Wnterhaltlmgsblatt des vorwärts Nr. 172. Mittwoch den 6. September� 1911 (NaSdruck»ccsotcn.? 4] Vor dem Sturm,| Noman von M. E. belle Grazie- „Habe die Ehre, Herr Predal," meckerte es in diesem Augenblick von der Tür her.„Küss die Hand, Euer Gnaden I" Der letzte Gruß galt dem Mexikaner, der mit einem herab- lassenden Nicken antwortete: „Aeh— der Sami!" „Gott soll ihm helfen," meckerte es wieder. Dann kroch ein Häuflein dürrer Knochen auf der Ofenbank zusammen, ganz Respekt und Devotion, während zwei kleine, kluge Aeug- lein unter den Lidern hervor ihren Kalkül zu machen be- gannen. Es war der„Häutljud". „Nu, Sami, wie geht's?" fragte der Mexikaner, immer gleich herablassend und mit einem an die Sprechweise des Juden anklingenden, leisen Aeffton. „Gott über die Welt, wie soll mir's gehen, wenn so ein mächtiger Mann, wie der Herr Mexikaner, fragt nach meinem Befinden? Gut!" „Wo hast denn die Häutl alle wieder zusammengehandelt? Sind keine Schlingenhasen drunter?" „Wie haißt, Schlingenhasen...? lind wenn... werd' ich sie legen unter Ihre Naf? Sind alle noch vom Herbst her, die Häutl. Schlechte Zeiten jetzt, gnädiger Herr, sehr schlechte Zeiten." „Die Märzhasen sind heuer gut gefallen. Wenn Du Dich im Herbst zur rechten« Zeit meldest, kannst Du mit unserem Jäger abschließen," erwiderte der Mexikaner.„Darfst Dich auf mich berufen," setzte er herablassend hinzu. „Da sag' ich schon jetzt:„Lhiss' die Händ'." Sltcr er wird sie müssen geben billiger." „Dann schließen wir eben mit einem anderen ab!" Der Jude sprang wie ein Kreisel in die Höhe.„Herr Mexikaner, gnädiger.Herr, wem wollen Sie richten zugrund'? Hab' ich das verdient? Aber ich weiß: ich werd' mir nehmen die Ehr', Sie zu besuchen«, und ich werd' Ihnen zeigen mein Kontokorrent, mit dem Znaimer Hutmacher. Und Euer jGnaden werden sehen!" Der Kops des Mexikaners verschtoand hinter dem Qualm seiner Pfeife, und der Wirt, der dem Juden eben einen Schnaps vorsetzte, machte ein ganz verflixtes Gesicht. Man wußte ja so beiläufig, wieviel diese Besuche kosteten, den Besucher und den Herrn Grafen. „Ich werd' mir nehmen die Ehr'," meckerte der Jude noch einmal—„und Sie werden sein ein Christ. Auf Ihr Wohl, gnädiger Herr?" Damit trank er dem Günstling des Grafen zu. Der aber tat, als merkte er nichts, sah durchs Fenster und spuckte zur Seite.„Der Predal" konnte sonst glauben, daß ihm diese Be- suche Gott weiß was eintrügen, und sich wieder einmal an den Grafen heranmachen. So einem„Böhm" durfte man ja nie trauen! Ein„Rothaariger" war er dazu. Saß der Jude nur erst bei ihm. konnte man ja wieder höflicher sein! Uebrigens war er gewohnt, hinausgeschmissen zu werden. Schon dieser Buckel.... Er schielte zwischen den eingekniffenen. Lidern einen Augenblick nach dem Juden. Aber freilich! T-a stand er bereits wieder auf seinen dünnen Läufen und katzbuckelte nach ihm hin, obwohl die fetten Lippen noch am Glas schmatzten. Nein, der würde deshalb noch lange nicht auS- bleiben. Wieder blieb es eine Weile still in der Stube. Doch der Jude war keiner von denen, die lang an sich halten können, wenn er auch immer aus einem Winkel hervormeckerte. Da saß ja noch einer! lind wenn er recht sah, auch einer von den Gottesleuten, die wie er den ganzen Tag in den Dörfern her- umliefen. Unter der Ofenbank war es zwar dunkel, aber— Gott über die Welt! War das nicht altes Eisen, das dort unter den Beinen des Burschen hervorblitzte? Und Sami wurde unruhig— sehr unruhig! Altes Eisen war nämlich von Zeit zu Zeit auch sein Fall. Endlich litt es ihn nicht länger.„Hat der Herr was zu handeln?" ging er den Reitermacher an. Der bückte sich lind zog eines seiner Siebe hervor.„Danke, danke, nix fer mich!" wehrte Sami höflich ab. Er schien beruhigt. Und da er im Grund ein guter Kerl war, der nur die Konkurrenten haßte, fühlte er sich sofort verpflichtet, dem Fremden, den er eineni Augenblick als einen solchen„Todfeind" betrachtet, etwas An- genehmes zu sagen«. „Aber— aber... was sitzen Se da herum, wo Se doch könnten machen ä so gutes Geschäftche? Nü, soll heißen scho« ä Geschäft!" „Mit wem denn?" forschte der Neitermacher. Er hatte heute noch nichts verdient, nun— war es an der Zeit. „Nü, wenn Se geh'n da weiter und immer weiter, bis zun: Kreuz, wo sie's heißen den Berg, und wieder herunter. da seh'n Se doch schon von weitem die Wetterfahn' auf den? herrschaftlichen Schloß. Nü, und dort können sie brauchen Ihre Wor'." „Und wenn ich umsonst hinlaus'?" erwiderte der Brirsch, Der Jude wußte ja nicht, daß er schon dort gewesen. „Werd' ich Se schicken wohin und eppes umsonst ab- Plagen?" eiferte Sami.„Wo ich doch selber schon krumm bin von dem vielen« Laufen? Wenn ich amol sog: ä Geschäft, so ist däs so gut, als könnt' ich's selber machen. Und wenn der Sami was hört mit seine eigenen Ohren, so weiß er, was er hat gehört." „Groß genug sind sie," lachte der Mexikaner. Der Jude buckelte, als wäre ihm weiß Gott welche Ehre erwiesen worden, ließ sich aber nicht mehr irre machen. Wie immer, wenn es sich uni ein Geschäft handelte, ob es nun ein fremdes oder ein eigenes war.„Also, wie ich im Hof steh' und mit dem Herrn Rentmeister VerHandel"— er hielt einen Augenblick ein und rieb sich etwas verlegen hinter den Ohren, „Nicht weg'n Has'n," stieß er dann noch einmal so laut hervor, „Nein!" lachte der Mexikaner höhnisch. „Gott soll mich strafen!" begann der Jude zu zetern. Jetzt lachte auch der Wirt. Und weil es dem Mexikaner unangenehm war, rief er ärgerlich:„Tu kannst Deine Häut'li» doch kaufen— wo Tu willst!" „Wenn ich aber sag', daß es war ä and'res Geschäft!" „Lass' den Mann nicht so lang warten," lenkte der Meri» kaner ab. „Nu also. Wie wer so steh'n und reden, da kommt die Frau Gräfin, Gott soll se bewahren!— und sagt:„Rentmeister," sagt se,„warum sind denn unsere Futterreitern so meschant? Ich war jetzt im Stall und Hab' nachgeschaut. Solche Dinge sollte man ihm doch nicht erst sagen müssen!" Der Reitermacher starrte den Juden wie verhext an. So häßlich und scbief der arme Kerl auch war, im Augenblick schien es ihm, als hätte er nie einen Menschen gesehen, der ihm Besseres und Lieberes gesagt. Denn der Jude war doch nach ihm gekommen, also auch nach ihm dort gewesen. Und wenn er sich recht entsann, hatte die blitzblanke Last, die er auf den Schultern trug, auch nicht einen Augenblick das Interesse der jungen Herrin des KunkelleHens erregt. Nur an ihm war ihr Blick so eigen abgeglitten. Und wieder hörte er ihre Stimme, sah er die weiße Echarpe aufflattern. Damals hatte sie noch nichts von den„meschanten Futterreitern" gewußt. Nachher war es ihr gekommen— als sie ihn gesehen hatte. Nachherl Der Atem blieb ihm aus. Sein Herz begann zu pochen — in kurzen, harten Schlägen, die er bis in den Hals hinauf fühlte. Und da war sie in den Stall gelaufen und hatte die„Nie- schonten Futterreitern" entdeckt und dem Nentmeister einen Rüffel gegeben. Aber gedacht hatte sie an ganz andere Dinge dabei! Er schrak zusammen. Und wenn er sich doch irrte? Wenn es doch vorher gescheh'n wäre? Solche Damen haben ihre Launen, und der Rentmeister hatte vielleicht nur darmn seinen Rüssel bekommen, weil der Verwalter es wünschte. Dieser verdammte Verwalter, der sie nach zwei Seiten zu« gründe richtete. „Hund!" dachte er. Denn— man sollte eL nicht glauben! Wenn sie auch eine„solche" Nve, etwas Holderes und Mädchen- haftereS hatte er noch nicht gesehen. Gewiß war sie älter als er, ober... Zur Besinnung kommen hieß es. Das waren ja Ge- danken, die einem den Atem verschlugen!...... „Wann wär denn das gewesen?" fragte er plötzlich. Ganz ruhig, mit einer Stimme, deren fremder Klang ihm selbst fiJunberlid» erschien. O ja, er hatte sich noch! Und er würde sich immer behalten, was auch noch kam! Das war die Geistes- gegenwart, die man auf der Landstraße erwarb, im stündlichen Kamps mit so und so viel Gefahr und Unbill und Menschenlist, die Witterung des Vogelfreien. „Wann— wann!?" Ter Jude zog die Achseln hoch und drehte die Handflächen nach außen.„Nri, wann wird es sein gewesen, wenn ich eben war im Schloß?" Wieder dieser Krampf in der Kehle, diese kurzen, harten Herzschläge. Doch der Kopf blieb diesmal frei. „Ich dachte, der Herr wär' auch vom Schloß," Legann er Mit einem Blick nach dem Mexikaner. „Sami meint das gnädige Fräulein von Schönbach," erwiderte dieser.„Ich gehör' zum Lorowitzer Dominium. llebrigens," setzte er nach einer Weile hinzu—„eine Wirtschaft haben sie dort! Und wenn die Komtesse mit den alten Futterreitern den Stallknecht hinauswürfe uitd den Verwalter hinterdrein, hätte sie sich auch nicht vergrisfen." lFortsctzung folgt.) (NachdruZ verdotcn.Z � Die JVIcirtenn. In einem Zuge arbeiteten die beiden Männer, wenn der eine Mit dem Schrubben fertig war, griff auch der andere zum Hobel, gleichzeitig schrien die Rauhbänke und zirpten die Putzhobel. Manch- mal war Paul dem Fremden ein Stücklein voraus, dann flog es dem nach einem raschen Seiteublick um so schneller von der Hand, und was ihm, dem Schmächtigen, an 5träften abging, ersetzte er durch größere Erfahrung, die sich alle Kniffe zunutze zu machen weiß. Toch immer blieb seine Arbeit gleich sauber und akkurat, und darin war er Paul entschieden über, dem es auf einen Span mehr oder weniger nicht ankam. Der Meisterin, die auch bei ihrer Arbeit den Fremden unter Obacht hielt, entging das nicht, und ihr Gesicht wurde ein wenig heller. Wenn sie aber auch nichts sagte, so wußte der eS doch, daß sie zufrieden war; so oft sein Blick auch zu Paul flog, um fest- zustellen, wie weit er wäre, so häufig ging er. ohne sich ertappen zu lassen, zum Herd hinüber, und wenn er wieder zurück war und dir Arbeit musterte oder die Hobelschneide prüfte, glänzte er listig. Ein wohliges Gefühl durchdrang den Körper des Landstreichers, der wieder eine Winterheimat gefunden� hatte. Die Wärme, die ihn umschmeichelte, und das fleißige Schaffen lösten das letzte Frostgefühl aus seinen Gliedern. Der Geruch des kochenden Leimes, der aufdringlich scharf die Luft erfüllte, weckte in ihm alte Er- innerungen, und es waren auch liebe darunter, denen er sich gerne hingab. Dies Träumen war nicht gut für ihn, er wußte es genau, aber eS überfiel ihn jedesmal, wenn er nach langem Umherstrolchen wieder an einer Bank in Arbeit stand, mit solcher Gewalt, daß er sich nicht dagegen wehren konnte. Alles mußte er im Fluge neu durchleben, erst das Freundliche und Gute, dann auch das Häßliche. Und Lust und Qual weckten und förderten eine Schwäche des Körpers, die ihn in den Stunden der ersten Arbeit immer über- mannte, manchmal heftiger, oft auch schwächer, und die sich über- winden ließ, wenn er einen Schnaps hinuntergießen und die Kräfte des Körpers und des Willens durch den Alkohol neu anfeuern ikonnte. Jedes Jahr erging es ihm so, und er hatte sich stets vorgesehen; ein paar Tropfen waren immer in der Flasche gewesen, wenn er in Arbeit trat. Heute aber bei dem Hundewetter war der Ent- fchluß zu plötzlich über ibn gekommen. Tie Meisterin, mit ihrer Arbeit fertig, hatte die Werkstatt mit der Küche vertauscht, um das Mittagessen zu bereiten. Er atmete erleichtert auf: nur unter diesen kalten, harten Augen nicht schwach werden! Eine Weile ging es mit der Arbeit wieder flotter voran. Das hielt aber nicht lange vor. Die Stirn wurde ihm weiß und kalt, die Hände bekamen das Zittern, die Füße wollten ihn kaum noch tragen, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Er mochte die Zähne aufeinanderbeißen so fest er wollte, es half nichts! Ter Schweiß lief ihm in Strömen über den Liörper, vor den Augen wurde es ihm schwarz, und die fahle Blässe ließ in seinem Geficht jede Linie, die Ausschweifung und Erschöpfung hineingegraben hatten, schärfer hervortreten. Der Hobel fiel ihm aus der Hand, und kraftlos ließ er die Arme sinken. Paul hatte nichts gemerkt; erst als die Rauhbank des andern nicht mehr pfiff, achtete er auf und sah das Schwanken des Ent- kräftcten, der an der Bank lehnend mit glasigen Augen vor sich hin starrte. „Nanu, schon schlapp?" Die Verachtung des Robusten lachte aus der Frage und ein Triumphieren über den Unterlegenen. Das rüstige Tarauflosschaffen des Neuen hatte Paul geärgert, nicht, weil es ihn zu rascherem Arbeiten zwang; aber es wurmte ihn, daß der Fremde, der Landstreicher, sich herauszunehmen wagte, mit ihm, dem Meistersohn, um die Wette zu arbeiten, sich fhm vielleicht gar überlegen zu zeigen. Und noch dazu vor der Mutter, die alles sah und nie mit ihre« Tadel kargte. Ter Kraftlose hörte das Lachen in den Worten des anderen, biß die Zähne zusammen und wollte sich aufrichten, um wieder zum Hobel zu greifen; aber die Kraft versagte noch immer. „Schnaps," stöhnte er heiser,„ock a Stamperle Korn!" Nun lachte Paul laut heraus, als hätte der Fremde einen löst» lichen Spaß gemacht. JWntter!" schrie er zur Tür hinaus, und sein Nebermut klang in dem Worte mit. Ein wütender Blick der glasigen Augen traf den jungen Menschen, der noch vor sich hin kicherte, als die Mutter schon in der Tür stand mit einer unwilligen Frage im strengen Gesicht. „Du," prustete er, über seinen Hobel gebeugt,„Dein Arbeits- wütiger is schon schlapp geworden!" Sie warf dem Sohn einen finstern Blick zu, und der duckte sich, das Lachen verlernend, als hätte er einen Schlag bekommen. „Hunger wird er haben, gelt?" fragte sie, sich dem Matten zuwendend, und das Mitleid gab ihrer Stimme wärmeren Klang. Alt und verfallen sah jetzt das verwitterte, mit hohen Bart- stoppeln bedeckte Gesicht des Bummlers aus, und der Frau, die jetzt erst ihn genauer ansah, war es, als grinse ihr ein anderes, ein nur zu wohl bekanntes Gesicht aus diesen Zügen entgegen. Da lief ein Schauer über den hageren Leib, den ein paar schwere Atemzüge erschütterten. „Ock a Stamperle Korn," bat der Kranke, und mühte sich, den Körper zu straffen, um nicht gar zu kläglich vor dieser Strengen zu stehen,„da wird's gleich besser, wenn ich a Stamperle Korn krieg!" Da ging ein seltsames Leben in dem krankhaft fahlen Frauen- antlitz auf, in dem sich jäh alle Züge verschärften, und Zorn und Unwille standen wie eine drohende Gewitterwolke auf der fchmalen Stirn. Es war eigenartig wild geworden mit einem Male, dieses harte Gesicht; in den Augen glühte es dunkel und drohend und um die herben, fast geschlossenen Lippen lief ein feines Beben. Paul, dem keine Regung im Gesicht der Mutter entgangen war. duckte sich, denn er meinte nicht anders, als: nun müsse sie los- brechen. Er kannte sie doch und wußte, wie es auf sie wirkte, wenn jemand in ihrem Hause Schnaps begehrte. Er machte sich, um von ihrem Blick nicht mit geschlagen zu werden, mit dem Hobel zu tun, aber seine Ohren spannten nach der Tür, und die Augen schienen um die Ecke sehen zu können. Und da wunderte er sich nicht w ig, als die Strenge nur zwischen halb geöffneten Lippen scharf hervorstieß: „Schnaps gibt's bei mir keinen nich!" Dennoch zuckte der Bummler wie unter einem Peitschenhieb zusammen, und ein heimliches Stöhnen quoll leise in seiner Brust empor. „Geh. Paul," befahl die Mutter seltsam weich für ihre Art, „hol'n Topf Kaffee. Ich Hab' ihn in die Röhre gestellt. Und bring eine Schnitte mit. Machs Messer nicht grade scharf am Brot, wenn Du die Butter draufstreichst!" Und als der Bursche sie verwundert anstarrte, als habe er nicht recht verstanden, hatte er auch schon die Peitsche im Nacken: „Jeder Dich, alter Mährhammel, gelt?" Da fand er sich schnell zurecht: das war doch wieder die Mutter! Als er in die Werkstatt zurückkam, fand er neuen Grund zum Wundern. Ter Landstreicher lag auf einem weichen Bett von Spänen, der Mutter Schürze zu einem Kissen zusammengerollt unter dem Kopf. Wenn ihm, dem Sohn, einmal etwas fehlte — es kam jetzt überhaupt kaum noch vor—, da hieß es gleich: Alter Waschlappen, schlapper Kerl! Gegen die Strolche war sie merk- würdigerweise immer anders gewesen, und wenn sie nach Schnaps stanken wie die Pest! Aber hier zu dem, der sie direkt um„a Stam- perle Korn" gebettelt hatte? Das verstand er nicht! Von dem Brot brachte der Kranke keinen Bissen herunter, de» Hals war ihm wie ausgetrocknet; aber den Kaffee schlürfte er gierig, und Paul mußte noch einen Topf voll holen. So schnell wurde ihm davon doch nicht besser, als wenn er einen Schluck Branntwein bekommen hätte, und am Abend noch fühlte er sich wie zerschlagen. Ein„Stamperle Korn" war eben doch die beste Medizin« (Fortsetzung folgt.), Kevelaer. Weithin dehnt sich das endlose Flachland der niederrheinischen Tiefebene. Julisonnenbrand glitzert über die gelbreifen Erntefelder. Die sonst saftiggrünen Weideflächen, umsäumt von dichtbelaubten Hecken und stillen Wassergräben, an denen hohe Silberpappeln lispeln, sind falbgrau und kahl; die Grasnarbe ist von der tropischen Hitze rötlich gebräunt. Nur an einzelnen nassen Stellen, wo sonst nur saures Gras wächst, sucht sich das Weidevieh noch kümmerlich sein Futter. Fern am Horizont zieht eine baumbestandene Chaussee einem Kirchdorse zu. Die Eisenbahqstatione» Niuekerk, Aldekerk liegen zurück: das muß Kevelaer sesii. Man sieht eS an den langen Wagenreihen der Extrazüge, die die Pilger schon in der Frühe hierher gebracht haben. Eine wahre Muster» kollektion verschiedenster Shjtemc von Personenwagen ver» gangeiier Zeiten; hier und da ist auch ein Viehwagen darunter. Vom Bahnhof auS führt eine schattige, alte Ulmenrcihe ins Städtchen, das mit dem rehgraunen Tone der Ziegelsteine, woraus die Häuser ausschließlich gebaut sind, und den iveißgeftrichcncn Fensterrahmen freundlich anmutet. Asphaltierte Straßen, elektrische Bogenlampen. großstädtisch anstrebende Schaufensterauslagen lassen beim ersten Anblick nicht den Wallfahrtsort vermuten. Wo aber die innere Stadt beginnt, erblickt man schon nichts anderes mehr in den Schaufenstern als Wallfahrtsartikel. Eben kommt über den.Gnadenweg"— das ist die Straße der Beter— eine Pro- zession dflhergezogen. Borau Chorknaben mit weißrote» und weißblauen Gewändern. Ihnen folgt ein Manu, angetan mit einer gelben Schärpe und einem Zweispitz, der eine bimtseidene Fahne trägt. Ein Geistlicher im Ornat, dein der Schweiß über das runde Gesicht läuft, dann einige dürre, ärmlich gekleidete alte Frauen, verhutzelte Greise, Kommunikalenniädchen mit dem Unschuldsblütenkranz im Haar. Mittagsschwiile lagert darüber. Schleppend zieht sich der eintönige Gesang hin. Nur hin und wieder bringt eine helle Stimme eines Ordners«nt einem ChristnSbarte. der gewichtig mit seinen, Stabe durch die Reihen schreitet, ein siottercs Tempo hinein. Seine Stimme lockt förnilich die Stimmen vieler an nnd reißt sie mit, wenn er anhebt: ,.Jn Freuden und Leiden— ihr Diener ich bin." Macht er eine Pause, um Luft zu schöpfen, dann geht's sogleich auf die alte Leier weiter, bis er wieder einfällt:„Du bist sa die Mut— ler,— dein Kind will ich sein..." Die Prozession ist vorbeigezogen. Aus der engen Gasse hört man noch die kreischend helle Stimme des Vor- sängers. Zur Linken erhebt sich eine Kirche. Aus den weit geöffneten Turmtürcn dringt Weihrauchdunst. Vor dein Hause ist eine Andachtsstation, an der kniende Wallfahrer Gebete murmeln. Nun kommt wieder eine Prozession längs dem Gnadenweg daher. Lange Reihen Männer und Frauen, die ihrer Kleidung nach durchweg dem Arbeiterstande angehören. Die Männer tragen viel- fach ihre abgeschabten schwarzen Brantanzüge, die ihnen nun. da sie in der Jugend voller und kräftiger waren, zu weit geworden find. Die Frauen mit ihren früh gealterten und verhärmten Züge,, tragen gleichfalls meist schwarze Kleider, als gingen sie zum Be- gräbnis. Dazwischen schreitet ab und an ein Trupp junger Mädchen in hellen Gewändern mit dem freien sorglosen Blick der Jugend. Wie die Prozession vorbeigezogen ist, gehe ich den Gnaden- weg entlang durch die Häuserreihen, der in gewöhnlichen Formen gehaltenen Wallfahrtskirche zu. Hier drängt sich Laden an Laden. Wirtschaft an Wirtschaft; und wo irgend ein Plätzchen frei, ist eine Bude mit Wallsohrtsartikcln aufgeschlagen. Da stehe» auf- gestapelt: Christus-, Marien- nnd Heiligenstatuen aus Holz und GipS, durchwegs unlünstlerische Fabrikware. auf de» Massenvcrkanf berechnet; grellfarbige Oeldrucke, billigster Waren- hauSschund; dazwischen Honigkuchen mit Heiligenbildchen be- klebt. Ansichtspostkarten. Rosenkränze und dergleichen. Die Kevelaerer scheinen gute Geschäftsleute zu sein. Da ist z. B.«in Wirt, der zu beiden Seiten der Haustüre seinen Stand aufgeschlagen hat. Er verkauft Schnaps, Bier. Liköre, Zigarren, Honigkuchen, Rosenkränze, Kruzifixe, Kerzen, Wallsahrtsartitel, Ansichtspostkarten und wer weiß was alles noch. Sein Nachbar gegenüber Hat'S ihm abgeguckt, und das Geschäft hat sich so weiter fortgepflanzt die ganze Straße eut- lang. Aber aus dem Kirchplatz vor der Wallfahrtskirche ent- wickelt sich erst der rechte KirmeStrnbel. Hier wird gehandelt und gefeilscht, hier sind in Dutzenden von Buden die WallfahrtS- artikcl in allen Variationen zum Verkauf ausgestellt, vom Pseisen- köpf mit denr Gnadcnbilde bis zur siißhohen Christusstotue. Ein dichter Menschenschwarm wogt auf und ab. Wieder zieht eine Pro- zession vorüber; immer das gleiche Bild. Das ist keine tiefe An- dacht, die auS dem inneren Erlebnis drängt; es ist nichts anderes als geheuchelte und vorgetäuschte Frömmigkeit, bei der sich das Herz nichts denkt. Müde und abgespannt schleppen sich die Menschen in der prallenden Sonnenglut dahin, wie marode Soldaten, die nur von der Disziplin ausrecht erhalten werden.„Hehlige Maria Moder JordeS" beten die Frauen. An dem Akzent erkennt man die Rheinländer. In das laute Stimmengewirr der Beter, den Litaneisingsang, den Klang der Musikkapellen mischt sich dos Läuten der Glocken zu einem ohren- betäubenden Tohuwabohu. Da stehen eine Reihe Tische, an denen gelbe Wachskerzen in allen Größen aufgestellt find, die stark begehrt werden; denn die Käufer gehen daniit in die naheliegende Kerzen- kapelle, um sie zu opfern. In früheren Jahren wurden hier die Gaben an Wachs nnd dergleichen entgegengenommen. Ich dränge mich mit hinein. Ein« unbeschreibliche stickig« Luft empfängt einen. Auf zwei Kandelabern stehen Hunderte von brennenden Kerzen, und immer tverden neue hinzugestcllt. Das brenzelichc Schwelen der Kerzenglut, untermischt mit Weihranch nnd der stickigen Menschen- ausdünstinig erzeugt eine Atmosphäre, die man erst recht begreisen kann, wenn man bedenkt, daß»S an dem heißesten Julisonntag war, der wohl jedem in der unangenehmsten Erinnerung ist. Ich sehe noch, wie ein altes Mütterchen ein dünnes, billiges Kerzchen Hinz». steckt; dann aber drängt eS mich hinaus Lnft zu schöpfen. Drinnen war ja die reinste Hölle! Und wer eine Wachshand opfert, Dem heilt an der Hand sie die Wund, Und wer ein Wachsfuß opfert, Dem wird der Fuß gesund. Als ich dann seh« wie sich so viel Menschen in ein HauS hinein- drängen, als würden bort die funkelnagelneuen echten Lv-Markstücke verschenkt, erwacht in mir die Neugierde. Da stehe ich nun auch mitten in dem Honsi'a und kämpfe um Einlaß. Endlich bin ich drinnen und stehe in der Reihe Warrender, die am Schalter einer nach dem andern rasch abgefertigt werden. Ich frage jemand, was das auf sich habe. Man belehrt mich, daß dort die Einzahlungs- lasse für die Seelcnniessen sei. Ich sehe, wie mit geschäftlicher Routine hier die Taler eingesteckt werden; das geht so fix, als wenn man an ein Fahrkartciischalter tritt. Ich höre den metallenen Klang der Silberstücke, wenn sie in den Geldkasten fallen. Geht hier nicht Tetzel um? Sobald das Geld im Kasten klingt... Durch Aushang war angezeigt, daß an dem Tage mit Extra- zügen über 12 000 Pilger angekommen waren. Um aber dem Leser ein Bild von der Größe des Betriebes zu geben, sei gesagt, daß in der vorjährigen Walfahrtsperiode, außer den fahrplanmäßigen Zügen und außer den vielen Fußprozessionen 579 Sonder- und 358 Bedarfs� Personenzüge in Kevelar eingelaufen sind. Die Zahl der mit der Bahn angekommenen Personen betrug 355 000. Um diesen Massen Atzung und Unterkunft zu gewähren— denn viele Prozessionen bleiben tagelang dort—, sind eine große Anzahl Gasthäuser erforderlich, die durchweg auf den Massenverkehr eingerichtet sind. Jin Gasthaus„Zun, heiligen Joseph" sitzen die Pilger an den langen weißgedeckten Tische» und warten aus das Mittagsmahl. Eine blaffe Frau tritt ein. die ein Kind auf dem Arm trägt und sich müde und abgespannt niederläßt. Die Backenknochen erheben sich wie Höcker über die eingefallenen Wangen; ein Zug bitteren Leids spielt um den Mund; Kummer und Sorge haben tiefe Furchen in das frübverblühte Antlitz gegraben. Das Interesse der An- wesenden hat sich dem Kinde zugewendet: ein Krüppelchcn, das sieht man schon. Nach den, feinen schwarzen Lockenköpschen zu schließen, mag das Kindchen vier Jahre alt sein, doch muß eS noch getragen werden, da es kein Glied bewegen kann. Als nun die Frau mit Fragen überstürzt wird, erzählt sie die Leidensgeschichte des Kindes, wie sie damit sogar nach Lourdes gepilgert sc, und doch nirgends. nirgends Rettung gefunden hätte. Nun auch wieder hier hin I— Enttäuschung und Kummer lag auf ihren Zügen. Tiefe, nachdenkliche Stille ringsum. War'S nun doch nichts mit den wunder« baren Heilungen? Nach Kevelaer ging mancher auf Krücken, Der jetzo tanzt auf dem Seil, So mancher spielt die Bratsche, Dem früher kein Finger war heil. Eine alte Frau erzählte von einem Wunderdoktor, der da irgendwo im Münsterlande wohne, der schon so manche ähnlich scdwerliegendc Fälle geheilt habe. Das Krüppelchen schien alles zu verstehen. Ein hoffnuiigSfroheö Lächeln glitt über das feine Gesichtchen, das aussah wie das Engelchen auf dem Josephbilde dort an der Wand der WirlSstube. Nun wurde die Suppe aufgetragen. Eine resolute Frau aus der Eise! hantierte den Schöpflöffel, als wenn sie daheim wäre. Ihr Mann, der KnellcS mit einem Buckel, saß ihr gegenüber am Tische. Mit seinen dicken, ungelenken Arbeitsfingern erfaßte er die Papierserviette, besah sie sich mit recht wunderlichen Augen und fragte, zu seiner Frau gewendet:„Waat es dat dänn für'n Däng?*„Do kannst Du Döch de Scknüß mett abpotze, dann kannstet mätt no Hus nämme un nä Briäf druff schriäwe", antwortete die Bäuerin schlagfertig. KnclleS legte aber die Serviette wieder„eben den Teller und ließ sie unberührt. Wie ich die Menschen beim Mittagsmahl beobachte, ihre Unter- Haltung anhöre und sehe, wie sie sich so nett und natürlich geben, da scheinen sie mir andere zu sein, als die da über den Gnadenweg zogen mit dem mattgleißenden, in sich gekehrten Betschwesterublick oder mit der Dulderdemnt der Heiligen, Gebete murmetbb UNd Litaneien singend. Nun schritt ich wieder die Straß« entlang— dem Bahnhofe zu. Unterwegs schob sich noch eine holländische Prozession vorbei. Die Pa'töre trugen Kniehos-n und lange sjnvarze Mäntel. Ein Musik- korps, das in einer phantastischen Militärunifor», gekleidet war. blieö ein Kirchenlied, desien Refrain gesungen wurde. Unter hohen Ulmenbäume» seitwärts der Straße stand«ine Kapelle. Durch das weit geöffnete Tor sah man vier junge Mädchen in weißen Kleidern mit gelbseidenen Schärpen, vor eniein Mutter- gottesbildc knien. Nun erhoben sie sich und sangen ein �Marienlied, zwar odue künstlerinbe Schulung, sowie Baucnimagdc ein Volkslied singe», aber ihr Gesang war so ausdrucksvoll; es lag ein« wunder- bare Stimmung darin; und das wird meine angenehmste Erinnerung an Kevelaer bleiben.£*• Der Kampf gegen die JVabrüngs- mittelfalfcbun� der heute eine so wichtige Frage der Volksen, ährung bildet, reicht in seinen Anfängen bis in die Frühzeit der Geschichte zurück. Wie Dr. Edward.Gudeman in einer inhaltsreichen Abhandlung — 683- vusführt. müssen schon bei dem Israel Gesetze für die richtige Angabe der Qualität von Wein und Oel bestanden haben. Der Professor an der Hatvard-Universität George A, Rcisner hat nämlich vor kurzem in Palästina einen Wein- und Oelkeller aus- gegraben, in dem er die frühesten Beispiele hebräischer Schrift aus dem Jahre 8S0 v. Chr. entdeckte. Diese ältesten uns bekannten bcbräischen Schriftzeichen befanden sich auf Täfelchen, die an den Wein- und Oclgefätzen angeschlagen waren und genau den Wein- berg, von dem der betreffende Wein stammte, das Jahr der'Ernte usw. angaben. Ganz ebenso wie bei uns die Weinflasche ihr Etikett, trug bei den Israeliten jeder Wein- und Oelkrug seine Aufschrift, und aus der Sorgfältigkeit, mit der die Angaben gemacht sind, läßt sich schließen, daß auf Gewicht und Reinheit der Flüssig- leiten großer Wert gelegt wurde. Nicht nur das Volk Israel wird schlechte Erfahrungen gemacht haben, bevor eS die genaue Etikettierung der Weinkrüge einführte, sondern auch die Griechen kämpften eifrig Weinkrüge einführte, sondern auch die Griechen kämpften eifrig gegen die Händler, die den Wein schon verwässert auf den Markt brachten; so war in Athen der Posten eines WvinaufseherS eine wichtige Stellung, die man nur einem besonders strengen und recht- lichen Ntanne übertrug. Plinius erzählt uns, daß es sogar den reichen Leuten in Rom unmöglich war, unverfälschten reinen Falerncrwein zu erhalten, und er beklagt sich bitter über die Prak- tiken der Neapeler Bäcker, die weiße Erde unter das Mehl mischten. Ilm aber den Nahrungsmittelfälschcrn wirksam zu Leibe gehen zu können, war es notwendig, feine Methoden des Wiegens und der chemischen Analyse zu ersinnen, um allen ihren Tricks nach- spüren zu können. Archimedes hat sich bereits mit der Ausarbeitung solcher Mittel beschäftigt, aber trotzdem war man doch im Alter- tum und im ganzen Mittelalter bis in die Neuzeit hinein nur imstande, recht grobe Fälschungen zu erkennen. Die Nahrungs- mittelfälscher hatten es leicht, und erst im 17. und 18. Jahrhundm fing man an, ihnen schärfer auf die Finger zu sehen. Die ersten genauen Gewichtsprüfungen von Nahrungsmitteln unternahm auf Grund höchst komplizierter Wiegemethoden der italienische Arzt, Chemiker und Dichter Francesco Redi in Florenz. Nach ihm prüfte dann Robert Bohle die Zusammensetzung der Gemüse und 1784 veröffentlichte der holländische Gelehrte van den Sande eine aus- führliche Arbeit über die Fälschung des Wtiines. Der erste wirk- liehe Nahrungsmittelchemiker ist der große Naturforscher Antony van Leeuwcnhoek gewesen, der das Miroskop bei der Analyse der- schiedener Genußmittel verwandte und die Hauptbestandteile des Kaffees, des Tees und des Pfeffers, das Cafein, Tein und das Piperin entdeckte. Nun waren erst die scharfen und sicheren Waffen zum Kampf gegen die Nahrungsmittelfälschung geschmiedet, die dann später so treffliche Dienste leisten sollten, daß wir heute fast überall eine ganz ausgezeichnete Gesetzgebung in dieser Hinsicht haben. Aber der Kampf ist doch auch das ganze Mittelalter hindurch mit großer Erbitterung geführt worden. In Frankreich verbietet ein Statut von 125)2 die Verfälschung des Biers. Ein Erlaß vom Jahre 1330 untersagt mit Ansehung schwerer Strafen daS Mischen von Weinen, das Beilegen irgendwelcher falscher Namen oder eines falschen Alters. In England wandte man sich mit besonders schweren Gesetzen gegen die Verfälschung von Spezereien und Gewürzen. Der Deutsche des Mittelalters glaubte sich gegen Nahrungsmittelfälscher nicht anders wehren zu können, als durch die schwersten Strafen. In Nürnberg wurde 1444 ein Mann lebendig verbrannt, und zwar diente als Brennmaterial der gefälschte Saftan, den er verkauft hatte. Mit den Bäckern, festigt und mehrmals in einen schlammigen Teich getaucht. War «imn im Zweifel, wer bei der Fälschung der eigentlich Schuldige sei, so wurde wohl auch die ganze Familie mit Einschluß der Angestellten diesem furchtbaren Untertauchen unterworfen. Nahrungsmittelfälschung galt überall im Mittelalter als eins der schwersten� Verbrechen, schlimmer als Raub und Mord. Sie ward ' fmmelung bestraft und im Wiederholungsfälle mit kleines Feuilleton. Literarisches. Handbuch für Naturfreunde. 1. Band. Heraus- gegeben von K. C, Rothe und Dr. Chr. Schröder. Geheftet 3,58 M., gebunden 4,20 M.(Kosmos, Gesellschaft der Natur- freunde, StuitgavU) ES gibt eine Menge naturwissenschaftlich interessierter Laieu, die, ohne Spezialforscher sein zu wollen, doch durch ihre Beobachtungen diesem und der Wissenschast sehr nützlich sein könnten, wenn,— ja, wenn sie angeleitet würden, richtig zu beobachten, wenn sie einigermaßen mit den Methoden vertraut wären, nach denen der Forscher arbeitet, und wenn sie von den Probleinen Kenntnis hätten, die die Wissenschaft beschäftigen. Daran hapert es aber, und so wird manches Talent brach gelegt, manche Zeit und Mühe unnütz verschleudert. Etwas besser ist es in -den letzten Jahren geworden; für einzelne Wissenszweige, beson- derS die Biologie, gibt eS gute Einführungen, die sicherlich schon recht schöne Resultate gezeitigt haben. Eine zusam m e n» fassende Anleitung zur praktischen Natnrbeov» a ch t u n g auf den verschiedensten Gebieten der Naturwissenschafteu soll das oben angeführte Buch des bekannten Kosmosverlags sein; gewissermaßen eine populäre„Anleitung zu Beobachtungen auf Reisen", wie sie Neumaher für den Naturforscher geschrieben hat. „Die praktische Verwendung des Buches ist so gedacht, daß der Naturfteund, der zu ernsterer Arbeit bereit ist, nicht etwa nur gerade jenes Kapitel liest, das ihn zuerst zu interessieren scheint. sondern möglichst das ganze Werk erst durchstudiert, da er auf diese Weise einerseits über verschiedene„Nachbarwipenschaften" un.er- richtet wird, andererseits vielleicht ein ihm an Neigungen, örtlichen Beobachtungs- und auch nach seinen Getdverhältnissen geeigneteres Arbeitsgebiet entdecken wird." Im vorliegenden ersten Bande gibt zunächst Professor Weber allerhand Winke und Ratschläge für meteorologische Beobachtungen. E. Meyer behandelt das Gebiet der Geologie, Dr. Karze! die Pflanzenkunde und Professor Heineck die Blütenbiologie. Wir können nicht sagen, daß dieser Band uns durchweg befriedigt hat. Am wenigsten der Teil, der der Geologie gewidmet ist. Der Verfasser hat sich'da anscheinend die Arbeit sehr leicht gemacht und ohne Rücksicht auf die Vorkenntnisse und die Arbeitsm�lichkeiten des Laien allerlei Geologisches zusammen- gestellt; Dinge, die nur den Spezialisten interessieren können, sind kritiklos neben Fragen allgemeiner Natur behandelt. Gerade auf diejenigen Gebiete, in denen der Laie wirklich mitarbeiten kann» ist keine Rücksicht genommen. Von Methodik keine Spur. Wiv müssen in dieser Beziehung den Leser auf„Waltber, Vorschule der Geologie" und„Berg, Einführung in die Beschäftigung mit der Geologie" verweisen. Vorteilhafter stechen von dieser die übrigen Abhandlungen ab. Die Meteorologie ist zwar etwas zu kurz ge- kommen; eine Einleitung über Luft, Wetter usw. im allgemeinen wäre hier sehr am Vlatze gewesen; Abbildungen fehlen leider durchaus. Dafür ist der„anleitende" Teil recht gut ausgefallen. Gut sind die Kapitel über Pflanzenkunde und Blütenbiologie, so- wohl in der Auswahl des Stoffes, als in der Behandlung. Ve- sonders ausführlich wird auf die auch dem Laien neuerdings durch billige und doch gute Apparate möglich gemachten mikroskopischen Beobachtungen eingegangen. Für die Pflanzengcographie wäre eine eingehendere Behandlung erwünscht. Ebenso dürfte sich eine Vermehrung der Abbildungen empfehlen; der Preis des Buches ist leider für weitere Verbreitung etwas zu hoch. Immerhin kann das Buch der mannigfachen Anregumzen halber empfohlen werden. tg. Meteorologisches. Das Wetter unddie Telegraphendrähte. Jedem Wanderer, der über Land auf eine? Straße geht, an deren Seite Sine Teleggaphenleitung entlangführt, wird das dumpfe Tönen aufgefallen sein, das häufig ohne Unterbrechung von den Drähten ausgeht und besonders deutlich erklingt, wenn man das Ohr an daS Holz der Telegraphenstange legt. Die Ansichten über die Ent- stehung der rätselhasten Töne gehen weit auseinander. Die Kinder meinen, daß gerade in dieser Zeit ein Telegramm über die Leitung geschickt wird; in einem höchst drolligen Irrtum aber befinden sich die Spechte, die wie wütend auf das Holz darauf lo? hacken, weil sie sich anscheinend von dem Glauben leiten lassen, daß das Ge- räusch von den im Holz der Stangen besittdlichen Larven und Würmern von BaumschWlingen stamme, die für sie heißbegehrte Leckerbissen sind. Zuweilen trifft man auch auf einen Landwirt» der das Tönen der Telegraphendrähte als Vorboten eines baldigen Wechsels der Witterung zum schlechtem bezeichnet. Diese von zünftigen Fachleuten vielfach verspottete Ansicht scheint jetzt durch die Untersuchungen eines Meteorologen, des Professor Artur Fiel» in Ottawa, bestätigt zu werden. Der Wind muß als Erreger der Töne außer Betracht bleiben, weil das Mingen auch bei vollkommen windstillem Wetter eintritt; ferner ist aber auch zu beachten, daß die Telegraphendrähte nur bei schönem Wetter, nicht aber bei schlechter Witterung ertönen. Bei einer längeren Reih« von Beob- achtungen bat sich endlich herausgestellt, daß auf tiefe Töne der Wetterumschlag in der Zeit von ein bis zwei Tagen folgt, während bei hohen Tönen das schlechte Wetter �neist schon nach wenigen Stunden eintritt. Selbswerständlich müssen dem Tonen auch wirk- liche akustische Schwingungen in den Telegraphcndrähten ent- sprechen, die nach Ficld auf die dem Eintritt von schlechtem Wetter stets vorausgehende„seismische Unruhe" im Erdkörper zurückzu- führen sind. Diese seismische Unruhe, mit der man das leise Schwanken und Erzittern der überaus feinfühligen Horizontal- Pendel bezeichnet, die in der Erdbeben sorschung im Gebrauch sind, tritt jedesmal dann ein, wcitu ein Gebiet sehr tiefen Luftdrucks im Herannahen begriffen ist, und setzt, auch wenn da? Zentrum der barometrischen Depression sich noch in einer Entfernung von mehreren hundert Kilometern befindet, den Erdboden in leise Vibrationen und teilt sich nicht nur den Telegraphenstangcn, son- dern auch den gespannten Drähten mit, wobei der den langen Schwingungen entsprechend« Grundton dem menschlichen Ohr wegen zu geringer Schwingungszahl unvernehmbar bleibt, während die Qbertöne zur Geltung kommen. «erantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: BorwärtSBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSingertCo., Berlin LÄ!,