Zlnterhaltnngsblatt des Vorwärts Nr. 163. Donnerstag den 24. August. 1911 (Nachdruck verbolen.) Die Brzäblung des Ingenieurs. 2) Von Otto R u n g. Ich hörte, wie Majory und Sarah ihn laut verhöhnten und verlachten: sie wußten, daß er von veraltetem Modell sei, und sie drohten ihn zu pensionieren. Von den anderen Maschinen aber sprachen sie bewundernd mit einer Mischung von Sachverständnis und kindischer Phantasterei. Sie nannten die zehn Dyimmos„Die lustigen Männer"— nach der Be- zeichnung, die R. L. Stevenson in ihrem Lisblingsbuche der gefährlichen Sandbank an der schottischen Küste gegeben, wo die Brandung jubelnd im Sturme hüpft und tanzt. Die lustigen Männer, die tanzenden Männer! Oder sie kamen in die Versnchshalle, deren Chef ich war. Sie kannten jeden einzelnen der sieben großen Gleichstrom- Motore, die nebeneinander auf ihre« starken Fundamentrahmen aufgestellt waren. Da standen sie dann, die Hände auf dem Rücken, und betrachteten die leise schwirrenden Kohlenbürsten, die wie große Hummeln über die Strom- Wender hintanzten. Dann und wann nahm ich sie hinein in den verbotenen Verschlag und ließ die Leitungen auf Ebonit- platten schlagen, so daß ellenlange Funken gleich einem Kranz blinkender Bajonette in die Luft sprühten.. Oder ich ließ sie die Kraft der kleinen Maschinenmodelle erproben, unter deren Stößen sie vor Schmerz und Behagen die dünnen Lippen verzerrten. Sie verlangten noch stärkere Ströme und stiegen bis zu sechzig Volt. Ich wunderte mich, wieviel sie aushalten konnten. Wie junge Spürhunde, mit vorgestreckten Nasen, schnau- bend vor wilder Energie, jagten sie über das weitgedehnte Fabriksareal, von Gebäude zu Gebäude, zur Modelltischlerei, wo die Bandsägen an den weißen Brettern, die auf Schlitten herbeigeführt tvurden, zischend auf und nieder fuhren, in die Schmieden, wo es aus hundert Essen lohte und brannte und die Werksührer ihnen Ringe und Armbänder aus Bessemer- stahl schmiedeten. Sie schritten vorsichtig durch die metall- staubverschleierte Feilemverkstatt, wo Eisenfeilspäne knöchelhoch auf dem Boden lagen, und hatten ihre Löcher in den hochgetürmten roten Sandbergen der Gießerei, von deren schlackenbedecktem Gewölbe lange Spinnwebgardincn sich hinausspannen in die schmefelgelben Mctalldämpfe. Oft traf der Vater sie, rußig und mit Schlamm und Oel beschmiert auf den Kohlenwagen sitzend, die auf einem Schienenweg die Viertelmeile zu den Lagerplätzen des Bahn- Hofes hinabrollten. Einmal aber sprang er hinzu und zog sie hinweg, als sie in dem jährlichen Schützenaufzug der Arbeiter mitgingen, mit Vereinsabzcichen und Kantonfarbcn geschmückt, an der Hand des berüchtigtsten Raufbrudcrs und Unruhestisters der Fabrik. Eines Tages aber sahen wir Majory allein, und ihr Kleid war seit dem Tage zuvor bis zu ihren Knöcheln ge- wachsen: sie bewegte die Füße ungewohnt und gezwungen unter der neuen Kleiderform, aber das Kinn saß stramm und energisch über dem Kragen, und der Ausdruck ihrer Augen war erwachten und bewußt. Sie blieb vor den Werkstätten stehen und ließ sich bewundern, ging aber nicht hinein. Und im Verlauf desselben Tages teilte sie mir mit, daß sie nach Beratung mit dem Vater beschlossen habe, sich auf der Hoch- schule in Zürich zum Ingenieur auszubilden. Sie fuhr nun auch täglich in der Frühe mit dem Motor- wagen ihres Vaters nach Zürich, und des Nachmittags arbei- tete sie unter meiner Leitung in den Konstruktionssölen. Mit einer Hestigkeit und Energie, die häuug mein Bedenken erregte, warf sie sich auf ihr neues Studium. Es ist nun einmal die Art der Frau, sich— auch in der Wissenschaft— unbesonnen und rückhaltlos hinzugeben. Es war ein Glanz in ihren Augen, eine zärtliche Geschmeidigkeit in ihren Vc- wegungen, wenn sie. als wäre sie hier daheim, zwischen Zeichentischen und Berechnungstabellen uncherging, jenes Beben, halb Zorn und halb Schmachten, das die Siebzehn- jährigen kennzeichnet, wo immer sie sich hingeben— in Sport, Studium, Ballnächten oder Liebe. Uebrigens zeigte sie anerkennenswerte Tüchtigkeit. Lch habe wenige Reißfeder und Dreieck so sachgemäß handhaben sehen wie Majory Lane; ihre Bausen waren berühmt: und bei schwierigen Berech- nungen verachtete sie es, sich— wie wir anderen— des Rechenschiebers zu bedienen. Frauen erreichen rasch Hebung in der Rechenkunst, sie bilden schnell neue Bewußtseinslager für die mechanische Fertigkeit und werden hierin nicht wie Männer von einer neubildenden Phantasie gestört. Bald stieg denn auch ihr Ansehen. Der Vater, stolz auf Majorys Schönheit, Liebreiz und Tüchtigkeit, ließ sie � schon 1901 bei der Einweihung des neueröffneten Hochtunnels vom Eigergletscher durch die Jungfrau die Firma repräsen- tieren, und Majory Lane stand auf dem Vorperron von Laue Bros' elektrischer Lokomotive, die feinen Finger um den Hebel des Kontrollors gespannt. Im Jahre 1302 besuchte Elliot Clyne zum erstenmal Lane Bros' Fabriken. Er hatte im Alter von dreißig Jahren eine der epochemachendsten Erfindungen unserer Zeit gemacht: einen elektrischen Akkumulator von nahezu idealem Modell, von sehr großer Leistungskraft und verhältnismäßig ge- ringem Gewicht. In Amerika hatte er durch den Verkauf von Patenten Millionen verdient. Nun war er zu Lane Bros' gekommen, um mit der Firma wegen Uebernahme sämtlicher europäischer Patente zu verhandeln. Elliot Clyne ist kein Amerikaner, er ist nationalitätslos: er ist sein ganzes Leben gewandert, seitdem er, zwölf Jahre alt, von einer deutschen Brigg i» Singapore desertierte. Ich vermute, daß er deutscher Herkunft ist und ursprünglich Klein geheißen hat. Er war zu jener Zeit ungefähr fünfnnddreißig Jahre alt, aber bereits gezeichnet von einem hitzigen und ent- nervenden Arbeiksleben: von Not und Entbehrung in früheren Jahren, später von Nachtstudien und tagelanger Arbeit in Laboratorien und Konstruktiossalen— bis die Aufgabe ge- löst war und das Glück ihn traf, schwer wie der unvorher- gesehene Abschluß eines rastlosen Gewohnheitslebens. Und der Bewegungstricb, der sich bisher in der übermäßigen täg- lichen Arbeitsmenge ausgelöst hatte, ergriff ihn nun und jagte ihn ohne Widerstand und heimatlos auf Reisen von Land zu Land. Er hielt sich einige Monate in Direktor Lanes neu- erbauter großer Villa auf. die„Römerburg" getauft und nach dem Plan eines antiken Kastells auf dem alten römischen Lagerplatz nahe den warinen Quellen angelegt war. Wir wurden eine Art Freunde, und treffen einander mit jähre- langen Unterbrechungen auch noch jetzt zuweilen. Zwischen Majory und ihm knüpften sich wohl schon zu jener Zeit Beziehungen, die während seines Besuches im nächstfolgenden Jahre gelegentlich eines Banketts für sämtliche Ingenieure der Fabrik bekannt gemacht wurden. Majory Lane arbeitete indessen wie früher in ihrem Bureau, ohne auch nur auf eine Stunde ihrer täglichen Arbeitszeit Verzicht leisten zu wollen. Clyne sahen wir stundenlang einsam in den Parks umherwandern, oder er saß im Zeichenzimmer, Zigaretten rauchend, und betrachtete seine Verlobte mit schlveren Blicken, ohne auch nur ein ein- zigcs Mal ihren Augen zu begegnen. Es lag übrigens eine gewisse träge Melancholie über ihm, die häufig irritierend ivirkte, wenn ich auch das Quälende der Ruhestellung,, in der er sich gegenwärtig befand, sehr wohl begreifen konnte: mit einem abgeschlossenen großen Werke hinter sich und dem un- begreiflichen Wesen eines Weibes als Kompaß für seine Zukunftsbahn. Ich erinnere mich eines Tages im Juli, als Sarah Lane von rückwärts zu mir geschlichen kam. Sie strich mit ihrer Hand über die meine und schickte sich an, mich auf meinem Gang durch die Werkstätten zu begleiten.„Was habt ihr in diesen Tagen nur vor?" fragte sie.„Ihr seid alle so geheim- nisvoll. Seitdem Majory sich verlobt bat, seid ihr übrigens immer geheimnisvoll, und ich fühle mich ausgeschlossen von allem, was ihr plant." „Sarah," sagte ich,„wir baben wirklich Geheimnisse. i Wir bauen in diesen Tagen einen Wagen, der von dem Elliot Clyneschen Akkumulator getrieben werden soll. Des- balb ist der Versuchssaal geichlossen:— selbst für Sarah Lane"-• '„Mein iieuer Schwager," fuhr sie fort,'-„scheint mir überhaupt ein rätselhafter Mensch zu sein. Majory ist weit davon entfernt, ihn zu verstehen, und ihr Benehmen ihm gegenüber erscheint mir höchst unrichtig. Nun müssen Sie mir aber erklären, worin seine Erfindung eigentlich besteht. Ich bin geWitz nicht ganz und gar unsähig, sie zu verstehen, wenn ich auch nicht so gelehrt bin, wie Majory aus irgend- einem Grund zu werden es für gut befunden hat." Ich gab ihr eine populäre und daher nur halbwegs lorrekte Erklärung.„Das bedeutet also," schloß ich,„daß ein Wagen von jetzt ab von der bisher üblichen Betriebsart befreit ist und seine Kraft mit sich führt, wie der Reiter einen Futtersack, wie die Lokomotive einen Kohlenwagen. Elliot Clyne ist ein technischer Revolutionär, sehen Sie, Sarah, denn er haßt die abgesteckten und sanktionierten Wege. Aber warum halten Sie ihn für einen rätselhaften Menschen?" Sie lachte, schwieg aber. Ihre Augen waren ganz ruhig, 'sie blickten mich mit einer unbehaglichen Souveränität an, sie waren undurchdringlich und zugleich klar, von dunklen Ringen umgeben. Sie fand mich offenbar nichts weniger als rätselhaft, ich interessierte sie nur in sehr geringem Grade. /Zum ersten Male fiel mir auf, daß ihre Stimme in eine tiefere Lage hinabgestiegen, daß das Antlitz verlängert war, ohne ein rechtes Verhältnis zwischen den einzelnen Zügen aufzuweisen: es war bleich, mit einem kleinen bläulichen Anflug, und guckte aus dem dicken Haarbusch hervor wie aus einem schwarzen Dickicht, unbekümmert und neugierig wie kin Tier, das sich sicher glaubt. j .lLortsetzung folgt.x (naafcriid BttSoKn.) Sin Hbcnd in einem englischen Nachtasyl. Don B o z a P o I a k. sAus dem Tschechischen übersetzt von Otto Pick.) Georg irrte bereits einige Wochen durch die Straßen Londons, auf der vergeblichen Suche nach Arbeit. Er wohnte im Proletarier« viertel und geriet sogleich in den Sumpf der Großstadt hinein. In den schmutzigen, engen Gäßchen von Whitechapel, wohin die Sonnen- strahlen selbst am schönsten Sommertage nicht dringen, im jüdischen Biertel, wo alles dumpfig roch, in einer Höhle, wo die Not sich lauert und Verbrechen geboren werden, übernachtete er. Er versprach sich nicht viel von London; aber die rauhe Wirk- lichkeit überraschte ihn doch, lastete auf ihm und drückte ihn nieder. Ihm war, als fiele er im Zweikampf mit einem rücksichtslosen Gegner, der auf seiner Brust kniete und ihn nicht freigeben wollte. Und dieser rücksichtslose, harte Widersacher war die Not. Sein Geld ging zu Ende, er hatte keine Bekannten; die Fremden aber, an die er sich wandte, waren hart und ablehnend gegen ihn. Täglich begab er sich auf einen langen und herben Jrrgang nach irgendeiner Arbeit; er bot seine Hände und Fähigkeilen an, ging von Geschäft zu Geschäft, von einem Fabriktor zum anderen. Ueberall vertrieb ihn eine kalte, abweisende Höslichleit; überall dieses einförmige Achselzucken und ein ins Hirn sich bohrendes: ,,I um very sorry." sBedaure sehr.) Georg kehrte zurück, kraftlos und matt vom Herumlaufen auf dem sengenden Pflaster und zwischen Häusern, welche die Sonnen- Hitze ausatmeten gleich glühenden Platten. Er ging nach der Herberge. Zwischen stinkenden Fleischerläden wand er sich hindurch, an un- reinen, Ekel und Widerwillen erregenden Verkäufern vorüber, an geöffneten Bars, wo zerlumpte Trunkenbolde und kreischende Weiber im Kreise standen. Er ging stumpf, ohne Gedanken; nur die Müdigkeit lastete bleiern auf ihm. Sich irgendwo hinwerfen, schlafen, nichts sehen, nichts fühlen. Gleichviel wo.--- In der ebenerdigen Herberge bereitete sich eine Schar von Nichtstuern und Schmarotzern das Abendessen beim flammenden Herde. Es war ein weiter, düsterer Raum, in dem außer zwei großen schmierigen Tischen, einigen Bänken und im Winkel aufgeschichteten Strohsäcken nebst Decken keine anderen Möbel standen. Hier versammelten sich und hausten Leute, von denen manche noch immer eifrig einen Erwerb suchten und nur infolge langer Be» schäftigungslosigkeit in diese Versenkung gestürzt waren, Menschen, die mit der Zeit sich verändern und von den Abfällen Londons zu leben lernen, falls Arbeit und Verdienst sie nicht rechtzeitig vor dem Abgrund retten. Hier waren Menschen, aus denen, wenn sie«S noch nicht find oder der Zufall es will. Verbrecher werden; Menschen mit harten Mienen, und solche auch, deren Antlitz einen gesunkenen In- telligenten verriet. "Georg hatte hier keinen, mit dem er sprechen, nichts, woran er sich festhalten konnte; und er litt oft unter dem Bedürfnis, sich einer verständnisvollen Seele mitzuteilen. In seiner Brust quoll oft ge- waltiger Schmerz und unausgesprochene Sehnsucht auf, wenn er so allein durch die Gassen ging, aus denen ihm überall Hoffnungs« losigkeit entgcgenstarrte. Manchmal war ihm, als müßt? er laut hincinschreien in den Lärm des Straßenverkehrs, der sich zu be- weglichen Maspn von Menschen, Ou�.ibusien, Wagen und Autos steigerte; während seine schmerzlich ausgepeitschte Seele nach einem Menschen rief. Ja, nach einem Menschen mit einem Herzen in der Brust, nach einem der Freundschaft und Liebe fähigen Menschen; denn er fühlte, daß ihm nur durch Liebe und Freundschaft, nur durch den inneren Wert menschlichen Gefühls geholfen werden könnte, wenn er nicht kleinmütig versinken sollte. Viele Schlafgängcr strichen bis zum Abend in den Gaffen um« her und kehrten oft berauscht in der Nacht zurück, störten die anderen, lärmten und wälzten sich oft auf die Schläfer, welche dann nach ihnen hackten, und blieben schließlich angekleidet auf dem Fußboden liegen. Der Eintritt jedes verspäteten BettgehcrS war von Schimpf» Wörtern. Flüchen und manchmal gar einer Rauferei begleitet. Eines NachtS war Georg so aufgeregt und angewidert, daß er ailfstand, als eine wüste Szene in dem Düster des nur von einem blinzelnden Oellämpchcn erleuchteten Raums ihn störte. Ein paar Männer schleppten Weiber von der Gaffe herein, zerrten sich gemein in einem Winkel mit ihnen herum und feijschten unr eine Flasche Schnaps. Eine verprügelten sie und warfen die Kreischende dann hinaus. Georg hatte sich der Dirne annehmen wollen als er sah, wie roh die Hiebe auf ihren Körper fielen und wie das Blut aus ihrem stumpfen Gesicht floß. Doch kaum hatten die Kerle seine Absicht bemerkt, als sie auf ihn losstürzten. Er entkam ihren Fäusten nur durch rasche Flucht ins Freie, wo ihm noch die Person, die sie soeben vor die Tür ge- warfen und die er geglaubt hatte beschützen zu müffen, zornig und frech nachschrie. Er irrte die ganze Nacht durch Londons Straßen hin. Am Themsekai, in den unbeleuchteten Gäßchen und Winkeln der Lager- Häuser, gewahrte er bald hier, bald da ein ärmliches Weib, das gierig und listig den Männern auflauerte, im Finstern sich duckte; und er eilte beklommen den, Stadtinnern zu, um den Blicken lasier- hafter, in Fetzen gehüllter Subjekte zu entgehen, deren Lagerstadt Londons Pflaster und die Parkgebüsche sind. Zum ersten Male stand Georg der Not Aug' in Aug' gegen« über i er stählte sie an seinem Leibe und begriff nun den ungeheuren sozialen Kampf, dessen unterirdische Triebkräfte ihm bisher unzu- gänglich fremd gewesen und jetzt erst klar geworden. Von hier, aus diesen dunklen Tiefen, erhebt sich jener gewaltige Riese, welcher Elend heißt, zuerst als eine grausame Anklage, dann aber schon als eine bewußte Kraft, welche gerechte Richter fordert, Richter, in deren Herzen die rote Flamme der Begeisterung und des Glaubens an die Zukunft brennt. Richter, denen die breiten Massen des zum'Selbstbcwußtsein erstarkten Volkes ausübende Macht verleihen werden. Georg fühlte sich in diesem Moment emporgehoben. DaS sittliche Schwergewicht seines ganzen Wesens gegenüber der Armselig- keit und Inhaltslosigkeit des Lebens der anderen wie das reinigende Bewußtsein des eigenen Duldens erweckten den Richter in ihm; und die Anklage formulierte sich in seinem Hirn, stieg empor, breitete sich aus, wurde eindringlicher, weil sich ihr ein neues schmerzliches Kapitel zugesellte, das nimmer zu verwischen geht, noch verblaßt. Die ganze Nacht irrte er in den Gaffen umher, um gegen Morgen erschöpft auf den Rasen im Hhdepark niederzusinken. Ein Weilchen nur. Dann begann die Suche nach einem Erwerb aufs neue------------------- In der Herberge wars düster. Nur das Herdfeuer flackerte und färbte die Gesichter der bei ihm versammelten Männer rot. Die warme Vertraulichkeit des Familienkreises leuchtete aus ihren Wangen und Augen, welche ver- langend aus den über der Flamme schwebenden Keffel blickten. Sie waren schön in ihrem gesunden Hunger. So rein menschlich. Die Rüstern weiteten sich im Dufte, der dem Kessel wie einer großen Weihrauchpfanne entströmte und ein bedeutsamer Augenblick der Andacht, vergleichsam der Weihe des kirchlichen Abendmahls, rückte mit dem wachsenden Sieden der Speise heran. Georg saß auf einer Bank an dem großen Tisch und blickte stumpf, ohne Jntereffe vor sich hin. Alle» edle Streben der Menschheit erschien ihm jetzt zwecklos, ohne Wert, und da war nur eine höchste Macht, eine böse— hinterlistige, die Not-- und nur ein Despot, der Hunger—— und nur eine Religion, deren neuer Bekenner er war, eine niedrige und doch natürliche und wahre und darum sittliche, weit sittlichere als jene unnatürliche und lügenhafte Religion des gefüllten Kessels. Georg gegenüber hockte ein ziemlich herabgekommener Jüngling. Er hatte einen schön geformten Kopf, der tief zwischen den Schultern saß; ein ausdrucksvolles blasics Gesicht unter einer hochgcwö'.bten Stirn und Augen wie erlöschende Sterne. In ihnen war ein unbesiegtes Lodern, das bescheiden, Verhalten aus der Tiefe großer Trauer strahlte, während ein gebändigter Trotz still dahinter glomm. Die Gruppe am Herde verzehrte ihr Nachtmahl. Auf dem Strohsack neben deni Tisch lag ein älterer Mann mit dem AusdrMt eines Trinkers. DaS sagten Mine, eingefallene Augen und die Nase, welche sichtbare Spuren der Kneipe trug. Er erhob sich, fuchtelte mit den Händen und rief:„A horso, a horse, a kingdom for a horse 1"(Ein Pferd, ei» Pferd I Ein Königteich für ein Pferd I) und lief zum Herde. .Hahaha, der Doltor meldet sich, er hat Hunger", lachte jemand im Halddunlel. „Und wo hast Du dieses Königreich, was, wo denn?" bestürmte ihn ein anderer. „Gestern war eS da---- jetzt nimmer-- ein Pferd, ein gebratenes Pferd ist's jetzt---- aber es wird wieder ein Königreich werden"— Er streckte die kahlen, knochigen Hände zu der geschwärzten Decke empor und lieh sie auf einmal, wie wenn ihm der Gedanken- faden zerrisse und die Vorstellungen entschwänden, willenlos an den Körper sinken. „Gebt ihm ein Stück Fleisch und quält ihn nicht I" ließ sich Georgs Gegenüber vernehmen. Jemand im Winkel zischte:„Schmarren, er wird ausschlagen", und alle brachen in wüstes Gelächser aus. „Doktor, spiel' was I" «Spielen, spielen I Er soll spielen'"-- „WaS, der Doktor, ich, ich Hab' gespielt.-- Harmonika, was mit der Harmonika? Fort mit ihr in Stücken, damit sie nicht quietscht.-- Sauf, Alterchen, Whisky ist Gift, haha-- aber gut, sauf I" „Und ich schenk' Dir Fleisch, ein Stück Fleisch, damit Du nicht spielst.--- Die Kunst, Weifet Du, Kunst ist ein herrliches Licht und Du bist ein Pfuscher--- ich spuck' auf alles." „Jfe, Alterl" „Ich bin ein blöder Kerl und Hab' ein Diplom--- ein Musikant--- das Bein gebrochen-- Chirurgie--- die Operation ist nicht gelungen!" „Doktor, spiel' einSl" „Lafet ihn doch essen! Und Du. Alter, spiel' nicht!" .Spiel', Doktor!--- So eine Holzpuppe!-- Ein Licht I Wo hast Du das Licht? Auf der Nase-- halt' das Maul I" Die Herberge füllte sich. Der Lärm wuchs und steigerte sich zum Gebrüll. An den Tisch, zu Georg, setzte sich ein verwahrloster Bursche— kaum der Schule entwachsen. Er hatte kein Hemd an, blofe zerrissene Hosen und eine Art langen KaftanS von unbestimmter Farbe. Er angelte aus der tiefen Tasche einen getrockneten Fisch und ein Stück Brot heraus und afe gierig. Am Nebentische wurden Karten gespielt und gestritten. „Einen Hejpny(Half penny), Lump, gib den Hejpny her!" Ein untersetztes Männchen mit zornrotem Gesicht sprang vom Sitz auf, packte seinen Mitspieler am Hals und schrie wie besessen: „Lump, den Hejpny!" Ein vierschrötiger Kerl fafete ihn am Kragen, warf ihn zur Seite, dafe er taumelte und hinfiel:„Ich werd' Dir was geben. Du Hamster I' Er wütete, verkroch sich in den Winkel und schrie nur mehr von Zeit zu Zeit wie ein bellender Hund. Der Jüngling, der Georg gegenüber safe, räusperte sich: darauf beugte er sich zu ihm und sagte: „Kennen Sie Manfred?" „Jawohl," bestätigte Georg. „Geduld ist fürs Vieh, nicht wahr?" Ter so sprach, hiefe Pavlovsky. ein Nusie. Er war gelernter Buchbinder und ging nach Verlust seiner Arbeitsstelle schon ein halbes Jahr vergeblich in den Gasten Londons herum, ohne irgendwo haften zu bleiben. Ein paar Wochen hatte er in der Küche einer Restauration das Geschirr gewaschen und war sodam, in eine noch gröfeere Misere hineingerate» als zuvor. Der Doktor spielte diej Harmonika. Kreischende Töne schlugen an die hohlen Wände und hämmerten ohne Erbarmen aus das Gehör los. Ein Gericht von kochendem Leim zog vom Herd herüber. „Thomson geht zur Audienz, er repariert seine Hosen," rief jemand in der Ecke. Beim Herde safe ein alter, verkommener Bursch mit rötlichem, ? erfurchten, Gesicht und einem Ziegenbart, und kante Tabak, lieber einen Knien lag eine Hose, die er mit Flicken beklebte. Er hatte gutmütige Augen und gemahnte an ein reizendes Bild von Van Ostade, vom Flammenschein des Herdes im dunkeln Räume koloriert. „Väterchen, hast Du feine Zigarette?" redete Georg ein langer Mann mit dem Gesicht eines Lungensüchtigen an. Er mochte etwa dreifeig Jahre alt sein und war eS, der vorhin:„Schmarren!" ge- rufen hatte. Georg zuckte mit den Schultern:„Ich Hab' keine." „Und der Landsmann hat auch keine", sagte er spöttisch zu Pavlovsky.—„Weller noch'mal--* Eine Weile blieb er hinter ihm stehen, dann wandte er sich, spie auf den Boden und wälzte sich sogleich auf seinen Strohsack. „Dieser Mensch hat einen Jahrgang Technik. Er trank gern und so ging'S abwärts mit ihm. Er schmarotzt, wo er kann, jetzt ist er aber fertig. So lange ich einen Groschen besafe, hat er sich an mich gehalten." sagte Pavlovsky. Stickender Dunst erfüllte das ungenügend gelüftete Lokal. Die Bettgeher legten sich ans die Strohsäcke. Jemand blies di« kleine Oellampe an der Wand aus und ein langgezogenes Gähnen verbreitete sich in der schweren Luft. Georg lag neben Pavlovsky. Das Rasseln eines einsanwt Fuhrwerks auf der Gasse drang in den ebenerdigen Raum und mischte sich mit dem Fieberhauche un- ruhig sich herumwälzender Schläfer.... Das Herdfeuer brannte zu Ende. Nur kleine glühende Kohlen- stückchen erglänzten...._ Huf dem rörmfcbcn Trödelmarkt. Von Dr. Rudolf Krauß Es ist unter den Besuchern und zumal unter den Besuche- rinnen der ewigen Stadt eine althergebrachte Sitte, dafe sie einmal zum mindesten ihrem Eifer in der Besichtigung von Museen, Galerien und Kirchen Zügel anlegen, um sich an dem buntbewegten Volkstreiben des Trödelmarkts zu erlustigen. Wen sretlich der Teufel der Kauflust erfafet hat, der läfet es bei dem einen Male nicht bewenden und kehrt wieder und wieder zurück zu der Stätte des Feilschens, um mit mehr oder weniger Geschick und Geschmack teuere oder billige, wertvolle oder nichtige Andenken an den römi- schcn Aufenthalt zu erwerben. Jeden Mittwoch von 9 Uhr bis etwa zur dritten Nachmittags- stunde wird der Markt abgehalten. Die Trambahnwagen der Linie 1, die den Hauptbahnhof mit dem St. Petcrsplatz verbindet, pflegen sich an diesem Tage schon beim ehrwürdigen Palazzo della Cancelleria zu entleeren. Gleich aus dem dahinter liegenden lang- gezogenen Cancelleria-Platz sieht man lange Budenreihen ausgc- schlagen, die sich bis zum Campo di Fiorc, der Richtstätte Gior- dano Brunos, ausdehnen und in den daneben und dazwischen liegenden Gassen und Plätzen fortsetzen. Zwischen den Buden be- wegen sich die fliegenden Verkäufer mit ihren um den Leib ge- hängten Riesentragbahren, ihren Plunder unermüdlich den Fremden anpreisend, deren Sinn doch auf ganz andere Dinge ge- richtet ist. Auch die Besitzer der ständigen Läden in dieser Stadt- gegend haben davor auf Schautischen ihre Waren ausgebreitet, und so wird die Kauflust von allen Seiten herausgefordert und auf- gcmuntcrt. Das Fordern und Bieten und Handeln, das tausend- fältige Stimmengewirr, das Lärmen, Toben und Johlen in der aus- und abwogendcn Menge nimmt von Stunde zu Stunde einen unheimlicheren Umfang an, und dazwischen vernimmt man das Ge- wimmer von Bambinis, die von den Müttern auf den Armen her- umgeschleppt werden oder unter den Bretterbuden in grofecn Stroh- körben deponiert sind. Wie betäubt flüchtet man schliefelich in den Frieden des doch gewife auch nicht stillen Corso Vittorio Emmanuele. Auf dem Campo di Fiore bieten von altcrsher die Blumen- Händler ihre Topfpflanzen und Schnittwaren feil, und hier kann man sich um ein paar Saldi einen kleinen römischen Frühling erstehen. In diesem Bereich sind auch Lebensmittel aller Art zur Schau gestellt: Orangen, Zitronen und was an Früchten die Jahreszeit bietet, Gemüse, darunter die köstlichen Artischoken, und Salate in vielerlei Sorten, neben lebenden Singvögeln Geflügel, Fische, Schlachtvieh aller Art, Würste, Käse und Backwaren. Merk. würdiges Seegeticr zieht die Augen der Beschauer mehr auf sich, als dafe es den Wunsch weckt, es mit dem Magen in Berührung zu bringen. Leinwandzelte oder bunte Riesenschirme, wie sie auch — mehr praktisch als schön— von den römischen Kutschern bei Regenwetter über dem Bock aufgespannt Werden, dienen als Schutz gegen stechende Sonne oder sonstige Unbilden der Witterung. Ucberhaupt findet der Römer und die Römerin auf dem mitt- wochlichcn Markte alles, was des Lebens Notdurft und des Tages Bedürfnisse erfordern: Stiefel, Schuhe und Pantoffeln, Beklei- dunpsstücke und Leibwäsche, Hosenträger und Krawatten, Bänder und Stoffe jeder Art, und manche verproviantieren und equipieren sich vollständig aus diesen unerschöpflichen Vorräten, wie der deut- sche Grofestädter aus seinem Warenhause. Für die Fremden haben diese Teile des Marktes indessen nur ein Kuriositätsinteresse, und sobald die erste Neugier befriedigt ist, eilen sie hinüber zur Via Baullari und zur Piazza Pollarola, wo die Antiquitätenhändler in dreifacher Reibe ihre Buden ausgeschlagen haben. Da beginnt das Feld ihrer Tätigkeit. Was gibt es aber auch nicht alles zu sehen, anzustaunen, zu erwerben! Spitzen, güldene und farbige wie weisse, glänzende Brokate und Mcfegewänder, Stickereien, orientalische Schals, seidene Gewebe. Dann Malereien auf Lein« wand, Elfenbein, Porzellan und Glas, Elfenbeinschnitzereien, Kunstwerke in Marmor und Alabaster, geschnittene Gemmen ohne Zahl, Silberzeug, Schmuckwerk, Korallen, Halbedelsteine, Münzen. Porzellan und Majoliken. Endlich Eisen-, Bronze-, Messing- und Kupferwaren, darunter die beliebten Kupferkessel in allen Gröfeen und Formen, die unvermeidlichen römischen Mcssingampeln mrt den drei Oelbrenncrn und die siebcnarmigen Judenleuchter, dazu getriebene Arbeit aus edlen und unedlen Metallen. Nun die Hauptfrage: ist die Ware echt oder unecht, antik oder modern? Wenn man sich damit an die Verkäufer selbst wandet, erhält man natürlich die stereothe Antwort: �lolto antico! Aber oft beweist ihre lachende Miene im Bunde mit der bescheidenen Forderung, dafe sie ihre Behauptung nicht ernsthaft aufrecht er- halten wollen. Uebrigens ist ihre eigene Warenkenntnis oft ziem» lich mangelhaft, denn sonst lönnie es nicht vorkommen, dafe sie mit, unter wirklich wertvolle Altertümer z» Spottpreisen verschleudern. Sonst würden sie auch nicht ihre ÄrtiM in einem ganz nnsystc- matischen Durcheinander ausstellen. Im grasten ganzen jedoch ist der höchste Grad von Misttraucn berechtigt. Alles wird nach- geahmt, für sämtliche Stoffe und Formen gibt es FälschungS- fabriken. Die Kupfergefäste werden künstlich gealtert, die Porzcllanfigurcn mit Sraub überzogen oder gar eines Gliedes beraubt. Unter dem vielen angeblich Altmeistner Porzellan, das auf den Markt kommt, befindet sich kaum je ein echtes Stück, und mit noch größerer Sicherheit ist jeder, der ein Werk aus der alt- berühmten italienischen Fabrik Capodimonte erwischt zu haben glaubt, der Betrogene. Von den anmutigen Formen der feilgebote- nen Geschmeide und sogenannten Silberarbeitcn darf man sich nicht verfuhren lassen, auf den Adel des Materials zu schließen. Die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten in der Unterscheidung von antik und modern, denen gegenüber nicht selten sogar das Wissen bewährter Kunst- und Altcrtumsexperten versagt, lassen es für den Laien als ratsam erscheinen, von vornherein alle ange- priesenen Waren unter dem Gesichtspunkt moderner Fälschungen zu betrachten und sich mit den Preisen danach einzurichten. Er fährt am besten, wenn er kauft, was ihm an sich ohne Rücksicht auf das Alter gefällt, und dafür nicht mehr anlegt, als der Gegenstand selbst nach Stoff und Ausarbeitung rechtfertigt. Und tut er dabei wirklich einmal einen guten Fischzug, so möge er sich darüber als über einen uncrhoftfcn und unverdienten Glücksfall freuen. Der römische Trödelmarkt ist eben schließlich doch ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. Tie Verkäufer beziehen neben den Fälschungen, die ihnen als solche wohl bekannt sind, einen anderen Teil ihrer Waren auf eine ihnen selbst unkontrollierbare Weise: durch Auktionen, aus Nachlässen, aus dem Besitz wohlhabcn- der Familien, die aus irgendwelchen Gründen ihre Schätze ganz oder teilweise abstoßen wollen oder müssen. Nicht von dem zu reden, was an gestohlenem und gehehltem Gut in den Handel kommt. Unter den Gegenständen solcher Herkunft gibt es einzelne wirkliche und wertvolle Antiquitäten, zu deren Entdeckung eben Geschick und Glück gehören, und um dcreiwillen auch vornehmere auswärtige Kunsthändler den Trödelmarkt besuchen. Mitten unter den Dutzendwaren schlecht geschnittener Steine und fabrikmäßig hergestellrer Miniaturen kann der Blick plötzlich auf ein fein ge° arbeitetes Stück fallen, das auf eine Blüte dieser Kleinkünste deutet, wobei man sich nur damit begnügen muß. das Alter nach Jahrzehnten zu berecbnen, nicht nach Jahrhunderten. Oder man stößt auf ein einer Kirche entführtes Heiligengcmälde, das nicht bloß Kopie jüngsten Datums ist, oder auf eine Porzellangruppe, deren verhältnismäßig wenig bekannte alte Marke eine gewisse Hoffnung auf Echtheit erweckt, oder auf originelle Holzfigurcn aus alten Krippen oder Puppenspielen. Kein Wunder, wenn der Fremde doppelt stolz ist,«inen solchen Fang weit unter dem wirk- licken Wert getan zu haben: er wird in Rom— nicht bloß auf dem Trödelmarkt, sondern auch in den Läden— so oft übervorteilt, daß es ihm besondere Genugtuung gewähren muß, seinen Vorteil auch Leinerseits einmal gründlich wahrgenommen zu haben. Wer sich auf Handeln und Feilschen nickt versteht oder sich nicht darauf einlassen will, der bleibr dem Trödelmarkt besser fern. Es gibt naive Leute, die sckon einen Anlaß zum Triumph darin erblicken, daß sie den ersehnten Gegenstand um die Hälfte des ge- forderten Preises bekommen haben. In Wahrheit sind sie dabei fast immer noch die Hereingefallenen. Man biete dreist ein Drittel oder sogar ein Viertel des angeblichen Kauffchillings, und oft genug wird man es zu seiner Ueberraschiing erleben, daß man dafür die Ware ohne Umstände zugeschlagen erhält. Nur darf man sich bei- leibe nicht anmerken lassen, daß man auf ein einzelnes Stück sonderlich erpicht ist. Sonst verwandelt sich die übliche Nachgiebig- leit der Verkäufer in Zähigkeit. Am besten entfernt man sich scheinbar gleichgültig, nachdem man sein äußerstes Angebot getan hat. Es ist zehn gegen einS zu wetten, daß der Händler dem Kunden nachläuft und durch ein Vengal seine Bereitwilligkeit, das Geschäft abzuschließen, zu erkennen gibt, wobei er nach italienischer Sitte mit der Handfläche nicht gegen sich, sondern gegen den anderen zu winkt. Dieses Venga wird oft in einem rührend elegischen Tone gesprochen, wie wenn die Verkäuferin(denn daS weibliche Geschleckt herrscht unter den Budenbesitzern vor) einen großen Verlust erlitten hätte; oder sie sucht auch durch geheimniS- volles Flüstern den Anschein zu erwecken, als ob sie das übrige Publikum nicht wissen lassen wolle, den Gegenstand zu einem so niederen Preis abgelassen zu haben. Wenn der Fremde seinen Obolus entrichtet hat, ist jedoch damit das Geschäft noch nicht völlig erledigt; jetzt beanspruchen noch allerhand dunkle Gestalten, die beim Vertragsabicklust eine Vermittlerrolle gespielt haben wollen, ihre Mancia. Man scküttelt die Zudringlichen lachend ab, was ihrer guten Laune keinen Eintrag tut; sie versuchen eben ihr Heil bei einem anderen, bis schließlich doch ein paar Saldi für sie ab- fallen. Wer auf den Trödelmarkt geht, tut klug daran, sich vorher mit Gcldsorten jeder Art zu versehen; denn beim Wechseln bekommt man die unglaublichsten Münzen heraus, die man übrigens in Rom ebenso leicht wieder los wird, wie man sie einnimmt. Nur beim Papiergeld herrscht größere Aengstlichkeit. Nicht selten wird einer von den zahlreichen auf dem Trödelmarkt stationierten Scker- gen der Polizeigewalt mit dem ebenso ehrenvollen wie heiklen Auftrag betraut, die Echtheit eines Fünf- oder Zehnlirescheines, für die das Wasserzeichen maßgebend ist, zu prüfen, und um den Mann de? Gesetze? pflegt ein förmlicher Auflauf zu entstehen, da Leravtw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: sich seder Passant berufen glaubt, bei der schwierigen Prüfung und Entscheidung mitzuwirken. Der Besitzer muß sich schließlich glücklich preisen, wenn er den Schein wieder unversehrt in seine Hand zurückerhält. Daß im Marktgedränge nicht nur die Händler, sondern auch die Vertreter des edlen DicbcSgewerbes zur Erleichte- rung der Taschen beitragen, versteht sich ganz von selbst. Lebewohl, römischer Trödelmarkt! Doch halt! Noch ein paar Augenblicke hinüber zum Paradiso, wo die Antiquariatsbuchhändler ihre Scharteken feilhalten. Hier bewegt sich mit rubiger Würde allerlei gelehrtes Volk, das nach geheimnisvollen Bücherschätzen fahndet und mamlunal auch die erhofften Funde tut. Das Feilschen ist hier weniger Sitte; die Preise sind auch so niedrig gestellt, daß es sich kaum verlohnte. Die Verkäufer wissen genau, daß es vielen Kunden nur um die Einbände zu tun ist. Es ist fast sckon eine Art von Ueberliefcrung geworden, daß der Deutsche sich vom Büchermarkt ein paar gut erhaltene Schweinsleder mitnimmt, sich dazu von den hübschen Vorsatzpapieren aus der Jndustria feminile erwirbt und nach der Heimkehr ein paar Lieblingsbüchcr in dieses römische Getoand steckt. Schwer beladen pflegt der Fremde den Trödelmarkt zu ber- lassen, und mancher beeilt sich, seind nicht eben leicht transportablen Schätze in einer Droschke möglichst rasch zu bergen. Aber das Schwierigste steht ihm noch bevor, nämlich das Verpacken. Wohl dem, der seine Beute unbeschädigt und unzerbrochen zu den Heimat» liehen Töven rettet, und dreifach glücklich, wenn er zu Hause nicht erfahren muß, daß er sein gutes Geld für Fälschungen hinaus- geworfen und sich mit wertlosem Krimskram geschleppt hat! Kleines feuilleton. Gesundheitspflege. Sandbäder. Daß ein Bad in sonnendurchtvärmtem Sand eine Annehmlichkeit sein kann, lehrt uns sckon die Beobachtung der Spatzen. Aber toas für einen Vogel gut ist, braucht deshalb nicht für einen Menschen zu taugen. Immerhin hat sich die Heilkunde sckon seit geraumer Zeit mit der Wirkung heißer Sandbäder de- schäftigt, und Dr. Lichtwitz zieht in der Zeitschrift für Balneologie den Schluß aus den Beobachtungen, die bisher über die Wirkung solcher Bäder auf den gesunden und kranken Menschen gemacht worden sind. Der benutzte Sand soll nack den gemachten Er- fahrungen eine Temperatur von 47 Grad haben, die Dauer des Bades 40 Minuten nicht übersteigen. Daran schließt sich«in Reini- gungsbad im Wasser von 37 Grad für eine Dauer von S Minuten, ein Ausenthalt auf einem Ruhclagcr mit einer trockenen Packung von 40 Minuten und schließlich die Verabfolgung einer Dusche von 30 Grad. Die Temperaturen sind selbstverständlich in Celsius an- gegeben. Die Sandbadkur hat nach diesem Rezept eine Ermäßigung sowohl der Dauer wie der Temperatur erfahren, ist aber nach den Feststellungen des Fachmannes von gleicher Wirkung wie die frühere, die rund 3 Stunden in Anspruch nahm. Die Zahl der Pulssckläge steigt im Sandbad erheblich, im Durchschnitt bis auf 117 und fällt dann wieder bis fast auf die anfängliche� Ziffer. Dem- entsprechend steigert sich auch der Blutdruck. Die Körpertemperatur erreicht im Höchstfall 37,8 Grad. Die Gewichtsabnahme belauft sick auf fast 3 Pfund. Danach stellt sich die Wirkung des Sandbads als eine Art von künstlichem Fieber dar, die aber keinerlei Schädigung des Gesamtbefindens herbeiführt. Die Krankheiten, die durch Sand- bäder geheilt werden sollen, sind namentlich alle Gelcnkentzün- düngen und gicbtischen Leiden, daneben auch chronische Nierenentzündung. Tie starke Dursterrcgung im Verlaufe dcS Bades kann dazu ausgenutzt werden, dem Kranken Flüssigkeiten von besonders hohem Nährwert zuzuführen. Aus dem Pflanzenreich. Wandernde Pflanzen. Pflanzen und Haustiere haben den Mcnscken auf allen seinen Wanderungen durch die Welt bc- gleitet. Wo immer er erschienen, sah man neue zoologische und botanische Arten in seinem Gefolge auftauchen. Die Ausdebnung des Weltverkehrs macht daneben ihren starken Einfluß im Sinne der Ausbreitung fremder Pflanzen in Europa geltend. Und zwar handelt es sich dabei weniger um Nutzpflanzen, als um die Ein- führung neuer Unkrautarten in die alte Welt. Viele Samen und Keime werden ans fremden Ländern mit den Säcken und Kästen, in denen die Produkte verpackt sind, eingeschleppt. Die Meerhasen sind die Eingangspforten dieser cingesckmuggelten Keime, die zu Schiff und per Bahn den Weg inS Land finden. Nach den Ilntersuckungcn Hoecks über die Verbreitung exotischer Pflanzen in Deutschland kennt man zurzeit an die 2000 Arten wildwachsender Pflanzen, von denen ungefäbr ein Viertel in die Flora des Landes im Laufe der letzten 50 Jahre eingeführt wurden. Die Mehrzahl all dieser Neulinge ist in Norddeutsckland eingedrungen, wo man die Existenz von 450 neuen Arten festgestellt hat. Die Hamburger Flora hat eine Vermehrung von 100 überseeischen botanischen Varietäten er- fahren, die Berlinische eine solche von 150. Die Zahl der neuen Kulturpflanzen ist in Süddeutschland daher kleiner als in Nord- deutschland. Sie finden im übrigen zumeist in ihrer neuen Heimat minder günstige Existenzbedingungen und gehen allmählich wieder ein. Nur wenige haben hier festen Fuß fassen können. Unter ihnen stammt die Mehrzahl, die man in Nordbeutschland antrifft. aus Amerika, der kleinere Teil auS den Ländern des MittelmeercS. VorwärtSBuchdruckerei u.BerlagsanstaltPaul SliigerjcCo., Berlin LW.