Anterkaltungsblatt des Horwärts Nr. 171. Dienstag� den F. September. 1911 »t (Rai&btua Det5c«n.) Vor dem Sturm. Roman von M. E. belle Grazie, Ein flachshaariges Bübel lief ihm über den Weg. Das fragte er nach dem Wirtshaus. „Zem unt'n beim Predal," gab der Kleine scheu zurück, und lief spornstreichs ins nächste Haus hinein. Selbst die Kinder wichen ihm aus... dem Vagabunden! O einmal, nur einmal das alles den Menschen heim- zahlen können! Und dort hing das Kreuz und der Heiland daran, der für alle geblutet. Mit einem Ruck schob er die Mütze in die Stirne. Nein, er hatte ihm nichts zu danken. Nicht einmal das bißchen Nächstenliebe. „Zem unt'n, beim Predal!" Fehlgeh'n konnte man hier gewiß nicht. Also vorwärts! In der Schänke hatte er noch immer einen gefunden, dem es noch schlechter ging als ihm. Das war auch ein Trost. Der Wirt war ein rothaariger Tscheche, der aber gut Deutsch sprach und die Augen wie scheue Vögel umherschickte. Man munkelte allderlei über ihn, wußte aber doch eigentlich nichts Rechtes. Und schließlich— in die Kirche ging er doch! Einmal, vor langen Jahren, hatte er als Reitknecht in den Diensten des Grafen gestanden, dem das Dominium Lorowitz gehörte. Ter junge Graf war damals fast noch ein Knabe gewesen. Aber der Predal hatte ihm nicht bloß das Reiten beigebracht. Und als es die Eltern merkten, war es zu spät. Nun wurde der Graf nach Heidelberg geschickt,.studieren. Ter Besitzer des Tominiums Lorowitz saß im Rat der Krone. Da loar es nur billig, daß der junge Majoratsherr auch ein wenig von diesen Dingen verstand, um die er sich einmal, wenn auch nur dem Scheine nach, kümmern sollte. Wer„der Predal" fand aus irgendeinem Wege auch nach Heidelberg und dort ging es noch einmal so lustig her. Der alte Graf war ein passionierter Reiter und machte sich von Zeit zu Zeit das Vergnügen, die hohe Freitreppe des Schlosses mit seinem Hengst in ein paar Sätzen zu nehmen. Wenn Ihre Gnaden, die Frau Gräfin, mit einem entsetzten Sprung hinter die Türen flüchteten, hatten der Herr Graf immer einen Hauptspaß! Es war doch auch zu drollig: drinnen das spiegelnde Parkett des Gartensalons, mit den zierlichen Rokokomöbeln und den feinen Nippes auf Schränken und Etageren, und nun plötzlich— trapp— trapp— trapp Se. Gnaden mitten drinnen! Der ins Gebiß schäumende Hengstkopf voran! „Es wird einmal mein Tod sein!" jammerte die Gräsin. Aber es wurde— sein Tod. Eines Tages brachen der Herr Graf das Genick... bei demselben Spaß! Weil ein Majoratsherr zur Hand war, machte sich die Gräfin nicht allzu viele Sorgen. Mit dem Majoratsherrn kam aber auch„der Predal" zurück und noch einer, den sie den„Mexikaner" nannten, weil er einmal in Amerika ge- Wesen sein wollte. Sicher war nur, daß er in der Fremden» legion gestanden und sich später jahrelang in Frankreich und Deutschland herumgetrieben hatte. Wenn man einer dunklen Kunde glauben durste, war er zuletzt der Besitzer eines der- rufenen Hauses in der Studentcnstadt gewesen. Dort hatte der junge Majoratsherr ihn kennen gelernt und einfach mit- gebracht, als„dl-ütre de plaisir"(Spaßmacher). Er mußte seine Sache wohl verstehen. Gelang es doch nicht einmal der Gräfin, ihn zu entfernen. Und als sie starb, blieb er erst recht im Schlosse. Der Kerl hatte ein braunes, verwittertes Gesicht, aus dem die Nase wie ein krummer Haken stach: rechts und links tiefe Rinnensaltcn, die sich bis in den ruppigen Bart verloren. Denn er ließ sich den Bart nie abnehmen, obwohl es nicht gerade Mode war. einen zu tragen. Die Augen. klein und scharf, gingen einem„durch und durch", wie die Bauern sagten: und wenn sie länger als üblich an einer Bauerndirnc herumsuchten, bekam die Dirne und ihre ganze Sippschaft Angst. Im Dorf sprach niemand Französisch. nicht einmal der Herr Pfarrer; aber was ein„ilaltre de plaisir" war, wußten alle, seit der Graf den„Mexikaner� mitgebracht. Eine Zeitlang hatte sich die alte Gräfin mit dem Ge» danken getragen, daß ihr Sohn und die Herrin des Kunkel» lehens Schönbach einmal ein Paar würden. Aber es war seltsam! Weder der Graf noch das hochadelige Fräulein schienen an ihresgleichen Gefallen zu finden. Und die letzte Sorge, die„Ihre Gnaden" ins Grab nahmen, war die Angst vor einer Mesalliance. Als der Reitermacher in die Wirtsswbe trat, nahm der Mexikaner gerade ein Schnäpschen. Er liebte es, von Zeit zu Zeit bei dem ehemaligen Nebenbuhler einzukehren, und der Tscheche wußte diese Ehre gar hoch zu schätzen. Wenigstens tat er so. Denn von den Heidelberger Tagen her lebte noch ein heimlicher Groll gegen den Mexikaner in ihm, der ihn damals so rasch aus der Gunst seines jungen Gebieters der- drängt.„Hütt' der mich nicht aus dem Sattel gehoben, könnt' ich jetzt Verwalter oder Rentmeister sein," pflegte der Wirt zu sagen. Weil er aber auch so nicht übel gefahren war, suchte er aus der herablassenden Freundschaft des anderen wenigstens noch herauszuschlagen, was sich herausschlagen ließ. Und er bat selten umsonst. Auch war es nicht bloß die Fülle der lustigen und schmutzigen Erinnerungen, die beide noch immer verband. Wenn der alte Kuppler das Herrschaft- liche Schloß verließ, um eine Stunde beim Predal zu „schnapsen", hatte er immer ganz bestimmte Absichten. In der Schenke wurde alles zusammengetragen, was im Dorf geschah. Und Seine Gnaden, der Herr Graf, hatten oft ein Jnteresie, zu wissen, wann und wo diese oder jene schöne Bauerntochter zufällig allein zu treffen wäre. Auch was die Bauern untereinander sprachen, begann den Patronatsherrn zu interessieren. Die Leute begannen sich nämlich seit einiger Zeit allerlei Unsinn in den Kopf zu setzen. Da und dort war die Unzufriedenheit sogar schon zu einer kleinen Revolte aus» geartet. Es war immer gut,„informiert" zu sein. Man konnte seine Maßregeln treffen und den dummen Kerls mik Hilfe des Justitiärs klarmachen, daß es ganz überflüssig sei, auch ihre Köpfe und Mäuler zu strapazieren. Die Herrschaft war mit ihren Händen vollkommen zufrieden. Der Mexikaner hatte natürlich einen eigenen Tisch für sich— einen Tisch, dem die Bauern nicht bloß aus Respekt ferne blieben. Heute aber war ein Wochentag und niemand sonst in der Stube, au deren Decke immer eine schwarze Rauch- wölke hinzog, die nach Sauerkraut und Selchfleisch roch und nach dem schlechten Tabak des Wirtes. Darum erregte der Reitermacher einiges Interesse, als er eintrat. Erstens war er ein„Zugereister" und dann.... Man wußte ja nie, wer und was heutzutage in einem solchen Kerl stak. Und weil der Reitermacher noch in jeder Wirts- stube demselben Mißtrauen begegnet war, hatte er sich an- gewöhnt, in jede mit demselben Gruß einzutreten:„Gelobt sei Jesus Christus!" Der rote Schädel des Wirtes fuhr empor. Machte sich jemand einen Spaß mit ihm? Zuletzt besann er sich doch, daß er nicht mehr in Heidelberg war, und gab ein mürrisches „In Ewigkeit Amen" zurück, das der junge Handwerker jedoch kaum hörte, denn er sah im Augenblick nur den Mexikaner. Und als auch dieser den Mund auftat, um den frommen Gruß zu erwidern, ward dem„Reitermacher" trotz aller Unfromm- heit ganz seltsam zumute.„So müßt' der Teufel aus» schau'n, wenn er„Gelobt sei Jesus Christus" sagen muß!" dachte er. Und:„Der Kerl könnt' einem das Gruseln lehren!" Aber— es war das erste pfisfige Gesicht, das er seit Wochen gesehen hatte, ineilenweit, im ganzen Znaimcr Kreis. Stieß man nicht zufällig unterwegs auf einen Land- streicher, die Bauern da herum sahen ja drein, als könnt man ihnen die Dummheit faustdick von der Stirne wischen. „Kann ich eine Suppe haben?" fragte der Bursch. Der Mexikaner warf dem Wirt einen Blick zu— einen Blick aus den Heidelberger Tagen.„Laß mich erst losgeh'n, mein Lieber..." so beiläufig. Und wie nebenbei sagte er:„Die „Geselchte" ist immer recht g»t da!" Der Bursch blinzte ihn von der Seite an. Oha! Wollte der ihm so kommen? Nun— wenn er seinem frommen Gruß nicht traute, er würde ihm wieder in die Selchsuppe nicht hineinfallen. Und während er seine Siebe von den Schultern nahm und so geräuschlos als möglich hinter die Bank schob, sprach er bescheiden:„Tanke: aber heut' ist Ouatember." „Maruschka, eine Einbrennsuppen!" rief der Wirt zum Schiebfcnster hinaus. Ter Mexikaner aber kniff die Augen ein und trank sein Glas leer. Sollte er sich dock) geirrt haben in dem Fremden? Ter Kerl sah ihm einmal zu klug drein. � Und kluge Köpfe waren im Augenblick kein angenehmer Zuzug. Eine Weile blieb«3 still. Nur das Gesumm einer 'großen Fliege belebte das Schweigen, die aus der Ecke, wo der Bursch saß, immer wieder gegen die Scheiben stieß. „Ich kann ja warten," dachte der Neitermachcr. � Richtig! .„Schön Wetter heut'," begann der Mexikaner nach einer Weile. „Tie Leute können's brauchen!" kam es gemessen zurück. Ter Mexikaner sog eine Weile an seiner„Türkischen", die er wie ein Großherr überall mit sich herumzutragen pflegte. Wenn ihni der Qualm in dicken Wolken um die braune Fratze hing, hatte er seine besten und ruchlosesten Einfälle. „Steh'» die Saaten überall so gut?" fragte er nach längerem Geschmauch. „Tu willst wissen, wo ich herkomm', mein Lieber," dachte der Reitermacher. Und da er sich schon oft im Leben über- zeugt, daß es immer das beste war, nur die halbe Wahrheit zu sagen, erwiderte er:„In Qst'reich drüben noch besser!" In Nicderösterreich war«r nämlich vor zwei Wochen herum- gezogen. „Ja. die haben's wärmer," nickte der Mexikaner.„Und sind doch inimer unzufrieden." „Ta hinaus geht's also," sagte sich der Neitermacher, und ebenso rasch zog er einen anderen Schluß: daß der Mann nur im Dienst einer Herrschaft stehen könne! Jäger war er nicht, dazu fehlte ihm die Montur. Also Rentmeister oder Verwalter oder gar der„Herr Justitiär". Denen wurde jetzt allgemach bange vor dem Getuschcl und Gezische! der Bauern. Hatten auch allen Grund dazu. „Siehst du, mein Lieber, jetzt Hab' ich dich!" freute sich der Reitermacher. Er war an dem Lorowitzcr Gut noch nicht vorübergekommcn. Darum meinte er, einen Beamten des „Kunkcllehcns" vor sich zu haben. Tn hieß es sich angenehm machen, um besser heranzukoinmen. Und herankommen wollte er, wenn er auch noch nicht recht wußte, warum. Aber so oft ihn etwas so gepackt und er so nachgegeben hatte, war er noch immer am besten gefahren. Wie ein Trieb war ihm das in die Seele gegeben. Etwas Wildes, Ursprüngliches, das ihn noch stets auf die richtige Fährte geleitet, wie einen Jagdhund. Hatte er aber einmal„den Wind", für das andere kam sein Verstand auf. Qb er das von Mutters- oder Vatcrsscite her geerbt? <5r wußte es nicht. Denn er hatte weder seinen Vater noch seine Mutter gekannt. Aber man konnte es brauchen, wenn man jahraus, jahrein die langen Straßen lief, die seines- gleichen noch nie an ein richtiges Ziel brachten. „Hier herum sind die Leut' freilich besser," nickte er. ,„Tas Hab'- ich auf Schritt und Tritt gemerkt. Sind auch srömmer," setzte er mit einer gewissen Genugtuung hinzu. Ter Mexikaner kniff wieder die Augen ein.„Merk- würdig," dachte er.„daß ein solcher Paternosterbruder so ein kluges Gesicht mitbekommen!" Ihm schien das wie eine Rechnung, die nicht stimmen will. Aber schließlich,,. „Unser Herrgott hat einen großen Tiergarten!' (Lortsetzung solgt.)� (TtalldrucI Wrtolcn.) „ Die jVIeirteriii. Von August Friedrich Krause. 1. Tie letzten schönen Tage des Herbstes waren über das Land gegangen wie das Aufleuchten eines späten Glücks: golden, und doch ein wenig gedämpft in Gli.nz und Farben, hell und klar, aber die Ferne schon umhängen von zarten Echlcicrn, mild und sonnen- warm, wcnn aber ein stilles Wehen anhub vom Sackcraucr Wald lhcr, war ein kühles, ahnungsreiches Erschauern darin. Nun war schlimmes Weiter eingebrochen: schier gründlos waren in wenig Tagen die Landstraßen geworden, und die fahlbraunen Blätter der Heckenbuchen wehten im scharfen Wind, der Regen und Schnee burcheinanderpeitschte, wie die trübseligen Fetzen einer zer- schliffenen Fahne. Es wurde Zeit für landfahrendes Volk, sich einen Unterschlupf für den Winter zu suchen. Die Straße von Ratschen her trottete einer, dem man es auf den ersten Blick ansah, daß er den Sommer über in wenig Betten gelegen. Den schmierigen Filz hatte er tief über den Kopf ge- zogen und die Krempe rundum heruntergeschlagen; nun konnte der Regen nach allen Seiten herabrieseln. Die Schultern waren dem Manne schon völlig durchnäßt, und die Hosen klebten ihm an den Beinen. Wenn der Wind stärker blies, versuchte er, die Fäuste tiefer in die Taschen seines Jacketts zu vergraben. So trappte er am Kreuz vorbei ins Dorf. Sonst lüpfte er, wcnn er in einen Ort einmarschierte, vor solch frommem Weg- zeichen den Hut, es konnte nützlich sein für den Bcttclgang von Tür zu Tür; heute achtete er nicht darauf, es war straßauf, straßab kein Mensch zu sehen, und die Nebel verhingen alles. Sehr verheißungsvoll sah überhaupt das ganze Nest nicht aus, gleich die erste ttliische, strohgedeckt und halbverfallen, machte keinen besonderen Eindruck. Der Weg teilte sich. Mißmutig sah er sich um: wo ging's ins Dorf? Geradeaus oder rechts? Man tut bei solchem Wetter nicht gern unnütze Schritte. Ta schüttelte er sich, daß die Tropfen von den Kleidern stiebten, gab sich einen entschiedenen Ruck und schlug sich nach rechts. Man muß nicht immer den geraden Weg wählen, hinten herum führt auch zum Zielt Der Gedanke hatte den Aus- schlag gegeben. Tiesmal schien's getroffen. Noch keine hundert Schritt war er gegangen, da stand er bei einer kleinen Wendung des Weaes vor einem schönen massiven Hause mit flachem Dach. Freundlich blitzten die Fenster in den griesgrämigen Regentag hinaus und ringsum war alles so blitz- sauber, daß man schon wünschen mochte, hier daheim zu sein. Doch war es nicht das Aussehen, was dem Burschen das Herz froh machte. Da lagen im Hofe unter sorglich gerichtetem Dach wohlgestapelte Stöße von Brettern, kieferne und sichten« waren es zumeist, dann auch erlene Schwarten und eichene Dohlen, eines vom andern durch kleine Stapelhölzer getrennt, damit die Luft gut durchziehen und das Nutzholz austrocknen könne. Dazu klang aus der Werkstatt das fröhliche Kreischen des Hobels: es grüßte das Handwerk! Winters Eingang war ihm dieser Ton kvillkommener«ls sonst, er verhieß ihm schützendes Obdach. Und doch zögerte er noch, es wurde ihm schwer, wieder unter ein Joch zu kriechen. Ein Wind- stoß aber, der ihm Kälteschcmer über den Körper jagte, trieb ihn durch die Pforte des niedrigen, grüngestrichcnen Zaunes in den Hof. Auf den Steinplatten vor der Haustür klopfte er den ärgsten Schmutz von den Füßen. Sie Glocke schrillte wie in einem Torf- kausladen, als er die Hanstür öffnete. Ten Hut in der Hand, wartete er. Ein junger Mensch, dem kaum der erste dunkle Flaum auf der Oberlippe sproßte, steckte den Kopf zur Werkstatt heraus, und als er den Landfremden sah, schrie er gegen die Wohnstubentür auf der andern Seite des Flurs: „Mutter,'n Fechtbruder!" Schwapp, flog auch schon die Tür wieder zu und zum Kreischen des Hobels erklang lustiges Pfeifen. In den Auge» des Landstreichers blitzte es drohend auf; ein böser, dunkclglühender Blick schoß dem jungen Menschen nach. Da hörte sein feines Ohr, wie sich leise Schritte der Tür zur Rechten näherten, und schon hatte er sich wieder in der Gewalt: in Haltung und Blick zwang er unterwürfige Demut, die wie ein geducktes Lauern auf Mitleid war. Eine hohe, überaus hagere Frau trat in die Tür. Der etwas cingekniffenc Mund blieb fest geschloffen; sie sagte nichts und fragte nichts Und sah ihn nur an vom Kopf bis zu den Füßen. Da konnte einem schon eine Gänsehaut über den Leib laufen bei solchem Blick. „Ich tät schön.... ich wollt' amal fragen, ob... ob ich Arbeit kriegen könnte! Vielleicht braucht der Herr Meister., „Tischler?" „Ich bitt schön, Frau Meistern, Bau-, Sarg- und Möbel- tischler." Er machte dabei eine ungeschickte Verbeugung. „Ich nehme keine Leute von der Landstraße!" Verlegen drehte er seinen Filz in den Händen; aber er gav die Hoffnung noch nicht aus: „Vielleicht, wenn der Herr Meister meine Papiere.«-.* „Ter Meister bin ich!" Mit offenem Munde starrte er einen Augenblick die Frau Ntk. So eine war ihm noch nicht vorgekommen. Immer noch glitt der mißtrauische Frauenblick über ihn hin, musterte seinen Anzug, prüfte das bartstoppelige Gesicht und die tief unter buschigen Brauen liegenden listigen Aeuglein; aber er sah, und dafür hatte er einen geübten Blick, wie in den bellen Augen, die wie der blauschimmernde Bruch klaren Eises leuchteten, leises Mitleid aufglänzte, der strengen Frau vielleicht selbst unbewußt. Das gab ihm Mut: „Wenn Sic's vielleicht mit mir versuchen täten?" „Nein!" Da wandte er sich, um zu gehen, und warf den Kopf trotzig hoch:„Na, deiin nicht" „Warten Siek" Der Klang dieses Wortes ritz ihn herum, er moihte wollen oder nicht. ..Einen Topf Kaffee und eine Schnitte Brot können Sie kriegen!" Als wenn er gefühlt hätte, was dieser Frau allein imponieren konnte, machte er ein beleidigtes Gesicht und murrte trotzig: „Ich bin kein Fechtbruder nicht! Ich will Arbeit!" Um den warmen Kaffee tat's ihm zwar leid, er hätte ihm gut getan, und eine Schnitte dazu, vielleicht gar mit Jett geschmiert, wie er es so gern atz: das Wasser lief ihm ordentlich im Mund zu- sammen bei dem Gedanken, und er mutzte tüchtig schlucken, um fest zu bleibe, u Kurz aufgelacht hatte die Frau bei seinem Auftrotzen, aber sie öffnete die Werkstatt und rief hinein: „Du, Paul, hier ist einer, der tut sich ums Arbeiten reißen!" „Immer ock rein," lachte der junge Mann,„Arbeit hat's genug bei uns!" „Gott sei Dank." fügte die Meisterin stolz hinzu. Die nicht allzu geräumige Werkstatt hatte drei Fenster: eines an der Giebelseite ging nach dem Gemüsegarten hinaus, in dem auch unter sorglich hütendem Strohdach die Bienenstöcke aufgestellt waren, die beiden andern sahen in den steingcpflasterten Hof. Die Hobelbank vor dem Giebelfenster stand leer, aber sie war sauber «bgeräumt, und man sah, daß sie ständig benutzt wurde. An der einen der beiden anderen Werkbänke arbeitete, die Hemdörmcl bis zu den Ellbogen aufgekrcmpt, der junge Tischler. Er hatte ein breites, zweimal geleimtes Stück eingespannt, das eben erst in Arbeit genommen war: man sah auf der vom Schnitt rauhen Fläche des Holzes erst wenige kurze Streifen, die das scharfe Eisen des Schrubbers hineingebissen hatte. Mit ein paar Griffen räumte er die Bank ab, die der Tür am nächsten stand und mit Werkstücken aller Art vollgepackt war. Auf einige geleimte Bretter zeigend, die auf den vier Schraubstöcken an der Hinterwand lagen, wies er dem Neuen die Arbint: „Da, die Schranksciten wären auszuhobeln, aber fein, gelt?" Ein böser Blick streifte den Mcistersohn. Ohne ein Wort zu erwidern, machte der Fremde sich an die Arbeit: spannte das Stück ein, prüfte und richtete das Eisen des Schrubbers. Da fuhr ihm die Frau mit einer Frage dazwischen: »Wollen Sie in Ihrem nassen Rockel arbeiten?" „Machen Sie fich's ock bequem bei uns," spottete Paul,„immer runter mit der Fracke!" Dunkclrot im Gesicht, sah der Neue die Meisterin an: „Ich... ich... mein Hemd is nich mehr ganz gut!" Sic schippte nur mit dem Kopfe, als wollte sie sagen: Las Hab' ich mir schon gedacht! Aber es war doch ein wärnicrer Ton in ihrer harten Stimm», als sie nieinte: „lind die Schürze ist zu Fußlappen verbraucht, na gell?" Es war seltsam, wie weichen Glanz das flüchtige Lächeln dem strengen Gesicht zu geben vermochte. „Gib ihm deine andere Schürze, Paul!" Eine Weile sah sie dem Arbeitenden zu und beobachtete jeden seiner Handgriffe scharf, sagte aber nichts und machte sich bald in der Werkstatt zu schaffen. Kein Wort wurde gesprochen, jeder arbeitete eifrig: die Schrubber schurrten, die Hobel kreischten, die Rauhbänke gaben ihren langgezogenen schneidenden Pfiff und �spieen breite, glatte Späne, bis die Putzhobci an die Reihe kamen und dem Brett die letzte feine Glätte gaben. Dazu knatterte und lackte das lodernde Herdfcuer, das all die Späne fraß, die der �fleitz der beiden Schaffenden häufte, und zisckend brodelte der Leim, den die Mei- stcrin unter ständigem Umrühren abkochte. (Fortsetzung folgt.). Der I�aiibenKolomft als Gärtner und Klcintierzücbter. (Kleintierzucht auf der L a u b c n p a r z c l l c.) Wenn man sich einmal die Mühe nehmen wollte, eine unserer großen Laubenlolonien auf ihren Inhalt hin eingehender zu prüfen, so würde man zu der Ucbcrzeugung gelangen, daß jede dieser Kolo- nicn, mag sie heißen wie sie will, nicht nur eine große Gartenwirt- schaft, zusammengesetzt aus Hunderten und taufenden kleiner Beete, sondern oanebcn noch eine Art Gutswirtschaft, richtiger gesagt, einen zwar nicht arten-, aber inhaltsreichen Zoologischen Garten darstellt. Fast jeder Laubcnkolonist reitet, wie man zu sagen pflegt, sein Steckenpferd, oft auch mehrere. Das Houptstcckcupferd bildet natürlich die Gartcnkultur, weil sie von der Frau der Laube unterstützt und hochgehalten wird, dann kommt aber die Tierzucht gleich an zweiter Stelle. Ich will nicht von den Goldfischen reden, die über Sommer in kleinen Kastenaquarien am Laubcnfensicr stehen, und nicht von dem Piepmatz, der im Bauer an der Lauben- Veranda hängt und mit seinem freifliegenden Anhang die Musik- kapclle ersetzt. Sobald er seine Slimme im Kaste« ertönen läßt, antworten ihm Gevatter Fink und Spatz, und bald ertönt Hann ein viel-, wenn auch etwas unstimmiges Konzert, das die Gemüter er- heitert und Malz- oder Bohnenkaffee würzt. Wenn wir eine unserer Laubenkolonien durchschreiten, sa fallen uns überall die großen Drahttästen auf den Dächern auf» auf jedem zehnten Dach steht oft eine solche Kiste, bevölkert mit schmächtigen, meist langbeinigen Tauben. Tie Rassen, aus der Gruppe der lang-, kurz- und mittelschnäbligen Tümmler, die hier gehalten werden, bilden ein wichtiges Spckulatwnsobjekt des Laubenkolonisten; sie werden nicht nur in den sogenannten Tauben» börsen, als welche gewisse Vorstadtkneipen firmieren, sondern auch! in den Markthallen auf den Geflügel- und speziellen Taubcnaus- stellungcn lebhaft gehandelt. Auf den Ausstellungen zeigen Preise von 200, 300 und selbst 500 M. pro Stück, wie hoch der Besitzer seine rasseechten Tiere oft einschätzt. Freilich stehen diese Preise meist nur auf dem Papier, wenn sich nicht zufällig einmal ein über- geschnappter Engländer einfindet, der seine Goldfüchse in beliebiger Zahl skrupellos für eine Berliner Blaubunte oder für einen Kuvfergimpel hergibt. Wenn Mutter Sonntag früh im Garten gräbt, gießt oder jätet, sitzt Vater auf dem Laubendach, in beiden Händen eine lange Stange mit rotem Wimpel haltend und sie kräftig schwingend. Die kleinen Jungen sitzen neben ihm und lernen so frühzeitig den Flugtaubensport. Das ist keine wirtschaftliche Nutzzucht, sondern nur eine Liebhaberei, die nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Groß- und Mittelstädten verbreitet ist. Und überall hat man besondere Rassen; so in Stralsund die Wolken- siecher, in Danzig die Hochslieger, in Königsberg die Reinaugen. in Wien die Gamseln, in Pest die Gcstochcrtcn usw. Es sind alles Tauben, die man fliegen sehen will, die man deshalb einjagt unl> im Jahr nur zwei bis drei Brüten machen läßt, um die Flug- leiftungen nicht zu schwächen. Kommt wirklich mal ein solches Täubchen in den Schmortopf, dann sieht es armselig genug aus, und das Abnagen des geringen Fleisches von den vielen Knochen macht eine Heideuarbeit, für welche jeoe reelle Unterlage fehlt. Von den schweren Nutzrasscn, bei welchen ein Nestjunges oft ein halbes Kilo schwer ist, wiegt jede einzelne drei bis vier unserer Flugtauben auf. Für die wirkliche Nutztaubenzucht kommen eigentlich nur unsere gewöhnliche Fcldtacchc und die gewöhnlich« Antwcrpcner Brieftaube in Frage. Diese Tauben suchen weithin die Felder nach Unkraut- sämcreicn, Pflanzen- und Jnsektenkost ab, tmb nach der Getreideernte mästen sie sich mit Finken und Rabenvögeln gemeinsam an den Tausend und Abertausend ausgefallener Körner, die für den Landwirt sowieso verloren sind. Di? Arbeitsamkeit dieser Rassen überhebt den Laubenkolonisten im Winter einer schweren Sorge, derjenigen der Besckaffung des Trinkwassers. Mag es auch Stein und Bein frieren, die genannten Feldtauben werden trotz alledem offenes Wasser zu finden wissen, wo sie ihren Durst löschen, und wenn es stundenweit entiernt ist. Das Futter kann man dann in automatischen Futtcrgefäßen reicken, u?s heißt auf Vorrat für drei bis vier, ja selbst für sieben Tage. Wohl gibt es im Handel automatische heizbare Sausgefäße, ich habe sie aber in allen mög- lichen Arten erfolglos durchprobiert. Mögen sie nun mit Briketts oder mit Brennöl gebeizt werden, bei strenger Kälte frieren sie auch bei zweimaliger täglicher Erneuerung der Heizung sicher ein und verfehlen damit ihren Beruf. Aus oiesem Grunde muß sich der Geflügelhalter, der im Winter nicht täglich auf seiner Par- zclle ist, deshalb nicht für frisches, angewärmtes Saufwaffer sorgen kann, auf die Haltung von Feld- und Brieftauben bc- schränken. Aber zäh, wie der Laubenkolonist nun einmal ist, hält er auch an der Zucht von Großgeflügel fest. Hühner sind in der Lauben- kolonie eine alltägliche Erscheinung, Puten, Enten und Gänse nicht selten. Viele Kolonisten scheuen im Winter tägliche Eisenbahn- fahrten oder lange Fußmärsche nicht, nur um ihr Geflügel zu der- sorgen. Das Wasser sucht man vielfach, der Not gehorchend, durch klciugeschlagcne Eisstücke �u ersetzen, die man aus Vorrat gibt. Andere nehmen das Geflügel im Winter mit heim, um es in Kellern oder Bodenräumen zu überwintern, in welchem Falle dann natürlich von nennenswerter Eierproduktion keine Rede sein kann. Alles in allem bleibt die Geflügelhaltung für den Laubenkolonisten eine ziemlich kostspielige Liebhaberei, da die Abfälle, welche die kleine Laubcnvarzellc für die Hühnerhaltung bietet, kaum in die Wagschale fallen. Mit gekochten Kartoffeln und aufgeweichten alten Brotabiällcn nebst Grünfuttcr ist Geflügel auf die Dauer nicht zu erhalten. Die gestampften Kartoffeln müssen schon mit Kleie, zur Abwechselung auch mit Maismehl vermischt werden, und zur Abcndfüttcrung sind Körner, Gerste oder Weizen, nicht zu cnt- behrxn. Roggen, der etwas niedrig-r im Preise steht, ist ein schlechtes Körnerfuttcr und wird auf die Tauer überhaupt nicht genommen. Ter Hühnerzucht ist auf der Laubenparzclle auch der allzubc- schränkte Raum hinderlich. Gerade unsere besten Legehühner sind leichtfüßige, halbwegs flugfähige Tiere. In kleiner Voliere fühlen sie sich unglücklich und legen dann schlecht. Freier Auslauf auf die Parzelle ist nur dann möglich, wenn man auf jede Garten- !ult«r verzichten will und nicht auf Zce.-chbarn Rücksicht zu nehmen hat. Die leichten Landhühncr fliegen besser, als man glaubt. Zäune von IVj bis 2 Meter Höhe nehmen sie mit Leichtigkeit, selbst noch mit total vcrschnittciieii Flügeln. Infolgedessen richten sie in den Rachbarpärten böse Verheerungen an, was zu ewigen Aergernissea führt. In Frage kommen also nur jlugunfähige, schwere Rasse«' Ms Vrahma, Kochin, WhandotteS, Orpington us!v. All diese Hühner sind aber sehr schlechte Leger. Die Eier sind nicht nur winzig klein im Verhältnis zu ihrer Körpergröße und ihrem Futter- bedarf, sondern diese Rassen werden auch von einer unbezähmbaren Wrutlust befallen; jedes einzelne Tier gluckt drei- bis fünfmal im Sommer und legt dann natürlich nicht. Sechs schwarze vorjährige Orpington-Frühbruthennen fingen bei mir im März dieses Jahres zu legen an. Im April brachten sie es zusammen auf 47 Eier, in den folgenden Monaten auf 44, 40, 57 und 59. Vom April bis jetzt gluckten nie weniger als zwei, meist drei Stück. In einem ge- pflasterten Hofraum, der keine Sitzgelegenheit bot, trieb ich ihnen die Brutlust aus. Kaum hatten sie aber wieder 19 bis 12 Eier gelegt, so gluckten sie aufs neue. Als Gegenstück führe ich meine dicsiährigen gestreiften Plymouth-Rols an. Während die Orping- tons erst im Alter von 11 bis 12 Monaten legen, fingen die drei Tiere der letztgenannten Rasse Mitte Juli im Alter von knapp fünf Monaten damit an und brachten es im August bereits auf 67 Eier. Die schweren Rassen sind nicht Lege-, sondern Fleisch- Hühner, und als solche stehen die weißfleischigen Orpingtons neben den Sundhcimer, Stuhrer, Mechelner und Faverolles an erster Stelle. Wenn aber die Zucht nutzbringend sein soll, so muß man ßich auf Kückenzucht beschränken, d. h. die jungen Tiere mästen und im Alter von drei bis vier Monaten als feinste Brathühner verkaufen. Ilebcrwintern darf man in diesem Fall nur so viel Tiere, als man zur Gewinnung der Bruteier für die nächste Zucht- Periode bedarf. An Stelle der künstlichen Brutmaschinen bedient man sich dann einer natürlichen. Als solche gilt die Truthenne, die sich ohne Umstände, jederzeit, auf das Nest gesetzt und mit einem Korb bedeckt, brutlustig machen läßt. Man legt ihr der Sicherheit halber zunächst einige Porzcllaneier unter, erst wenn sie auf diesen festsitzt, die echten Eier, von welchen sie je nach Größe 29 bis 89 Stück decken, also gleichzeitig bebrüten kann. Die Haltung von Gänsen und Enten ist nicht, wie man an- zunehmen' geneigt ist, an Wasser gebunden. Ein großes Wasser- gefäß genügt. Wenn man aber befruchtete Eier erzielen will, ist das Vorhandensein eines Teiches oder Wasscrtümpels, bezw. eines flachen Wassergesäßes von 2 Meter Durchmesser absolutes Er- fordernis, Die lohnendste und einträglichste Kleintierzucht für den Lauben- kolonisten ist unbedingt die Kaninchenzucht; sie wird ja auch als Nutz- und Sportzucht in den Laubenkolonien in umfangreicher Weise betrieben. Die im Herbst und Winter jährlich in Berlin stattfindenden Kaninchenausstellungen weisen hin und wieder prächtige Zuchttiere auf, die den Beweis dafür liefern, daß mancher Laubenkolonist dieses Gebiet durchaus beherrscht. Auch Prietzke gehört zu diesen, denn seine belgischen Riesenkarnickel sind, wie man zu sagen pflegt, nicht von schlechten Eltern. Der Vater ist ein preisgekrönter Rammler und die Mütter sind die schönsten und lieblichsten Zibben, die man sich denken kann. Und Ohren haben sie, die einem italienischen Zwergesel alle Ehre machen würden! Das Kaninchen ist unter allen Kllcintieren dasjenige, sür welches im Laubengarten am meisten abfällt. Die geringen Kartoffeln, die Kartoffelschalen, die in der Küche unbrauchbaren losen Blätter der verschiedenen Kohlsorten, der mißratene Blumenkohl, in Samen ge- schossener Salat und Spinat, schwammig gewordene Rüben, der- schiedenartige Unkräuter, kurz, alles wird von den Kaninchen mit Behagen gefressen, und sie werden dick und rund dabei. Gibt es in fortgeschrittener Jahreszeit nichts Grünes aus der Parzelle mehr, dann füttert man mit Kohlrüben. Mohrrüben. Runkcln und Kar- toffeln. Bei dieser vorwiegenden Grünfüttcrung wird kein Wasser gereicht, denn solches ist nur bei reichlicher Trockenfütterung er- forderlich. Will man einen schmackhaften Braten erzielen, so darf man sich allerdings nicht auf Rüben und Gemüse als Futtermittel beschränken, man Muß dann auch etwas Hafer geben. Das Kaninchen hat nichts vom»wilden" Geschmack des Feld- oder Wald- Hasen, aber das Fleisch ist leicht verdaulich und schmeckt zart wie Hühnerfleisch. Alte Züchter haben mir oft versichert, daß man sich nie daran überessen könne. Tie Schmackhaftigkeit des Fleisches wird erhöht, wenn man zur Beimischung unter das Futter etwas Würzkräuter anbaut, namentlich Sauerampfer, Estragon, Dsop, Lawendcl, Thymian, Boretsch u. a. Die besten Fleischrassen sind das belgische Riesen- und Widderkaninchen, letzteres mit einem hän- genden und einem aufrechtstehenden Langohr, aber auch unser ge- meiner Stallhase lohnt die Zucht. Von ihm gibt es hübsche Haar- und Farbenvarietäten, so das weiße mit roten Augen, das russische. das Silbcrkaninchcn und das Angorakaninchen. Einer meiner Be- kannten hat drei Buben und vier Mädels, und alle sieben lausen im Winter in reizenden silbcrgraucn Pelzmützen herum. Ten Pelz dazu liefern die Felle der geschlachteten Tiere. Vater gerbt sie mit Alaun und etwas Arsen und Mutter näht sie. Die Kinder sehen prächtig in diesen Kappen aus. Der Uneingeweihte meint, sie seien aus Blaufuchs gefertigt, der zwar hundertmal teurer, aber durch- aus nicht schöner und haltbarer ist. und dem Felle dcS modernen Polarfuchses kann man ruhig dasjenige des Angorakaninchens an hie Seite stellen. Uebcr die Vermehrungsfähigkeit der Kaninchen brauche ich weiter nichts zu sagen. Frau Prietzke war rein fassungslos vor Erstaunen, als ich ihr einige Zahlen nannte. Daß so ein Karnickel, namentlich ein Rammler, wenig auf eheliche Treue hält, so daß sich seine Nachkommen, wenn man ihm genügend Zibben gibt, schließ- Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: lich auf Legionen belaufen können, ist zwar nicht schön, trägt aber mit dazu bei, die Zucht lohnend zu gestalten. An die Stallung stellen die Kaninchen nur geringe Ansprüche. Tie Ställe werden oft kastenartig in mehreren Etagen ubcrcin- ander errichtet, doch möchte ich dieses System nicht empfehlen. Hauptsache ist guter Verschluß und etwas abgeschrägter, aus starkem Holz gefertigter oder gemauerter Boden. Da die Tiere stark nässen, aber gegen Feuchtigkeit sehr empfiichlich sind, muß immer für trockene Streu- oder Strohunterlage gesorgt werden. Die schlimmsten Feinde der Kaninchen sind Ratten, Katzen, Wiesel, Iltis und Marder, was guten Verschluß der Stallungen erfordert und auch im Sommer ein Halten im Freien unmöglich macht. Eine Kleintierzucht im wahren Sinne des Wortes ist die Bienenzucht, leider kommt sie aber für den Laubenkolonisten nicht in Frage. Ein starkes Bienenvolk besteht aus 39— 40 900 Tieren, die sich in der näheren Umgebung oft sehr unliebsam bemerkbar machen können, deshalb mutz der Bienenstand einen Platz erhalten, der von jedem der Nachbargrundstücke mindestens 19 Meter Abstand hat. Daß die Bienenzucht interessant ist, und daß sie den Garten- bau indirekt fördert, dürste nicht zu bestreiten sein, aber lohnend ist sie entschieden nicht immer. Eine lohnende Bienenzucht erfordert unter allen Umständen eine gute Bienenweide, wo diese nicht von Natur aus vorhanden ist, muß man stark honigendc Futterpflanzen in größcrem Umfang anbauen. Aber auch diese versagen in nassen Jahren, wie in dem verflossenen, und in heißen, trockenen, wie in dem gegenwärtigen. Andauernder Regen wäscht den Nccktar aus den meisten Blüten aus. Bei andauernder Dürre honigt dagegen nicht eine Blüte. Infolgedessen haben die Bienen im verflossenen Jahre fast gar keinen Ertrag gebracht und in diesem Jahre mußten diejenigen Imker, die den ersten Honig nach der Lindenblüte ge- erntet hatten, schon von Ansang August ab die Tiere ständig füttern. Das kostet Geld, denn außer der laufenden Nahrung müssen jedem einzelnen Volke mindestens 39 Pfund Zucker zur Aufspeicherung des notwendigen Wintcrvorrates in Zwischenräumen von drei zu drei Tagen verabreicht werden, wozu für meinen Stand von sechs Völkern 199 Kilogramm besten Kristallzuckers erforderlich sinb, die rund 50 Mark kosten, während die Einnahmen aus dem diesjährigen Honigertrag nur 45 M. brachten. Dabei habe ich so manchen Sonn- tag und manchen Abend den Bienen widmen müssen. In normalen Jahren ist freilich ein besseres Ergebnis zu erwarten.»16. Kleines feuilleton Theater. Friedrich-Wilhelm st ädtischeS Schauspielhaus. .Siegfried der Cherusker." Dramatische Dichtung von Adolf Wilbrandt. Dem Namen des vcrüorbeneu Wilbrandt fügt diese» nachgelassene Drama, dem man die Schubladenruhe dcS Schreibtisches für alle Zeiten härte göunen sollen, keinen neuen Ehrentitel zu. Nur biographisch hat eS ein gewisses Jintcresse als Dokument sür die Beharrlichkeit, mit der der Dichter sich gewisse jugendliche Stimmungen, jene schwerterrassclnde Germanen- begeisterung, die nach dem Kriege in Felix Dahn ihren weiland geräuschvollsten Propheten fand, durch den Wandel der Zeilen gc« wahrt hat. Es ist ein Srück, das sich zum größren Teil aus Toasten auf deutsche Krast und Herrlichkeit zufammeuscyt.— Hermann der Cherusker, den Wilbrandt in einen Siegfried umtauft und wie Siegsried inmilten seines jungen Heldentums durch tückü'chc» Speerwurf aus dem Hinterhalt fallen läßt, lehrt au« �Rom zur Heimat, wo die blonde Thusnelda, die heldenbaft« Tochter eines entarteten Rom-freundlichen Germauenfürslen seiner harrt, zurück. Der Traum der deulschen Freiheit, in dem sich Siegsried und ThusneldenS Jugendliebe einstens fand, soll ,iil» in prangende Er- füllung gehe». Den erhabenen Worten deS Liebespaares folgt auf dem Fuß die große Tal. Siegfried, der des Römcrfeldherrn Barus Argwohn listenreich einschläferl— er trägt zu diesem Zwecke ihm beispielsweise die selbstversaßte Ueberfetzung eines Horazischen LiebeSliedeS vor— vernichtet im Bunde mit den Mitvcrschworenen die in die Sümpfe gelockten Legionen und wird darcurf durch An- svrachen luid Skaldengesänge ausgiebig gefeiert. Hand in Hand mit Thusnelda, die er dem verräterrichen Vater, wie man hört, entsühn hat. tritt er vor fein befreites Boll. Dann ist vom Einfall des Germauikus die Rede, der die von dem bösen Vater znrückgeraubte Tochter erbeutet und sie den Römern im Tnumphzuge vorführt. Eine Versammlung der EheruSkerfürsten will die verderbliche deutsche Zersplitterung und Zwietracht, die nur dem Feinde nützt, durch Siegfrieds Wahl ziun König mid Heerführer aller Stämme bannen, doch irgend ein Ver- wandtcr Siegfried«, ein grauhaariger Neiding. von dem man bis dahin so gut wie nichts erfuhr. verHilst dem Stück in der Verlegen- heit, was eigentlich ans der Geschichte werden soll, durch einen Spcerwurf zu einem tragischen Ende. Die Herren Bruno als Siegfried. D e l i u S als Theuderich und Kaufmann als verräterischer Segest kamen den Anforde- rungcn, dir daS Drama an Dcklainatio» stellt, mit Lust und Liebe nach. L e t t i n g e r gab den BaruS in eindrucksvoller Maske. K ä t e Wittenberg brachte sür die ThuSnelda eine staatliche Er- Ichcinung mit._ dt VorwärtSBuchdruckerelu.VerlagSaapaltPauiSiugerLEo�BerlinSW.