AnterhaltungMatt des Nr. 153. Donnerstag den IT. August 1911 t?l»»drulk oerbotfn.) 64} pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen N e x ö. >Jch will bloß meine Abrechnung haben," entgegnete Pelle was er weiter wollte, wußte er auch nicht. Und dann ging er nach Hause und brachte sein Zimmer in Ordnung. Es glich einem Schweinekoben. Er begriff nicht, wie er die Unordnung hatte aushalten können. Währenddessen sann er verdrossen auf einen Ausweg. Es war sehr bequem ge- Wesen, zu dem Abschaum der Menschen zu gehören und zu wissen, daß man jetzt nicht tiefer sinken konnte; aber es gab ja vielleicht doch noch irgendeine Möglichkeit. Emil hatte die dummen Worte gesagt, was meinte er nur damit?„Pelle, der kommt schon vorwärts!"— Jawohl, was wußte Emil von dem Elend anderer. Er hatte natürlich genug an seinem eigenen. Er ging herunter, um sich ein wenig Milch zu kaufen. dann wollte er hingehen und schlafen; er hatte das Bedürfnis. dies alles zu betäuben, das auf einmal wieder in seinem Kopf zu wimmeln begann. Unten auf der Straße lief er dem Wanderschuhmacher Sort in die Arme.„Na. da haben wir Dich ja," rief Sort aus.„Ich ging hier gerade und grübelte darüber nach, wie ich Dich wohl am besten zu sprechen bekäme. Ich wollte Dir nämlich sagen, daß ich morgen meine Wanderschaft antrete. Wenn Du mitwillst? Es ist ein herrliches Leben, jetzt zur Frühlingszeit auf den Höfen herumzuziehen, und Du gehst vor die Hunde, wenn Du so beibleibst. Jetzt weißt Du es alles und kannst Dich selbst entscheiden. Um sechs Uhr gehe ich. Länger schiebe ich es nicht hinaus!" Sort hatte Pelle an jenem Abend im Bethaus beobachtet und ihn mehrmals angesprochen, um ihn aufzurütteln. Vier- zehn Tage also hat er seine Wanderung um meinetwillen ausgeschoben, dachte Pelle mit einem Anflug von Selbst- gefühl. Aber er wollte nicht ausziehen! Und den Bettelgang von Hof zu Hof gehen, um Arbeit zu suchen. Pelle hatte in der Werkstatt gelernt und sah mit Verachtung auf den Wanderschuhmacher herab, der von einer Hand in die andere ging wie ein Armenhäusler, der Leder und Pechdraht ge- liefert erhielt, wo er gerade war und aus derselben Schüssel mit dem Gesinde aß. Soviel Fachstolz war denn doch in ihm. Von der Werkstatt her war er gewöhnt, Sort als jämmer- liche Ueberlieferung aus der Vergangenheit zu betrachten, eine Art au? der Zeit der Leibeigenschaft. „Du gehst vor die Hunde!" sagte Sort. Und Marie Nilsen meinte dasselbe mit allen ihren verblümten Andeu- tungen. Aber waS dann? Er war vielleicht schon vor die Hunde gegangen. Wenn es nun keinen andern Ausweg mehr gab! Aber jetzt wollte er schlafen und nicht mehr an dies alles denken. Er trank seine Flasche Milch und aß etwas Brot dazu, dann ging er zu Bett. Er hörte die Kirchenuhr schlagen, es tvar am hellen Nachmittag und herrliches Wetter. Aber Pelle hatte das Bedürfnis zu schlafen, nur zu schlafen! Sein Gemüt war wie Blei. Früh am nächsten Morgen erwachte er und war in einem Satz zum Bett hinaus; die Sonne erfüllte das Zimmer, und er selber war angefüllt von gesunden Gefühlen. Schnell schlüpfte er in die Kleider; da war noch so vieles, was er tun wollte! Dann riß er das Fenster auf und sog den Frühlingsmorgen in einem Atemzug ein, der sich wie ein Gefühl tiewr Freude durch seinen Körper verpflanzte. Draußen über das Meer her kamen die Boote auf den Hafen zu; die Morgensonne fiel in die schlaffen Segel und machte sie erglühen. Jedes Boot arbeitete sich mit Hilfe der Nuder vorwärts. Er hatte wie ein Stein geschlafen, seit er sich gelegt hatte, bis jetzt. Ter Schlaf war wie ein Abgrund zwischen gestern und heute. Eine Melodie vor sich hin träl- lernd, packte er seine Sachen und machte sich auf den Weg, ein kleines Bündel unter dem Arm. Er schlug die Richtung Nach der Kirche zu ein. um nach der Uhr zu sehen. Es war noch nicht viel über fünf. Dann steuerte er mit kräftigen Schritten auf Byvangen zu, so froh, als ginge er seinem Glück entgegen. 25. Zwei Männer tauchten aus dem Walde auf und kreuzten die Landstraße. Der eine war klein und bucklig, er hatre einen Schustertisch fest auf den Rücken geschnallt; der Rand ruhte auf dem Buckel und ein kleines Kissen war dazwischen geschoben, damit er nicht scheuern sollte. Der andere war jung und stark gebaut, ein wenig mager, aber gesund und frisch von Farbe. Er trug ein großes Bündel Leisten auf dem Rücken, sie wurden im Gleichgewicht gehalten von einem Kasten, den er vorn auf der Brust trug und der, nach dein Geräusch zu urteilen, Werkzeug enthalten konnte. Am Grabenrande warf er seine Last hin und schnallte dem Buck- ligen den Tisch ab. Sie schmissen sich ins Gras und starrten in den blauen Himmel hinein. Es war ein herrlicher Morgen, geschäftig flogen die Vögel hin und her und zwit- scherten, und drinnen in dem betauten Klee ging das Vieh und schleifte lange Streifen hinter sich drein. „Und trotzdem bist Du immer fröhlich?" sagte Pelle. Sort hatte ihm die traurige Geschichte seiner Kindheit erzählt. „Ja, siehst Du, oft ärgert es mich ja auch, daß ich alles so leicht nehme. Aber wenn mir nun durchaus nichts ein- fallen will, worüber ich traurig sein könnte! Gehe ich ein- mal der Sache auf den Grund, dann stoße ich immer auf irgend etwas, was mich noch fröhlicher macht, wie nun zum Beispiel Deine Gesellschaft. Du bist jung und die Gesundheit strahlt Dir aus den Augen. Die Mädchen werden so freund- sich, wohin wir auch kommen, und es ist, als wäre ich selbst die Ursache zu ihrer Freude." „Woher hast Du eigentlich Deine Kenntnisie von allen Dingen?" fragte Pelle. „Findest Du, daß ich soviel weiß?" Sort lachte fröhlich. „Ich komme so viel herum und sehe so viele verschiedene Häuslichkeiten, wo Mann und Frau einig miteinander sind und andere, wo sie leben wie Katz und Hund. Mit Leuten jeglicher Art komme ich in Berührung. Viel bekomme ich auch zu wissen, weil ich nicht so bin wie die andern Menschen. Mehr als ei/i Mädchen hat mir ihr Elend anvertraut, und dann im Winter, wenn ich allein sitze, denke ich über all die Dinge nach. Tie Bibel ist auch ein gutes Buch, woraus man Weisheit schöpfen kann. Da lernt man hinter die Dinge gucken; und wenn Du erst weißt, daß alles seine Kehrseite hat, d«nn lernst Du auch Deinen Verstand gebrauchen. Du kannst hinter ein jedes Ding gehen, wohinter Du gehen willst; dann führen sie alle an einen Ort— zu Gott; von ihm ist fa auch das Ganze ausgegangen. Es ist der Zusammenhang, siehst Du; und hat man den erst erfaßt, dann ist man immer glücklich. Ergötzlich würde eS auch sein, den Dingen weiterhin zu folgen, dahin, wo sie sich teilen, und nachweisen, daß sie trotzdem wieder schließlich in Gott zusammenlaufen. Aber das vermag ich nicht!" ..Wir sollten wohl sehen, daß wir weiterkommen." Pelle gähnte und fing an. sich zu rühren. „Warum?" Wir haben es hier so gut und erreichen schon das. was wir uns vorgenommen haben! Sollten da ein paar Stiefel liegen, die Sort und Pelle nicht versohlt be- kommen, che sie sterben, so richtet ein anderer das schon aus!" Pelle warf sich wieder auf den Rücken und zog die Mütze über die Augen, er hatte keine Eile. Nun war er fast einen Monat mit Sort gewandert und war beinahe ebensoviel auf den Landstraßen gewesen, wie er auf dem Arbeitsstuhl gesessen hatte. Sort hatte keine Ruhe, wenn er irgendwo ein paar Tage gewesen war, dann mußte er weiter! Er liebte den Watdcsrand und die Feldgräben und konnte dort halbe Tage verbringen. Und Pelle fehlte es nicht an Anknüpfungs- punkten für dieses müßige Leben in der freien Lust, er hatte seine ganze Kindheit, aus der er schöpfen konnte. Stunden- lang konnte er daliegen und auf einem Grashalm kauen, geduldig wie ein Rekonvaleszent, während Sonne und Luft ihre Arbeit an ihm verrichteten. „Warum predigst Du mir nie etwas vor?" sagte« � plötzlich und guckte schlemisch unter der Mütze hervor. „Warum sollte ich wohl predigen? Weil ich fromm bin? Das bist Du ja auch: jeder, der froh und zuftieden ist. der ist fromm." „Ich bin keineswegs zufrieden I" entgegnete Pelle und rollte sich auf den Rücken, alle Viere in der Luft.„Aber Du— ich begreife nicht, daß Du Dir nickt eine Gemeinde schaffst, Du hast ja das Wort in Deiner?.cht." „Ja, wenn ich so gestaltet wäre wie Du, dann würde ich es schon tun. Aber nun bin ich ja bucklig!" „Was tut das? Du machst Dir ja doch nichts aus den Frauen." „Nein, aber ohne die kann man nichts ausrichten: sie ziehen die Männer und die Kinder nach sich. Eigentlich ist es sonderbar, daß sie es gerade sein müssen, denn die Frauen, die machen sich ja eigentlich nichts aus Gott! Sie haben nicht die Fähigkeit, hinter die Dinge zu gehen. Sie wählen nur nach dem Aeußeren, alles müssen sie sich auf den Leib hängen als Staat, auch die Männer, ja, und den lieben Gott am liebsten auch: sie haben Verwendung für das Ganze." Pelle lag eine Weile da und wühlte in seinen zerstreuten Erfahrungen.„Marie Nilsen war aber nicht so," sagte er sinnend.„Sie schenkte gern das Hemd vom Leibe weg und verlangte nichts für sich selbst. Ich habe treulos gegen sie gehandelt, ich habe ihr nicht einmal Adieu gesagt, ehe ich hinauszog." „Dann mußt Du sie aufsuchen, wenn wir in die Stadt kommen und Deinen Fehler eingestehen.— Ihr hattet also keine Liebschaft miteinander?" „Sie betrachtete mich wie ein Kind, das habe ich Dir doch gesagt." Sort lag eine Weile schweigend da. „Wenn Du mir helfen wolltest, dann wollten wir schon eine Gemeinde gründen! Ich kann es ihren Augen ansehen, daß Du die Macht über sie hast, wenn Du nur wolltest. Wie nun zum Beispiel die Töchter auf dem Weidenhofe. Tausende würden uns anhängen." Pelle erwiderte nichts. Seine Gedanken wanderten fragend zurück nach dem Weidenhof, wo Sort und er zuletzt gearbeitet hatten: er war wieder in dem naßkalten Zimmer mit dem allzu großen Bett, in dem das bleiche Mädchengesicht fast verschwand. Sie lag da und umfaßte ihre dicke Flechte mit der durchsichtigen Hand und sah ihn an: und hinter ihm wurde die Tür leise geschlossen.—„Das war eigentlich ein sonderbarer Einfall," sagte er und atmete tief auf.„Einer, den sie nie vor Augen gesehen hatte: ich könnte noch weinen, wenn ich daran denke." „Die Eltern hatten ihr erzählt, daß wir da waren und ge- fragt hätten, ob sie nicht wollten, daß ich mit ihr von Gottes Wort reden sollte. Sie sind ja fromm. Aber sie wollte D i ch lieber sehen. Der Vater war böse und wollte es nicht erlauben. Sie hätte sich bisher nie in ihren Gedanken mit jungen Leuten beschäftigt, sagte er, und sie soll ganz rein vor dem Thron Gottes und des Lammes stehen. Aber ich sagte, weißt Du denn so genau, daß der liebe Gott sich was aus dem macht, was Du Reinheit nennst, Ole Jensen? Laß die beiden nur zusammen kommen, wenn sie Freude daran haben kann. Dann machten wir die Tür hinter Euch zu, und— wie war es dann?" Sort wandte sich nach ihm um. „Du weißt es ja," antwortete Pelle verdrossen.„Sie lag bloß da und sah mich an, als dächte sie, so sieht er aus und war so weit heruntergekommen. Ich konnte es ihren Augen ansehen, daß Ihr über mich gesprochen hattet und daß sie von allen meinen Schweinereien Bescheid wußte." Sort nickte. .(Lortsetzung folgt.)! Erleichterte Tragödien. Eine schlichte Frau aus dem Volke hat die praktische Nutz« onwendung aus dem Rekord-Schietzerlatz des Berliner Polizei« Präsidenten in überraschendem Scharfsinn sofort gezogen: als sie sich von einem lästig gewordenen Schlafburschen nicht zu befreien ver- mochte, lief sie zur Polizei, sprach von Einbrechern— und alsbald hatte der unbequeme Liebhaber ein paar Schüsse weg. Man sollte künftig in solchen Fällen die Leute des Herrn V. Jagow stets bemühen. Die rauhen und lebensgefährlichen Tra- gödien des Daseins würden auf diese Weise wesentlich erleichtert. Sir deuten die Fülle humaner Möglichkeiten nur an... t. Der Ehegatte(kommt unvermutet in da» Schlafzimmer seiner Frau und sieht die Bescherung): Hall Ungetreue II(Erholt den Revolver heraus und überlegt die Reihenfolge. Für sich:) Es ist üblich: Erst er, dann sie, zuletzt ich... Verdammt, ich kann die Kugeln im eigenen Leibe nur schlecht vertragen. Laste ich mich aber aus dem Spiele, so überfällt mich dann die Justiz. Was also tun? (Grübelnd:) Wenn ich jetzt das Zimmer verlaste, so werden sie es, denke ich, verriegeln.(Er stürmt hinaus.) Er und sie: Gott sei Dan! I Schnell l(Sie sperren die Tür und rücken einen schweren Schrank vor sie.) Der Ehegatte(nebenan durchs Telephon): In meinem Hause find Einbrecher. Schicken Sie sofort Hilfe. (Zehn Minuten später.) Der Ehegatte(mit ihm zwei Polizisten, stützt mit den Stiefeln an die Tür des Schlafzimmers, schreit): Aufmachen: Oeffnenl Er und sie(sich umarmend): Die Tür ist fest. Der e r st e P o l i z i st: Das werden wir gleich haben! Der zweite Polizist: LoS! (Sie drücken die Türfüllung ein und schießen. Die Kugeln treffen.) Der Ehegatte: Besten Dank, meine Herren l Der erste Schutzmann: Die sind hin I Der zweite Schutzmann: Die brechen nicht wieder ein. So'ne Jenieinheit I Nu nehmen sie jleich ihre Mächen mit! Der Ehegatte(leise, sinnend): Die Kalkulation war richtig. (Laut:) Einen schönen Gruß an Herrn v. Jagow I 2. (Auf der Strotze.) Die Braut(rasend): Elender, Du willst mich jetzt verlasten? Der Bräutigam(ruhig): Es scheint mir in der Tat so I Die Braut: So lohnst Du mir meine Treue? Der Bräutigam: Ich finde meine Untteue lohnender. Die Braut: Da, nimm dieses I(Sie holt eine Flasche Vitriol aus der Tasche.)... Nein, das bist Du nicht wert I(Ruft:) Schutzmann I Schutzmann I Ein Schutzmann: Was ist los? Die Braut: Dieser Herr da versuchte mich soeben zu ver- gewaltigen. Der Schutzmann(packt den Bräutigam beim Genick): Warte, Brüderchen. Der Bräutigam: Lasten Sie mich los. Das Frauen- zimmer lügt. Der Schutzmann: Keinen Widerstand I Oder— Der Bräutigam(versucht sich loszumachen)... Di» Braut(mitleidig): Armer Schutzmann, Sie werden sich gleich strafbar machen... Der Schutzmann: Lb. richtig I Fast Hütt' ich'S vergessen. Danke schön, junge Frau...(Er schießt.) Der Bräutigam(bricht zusammen): Jagow l! l Die Braut(dem Schutzmann die Hand drückend): Ja. d a S ist ein Mann, Ihr Jagow, und(aufleuchtend) dabei unverheiratet. Ich mutz zu ihm... Er hat mich von einem Schurken befreit... Bielleicht... 3. (In einem Weinrestaurant.) Der erste Herr(ißt eine Poularde): Das Fleisch könnte zarter sein. Der zweite Herr(tritt plötzlich an den Tisch und versetzt dem ersten Herrn eine Ohrfeige): Da, Schurke I Der erstk Herr: Aul(Für sich:) Unangenehm, ich bin Leutnant der Reserve. Mit Ehren behastet.(Holt seine Visitenkarte hervor.) Mein Herr... Der zweite Herr: Ich stehe zur Verfügung. Der er st«Herr: Ich werde sofort da« Rotwendige ver- anlasten.(Uebcrlegend, leise:) Ein Duell? Hm I Es gibt Duelle. in denen man selbst erschossen wird. DaS ist peinlich... Und dann istS auch strafbar.(Laut:) Einen Augenblick, mein Herr! (Er geht hinaus und kommt mit einem Schutzmann wieder.) Der erste Herr: Das ist der Kerl, der eben öffentlich die unflätige Majestätsbeleidigung ausgesprochen hat. Der Schutzmann(entrüstet): So was I In so'nem feinen Restaurang I (Er legt dem zweiten Herrn Handschellen an.) Der zweite Herr: Ruhren Sie mich nicht an. Ich bin... Der Schutzmann(gemütlich): Du bist j e w e s e n.(Er schießt. Der zweite Herr fällt zu Boden.) Der erste Herr(dem Sterbenden die Hand reichend): Ich bin der Glücklichere in dem Duell. Ich zürne Ihnen nicht mehr... Versöhnen wir uns.(Er gibt dem Schutzmann ein GlaS Wein.) Auf JagowS Wohl! 4. (Eine Menschenmenge stürzt dem Klamotlen-Karl nach, der so» eben eine alte Frau ermordet und beraubt hat.) Die Menge: Greift den Mörder... den Mörder I... Schutzmann 1 1 Der Schutzmann packt Klamotten-Karl am Kragen. Klamotten-Karl(lüftet den Hut): Halt, Kollege I Ich bin doch der, der den Arbeiter Hermann erschlagen hat! Der Schutzmann lzm Menge): Ruhe da l Der Mann ist unschuldig. Die Menge: Raubmörder, Raubmörder I Der Schuyinann: Was, ihr wollt noch mucken?(Er gibt aus seinem Browning schnell sieben Schösse ab. Sieben Menschen au» der Menge sinken tot nieder.) Klamotten-Karl: Komm, Kollege 1 Trinken wir eins auf den Schreck. Der Schutzmann(freudig): Jagow wird mit mir zufrieden sein I... 5. (Ein Boudoir.) Jagow(seelenvoll): Mein Fräulein, da ich die Theaterzensur habe— Die Künstlerin: Haben Sie doch noch nicht m i ch.— Ich bin verheiratet. Jagow: Um so besser— i ch nicht. Die TheaterzensM erstreckt sich pflichtgemäh nur auf die beim Theater beschäfliglenPersonen. Ihr Herr Gemahl ist doch nicht etwa beim Theater?... Die Künstlerin(schweigt)... Jagow: Na also, Unbefugten ist der Eintritt verboten. Ihr Herr Gemahl geht uns gar nichts an. Ueber den habe ich keine Macht, so lange er sich im Rahmen der Ordnung hält und nicht etwa(witzig) Widerstand gegen die Polizeigewalt leistet. Uebrigens habe ich geglaubt, daß Künstler ausnahmslos im Konkubinat leben-- Die Künstlerin: Aber nicht mit der Polizei. Jagow(streng, dienstlich): Zur Sache I Da ich die Theater- zensur habe, wie wirken unsittliche Dinge auf gnädige Frau...? Die Künstlerin: Ich weiß nicht. Ich will mich mal erkun- digen.(Verläßt das Zimmer.) (Fünf Minuten später.) Die Künstlerin(mit einem Schutzmann eintretend; Jagow wendet ihm erschreckt den Rücken): Dieser Herr behauptet, die Theater- zensur auszuüben. Schutzmann: Wir wollen uns den Burschen mal ansehen. Umdrehen I(Jagow weicht abgewandt m den äußersten Winkel.) Umdrehen I Bist wohl taub?(Er packt Jagow, versucht sein Geficht zu sehen. Jagow sträubt sich heftig. Ringkampf.) Die K ü n st l e r i n: Er behauptet sogar, der Polizeipräsident zu sein. Der Schutzmann(erblassend): Jagow? I Herr des Himmels. (Murmelt.) Nur nicht strafbar machen! Das war ein Wink mit dem ZaunSpfahl zur rechten Zeit.(Er schießt.) Jagow(stöhnend): Ich sterbe— Die K ü n st l e r i n: Tut nichts, ein kleiner Mißgriff, auf den Sie stolz sein dürfen.... Da haben Sie die Zensur I Kesr. (Nachdruck verboten.) Im kaiserlichen Patentamt. Von Heinrich Lee- Berlin. Im Südwesten Berlins, in der vom Halleschen Tor abzweigen- den Gitschiner Straße erhebt sich, umgeben von altmodischen, ein» förmigen, grauen Wohn- und düsteren Fabrikstratzen, ein riesiger Palast im Renaissancestil mit grauer Sandsteinverkleidung, das Kaiserliche Patentamt. Begründet im Jahre 1877 hatte es seinen Sitz erst in bescheidenen Mietsräumen der Königgrätzer Straße, dann bekam es ein eigenes Heim in der Luisenstraße, aber auch diese Räume genügten bald nicht mehr und im Jahre 1902 bezog es hier seine neue prunkvolle Behausung. Eugen Richter war es, der im Reichstage dagegen auftrat, daß das neue Gebäude gerade hier in der Jndustriegegend seinen Platz erhielte, weil der Industrie da- durch das hier liegende Terrain verteuert würde. Tatsächlich hat sich diese Prophezeiung auch erfüllt, und namentlich haben die um den Paläst herumliegenden, für Bureauzwecke geeigneten Räum- lichkeiten geradezu fabelhafte Mietssteigerungen erfahren. Denn hier haben die Patentanwälte ihre Zelte aufgeschlagen. Ueberall an den Nachbarhäusern sind ihre Schilder angeheftet— an manchem Hause sieht man solcher Schilder gleich ein halbes Dutzend und noch mehr. Von dem ehemaligen Treiben in der Luisenstraße, wo dem Amt gegenüber sich Bureaus auftaten, die in ihrer Riesen- ausdehnung gleich mehrere Stockwerke umfaßten, und wo in den umliegenden Budiken und Kellern jeder Weißbierwirt und stellen- lose Schreiber als Patentanivalt Geschäfte machen und gegen Eni- gelt für hilfesuchende. Erfinder Anmeldungen und Eingaben ver- fassen konnte, von diesem ausbeuterischen Treiben, die»Patent- börse� genannt, ist in der neuen Umgebung allerdings nichts mehr zu spüren. Denn heutzutage beansprucht das Gesetz von dem Patentanwalt ein abgeschlossenes technisches, auch die Rechtsfragen umfassendes Studium und über seine Moral wacht ein Ehrengericht. Ja noch mehr. Durch den Druck veröffentlicht das Patentamt eine Liste der Anwälte, die sich das Vertrauen ihrer Klienten als un- würdig erwiesen haben— zum Beispiel, indem sie die Klienten übervorteilt, ihre Ideen gcmißbraucht usw.— und. die deshalb am Patentamt nicht mehr zugelassen werden. Auch in der Eingangs- Halle des Gebäudes sind die Namen dieser Verfemten an weithin fichtbarer Stelle angebracht. Nicht selten kommt eS vor, daß Er- findcr weit aus dem Reich nach Berlin gereist kommen, um auf dem Amt sich zu erkundigen, warum ihre Patentsache nicht vorwärts kommt, und die hier erst auf diese schwarze Liste hingewiesen werden. aus der sie nun zu spät ersehen, daß sie— meistens infolge eines Zeitungsinserats— einem Schwindler in die Hände gefallen sind. Vor dem Portal hält der Postwagen und zahlreiche für da? Amt bestimmte Pakete werden herausbefördert— die von den Er» findern eingeschickte Modelle. Nur für die zu schützenden Gebrauchs» muster ist die Einlieferung eines Modells erforderlich, während für die Patente meist schon eine Zeichnung oder— falls es sich um keinen Gegenstand, sondern um ein Verfahren handelt— eine Beschreibung genügt. Die einlaufenden Modelle werden zunächst in dem saalartigen„Anmeldezimmcr" abgeliefert, wo sie ein Be- amter mit einer großen Nummernkarte versieht. Diese Nummer kann mitunter von k�sonderer Wichtigkeit werden. Wird nämlich ein und dieselbe Erfindung von zwei verschiedenen Personen ein- geliefert, so unterscheidet die durch diese Nummer nachweisbare Priorität darüber, welchem der beiden Einlieferer der Schutz zu erteilen ist. Den Gang nun zu beschreiben, den die angemeldete Erfindung durch die verschiedenen Prüfungsinstanzen zu nehmen hat, wie sie ferner durch den„Reichsanzeiger" öffentlich bekannt» gemacht wird, damit jeder, der sich dazu berechtigt fühlt, seinen Einspruch dagegen erheben kann, bis schließlich der nachgesucht« Schutz erteilt oder versagt wird— das würde unseren Raum über- schreiten, auch werden die Bestimmungen darüber jedem Jnter» essenten von dem Amt auf Wunsch ohne alle Kosten zugänglich ge» macht. Während rm ersten Jahre des Amts, im Jahre 1877 nur 3212 Patente angemeldet wurden, ist diese Zahl in ununterbroche- nem Wachsen in neuerer Zeit auf 44 411 gestiegen. Seit Bestehen des Amtes bis 1919 sind insgesamt 289 168 Patente angemeldet worden, woran aber schon durch die Prüfungsinstanzen weit über die Hälfte abgewiesen werden mußten, da diesen schon vorhandene Patente entgegenstanden, so daß die Zahl der in diesem Zeitraum erteilten Patente sich auf 218 139 beläuft, von denen am Schluß des genannten Jahres 49 376 in Kraft gehlieben sind. Zur Ueber» wältigung der ungeheuren Arbeit sind in dem Amtsgcbäude— das über 699 Zimmer zählt, ungerechnet die Lager-, Bibliothek-, Konferenz- und Wohnräume— mehr als 1999 Personen beschäftigt, und der Leiter des Amts richtet in dankenswerter Weise an der Hand einer energischen Kontrolle sein besonderes Augenmerk darauf daß die Arbeit im Interesse des Anmelders so rasch wie möglich erledigt wird. Dem Anmeldezimmer gegenüber liegt ein großer, durch Ober- licht erhellter Saal, die Wände mit hohen, von Büchern, Schriften und Fächern vollgefüllten Gestellen bedeckt, in dem an langen Tischen eine Menge emsig mit Schreiben, Lesen und Studieren oeschäftigter Menschen sitzen— darunter auch viele junge Damen. Kein Stuhl ist in diesem Saal unbesetzt, mehr als 499 Menschen verkehren täglich darin. Es ist der sogenannte, dem Publikum zur freien Benutzung offenstehende„Auslegesaal". Wer sich über irgendeine bestehende Erfindung unterrichten will— hier in diesem Saal findet er das Material dazu. Je nach dem Material — zum Beispiel„Turgeräte" oder»Torfgewinnungsmaschinen"— in Klassen geteilt, die Klassen wieder in Unterklassen, die Unter- klaffen in Gruppen— die letzteren im ganzen 8999— liegen auf den besagten Gestellen übersichtlich in Mappen eingeordnet sämt- liche vom Amt ausgegebenen sogenannten„Patentschriften" aus: das sind die von jedem erteilten Patent hergestclltn gedruckten Beschreibungen. Will ein Erfinder oder ein Patentanwalt oder einer von dessen Angestellten, oder sonst einer all der vielen Jnter- essenten, aus denen sich dieses Publikum zusammensetzt, sich in oben erwähnter Weise informieren, so braucht er nur eine dieser Mappen nachzuschlagen und sich seine schriftlichen Auszüge daraus zu machen..Zahlreich vorhanden sind ferner die Beamten der so- genannten Recherchierbureaus, die einen besonderen mit dem Patentamt zusammenhängenden Berliner Erwcrbszweig bilden und nicht selten bis zwanzig Angestellte beschäftigen. Mit Hilfe des Reichsadreßbuches von allen Firmen der deutschen Industrie in Kenntnis gesetzt, machen sie diesen gegen ein bestimmtes, meist recht ansehnliches Honorar von den jeweiligen in ihr Fach schlagen- den neuen Erfindungen die nötigen Mitteilungen, kontrollieren die Anmeldungen, ob diese im Interesse ihrer Klienten zu keinem Einspruch Anlaß geben usw. Auch die Militärbehörden haben ihr« uniformierten Vertreter hier sitzen, die beauftragt sind, Ko- pien aus den Patentschriften zu machen. Neben dem Auslegesaal befindet sich die Zahlstelle, wo für die Anmeldung und den erteilten Schutz die damit verknüpften Gebühren bezahlt werden. Ein deutsches Reichspatent läuft fünf- zehn Jahre und außer den ersten einmaligen Gebühren für An- Meldung und Erteilung ist dafür in jedem Jahre, wenn das Patent nicht erlöschen soll, noch eine besondere Gebühr zu entrichten, die mit jedem Jahre steigt, im letzten Jahre bis auf 729 Mark, so daß die Gcsamtkosten eines Patentes für die fünfzehn Jahre 2399 Mark betragen. Nur in den seltensten Fällen aber hält der Erfinder die fünfzehn Jahre durch. Tie meisten Patente werden, weil von ihrem Inhaber die Gebühr>-n darauf nicht mehr ent- richtet werden, schon nach zwei oder drei Jahren gelöscht, wofür sich in der„Rolle"— das sind die gleichfalls im Auslegesaal vor- handenen dicken geschriebenen Bände, die das Verzeichnis der Pa» tente enthalten—«in Vermerk mit roter Tinte findet, eine Chronik der bitteren Enttäuschungen, mit denen die Hoffnungen der meisten Erfinder enden. Entweder kann der Erfinder für sein Patent, falls er nicht selbst Fabrikant ist. keinen Käufer finden. ufcer daS Seid geht ihm auS, oder das Patent ist schon wieder turch neue Erfindungen überholt, veraltet und darum wertlos geworden. Am raschesten veralten und erlöschen die Patente der BeieuckrungSbranche. während sich am längsten, fast immer bis zum gesetzlichen Ablauf, die Patente der unter die chemische Branche fallenden Farbverfahren erhalten, zumal die der Textilindustrie. Die Einsprüche und Prozesse, die sich aber gerade in dieser In- dustrie an fast jedes neue Patent knüpfen, haben zur Folge ge- habt, daß auf diesem Gebiet überhaupt nur noch wenige Patente angemeldet werden und daß die großen Fabriken eS vorziehen. ein neues Farbverfahren von seinem Erfinder gegen die Per- pflichtung. daß eS ihr alleiniges Geheimnis und Eigentum bleibe, durch Kauf zu erwerben. Im ganzen hat das Amt an Gebühren seit seinem Bestehen bis Ende 1903 über 120 Millionen einge- nommen. Im Jahre 1909 betrugen die Einnahmen 9% Millionen, die Ausgaben nicht ganz 5 Millionen, so daß fich für das Reich ei» llebcrschuß von fast 5 Millionen ergab, waS die Industrie »eranlaßt hat, bei der Reichsregierung um eine Herabsetzung der Patentgebühren einzukommen. Wir betreten jetzt die Lagerräume, in denen die übrigens auch »erkäuflichen Patentschriften aufgestapelt liegen; in einem andern Raum findet sich auch eine Anzahl Modelle. Wie gesagt, re» präsentieren sich aber in den Amtsräumen die ausgegebenen Pa- tente zumeist nur— und daS schon aus Raumgründen— in den betreffenden Zeichnungen und schriftlichen Darstellungen. Die Unfähigkeit, eine richtige Zeichnung von der Erfindung zu machen, oder diese schriftlich zu erläutern, ganz abgesehen von den sonstigen Erfordernissen, ist es denn auch, die die meisten Erfinder nötigt. fich emeS Anwaltes zu bedienen. Bezeichnend für die Gegenwart find die vielen Erfindungen auf dem Gebiet de? Flug-, Rollschuh- und AutowesenS, die jetzt eingeliefert werden. Fast noch über- troffen werden sie aber von der Zahl der Erfindungen zur Sicher- heit des BahnverkehrS— kein großes Eisenbahnunglück, nach dem «S nicht von neuen Ideen zur Verbesserung der Weichenstellung, »«r Kuppelungen, des Signaldienstes usw. auf das Amt förmlich »egnet. Eine Unmasse von Modellen finden wir dagegen, wohl- «eordnet und numeriert, in den Bodenkammern aufgestapelt. ES find die der Gebrauchsmuster, alle nur erdenklichen Gerätschaften. die während der für Gebrauchsmuster zehn Jahre umfassenden Gültigkeitsdauer hier aufbewahrt und nach Ablauf dieser Frist ihrem Besitzer wieder zugestellt oder, wenn er auf Rückgabe ver- zichtet. vernichtet werden. Letzteres geschieht schon mit Rücksicht auf daS große Mißtrauen, das fast leder Erfinder wegen Miß. brauch? seines GeffteSeigentumS hegt— sogar der deutschen Reichs- behörde gegenüber. Eine Extraplage unter den Erfindern bilden für daS Amt die Querulanten. Hirn k)ern>egks JVacblaß. Victor Fleury, der soeben auch die erste zulängliche Biographie Herweg hs— in französischer Sprache— veröffentlicht hat, gibl aus dem Nachlaß deS Dichters unveröffentlichte Gedichte, Arlikel und Korrespondenzen, Aphorismen aus den Notizbüchern heraus, f. Aus HerweghS Nachlaß'. Lausanne 1911.) Eine gründliche Einlestung gibt die notwendigen Erläuterungen. In dem Buch werden «uch die interessanten Korrespondenzen wiedergegeben, die Herwegb nach dem deutsch- französischen Kriege für die Pariser .Röpublique frangaise', das neue radikale Gambettistische Organ seines Freundes Cballemel-Lacour, schrieb. Wegen dieser französischen Artikel über deutsche Zustände wurde gegen Herwegh »er Vorwarf erhoben, er habe.im französischen Sold gedient', und Tardel, der in der Bongschen Herwegh-Ausgabe die politische Wirk« famkeit des Dichters reichlich oberlehrerhafr mit überlegenen Fehler- strichen am Rand« begleitet, übernimmt die Verdächttguiig. indem er davon spricht, daß die journalistische Tätigkeit»im Dienste der französischen Republik' ausgeübt fei. Tatsächlich bat Herwegh für bwse Korrespondenzen nur ein bescheidenes Honorar von dem Herausgeber deS Blattes erhalten, und unter den Nachlaßblättern findet sich ein Briefkonzept HerweghS über die Angelegeiiheit:»So sagen Sie, daß ich im Solde der bekannten französischen Ideen von 89 stehe, daß ich sie bis an mein Lebensende den Bismarckichen vor« ziehe, obi'chon die aus letzteren über den Welfenfonds mit Eisen- bahnen, Ordenskreuzen und anderen Spielzeugen bezahlt werden. Wa» sie beziehen, weißlich nicht, WaS ich von Ihnen