Unterhattungsblatt des Horwärts AK. 164. Freitag> den 25. August. 1911 LZiachdruS verdoten-Z Vie Srzäh\\m$ äes Ingenieurs. 3) Von Otto Run?. ;,Das Rätselhaste an Mr. Clyne." sagte Sarah endlich, ;,ist, daß seine Äugen nicht zugleich nnt seinem Mund lächeln, daß er nein sagt, während er nickt, um eine Sache zu bekräftigen, daß er meine Schwester immer mit recht un freundlichen und sogar ironischen Augen ansieht,— sobald sie seinen Blick sucht. Aber wenn sie sich von ihm abwendet und böse ist, weil er kein Vergnügen daran findet,' diese ewigen technischen Fragen mit ihr zu besprechen(was ich wirklich gut verstehe I), dann sieht er sehr betrübt drein. Das ist rätselhaft. Es ist das ganz ähnlich, wie wenn ich nun, nur zum Scherz natürlich, die Knöchel meiner Hand ganz dicht einer Maschine nähere, um zu sehen, ob der Strom in mich überspringt— und sie wieder entferne und wieder nähere. Sehen Siel So!" „Sarahl" rief ich und faßte ihr Handgelenk. Sie wandte sich langsam von der großen Dynamomaschine ab, vor der sie stehen geblieben war, der lärmenden, veralteten Maschine, die alle anderen bevormundete und deren gerippte Magnet- räder, die an die Unterseite eines Pilzes erinnerten, krachend umherwirbelten, gleichsam nach jedem schnappend, der in die Nähe kam, während die anderen Maschinen in breiter, männ- llicher Kraft ruhig in ihren Bahnen liefen. Sarah folgte mir weiter.„Warum schweigen Sie jetzt?" fragte sie. Äber ich schwieg immer noch, ich war einigermaßen aus der Fassung gebracht von diesem ganz erwachsenen, bla- siert verständigen Gesicht auf dem Hintergrund einer düsteren Haarfülle, das mit dem ganz schmächtigen und unentwickelten Mädchenkörper nicht in Einklang zu bringen war. Es war ein Gefühl, wie wenn man aus der Entfernung das Geschlecht einer des Weges kommenden Person verwechselt hat und sich bei näherem Zusehen genötigt sieht, seine Ansicht richtigzu- stellen. „Ach nein." sagte sie,„ich fürchte mich gar nicht vor den Maschinen. Denken Sie nur, wie sehr ich an sie gewöhnt bin. Und doch gibt es Umstände, unter denen ich sie noch nicht gesehen habe. Ich habe sie bisher nur Nutzen bringen sehen." „Dazu sind sie auch bestimmt," sagte ich,„ebenso wie wir Menschen." Sie schüttelte das kluge Köpfchen.„Dazu bin ich denn doch schon alt genug, um zu wissen, wie unzutreffend und dumm das ist, was Sie da sagen. Wir Menschen haben eine ganz, ganz andere Bestimmung." Sie schwieg einige Mi- nuten. An meiner Seite gehend, vermied sie es sorgfältig, mich zu berühren, richtete aber ihre Schritte genau nach den meinen. Nun versuchte sie einen Ausdruck anzunehmen, den ich sogleich erkannte, und wirklich fragte sie im selben Augenblick: „Will, finden Sie, daß ich meiner Schwester ähnlich bin?" '„Ja," sagte ich,„unbedingt!" Sie lachte höhnisch.„Männer sagen immer: unbedingt. Männer haben keinen Sinn für anderes, als was unbedingt ist. Selbstverständlich gleiche ich meiner Schwester noch nicht, aber ich gleiche ihr, wie sie in meinem Alter war, und in drei Jahren werde ich ihr gleichen, wie sie jetzt ist." „Zweifellos, Sarahl" „Sagen Sie mir. Will, glauben Sie daran, daß Männer zurückkehren?" „Was verstehen Sie unter zurückkehren?" „Ich meine, ob Sie glauben, daß Männer dahin zurück- kehren, wo sie ursprünglich suchten— was sie ursprünglich suchten?" „Ja, Sarah, das glaube ich. Männer bleiben dem Typischen treu: insoweit kehren sie zurück. Aber, Sarah, Männer haben Wünsche, von deren Heftigkeit Sie, selbst wenn Sie älter und noch klüger sein werden als Sie bereits sind, niemals die entfernteste Ahnung haben werden." „Schön," sagte sie, offenbar ohne meiner letzten Bemer- kung das geringste Interesse zu schenken, Wir waren unterdessen bis zum Versuchsgebäude ge» kommen und begegneten hier Direktor Lane, der auf dem , Heimwege begriffen war. Sarah hing sich in ganz kindlicher «Art an feine mächtige Jmperatorengestalt: er hob sie, ihre Handgelenke fassend, einige Zoll über den Boden und gab ihr Erlaubnis, den verbotenen Verschlag zu betreten. Da stand auf einem Block von schwerem Eichenholz der Unterteil des neuen Motorwagens stur mit feinen langen zylindrischen, wrpedoähnlichen Akkumulatoren nach Elliot Clynes Patent. Der Werkführer, David Hitz, der später bei der großen Wettfahrt ITlzdiiss star führte, leitete die Montage. Auf einer Bank saß Majory Lane und sah zu. indessen Clyne sich in seiner sonderbar verdrossenen Art in den niedrigen Fensterrahmen gehockt hatte. Dort faß er und sah gedankenverloren vor sich hin, während er mit den großen entblößten Zähnen in eine kalte Pfeife biß. Majory wandte sich sogleich um. „Willi" sagte sie,„Elliot hat erklärt, k'I�iuA«tar bei der großen Wcltkonkurrenz im Juli nicht fahren zu wollen, obwohl er selbst die Maschine erfunden und gezeichnet hat, und obwohl sie beim Rennen meine Farben tragen soll." „Nein," entgegnete Elliot Clyne.„Dergleichen überlasse ich irgendeinem gemieteten Jockey." „Elliot Clyne' fürchtet sich," sagte Majory ohne Hohn in der Stimme.„Er wird einen Anderen, einen Mutigeren als Führer von Irving star sehen." Und sie beugte sich vor zu dem Werkführer, der soeben sein ganzes Gewicht über einen Schraubenschlüssel gelegt hatte, um ihn auf eine wider« spenstige Schraubenmutter zu zwängen. Elliot Clyne betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen.„Schön," sagte er auf englisch,„laßt ihn doch lllziiig star fahren. Er ist offenbar geeignet zum Jockey und Gla- diator. Er hat zweifellos das Vorwärts in seinem Blute, während in unserem das Zurück pocht aus Furcht oder vielleicht aus Neugierde. Für diesen Typus hat unsere heftige und sinnliche Zeit gute Verwendung. Die Arbeit, die wir mühsam in unseren Laboratorien und Studierzimmern leisten, wird, wie es mir scheint, Verschwenderhänden als Spielzeug übergeben. Einerlei! Mir genügt es, die Arbeit getan und ein Mittel geschaffen zu haben: damit ist meine Aufgabe zu Ende. Ein Mittel zu gebrauchen, scheint mir etwas Armseliges, selbst wo es einen Rekord in den Welt- rennen gilt. Aber mit Frauen ist es ein ander Ding: die beugen sich erst, wo sie— die Wirkungen eines Mittels vor Augen sehen I" Majory entgegnete nichts: sie sah ihn nicht an: es schien, als fühlte sie nicht einmal, daß er in ihrer Nähe stand und gesprochen hatte. Sarah aber hatte sich dicht an ihn heran- geschlichen, ihr Aermel strich an dem seinen hin, und ich sah einen leichten Schauer über ihre Wange fahren. Der Werkführer, der nichts von dem Gespräche ver« standen hatte, stand immer noch über seine Arbeit gebeugt. Es war wirklich etwas von der kalten und gesammelten Energie des Jockeys in seinem mageren, glattrasierten Ge- ficht. Die Augen lagen stupid und dennoch gebieterisch wie in einer Verengung zwischen den rußigen Lidern: und der gekrümmte Rücken, dessen Muskulatur bei jeder Bewegung unter dem dünnen Hemde heftig wsgie, sowie die keulen- artigen Arme eines Faustkämpfers, die ihm nun, da er sich erhob, von den Schultern hingen, schienen wie dazu geschaffen, ungeheure Lasten zu tragen. Er stand, den zyklopischen Körper halb von dem Feuerschein der Esse, halb von dem blauen Tageslicht beleuchtet, und wartete auf einen Befehl. Unberührt von Elliot Clynes letzten Worten saß Majory da, die Hände um die Knie gefaltet und den Blick starr auf David Hitz geheftet, der immer noch halb abgewandt stand, unbeweglich wie eine eingestellte Maschine: allmählich abc« schien er gleichsam unter den Einfluß fremder Kräfte geraten, er schüttelte sich wie ein Roß, das das Gebiß spürtz hob rasch den Blick und sah Majory Lane in� die Augen. Mehr ass eine Minute regte sich keiner von ihnen. Da» gewohnte dumpfe Dröhnen der Maschinen, das rhythmisch« Klappern der Schmiedehämmer hinderte nicht, daß dies« Minute uns vollkommen lautlos erschien, wie eingezwängt in eine heftige Spannung, die jeden von un» unbeweglich an leinen Platz bannte llnb just, als dieser Zustand mir unerträglich zu werden Vegann und ich mich entschloß, ihm ein Ende zu machen, kam das ohrenbetäubende Schrillen und Gellen der Fabrikspfeifen durch die Werkstätten gefahren und riß wie ein heulender Sturmwind die Arbeiter von ihren Ambossen und Dreh- danken. Der große Werkführer schob langsam den einen Fuß vor, hob schwerfällig den anderen, wandte uns mit un- geheurer Anstrengung den Rücken und ging. Elliot Clyne hielt meinen Arm fest gepackt, während wir alle vier über die Fabriksplätze schritten.„Haben Sie ge- sehen?" raunte er.„So wählt sie beständig das, was mir völlig entgegengesetzt ist, wie um eine Art Balance zu erzielen, in der keines von uns die Oberhand gewinnt. Sie will nicht nachgeben und sich mir unterordnen, vielleicht weil sie weiß, daß ich es nicht würdigen würde, wenn sie es täte." Ich ging hierauf an Majorys Seite und trachtete ein Gespräch in Gang zu bringen, aber jedem meiner Versuche, ihr näher zu kommen, begegnete ihr ganz undurchdringliches Lächeln. Wir kamen durch die Gießerei, wo die Arbeit noch nicht beendigt werden konnte. Die schwere, korbförmige Gieß- Pfanne kam lautlos durch den Saal daher, von dem großen Laufkran unter den Schmelzofen geführt, dessen Brustplatten, gleichsam zugeknöpft von den schwarzen Bolzenreihen, dumpf herausschauten aus der rauchbraunen Finsternis, (Fortsetzung folgt.I Oer Oorflump. Ein Stück Menschenleben. Von Max Treu. Das war der Dorflump: Karl Johann Baum oder„Baum- Hannes", wie man ihn rief, wenn man es nicht Dorzog, ihn. was meistens der Fall war, bei seinem Gemeindenamen.Torslump" zu nennen. Baumhannes war ein stattlicher Bursche, breitbrüstig, mit blitzenden braunen Augen, denen man Kühnheit und Entschlossen- heit ansah, und der einst seine sechs Fuß und mehr in seinen Schuhen gestanden hatte. Heute stand er nicht mehr darin, heute humpelte er auf zwei armseligen Stelzfüßen durch die Dorfgassen; er war ein Krüppel, der sich auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen sah. Früher wars freilich anders gewesen. Da war Baumhannes einer der rüstigsten und kräftigsten Arbeiter draußen auf dem Bahnhof, der zu seinem Heimatdorf gehörte, und der ein sehr be- lebter Kreuzungspunkt mehrerer wichtigen Eisenbahnlinien war. Da also hatte Baumhannes in Lohn und Brot gestanden, und im Schweiße seines Angesichts vom Morgen bis zum Abend hatte er sich als Güterlader, als Rangierer, als Koppler das Seine der- dienen müssen. Aber nie wurde ihm die schwere Arbeit zu viel; nie murrte er, wie so manche andere, über den geringen Verdienst. Frisch und fröhlich ging er an sein hartes Tagewerk oder, falls er gerade Nachtdienst hatte, an sein Nachtwcrk, um es. wenn die Feier- stunde schlug, ebenso frisch und fröhlich wieder zu verlassen. Er sanajein Lied, er pfiff seine lustige Weise und er klimperte mit den«zilberstücken in der Tasche; das letztere jedoch nur dann, wenn gerade Lohntag gewesen war, denn sonst hatte er just nicht viel Silber zum Klimpern. Wars ein Wunder, wenn jedermann den frischen, kecken Burschen gern hatte und ihm selbst um seine Zu- kunst nicht bange war? „Baum", so hatte ihm wiederholt der Stationsvorsteher gesagt, „Baum, Sie sind ein geschickter und anstelliger, ein williger und gefälliger Bursch. Aus Ihnen wird noch mal was!" Baumhannes fühlte bei solchen Worten sein Herz mächtig schlagen; er bedankte sich und tat seine Pflicht doppelt. Er wußte, warum, und andere Wußtens auch, ohne daß sie nötig hatten, ihm den Grund aus den lustigen Blicken seiner bram:en Augen heraus- zubuchstabieren. Da war nämlich des Edelbauern— Kaspar Traugott Edel hieß er— zweite Tochter, die Anna. Das war ein bildsaubercs Mäd- «Ken, mit langen, braunen Zöpfen, die zu den braunen Augen des Baumhannes paßten wie ein Stück Schokolade zu dem anderen von derselben Sorte, und die immer so eigen aussah, wenn vom Baum- Hannes gesprochen wurde, oder wenn sie ihn irgendwo erblickte. lind wenn es sich so schickte— zufällig natürlich— daß der Hannes die Anna am Brunnen beim Wasserholcn traf, dann konnte es wohl geschehen, daß das Mädchen um ein erhebliches später nach Hause kam als sonst, so daß ihr die ältere Schwester, die Marie, schon von der Hausflur aus verdrießlich entgegenrief: „Anna, wo steckst Du denn? Natürlich hast Du wieder mit dem Habenichts, dem Hannes, die Zeit verschwatzt? Was Du nur für einen Narren an dem gefressen hast!" Die Anna aber entgegnete auf solche verfängliche Reden nichts, leerte den Inhalt ihrer Wassereimer in den großen Zuber und machte sich still an ihre Geschäfte. Hannes wußte, daß er genau an demselben Tage, an dem er vis Beamter in den Dienst des Staates träte, zum Edelbauern gehen und dem starrköpsigcn Alten sagen würde: Da bin ich. Edel- bauer, ich. der Karl Johann Baum, den Ihr von Jugend an kennt, ein tüchtiger Kerl!— und da darf ich Euch wohl bitten, gebt mir Euere zweite Tochter, die Anna, zum Weibe! Wir find einander gut, und ich kann ihr ein warmes Nest bauen, und das, was etwa vorerst daran fehlt— na, Edelbauer, der Aermste seid Ihr just auch nicht, und auf ein paar Hände voll harter Taler zur ersten Einrichtung des Hausstands wirds Euch ja wohl nicht ankommen — wir wollens Euch in Liebe vergelten. Für alles andere sorg« ich dann. Da brachte man eines Tages den Baumhannes in einem Krankenkorb heim. Es war im Winter, Glatteis hatte alle Wege und Stege über- zogen und sie tückisch und gefährlich gemacht. Und so wars ge- schehen, daß Baumhannes, als er mit einer eiligen Meldung die Schienen überschreiten wollte, auf dem glatten Boden ausglitt, mit einem Schrei hinstürzte, und daß ihm ein gerade daherkommender, beim Rangieren von der Lokomotive abgestoßener schwerer Kohlen- wagen über die Beine rollte. Als die Aerzte kamen und den Schaden besahen, machten sie ein trauriges Gesicht und meinten: „Lieber, junger Freund, da hat der Teufel mal wieder einen ehrlichen Gesellen zum Krüppel gemacht. Ihr müßt in das Krankenhaus der Kreisstadt, und dort wird man Euch beide Beine am Oberschenkel abnehmen;'s geht nicht anders!" Fassungslos hatte Baumhannes den Arzt angestarrt. „Ja, aber Herr Doktor, was soll denn da aus mir werden?" Mit trübem Läcbrln hatte der Gefragte die Achseln gezuckt. „Das ist eine Kabinettsfrage, lieber Freund. Arbeitsunfähig bleibt Ihr, das ist gewiß, wenigstens für jede schwerere Arbeit. Leichtere Arbeiten, wozu Ihr bloß die Hände nötig habt— das wird gehen. Aber verzagt nicht: es gibt immer noch hilfreiche Menschen—" „Aber wehe dem, der sie aussuchen muß", stammelte Baum- Hannes. „Und die Gemeinde", fuhr der Arzt fort,„wird Euch unter« halten müssen." Baumhannes schrie auf. „Die Gemeinde?" „Ja, es wird nickits anders übrig bleiben!" „Auf Gcmeindekostcu soll ich leben?" jammerte der Arme wieder.„Ich soll der„Dorflump" werden?" „Braucht doch den garstigen Namen nicht, Freund!" meinte der Arzt.„Ihr seid im Dienst zum Krüppel geworden, gerade wie ein Soldat in der Schiacht. Es wäre doch barbarisch, wenn man Euch einen solchen Namen anhängen wollte." „Sie heißen alle so, die auf Gemeindckostcn leben", klagte der Verletzte.„Da werden sie mit mir keine Ausnahme machen!" Und er begann bitterlich zu schluchzen.— Er behielt recht. Als er nach Monaten mit zwei Stelzfüßen aus dem Kranken- Haus entlassen wurde und ins Dorf heimkehrte, wo die Gemeinde für ihn sorgen sollte, da trat ein, was er vorhergesehen hatte: aus dem treuen, fleißigen Bahnarbeiter Karl Johann Baum war der „Dorflump" geworden, den die Alten als eine Ristige Beigabe für den Gemeindesäckcl ansahen, und dem die Kinder auf der Gasse den bäßlichen Namen nachriefen. Das war seit Urväterzeiten her so Sitte: wer auf Kosten der Gemeinde verpflegt wurde, hieß ein für allemal der„Torflump". und wenn es etwa eine„Sie" war, so hieß sie die„Dorflumpin". Wie gesagt, das war seit Menschengedenken so, und keines Menschen Macht vermag etwas an solchen von Geschlecht zu Geschlecht ver- erbten Gepflogenheiten zu ändern. Tie Bauern haben harte Köpfe, und für Dinge, die ibnen an den Geldbeutel gehen, haben fie ihre eigene, von leinein Wörterbuch verzeichnete Namcngebung und— ein vorzügliches Gedächtnis. Wie oft schon hatte der Pfarrer ihnen mit eindringlichen Worten ans Herz gelegt, sie möchten doch nicht die Sünde begehen und einen ohne alle seine Schuld zum Krüppel gewordenen Menschen, an öem ein Liebcswerk zu tun ihre Christenpflicht sei, mit einem so lieblosen Namen belegen. Und wie oft schon hatte ihnen der Amtmann drohend erklärt, er werde gegen jeden, der jenen abscheulichen Namen ausspreche, mit einer Strafverfügung vorgehen. Die Bauern hatten andächtig und still zugehört, und wenn der Pfarrer, der Amtmann ihnen den Rücken gekehrt hatte, zueinander gesagt: „Davon versteht der Pfarrer oder der Amimann einen Dreck. Wer aus unserer Tasche lebt, ist ein Lump, und wer auf Dorflosten lebt, ist der„Torslump". So Habens unsere Väter gehalten, so haben wirs gehalten bis auf den heutigen Tag, und's ist gut und brav so gewesen, und unser Korn ist deshalb nickt schlechter geraten." Damit war die Sache erledigt. Der„Dorflump" blieb der „Dorflump". Nun war auch der Baumhannes ein solcher geworden, der einzige war er jetzt im Dorfe. Tränen standen ihm im Auge, wenn ers hörte, und am liebsten wäre er ivcit hinausgezogen in die Welt. Aber wohin? Was sollte er draußen tun, er, der arme. erwerbsunfähige Krüppel? Ein Unfallversicherungsgcsetz, durch das er hätte eine Rente erhalten können, gab es damals noch nickt. und von der Bahnverwaltung war zwar dem Verunglückten ein Geldbetrag zur Verfügung gestellt worden, aber der war nur klein» konnte nicht allzulange reichen, und die Bauern meinten trocken, eS sei eigentlich nicht mehr als recht und billig, daß der Daum- Hannes diesen Betrag an den Gemeindesäckel abliefere, aus dem ja der„Dorflump" unterhalten werde. Sie standen von dieser Forde- rung erst dann ab, als ihnen der Amtmann in einer gewaschenen Rede den Standpunkt klar gemacht und die Mäuler gestopft hatte. So war denn des armen Baumhannes Schicksal unWiderruf- lich entschiede«: er war der„Dorflump". Wartet nur, dachte er, ich will doch sehen, ob ihr mich nicht anders nennen werdet. lind er begann Hand anzulegen, wo und wie er konnte. Er jätete Unkraut, er fütterte das Vieh, er fuhr Dünger auf die Accker, und aus mancher harten Bauernfaust rollte dann und wann ein harter Silberling in seine Tasche, manches Stück Fleisch, manche Wurst, mancher Teller Suppe wurde ihm gereicht. Hannes gönnte sich nicht Ruhe bei Tag und Nacht; wo immer es irgend- etwas zu tun gab, was er versehen konnte, dabei war auch der arme Krüppel zu erblicken. „Seid Ihr nun zufrieden mit mir?" fragte er, nachdem etwa ein halbes Jahr verflossen war, eines Tages einen Bauern. „Ha, Du wärst schon recht", sagte dieser und kratzte sich hinter den Ohren,„wenn Du nur nicht der„Dorflump" wärst." Hannes hätte aufschreien mögen vor Zorn und Empörung. Aber er tats nicht. Er schwieg still, ließ sich ruhig weiter„Dorf- lump" nennen und dachte: ein halbes Jahr ist eine kurze Zeit. Ein Jahr ist länger. Vielleicht gebt ihr mir dann meinen ehrlichen Namen wieder. Also wartete er geduldig, arbeitete und schaffte vom Morgen bis zum Abend, liest sich keine Mühe verdricsten, schlug oft die ihm gebotene klingende Belohnung aus und hielt mit jedermann Frieden. So war endlich ein Jahr herum. Jetzt wollte Hannes eine neue Probe machen und suchte eine Gelegenheit dazu. Da ging er eines Tages am Gemeindehaus vorüber, als drinnen gerade eine Gemeindesitzung war, und durch die geöffneten Fenster hin- durch hörte er den Schultheiß sprechen: „Run ist noch als letzter Punkt der Tagesordnung die Jahres- Unterstützung für unseren„Dorflump" zu bewilligen—" Wie von Furien gepeitscht, stürzte Hannes von bannen. Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Umständen Groll und Verbitterung in ein nicht abgestumpftes, sondern lebhaft fühlendes Herz einziehen. Still und verschlossen, in sich gekehrt und mürrisch wurde Baumhanncs; sein trotz des Unfalles bisher noch immer fröhliches Herz wurde leer und leerer von Freude und Frohsinn, und kein heiteres Lied kam mehr, wie früher, über seine Lippen. Er mied alle Geselligkeit. Früher war er Sonntaqnachmittags zur Kegelbahn gegangen, hatte dem Spiel der jungen Burschen zu- geschaut— selbst mitspielen durfte er nicht, so gern er zuweilen auch eine Kugel geworfen hätte, denn kein Bauernbursch hätte den „Dorflumpen" zum Partner angenommen oder als Gcgenpartner anerkannt— jetzt blieb er daheim in seinem Kämmerlein und kümmerte sich um niemand. War er früher, wenn er Zeit hatte, durch Wald und Feld, Berg und Tal gehumpelt, so kam er jetzt nirgends mehr hinaus. Eine Regung seines Herzens nach der anderen begann zu erstarren und abzusterben. Es fehlte der Sonnenschein, in dem allein ein Herz allezeit frisch und kräftig schlagen kann. � � Etwa zwei Jahre nach seinem Unfall kam das Schlimmste: des Edelbauern Anna wollte mit einem Burschen aus dem Dorf Hochzeit halten. Freilich, den Gedanken, die Anna als sein Weib heimzuführen, hatte er längst aufgeben müssen. Das wußte er sofort, den Krüppel nimmt sie nicht. Und darin hatte er recht. Ein Bauernmädchen will gesunde Glieder an ihrem Mann; einen Kranken oder Krüppel mag sie nicht, das steht nur in Romanen. So war es geschehen. daß die Anna and der Hannes einander fremd und fremder wur- den, und es kam eine Zeit, da wollte cS ihnen beiden wie ein Traum erscheinen, daß sie einst einander gut gewesen waren und am Brunnen so mancherlei, was kein anderer hören sollte, zu schwatzen gehabt hatten. Hannes betrat das Anwesen des Edelbauern nie wieder und glaubte, damit wäre nun alles aus. Das war ein Irrtum. Es war doch nicht aus, nicht ganz aus. Es wurde ihm gar eigen zumut, als es hieß, die Anna habe sich mit einem Burschen versprochen, und bald solle die Hochzeit sein. Da merkte er wohl, daß das Kämmerlein in seinem Herzcic, in dem einst die Anna gewohnt hatte, doch noch nicht ganz leer stand, und daß ein gar erkältender, schmerzhafter Zug hindurch- wehte, als jene Nachricht zu ihm kam. Freilich aufhalten konnte er den Gang der Dinge nicht. Er wollte es auch nicht. Was hätte er, der erwerbslose Krüppel, dem Mädchen bieten können? So fand denn die Hochzeit jener beiden statt und wurde mit all dem Gepränge gefeiert,' daS die reichen Bauern bei solchen Gelegenheiten nicht missen wollen. Draußen vor der Kirche wartete Hannes; er hatte, obwohl eS ihm niemand hätte verwehren können, nicht mit hineingehen mögen. Ihm war es, als würde er da drinnen laut aufschrcisn müssen, wenn die Anna ihr Ja ausspräche. So blieb er draußen, ganz in Sinnen verloren, und stand und harrte geduldig, bis die Feier zu Ende war. Und als endlich der Zug auS dem Gottes- hause trat und der arme Verlassene nun wußte, daß jene, die et einst geliebt hatte, und die ihm hatte gehören wollen, jetzt doch eines andern Weib geworden war, weil der„Dorflump" ja kein rechter Freier für sie gewesen wäre, da kam er sich so elend, so grenzenlos elend, so einsam, so mutterseelenallein vor, als habe er nun den letzten Halt im Leben verloren, di« letzte Stütze, die ihn noch aufrecht erhalten, das letzte Band, das ihn noch mit den andern Menschen verbunden hatte, und er schluchzte plötzlich lau! auf und barg sein tränenüberströmtcs Gesicht in den leise zittern« den Händen._(Schluß folgt.) Zinzendorf. Die christliche Religion hat während ihrer fast LOOOjäljrigen Geschichte des öfteren als Deckmantel für nicht sehr saubere Dinge und Menschen dienen müssen. Das Wesen des Christentums, in denr als wichtiges Moment die Abkehr von allem Irdischen enthalten ist, hat bei den Anhängern notwendigerweise ungesunde Züge hervor- rufen und befördern müssen; denn wo sollen schließlich die durch ihre Natur auf das Reale gewandten Menschen mit der Kraft ihrer Gefühle, ihres Willens, ihres Empfindens bleiben I Wenn ihnen die narürliche Befriedigung verschlossen bleibt, werden ihre Sinne sich dem Absurden, dem Krankhaften zuwenden. Auf sexuellem Gebiete stehen daher Askese und Perversität in engster Verbindung. Die Neligiosttät vieler katholischer Heiliger, einzelner protestantischer Sekten gibt dafür Zeugnis. Allgemein bekannt ist, daß Nonnen des Mittelalters ihre sinnliche Glut Jesus zuwandten und ihr Verkehr mit ihm sexueller Libido und sogar des sexuellen Orgasmus nicht entbehrte. Für eine religiöse Richtung unserer Zeil ist der Beweis eines ähnlichen Zusammenhanges kürzlich von dem Schweizer Pfarrer Pfister') lin Zürich) erbracht worden. Nack dem Wiener Nervenarzt Freud, dessen Lehre Pfister vertritt, ist unser ganzes Vorftellungslebcn infolge psychologischer Prozesse wescntlick dadurch bedingt, daß die Mensche» in sexuellen Dingen nicht anfricklig find, nicht aufrichtig sein können. Die heutigen Menschen zeigen ihre Sexualität nickt frei,„sondern tragen eine dicke Obertl»idung aus— Lügengewebe zu ihrer Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der Sexualität. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind find in unserer Kultur- well der sexuellen Betätigung wirklich nicht günstig"®) Die Sexualität fordert aber gebieterisch Befriedigung. Irgend- welche Auswege müssen für sie geschaffen werden. die um so notwendiger sind, je mehr eine religiös bedingte Askese jede natür- liche Betätigung ausschließt. Wenn die Neigung gehemmt werden soll, sich aber nicht in Perversion(Empfindrmg für Tiere, das gleiche Geschlecht und passive oder aktive Schmerzwollust) wandeln darf. müssen sich sehr starke Vorstellungen sethischer, religiöser oder sonstiger Art) an die Stelle der Sexualität drängen. Diese„Ver- dräng» ng" wird aber nur in noch nicht voll entwickeltem Alter oder bei schwächlich Veranlagten das gewollte Ziel ganz erreichen. Daher wird dieser Prozeß bei vielen durch die„Ueber- t'r a g u n g" unterstützt oder ersetzt. Die erotischen Gefühle, die von dem geliebten Objekt nicht erwidert werden, wenden sich einer anderen Person zu; oder wo sie sich überhaupt noch nicht objektiviert hatten, gehen sie leicht aus Tiere, auf Personen des gleichen Ge- jchlechts über. Ein Teil der Perversion ist daher nur die Folge unserer durch soziale Verhältnisse geförderten Prüderie, entspringt durchaus nicht immer einer so starken perversen Anlage,®) daß fie unbedingt Befriedigung in ihrem Sinne verlangte. Die widerwärtige Zärtlichkeit alter Jungsern zu ihren Haustieren wird aus dieser Quelle unbefriedigter Sexualität gespeist. Die Uebertragung kann auch an Dingen haften bleiben, die nur indirekt mit der Sexualbefriedigung in Beziehung stehe». Eine rein zu- fällige Zusammengehörigkeit kann zur Ursache dauernder LiebeSlust werden. So ist die Entstehung des Sexual-Fetischismus zu deuten« Ein geringer Grad von Fetischismus ist bei normalem Lieben ge-> geben, wenn das normale Sexualziel momentan unerreichbar ist. „Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust, Ein Strumpfband meiner Liebeslust!"(Faust.) Tie soziologisch wertvollste Möglichkeit, unbefriedigter LiebeS« sehnsucht ein Ziel zu stecken, ist die sogenannte Subli- mierung. Durch sie wird die Kraft der sexuellen Energien nicht abgesperrt(verdrängt), auch nicht mit Gefahr der Entstehung einer Perversion.übertragen", sondern verwertet. indem ihr ein neues Ziel gesetzt wird. Dieses Ziel kann in Be- ziehung mit dem ursprünglichen sexuellen Objekt bleiben. Je größere Schranken die soziale Entwickdung in der Geschichte, insbesondere zur Monogamie, zwischen Mann und Frau setzte, um so mehr wandte sich die Liebesschnsncht den geistigen Onalitäten deS Objekts zu. Der ganze Reichtum köstlicher Liebespoesie wäre undenkbar, wenn nicht die überichüisige, ungesättigte Liebesenergie sich in Bildern, Phantasien hätte ausstrahlen müffen. Selbst ein dürrer, nüchterner Mensch zeigt im Liebesfrühling, wo sich neue Kräfte in ihm regen aber noch niche von ihm genutzt werden. Blüten, die sofort ab« ') Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. (Schriften zur angewandten Seelenkunde, 8. Heft.) ®) Freud. Ueber Psychoanalyse(Leipzig-Wien. ISlQ). ') Wahrscheinlich steckt in jedem Individuum latent die Anlag« zu Perversionen. Sterben, sobald sexuelle Befriedigung eintritt. Die Sublimierung etzt sich unter Umständen auch nicht-sexuelle Ziele. Die LiebeSenergie wendet sich irgendwelchen politischen, sozialen, ethischen, religiösen Ideen zu. In der Regel tritt aber in der Verfolgung und Schilde« rung dieser Gedanken daS Sexuell« in irgendeiner Form hervor. Diese Theorie, die wenigstens den unbestreitbaren Vorzug hat, daß sie an Stelle bloß moralischer Verdammungsurteile gegen Ab- weichungen vom normalen Empfinden den Versuch einer wisien« schaftlichen Erklärung widerwärtiger Erscheinungen setzt, bringt uns ZinzendorfS eigentümliche Frömmigkeit religionspsycholo« gisch nahe. Zinzendorf(1700— 1760). der bekannte Gründer der Herrnhuter Brüdergemeinde. wurde als Sohn eine? kurfürstlich sächsischen Ministers in streng pietistischer Umgebung auferzogen. Aus Er« Zählungen über seinen schon 1700 verstorbenen Vater hörte er nur von besten Liebe zur Marterperson des Heilandes. Zu der Mutter, die der Jesusverehrung eifrig zugetan war, konnte sich ebenfalls keine Kindesliebe ausbilden, da sie ihn nur in seinem ersten Lebensjahre bei sich hatte. So weit sie später in Berührung kamen, beeinflußte die Mutter ihren Sohn in religiösem Sinne und be- handelte ihn mit übertriebener Strenge. Nach eigenem Zeugnis ehrte Zinzendorf seine Mutter nicht nur als Sohn, sondern als Untertan. Ohne Gefühl der Kindesliebe und ohne Genuß der Elternliebe wuchs der Junge im großmütterlichen Hause auf, in dem„Erweckte'(Pietisten) häufig verkehrten. Die harmlosesten Freuden wurden ihm verwehrt, der Verkehr mit anderen Kindern ward unterbunden. Seine Verwandten füllten ihn dafür mit religiösen Vorstellungen und veranlaßten ihn zu religiösen Uebungen. So übertrug Zinzendorf seine ganze Gefühlswelt auf Jesus.„Mit ihm redete der Knabe stundenlang allein, in ihm fand er Bruder, Freund, Gespielen, in ihm einen Ersatz für Vater und Mutter.' Auf Lieder von Jesu Marter freute er sich lange voraus und stellte sich dann alles Gesungene so lebhaft vor. als sei er dabei gewesen. Mit sieben Jahren will er nach eigener Angabe„das erste Gefühl von den Wunden Jesu' gehabt haben. Vom zehnten bis sech« zehnten Jahre wurde er im pietistisch geleiteten Pädagogium zu Hall»(unter der Leiwng S. H. FranckeS) auf aus« drücklichen Wunsch seiner Mutter„niedrig gehalten'. Starke Züchtigungen, zum Teil wegen ungerechter Anklagen, entehrende Strafen(„mit angehangenen Eseln auf die Gaste gestellt'), grobe Hänseleien durch Kameraden machten ihm den Aufenthalt zu einer Quelle steter Leiden. Seine Gesundheit litt; oft hatte er„wütendes Kopfweh'. Auch stellten sich in dieser Zeit der Pubertätsentwickelung sexuell bedingte Angstzustände ein. Jesus wurde ihm in diesen Leiden immer mehr der einzige Tröster. MS Student der Universität Wittenberg(von 1716 bis 1719) trieb Zinzendorf asketische Uebungen. Auch Reisen nach Holland und Frankreich befestigten nur Seine pietisttsche Richtung. Als Zwanzigjähriger verzichtete er zugunsten eines Freundes auf die Hand seiner Base; seine Neigung be« urteil! er als.Naturliebe'. Noch viermal rückte ihm eine Frau nahe; immer tritt er aber zurück. Dafür wird Jesus,„der reine Bräutigam seiner Seele':„Reiner bräutgam meiner seelen, tilge ftemder liebe flamm, laß mich deine lieb erwehlen, auSerwehlter bräutigam l'...„Aber deine? mundeS küste, die voll lieblichkesten sind, schmecken einem himmelsüße, wenn man dein verwehnteS kind'(1721). Im September 1722 kam dann die Ehe mit einer Gräfin Reuß zustande. Im Juni 1722 verteidigt er sich gegen den Vorwurf, daß er zu kalt gegen seine Verlobte sei: er sei ihr herzlich ergeben,„daß ich aber eine fleischlich irdische Liebe zu ihr haben sollte, da behüte mich Gott vor. Die eheliche Liebe und Freundschaft gehöret sich meines Erachten? nicht ehe als biß man vor GOtt schon verbunden ist.' Kurz vor der Ver- mählung fingt er:„Und ist dein Weib Ein Glied des Bräutigams (d. i. Jesu); so lieb eS dann Allein in Ihm(Jesus), denn Er ist Mann.' Auch später stellt sich der Graf als bloßen Bormund oder „Vizemann', Jesus aber als Gatten der Gräfin hin l (Schluß folgt.) kleines feuilleton. Aus dem Gebiete der Chemie. DieAnilinvergiftung. Das Amlin'und seine Verbindungen haben in der Industrie eine ungeahnte Bedeutung erlangt; nament« lich hat Deutschland durch die Herstellung von Farbstoffen, die ver« mittels dieses aus dem Steinkohlenteer gewonnenen Stoffs erzeugt werden, in wenigen Jahrzehnten den Weltmarkt erobert. Der Grund« stoff für all diese chemischen Erzeugniste ist daS Anilinöl, das sich durch sein Aussehen und durch den Geruch so wenig vom Waster unterscheidet, daß eine Verwechselung auS Unvorsichtigkeit wohl geschehen kann. In den chemischen Fabriken sind selbst« verständlich Maßregeln getroffen worden, um die Gefahr einer Vergiftung für die Arbeiter herabzusetzen, und man darf wohl sagen, daß Fälle von Anilinvergiftung in solchen Betrieben jetzt zu den Seltenheiten gehören. Im allgemeinen sind sie auch nicht einmal lebensgefährlich, obgleich der Zustand des Erkrankten zunächst äußerst bedenklich erscheint. Man muß aber neben der akuten auch hier immer noch mit einer chronischen Vergiftung rechnen, wenigstens ist Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— ein« solch« behaupte� von ander« Seit« freilich mit gleich« Eni« schiedenhett bestritten worden. ES bleiben also immer noch gewiss« Fragen ungelöst, deren Beantwortung mit Rückficht auf dl« groß« Roll« der Anilinindustrie dringend wünschenswert sein würd«. De»« halb hat der Stabsarzt Dr. TreSp« aus Mülhausen in d« „München« Medizinischen Wochenschrist' einige Fälle von Vergiftung beschrieben, die zu einer weiteren Aufklärung dienen können. Auch nach seiner Erfahrung sind schwerere Vergiftungen in Snilinfabriken selbst außerordentlich selten, da die Folgen eines Einatmen? oder eines Benetzens der Kleidung mit dem Oel mit einiger Aufmerksamkeit vermieden werden können. Die Gefahr wächst mit der zunehmenden Ver« breitung von Anilinöl, das vielfach sogar zu so verhältnismäßig neben« sächlichen Dingen wie zur Vernichtung von Ungeziefer benutzt wird, di« doch gewiß auf harmlosere Weise herbeigeführt werden kann. Dieser Mißbrauch hatte in einem der Fälle, die Dr. Trespe behandelte, zur Vergiftung geführt. DaS Anilinöl war eben da und wurde von einem halbwüchsigen Jungen, der nichts ahnte von der Beschaffenheit dieser Flüssigkeit, zum Einreiben der Hände benutzt, um Frostbeulen zu vertteiben. Der junge Mensch schlief mit einem bedeutend jüngeren Brud« zusammen, und zwar in einer so engen Bett- statt, daß er ihn gewöhnlich mit dem rechten Arm umfaßt hielt. Dadurch trat die merkwürdige Folge ein, daß auch der klein» Knabe durch das Einatmen von Anilindämpfen, die von der Hand deS Bruders aufstiegen, erkrankte. Der ältere Bruder hatte natürlich schwerer zu büßen, aber auch der vierjährige bot dem herbeigeholten Arzt einen recht bedenklichen Zustand dar. Besonders auffällig war in beiden Fällen eine geradezu blaugraue Mißfärbung deS Gesichts, namentlich an den Ohren, auf den Lippen und an der Nase. Nachdem ein Erbrechen eingetreten war, verschwand die blau» Färbung ganz plötzlich, und damit stellte sich auch da» Bewußsiein wieder ein; die Gefahr war vorübet. Bei dem älteren Bruder, der sich jene unsinnige Einreibung verabfolgt hatte, waren die Vergiftungserscheinungen viel be- denklicher, so daß zu Aderlaß, Einflößungen von Kochsalz« lösung und ähnlichen starken Mitteln gegriffen werden mußte. Nach mehrfachem starkem Erbrechen verschwand auch hier die in noch größerem Umfang aufgettetene Verfärbung wie mit einem Schlage. Diese geschieht, wie Blutuntersuchungen ergeben haben, wahrscheinlich dadurch, daß sich daS Anilin im Blut in eine Verbindung ver« wandelt, die in der Flüssigkeit unlöslich ist und eine fast schwarz« Farbe besitzt. Hydrographische?. Moderne Wasserbaupläne in Holland. Wie in „Himmel und Erde' berichtet wird, steht Holland am Vorabend einer neuen Wasserbauepoche, die alle» in dieser Hinsicht Dagewesene entschieden in Schatten stellen wird. ES handelt sich darum, den mächttgen Zuidersee, dessen Fläche(S250 Quadratkilometer) größ« als die der ganzen Provinz Seeland ist, zuerst in einen Binnensee und dann zum größten Teil in Festland zu verwandeln. Ein Blick auf die Landkarte Hollands genügt, um die erstaunliche Größe diese? Projekte? zu erkennen. Nicht minder staunenswert und lehrreich find seine Einzelheiten, die die Prüfung seitens eines staatlichen Aus- schustes bereits bestanden haben. Um den Zuidersee von der Nordsee endgültig abzutrennen, wird ein etwa 30 Kilometer langer Damm geplant, der die friesische Küste mit der Insel Wielringen verbinden soll. Dieser Damm, besten Breite an der Basis auf durchschnittlich 100 Meter berechnet wird, besten Gipfelfläche etwa eine Höhe von S'/, Meter über dem Smster« damer Pegel erreichen soll, wird nicht weniger als 24 Millionen Holl. Gulden kosten und bis zehn Jahre Bauzeit in Anspruch nehmen. Die größte technische Schwierigkeit besteht in der Unmöglichkeit, den Bau auf mehreren Stellen gleichzeitig in Angriff zu nehmen; er muß von einem Punkte stetig und in gleicher Höhe fortgeführt werden. Gewaltige Hinderniste dürste man auch bei der Befestigung deS Sandes, der als Hauptmaterial für solche Bauten dient, zu überwinden haben. Der Sand wird mit einer 1-/, Meter dicken Lehmschicht bedeckt; die Abhänge und Gipfelflächen sollen mit Basatt oder anderen Steinblöcken verkleidet werden. Von dem aus diese Weise umkreisten Meere sind etwa•/« für da? Trockenlegen bestimmt, während der übrige tiefere Teil, besten Boden naturgemäß weniger ftuchtbar ist, als Wasserbecken bestehen bleiben soll. Die Trockenlegungsarbeiten dürsten 23—26 Jahre be- anspruchen. ES werden etwa 212 000 Hektar wertvoller Boden go- Wonnen, davon lilu Ackerlandes, was einen Zuwachs von 10 Proz. der gesamten holländischen Ackerfläche bedeutet. ES ist ohne weiteres klar, daß ein derartig umwälzend« Plan, besten Gesamttosten auf 240— 260 Millionen Holl. Gulden ver» anschlagt werden, nicht ohne ttefere Eingriffe in die bestehenden sozialen Verhältniste durchgeflihrt werden kann. Man macht sich u. a. schon jetzt auf die Notwendigkeit gefaßt, die kleinen Fischer zu entschädigen, deren Wirtschast durch die Trockenlegung deS ZuiderseeS total ruiniert sein wird. Charakteristisch für den Geist des heuttgen Regime? ist eS übrigens, daß der Staat nicht daran denkt, das neu zu erschließende Land zum nattonalen Eigentum zu machen. Man plant vielmehr den Verkauf einzelner Grundstücke an private Käufer. Und nur, um die Bodenspekulatton nicht allzu sehr in di« Höh« schießen zu lassen, soll als Präventivmaßregel d« Grundsatz durch- geführt werden, daß in keinem Jahre mehr als 10000 Hektar zum Verkauf gelangen dürfen.__ Druck u. Verlag: LorwärtSBuchdruckereiu.B«rlagSanitalt Paul>SlNger�Co.,:öerlinL.)ü�