annehmen.„Was soll ich mit Deinem Geld?" murmelte er,„behalt das nur selbst!" „Ach, nimm es man! Ich weiß ja selbst, daß es nur wenig ist, aber ich Hab nicht mehr, und wir beide brauchen uns doch wohl nicht voreinander zu schämen." Sic steckte ihm das Geldstück in die Jackentasche und eilte davon. Pelle schlenderte in den Wald hinaus. Er hatte keine Lust, nach Hause zu gehen und einen zwecklosen Kampf mit Ström aufzunehmen. Er trieb sich auf den öden Steigen umher und empfand ein schwaches Gefühl des Wohlseins, als «r merkte, daß der Frühling sich hindurchrang. Drinnen bnter den alten, moosgrauen Tannen lag der Schnee noch, aber unten in den Tannennadeln steckten schon die Pilze ihre Köpfe hervor, und wenn man auf dem Boden ging, so hatte man ein Gefühl, als trete man auf einen Teig, der anfing, sich zu heben. Er ertappte sich dabei, daß er begann, sich mit seinen eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen und plötzlich aus feinem Halbtraum erwachte. Irgend etwas hatte ihm als ganz traulich vorgeschwebt. Ja, das war der Gedanke, doch zu ihr zu ziehen und sich so einzurichten, wie Jens und sein Mädchen. Er konnte sich ja ein paar Leisten anschaffen und zu Hause sitzen und arbeiten, so konnte er sich einstweilen durchschlagen, bis bessere Zeiten kamen. Sie verdiente ja auch etwas und hatte einen mildtätigen Sinn. Aber als er erst gründlicher darüber nachdachte, erhielt das Ganze einen bitteren Anstrich für ihn. Er hatte ihre Armut und ihr gutes Herz genug mißbraucht. Ihr letztes Stück Feuerung hatte er genommen, so daß sie jetzt ausgehen mußte, um etwas Warmes und Abendbrot zu betteln. Das bedrückte ihn. Dies Gefühl der Beschämung konnte er nicht wieder loswerden, als ihm erst einmal die Augen dafür ge- öffnet waren. Es begleitete ihn nach.Hause und ins Bett, und hinter all ihrer Güte spürte er ihre Verachtung, weil er seinem Elend nicht mit Arbeit entgegentrat wie ein ordent- licher Mensch. Am nächsten Morgen war er früh auf und meldete sich zur Arbeit unten am Hafen. Er sah die Notwendigkeit davon an und für sich nicht ein, wollte aber einer Frau nichts schuldig sein. Am Sonnabend sollte sie ihre Auslagen wieder zurück- erhalten. 24. Pelle stand unten am Boden des Hafenbassins und lud Steinbrocken auf die Kippwagen. Wenn ein Wagen voll war, schob er und sein Kumpan ihn auf die Hauptspur, sie hingen sich dann an den leeren Wagen und rutschten zurück. Hin und wieder ließen die andern das Werkzeug sinken und sahen zu ihm hinüber. Er arbeitete wirklich gut für einen Schuh- macher. Er hatte einen guten Griff, wenn er den Stein aufnahm! Wollte er einen großen Brocken auf den Wagen laden, so hob er ihn erst bis ans Knie, stieß einen Fluch aus und stemmte sich dann mit dem ganzen Körper dagegen, dann trocknete er den Schlveiß von der Stirn und nahm einen Schnaps oder einen Schluck Bier. Er stand hinter keinem von den andern zurück. Mit Gedanken gab er sich nicht ab, er ließ fünf gerade sein und genoß die Tätigkeit und die Müdigkeit. Die Arbeit zerbrach etwas in seinem Körper und erfüllte ihn mit einein reinen tierischen Wohlsein.'„Ob mein Bier wohl heute nach- mittag noch ausreicht?" konnte er denken: darüber hinaus gab es nichts. Die Zukunft existierte nicht und auch kein peinliches Gefühl, daß sie nicht da war: es regte sich keine Reue in ihm über etwas, was er verloren hatte oder lvas er versäumt hatte: die harte Arbeit fraß das Ganze. Da war nur dieser Steiif, der fortgeschafft werden mußte und dann der nächste: dieser Wagen, der voll geladen werden mußte und dann der nächste! Wenn der Stein sich auf den ersten Raick nicht heben wollte, knirschte er mit den Zähnen. Er war wie besessen von der Arbeit.„Er ist noch so jung in den Sielen," sagten die andern,„er läuft sich schon die Hörner abl" Aber Pelle wollte seine Kräfte zeigen, das war sein einziger Ehrgeiz. Der Kumpan ließ ihn ruhig darauf losgehen und strengte sich selbst nicht weiter an. Von Zeit zu Zeit lobte er ihn, um sein Feuer in ihm wach zu halten.. Es war die elendeste Arbeit im Hafen, jeder konnte ohne weitere Voraussetzung dazu gelangen. Die meisten von Pelles Kameraden waren Leute, die mit der Welt fertig waren und sich dahin treiben ließen, wohin der Strom sie trug: er fühlte sich wohl unter ihnen. Bis auf. den Grund gelangten hier keine Worte, die tote Vorstellungen wieder ins Leben rufen oder auch nur in einem leeren Gehirn spuken konnten. Vor der Zukunft war der eiserne Vorhang herab- gelassen, und das Glück lag hier auf der Hand, die Mühe des Tages ließ sich sofort in fröhliches Trinken umsetzen. Seine freie Zeit verbrachte er mit den Gefährten. Es waren lose Existenzen, die das'Gerücht, daß hier eine große 'Arbeit auszuführen sei, herbeigelockt hatte. Die meisten waren .unverheiratet einige hatten wohl irgenlüvo Frau und Kinder, verschwiegen es aber oder wußten es wohl auch selbst nicht. Sie hatten kein rechtes Logis, sondern hausten in Fuhrmann Köllers verlassener Scheune, die dicht beim Hafen lag. Sie kamen nie aus den Kleidern, sondern schliefen im Stroh und wuschen sich in einem Eimer Wasser, der nur selten ge- wechselt wurde. Ihre hauptsächliche Nahrung bestand aus Brotknacken und Spiegeleiern, die sie auf einem Feuer zwischen zwei Steinen brieten. Pelle fand Gefallen an diesem Da, ein und war gern unter ihnen. Am Sonntag aßen und tranken sie abwechselnd den ganzen Tag. lagen in der raucherfüllten Scheune, tief in das Stroh hineingebohrt und erzählten Geschichten, tra- gjsche Geschichten von jüngsten Söhnen, die die Art nahmen lind Vater und Mutter und alle Geschwister totschlugen, weil sie sich bei der Erbschaft übervorteilt glaubten! Von Kindern. die zum Einsegnungsunterricht gingen und sich liebten und Kinder haben sollten und darum geköpft wurden! Und von Frauen, die nicht die Kinder zur Welt bringen wollten, wie es die Bestimmung der Welt sei, und denen deswegen als Strafe der Bauch verschlossen wurde! Seit er hier zu arbeiten angefangen hatte, war er Nicht: mehr draußen bei Marie Nilsen gewesen.„Sie hält_Dich zum Narren," sagte die andern, wenn er von ihr erzählte. „Sie will die Anständige spicleir, damit Du anbeißen sollst. Frauen haben immer Hintergedanken. Da gilt es auf seinem Posten zu sein. Diese jungen Witwen nehnien lieber zwer als einen, das sind die allerschlinunsten. Man muß schon em strammer Teufel sein, wenn man denen widerstehen kankh Aber Pelle war ein Mann und ließ sich von keiner Frau vuf der Nase herumspielen. Entweder war man gut Freund, and dann machte man kein Aufhebens oder man war es nicht! Das wollte'er ihr Sonnabend sagen und ihr zehn Kronen auf den Tisch werfen. Dann waren sie wohl quitt! Und wenn sie Schwierigkeiten machte, dann konnte sie ja eine Maulschelle kriegen. Das mit der Feuerung, die ausgegangen war, und daß sie dann den Sonntag auf der Straße zu- bringen mußte, das konnte er ihr nicht verzeihen. Das faß irgendwo in ihm und brannte wie ein böser Funke. Sie wachte sich auf seine Rechnung zur Märtyrerin. Eines Mittags stand er zusammen mit den Minoren am Arbeitsplatz: Emil und er waren gerade in der Scheune gewesen und hatten ein bißchen Essen heruntergeschluckt, sie wollten auf den Mittagsschlaf verzichten, um einer großen Sprengung beizuwohnen, die in der Mittagspause, wenn der Hafen leer war, vorgenommen werden sollte. Der ganze Platz war geräumt, die Leute in den zunächst gelegenen Häusern hatten die Fenster geöffnet, damit sie nicht vom Luftdruck gesprengt würden. Die Mine war angezündet, sie hielten sich im Schutz unter der Zimmerwerkstatt und standen ba und plauderten, während sie auf die Explosion warteten. „Die Kraft" war auch da. Er hielt sich wie immer in der Nähe und stand da und glotzte mit seinem dumpfen Aus- brück, ohne teil an etwas zu nehmen. Sie nahmen sich seiner nicht an, sondern ließen ihn gehen und steten, wie er wollte. „Deck Dich besser, Pelle," sagte Emil,„nun gehts gleich kos."—„Wo sind Olsen und Ström?" fragte plötzlich einer. Sie sahen sich verwirrt an. „Sie halten wohl ihren Mittagsschlaf," sagte Emil,„sie haben heute vormittag tüchtig geschnapst."„Wo liegen sie?" brüllte der Vorarbeiter und sprang aus seiner Deckung her- vor. Sie ahnten es alle, niemand aber wollte es sagen. Es zuckte in ihnen, als müßten sie alle irgend etwas unter- nehmen. Aber keiner rührte sich vom Fleck.„Herr Jesus," sagte Bergendal, und schlug mit der Hand gegen die Felsen- wand.„Herr Jesus, seht!" „Die Kraft" sprang aus seiner Deckung hervor: er lief am Boden des Bassins entlang, in langen Sätzen von einem Steinbrocken zum andern. Seine mächtigen Holzschuhe klapperten.„Er will die Lunte wegreißen," rief Bergendal, „er erreicht es nicht mehr, sie muß ja ausgebrannt sein!" Es klang wie ein Angstruf. Weit hinaus über die, die es hören sollten. Dann folgten sie atemlos seinem Treiben, sie waren ganz aus der Deckung hervorgetreten. In Pelle zuckte etwas Sinnloses. Er sprang vor, wurde aber im Nacken gepackt. „Einer ist genug," sagte Bergendal und schleuderte ihn zurück. tLortscyung folgt.) Die Bronze in der pfablbauzcit/) Lange hatten die Pfahlbauten schon geblüht. Viele, viele Ge- schlechter waren dahin gegangen, ihrer mühsam errungenen Kultur froh. Ganze Stationen hatten schon hier und da ihr Ende ge- fundcn, vom Feuer zerstört oder aus irgendeinem Grunde ver- lassen. Da geschah auch an diesem Fleck noch einmal ein ent» scheidend gewaltiges Neues. Die Menschen gingen über zur Ver- Wertung der Metalle. Man hat mit Mecht gesagt, dag Werkzeug sei nur ein er- »veitertes Organ, die Technik eine Fortsetzung der Körperbildung. Der Speer ist eine verstärkte Hand, das Boot ein verbessertes Schwimmoraan, das Kleid eine neue Stufe des Fells. Nun: so lange hatte die Menschheit in diesem Werkzeug wirklich nur gleich- sam in Materialien des alten Ltörpergerüsts der Lebewesen weiter- gearbeitet, in Tierhorn selber, in Holz, in Steinmasse, die unserem versteinten Knochengerüst entsprach. Keine Pflanze, kein Tier hat es aber trotz Anwesenheit von Metallen im Leibe auf der Stufe der Organbildung zu einem Gerüst aus reiner Metallkonstruktion, zu einem ehernen Gutzskelett gebracht. Als das Werkzeug diese Grenze überschritt, da machte es aus dem Menschen ein Erden- Wesen, dessen Kraft fortan kein anderes Geschöpf mehr widerstehen sollte. Intelligenz und Metall haben zuerst den Kampf ganz großen Stils um die Erdherrschaft des Menschen eingeleitet. Das Mannesalter der Kultur brach hier an. *) Aus SS. B ö l s ch e s Feder ist im Kosmos-Verlag ein neues Bäpdchcn der Serie:„Der Mensch der Vorzeit" erschienen (Preis l M.) In klarer, anschaulicher Weise behandelt der Ver- fasser diesmal die Pfahlbauzeit, indem er alles Wissenswerte be- richtet und die mannigfachen Probleme dieser Periode sdie Zähmung der ersten Hauslierc, den ersten Getreidebau u. a.) abwägt.— Wir geben Hier einen Abschnitt des für alle Freunde der Kultur- zeschichte empfehlenswerten Buches wieder. Die Sachlage ist auch hier wieder nicht so, daß gerade die Pfahlbauer selbst etwa die allerersten Erfinder der Mctalltechnik gewesen seien. Dafür haben wir nicht den geringsten Anhalt. Be- weisen laßt sich nicht einmal, daß sie in ihrem Seewinkel für sich diese Metalltechnik unabhängig gefunden haben, während sie scbon vorher oder gleichzeitig an anderen Orten blühte; den ersten An- stoß kann schon fremder Import bei ihnen gegepn haben. Aber das lSedeutsame ist. daß auch diese entscheidende Wende zum Mc- tall innerhalb der Pfahlbautengeschichte erlebt wurde und daß sie von uns hier noch miterlebt wird. Bon wo immer die große Welle damals ausgegangen sein mag, um die engere Menschheitskultur in unaufhaltsamem Siegerlauf zu überfluten: wir sehen sie am festen Fleck dieser Hütten über dem blauen See herankommen. anbranden, ein ganzes älteres, in langen Generationen zäh weiter- gegebenes Milieu durchsetzen, auflösen, endlich neu auferbauen. Wir erleben das Ende einer Zeit und den Anfang einer Zeit inmitten der Pfahlbauwelt selber. Eine Aera sehen wir anbrechen, deren me- tallfroher, in Erz erschimmernder Pfahlbürger auf die eigenen steinzeitlichen Pfahlbauahnen mit einer Geringschätzung schon heralsichauen lernte, fast wie wir heute auf das Pfahlbauertum überhaupt. SSoHl hat man ja in unseren eigenen modernsten Tagen auch gelegentlich noch erfahren, daß Reisende aus unserer Kultur, mit reichstem Schatz an Metallwaffcn und Metallinstrumcnten, in irgendeinem verborgenen Tropenwinkel etwa einen nackten In- dianerstamm fanden, der(bei sonst schon recht weit vorgeschrittener Sittenstufe) doch durch irgendeinen örtlichen Zufall bis auf diese Stunde ohne SZesitz von Metallen geblieben war; auch da konnte man dann sehr handgreiflich an den lebendigen Leuten Uebergang von„Steinzeit" in„Metallzeit" studieren. Aber das ist doch, recht besehen, etwas Grundanderes. Jene Pfahlbauer machten noch die gewaltige Urentwickelung dieser Dinge, denen auch unsere höchste Kultur von heute ihre Metalle verdankt, selber mit. Und das kann man besonders daran verfolgen, daß sie noch Anteil erhielten an dem stufenweise erst probenden Anfangsbau dieser Entwicke- lung, an rhrer ersten allgemeinen Unfertigkeit. Einer jener In- dianer von heute bekommt etwa in die Hand, aus der eben seine letzte Steinaxt legt, gleich einen Revolver allermodernster Kon- ftruktion. Der Schweizer Pfahlbauer mußte noch ein Vorstadium mitmachen, das, wie es scheint, gerade der Grundstamm der Kultur. auf der wir heute fußen, allgemein hat durchmachen müssen: er trat zu seiner Zeit zunächst erst in die sogenannte„Bronze- Periode" ein. Es ist ein alter Glaube, der noch bei den denkenden Köpfen der späteren Antike(z. B. bei Lukrctius) fortdauerte, daß diese eigentlich entscheidende altwcltliche Kultur in die Stufe der Metall- Verwertung nicht gleich übergegangen sei durch Kenntnis und Ge- brauch desjenigen Metallcs, das später ihren absoluten technischen Mittelpunkt bildete: des Eisens. Ein anderes metallisches, Ma- terial sollte diesem Eisen im Sinne organischer Stufcncntwickclung vorangegangen sein: das Erz oder, wie wir heute sagen die Bronze. Zuerst Stein— dann Metall; aber nicht sofort Eisen; zwischen Stein und Eisen erst Bronze. Damals war daL zweifellos noch eine wirkliche dunkle Erfahrungstradition. Erst im l9. Jabr- hundert wurde daraus dann eine rückwärts grübelnde Wissenschaft- liche Hypothese. Skandinavische und norddeutsche Forscher, die in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts die alten„Hünen- gräber" und„Heidengräber" ihrer Gegenden auszubeuten be» gannen, mußten auf«inen eigentümlichen Gegensatz aufmerksam werden. Es war noch die Zeit, wo man von der älteren diluvialen Steinzeit nicht viel wußte, gerade diese Epoche kam aber auch im Norden, vor allem in Skandinavien, nicht so in Betracht, da das Eis den Diluvialmenschen dort zu seiner Zeit nicht hatte auf» kommen lassen. Alle diese nordischen Grabfunde gingen also schon auf die Epoche vom Beginn der neolithischen Kultur bis zum An- bruch der engeren historischen Zeit. Eben für diesen Abschnitt der Kulturgeschichte offenbarten sie aber eine» geradezu aufdringlich regelmäßigen Sachverhalt. Neben rein steinzeitlich ausgestatteten Grabstätten gab es da andere mit Metallbeigabcn(Waffen, Schmuck und dergleichen). Unter diesen Mctallstätten aber zeigten sich solche mit reinem i&ronzematerial und andere, die bereits Eisen verwer» teten. Man versuchte also eine Chronologie mit Stufenfolge. Chrisfian Jürgensen Thomsen, der Direktor des Museums nor- diicher Altertümer in Kopenhagen, proklamierte 1836 als geschicht- liche Reihe eine Steinpcriodc. eine Bronzcperiode und eine Eisen- Periode der nordischen Altkultur. Der Mecklenburger Friedrich Lisch, Leiter der wissenschaftlichen Sammlungen in Ludwigslust, und Danneil zu Salzwedel fanden die gleiche Idee ungefähr um dieselbe Zeit selbständig in Deutschland. Und diese Dreiteilung wurde bald von dorther sieghast und drang in alle Lehrbücher. Als man in der Folge de? Jahrhunderts niehr und mehr auch die alten Stammtulturen im Ostwinkel des Miltelmcercs statt bloß aus den philologisch gedeuteten Schriftqucllen der antiken Literatur in ihren eigenen Altertümern mit Schaufel und Spaten aus der Erde zu graben begann, bestätigte die Theorie sich auch dort immer entschiedener. Wilde Gcgenkämpfe, die sie zeitweise er- schüttcrn mocblen, sind schließlich doch wieder verrauscht. Sie be- steht heute besser als je, wenn man sie bloß nicht künstlich einseitig macben will. Daß im Einzelfalle direkt an die Steinverwertung Eisenbcnutzung anschließen konnte und gelegentlich auf der weiten Erde auch einmal angeschlossen hat. darf nicht bestritten werden. Aber der echte Grundstamm menschlicher Hauptkultur ist diesen direkten Weg erweislich nicht gegangen,, sondern hat eben eine Bronzeperiode dazwischen gelegt. Daß aber auch bei diesem Grundstamm mancherlei Verwickelungen die Reihenfolge im ein- zelncn erschweren, mutz ebenfalls festbleiben: handelt es sich doch auch hier nicht um ein einziges Volk mit einheitlich steter Fort- bildung, sondern um ein Geflecht und Parallclgewcbe aus vielen Volksstämmen. Gewisse Dölkerzweige dieser Kultur standen offen- bar erst in der Blüte ihrer Bronzezeit, als anderswo sckon die Eisenzeit begonnen hatte. Lange haben Bronzezeit und Eisenzeit auch am gleichen Fleck nock ineinander gespielt. Auch konnten Einzelvölker noch in der Blüte ihrer Bronzezeit absterben, ohne für ihren Fleck je die Eisenzeit wenigstens im ganzen Umfang er- lebt zu haben; so gerade, wie wir sehen werden, unsere Schiveizer Pfahlbauer selbst. Rein technische Spintisierereien, z. B. datz man die feineren Bronzesachcn nur erst mit Hilfe von Stahlwerkzeugcn habe herstellen können, oder, datz alle älteren Eisenwaren dem Rost hätten erlugen müssen, also neben der Bronze blotz zufällig fehlten, haben auf die Dauer dagegen die entschiedenste Wider- legung gefunden. Merkwürdig bleibt bei alledem auch als Tatsache aber diese Bronzeperiode— merkwürdig im Sinne, daß sie in dem Kultur- Hergang wieder einmal zeigt, datz nickt das Einfachste stets das Wirkliche ist. Bronze ist bekanntlich selber kein ursprünglick?es Mc- tall, das die Natur dem Menschen direkt geben tonnte. Sie cnt- steht erst durch künstliche Mischung von zwei natürlichen Element- metallen, nämlich von sehr viel Küpfer mit einem geringeren Teil Zinn. Das beste Prozentvcrhältnis geben 9 Teile Kupfer auf 1 Teil Zinn. Um eine Axt oder einen Schmuckgegcnstand aus Bronze herzustellen, war es also nötig, zwei Metalle in der Natur zu heben und erst durch Menschenkunst zu kombinieren, dabei eine�, das Zinn, das im alten Kulturgchiet keineswegs überall ver- breitet war. Stets ist die Denkschwierigkeit empfunden worden, datz die Dinge so überaus verwickelt begonnen haben sollten. An sich will ja der Schritt auch zur Benutzung eines Metalls nichts so sehr Wunderbares für das schlichte Denken haben. Die alten Diluvialleute haben für ihre Höhlenpraxis schon Schwefelkies- brocken gesammelt, einerseits wohl, weil sie„hübsch" wirkten, vor allem aber zum Feuerschlagen. In den Händen von Eskimos, die sonst noch ziemliche Steinzeitmenschen bis heute geblieben waren, fanden sich Speerspitzen aus Meteoreiscn, also zufällig wirklich „vom Himmel" id. h. aus dem Weltraum) herabgefallenem Metall, die zunächst blotz kalt zurechtgehämmcrt waren. Datz Metall in der Glut schmilzt und erkaltend äutzcre Druckformen bewahrt, konnte der reine Zufall von hier aus wohl wciterlchren. Aber gleich zwei Metalle, und dabei ein seltenes, mischen und daraus Werkzeuge gictzen: das erscheint etwas viel verlangt. Der Her- gang wird indessen bei näherer Betrachtung doch wenigstens ein Teil einfacher. Zunächst erkennt man aus mancherlei Anzeichen, datz der eigentlichen Bronzezeit durchweg eine längere Periode voraufging, in der vorläufig einmal blotz mit dem einen der beiden Metalle sozusagen„gespielt" wurde und zwar mit dem weitverbreiteten, vielfach sich als Naturerzeugnis geradezu aufdrängenden Kupfer. Das schön rote Kupfer erregte den ästhetischen Sinn. Man sam- melte es und schmiedete noch mit den neolithischen Steinwerk- zeugen zunächst blotz mehr oder minder roh etwas daran herum! So wurde es zur glänzenden Schmuckpcrle, hier und da, noch tief in der neolithischen Zeit. Ganz ebenso suchten sich bei ihrer Eni- deckung noch die nordämerikanischen Indianer da« reiche gediegene Kupfer ihres Landes; sie. Mutzten es nicht zu schmelzen noch zu gietzen, sondern zerschlugen und bearbeiteten es nur mit ihren Steinhämmern kalt so weit, datz es selber allerhand grobe Ab- sichtsformcn annahm. An manchen Stellen unserer altweltlichcn Kultur hat sich in jenen entscheidenden uralten Tagen aus solchen Vorvcrsucken aber eine wirkliche Kupserperiodc als erste Vorstufe der Mctallzeit entwickelt. Die Leute haben offenbar dort am puren Kupfer selber schon Schmelzen und Gietzen gelernt. Je- doch ergab das Kupfer ohne Zutat, statt für Schmuck auch als Waffe verwertet, mittelmähige Erzeugnisse. Die rote Kupferaxt mochte noch hübscher aussehen als die aus grünem Nephrit, aber sie ivar zu weich, stand in diesem Sinne hinter dem Stein technisch zurück. Wenn man die Schönheit mit mehr Kraft paaren könnte! Wie oft mag das empfunden worden sein. Inzwischen war man aber jetzt auf metallhaltige Gesteine aufmerksam. Und hier mutz »nieder irgendeine Fügung der Gründe eingesetzt haben, die das seltenere Zinn irgendwo doch auch in die Hand spielte. Mag sein, datz das Gestein, aus dem man Gutzkupser aus- schmolz, gelegentlich von Natur schon andere Metalle mitcnthielt, die dann das Produkt günstig beeinfluhten, und datz man so aufs Erperimentieren mit absichtlichem Vereinigen verschiedener metall- haltiger Rohstoffe geriet, bis man endlich die geheime Hilfe gerade zinnhaltigen Gesteins heraushatte. Jedenfalls ergab auf die Dauer ein bestimmter Zinnzusatz zu jedem gteinkupfer das sehn- lich Gewünschte: die so entstehende Bronze, das eigentlicke„Erz", strahlte in goldhafter Schöne und war doch in jeder Hinsicht tech- nisch brauchbarer, nämlich flietzender beim Gütz und härter im fertigen Produkt. Ungefähr so ist der Hergang jedenfalls gc- wesen. l Schluß folgt.) (Nachdruck verbokea.1 Die Induftrle der fouren Surken. Von F. A. H o r st. Ein fremdes Gewächs ist bei uns die Gurke. Die südlichen Länder sind ihre Heimat. Den alten Kulturvölkern am Mittel» meer war sie wohlbekannt, und von hier gelangte sie schon früh- zeitig nach Deutschland. Während des Mittelalters wurde fie aber gering geschäht und stand sogar dem Kohl und den Rüben nach. Erst im sechzehnten Jahrhundert änderte sich der Geschmack. Die Gurke wurde beliebt, und ihr Anbau wuchs derart, datz deutsche Gurken eine gewisse Berühmtheit erlangten. Selten kamen sie gekocht als Gemüse auf den Tisch, man verspeiste sie zumeist roh als Salat, der in der heitzcn Jähreszeit recht erfrischend war. Dieses Gericht wollte man möglichst früh haben, und die Gärtner begannen, Gurken in Mistbeeten zu treiben. Der Ertrag war lohnmd und die Nachfrage nach den neuesten Gurken so stark. datz in der Neuzeit Gurken in großen Mengen in eigenen Ge- Wächshäusern getrieben werden. Für diese Zwecke sind besondere Sorten von Gurken herausgezüchtet worden, die bis 1 Meter lange schlankgcformte Früchte bringen. Berühmt sind in dieser Hinsicht Nocks Treibgurkc, Königin der Tafel, Prescotet Wonder u. a. Dank diesen Bestrebungen essen wir bereits zarten Gurkensalat» wenn draußen im Freien die Gurkenpflanzen kaum zu keimen beginnen. Außerdem war man aber bestrebt, die Gurkensaison nach dein Winter hin zu verlängern. Zu diesem Zwecke suchte man im Herbst geerntete Gurken möglichst lang frisch zu erhalten, was allerdings nur für einen kürzeren Zeitraum möglich war. Man sah sich darum genötigt, Gurkenkonserven zu bereiten, um den Hcrbstscgen für den Winter zu erhalten. Diese Konscrvierungs- kunst ist eine alte Erfindung. Die Römer waren Meister darin. Sie waren große Freunde des grünen Salats, der in Italien nur im Frühling schmackhaft war, während des heißen Sommers aber in die Blüte schoß und ungenießbar wurde. So machten fie ihren Gartensalat, der nebenbei gesagt, keine Köpfe bildete, in folgender Meise ein: Sie mischten die Blätter mit Salzlake und Essig und legten sie in steinerne Töpfe. Zwischen den Salat packten sie Schichten von grünen Gartenbohnen und würzten das Ganze mit Dill, Fenchel, Raute und gehacktem Porree. Häufig wurde auch Olivenöl unter die Blätter gemengt, und man nannte das so zu- bereitete Grünzeug insalata cum aceto et oleo, was so viel wie Eingesalzenes mit Essig und Oel bedeutet. Von dem insalata. stammt aber unsere Benennung Salat. Auf dieselbe Weise kon- servierte man auch Kraut, d. h. den Kopfkohl, und erhielt eine Art Sauerkohl. Schließlich.mutzte das Salz auch helfen, um die Gurken für Wochen und Monate genießbar zu erhalten. Roch heute arbeiten unsere Hausfrauen beim Einlegen der Gurken nach dem altrömischen Rezept, das nur in unwesentlichen Dingen abgeändert wurde. Man wählt zu diesem Zweck mittel» große, noch grüne Früchte. Unmittelbar nach dem Pflücken werden sie in kaltes Wasser gelegt, in dem sie 24 Stunden bleiben. Sie werken alsdann mit einer Bürste sauber gereinigt und in Fässer oder Stcintöpfe gepackt. Eine alte Regel besagt, datz sich hierzu an» besten Gefäße eign.m, in denen man bereits einmal Gurken ein- gemacht hat. Nun legt nian in das Faß oder den Topf zuerst eine Schicht Gurken, dann eine Lage von Dillkraut, dem man sehr zweckmätzigcrweise unreife Weinbeeren oder Wcinblätter bei- mischen kann. Inzwischen hat man eine Salzlake hergestellt, indem man in je ein Liter Wasser 29 bis 39 Gramm Kochsalz auflöste. das Ganze gut durchkochte und erkalten ließ. Das Salzwasser mutz die Gurken stets umspülen, es wird darum auf die oberste Schicht ein Brett gelegt und mit einem sauber gewaschenen Stein beschwert. Das Gefäß bleibt nun im kühlen Keller stehen, und die Gurken werden nach und nach sauer. Der Vorgang, der sich dabei abspielt, ist von der modernen Wissenschaft genau erforscht worden. Das Salz entzieht den Gurken einen Teil ihres Saftes. in der Salzlake kann eine Fäulnis nicht eintreten, wohl aber tritt eine Gährung ein; bestimmte mikroskopische Pilze beginnen zu wuchern und die Gurkcnsäfte umzuwandeln. In der Hauptsache gehen Milchsäurebaktericn an die Arbeit. Es sind dies Bakterien. die den in der Gurke vorhandenen Zucker in Milchsäure verwan- dein und den sauren Geschmack bedingen, dieselben Lebewesen, die auch in der Milch den Milchzucker zerlegen, die Milch sauer machen und das Eiweiß zum Gerinnen bringen. Außer diesen Bakterien sind in dem Gurkenfaß noch andere Mrungserreger tätig, so z. B. verschiedene Arten von Hefen. Die Tätigkeit dieser Pilze ist für das Endergebnis von der größten Bedeutung, denn sie hat einen entschiedenen Einslutz auf den Wohlgeschmack und das Aroma der sauren Gurken. In der neuesten Zeit hat man nun die Hefe und die Milchsäurcbakterien als sehr nützliche Organismen erkannt, die in unserem Darme die Fäulnis hintanhalten. Die saure Milch lJoghurt) wird geradezu als ein lebenverlängerndcs Nahrungs- mittel gepriesen. Daraus erhellt aber, datz die saure Gurke, wenn sie auf dem Wege natürlicher irung ohne Zusatz scharfer Stoffe zubereitet wurde, ein sehr bckör nliches Erfrischungs- und Genutz» mittel darstellt. Das kann natürlich von Essig-, Senf- und Pfeffer- gurken nicht gesagt werden, die als Reizmittel nur in kleinen Mengen genossen werden dürfen Nun Kissen wir. warum die saure Gurke ein so sessr be- gessrtes Genuß- und Würzmittel darstellt. Die moderne Lebens- führung macht es indessen den meisten städtischen Familien nicht möglich, ihren Bedarf an sauren Gurken selbst einzulegen. Dazu fehlen vor allem die nötigen Räume im Keller, und die Hausfrau in der Großstadt besitzt auch nicht die nötige Erfahrung in solchen Dingen. Der Bedarf dieser großen Massen muß also durch Ein- legen auf dem Lande oder in der Kleinstadt gedeckt werden, und das führte zur Entstehung einer förmlichen Industrie der sauren Gurken. Ganz besonders hat sich dieser Arbeitszweig in Mittel- deutschland ausgebildet und hier gelten Calbe, Liegnitz und Lübbenau als Gurkenorte ersten Ranges. Das Einlegegeschäft beginnt schon früh im Jahre, denn man macht bereits die Ge- tvächshaus- und Mistbeetgurken zu saueren. Da sie aber natur- gemäß höher im Preise stehen müssen, so ist die Menge des Er- zeugten nicht so sehr groß. Das Hauptgeschäft beginnt erst im Juli und währt in den August und Anfang September hinein, zu welcher Zeit die auf den Feldern angebauten Landgurkcn gecrntet werden. In Lübbenau am Spreewald, das in der Hauptsache Berlin mit seinen berühmten„Saucren" versorgt, herrscht alsdann ein ungemein reges Leben. In der näheren und weiteren Um- gebung der Stadt werden Gurken in Massen angebaut und zweimal in der Woche findet in Lübbenau ein Wochenmarkt statt, auf dem die in der Stadt ansässigen Einleger ihren Bedarf an frischen Gurken decken. Da sieht man um jene Zeit auf den Gewässern des Spreewaldes lange Züge von Kähnen, die vollauf mit den grünen Früchten beladen sind. Man baut hier für das Einlege- geschäft eine besondere Sorte an, die einfach„Saure Gurke" ge- nennt wird. Es ist dies eine mittellange Gurke, die eine dünne Schale und ein zartes Fleisch besitzt. Der Boden des Sprceivaldes soll die guten Eigenschaften der Frucht besonders fördern. Der Bedarf der Einleger kann aber durch die Produktion des Spree- tvaldes nicht gedeckt werden und so müssen alljährlich noch große Mengen Gurken aus Thüringen und Schlesien bezogen werden. Hier gibt es auch vorzügliche Sorten zum Einlegen, wie die Er- furter mittellange und die Liegnitzer Gurke. Was nun die Güte der Frucht anbelangt, so kopimt es bei jeder Sorte viel auf die Kultur an. Die Art der Düngung beeinflußt die Ware. Gurken, die man z. B. sehr reichlich mit Abtrittsdünger oder Chilesalpeter gedüngt hat, werden leicht hohl und neigen beim Einlegen zum Weichwerden. Deswegen schreiben große Einlegergeschäftc den Bauern, von denen sie ihre Ware bezichen, vor, daß die Gurken- selber mit ähnlichen Stoffen nicht gedüngt werden. In verschiede- nen Einlcgcgeschästen werden die Gurken vor dem Einlegen ins Faß gestochen. Man glaubt, daß dadurch das Hohlwerden verhütet werde; in Wirklichkeit aber kommen die hohlen Saueren meistens schon hohl in das Faß. Als Nebenzweige des Einlcgegeschäftes sind noch die Bereitung der Senf- oder Essiggurken und die der Pfeffergurken zu erwähnen. Zu den ersteren verwendet man die großen reifen Gurken, von denen der Same geerntet wird. Man entfernt die Kerne und zer- schneidet das Fruchtfleisch in beliebig große Stücke, die mit Senf und Essig eingelegt werden. Die Pfeffergurken werden aus de» kleinen unausgebildctcn Früchten bereitet, die man. im Herbst aberntet, bevor der Frost eintritt. Wo größere Mengen benötigt werden, baut man aber die kleinfrüchtigen Traubengurken oder Cornichons an. Die Gurkchen werden in Gläsern und Töpfen mit scharfem Weinessig und Gewürzen eingemacht und finden auch zu Mixed Pickles Verwendung. Doch kehren wir zu den sauren Gurken zurück: sie bilden die Hauptware. Es gibt Einleger, die in der Saison Lll 0 bis 100 000 Stück Gurken einsalzen, das sind die kleineren Leute. Die Großen machen eine Million und mehr in einer Saison sauer. Ob es bereits Gurken-Milliardäre gibt, wissen wir nicht. Wie sehr aber das saure Geschäft blüht, zeigt unter anderem die Ausführ Lübbe- uaus. Würde man dort die im Jahre erzeugten„Sauren" in einen Güterzug verladen, so würde dieser Eisenbahnzug etwa 10 Kilometer lang werden! Die Gefdnehte des Strohhuts. Wir können uns heute den Sommeranzug ohne Strohhut nicht denken, aber es ist noch gar nicht so lange her, daß dieser Gedanke einem eleganten Herrn oder einer Modedame ebenso unmöglich war wie heute selbstverständlich. In das Reich der vornehmen Damen- toilette hat der Strohhut erst im 18. Jahrhundert seinen Einzug gehalten; die Herren Ijabcn sich noch viel später dazu entschlossen, diese„plebejische" Kopfbedeckung anzunehmen; die Dandhs haben sich bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dagegen ge- wehrt, und erst als im P a n a m a h u t eine exotische, vornehine und überaus teure Sorte, gleichsam der König unter den Stroq- hüten, entdeckt wurde, wurde dem durch die Jahrhundertc hin ver- achteten und vernachlässigten Kleidungsstück die Anerkennung der modebestimmenden Welt zuteil. Die Alten haben wohl die Kopf- bedeckung aus Strohgeflecht gekannt. In der glühenden Sonnenhitze trugen die Landarbeiter hakbkugkige, niedrige Strohkqppen, aber die griechische Mode erzählt nichts von eleganten Strohhüten. Sollten die koketten und kapriziös anmutigen Spitzhütchen, die die entzücken» den Tanagrafiguren so lustig und keck auf dem Köpfchen balancieren. aus Stroh gewesen sein? Die Wissenschaft gibt darauf keine Ant» wort. Während die großen Kulturvölker des Altertums den Stroh- Hut augenscheinlich nur als eine für den Arbeiter notwendige, aber von der Mode nicht anerkannte Kopfbedeckung besaßen, hat er viel- leicht schon der urgermanischen Nationaltracht angehört. Wir finden ihn nämlich bei den Angelsachsen und dann bei den Sachsen bis ins 10. Jahrhundert hinein und darüber hinaus, bei Völkern also, die am altgermanischen Brauch am zähesten festhielten. Der Strohhut auf dem langen Haar war für den S a ch s e n das Zeichen der Frei- heit und Männlichkeit. Wie uns Widukind in seiner sächsischen Ge- schichte berichtet, waren die Franken von dieser Form der Kopf- bedeckung außerordentlich überrascht, und sie galt lange als be- sonderes Merkmal des Sachsen. Ueber das Aussehen dieses alt- deutschen Strohhuts, des ehrwürdigen Vorfahren unseres modernen Schattenspcnders, geben einige Miniaturen Aufschluß. Ein Bild im„Sachsenspiegel" zeigt ihn in der Form eines ab- gestumpften Kegels mit vorslpringendom Schirme; in einer angel- dänischen Handschrift des 10. Jahrhunderts dagegen ist der Hut spitzkeglig und ohne Rand. Er war in seiner primitivsten Form ein Stück Strohgeflccht, das man mit einer Schnur um den Kopf band. Ein breitkrempiger flacher Hut aus Binsen oder Stroh, der ja bei der Arbeit auf dem Felde zur heißen Sommerszeit so nötig ist, ist von den Bauern und ihren Frauen natürlich schon früh ge- tragen worden. Der einfache Binsenhut und der feinere Strohhut führen daher in der Geschichte der deutschen Tracht auf lange hin ein bescheidenes Dasein in den Volkstrachten; ein Beweis dafür ist die Liebe und der besondere Stolz, mit dem die verschieden- sten Formen des Strohhuts in der bäuerlichen Kleidung bis auf unsere Tage festgehalten sind. Da finden wir noch heute den sehr hohen zylinderförmigen Strohhut, der mit schwarzen Seidenbändcrn unter dem Kinn befestigt ist, in. der Frauentracht des Badener Prechtals, die spitzen oder glockenförmigen Strohhüte in Tirol und Salzburg. Die Männer tragen allerorten schwarze breitrandige Strohzylinderhüte. Auf was für seltsame Strohhutformen bäuer- liche Eftelkeit verfiel, zeigen die Kopfbedeckungen der Vierlände» rinnen. Ter Strohhut hat die Form eines eingedrückten Tellers; der Stopf ist von oben her tief in die Krempe geschoben und diese, durch eine tiefe Rinne von ihm geschieden, umgibt ihn wie ein dach- artig abfallender Wall. Aus dieser stillen, nur in den engen Grenzen bäuerischen Lebens sich entfaltenden Existenz tauckt nun der Strohhut zu verschiedenen Malen in die elegante Sphäre der großen Mode empor, um immer wieder zu verschwinden, bis er sich dann im 18. Jahrhundert sein Recht für immer eroberte. Es sind Zeiten einer naturfrohen, für das Landleben schwärmenden, idyllisch-schäferlichen Stimmung, die' in diesem sogenannten Schäferhut ein Symbol der Unschuld und harmloser Freuden erkennen. Die Damen der R i t t e r z e i t, die sich so gern an» Gras und Blumen ihre„Schapel" flochten, emp- fanden auch die zierliche Anmut, die in solch einem breitrandigen Hut aus Zweigen, Binsen oder Stroh lag. Sie umwanden diese leichten Schattenspender mit Blumenkränzen und erschienen so den edlen Rittern wie frische Dirnen, um sich mit ihnen im„dörper» lichen" Reigen zu drehen. Auch in dem Italien der Renaissance wird der bon der Land- bedölkcrung getragene Strohhut bisweilen in die bessere Gesellschaft und sogar in die Kunst aufgenommen. Die ehrwürdigen Eremiten und die sanften heiligen Frauen tragen ihn auf manchen Bildern des Quattrocento am Arm, und Vittore Pisano stülpt sogar seinem hl. Georg, einem schwergepanzerten Ritter, in urwüchsiger Wirk- lichkeitsfreude einen riesigen spitzen Strohhut mit ungeheurer Krempe aufs Haupt. Auch sonst begegnet man in Werken der Malerei ab und zu dem Strohhut in der Mvdeklcidung, besonders in Holland, wo man ja mit einem so frischen Naturgefühl in die Welt blickte. Rembrandts Saskia trägt auf dem entzücken- den Bildchen, das der Bräutigam von ihr entwarf, einen großen, blumenumwundenen Strohhut. Das Rokoko, die Epoche der galanten Schäfereien, der idyllischen Feste im Freien und der senti» mentalen Naturvcrehrung, gewährt dann dem Strohhut den sieg» reichen Einzug in die große Mode. Ter verachtete Bauernhut, der übrigens noch lange„Salzburger" oder„Rcgensburger" heißt, wird zum Zeichen der Eleganz. Um 1780 sind Strohhüte ein notwendige»! Bestandteil der großen Toilette. Diese Hüte hatten einen niedrigen Siapf mit flachem Boden, aber einen kolossalen, mit rosa Taft ge- fütterten Schirm, der auf und ab schwankend die Gestalt in ihrer ganzen Breite wie ein Regenschirm überdeckte. Ungeheure Mengen von Putz, von Federn, Bändern, Schleifen und Blumen aller Art bedeckten das feine Material. Eine neue Blüte erlebte der Stroh- Hut in der Biedermeierzeit, wo er als ein korbartiges Ungetüm mit winzigem rüschenbesetztem Schirm auftrat. Seitdem hat er in immer neuen. Extravaganzen die Welt der Mode entzückt Verantw. Redakteur; Richard Barth, Berlin. � Druck u. Verlag: LorwärtsBmhdruckereiu.VertagsanjtaltPaulSlnger&so.,BerlinSW»