Nnlerhalwngsblatt des Horwärts Nr. 157. Mittwoch den 16. August. 1911 L3Z (Nachdruck verbolen.1 Pelle cler Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen Nexö. < Jetzt war„die Kraft" am Ziel, er hatte die Hand zum Griff ausgestreckt, plötzlich wurde er von einer unsichtbaren Hand von der Lunte weggehoben, schwebte sanft hintenüber durch die Luft wie ein Ballonmensch und fiel auf den Rücken. Das Dröhnen ließ auf einmal alles verschwinden. Als die letzten Brocken gefallen waren, liefen sie hinab;„die Kraft" lag ausgestreckt auf dem Rücken und sah ruhig zum Himmel empor. Die Mundwinkel waren ein wenig blutig und aus einem kleinen Loch in dem einen Ohr sickerte das Blut heraus. Die beiden Betrunkenen hatten Feinen Schaden genommen. Sie erhoben sich ganz verwirrt ein paar Schritte hinter dem Explosionsort.„Die Kraft" wurde in die Scheune getragen und während nach dem Arzt geschickt wurde, riß Emil einen Fetzen von seiner Bluse und goß Branntwein darauf, den legten sie ihm hinter das Ohr. Er schlug die Augen auf und schloß sie wieder. Sein Blick war so klug, daß jeder wußte, er hatte nicht mehr lange zu leben.„Es riecht hier nach Schnaps," sagte er,„wer spendiert einen Schluck?" Emil reichte ihm die Flasche und er leerte sie. „Es schmeckt doch gut," sagte er leise.„Nun habe ich, ich weiß nicht wie lange, keinen Branntwein angerührt, aber was hilft das alles. Der arme Mann muß Branntwein trinken, sonst taugt er zu nichts. Es ist kein Spaß, ein armer Mann zu seinl Eine andere Rettung gibt es nicht für ihn. Das habt Ihr bei Ström und Olsen gesehen. Betrunkene kommen niemals zu Schaden. Sind sie Wohl zu Schaden gekommen?" Er versuchte den Kopf aufzurichten. Ström trat vor.„Hier sind wir," sagte er mit heiserer Stimme, „aber ich würde viel dafür geben, wenn wir beide in die Hölle gereist wären, statt daß dies geschehen mußte. Nie- wand von uns hat es gut mit Dir gemeint, Du!" Er streckte die Hand aus. Aber„die Kraft" konnte die seine nicht er- heben. Er lag da und starrte zu dem durchlöcherten Stroh- dach empor.„Es ist zwar hart genug gewesen, zu den Armen zu gehören," sagte er,„und gut, daß es vorbei ist. Aber Ihr seid mir keinen Dank schuldig. Warum soll ich Euch wohl im Stich lassen und das Ganze selbst für mich nehmen? Sieht das„der Kraft" ähnlich?— Freilich war der Plan mein! Aber hätte ich ihn allein ausführen können?— Nein, behaltet nur alles Geld. Ihr habt es redlich verdient.„Die Kraft" will nicht mehr haben, als irgendein anderer, wo wir doch alle gleich viel gearbeitet haben." Mit Mühe erhob er die Hand und machte eine großmütige Bewegung. „Ach, er glaubt, daß er der Hafenbaumeister ist," sagte Ström,„er redet irre. Ob ihm nicht ein kalter Umschlag gut tun würde?" Emil nahm den Eimer, um frisches Wasser zu holen.„Die Kraft" lag mit geschlossenen Augen und einem schwachen Lächeln da, er glich einem Blinden, der lauscht.„Wißt Ihr wohl noch," sagte er, ohne die Augen zu offnen,„wie wir gearbeitet und gearbeitet haben und doch kaum das tägliche Brot schaffen konnten? Die Großen saßen da und fraßen alles auf, was wir hervorbringen konnten; trenn wir das Werkzeug niederlegten und unseren Hunger stillen wollten, war da nichts. Unsere Gedanken stahlen sie, und hatten wir eine hübsche Braut oder eine junge Tochter, so konnten sie auch die gebrauchen, selbst unsere Krüppel ver- schmähten sie nicht. Aber jetzt ist das vorbei und wir wollen uns freuen, daß wir es erleben; es hätte ja noch lange dauern können. Mutter wollte es auch gar nicht glauben, als ich ihr erzählte, daß die bösen Tage bald vorüber wären. Aber nun seht einmal: Bekomme ich nicht ebensoviel für meine Arbeit, wie der Doktor für seine? Kann ich nicht meine Frau und Tochter halten und Bücher haben und mir ein Klavier hinstellen so wie er? Ist es nicht auch etwas Großes, der Hände Arbeit zu verrichten? Karen hat jetzt Klavierstunden, das habe ich mir immer gewünscht, denn sie ist schwach und kann keine harte Arbeit vertragen. Ihr sollt nur mit nach Hause kommen und sie spielen hören! Sie faßt so leicht auf! Armer Leute Kinder haben auch Talente, bloß daß keiner es beachtet." „Herr Gott, wie er redet!" sagte Ström weinend.>,Es ist ja beinahe, als wenn er Delirium hätte." Pelle beugte sich über„die Kraft" hinab.„Jetzt solltest Du klug fein und schweigen," sagte er und legte ihm etwas Nasses aus die Stirn. Das Blut sickerte schnell hinter den Ohren des Verwundeten hervor. „Laß ihn doch reden," sagte Olsen.„Er hat ja jetzt seit Monaten kein Wort mehr gesprochen und hat wohl das Be- dürfnis, sich mal zu reinigen. Lange macht er es wohl auch nicht mehr!" Jetzt bewegte„die Kraft" die Lippen nur noch schwach, das Leben blutete langsam aus ihm heraus.„Bist Du naß geworden, kleine Karen," murmelte er.„Ach was, das trocknet ja wieder! Und nun geht es Dir gut, nun kannst Du nicht klagen. Ist es fein, ein Fräulein zu sein? Sag mir nur alles, was Du Dir wünschst. Wozu auch bescheiden sein? Wir sind es lange genug gewesen! Handschuhe für die entzwei gescheuerten Finger, ja ja! Aber da mußt Du mir auch etwas vorspielen. Spiel das schöne Lied: Von der frohen Wanderung durch das Erdenland, das von dem tausend- jährigen Reich!" Leise fing er an, mitzusummen; er konnte den Kops nicht mehr zum Takt bewegen, da zwinkerte er mit den Augen; und nun brach sich sein Summen Bahn und ward zu Worten. Irgend etwas zwang die andern unwiderstehlich, mitzu- singen: vielleicht war es der. Umstand, daß es ein geistliches Lied war. Pelle führte mit seiner klaren Stimme an; er war auch der, der die Worte am besten auswendig wußte: Schön ist die Erde, Prächtig ist Gottes Himmel, Schön ist der Seele Pilgergang, Durch die lieblichen Reiche auf Erden Gehen wir zum Paradies mit Gesang. „Die Kraft" sang immer stärker, als wolle sie Pelle über- tonen. Sein einer Fuß war in Gang gekommen und trat nun den Takt. Er lag mit geschlossenen Augen da, wiegte blind den Kopf zum Gesänge und glich jemandem, der bei einer umnebelten Orgie den letzten Senf dazu geben muß, ehe er unter den Tisch gleitet. Das Blutwasser lief ihm aus den Mundwinkeln. Zeiten sie kommen. Zeiten sie rollen, Mensch auf Mensch geht den Erdengang. Rimmer verstummen, Töne vom Himmel, In der Seele frohem Pilgergesang. «Die Kraft" verstummte, sein Kopf hing auf die eine Seite nieder; im selben Augenblick schwiegen auch die andern. Sie saßen im Stroh und starrten ihn an. Sein letztes Wort hing noch in ihren Ohren, wie ein törichter Traum, der sich wunderlich mit dem Siegesklang des Liedes vermischte. Sie fühlten alle dieselbe stumme Anklage des Toten und richteten sie in der UnHeimlichkeit des Augenblicks gegen sich selber. „Ja, wer weiß, wozu man es hätte bringen können," sagte ein zerlumpter Bursche und kaute grübelnd auf einem Strohhalm. „Aus mir wird doch nie etwas," sagte Emil mißmutig. „Mit mir ist es immer zurückgegangen. Ich war in der Lehre und als ich Geselle wurde, gaben sie mir einen Fuß- tritt; ich hatte fünf Jahre meines Lebens vertrödelt und konnte nichts. Pelle, der wird schon vorwärts kommen." Verwundert erhob Pelle den Kopf und sah ihn ver« ständnislos an. „Was nützt es wohl, wenn ein armer Teufel versucht, in die Höhe zu kommen, er wird doch nur wieder herunter- gestoßen," sagte Olsen.„Seht nur mal„die Kraft" an. Hatte wohl irgend jemand größere Anrechte als er? Nein, die Großen erlauben nicht, daß wir andern in die Höhe kommen!" „Und haben wir selbst es vielleicht erlaubt?" murmelte Ström.„Wir sind immer bange, wenn einer von unfern eigenen Leuten an uns vorüberfliegen will." „Ich verstehe nicht, daß nicht alle Armen gegen die andern zusammenhalten, wir leiden doch denselben Schaden," sagte Bergendal.„Wenn wir alle uns zusammentaten und nichts mit denen zu tun haben wollten, die uns zum Beispiel Uebles wollen, dann würde es sich schon zeigen, daß die Armut zusammengenommen das ist, was den Woüstand der andern ausmacht. Damit sind die, wie ich jetzt gehört habe, anders- wo beschäftigt." „Wir werden aber nie im Leben über irgend etwas einig," sagte ein alter Steinhauer trübselig.„Nein, wenn uns bloß einer von den Herren ein bißchen im Nacken kraut, dann rollen wir ihm gleich vor die Füße und lassen uns aus unsere Eigenen loshetzen. Wären wir alle wie„die Kraft", dann hätte am Ende alles anders ausgesehen." Sie schwiegen und saßen da und sahen den Toten an; es lag etwas wie eine Abbitte in der Haltung eines jeden einzelnen Mannes. „Ja, das kommt spätl" sagte Ström mit einem Seufzer. Tann griff er in das Stroh hinein und holte eine Flasche hervor. Dieser oder jener saß noch da und arbeitete mit etwas herum, was vielleicht gesagt werden sollte; aber dann kam der Doktor und sie zogen sich in sich selbst zurück. Sie nahmen ihre Bierflaschen und gingen wieder an ihre Arbeit. Schweigend sammelte Pelle seine Habseligkeiten zu- sammen und ging dann zum Vorarbeiter und bat um seine Abrechnung.„Das kommt ja plötzlich," sagte der Vor- arbeiter,„Du warst ja jetzt so gut in Gang gekommen; was willst Tu denn nun anfangen?" lFortsetzung folgt.)] Die Bronze in der pfablbauzeit, (Schluß.) Wo freilich die weittragende Erfindung gemacht worden ist— ob einmal, ob nach dem Gesetz gleicher Wirkungen aus gleichen Ursachen mehrfach— davon wissen wir wieder nicht das mindeste. In den letzten Ausgang der Bronzeperiode, obwohl schon mit Ein- dringen des Eisens, sah von oben noch die homerische Zeit. In Mexiko(dessen Zusammenhang mit der Ostkultur allerdings noch ganz dunkel ist) blühte noch reine Bronzekuitur ohne jede Spur von Eisen, als die Spanier des Cortez hinkamen. Die Anfänge aber liegen überall dunkel. Sicher wird man sich doch eine Gegend(oder Gegenden) dabei denken, wo auch Zinngestein vorkam. Dieses Gestein ist aber ein wahrer Sonderling in seiner Verbreitung. An bestimmten Stellen taucht es plötzlich mächtig auf, um dafür weitesten Zwischengcbietcn ganz zu fehlen, wahre mineralogische„Inseln" bildend im ungeheuren Plan der anderen Bestandteile unserer Erdrinde. Eine solche„Zinninsel" liegt z. B. in Hinterindien, eine andere endlos davon entfernt in unserem Erzgebirge und wieder eine in Cornwall in England. Das gibt schon einen Spielraum ursprünglicher Möglichkeiten, so breit wie die ganze altweltliche Kultur. Gewiß wieder ist aber, daß auf ihrer Höhe die Bronzekultur sich weit auch von diesen Zinninseln fort über das an sich zinnfreie Zwischenland ausge- breitet hat. Das läßt auf Handelsverbindungen schon damals schließen. Und zwar wurden offenbar nicht nur schon fertige Bronzcwaffen so von Volk zu Volk in Tausch und Kauf weiter- vertrieben, sondern überall, wo die Bronzekultur rechten Fuß faßte, suchte man bald auch im Lande selbst eigene Bronzen her- zustellen. Dazu aber mußte mindestens das Zinn in rohem Zu- stände von fern hergeholt werden. Vielfach ist auch schon das Kupfer, das häufiger, aber doch auch nicht immer so bequem vorkam, als Handelsstoff vertrieben worden. Sein Name(von ses cypriutn, zyprisches Erz) lokalisierte es in der Antike bei der kupferreichen Insel Zypern, deren Name selber aber wieder auf ein noch älteres orientalisches Wort für Kupfer zurückzugehen scheint. Jedenfalls sehen wir noch in der historischen Zeit(die, wie gesagt, bei Homer noch der reinen Bronzeperiode recht nahe ist) besondere„Zinnfahrten" rege im Gange. Die Phönikicr holten das kostbare Zusatzmctall für ihren Ostwinkcl des Mittel- meeres aus Spanien(wo eine kleine Zinnstatt lag), ja dem fernen England selbst. Aehnliche Dinge müssen aber viel weiter noch zurückgreifen. Solcher Handel, einmal durch eine Not- wendigkeit der frühen Metallzeit ins Leben gerufen, mochte dann noch mancherlei Nebenfolgen haben. Völker, die schon eigene Kupferbenutzung hatten, übermittelte er das Zinn dazu; Leuten, die in irgendeinem Winkel überhaupt noch keine Metalle kennen gelernt hatten, brachte er wohl auch gleich die Bronzekultur als ihre erste Metallperiode. Das jetzt ist der Rahmen, in den sich unser Pfahlbautenbild für diese Epoche sehr gut einfügt. In mehreren Pfahlstationen, die sonst ihrem ganzen Wesen nach noch echte Steinzeitkultur bewahren, tauchen plötzlich einzelne Sachen aus reinem Kupfer auf Noch nicht Bronze, sondern bloß Kupfer 1 Da ist Vinelz (Fenil) eine der 20 Psahlbanstationen des Bieler Sees. Anfang der achtziger Jahre wurde im Strandgelände ein Abzugsgraben eingetieft und man kam auf Pfähle mit Kulturschicht also die gewöhnliche Entdeckungsgeschichke. Die Station erwies sich noch als sehr reich an schönem Feuersteinmaterial. Durchbohrte Steine und Bohrzapfen wiesen aber auf Höhe der Steintechnik. Die Töpfe zeigten hübsche, schon vorgeschrittenere Muster. Plötz- lich nun, zum Staunen aller Forscher damals, dazwischen unge« fähr hundert reine Kupfergegenstände. Zuerst Schmucksachen: eine Spirale für einen schönen Hals, Medaillon- oder amuletthafte Gehänge mit Trageloch, ein Kollier von 4ö Kupferperlen. Dann kleine kupferne Waffen und Werkzeuge, Dolche und Messer, Meißel und Ahlen. Viktor Groß in seinem schönen Bilderwerk über die Protohelvetier hat ihnen eine vorzügliche Tafel gewidmet. All- mählich sollten sich bestätigende Kupferfunde auch in mehreren anderen Stationen zeigen: so in Lüscherz(Locras) ein mächtiges beilartiges Gebilde aus Reinkupfer, das wie irgendein Schaustück oder auch ein beilförmiger Rohbarren ausschaut, anderswo auch kleinere echte Beile. Wenn man etwa von der Schmuckspirale absieht, so ist an den Sachen durchweg verblüffend auffällig, wie sehr sie im roten Metall doch noch die alten gangbaren Stein- modelle geradezu sklavisch treu nachahmen. In der Schweiz kommt hier und da, wenn auch nicht eben auffällig, Naturkupfer vor. Wer also den Urschweizern die unabhängige Erfindung wenigstens der einfachsten, noch rein auf Kupfer beschränkten Metalltechnil zuzuschreiben geneigt ist, kann sie hier noch ohne Handel an ein Landesprodukt anknüpfen lassen. Ich denke mir als wahrschein- licher, daß sie zuerst eine solche Schmuckspirale oder Kette ge- legentlich eingetauscht haben, als fabriziert in Gegenden Europas, wo das Kupfer noch stärker sich aufgedrängt hatte und zunächst zu allerhand Spielereien benutzt worden war. Dann haben sie als praktische Leute aber selber mit dem neuen Stoff auf Waffen» und Werkzeugtechnik hin experimentiert, sei es jetzt mit eignem Landeskupfer oder auch noch mit roh(wofür jener Barren sprechen könnte) eingeführtem Material. Dabei legten sie ihre alten Stein- modelle naturgemäß zugrunde. Die Aehnlichkeit mit solchen, die direkt im Pfahlbau daneben liegen, spricht jedenfalls schon füc eigenes Metallgießen im Lande noch auf dieser Kupferstufe. Dazu aber haben wir als noch näheren Beweis tönerne Gußlöffel, die niehrfach vorkommen und, wie es scheint, bis in diese Zeit zurück- gehm. Daß es wirklich Gußlöffel sind, zeigt die ganze Art, vor allem aber auch das anklebende Schmelzmetall. In dem mittelsten jener drei aufeinander folgenden Dörfer des Robenhausener Moors ist neben lauter Steinzeitkultur nur ein einziges Metall- messerchcn gefunden worden, und zwar ein kupfernes. Unter den Gießlöffeln dieser Stelle aber ist mindestens einer, mit dem reines Kupfer gegossen worden ist. Schließlich werden die guten Leute aber doch hier wie anderswo nicht viel Freude an ihrer reinen Kupfertechnik erlebt haben, und der wahre Aufschwung kam erst, als der erste Händler als„Allerneustes" eine Bronze- fache vorwies. Diesmal muß nämlich unbedingt einer die Sache erst„gv- bracht" haben, da Zinn in der Schweiz schlechterdings nicht vor- kommt. Die Bronzcbereitung können die Vorhelveticr bei noch so viel Schläue nicht daheim entdeckt haben, denn sie wohnten. mineralogisch gesprochen, nicht auf einer der paar europäischen „Zinninseln". Wir haben schon früher einmal von solchen Handelsmöglichkeiten gesprochen. In der Epoche des Pfahlbauer- tums, vor der wir jetzt stehen, ist über ihre sogar sehr nach- drücklich betriebe,« Ausnutzung kein Zweifel mehr möglich. Für die ganze Bronzezeit hat man aus vielerlei Landfunden die Ge- wißheit, daß der Verkehr über das Schweizer Land hinaus nicht mehr bloß die Wasserstraßen benutzte, sondern schon über die großen Alpenpässe ging, z. B. den St. Bernhard; kein Wunder, daß Hannibal und die Römer später hier schon vorgezeichnete Pfade fanden. In mehreren Pfahlstationen sind kleine, gleich- förmige Metallringe, einmal hundert beisammen, einmal viele in einem größeren, wie Schlüssel im Bund, gefunden worden. Wenn man an das„Ringgeld" der alten Autoren und Sagen(Cäsar, Beowulf, Siegfriedmythe) denkt, so bleibt kein Bedenken, daß man auf die Zahlmünze sieht, die damals schon im Umlauf war. Wenn keine Spur in dem vollständigen Inventar aller Pfahlbau- sammlungen auf einheimische Glasindustrie deutet und doch in allen Bronzestationen blauweiß gestreifte und grüne Glasperlen in Menge als Schmuckbestandteile liegen, so ahnt man auch, was für solche Ringe von jungen Liebhabern, die ihre Mädchen ge- Winnen wollten, erhandelt worden ist. In diese Reihe trat nun aber auch die Bronze, zuerst Wohl in schon verarbeiteter Ganz- form, bald aber ebenfalls in ihren Rohteilen, als Zinn und Kupfer. So viel Kupfer wie die aufblühende Bronzeindustric auch hier im Schweizerwinkel bald nötig gehabt hat, hat die Schweiz selber bestimmt nicht mehr liefern zu können, auch da muß schon eingeführt worden sein. Vollends aber von außen kam, wie ge- sagt, das gesamte Zinn. Denn das ließen sich die Leute auch diesmal nicht nehmen: alsbald in eine flotte eigene Gußtechnik auch vor diesem goldig schimmernden Doppelstoff einzutreten. Am Bieler See liegt Mörigen. Es hat. wie so viele heutige Seedörfcr, zwei Pfahlbaustationen, eine steinzeitlichc nahe dein Ufer, weit im See aber eine größere bronzezeitliche. Man ver- steht wohl diesen Wechsel. Einerseits gab die Metalltechnik größere Bewegungsfreiheit: man durfte es mit ihr wagen, auch viel weiter in den offenen See hinein die kühne Pfahlburg zu gründen; andererseits hföft der metallfro�e PfaWaner(Pfa'hl- städter durfte man vor der Größe seiner Ansiedlungen jetzt schon fast sagen) inzwischen ein reicher Besitzer geworden, der bei Geld und Gut saß und seine Seefestung also gewiß gern so unzu- gänglich wie möglich anlegte. Als man die Juragewässer im 10. Jahrhundert künstlich regulierte, lag aber auch diese cnd' legenere Pfahlstadt von Mörigen zeitweise ganz trocken und konnte systematisch ausgeforscht werden. Und da fand man nicht bloß die schönste Bronzekultur selbst, in allen glänzenden Schaustücken dessen, was ihre kühnste Technik sich geleistet hatte, sondern man hob die Geheimnisse einer ganzen Bronze-Gußwerkstätte. Schon beim Feuerstein ist erwähnt, daß die einzelnen Stationen sich von früh an vielfach in die Arbeit geteilt und jede eine Art speziellen Fabrikbetriebs durchgeführt hatten, wo der Bedarf im großen für die anderen mit gedeckt wurde. Auf ein« solche Fabrik für Bronzewaffen und Bronzeschmuck war man nun auch hier gestoßen. Sie lag im Pfahlbau Sbst; andere sind auch auf dem Lande mehrfach für die Bronze- weiz nachgewiesen. Groß, der zu den verdientesten Pfahlbau- forschern gehört, konnte aus verschiedenen Fundorten schließlich das ganze Betriebsinventar wieder zusammenstellen. Es zeigten sich die Schmelztiegel, aus Ton gefertigt, mit den unverkennbaren Spuren ihres Gebrauchs. Dabei lag in Mörigen ein tönerner Trichter und eine Art Retorte, der man ansah, was für einer Glut sie ausgesetzt gewesen sein muß. Zerbrochene Sachen zum Wiedereinschmelzen, Späne und Abfälle fehlten nicht, auch nicht Gutzklumpen gediegenen Metalls. Ein Barren Zinn in der Pfahlstation Auvernier trug noch einen Aufhänger aus Bronze, der wohl beim Transport gedient hatte. Am sinnfälligsten zur Sache aber sind die zahlreichen Guß- formen selbst. In drei Stoffen kommen sie vor: Sandstein, Ton und Bronze. Nicht bloß das eine oder andere landeseigentümliche Lieblingsinstrument ist damit gegossen worden, sondern geradezu alles und jedes, was sich als sertiges Bronzewerk in den Stationen findet, die krumme Sichel wie das schöne lange Schwert, der Hammer wie die Nadel, der Ring wie das Schmuckgehänge. Fachleute haben den hohen Stand der Technik nicht genug bewundern können.„Daß .Gebläsevorrichtungen in den Gießereien vorhanden waren, darf wohl als sicher angenommen werden. Durch Hämmern und geeig- nete Behandlung beim Abkühlen der Bronze wurde diese gehärtet. Das zahlreiche und feine Handwerksgerät beweist, daß beim Gra- Vieren und Stanzen der Bronzen kunstfertige Hände beschäftigt wurden. Das Löten scheint den Bewohnern der Schweiz zur Bronze- zeit unbekannt gewesen zu sein, aber sie wußten sich zu helfen. War z. B. eine Nadel abgebrochen, so wurden die beiden Bruchstellen mit Bronze umgössen. Bei einer Schmucknadel mit trichterförmigem Kopf verband man diesen mit der Nadel, indem man Blei soder Zinn?) in den Grund des Trichters goß und so die zuvor eingesteckte Nadel befestigte. Welch hohen Wert die Bronze besaß, ersieht man aus den vielen reparierten Stücken. Was solche Gießerei beständig in Masse schuf, das wurde aber dann�von umherziehenden Leuten weithin in die Dörfer vertrieben. In Sennwald bei St. Gallen ist es geradezu, als sei man noch auf den Vorrat eines solchen Fabrikvertreters geraten: mehr als sechzig nie gebrauchte Bronzebeile vom Typus der Genfer Seestationen, alle einander genau gleich, fanden sich dort an ein und dem nämlichen Fleck beisammen, Kanderrniiiici. Von Honorö Balzac. Seiner großen deutschen Ausgabe von Balzacs wichtigsten Meisterwerken reiht der Jnselverlag auch die genialste, kühnste und künstlerisch vielleicht reifste Dichtung des„Vaters des modernen Romans" ein, die prachtvolle Novellensammlung der„Contes drolatiques", die in der ausgezeichneten Uebersetzung von Benno Rüttenauer demnächst erscheinen wird. Aus dem Geist der kraft- strotzenden und sinnlich freien französischen Renaissance ist dieses Werk geboren; des Meisters Franziskus Rabelais tolle lachende Laune, sein scharfer üppiger Witz feiern hier die fröhlichste Auf- erstehung. Es ist schier unbegreiflich, wie ein Sohn des IS. Jahr- Hunderts, der für seine Zeit das schärfste Auge und das feinste Empfinden besaß, sich sogleich so völlig in Anschauung und Stil einer fernen Vergangenheit hineinleben und die freie übermütige Souveränität in der Gestaltung der Stoffe bewahren konnte. Diese merkwürdigen, ausgelassen tollen und köstlich bunten Schöpfungen einer überreichen Phantasie, Juwelen einer echt gallischen, frech graziösen und naiv derbe» Fabulierkunst, überschreiten zwar auf jeder Seite die Grenzen der Wohlanständigkcit und Dezenz, erzählen von der Lust und dem Rausche der Sinnlichkeit mit der unbefangenen Natürlichkeit eines Aristophanes oder Rubens, aber sie werden durch den Glanz der Darstellung und die Reinheit der altertümelnden Form in die Sphäre der hohen Kunst gehoben; sie sind die erste üppige Frucht des Balzacschen Genies. Die Töne, die der Franzose hier angeschlagen, sind einzigartig in ihrem kecken Jubel und ihrer bacchantischen Wildheit. Aber sie sind in ihrem feinsten historischen Gefühl, ihrer Glut der Seelenmalerei, dem psychologischen Tief- sinn und der überntütigen Ironie doch nahe verwandt mit den Klängen, die wir in einigen Dichtungen Gottfried Kellers, den „Sieben Legenden' oder der Erzählung vom Mcretlein aus dem „grünen Heinrcich", vernehmen. Im Folgenden geben wir eine kleine Geschichte wieder, die in der köstlichen Zartheit und Grazie des Stils Balzac von seiner besten und naivsten Seite zeigt— ein Lob und Preis der Kinder. Dr.?. L. » Kindermund. _ Nicht die vielgerühmten Heldenlieder göttlicher Sänger, nicht die schönste Musik, nicht die stolzesten Schlösser, blühenden Schildereien und Bilder der Heiligen und der Könige, kühn aus Stein gehauen, auch nicht die weißbewimpelten Schiffe auf dem blauen Meer find das Schönste, was der Mensch hervorbringt: von allem was v«»� Menschen kommt, das Schönste sind die Kinder. Und sie find es so lange, als sie eben Kinder sind. Denn danach werden sie Mann und Weib, werden die gleichen Tölpel wie die Alten, nehmen Vernunft an, und bei Gott, sind kaum mehr wert, was sie gekostet haben. Die Schlimmsten sind noch die Besten. Aber betrachtet einmal die Kleinen, wie sie anmutsvoll spielen mit allem, was ihnen in die Hände komnit, mit einem Werkzeug, das sie sich vom Brett holen, mit einem alten Schuh; betrachtet, wie sie das, was sie satt be- kommen, liegen lassen und nach dem schreien, was sie haben wollen, wie sie überall Zuckerwerk und Eingemachtes erschnüffeln, wie sie an einem Backwerk knuspern und immer aufgelegt sind zum Tollen und Lachen, sobald nur ihre Zähne hervorbrechen. Betrachtet sie und ihr werdet zugeben müssen, daß sie einfach entzückend find. Sie sind Blüte und Frucht zugleich. Frucht der Liebe und Blüte des Lebens. Nichts Heiligeres und Köstlicheres als ihre Einfälle und ihre Art. sich auszudrücken, so lange sie noch nicht von Altklugheit angesteckt sind und ihr Geist sich nicht in der Sudelküche des Leben» beschmutzt hat. Die höchste geistige Anmut könnt ihr bei ihnen lernen. Kein Erwachsener, das ist so wahr wie di« doppelte Verdauung eines Ochsen, wird ihnen das je gleich tun. Die Naivität der Großen ist durch die Vernunft immer mehr oder weniger verdorben, die Naivität der Kinder ist rein und lauter wi« die heilige Natur. Ihr könnt das aus folgendem ersehen: Die Königin Kathrein war damals noch Frau Kronprinzessin, und um sich ihrem Schwiegervater, dem König, dem es schon recht schlecht gincj, angenehm zu machen, schenkte sie ihm von Zeit zu Zeit eine italienische Malerei, da sie wohl wußte, wie sehr er sie liebte, der einst der Freund des Meisters Rafael von Urbino und des großen Leonhard von Wintschi gewesen war, denen er namhafte Summen zugewendet hat. Und so erhielt sie von ihrer Familie, die die vorzüglichsten dieser Werke besaß, da ihr Vater, der Herzog Medici, damals der Herr von Toskana war, eine äußerst kostbare Schilderei, die ein Venezianer namens Meister Tizian gemalt hatte, der Hofmaler des Kaisers Karl, der ihn über alles schätzte. Auf dieser Tafel waren Adam und Eva abgebildet, wie Gott sie im Paradiese erschaffen hatte, in Lebensgröße und im Kostüm ihrer Zeit, worüber kein Zweifel bestehen kann; nämlich sie waren be- kleidet mit ihrer Unschuld und umhüllt mit dem Wohlgefallen Gottes, was sehr schwer nachzubilden ist, besonders mit Farben, worin aber der genannte Meister Tizian sich in hohem Grad aus- zeichnete. Dieses Gemälde wurde in dem Zimmer des armen Königs aufgehängt, der von der Krankheit, an der er später starb, schon da- mals sehr geplagt wurde, und war am ganzen Hofe viel des Redens von dem genannten farbigen Schilderwerk, also daß ein jeder es gern gesehen hätte. Doch dieser Wunsch ward auch nicht einem einzigen erfüllt, so lange der König lebte, der das Bild immer in seiner Schlafkammer behielt. Eines Tages brachte die Kronprinzessin ihren Sohlt Franz und die kleine Grete zum König, die gerade anfingen, wie Kinder ihres Alters, alles herauszuschwatzen, was ihnen in den Sinn kam. Sie hatten hier und da etwas davon aufgeschnappt, wenn von den ge« nannten Abbildungen Adams und Evas die Rede war, und ver- hehlten nicht ihre Neugierde, etwas zu sehen, wovon jedermann sprach. Da nun ohnedies die Gegenwart der Kinder den König oft schon erheitert hatte, gab die Mutter ihrem Drängen nach und führte sie hin. „Ihr wolltet Adam und Eva sehen, die unsere ersten Eltern waren," sagte sie.„Hier find sie." Damit ließ sie die beiden Kinder, die große Augen machten, vor die Malerei des Meisters Tizian und setzte sich an das Kranken« bett des Königs, dessen Miene sich aufheiterte beim Anblick seiner Enkel. „Du", sagte der zehnjährige Franz. indem er die Gret am Aermel zupfte,„wer ist nun der Adam von den beiden?" „Du bist recht dumm", erwiderte die Kleine,„um das sagen zu können, müßten sie erst Kleider anhaben." Diese Antwort entzückte den König über alleS, und die Frau Kathrein berichtete sie in einem Briefe nach Florenz, und da sie bis jetzt von keinem Gelehrten ans Licht gezogen wurde, möge sie, einer seltenen Blüte gleich, still in einem Winkel dieser Geschichten stehen, obwohl sie bei Gott wenig damit gemein hat und wir auch keine andere Lehre daraus ziehen können als die, daß wir erst fleißig für Kinder sorgen müssen, wenn wir aus ihrem Munde so schöne Worte hören wollen.