NnterhaltMgsblatt des'Vorwärts Nr. 162. Mittwoch� den 23. August. 1911 MachdruS verboten.) Vie Grzihlimg des Ingenieurs. 1) Von Otto Nung. Wir älteren Ingenieure, die wir eine Reihe von Jahren in Lane Brös' Fabrik für elektrische Motoren gearbeitet haben, erinnern uns recht wohl des Vormittags, da Majory und Sarah Lane zum erstenmal unsere Maschilten in Betrieb sahen. Während sie an der Hand des chinesischen Dieners die Dynamohalle betraten, waren sie kaum voneinander zu unterscheiden: der Altersunterschied von drei Jahren war da- inals nicht zu merken. Sie trugen das schwarze Lockenhaar in einen von zahlreichen Silberpfeilen durchbohrten hohen Knoten aufgewunden, und ein silbergestickter japanischer Ki- mono hing ihnen lose um den kleinen, sehr zarten Körper. Es war ihm Jahre l89ch in jenem Sommer, da sie mit ihrer Mutter aus Shanghai gekommen waren: Snrah war da- mals acht, Majory elf Jahre alt. Sie traten auf die Galerie hinaus, die in der Höhe von drei Stockwerken an den Wänden des mächtigen Raumes cntlangläuft: als sie aber die ungeheuren schwarzen Rad- sckwiben der Dynamos und die drohenden Türme der Dampf- Maschinen vor sich sahen und das fürchterliche Gcwitterrollen, der in diesen titanischen Eisenräumen rasende dumpfe Tonner, den wir andern kaum mehr hören, an ihr Ohr dröhnte, da wandten sie sich gleichzeitig mit einem gellenden Schrei um und verbargen ihre Gesichter in den blauen Drillichhosen des ganz apathisch dastehenden Chinesen. Ihr Vater, der nach dem Tode seines älteren Bruders als administrativer Direktor in die Firma eingetreten war, kam auf ihr Geschrei herbei, zog sie an sich und hob jede von ihnen auf einen Arm, indem er sie die Füße auf das Geländer der Galerie stützen hieß. Er lachte sie aus. „Seid ihr meine Mädchen?" sagte er,„und fürchtet euch vor euren erwachsenen Brüdern, die die ganze Fabrik für mich drehen! Seht nur, wie lustig und artig und gehorsam sie sind. Seht doch, Majory und Sarah, wie sie sich auf ein Signal von mir niederlegen und augenblicklich schweigen." Dabei nickte er mir, der ich beim Kontrolltische stand, zu, und langsam sank der Lärm: eine um die andere legten die Maschinen sich zur Ruhe. Das ferne Rauschen der Turbinen inl Flußbette draußen schtvieg, die Zylinder der Dampf- Maschinen gaben seufzend ihren letzten Dampf von sich, die Stempel standen stille, die Dynamos knurrten noch unwillig wie trotzige Hunde, aber auch sie mußten sich legen, langsam und demütig: gradweise senkte sich eine sonderbare Mattig- keit über die große, dampferfülltc und ozonriechcnde Halle. Und langsain begann ein feiner Tau zu fallen. Die Maschinen standen. „Sarah, Majory!" rief Direktor Lane.„Seht, wie sie mir gehorchen, wenn ich das Signal gebe. Ich habe sie unter Kontrolle, sie tun Euch nichts zuleide. Sie sind Eure großen Brüder, die für mich und für Euch arbeiten: fürchtet Euch Nicht! Seht doch, sind sie nicht schön und gutmütig?" Und die kleinen Mädchen schwiegen: sie standen, an des Vaters Schulter gelehnt, auf dem Eisengeländer und blickten, die kleinen feinen Augenbrauen energisch zusammenziehend, mit großer Aufmerksamkeit hinab auf die zehn großen Dy° namos des Saales, die, unterdessen wiederum freigelassen, ihre ungeheuren drahtumsponncnen Magnete schwangen und ihre Taufende von geknechteten, an ihr Zementlager ge- fesselten Pferdekräfte entwickelten. Es klang wie ein Bienen- schwärm, der auffliegt, wie ein Violoncellton, der durch die Tonreihe emporiummt und sich festigt in einem ruhig ver- hallenden Rauschen wie von ungeheuren Wassermassen, die über ein Klippenriff stürzen. Oben in den Werkstätten aber schauten die Arbeiter ver- wundert auf die Motore, die stillstanden, auf die Treib- riemen, die ihren Lauf eingestellt hatten, auf die schwere Transmissionsachse, die plötzlich nicht mehr rotierte. Keuchend blieben die kurzatmigen Maschincnhobel in den gewundenen Stahlspänen stecken, die Metallsägen stockten in ihrem ohren- betäubenden Gelächter, und in den Schmieden ward das Prasseln der plötzlich anwachsenden Flammen hörbar, wäh- rend die Dampfhämmer mit einem toten Schlage innehielten. Tausende von Franken kosteten Sarahs und Majorys Tränen der Aktiengesellschaft, deren einziger Aktionär allerdings Charles I. Lane war. Ich erinnere mich nicht, die beiden Schwestern in den folgenden Jahren je getrennt gesehen zu haben: man sah sie— stets umschlungen, den Arm um Hals und Hüfte der anderen gelegt, oder wenigstens nnt den Schultern einander berührend— mit lang vorgestrecktem Hals und gespanntem Rist in dem Parke, der des Vaters Villa umgab, spazieren oder die geschlängelte Landstraße hinabschreiten, die längs der rauschenden Limmat auf dreimeilenlangem Wege nach Zürich führt. Stein, ich erinnere mich nicht, sie je getrennt gesehen zu haben, und wenn ich hie und da bei ihren Eltern zu Gaste war, saßen sie bei Tische, zum Verwechseln ähnlich mit ihren unbeweglich geradeaus gewandten Gesichtern und mit dem in einer ägyptischen Mähne über die damals modernen hoch- schottischen Kleidern fallenden Haare. Es bestand offenbar eine eigentümliche Verbindung zwischen ihnen, eine Art seelischen Zwillingsvcrhältnisses, das die drei Jahre Alters- unterschied nicht beeinträchtigten. Es schien sogar, als hemme die jüngere die ältere in ihrem Wachstum. Sic verkehrten miteinander in einem für uns unverständlichen Jargon, durch ein Blinzeln, ein schwaches Zucken um die nervösen schmalen Lippen. Es ging ein beständiger- Nervenstrom durch ihre Hände, die einander häufig suchten. Wir sahen sie niemals spielen, sie suchten keine Kameraden, wiewohl es in der Ge- gcnd viele gleichgestellte, reiche Familien gab. Ich denke, daß der Osten und die weite Reise sie ursprünglich vereinigt hatte— zugleich aber auch ein früh erwachtes Bewußtsein des vorteilhaften Eindruckes, den sie zusammen machten. Ich konnte verfolgen, wie sie gewisse Tempi, gewisse Taktformen für ihren Gang suchten, gewisse abgestimmte Stellungen, die, wir sie unter einem blaugestreiften indischen Mantel, der über wie sie unter einem blaugcstreiften indischen Mantel, der über beider Schultern geworfen war, mit spanischen Röhrchcn in der behandschuhten freien Hand, ihren Vater begleiten, wenn er mit der unvermeidlichen Shagpfeife unter dem struppigen Schnurrbarte in Panamahut und Smoking seinen Abend- spaziergang machte oder sie auf leichten Bergtouren in das nahe gelegene Hochland mitnahm. Er selbst, noch schlank und körperlich ausdauernd, war zu jener Zeit Vorsitzender einer Sektion des Alpenklubs und ein eifriger Bergsteiger. Seine Gattin zeigte sich täglich um drei Uhr, wenn die Fabrikpfeife nach der Mittagsruhe zur Arbeit rief, in Plaids eingepackt, hoch thronend in einer roträdcrigen Rickshaw, als Pferd den gelben Diener, der sie über die Promenade nach dem Palmengarten der Badeanstalt zog. Späterhin im Laufe der Jahre brachten Majory und Sarah Lane den größten Teil ihrer Zeit bei rms drüben in der Fabrik zu, ohne Alifsicht, da der chinesische Diener wohl wichtigeres zu tun hatte. Wir sahen sie, wenn wir von unseren Kontoren in die Zentrale hinübergingen, hoch oben aus der schwebenden Laufbrücke hängen, mit langen, unter den schottischen Röcken frei baumelnden Beinen, stundenlang ohne zu sprechen oder sich nur zu rühren, behext von dem ewigen Sausen der Maschinen, dem rhythmisch trägen Wiegen der Stempel. Und plötzlich sahen wir sie auf den Eisen- gittern der Wendeltreppe herabgleitcn und, halb betäubt von Schwindel, rücklings in einem großen Kohlenhaufcn landen. Ich unternahm manche Reise mit ihnen auf deni schweren Laufkran, dessen grauer Eisenleib in der ganzen Breite der gigantischen Montagehalle hoch unter dem Glasdach auf Stahlschienen dahinläuft. Sie saßen in dem mit Kohlen- schlämm angefüllten Krangehäuse, bei jedem meiner Kniee eine, und ich suchte ihnen die Diagonalbewegung des Kranes zu erklären: vorwärts und zur Seite, so daß wir jeden Punkt im Saale decken konnten. Und sie folgten stumm mit blin- zelnden und prüfenden Augen dem Eiscnhaken des Kranes, wie er die aufgestellten Maschinenteile betastete und packte und-hob und versetzte, bald ein Zwei-Tonnen-Schwungrad, bald einen fcrtiggewickeltcn Dynamoanker von dem Durch« messer einer Toreinfahrt. Ich habe kein Verständnis für Kinder und ihre Gedanken und Phantasien, aber ich hatte Grund, anzunehmen, daß ße untereinander sich Vorstellungen, ja sogar merkwürdige Sagen von diesen Maschinen bildeten, und jedenfalls weiß ich, daß sie für jede einzelne von ihnen ihre besonderen Namen hatten. Da war vor allem die große Zentralhalle mit ihren zehn Dynamos. Sie war wie eine ruhig schaukelnde See, die ihre Sturmkräfte streng gefesselt hielt— eine durch die mahlenden Turbinen bewerkstelligte Stromverpflanzung der ruhig- fließenden Limmat. Hie und da aber hatten sie bemerkt, wie in diese ruhige Bewegung ein Teufel fuhr, gleichsam ein Kräfteanprall an verborgenen Srahlriffen. Es kam aus der Mitte des Saales, wo ein zweitausend Pferdekräfte starker Maschinenkoloß von veraltetem Modell unter einer Ankerbrücke von doppelter Manneshöhe seine schwarzen Speichen schwang. Sein Brüllen übertönte das aller anderen und verursachte uns Qualen; er war wie der Großvater der übrigen, ein zorniger Poltergeist, der der Zeit zu folgen nicht imstande war, stets seine eigenen Wege ging und gegen die wahnsinnige Hast der Jetztzeit wütete. XLortjetzung folgt.j! (Nachdruck tcrdotcn.} Alunäerkmcl. Novellette von Max Treu. «Karl! Komm mal sofort herauf!" „Gleich, Onkel!" Aus dem lärmenden Kinderschwarm auf dem kleinen, von hohen Häusermauern umschlossenen Hose löste sich ein etwa acht- jähriger Knabe und eilte in das Haus. Mit großen Schritten sprang er vier Treppen in-die Höhe, riß dann atemlos eine Tür auf, stürmte in das Zimmer und rief: „Da bin ich, Onkel! Was soll ich denn?" Dann aber erschrak er fast. Ter Onkel, ein alter, hagerer Mann von etwa fünfzig Jahren, war nicht allein. Jni Zimmer befand sich ein Gast, ein elegant gekleideter älterer Herr mit bleichen, müden Gesichtszügen. Prüfend ließ dieser seine Augen über den eben eingetretenen kleinen Wildling gleiten, dessen blühend-schönes, kl'uges Gesicht bei dem so unerwarteten Anblicke des Fremden noch röter geworden war. „Der Herr," so nahm der Onkel das Wort,„hat Dich neulich auf Deiner Geige spielen hören. Er möchte Dich jetzt gern noch einmal hören." „Ich will aber nicht? Ich will mit den anderen Jungen spielen!" entgegnete Karl trotzig. „Das kannst Du ja nachher, mein Junge," sagte der Fremde mit kühler, ruhiger Stimme und legte seine Hand auf das blonde Lockcnhaupt des Knaben.„Sieh mal, ich will heute nacht von hier abreisen, und da hätte ich keine Zeit mehr, Dich zu hören." Karl sah den Sprecher groß an. Was ging denn den sein Geigenspiel an? so mochte er wohl denken. Da könnte ja schließlich jeder kommen und könnte ihn vom Hose wegholen, damit er hier zur Geige griffe! Als aber jetzt der Onkel wiederholte:„Spiele uns doch etwas vor, Karl!" da langte der Trotzkopf doch nach der Geige. Mit kindlich herausfordernden Blicken sah er den Fremden an, als er den Bogen ansetzte, als nun Ton um Ton dem Jnstru- meut entquoll, bald weich und träumerisch, bald frisch, keck und lebendig. Der Fremed aber hatte keine Augen für Karl; er sah nicht, er hörte nur. Das Haupt in die Hand gestützt, die Augen geschlossen, die Lippen fest übereinander geklemmt, so saß er, etwas vornüber- gebeugt, im Sessel und lauschte den Akkorden, die des Linaben Hand dem Instrument entlockte. Ebenso still saß der Onkel da, und als Karl merkte, daß ihn beide nicht störten, da blitzte es in seinen Kinderaugen auf, und schneller, kräftiger ließ er den Bogen über die Saiten gleiten. Bald wendete er in einem vor ihm liegen- den Notenhcfte Blatt um Blatt um, bald spielte er frei aus dem Kopf, aber immer waren es köstliche, seelenvolle Töne, die er her- vorzauberte. Endlich legte er den Bogen beiseite; er schien er- schöpft. Wie aus tiefem Traum erwachend, sah der Fremde auf. „Bravo!" sagte er,„Bravissimo!" :„So," entgegnete Karl,„nun gehe ich aber wieder in den Hof!" Und eins, zwei, drei war der Wildfang zur Tür hinaus. Bald hörte man vom Höfe her die jubelnde Kindcrstimme, froh und hell, und aus ihr heraus hörte das schärfere Ohr den Jubel köstlicher, freudiger Kindheit. Derweil aber wurde oben im Zimmer des Onkels ein seltsamer Handel abgeschlossen. Ter Fremde, ein Unternehmer, der Karl zufällig hatte spielen hören und auf ihn aufmerksam geworden war, wollte den Knaben mitnehmen und ihn in den großen Städten vor dem gebildeten Publikum austreten lassen. „Es ist ein Wunderkind!" sagte er zu dem Onkel, der nach der Eltern frühem Tode den Knaben erzogen hatte. Der Onkel nickte. Und dann wurden sie handelseinig. Ter Fremde Signor Piubino, bot Geld, pjel Meldt Ja, warum sollte man um solchen Preis nicht einen Menschen, Handel abschließen dürfen?, Topp also— es galt!— Die Hauptperson bei der Geschichte freilich hatte man gav nicht gefragt, und so war es kein Wunder, daß besagte Hauptperson, als sie nach einigen Tagen von Signor Rubino zur Reise abgeholt werden sollte, sehr energisch protestierte und sich mit Händen undi Füßen dagegen sträubte. Selbst die schönsten Bonbons des Signor und die besten Schmeichelworte des Onkels konnten ihn nicht anderen Sinns machen. „Ich will nicht wegfahren?" tobte Karl.„Ich will im Hofe spielen!" Aber schließlich mußte er doch nachgeben und, halberschöpft vom Weinen und Schreien, wurde der kleine Blondkopf in ein Eisen- bahnabteil gepackt— 1. Klasse natürlich— und vorwärts ging die Fahrt. Bald schlief Karl in den weichen Polstern ein. Signor Rubina betrachtete ihn. Wie selig lächelte sein frisches, blühendes Gesicht im Schlafe! Gewiß träumte er von seinem Hofe, von, seinen Kameraden, von seinen Kinderspielen. Und bald träumte auch Signor Rubino. Ter träumte freilich von anderen Tingen: von Lorbeern, von Beifallssalven, von Gold, recht vielem Golde. Im Zimmer des Onkels aber stand der alte Kreisphhfikus Dr. Romberg, sah ihn mit seinen durchdringenden Augen an und sagte: „Schämen Sie sich, Rost, daß Sie einen solchen Menschenhände! eingehen konnten! Wissen Sie, was Sie tun? Sie bringen das Kind um die schönste Zeit seines Lebens, um seine Kindheit!" „Sollen denn aber seine Talente nicht ausgebildet werden?/' fragte der Onkel zögernd. „Papperlapapp! Damit hat's noch lange Wbge! Der Junge hat Talente, große Talente, das ist wahr, und Sie als Erzieher sind vor Gott und Menschen verpflichtet, diese Gaben auszubilden!! Auszubilden, merken Sie sich das, aber nicht auszubeuten! Wenn ein Kind Talente hat, so sind allerdings die Kindheit und die Jugend dazu da, diese Talente zu fördern, aber nicht im Lauf- schritt, sondern hübsch langsam! Nachher, wenn dann einer er- wachsen ist, hat er Zeit genug, mit seinen Gaben vor der großen Welt zu glänzen und Kapital daraus zu schlagen; er hat Zeit genug, und vor allen Dingen, er hat die Kräfte dazu! Die hat aber so ein Kind nicht, das geht meist elend zugrunde dabei! Seht Sie Euch doch an, die Wunderkinder! Wie sehen sie denn aus! Krank und bleich und übernächtig und— pah! was weiß ich! Aber das weiß ich, daß es eine Sünde und Schande ist, wenn Eltern und Vormünder ihren Kindern und Schutzbefohlenen ihre Jugend rauben; die kann ihnen nachher keiner wiedergeben! Adieu!" Krachend fiel die Tür in das Schloß. Der Onkel aber zählte die blanken Goldstücke nach, die er von Signor Rubino erhalten hatte. Und dabei nickte er mit dem Kopfe. » .Karl sollte zum ersten Male öffentlich auftreten. Er ivar doch befangen, als er nun vor dem tauscndäugigen Publikum stand, und die Tränen wollten ihm in die Augen treten. Mein Gott! Das sah doch hier so ganz anders aus als daheim in seinem Hofe! Lauter geputzte Herren und Damen, Hunderte von Lichtern, ein Gesumme von Stimmen,— beinahe fing Karl an zu zittern. Da stand aber auch schon Signor Rubino neben ihm, und nun machte Karl eine einstudierte, steife Verbeugung, das Publikum klatschte, und Karl hörte ganz deutlich, wie einige dicht vor ihm sitzende Damen zu- einander sagten: „Ach Gott, welch entzückendes Kind!" Und nun nahm dieses„entzückende Kind" seine Geige, Signor Rubino setzte sich an den Konzertflügel, um zu begleiten, und dann ging das Spiel los. Mäuschenstill wurde es im Saal; aller Augen hingen gebannt an dem Knaben, der so sicher und keck den Bogen zu führen wußte. „Ein Wunderkind!" So flüsterte man sich zu, als Nummer 1 des Programms zn Ende war. Und Karl hörte das wieder, und ein seltsames Gefühl kam über ihn. War er denn wirklich etwas Besseres als Peter und Fritze und Hannes, feine Kameraden daheim, die er doch so sehr geliebt hatte? Ja freilich, jetzt hatte er ein prächtiges Samtkostüm an, tadel- los neu, während die anderen zu Hause mit Löchern in den Hosen herumliefen, und er spielte hier vor feinen Leuten, wo der Duft von Patschuli und Dlans-Dlang zu ihm aufstieg, und er bekam Beifall und Komplimente zu bören, während die zu Hause auf dem Sandhaufen spielten und höchstens einmal, wenn sie gar zu laut wurden, ein Donnerwetter des gestrengen Herrn Hausverwalters zu hören bekamen.— Es mußte doch wohl ein Unterschied zwischen ihnen sein! Und dann spielte Karl sein Programm weiter. Und als endlich das Konzert zu Ende war, da wollte das Beifallklatschen nicht auf- hören. Immer und immer wieder mußte Karl vortreten und steife, ungelenke Verbeugungen machen. „Ach, ein reizender Junge, wie süß!" hörte er sagen. Dann kam Mignor Rubino zu ihm und sprach:„Du hast deine Sache vortrefflich gemacht, Carlo"— er sagte nämlich immer „Carlo" zu ihm—„nun müssen wir noch ein kleines Abendessen mitmachen. Herr und Frau Kommerzienrat Schultze haben uns eingeladen; die Equipage wartet draußen auf uns. So etwas kann man nicht ablehnen; komm, Carl«!" Jetzt aber wurde Carlo rebellisch. �»Ich will aber schlafen gehen!" rief tt.«Ich will nicht essen!" Von der ganzen Rede des Signor hatte er nur das Wort„essen" verstanden, alles übrige war ihm sehr gleichgültig gewesen. Und da er nicht essen wollte, so war ihm also auch das gleichgültig und — er protestierte. „Aber, Carlo", meinte Signor Rubino beschwichtigend,„Du kannst ja noch so lange schlafen. Du weiht ja, wir stehen hier vor zehn Uhr nicht auf, und wenn Du willst, kannst Du noch länger liegen bleiben." „Ich bin aber zu Hause um acht Uhr zu Bett gegangen!" Karl glar itc damit einen grossen Drumpf ausgespielt zu haben; Signor Rubino aber blieb kühl. „Ja, zu Hause!" sagte er,„zu Hause? Das war auch etwas anderes als hier! Hier in der Residenz lebt man anders als bei Dir daheim!" Schliesslich gab denn Karl nach, und man fuhr zu Kommerzien- rat Schultze. Und da wurde nun der arme Junge mit Essen und Trinken und Sühigkeiten vollgestopft, alle Damen reichten ihm die Hand, einige küsstcn ihn sogar trotz seines Sträubens, und endlich mutzte er die Geige nehmen und etwas zum besten geben. Er war wie berauscht; er wutzte gar nicht, was er spielte; der Bogen glitt über die Saiten wie rasend, und wie rasend klatschte man nachher Beifall. Von Hand zu Hand' wanderte Karl; alle betrachteten ihn neu- gierig und erstaunt wie ein Wunder, und als er endlich, lange nach Mitternacht, im Bett lag, da konnte er lange den Schlaf nicht finden. Alle seine Sinne waren fieberhaft erregt, sein Gesicht glühte, seine Pulse klopften. Das scheue Kinderauge hatte einen Blick in die grosse Welt getan, die ihm noch lange hätte verhüllt bleiben sollen. Am anderen Tage brachten die Zeitungen grosse Besprechungen über Karls Konzert; in langen Spalten wurde er gelobt, und auch der Unternehmer wurde gelobt, der dieses„grotzartige Talent" ent- deckt hätte. Signor Rubino schickte einige Blätter an den Onkel. Und der wieder zeigte die lobenden Besprechungen triumphierend dem alten Kreisphysikus. Dieser aber las und las, rückte seine goldene Brille hin und her und meinte trocken: „Ich finde darin gar nichts, was mich freuen könnte. Das einzige, was mich gefreut hätte, wäre gewesen, wenn einer von den neunmal klugen Herren, die da so gelehrt über.A-chir und C-molI abhandeln, geschrieben hätten, dass so ein dummer Junge nicht in den Konzertsaal, sondern auf den Spielplatz gehört! Und damit basta! Adieu." Und hinaus war er. Einige Jahre waren vergangen. An den Anschlagsäulen von Karls Heimatstadt prangten grosse Plakate. Eingeweihte aber wollten wissen, dass Carlo Rosti eigentlich Karl Rost heitze und ein Neffe des alten Rost sei, der früher in einer engen sStrahe vier Treppen hoch gewohnt habe, der aber seit etwa drei Jahren eine bessere Wohnung im eleganten Stadtviertel bezogen hatte. Das sprach sich natürlich herum, und so dauerte es gar nicht lange, bis das Hotel, in dem Karl mit Signor Rubino wohnte, von Neugierigen umlagert war, unter denen Karls frühere Spiclgenossen das grösstc Kontingent stellten. „Ob er uns noch kennen wird?" fragte Peter Lange. „Wie mag er jetzt wohl aussehen?" flüsterte Hans Schröder. „Ich habe ihn immer gern gehabt", äusserte Jochen Stiller. So schwirrten die Stimmen durcheinander. Da plötzlich stürzte der Hotclporticr heraus, pfiff nach einer Droschke, und gleich darauf traten ein älterer Herr und ein blasser, bleicher, ermüdet aussehen- der Knabe in das Portal. „Du, soll das der Karl sein?" fragte Hans Schröder. „I wo, Schafskopf! Der Karl hatte rote Backen und war freundlich und nett, aber der da sieht ja aus, als ob er morgen sterben wollte, und der hat für uns keine Augen!" entgegnete Peter Lange. „Aber Peter", meinte Hans wieder,„'s ist doch der Karl Rost! Ich kenne ihn an der Narbe am Kinn! Weiht Du noch, da ist er mal beim Schlittenfahren vom Schlitten gestürzt und gegen einen Prellstein geschlagen." „Ach Hans", entgegnete Peter,„Du bist doch zu dumm! Diese Zierpuppe da sollte Karl sein?" . �.Ja, ja, er ist es doch!" „Na, das wollen wir gleich mal sehen!" sagte Peter entschlossen, trat an den bleichen, auf die Droschke wartenden Knaben heran, bot ihm die Hand und sprach: „Guten Tag, Karl!" Erstaunt Hess der Angeredete seine grossen, müden Augen über die verwildert aussehende Knabcngestalt Peters hinfliegen. Statt seiner antwortete der fremde Mann: „Was willst Du, Bursche? Signor Carlo Rosti ist kein Um- gang für Dich!" Peter aber stemmte die Arme in die Seite und meinte: „Na, ich werde doch einen alten Spielkameraden begrützen dürfen!" In diesem Augenblick fuhr die Droschke bor; die beiden stiegen ein, und dahin ging die Fahrt. Kein Wort hatte der fremde Knabe gesprochen, nur hochmütig hatte er die Achseln gezuckt und Peter angeschen, als habe er sagen wollen:„Wer bist Tu, dass ich mich mit Dir gemein machen sollte?" � Peter aber brummte; 4 „Mit dem spiele ich in meinem Leben nicht wieder; vas iff eine falsche Katze geworden!" Mittlerweile war die Droschke in einer Strasse der Vorstadt! angelangt. Vor einem hübschen Hause hielt der Wagen still. Die beiden stiegen aus, gingen zwei Treppen hinauf und standen vor einer Tür. „H. Rost, Rentier." So stand daran. Die Tür wurde, nachdem man geklingelt hatte, geöffnet, unL gleich darauf standen sich Onkel und Neffe gegenüber. Aus den Zügen des Onkels sprach doch eine leise Bestürzung, als er Karls eiskalte Hand erfasste und die zarte, kranke Gestalt vor sich sah. War das der frohe, muntere Knabe, der vor etwa vier Jahren von hier abgereist war, auf dessen Wangen damals Gesundheit und Frohsinn gethront hatten? Dieser blasse, frühreife Knabe, in dessen Augen ein unheimlicher Glanz loderte, aus dessen Zügen eine schleichende Krankheit sprach, war das denn wirklich dasselbe lebensfrohe, übermütige Kind, dessen helle Stimme ihm noch heut« in den Ohren klang? Endlich fatzte sich der Onkel und sagte: „Ich freue mich, Dich wiederzusehen, Karl! Wie geht es Dir?" „Ich danke, gut." „Gefällt Dir das Reisen?" „O ja. sehr gut." „Nächstens willst Du, wie ich gehört habe, nach St. Peters« bürg?" „Jawohl." Der Knabe machte eine ungeduldige Bewegung mit der. Hand« Aber der Onkel bemerkte es nicht. „Wie lange wirst Du denn dort bleiben?" fragte er wieder. Da fuhr Karl fast heftig auf: „Ich bitte Dich, lieber Onkel, nicht so viel zu fragen. DaS macht mich nervös!" Und Signor Rubino warf ein: „Signor Carlo ist etwas leidend. Man mutz schonungsvoll mit ihm umgehen." Schüchtern entgegnete der Onkel: „Dann schiene es mir aber doch das beste, wenn mein Neffe eine Zeitlang überhaupt keine Konzerte gäbe, sondern sich gehörig ausruhte."— „Das verstehst Du nicht, Onkel", antwortete Karl und fuhr sich mit der schmalen, durchsichtigen Hand über die Stirn.„Ein Künstler wie ich hat keine Ruhe, darf keine Ruhe haben, sonst geht man über ihn zur Tagesordnung über."— „Aber wenn Du krank bist"— „Ich bin nicht krank, nur nervös, furchtbar nervös! Es wird darum auch besser sein, Onkel, wenn Du nichts mehr sprichst; das Sprechen macht mich erst recht nervös!" Der Onkel nickte. Ein großes Schweigen entstand. Karl stützte den Kopf in die Hand, während der Onkel ihn bedauernd ansah. Sollte damals der alte Kreisphysikus doch recht gehabt haben? Nach einer Weile erhob sich Karl. „Wir müssen gehen", sagte er zu Signor Rubino,„ich habe noch einige Nummern durchzuspielen." Dann trat er auf den Onkel zu und bot ihm die Hand. „Nimm es nicht übel", sprach er,„wenn ich so schweigsam bin; aber meine Nervosität— mein Gott, mit der mutz man eben rechnen!" Dann wandte er sich zum Gehen. In der Tür fragte er noch: „Du kommst doch zu meinem Konzert, Onkel? Ich spiele zwar lauter schwerverständliche Sachen, von Vieuxtemps, Rode und anderen,— aber— nun ja, du wirst doch kommen?" Der Onkel nickte. „Ich komme lieber Karl." Signor Rubino und Karl gingen. Unten wartete die Droschke noch, sie stiegen ein und fuhren zum Hotel zurück. Da aber standen die Jungen noch immer; sie hatten entschieden viel Geduld und wenig zu wn. Sie hatten sich inzwischen vom Portier die völlige Gewissheit verschafft, dass Carlo Rosti in der Tat Karl Rost heitze, und nun wollten sie den alten Spielkameraden begrüßen. Als Karl ausstieg, drängten sie sich an ihn heran, der aber ging ihnen scheu aus dem Wege. „?i donc," sagte er zu Signor Rubino,„diese Halunken!" Und schnell schritt er in daS Portal des Hotels. Draußen abert standen die Jungen und sahen sich verwundert an. „Er spricht französisch!" meinte Peter. „Er ist sehr gelehrt geworden!" bestätigte Hans. „Aber von uns will er nichts mehr wissen, die falsche Katze!" grollte Peter. »« Der Abend war gekommen. Gedrängt voll war der Konzertsaal. Die Haukc-Volee des Ortes wollte es sich nicht nehmen lassen, ihren berühmten Lands- mann, das Wunderkind, Karl Rost, zu hören. Seine Kunst sollte ja geradezu eine phänomenale sein! Und so etwas durfte man sich natürlich nicht entgehen lassen. Aber als nun Karl auf daS Podium trat, sah man ihn verwundernd und bedauernd an. „Der arme Junge," hiess es,„er sieht so krank aus!"■!-j: „So übcrangestrcngt!" «Er sollte sich schonen!" flüsterte eine Dame ihrem Nachbar zu, �WWWWWMI liefet aber—»S war kein anderer als der KrciSphhsikuS Dr. Romberg— entgegnete: .Er hätte geschont werden sollen, meine Gnädigste! Jetzt ist da nichts mehr zu schonen! Das sind hippokratische Züge, und wenn man mich morgen etwa zu ihm rufen würde, so würde ich nicht vergessen, ein Totenschcinformular in die Tasche zu stecken." Erschrocken sah ihn die Dame an; er aber schwieg und sagte lein Wort mehr. Und nun fing der jugendliche Geiger an zu spiele». Den Blick auf sein Instrument gesenkt, stand er da und entlockte seiner Geige weiche, wehmütige Töne. In der Tat, es war nicht zu leugnen: das war Musik, echte, wirkliche Musik! Das waren keine Dilettantenkunststückchcn, kein eingelernter Parade- Iram, sondern in. diesen Tönen lag die Offenbarung des Genius. Entzückt lauschten alle dem wundersamen Spiele des Knaben, der so ruhig und sicher weiterspielte und seine ganze Umgebung ver- gessen zu haben schien. Es war eine Paraphrase über ein deutsches Lied, was er spielte; hin und wieder klang das Thema durch, bis eS am Schlüsse voll angegeben wurde. Und hier stand der zwölf- fjährige Künstler auf dem Höhepunkte seines Könnens. Diese Musik war eine Sprache, die aus dem tiefsten Herzen kam; bicse Melodie griff auch wieder an die Herzen der Zuhörer: „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar. O wie liegt so weit, o wie liegt so weit� Was mein einst war!" Mit einem schrillen Ton brach plötzlich der Künstler ab. Und dann raste sein Bogen wild über die Saiten, zügellos, ohne Takt, ohne Harmonie-- Erstaunt sahen sich die Zuhörer an. Sie sahen, wie Signor Rubino bestürzt vom Klavier aufstand und an Karl herantrat. „Was machen Sic denn, Signor Carlo?" fragte er,„die Rummer ist ja zu Ende!" Der Geiger hörte nicht; er spielte weiter, ebenso rasend, ohne Rhythmus, wilde schreiende Mißakkorde. „Sie müssen aufhören, Signor Carlo," flüsterte Rubino.„DaS Publikum wird ungeduldig! Man zischt, man stainpft mit den Füßen I Sie lassen ja die entsetzlichsten Disharmonien hören!" Aber jener hörte nicht auf. Das Publikum zischte. «Will er uns zum besten haben?" «Virtuosenwahnsinn!" So klangen einige Rufe. Signor Rubino versuchte, den: Knaben die Geige zu entringen. Er griff nach dem Instrument, ober im selben Augenblick sauste, von der Hand des jungen Künst- lers geführt, die Geige auf seinen Kopf nieder, so daß sie in tausend Splitter zerbrach und Rubino halb bewußtlos zurück- jtaumelte. Ein Angstrufen entstand im Publikum. Da sprang ein alter Herr auf das Podium; es war der Krcisphysikus Dr. Romberg. Er .eilte auf Karl zu, der erschöpft in einen Sessel gesunken war. Man folgte allen Bewegungen des Arztes. „Ich bitte," sagte Dr. Rombcrg, nachdem er Karls Puls ge- fühlt batte,„daß Sie sich geräuschlos entfernen. Der Geiger Karl Rost ist plötzlich irrsinnig geworden!"... Noch an demselben Abend brachte man Karl in eine Irren- dnstalt. Und nach ganz kurzer Zeit ist er hier gestorben, gestorben Zn der Nacht des Wahnsinns. Man hat dem Wunderkind einen prächtigen Leichenstcin ge- seht. Als ob der eine Entschädigung wäre für das verlorene Leben! Aber in Karls Heimat spricht man noch immer viel von dem jgroßen Geiger Karl Rost, und manche Eltern wünschen, daß ihre Kinder auch solche Wunderkinder werden möchten. „Die Narren!" sagt Dr. Romberg, wenn er so etwas hört. (leber I�aiitTcKiiK. Die Chemie hat bedeutsame Wandlungen im Wirtschaftsleben der Völker bewirkt, deren Kultur wesentlich beeinflußt und kann wohl neben der Elektrotechnik ihren Platz behaupten. Hat letztere auch in verhältnismäßig kurzer Zeit durch ihre Fortschritte im- geahnte Umwälzungen erzielt, so erobert wiederum die chemische Wissenschaft mif exakter und systematischer Grundlage schrittweise ein immer weiteres nnd verheißungsvolleres Gebiet. Bekannt ist u. a. die künstliche Erzeugung des Jndigoblaus auf chemisch-synthetischem Wege aus den Produkten der Steinkohlen- destillation: und ebenso wird die Tragweite des Umstandes ge- würdigt, daß das ehemals breite Volksschichten ökonomisch erhaltende Naturprodukt nunmehr durch das billige, aber völlig gleichwertige synthetische Indigo vom Weltmarkt verdrängt worden ist. Ein nicht minder hervorragendes Problem der chemischen Technik bildet zurzeit die künstliche Herstellung des Kautschuks. Das Rohprodukt findet sich in allen Milchsaft führenden Pflanzen, in größerer Menge jedoch nur in den tropischen und subtropischen Arten, insbesondere in Brasilien, Indien und Afrika. Der Stamm der Bäume wird angeschnitten; dann sammelt man den ausfließenden Milchsaft und streicht ihn auf tönen,? kugelförmige Formen, die über dem Feuer getrocknet werden. Weim die aufgetragene Schicht fest geworden ist, Perantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin. r= Druck u. Verlag: wird neuerdings Milchsast aufgetragen und die gleiche Behandlung mit frischen Portionen fortgesetzt. Zum Schluß zerschlägt man das Tongefäß und schneidet die Kautschukschicht ab. Das beste im Handel vorkommende Produkt ist der brasilianische Para- Kautschuk, welcher aus den Federharzbäumen(sipbonia elastica) gewonnen wird. Die vielseitige Verwendung des Kautschuks in der elektrischen, Automobil-, Fahrzeug-, Maschinen- und sonstigen Industrie ist auf ungeheuer große Mengen des Produkts angewiesen und stets gewiß zu den natürlichen Vorräten in einem krassen Mißverhältnisse. Die Erschöpfung der Vorräte, mit welcher einmal gerechnet werden müßte, versetzt die verschiedenen Interessengruppen in eine gewisse Unruhe. Um den Zeitpunkt einer Krise in möglichst weite Ferne zu rücken, erzeugt man zum Teil Surrogate und arbeitet anderer- seils die gebrauchten Kautschukrückstände zu einem gebrauchsfähigen Material wieder auf. Die Ersatzstoffe wie das letzterwähnte Material sRegcucrat) sind billiger, jedoch in der Qualität minder- wertigcr als der ursprüngliche natürliche Kautschuk. So lvollen auch die 5Uage» darüber seitens der Konsumenten nicht verstummen. Nicht müßig verhält sich bei dieser Sachlage die moderne Chemie. Mit regem Eifer hat sie die schon Jahre zurückliegenden Forschungen auf dem Gebiete des Kautschuks wieder aufgenommen; und es ist begründete Aussicht vorhanden, daß auf dem Markte sich bald ein künstlich hergestellter synthetischer Kautschuk einstellt, der dem natür- lichen Produkte gleichwertig ist und sich auch durch Billigkeit empfiehlt. Eine unserer ersten chemischen Fabriken hat Millionen Mark für diese Zwecke angelegt, und die experimentellen Arbeiten schreiten zielbewußt vorwärts. Achnlich wie beim Indigo war durch mühevolle analytische Untersuchungen die chemische Konstitution des Kautschuks, der Aufbau seines Moleküls aus den einzelnen Atomen, zu studieren und zu ermitteln. Die Zusammensetzung entspricht, gemäß den Feststellungen, dem Vielfachen einer Gruppe von zehn Kohlenstoff- und sechzehn Wasserstoffatomen. Kohlenstoff und Wasser- stoss lassen sich in einfachere Stoffe nicht mehr zerlegen nnd werden in der Chemie Elemente genannt. Atome sind die kleinsten Teilchen der Elemente und vereinigen sich zu de» sogenannten Molekülen, d. i. den kleinste!, Teilchen der zusammengesetzte:! Stoffe. Das Molekül deS Äantfchuks ist ein Kohlenwasserstoff, der durch Vervielfachung lPolymerisation) der bezeichnete» Gruppe entstanden ist(Cjo H,0) Wir haben es also mit einer chcniiichcn Verbindung zu tun, deren künstliche Nachbildung aus leichr erhältlichem Ausgaiigsmateriale in technisch befriedigender Weise erfolgen soll. Dabei geht man in der Regel von einfach znsamnieligcsctzten Verbiiidnngen auS und ge- langt durch Aufbau, durch die Synthese, zu den komplizierteren Endprodukten. Die bisherigen Synthesen gingen von einfachen Kohkenwasser- Itoffen aus, die durch verschiedene Mittel in die hochmolekularen kantschulartigen Massen verwandelt wurden. Meistens sind die Ver- fahren zu Patent angemeldet worden, da deren rentable Verwertung nicht ausgeschlossen ist. Diese einfachen und bei verschiedenen Methoden in Frage kommenden Kohlenwasserstoffe sind hauptsächlich Isopren und Diisopropenyl. Die Vervielfältigung dieser Stoffe zum Kautschuk- molekül geschieht dadurch, daß man zur Befördenmg des chemischen Prozesses fremde Körper hinzufügt, die jedoch an dem chemischen Aufbau selbst mit ihrem Moleküle nicht beteiligt sind. Der Chemiker drückt sich aus, daß diese Körper„katalytisch" loirken. Aehnlich können übrigens auch physikalische Faktoren, wie Wärme und Licht, zur Katalyse herangezogen werden. Die erwähnten Patente wurden von HarrieS, der Dadifchen Anilin- und Eoda-Fabrik und den Elberfelder Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer u. Co. angemeldet. An der billigeren Darstellung der Ausgangsmaterialien wird noch emsig gearbeitet. Zudem kommen noch Verfahren zur Herstellung deS künstlichen Kautschuks in Frage, die vorläufig geheim gehalten werden. Auf der Londoner Gummi- Ausstellung war ein Produkt zu sehen, dessen Erzeugung nur dem Aussteller bekannt war. UebrigenS hat es den Anschein, daß aussichtsvolle Kautschuk- shnthesen neben den bisher bekannten vorbereitet werden; und so dürfte denn bald in der Oeffentlichkeit von neuen überraschenden Errungenschaften zu hören sein. E. J. Kleines f euilleton* Geologisches. A n st r a l i s ch e Höhlen. In Westaustralien, das sonst wesentlich mir wegen seiner großen Goldschätze berühmt ist und im übrigen größtenteils ans einer ganz unwirtlichen Wüste besteht, hat eine neue Naturmcrkwürdigkeit durch die Entdeckung großer Kalk« steinhöhlcn erhalten. Sic liegen an der Südwesiküste des Staate? und wurden schon vor einigen Jahren aufgefunden, sind aber erst jetzt in ihrer ganzen Ausdehnung und Bedeutung erkannt worden. Bisher waren die Jenolan-Höhlen in Neusüdwales die bekanntesten in Australien, sie werden aber durch die zuletzt entdeckte Höhle West« australienS weit übcrtroffen. Diese enthält zwei mächtige Räume. Die bisherige Erforschung ist nur sehr oberflächlich gewesen und eS wird erwarlet, daß die Höhlen an Umfang und Schönheit sich als noch viel hervorragender herausstellen werden als man schon jetzt annehmen darf._ ZorwärtsBuchdruckereiu.Verlagsanjtalt Paul SingersiCo., Berlin LW.