NnlerhaUungsblatt des H�orwärls Nr. 163. Donnerstag den 31. August. 1911 (Nachdruck verdotell-Z Die Er�aklung des Ingenieurs. 7) Von Otto R u n g. ( Schluß. 1 Der hohe Raum mit seinein von tveißen und roten Säulen getragenen Kuppelgewölbe und den in pompejanischen Fresken bemalten Wänden drückte trotz seines leichten Stiles: die Hitze war unerträglich. Aus dem gekühlten Champagner und den großen Rosenbuketts, die die Gärtner auf der mäch- tigen Balustrade von Silber und Kristall, die den in der Mitte stehenden Sevresaufsatz umgitterten, verstreut hatten, stieg ein heißer und betäubender Duft auf, der die gewitter- schwangere Luft nicht zu erfrischen vermochte. Tie Fächer der Damen wogten längs der Tischseitcn: ein schaukelnder schwerer Atem verpflanzte sich gleichsam durch die Reihe, der entblößten weißen Nacken und der weich- wallenden und zitternden Seidenwogen der Kleider. Breit und mächtig saß Direktor Lane in seinem hochlehnigen Stuhl, den Platz für zwei füllend, die linke Hand an die Hüfte ge- stemmt. Sein Blick glitt rings um den Kreis, er sammelte lächelnde und nickende Grüße ein. Und die Herren erhoben ihr Glas gegen das seine. Es lag eine Hoheit, ein vor- nehmer Luxus über der ganzen Gesellschaft, die Silber- schüsseln wurden langsam vorübcrgetragen, und der gewürzte Dflnrpf zog wie Schleierstreifcn an unseren Sinnen vorbei. So hatten die römischen Kolonisten, der Prokonsul und seine Klienten, an einem heißen Tage wie diesem, während die Rennen draußen auf der großen Zirkusbahn fortgesetzt wur- den. an einer mächtigen Tafel mit Silber und Blumen wird Weibern sich in tiefes organisches Behagen versenkt. Ich hob mein Glas gegen Majory Lane. aber ihr Blick ging an mir vorbei, ich sah. daß kein Kontakt mehr möglich war: die beiden Schwestern waren vereint, eben wechselten sie einen Händedruck, und Elliot Clyne zeigte ein Lächeln, wie wenn ein hungriger Hund seine Zähne weist. Und zweimal kam, ohne die Luft zu reinigen, ein Donnerschlag aus dem Unwetter, das sich über uns zu- sammenzog. Aus der Rotunde der gewölbten Kuppel fuhr ein schräger Sonnenstaubstreifen herab und setzte den Nclkenflor des Tafelaufsatzes in Flammen. Und denselben Weg zwängte auch jener fürchterliche und jähe Donnerschlag sich herab— wie ein elastischer Globus aus sprengbarer Luft durch einen Flaschenhals gleitet und sich ausdehnt— und schlug auf die Tischplatte nieder als tosender Krach, der Kristall und Silber in klirrendes Tones versetzte. Und unmittelbar darauf ein zweiter kurzer und dumpfer Knall, der uns zurückließ, be- täubt und benommen, in der unerlöst zusammengepreßten Atmosphäre. Es half wenig, daß Mr. Lane sein Glas erhob und folgende Worte sprach:„Meine Herren 1 Die Elemente bc- grüßen uns. Die Luft hat zu Ehren des Kongresies ihre elektrischen Dämpfe geladen. Die Wolken haben ihre Pole gegeneinander gespannt, um der Erde ihre gebundene Energie zu schenken. Einer unserer Motore fährt eben jetzt kraft dieser stolzen Naturmacht— Elektra, der Herrscherin der Zukunft— mit anderthalbhundert Kilometer Geschwindig- keit über Straßen und Bcrgeshöhen. Heil und Sieg folge ihm! Meine Herren vom Kongresse: Sieg unseren! fliegen- den Stern!" In diesem Augenblick sah ich Majory ihr Glas erheben und mit ihrer Schwester trinken. Ihre Pupillen waren ganz klein geworden, als saugten heimliche Gedanken sie an sich, olS aber Elliot Clyne ihre Augen suchte, fielen die Lider herab und sie glich einer tief Schlafenden. Als wir uns vom Tische erhoben, war es gegen elf Uhr und finstere Nacht. Noch kamen, mit langen Zwischen- räumen, die letzten Wagen und ihre Eskorte von Schritt- machcrn auf Motorrädern. Die Chauffeure hatten die Rasken mit ihren Augenlöchern ganz über das Gesicht ge- zogen und streiften sie nun vom Munde zunick, um beim Kontrolltische Champagner in sich hineinzuschütten. Dort standen nun nach Feierabend in schweren Haufen, unbeweg- lich und tabakrauchend, die Arbeiter der Fabrik und sahen zu. Während ich mit Elliot Clyne heraustrete, hören wir Lärm, Rufen, Tumult. In einem der Bäume der Allee hat ein viersitziger Wagen sich festgekeilt. Die Speichen springen von der Nabe wie blankgezogcne Klingen: aus dem Be- hälter zuckt eine lange blaue Flamme auf, und im nächsten Augenblick schleckt das brennende Benzin mit seinen Feuer- lippen über Kissen und Holzwerk! es knackt und zischt, Funken regnen wie Konfetti, und der Gummi fließt in schwarzen Tropfen über die Radfelgen. Mit einem Knall wie von Pistolenschüssen springen die Reifen. Platz! Platz! Neue Automobile sind da: man wälzt den brennenden Wagen in den Straßengraben hinab: dort liegt er und glost in der Julinacht wie eine für den vorbei- sausenden Zug brennende fahle Pechfackel. Der Zug kommt und geht im Dunkel. Immer noch sehen wir Motorräder über den Serpentinenweg der Berghöhe huschen, im Zickzack, aufwärts. Elliot Clyne faßte mich am Arm und führte mich fort. „Wahnwitz!" sagte er.„Dies alles ist Tollheit, die Tollheit unserer modernen Rekordjagd. Es ist ein fest- stehendes Faktum: wir sind fertig, wir sind verurteilt, wir, die wir unseren Nerven diese rasende Orgie gönnen. Alles, was wir schufen, erfanden und erdachten zunutze der Mensch- heit, lassen wir in dieser Weise verpuffen. Es ist zu Ende mit der Patrizierkaste, der wir angehören, nun muß das Volk herbei, die Arbeiter, die hier stehen und darauf warten, daß die Reihe an sie kommt. Wir haben die Kultur ge- sprengt, wir sind nichts als eine Versammlung verfeinerter Barbaren— und unsere Weiber— o Gott! unsere Weiber— Wo ist Majory?" unterbrach er sich. „Majory tanzt," sagte ich.„Kommen Sie." Direktor Lane schloß sich uns an. Es waren Tele- gramme eingelaufen, die er uns zeigte. Das Rennen mit seinen Nummern und Namen schien nochmals an uns vor- überzusausen. Jntcrlaken war schon passiert, jetzt ging es der Grenze zu! Die schweren Paßhöhen, die„Hürden" waren noch zu überwinden. Flying star immer noch voran mit löst Kilometer! Alles gut! Wir schritten durch den finsteren Park hinüber zu dem auf dem Fabriksgrunde liegenden Klubhause, in dem die Ingenieure ihren Ball abhielten. Als wir zwischen den Portalsäulenreihen die langen Lichtrillcn der Fenster erblick- ten, lachte Direktor Lane:„Da tanzen sie nun da drinnen zu meinem elektrischen Klavier. Hören Sie es spielen? Das Fabrikswcrk dreht es uns. Unsere Zeit macht sogar die Musikvirtuosen überflüssig. Wir haben wie die alten Römer unsere Sklaven, um die schönen Künste auszuüben!" Majory und ihre Schwester tanzten. Die Hände leicht eine auf der anderen Schulter haltend, glitten sie in dem weiten Kreise, den die Ingenieure und ihre Damen frei- hielten, langsam über den glatten Parkettboden. Noch standen die Paare halb Arm in Arm. die eleganten und sportstüchtigen Gelehrten— eine Elite aller Nationen— mit ihren hellgekleidcten jungen Damen: und sie betrachteten lächelnd die beiden tanzenden Schwestern, bezaubert von dein vornehm gleitenden Rhythnius ihrer Schritte: wie die Aeltere die Jüngere vor sich herführte, still ihre Bahn wandelnd. gleich den nächtlichen Sternen da droben. Und Sarah, das Antlitz seitwärts über die linke Schulter gewandt, lächelte zerstreut und ßässig und folgtlj gehorsam den spielenden Wendungen der Schwester nach der Führung der Musik. Majory tanzte, das Haupt weit zurückgebeugt und die Lippen getrennt in einem süßen und befreienden Läckie.ln. Der Walzer blies ihre wehenden Florkleidcr wie stöbernden Schnee über eine Eisbahn. Und durch die weit offenen Flügeltüren mischte sich als ein neues dumpfes Motiv in die langsam»vogende Melodie das ferne Getöse der zehn großen Kraftmaschinen, die ewig und ruhelos arbeiten mußten, Tag und Nacht. Elliot Clyne blieb auf der Türschwelle stehen, leicht vorn- übcrgeueigt, den Hut noch in Schultcrhöhe erhoben, und be- trachtete seine Braut, deren Augen ihn im Vorbeigehen be- rührten wie eine Liebkosung, welche man mit halbgeschlosse- nen Augen gibt, und die chn wiederum vergaß, um sich dem Rhythmus des Tanzes hinzugeben. Als aber das Slywestern- paar das nächstemal vorbeikam, sagte ich rasch:„Majory, FtyiiiS star allen voran über die Paßhöhe! Wir gewinnen!" Elliot Clyne schlug den Strohhut flach gegen sein Knie. „Zur Hölle mit kllzmiA star!" sagte er; allein Majory hatte mich gehört, ich begegnete einen Augenblick ihren strahlenden glücklichen Augen, während Sarah mir einen nadelspitzen Blick zusandte. Ich erkannte, daß sie im Tanze kalt ge- blieben war. In diesem Augenblick erhebt sich Direktor Lane,— Ingenieur Weber kommt barhaupt und atemlos aus dem Vestibül gelaufen. Er hat ein offenes Telegramm in der Hand, ist bleich, lächelt aber mit großer Anstrengung.„Tele- gramm aus Buchs!" sagt er. Lane ergreift das Telegramm, liest es und schlägt hart mit der Handschneide auf den Fenster- rahmen. Die Schwestern halten in ihrem Tanze ein, und wir alle lauschen. Das mechanisch betriebene Instrument hämmert uns weiter seine Musik in die Ohren. „Stellt die Musik ein!" rust Direktor Lane. Und er fügt hinzu:„blz-inF star ist gestürzt!" Und da keiner sich rührt, fährt er mit erhobener Stimme fort: „�Plzäng star ist auf einer Bergstraße in der Paßhöhe des Vorarlbergs gestürzt. Die Maschine gehorchte nicht den Krümmungen des Serpentinenweges und stürzte achthundert Meter hinab. Chauffeur und Fahrer sind zerschmettert!" „bllzdiig star," fügte er nach kurzer Pause hinzu,„ist fünfzig Meter in die Luft hinausgefahren, ehe er stürzte." Daun wandte er sich und verließ rasch mit Weber den Saal. Und während alles in Auflösung begriffen war und die Ingenieure mit ihren Damen am Arm durcheinander Wim- nielten und riefen, hörte ich Elliot Clynes Stimme laut über allen anderen:„Tann hat meine Maschine den feinsten Welt- rekord geschlagen. Tausend Meter in die Tiefe hinab— und weiter fort in alle Ewigkeit!" „Wo ist Majory?" sagte ich. Wir sahen weder sie noch ihre Schwester.„Kommen Sie!" rief ich und riß ihn mit, und er stöhnte:„Ja, wo ist Majory?" „Sie hat wohl den Saal verlassen," sagte ich langsam, lief aber zugleich mit ihm hinaus in den Park. Da draußen wandelten noch Paare in den langen Kastanienalleen. „Haben Sie Majory gesehen?" fragte ich. Sie schüttelten den Kopf, und ein paar befrackte Herren, die mit ihren Rädern angezogen kamen, lösten die Laternen von den Elouvernals und gingen mit. Elliot Clyne hatte sich inzwischen von meinem Arm frei- gemacht.„Warum sollte ein Unglück geschehen sein?" sagte er.„Wir sind eben heute abend alle toll!" und er sah un- willig auf die Suchenden, die zwischen den Bäumen hin und her glitten. „Nieniänd behauptete, daß ein Unglück geschehen sei!" fagte ich, während ich zugleich fühlte, daß er recht hatte, daß wir alle angegriffen, zerrissen, zum Aeußcrsten getrieben waren von diesem wahnwitzigen Tage. „Hierher!" riefen einige und wiesen den Weg über die Rasenplätze des Parks hinüber zur Fabrik, deren Maschinen- halle leuchtend erhellt stand wie eine Kirche in der Finsternis. „Diesen Weg sind sie gelaufen." Wir durchschritten die pechfinstere Schmiedehalle: wir riefen, aber niemand antwortete; und über die gedeckte Lauf- brücke gelangten wir in die Maschinenzentrale und hinaus auf die hohe Galerie am Südende des Saales. Die Bogenlampen hingen herab wie glänzende Spinnen, die sich an einem langen Faden hinuntergelasjen haben. Und unten im Saale gingen mit rasendem Getöse die zehn Ma- fchinen; nun zur Nachtzeit, da ihre Kraft gering belastet war, da sie nur die Beleiichtungsmaschinen zu treiben hatten, stöhn- ten sie unter der Spannung ihrer zehntausend Volt; sie lärm- ten, sie tollten. Die lustigen Männer! Die tanzenden Männer! Jubelnd und tobend zugleich in ihren Banden und Riemen und Bolzen nahmen sie die Nacht für sich in Be- schlag. Dies war ihre Stunde! Ter Nachtwächter kam uns entgegen, schläfrig schwan- keud, mit feiner elektrischen Lampe im Gürtel.„Alles in Ordnung!" grüßte er. Als ich ihn aber mit der Schulter berührte, taumelte er zurück. Ich sah, daß auch er mit- genonimen war von diesem Tag, durchschüttert von dem Tosen und Lärmen des Raumes, der Panik nahe. Und plötzlich er- kannte ich, daß Elliot Elyne recht hatte: daß alles hofsnungs- los war, daß die Zeit nicht mehr uns gehörte. Daß wir, die Ingenieure der Welt, die Herren der Maschinen, die tiefsten der Kräfte nicht zu zähmen imstande gewesen waren, daß sie nun, erweckt, in uns selbst rasten, uns zersprengten, uns zum Wahnwitz, zur verzweifelten Flucht trieben. Was wollten wir, was war unsere Absicht, als wir diese Räder und Stangen aus Stahl schmiedeten? Eine raschere Jagd? Eine hitzigere Fahrt über die steilen Serpentinenwege— dem Abgrund, dem Sturz entgegen? Und eine tiefe Erbitte- rung und Angst ergriff mich; wie ein plötzlicher Rückstoß durchfuhr es mich, lockend wie ein Traum von unsäglicher Ruhe: warum nicht gleich, lieber früher als später, frei- willig sinken und stürzen? Ich erkannte nicht mehr den Raum um mich her und die Maschinen. Ich sah sie Plötz- lich, wie Weiber sie sehen mögen: als gigantische, wahnwitzige Kräfte, von törichten Kindern in Gang gesetzt, als lärmende, üppige Fetische, die, über ihren Feueröfen thronend, die Riesenglieder unter dem schaukelnden Dache schütteln. In diesem Augenblick hörte ich einen Ausruf von den Lippen meines Begleiters. Ich sah wohin er wies— hinab in den Saal. Und da hockten Majory und Sarah beisammen, halb kniend, halb sitzend, auf dem Fußstllck der mittleren der Maschinen, deren Rad, hoch wie eine Torwölbung, über ihnen kreiste. Wir sahen ihre weißen Kleider,, in der Entfernung nicht größer als unsere Handfläche.„Majory!" riefen wir gleichzeitig,„Majory!" Im nächsten Augenblick sahen wir Sarah allein, rück- lings laufend, mit einem Ruf, halb Gelächter, halb Schrei. Und ein dumpfer Stoß, ein Knistern und Sausen, das wir Elektriker nur allzugut kennen, durchzitterte die Luft. Von den Schmelzsicherungen auf der Tafel hinter uns schössen dicke Feuerstrahlen aus den platzenden Rohren; und während wir uns duckten unter dem donnerartigen Grollen, das uns allerorts entgegenkam, erblickten wir Majory — Majorys Körper über dem Rade der Dynamomaschine hängend und wie eine Flagge von einem Mäste empor- flatternd. Und im nächsten Nu sahen wir sie hinaufgerissen, von einem Treibriemen entführt, das weiße Kleid an der Galerie, auf der wir standen, vorbeigewirbelt, seiner Länge nach zerfetzt, und sahen sie über Achsen und Räder geschleu- dert, das gelöste Haar gleich einer Kurbel aufgerollt.— Die Maschinen brüllten wie eine losgelassene Koppel. Wir sahen nichts mehr--- Ich warf mit einem heftigen Stoß Elliot Clyne zu Boden, eben als er im Begriff war. den Fuß auf das Ge- länder zu setzen und zu springen. Der Raum war nun voll Menschen, die durcheinander schrieen und die widerstreitend- sten Befehle erteilten. Direktor Lane kam herbeigelaufen, in der Hand noch eine entfaltete Zeitung. Gleich darauf warf ich mich mit meinem ganzen Gewicht auf den Sperrhebel, der sich an dem Kontrolltische befand. Noch brüllten die Ma- schinen. Sie fletschten die Zähne, ließen ein dumpf mahlen- des Kauen hören und legten sich endlich zur Ruhe, seufzend und stumm. Zugleich erloschen alle Lichter. Und während wir uns durch die Finsternis tappten. fühlte ich zwei magere Arme sich an meine Knie klamniern, höher hinauftasten, zu nieinen Schultern, und der Duft von Sarah Lanes Haar kitzelte meine Sinne mit unbeschreib- lichem Behagen. Ihr heißer Atem streifte meine Wange, und sie wimmerte ein ums anderemal:„Sie wollte es selbst? Majory wollte es selbst!" Ob sie log oder welch heimliches Einverständnis zwischen den beiden Schwestern herrschte, weiß niemand. Es ist dies eine jener tiefen Fragen, über die Frauen schweigen. Was Elliot Clyne betrifft, so reiste er schon am folgen- den Tage ab. Ich traf ihn in Reisekleidung im Vestibül der Römerburg: der Diener brachte seinen Koffer in eine Kalesche. Charles Lane zeigte sich nicht. „Sie reisen?" fragte ich. „Ja— nach dem, was geschehen ist." Seine Stimme hatte eine Ruhe, die mich in Erstaunen fetzte. Und nun lächelte er ganz schwach, fast verstohlen. Ich fand nichts Schmerzliches in seinem Antlitz. „Ich glaube," sagte er,„daß ich wieder arbeiten kann, Es gibt verschiedenes, das ich aufgehoben hatte und eine Zeitlang in dem frischen, schönen Wetter gemacht und dabei an einer Aufgabe gearbeitet, die zweifellos drei Jahre laug Beschlag auf mich legen wird. Ich beabsichtige nach Berlin zurückzureisen, wo das bedeutendste Laboratorium Deutsch- lands mir offen steht. Ich werde Ihnen nieine Adresse senden�" �.'. Hch nickte ein Lebewohl, und die Kalesche schwenkte rund uin den Rasenplatz und hinaus durch die gemauerte Turm- Pforte. Ich wandte mich, um hineinzugehen. Hinter mir stand Sarah Lane. Sonst war niemand zu sehen. Sie reckte den mageren Hals aus den schwarzen Kreppschleifen, Ihre Augen blickten spähend in die meinen, aber ich las nichts darin; sie waren undurchdringlich— ihre blanken, goldenen Calamanderaugen! Zögernd fragte sie:„Reist er fort?" und fügte rasch hinzu, mit Angst und Zorn in der Stimme: „Wann kommt er zurück?" Ich sah sie lange an. „Zu Ihnen," sagte ich endlich,„zu Ihnen, Sarah,— und zu Majory— kehrt kein Mann zurück I" (NacWrulZ Der toten.) Mesalliance. (Schluß.) Ringelschwanz lag auf sonnigem Felsen, leckte die seichten Wunden, so ihm der weiland Murr beigebracht und sehnte sich nach Tagesrüste. Da rief ihn wer von oben an, und als er auf- äugte, sah er Kolk, den Wissenden, in nackter Eichenkrone sitzen. Er kannte ihn noch von der Heimat her recht wohl, aber heute kam ihm die Störung wenig zupatz. „Was willst Tu,?" knurrte er unfreundlich. „Immer sachte!" mahnte Kolk, den so leicht nichts verdrotz. „Ich möchte Dich nur an etwas erinnern." „Mutz das heute sein?" „Morgen wäre es vielleicht zu spät, mein JuNge. Sag mal, was treibst Du eigentlich da unten bei der alten Mühle?" „Geht es Dich vielleicht etwas an?" „Ja, Kleiner, denn wir stehen gleich auf gleich. Alter Adel. Reiner Waldadel." „Und..." „Es tut mir leid um Dich. Du solltest Dich mit derlei doch nicht abgeben." „Latz mich in Ruhe!" „Denn für Dich sind ganz andere Früchte, ganz andere Katzen gewachsen," fuhr der Rabe unbeirrt fort;„solche bunte Stuben- ratzen latz Du getrost den Dorfkatern. Es sieht nichts dabei heraus. Und daß Tu den Murr, diesen gemästeten Dachbürgcr umgebracht hast, ist keine Heldentat gewesen." „Wenn er sich eingemischt hat." „Entschuldige. Eingemischt hast Du Dich. Was da unten miaut, geht Dich nichts am Und dann, Du vergibst gehörig viel von Deiner eingeborenen Standesehre, wenn Tu Dich an derlei Volk hülst." „Ich mag die wilden Katzen einfach nicht leiden. Sie sind langweilig und dumm." „Ach so. Weil Du einigemal abgeblitzt bist, weil man Dich daran erinnert hat, datz Du nicht mal volljährig, noch nicht ernst zu nehmen bist. Weil Du statt Liebe Krallen zu spüren bekamst. Warte nur und wachse Dich erst mal aus, dann rückst Du auch auf. Aber solche Bändeleien wie das hier latz hübsch bleiben. Du könntest teuer dafür bezahlen müssen." „Ich bin mündig und tu, was mir behagt." „Auch recht. Ich bin's ja nicht, der reinfällt. Tu bist eben mal degeneriert. Vortreffliche Eltern haben selten gute Söhne. Ich will nichts gesagt haben..." „Schwarze Rabenwcisheit!" „Grüne Knabenweisheit!" gab Kolk zurück;„wie Du denkst. Adieu." Und der heilige Rabe flog nach Osten. Alter Unheilsgauch I dachte Ringelschwanz, als sein Warner im Himmel verschwand; diese Spatzverderber werden viel zu alt,— nichts als greise Mitzgunst... Junger Tor! dachte der Rabe, da er unter den Wolken nach dem Bergwalde strich; diese Schwerenöter sind viel zu jung,— nichts als unreifer Ueberdrang... Aber ganz alleine haben sie nicht die Schuld, setzte er hinzu, denn er war wissend und gerecht. Wieder sank die breiflügelige Dämmerung, zum dritten Male. Wieder stieg der Wildkater nach den Klippen herab und harrte und hoffte. Und die grauweiße Katze kam. Diesmal früher, die Fenster in der Mühle waren noch rot. Verliebt umstrich sie den kraft- vollen Liebhaber— sie hatte gestern aus dem Versteckten seine Heldentaten und Murrs Fall gesehen— aber als er über das Mtatz des Anstandcs hinauszugehen Anstalten traf, fauchte sie und svie ihm halb zornig, halb herausfordernd ins Gesicht. Doch Ringelschwanz war über Tag ein anderer geworden. Er'lictz sich nicht niehr irre machen.'Seen Blut brauste, sein Mut kannte keine Schranken. Nun wutzte er mit einem Male wie dergleichen Sprödigkeit zu brechen, verlogene Ziererei zu züchtigen sei. Er hieb und klaute und bitz, und die Katze mutzte die Schauer seiner zornigen Liebe über sich ergchen lassen.., Dann aber ss cang sie auf und rannte davon, auf die Mühle zu. Ohne Besinnen hetzte Ringelschwanz nach. Knapp hinter ihr überklomm er den Zaun, hart hinter ihr setzte er mit senkrechtem Sprunge ins vorbalkende Dach. Wie die wilde Jagd tobten die beiden auf dem Bodenraum umher, dag die Hühner mit gellendem Angstgcschrei anHuben und allerhand Kram in die Finsternis polterte. Das Federvolk flatterte in seiner Bevrängnis kopfüber in den erloschenen Küchcnflur. Unter wildem Gekreisch folgten Kater und Kätzin, was die Hühner natürlich abermals mißdeuteten und für einen Angriff auf ihr nützliches Dasein nahmen. Das Stockdunkel war erfüllt von Fauchen, Schreien, Gackern, Flügel- schlagen, Umfallen der verschiedensten unsichtbaren Dinge. Jetzt kam der Müller aus der Kammer gestürzt, hinler ihm der Mühl- Inecht, hinter dem die Magd, hinter der Magd die Müllerin. Der grelle Lichtschein ließ schreckliche Ahnungen aus dem Düster hervor- treten. Ueberall saßen und schimpften Hühner, Tonscherben lagen in verschütteter Milch, im Spülichtzuber schwamm der angesäuerte Frischbrottcig, ein Sack Mahlgut hatte sich seines Inhalts be- geben... Nur die Uebeltäter fehlten. Tie Katze war beim Auf- springen der Tür nach der zum Mahlraume hinabführenden Treppe gerannt, Ringelschwanz hatte mangels besserer Kenntnis nichts anderes zu tun gewußt als ihr zu folgen und sich damit ihrem Scharfsinne anheimzugeben. Aber da fiel mit einem Male die Falltüre zu und das Liebespaar saß in schwülem, bangem Dunkel. Ringelschwanz dachte nicht mehr entfernt daran, datz es Frühling sei. Er empfand die Rettungslosigkeit der Lage ganz genau und drückte sich in einem geschützten Winkel, hinter den beiden Mahl- gängen, notdürftig gedeckt durch einige halbvolle Säcke und grimmig entschlossen, seinen Balg um den teuersten Preis zu verkaufen. Endlich wurde es über ihnen laut. Die Falltür ächzte auf, trübes Licht ging langsam die Treppe hinab. Ter Müllerknecht trug die Laterne, der Müller ein langes Rohr. Hinterdrein kamen die beiden Weibsbilder, ganz lüstern vor Angst. Der Müller ver- mochte Ringclschwanz nicht gleich zu entdecken, aber dann sah er den Schein der grünen Augen. Die grauweiße Katze war längst nicht mehr da. Als das Licht erschien, hatte sie den Weg zum Räderwerk gefunden und dort das Mauerloch, in dem des groben Mahlganges Achse lief... Bedächtig hob der Müller das lange Rohr. Ringelschwanz starrte ihm furchtlos ins Gesicht und fauchte böse. So lange der Mann nur mit dem Stocke auf ihn zeigte, brauchte er seine Kraft nicht zu vergeuden... Aber da tat es einen dumpfen Donnerschlag, Ringclschwanz wurde gegen die Wand geschleudert und blieb liegen, eine zerfetzte Masse. Ter eingerostete Schutz hatte seine Schuldigkeit getan... Auf Sankt Markustag brachte die weitzgraue Katze Junge, zwei Kater und zwei Katzen. Es wurden böse, ungebärdige Tiere daraus, die, kaum der Milch entwachsen, schon in den Wäldern streiften, die Kücken würgten, die Menschen kratzten und endlich fortliefen. In ihnen waren alle Listen des alten Mautz und alle Ränke der grimmen Greishilt, aber sie waren unverschämter, unersätt- sicher und ohne allen Edelsinn. Ihre Nachkommen nahmen es an Kraft schon recht wohl mit Baumreiter auf, an Bosheit und Blut» dürft und Verschlagenheit aber waren sie ihm dreifach überlegen. Und sie mehrten sich und gediehen, und sie waren grau wie ihre adligen Vorfahren, aber einem fehlte der fahle Kehlfleck, dem anderen das weiße Haarbüschelchen zwischen den Zehen, der dritte hatte eine schwarze Nase und fast alle trugen eine schwächere Lunte als sie Mautz und sein unglücklicher Sohn Ringelschwanz besessen. Viele stiegen auch wieder zu den Dörfern hinab und machten dort den bunten Katzen ihre Rechte strittig, die anderen aber zankten sich mit den Neinblütigen um Minnebesitz, und sie trugen nicht selten den Sieg davon. Tie sich noch unberührt erhalten hatten, schalten heftig auf die neue Zeit und die vielen nicht ebenbürtigen Mitesser, und mit Recht; denn jene verbanden Raubwildheit mit niederer Gier. Schließlich aber gingen auch die Stolzen unbedenklich die be- denklichsten Verbindungen ein. Denn sie sahen ein, datz gegen die gefräßigen Ncberzahl nicht aufzukommen sei. Nur Mautz sträubte sich gegen solche Zugeständnisse. Er ist heute der einzige vollblütige Wildkater in den Wäldern des Bösen- stein und Hoheneiche»; die anderen sind gestorben und verdorben. Und bald wird auch er nicht mehr sein. Denn er ist uralt, seine Zähne sind morsch, seine Waffen stumpf. Und an seinem Herzen frißt Gram über all die Wandlungen, ob all dem Verfall seine» Volkes und seiner Zeit. (Nachdruck vcrbolen.) k)imme!serfckemungen im September. Mit dem zeitigen Hereinbruch der Nacht steht die Himmels- beobachtung wieder ganz im'Zeichen deS Sternhimmels. Im Sommer pflegt der Himmel nicht so sehr zu interessieren, denn man kriegt ja gar keine ordentlichen Sterne mehr zu sehen. Kaum ist der Tag herabgestiegen, steht er auch schon wieder auf, und der helle Schein aus dem Norden, wo die Sonne dicht unter dem Horizont entlang kriecht, jammert während der ganzen Nacht zu uns herüber. Eine eigentliche Nacht gibt eS gar nicht, nur eine dunkle Dämmerung, die bkch wenige Stunden anhält. Aber jetzt finkcln die hellen Lichter schon wieder ganz anders am Himmel; ie helle Dämmerung stört nicht mehr, nur der Mond kann sie mit seinem Licht überfluten. Während er im Anfang des Monats noch zeitig am Abend untergeht, verspätet er sich damit von Tag zu Tag um rund eine Stunde, so daß er vom 8. September ab die ganze Nacht den Himmel beherrscht. Von Mitte des Monats ab aber entzieht er sich des Abends der Beobachtung, weil er erst in den späten Abendstunden aufgeht. Am 8. ist Vollmond. Wer da ein kleines Fernrohr zur Verfügung hat, kann mancherlei schönes beobachten. Besonders treten zu dieser Zeit die hellen Strahlen- svsteme hervor, die namentlich von Copernikus ausgehen und die Mondkugel überziehen wie die weißen Zwischenräume zwischen den Scheiben einer Apfelsine. Als ich einmal auf der Berliner Urania vor vielen Jahren ein Fernrohr beaufsichtigte, das von dem Publi- kum benutzt wurde, fragte mich allen Ernstes einmal eine Dame, ab die hellen Streifen wohl die Meridiane seien! Von diesen Streifen ist neuerdings durch die Arrheniusschen Ansichten über hie Konstitution der Mondoberfläche wieder viel die Rede. Die Sichtbarkeitsverhältnijse für die Planeten werden auch wieder günstiger. Die Frühaussteher können sogar Merkur be- obachten, der als Mondstern in der zweiten Hälfte des Monats im Osten bis zu% Stunden sichtbar ist. Auch Venus wird Ende des Monats aus kurze Zeit als Morgenstern zu sehen sein, nachdem er hinter der Sonne vorübergegangen ist. Jupiter dagegen ist am Ende des Monats nur noch wenige Minuten in der Abend- dämmerung zu sehen. Mars und Saturn beherrschen jetzt den Abend. Mars steht am Anfang des Monats bei Sonnenaufgang schon hoch im Meridian und ist am Ende desselben bereits neun Stunden lang fichtbar. Saturn» Sichtbarkcitsdauer nimmt sogar bis auf 9Vi Stunden zu. Welchen Einfluß die großen Planeten, insonderheit Jupiter. vermöge ihrer großen Masse auf kleine Körper ausüben können, zeigt das Beispiel des kleinen Planeten Andromache. Im letzten Jahre kam dieser dem Jupiter sehr nahe. Die Anziehung dieses großen Körpers bewirkte erhebliche Störungen in der Bahn des Planetoiden. Diese sind so groß, daß Andromache hinter dem Orte, den er einnehmen würde, wenn Jupiter ihn nicht gestört hätte, um etwa 40 Grade, d. s. 80 Vollmondsbrcitcn, zurückge- blieben ist. Im nächsten Jahre wird der kleine Körper aber durch Jupiter noch viel stärker in seinem Laufe gestört werden. 1877, im Jahre der Entdeckung, hatte Andromache eine Umlaufzeit von L00S Tagen, jetzt von 2124 Tagen, so daß sie sich um nicht weniger als ein Achtzigstel vergrößert hat! Ihr Bahnkreis ist dabei runder geworden. Der zweite Komet dieses Jahres, der K o m e t K i c ß. der im Juli auf der Licksternwarte durch Kieß entdeckt wurde, steht im September im Sternbilde der Fische. Nachdem ist bekanntlich schon wieder ein neuer Komet durch W. Brooks entdeckt worden, der— wie hier bereits mitgeteilt wurde— nach der vorläufigen Wahnbestimmung im November in seine größte Annäherung zur Sonne kommt. Man vermutet, daß er eine hellere Erscheinung werden wird. Die Bahn dieses Kometen hat Aehnlichteit mit der deS Kometen vom Jahre 1480. Anfang September ist er über der Wega zu suchen. Georg Kae st ner. kleines Feuilleton. Die Znsowmenseiinng deS StaubeS in der Lust. Eine höchst eigenartige Forschung hat Professor Hartlcy in Dublin unternommen und»er dortigen Royal Society vorgetragen. Er benutzte das Spcktr.skop und gleichzeitig die Photographie, um die Zusammen- setzimg der feinsten Staubteilchen in der Luft festzustellen. Zu diesem Zweck nahm er zwei Elektroden aus Kadmium, zwischen denen er Funken überspringen ließ, und phologrophierte das Spektrum dieser Flinken. In diesem traten selbstverständlich die Linien des Kadmium auf, außerdem aber noch ichwache, jedoch durchaus deutliche Linien anderer Elemente, wie des Kalzium. Kalium und des Kupfers. Zunächst vermutete der Gelebrte. daß diese Linien nur davon her- rührten, daß die betreffenden Stoffe als Verunreinigungen im Kadmium enthalten wären. Es ergab sich aber, daß die Linien verschioandcn, wenn der Versuch unter Ausschluß der Luft wieder- holt wurde. Daraus mußte gefolgert werden, daß sie von dem Staub der Luft ausgingen, und diesem überraschenden Ergebnis ging Profeffor Hartley mit der größten Sorgfall nach. Seine Bc- nni Hungen wurden durch die Entdeckung noch zahlreicher anderer Elemente im Luststaube gelohnt, nämlich des Bleies. Eisens. Nickels, Mangans, Magnesiums und des Kohlenstoffs. Weitaus überwiegend waren stets Kalzium und Kupfer. Diese Tatsache ist auch nicht schwer zu erklären. Das Kalzium rührt ohne Zweifel von der Abnutzung der Straßen her, deren Staub zu großem Teil aus Kalk besteht und durch den Wind in die Luft gewirbelt wird. Da?.Kupfer dagegen dürft« einmal durch Kohlenrauch, da die Steinkohle immer Spuren dieses Metalls ent- hält, andererseits dnrch die Funken an den Sriluug.Zdrähten der elektrischen Bahnen in die Luit gelangen. Selbstverständlich ist dieser Staub von äußerster Feinheit, da er sonst nicht in der Lust schweben würde, zumal von einem verhältnismäßig so schweren Stoff wie dem Kupfer. Mit dem Verfahren von Profeffor Hartley lasten sich aber noch Mengen von einem Tausendstel Milligramm Kalzium und sogar von einem Zweitausendstel Milligramm Kupfer nachweisen. Bergbau. Borau ssichtlicheErschöpfungszeitdertvichtig» sten Steinrohlenfelder in Europa. Verschiedentlich wurden in den letzten Jahren von feiten der dabei beteiligten Staaten Enqueten über die Kohlen- und Eisenvorräte der Erde veranstaltet, teilweise mit der direkten Absicht, damit eine Grund- läge zu schaffen, um dem kapitalfftisch betriebenen Raubbau zu steuern. Im S. Bändchen seines in der Sammlung«Aus Natur und Geisteswelt' erschienenen Werkes„Aus der Vorzeit der E r d e", deyen Anschaffung wir unseren Lesern angelegentlichst empfehlen können, hat P r of. D r. F. Frech das für die Kohlen- Vorräte in Betracht kommende Material in übersichtlicher Weise zusammengestellt. Wie die auf Grund eingehender Untersuchungen angestellten Schätzungen zeigen, ist danach Deutschland in bczug aus den Vorrat an Kohlen das reichste Land Europas und wird in der Menge des vorhandenen Brennstoffes nur von Nordamerika und vielleicht von Nordchina übertroffcn; in England ist lediglich die zeitige Produktionsziffer höher als in Deutschland und be- dingt eine raschere Erschöpfung der Kohlenlager. Auch Amerika gehl offenbar einer rascheren Erschöpfuno seiner ungleich gewaltigen Vorräte entgegen; beträgt doch die Jahresproduktion dort zurzeit fast eine halbe Milliarde TonS. In Europa besitzen die geringste Gesamtmächtigkeit der Schichten und die geringste Zahl der Flöze die Kohlenreviere von Zentralfrankreich und Zentralböhmcn, deren Förderung voraussichtlich in hundert Jahren erschöpft sein wird. Im Königreich Sachsen und im Waldenburg-Schatzlarer Revier und vielleicht in Nordcngland— Durhain. Northumber- land wird sich die Produktion noch etwa 100 bis 200 Jahre aufrecht erhalten lasten. Die übrigen englischen Kohlenflöze dürften in 250 bis 300 Jahren abgebaut sein. Nordfrankrcich und Saarbrücken wird eine voraussichtliche Fördcrungsdauer von noch 400 bis 500 Jahren zugeschrieben. Roch günsttgcr liegen die Verhältnisse in Belgien(etwa 800 Jahre), Aachen und dem mit Aachen zusammenhängenden westfälischen Kohlenfeld(mehr als 800 Jahre, besonders im Münsterland), sowie in den österreichischen und russischen Teilen von Oberschlcsicn. Die größte Schichten- Mächtigkeit und Flözzahl besitzt das Steinkohlcngebiet in Preußisch- Oberschlesien mit einer Förderungsdauer von mehr als 1000 Jahren. Dort gibt es einige besonder» mächtige Flöze, die sog. .Sattelflöze', von denen zwei niemals unter 5 bis 6, im Durchschnitt 10 bis 12 und vereinzelt 16 bis 18 Meter Mächtigkeit reiner Steinkohle erreichen. Aus dem Tierreiche. Leuchtende Tiere. Sckion in alten Zeiten haben sich die Natur- forscher ganz besonders für Tiere interessiert, denen die Eigenschaft anhastete, im Dunkeln zu leuchten. Man führte diesen Umstand auf das Vorhandensein von Phosphor im Organismus zurück, weil da- inals Phosphor als der einzige selbst leuchtende Stoff bekannt war. Mit der Zeit jedoch stellten die Gelehrten fest, daß im Grunde der Phosphor nichts mit den phosphoreszierenden Erscheinungen zu tun habe. Die Quelle deS LichieS geht vielmehr von einem besonderen Bazillus aus, den man Bacilkis phosphorens aureus nennt. Vor kurzem verkündeten einige Naturforscher, daß eS sogar setbstleuchtende Schmetterlinge und Raupen gebe. Daraufhin begann man, die betreffenden Gattungen zu untersuchen; und«» zeigte sich, daß tatsächlich einige Exemplare leuchteten, andere wieder nicht. Die Wissenschaft stand vor einem neuen Rätsel. Erneute Untersuchungen sollte es lö'cn, und da? Hauprverdienst aufdiesem Gebiet wird dem deutschen Naturforscher Dr. Schulz zugeschrieben. Bei der Beobachtung der Leuchtorgane von Schmetterlinge» und Raupen stellte er fest, daß sich diese Organe leicht mit dem Fingernagel ent- fernen laffen. Eine genauere Untersuchung ergab, daß die leuchtende Substanz phosphoreszierende Bakterien enthielt. Mit anderen Worten, der Schmetterling halte mir seinen Fühlern vermutlich die Lcucht- organe irgend eines von Bakterien angesteckten Gegenstandes be- rührt, und kleine Bazillen waren auf den Fühlern hasten ge- blieben. Nach diesem Beispiel bewiesen andere Forscher, daß auch andere leuchtende Wesen nur aus oben erwähnter Ursache leuchten. Auf diese Weise war auch die Legende von den Leucht- würmern aus der Familie der Tausendfüßler zu erklären, die Dubais in seinen„l,vtzons de Physiologie" so eingehend behandelt. Dubois suchte diese leuchtende Substanz in den Verdauungö- organcn einiger Tauiendfüßler; andere Gelehrte suchten die Leucht« quelle in anderen Organen. Neuere Untersuchungen ergaben aber, daß gerade die Tausendfüßler mit Barliebe Schutz in morschem Holz suchen, wo sie sich mit phosphoreszierenden Bakterien infizieren können. Die Entdeckungen von Dr. Schulz sind somit von großer Wichtigkeit. Vor allem beweisen sie, daß die Zahl der leuchtenden Wesen tatsächlich, nicht groß ist; und außerdem weisen sie den Forschern einen neuen Weg. der vor Irrtum schützt. Kerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: itzorwärtsBuchdruckerel u.Verlagsanftalt Paul Singer�Eo., Berlin S W.