Mnterhaltungsölatt des Horwärls Nr. 173. Donnerstag, den 7. September. 1911 (Nachdruck derdolen.) 5] Vor dem Sturm, Roman von M. E. belle Grazie. Der Wirt verzog ganz leise den Mund.„Schau." dachte et,„von den anderen weiß er's!" Als ihm der einstige Neben- buhler aber mit einer herablassenden Gebärde das leere Glas entgegenhielt, wedelte ihm der Tscheche wie ein Hund ent- gegen. Da kam die Ginbrennsuppe. Frau Predal stellte sie dies- mal nicht ins Schiebefenster wie sonst, sondern trug sie selbst herein, was Herr Predal nicht gerade gerne sah. Seine Alte war etwas schnudlich und unsauber und hatte durch ihren Anblick schon manchem Gast den Appetit verdorben.� Auch heute knurrte er sie an.„Warum hast's denn nit ins Schieb- fenster g'stellt?" Er nahm den Teller und sehte ihn selbst auf den Tisch. Als er sich wandte, gab ihm Maruschka einen Wink mit den Augen. Ja so... er verstand. Das Ehepaar zog sich hinter den Schanktisch zurück und begann in tschechischer Sprache zu reden, erst halblaut, zuletzt immer leiser und leiser. Der Jude trank ruhig seinen Schnaps, und der Reitermacher löffelte in seiner Suppe herum: mit wenig Eifer, doch sie stand nun einmal vor ihm. und etwas mußte er essen, so wenig Hunger er auch noch verspürte. Nur der Mexikaner wurde auf das Gezische! der Wirts- leute aufmerksam, und als er nach einer Weile ein Heltes Lachen durch die offene Tür hörte und gleich darauf eine junge Bauerndirne an dem Fenster vorüberflog, beugte er sich weit vor und starrte mit gelb glinsernden Augen hinter dem Mädchen her, daß die hakennasige Silhouette fast dem Profil eines Habichts glich, der sich bereit macht, im nächsten Augenblick auf ein ahnungsloses Vögelchen niederzustoßen. „War das nicht die Liesl?" fragte er nach dem Schanktisch hin. Frau Predal nickte ihm zu. Dann erhielt er denselben Wink, wie früher der Wirt, ßt verstand und erhob sich. In diesem Augenblick wurde die von der Straße herein- führende Tür mit einer gewissen Gewalt aufgerissen, und der Mexikaner, der sonst niemandem auswich, prallte förmlich zurück, obwohl es ein ganz gemeiner, sogar ein armer Mann war, der eintrat: den fettigen Schafpelz nachlässig um die hageren Schultern geschlagen, in der runzeligen Faust einen derben Knolenstock. Er trug keinen eigentlichen Bart, aber Lippen, Kinn und Wangen starrten von weißgrauen Stoppeln und in den Augen flackerte ein unruhiger Brand, ein Blick, der etwas Irres hatte und doch auch einen Hohn, der wie eine Flamme aus dunklen Tiefen emporzüngelte. Rasch, ohne Gruß, trat er ein, dem Wirte gerade nicht zur Freude, wie man sah. Und doch wagte auch Herr Predal nicht, ihm einen einzigen schelen Blick zuzuwerfen: so wenig wie der Mexikaner, der rasch und fast lautlos nach seinem Tisch zurückglitt. Für die Wirtin aber mußte das Eintreten des ungebetenen Gastes in diesem Augenblick etwas Unheimliches haben. Sie fuhr zusammen, ließ einen scheuen Blick über ihn hingehen und rief unaufgefordert und mit einer gewissen Unterwürfigkeit: .„Gleich werd't's Euer Selchfleifch hab'n, gleich!" Worauf sie hastig zur Tür hinausschoß und das Schiebfenster zustieß. In der Küche aber schlug sie ein Kreuz. Es schien ihr kein gutes ■Zeichen, daß der gekommen war, gerade als man davon sprach. Sie band das Tuch vom Kopf und warf es zur Seite, so hang und heiß wurde ihr plötzlich.„Und ich sag', es wird noch ein Unglück!" murmelte sie ein ums andere Mal. Aber so groß auch ihre Angst vor dem ruppigen Gast war, ihre zitternde Hand legte ihm das größte Stück Fleisch auf den Teller, und als das Fleisch im Schiebfenster stand, trug es Herr Predal sofort dem Gast zu. Und auch seine Hand zitterte, wie er den Teller vor dem alten Vagabunden niederstellte. „Wer das sein mag?" dachte der Bursch. Aber er hatte im Augenblick genug mit sich selbst zu tun. Und wußte er denn, ob es nicht bloß ein Unglücklicher war, dem all diese Sorgfalt erwiesen wurde? Ein Narr, den man nicht böse machen durfte? Wer, wie er, jahraus jahrein über Gottes Wege lief, wußte ja, wieviele Schicksale ihre traurige Straße gingen, bis auch sie einmal auf dem„Freithof" endeten. Nur Sami— Sami l konnte auch jetzt nicht ruhig bleiben. „Wie geht's denn immer, Birron?" �„O, se fürdern mi jo recht guat, do umadum!" Das kam, I halb gesprochen, halb gelacht, ein Gekoller, das breit und gut- mütig klang und doch voll schien von einer Drohung, die nur die anderen verstanden. „Ich frag' bloß, weil ich Se Hab' schon lange nicht mehr geseh'n!" meinte der Jude. Der alte Landstreicher hob den Kopf, warf den Schafpelz mit einem jähen Ruck von den hageren Schultern und stemmte beide Arme auf den Tisch. Und während er die rauhen Wangen langsam zwischen die geballten Fäuste schob, sprach er langsam:„Daher kimm' i a nur anmol im Johr." „Wieso?" fragte Sami arglos. Er sah nicht, wie der Wirt hinter dem Schanktisch zusammenfuhr, der„Mexikaner" nervös an seinem Pfeifenstiel zu kauen begann. Aber der alte Landstreicher sah es, und über das verwitterte Gesicht ging es wie ein Wetterleuchten hin. „Weil's der Tog is, an dem i mein Madl derschoss'n hob'!" erwiderte er mit einem höhnischen Gezwinker.„Vor netto ochtzehn Johr'n... domols, wia's die Geliabtc vom seligen Herrn Grof'n g'word'n is'I Jo, jo," er spuckte aus, „do fröhli, drcnt seli!" Der Jude erschrak und biß sich in die Lippen. Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Das und jenes war auch ihm über die Geschichte bekannt geworden: auch wußte er, daß der alte Vagabund nahezu zwanzig Jahre Zuchthaus hinter sich habe. Aber das grausige Behagen, mit dem er von seiner Tat sprach, die satte Genugtuung, die ihm noch heute aus den eingesunkenen Augen blitzte, der stechende Blick, mit dem er den Wirt und den Günstling des Grafen förmlich an die Wand spießte, erfüllte den frommen Hebräer mit einer heil- losen Angst. Da saß er nun mitten in einer Patsche, die er selbst angerührt, und wer weiß, ob der„Herr Mexikaner" ihm das jemals vergaß. Einen ganzen Gulden hätte der arme Kerl mit Freude hergegeben, um deni anderen das ruchlose Maul zu stopfen. Aber— es war zu spät. „Und an dem Tog kimm' i ollemol her," lachte der alte Zuchthäusler mit einem unheimlichen Gezwinker nach dem Wirt.„Grod doher! No, und der Predal und sein Weib fürdern nii, ols wenn sie domols die Kuppler g'mocht hätt'n. Ober domols wor's an Ond'rer!" „Reden Se doch nicht so gottlos," begann Sami zu sal- badern.„Se sind jetzt ein armer Mensch, da hab'n die Laite Mitleid mit Ihnen. Was denn! Und Blut ist Blut.... Danken Se Ihrem Gott, daß Se. Majestät Se hat begnadigt!" Wieder jenes dumpfe Gekoller. das ein Lachen sein sollte und sich wie der erste Donner eines heraufziehenden Ge« witters anhörte.„Mitload— Mitload?!" Er erhob sich, reckte den mageren Arm in die Höhe.„Dos is' eahna Mit- load, wenn mon's wirklich brauchet!" rief er mit einem sausenden Schlag in die Luft.„Ongst ist's! Bluat muaßt on Dir hob'n und der Welt und ihr'm Herrgott ins G'sicht loch'n, nacher hob'n s' Di gern. Jud! Ehendcr nit!" In der Stube war es totenstill. So still, daß man wieder das Gesumme jener Fliege hörte— und den Knarrton des Schiebfensters, das Frau Predal wieder ängstlich zuzog. Sie konnte das Horchen nicht lassen, wenn der„Birron" da war. So bang ihr auch immer wurde.... Auch seine Geliebte sollte damals so nach ihm gestarrt haben, wie gebannt, ohne einen Schritt nach vorwärts oder rückwärts machen zu können. Obwohl sie ihn schon von weitem daherkommen ge- seh'n, mit der Flinte über der Schulter.„Muida— irtzt derschiaßt er mi!" Und er stand am Feldrain und schlug an und schoß sie nieder— vor den Augen der eigenen Mutter....„Herr'n- luder!" Warum Frau Predal iinmer wieder daran denke!» mußte?!. �. „Was bin ich schuldig?" fragte der Reitermacher m das dumpfe Schweigen hinein. Der Wirt sprang mit einem Satz hinter dem Schanktisch vor. Noch nie war er für einen armen Teufel so rasch zu Stelle gewesen. Tiesmal atmete er förm- lich auf.„Eine Supp'u— ein Brot." Es war eine kurze Rechnung: der Tscheche aber sah so fremd und verstört drein, als hielte ihm eine unsichtbare Hand ein anderes Konto entgegen, dessen Posten so groß, dessen Summe so hoch war. daß weder Gott, noch der Teufel, noch er damit zu Rand kam. Die Groschen des Reitermachers lagen schon längst auf dem Tisch, ehe der Tscheche nur daran dachte, daß der Bursch auch zahlen müsse. (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verbalen.) 3 Die JVIeirtmn. 2. Joseph HalpauZ, der Tischlergeselle, der bor ein paar Tagen hei der Rother-Tischlern in Wirrwitz Einstand genommen hatte, war doch nun schon manches Jahr auf Wanderschaft und in vielen Stelleil gewesen; so aber, wie hier, war es ihm noch nirgends er- gangen. Wenn er nach Hause gekommen wäre zur Mutter, hätte es auch nicht anders sein können. Hier wurde er zum ersten Male nicht als Vagabund oder als Arbeiter, hier wurde er als Mensch behandelt. Und diese Bchand- lung hatte damit begonnen, daß die Meisterin ihn von Kopf� bis Fuß neu kleidete: frische Wäsche, sogar doppelt, zum Wechseln, Vorhemd, Kragen und Schlips, einen hübschen Anzug, der ihm saß, als wenn er auf Bestellung gemacht wäre, Hut und Stiefel und eine funkelnagelneue Schürze für die Werkstatt. Aber er fühlte sich nicht recht wohl als Mensch und in der neuen Kleidung. Die alte Kluft war ihn> lieber gewesen... er mocht das Feine und Neue und eine anständige Behandlung doch üicht mehr gewöhnt sein. Und das mußte doch alles wieder abverdicnt werden, was die Meisterin an ihm getan hatte: die Kleidung mit Arbeit, die menschenwürdige Behandlung durch moralisches Wohlverhalten I Er kratzte sich, die kleine, leichte Werkstattmütze tief in die Stirn schiebend, ärgerlich am Hinterkopfe. Da konnte er sich ja schön abziehen lassen den Winter über, und für das Wanderleben im nächsten Sommer blieb nichts. Für Schnaps mußte er auch etwas haben, war gar nicht anders zu machen I Wer arbeiten soll, der muß auch trinken! Kräfte zum Wirken behielt er nur. wenn er öfter einen Korn hinter die Binde gießen durfte. Wurden es zwei oder mehr, so genierte es ihn auch nicht, um so besser war die Maschine geheizt. Er hatte noch genug vom Tage seines Ein- standcs. Die Schwäche hatte ihm auch die nächsten Tage gar nicht aus den Gliedern wollen, bis er endlich heimlich Gelegenheit fand, sich einen„Kleinen" zu genehmigen. Die Alte hätte es freilich nicht wissen dürfen, daß er so sckmell sein Versprechen brach. Gleich den ersten Abend hatte sie, als er noch einmal um Schnaps bettelte, der ihn wieder aufrichten sollte, ihm erklärt: Branntwein gebe es bei ihr nicht, der sei in ihrem Hause verböten; ein für allemal I Wenn er ohne seinen Korn nicht auskommen könne, müsse er ihn draußen trinken; aber das möge er sich merken: Käme er einmal, auch nur ein einziges Mal be- trunken heim, wären sie geschiedene Leute, dann könne er gleich sein Bündel schnüren. Hart war ihr gelblichfahlcs Gesicht gewesen, als sie das sagte, wie aus Stein gehauen, und wie zwei Edelsteine, kaltglitzernd und starr, hatten die Augen darin gestanden. Wie die feinen Linien scharf um Mund und Nasenflügel einschnitten, erzählten sie eine schlimme Geschichte voll Bitternis und Gram. Mehr als die Worte war es wohl dieses Gesicht, was auf ihn, matt und gebrochen wie er war, so tiefen Eindruck machte, daß er ganz klein wurde und hoch und heilig versprach, was die Meisterin von ihin verlangte, und hoch und heilig versprach, auch was sse nicht verlangte: überhaupt keinen Schnaps trinken zu wollen I Die nächste Minute freilich tat's ihm schon wieder leid, was er zu viel versprochen hatte; aber er tröstete sich, daß die Meisterin ja selbst mit einem eigentümlichen Lächeln um die festgeschlossenen Lippen abgewehrt und txinn bitter und schwer dawider gesetzt hatte: das hielte er ja doch nicht I Sie mußte ihre Erfahrungen haben, die Meisterin! sagte er sich, wenn er an ihr Gesicht und an das böse Lächeln dachte. Ohne daß er hätte zu sagen vermögen: tvarum? beschäftigten ihn diese Erfahrungen der Meisterin, und er wäre ihnen gern auf die Spur gekommen. Tie Schweigsame, die keine unnützen Worte machte und auch mit den notwendigen oft genug kargte, ließ nie eine Mitteilung persönlicher Art hören. Nie wurde von dem Meister gesprochen, nirgends hing ein Bild von ihm, obgleich die Wand über dem Sofa in der guten Stube bedeckt war mit gerahmten Photographien und auch im roten Plüschalbum mit den Bronzebeschlägen genug -davon steckten. Der rcdelustigcre Paul, dem er Verachtung und Hohn des ersten Tages im stillen noch inimer nicht vergeben konnte, obgleich sie äußerlich sich gut vertrugen und kein Zank und Aufbegehren zwischen ihnen war, hatte ihm erzählt: der Vater sei vor zehn oder zwölf Jahren auf einer längeren Reise gestorben, und man hätte ihn draußen in der Frcrnde begraben. Nicht einmal die Mutter wäre zum Begräbnis gefahren, weil es gar so weit ge- Wesen. Den Ort, wo des Vaters letzte Ruhestätte war, wußte der Sohn nicht, kümmerte sich auch nicht darum und fragte nicht da- nach. Am Vater hatte er früher zwar auch gehangen, da aber nie wieder von ihm gesprochen wurde, vergaß er nach Art der Kinder ihn bald. Er war ja erst im achten Jahre, als er den Vater verlor. Für die Mutter empfand er fast mehr Furcht als Liebe. Nie empfing er von ihr ein mildes oder gar zärtliches Wort, nie zeigte sie ihm ihre Liebe; sie hielt ihn strenge, ließ ihm nichts durcbgehen, gönnte ihm kaum ein Vergnügen und keinen Verkehr mit Seines- gleichen. Da er immer nur mit ihr zu tun hatte, immer nur ihrem Willen nachleben mußte, geriet er in eine ungewöhnliche Abhängigkeit von der Mutter im Denken und Handeln.„Die Mutter hat's gesagt! Tie Mutter will das nicht! Die Mutter möchte das so!" war aller seiner Reden Sinn und Zusatz. Sein ganzes Seelenleben hatte sich völlig in die Gleise des ihrigen eingewöhnt, und so kam es wohl auch, daß der Sohn bei ihr nie nach dem Vater fragte und auch zu anderen nie von ihm sprach. Wenn unwissende oder ungeschickte Dritte die Rede auf den verschollenen Meister brachten, dann überzogen sich die Züge der Frau mit eigenartig gelber Blässe, und die Augen stachen drohend aus dem unbewegten Gesicht. Fest preßten die schmalen Lippen sich aufeinander, als müßten sie krampfhaft die Pforten der Seele schließen, daß nichts herausbreche in Wort und Laut, was tief in ihr zurückgehalten wurde an wilder Bitternis und unverwundener Oual. Und ihr ganzes Wesen verströmte dann eine so abweisende Kälte, daß sie wie ein eisiger Mantel um sie stand. Da ließ jeder gerne alles Reden und Fragen um einen, den harter Wille noch einmal im Grabe tötete. Man mochte die Meisterin im Torfe nicht recht; das hatte Joseph Halpaus bald gemerkt. Aber man fürchtete sie. Wenn der Fremde unbefangen und uninteressiert, wie er leicht sich stellen konnte, so von ohngefähr nach dem Meister ftagte, zuckte man die Achseln und tat, als wisse man nichts. Fügte er hinzu, daß er gehört habe, der Mann solle tot sein, gestorben in serner Fremde, so kam die Antwort, ausweichend und befremdlich für den, der mit feinerem Ohr hinzuhören verstand: Es könne ja sein, und die Rother-Tischlern werde wohl genaueres wissen. Und dann sprach man von etwas anderem, als wäre eS nicht ratsam, länger bei solchen Reden zu verweilen. Aber einer lächelte eigen zur Frage des Joseph und meinte: .Nu freilich, freilich kann er tot sein! Aber nischt Gewisses weiß man halt nich, und wenn man was weiß, da wird man's halt nich sagen mögen, na gell? Asu wird's schon sein!" Dabei grinste er so pfiffig-hämisch, daß dem Joseph keine Zweifel bleiben konnte: Glück-Karl, der Schuster, wußte mehr als die anderen, hatte aber seine Gründe, zu schweigen. Daß mit Fragen oder gar-Drängen dem Schlauen nichts abzu- listen war, wenn ein vielleicht Vorteil ihm die Zunge band, wußte der Joseph. So ließ er lieber, was seine Neugier auffällig gemacht hätte; von dem Tage an hing er sich aber an den Schuster und wurde ihm Freund. Es kostetet ihm keine Ueberwindung; sie waren beide für ein» ander zugeschnitten, und was dem einen lieb, war dem anderen sein Gusto: Lachen und Schnaps und Zügellosigkeit; nur daß den einen Häusel und Familie an die Scholle banden und der andere hinausschweifen durfte in die Ungcbundenheit, das Glück und das Elend der Heimatlosen, lvann es ihm beliebte. Der kleine Schuster steckte voller Schnaken und Schwänke, die er an allen Kretschamtischen im Dorf und in der näheren Um- gebung zum besten Mb. Weil er nach raffiniert ausgeklügeltem Plane die Wirtsbäuser und sein Repertoir wechselte, merkte nie» mand, daß seine Schwänke einer nach dem anderen in regelmäßiger Folge wiederkehrten. Für jeden Abend bestimmte er eine Anzahl; war sie erschöpft so vermochte niemand den Sonderling zum Bleiben zu bewegen, dann war seine Zeit um, dann ging er heim. Dafür sorgte aber schon die Ausgiebigkeit seines Repertoirs, daß es nicht zu zeitig geschah. Sein Vorrat an Witzen, Anekdoten, Späßen und Schtvänken war reich, daß es Mönate brauchte, ehe er wieder auf die ersten zurückgreifen�mußte; aber er schöpfte doch nicht wie aus einem Waldquell, der täglich neue Wasser sprudelt, sondern wie aus einem Teich, der von fremder Quellen Wasser sich nährt. Nicht Eigenschaffender, erzählte der Glück-Schuster nur immer nach, was er hier und da und dort, von diesem und jenem an lustigen Stück« lein gehört hatte, der sie frei erfand oder auch nur.weitertruA. Sein Gedächtnis, von Geburt aus schon gut und für solche Sachen noch besonders geübt, hielt mit verblüffender Sicherheit fest, waS ihm an Geschichten dieser Art zuflog. (Fortsetzung folgt.); Die Schädlichkeit der Hutomobll- Auspuffgase. Dem Vorteile des schnellen Transportes, den die Kraftwagen dem Verkehr bieten, steht für die Straßeirpassanten erstens die vergrößerte Gefahr des Ueberfahrenwcrdens, dann die durch die rasche� Bewegung der Vehikel verursachte größere Staubplage gegenüber, die zwar in den gut gepflasterten, regelmäßig besprengten, zuweilen auch durch Teerung oder andere Staubbindemittel vor Staub ziemlich geschützten Straßep der größeren Städte weniger empfunden wird, als in den meist nur chaussiertcn Land-, Korf« und' Vorortsstraßen. Wenn aber wegen Glatteisgefahr im Spät- herbst oder Vorfrühling die großstädtischen Straßen nicht besprengt werden können, dann macht sich der durch die Autos dcrmchrtc Staub mit seinem oft größeren Gehalt an pathogenen Mikroben auch hier durch massenhafte Erkrankungen an Bronchialkatarrh und Halsentzündung sehr unangenehm fühlbar. Bei den durch Benzinexplofion betriebenen Automobilen kommt für die Passanten noch eine weitere Unannehmlichkeit hinzu, näm- lich die Auspuffgase dieser Motoren. Schon im Jahre 1908 schrieb die„Deutsche medizinische Wochenschrift", daß bei un- genügender Verbrennung des Benzins im Motor Methan, Acethylen und Kohlenoxyd entstehen und zu Vergiftungen Veranlassung geben können. Auch auf dem internationalen Hygienekongreß in Berlin wurde bei Besprechung der Straßcnhygiene auf die gesundheits- schädlichen blaugrauen Wolken der Auspuffgase aufmerksam gemacht, vis oft lange hinter den Autos herziehen. Eine Reihe von Dr. Korff-Petersen gemachter Analysen dieser Auspuffgase ergab im Durchschnitt neben Kohlenstaub und Waffcrdampf einen Gehalt von 85 Proz. Stickstoffgas, 5,3 Proz. Sauerstoff, 4,9 Proz. Kohlen- säure und 3.7 Proz. Kohlenoxyd, dazu kommen geringe Mengen von Methan, schweren Kohlenwasserstoffen und Stoffe aldehydischcn Charakters, die hauptsächlich den unangenehmen Geruch der Aus- puffgase verursachen. Der gefährlichste Bestandteil der Auspuffgase ist offenbar das Kohlenoxyd. Das wurde durch zahlreiche Versuche mit Mäusen, Kaninchen"und Meerschweinchen festgestellt. Mäuse starben binnen einer Minute, wenn man Auspuffgase in ihre Behälter ließ und Kohlenoxyd konnte dann spcktralanalytisch im Blute dieser Mäuse nachgewiesen werden. Die Ursache des Vorkommens von Kohlenoxyd in den Auspuff- gasen liegt in einer unvollkommenen Verbrennung des in dem Apparate zur Explosion gebrachten Gemisches von Benzin und Luft. Denn wenn Benzin mit der nötigen Menge Sauerstoff innig gemischt zur Explosion gebracht wird, verbrennt es vollständig zu Kohlensäure und Wäger. Daher bemüht man sich die Automotoren so zu konstruieren, daß sie diesen Bedingungen möglichst entsprechen. Heute erzielt man wohl mit den sogenannten Daimlerschen die besten Resultate. Bei diesen wird das Gemisch von Benzin und Luft in einem besonderen Apparate, dem sogenannten„Vergaser" erzeugt. Hauptbcoingung einer guten Vergasung ist, die Lust da- durch sehr kräftig mit Benzin in Berührung zu bringen, daß man sie schnell durch den Vergaser streichen läßt und dabei das Benzin durch den sogenannten„Spritzcnvcrgaser" nach Art der Parfüm- verstäuber in einem feinen Sprühregen in den Vergaser eintreten läßt. Ter Motor selbst arbeitet meist im sogenannten„Vicrtakt". Beim ersten Takt bewegt sich der Kolben im Zylinder vom höchsten Stande zum niedrigsten. Hierbei wird das Benzingas-Luftgemisch durch das geöffnete Einströmventil angesaugt. Hat der Kolben seinen höchsten Stand erreicht, so schließt sich das Ventil. Während dem zweiten Takt, der Bewegung des Kolbens nach oben wird das Gasgemisch zusammengedrückt, wodurch die Wirkung der dann er- folgenden Entzündung und Explosion erhöht wird. Diese erfolgt durch einen elektrischen Funken, wenn der Kolben beinahe, aber nicht ganz, wieder seinen höchsten Stand erreicht hat. TaS ver- brennende Gas treibt den Kolben im dritten Takt vor sich her. Dann öffnet sich das Auspuffventil und bei seiner Aufwärts- bcwegung treibt im vierten Takt der Kolben das verbrannte Gas zu diesem Ventil hinaus. Diese vier Takte erfolgen in den Daimler- motorcn mit Vierzylindermotoren immer abwechselnd in je zwei Zylindern zugleich. Natürlich muß, wenn dabei eine möglichst voll- ständige Verbrennung erreicht werden soll, der Apparat genau so funktionieren, daß immer genau die nötige Menge Benzin und Luft eintritt und zu einer innigen Mischung gelangt, auch die Explosion in der durch den Gang gegebenen Spanne Zeit voll- standig erfolgt. Das Vermeiden von Kohlenoxydbildung ist dabei eine technisch nicht ganz leichte Aufgabe, doch möglich ist es; denn man hat Auspuffgase erhalten, die fast ganz frei von Kohlen- oxhd waren. Aber bei fehlerhaftem Gange ist der Gehalt von Kohlen- oxyd auch schon bis über 7 Proz. gestiegen. Daher dürfen diese Motorcn auch nicht zu lange ohne Nachprüfung und respektive Reparatur in Gebrauch bleiben. Wesentlich für guten Gang ist auch eine richtige Oelung der Maschine. Diese erfolgt bei neueren Autos durch eine zwangsläufig angetriebene Pumpe. Ferner ist wesentlich: gute Qualität des Benzins, das nicht etwa ein Gemisch von verschiedenen Siedepunkten ist. Tie vielen Versuche, die man bisher gemacht hat, das Kohlenoxyd durch Nachverbrcnnung, Filtra- tion oder Tcsodorisierung aus den Auspuffgasen zu entfernen, sind bis jetzt ohne den gewünschten Erfolg geblieben. Außer den Explosionsmotoren mit Benzinbetricb hat man seit einigen Jahren auch elektrisch betriebene Automobile gebaut, deren Betrieb ganz einwandfrei und ungefährlich ist, da bei ihnen keine Auspuffgase auftreten. Aber sie haben ein be- deutend größeres totes Gewicht als die Explosionsmotorwagen, auch kann die Ladung ihrer Akkumulatoren nicht überall vorge- nommen werden, während Benzin fast in jedem kleinen Orte zu haben ist. Daher ist ihre Zahl eine bedeutend kleinere als die der vorhandenen Benzinmotoren. In Berlin waren 1910 neben 5486 Kraftwagen mit Explostonsmotorcn nur 364 solche mit Elektro- motorcn, in Charlottcnburg neben 747 Bcnzinautomobilen nur 29 solche mit Elektromotoren vorhanden. Nur in Hamburg, wo eine amtliche Verordnung bestimmt, daß im öffentlichen Fuhrwesen' nur elektrisch betriebene Liraftwagcn verwendet werden dürfen, waren 1916 neben 1115 Benzinmowren 145 solche mit Elektro-! moioren im Betriebe. Hier bildeten also letztere 13 Proz'. aller Kraftwagen, während sie in Berlin nur 6,6 Proz. und in Char- lottenburg nur 3,8 Proz. betrugen. Auf einen allgemeinen Bau der Kraftwagen mit elektrischem Betriebe ist also in absehbarer Zeit wohl nicht zu rechnen. Deshalb sollle aber auch die in betreff der Motorwagen vom Bundesrat erlassene Bekanntmachung vom 3. Februar 1916 eine recht sorgfältige Jnnehaltung seitens der Polizeibehörden erfahren. Z 3 Absatz 1 dieser Verordnung lautet: „Die Kraftfahrzeuge müssen verkehrssicher und besonders so gebaut, eingerichtet und ausgerüstet sein, daß Feuers- und Explosions- gesährdung von Fuhrwerken durch Geräusch, Dämpfe oder üblen Geruch ausgeschlossen ist." Nach§ 26 kann die Polizeibehörde jeder» zeit auf Kosten des Eigentümers eine Untersuchung darüber ver- anlassen, ob ein Kraftfahrzeug den nach Maßgabe dieser Verordnung zu stellenden Anforderungen entspricht. Genügt ein Kraftwagen diesen Anforderungen nicht, so kann seine Ausschließung vom Be- fahren der öffentlichen Wege usw. durch die höhere Vcrwaltungs- behörde verfügt werden. Die Anweisung über die Prüfung von Kraftfahrzeugen verlangt, daß„die Verbrennung der Gase in der Maschine so vollkommen und die Oelzusuhr so eingerichtet ist, daß abgesehen vom Anfahren nach längerem Stillstande ein belästigender Rauch nicht entwickelt wird". In Frankreich wie in Oesterreich und England sind die gesetzlichen Vorschriften fast dieselben wie in Deutschland, aber dort sind die Belästigungen durch die Auspuff» gase weit geringer als bei uns. Es ist sonst nicht unsere Gc- wohnheit, die Polizei zu größerem Eifer anzuspornen, aber hier möchten wir ihr doch empfehlen, sich ihre französischen Kollegen zum Muster zu nehmen. Auch das Publikum wird gut tun, darauf zu achten, daß man sich nicht dicht hinter einem Automobil aufhält, das jeden Augenblick auspuffen kann. kleines feuilleton. Hauswirtschaft. Eine Ehrenrettung des Koffein. Beim Tabak ist man längst dahinter gekommen, daß das verlästerte Nikotin nicht der gefährlichste, keinesfalls der einzig gefährliche Bestandteil des beliebten Krauts ist. Es liegt nun nahe, eine ähnliche Frage auch in bezug auf die anderen Reizmittel zu stellen, die neben dem Tabak zu den alltäglichen Bedürfnissen der Menschheit geworden sind, also Tee und namentlich Kaffee. Für die Deutschen, nicht rair innerhalb des Reichs, sondern auch über die Grenze hinaus, spielt der Kaffee unter diesen drei Tingen die unbestrittene Hauptrolle. Auch im Kaffee gibt es einen Bestandteil, auf den sich die Anklagen in der Schuldfrage der gesundheitsschädlichen Wirkung am meisten richten, nämlich das Koffein. Dadurch ist eine Industrie groß gft- worden, die den Kaffee durch die Entziehung des Koftcin unschäd- lich machen und seinen Genuß übrigens dem Volk erhalten will. Daß sich gegen dies Verfahren oder wenigstens gegen seinen Erfolg manches sagen läßt, lehrt ein ausführlicher Aufsatz von Professor Erich Harnack in der Münchencr Medizinischen Wochenschrift, wo- bei gleich zu bemerken ist, daß das Urteil dieses Gelehrten auf eingehenden Versuchen im Pharmakologischen Institut der Uni- versität Halle beruht. Harnack ist schon seit einigen Jahren zu dem Verdacht gelangt, daß mit der Ausscheidung des Koffein aus dem Kaffee nicht der richtige Weg beschritten worden ist. Er wurde darauf durch die Tatsache gebracht, daß der Kaffee von dem unter Verantwortung gestellten Giftstoff weniger enthält, als der Tee und sogar der Kakao. Außerdem ist das Koffein zweifellos der Be- ftandtcil des Kaffees, der diesem Getränk auch den günstigen und erwünschten Teil seiner Wirkung verleiht. Uebcrhnupt aber er- scheint die Koffcinmenge im Kaffee zu klein, um die Größe der behaupteten nachteiligen Folgen zu erklären. Professor Harnack untersucht nun zunächst, oh diese ungünstigen Wirkungen des Kaffees auf anderen Gründen beruhen können, als auf dem Koffein- geholt. Da stellt er vor allem fest, daß die Herzstörungcn, die durch den Kaftecgenuß herbeigeführt werden, nicht unmittelbar, sondern erst als Folgen von Störungen der Magcntätigkcit eintreten. Diese aber werden durch andere Bestandeile des Kaffees veranlaßt, die den Magen zu gesteigerter Bildung von Säuren und Gasen reizen. Diese Stoffe aher haben nichts mit dein Koffein zu tun, sondern entstehen erst beim Rösten der Kaffeebohnen. Das Koffein da- gegen wirkt anreizend nur auf Nerven und Muskeln. Beispiels- weise hat man nach den? Genuß von sehr starkem Kaffee eine Steigerung der Sehschärfe beobachtet. �Andere Folgen sind eine Zufnmmenzichung der Hnutgefäßc, eine Steigerung der Blutwärme, die jedoch durch andere Stoffe im Kaffee wieder aufgehoben wird. Für die Praxis scheint nun beides auf dasselbe herauszukommen, weil rnan jene Röstprodukte gar rächt beseitigen kann, ohne dem Kaffee seine hauptsächlichen Geschmackseigenschafton zu nehmen. Dennoch ist jetzt ein neues Reinigungsverfahren für Kaffee gc- funden worden, das ohne Aendcrung des Koffeingehalts der Wir- kung jener Röstprodukte entgegenarheitct. Außerdem ist noch zu berücksichtigen, daß Leute, die den Kaffee schlecht vertragen, ihn lieber kalt genießen sollten, da heißer Kasfcc für den Magen und dadurch auch fiir das Herz nachteiliger ist. Professor Harnack führt sogar die alte Redensart:„Kalter Kaffee macht schön", darauf zu- rück, daß blcichsüchtigo Personen ihn besser vertragen als heißen Kaffee. Aus der Vorzeit. Ein Selb st pvrträt des Steinzeitmensche«. Der �Konservator der Museen von Movt-de-Marsan, Dubalen, hat in der Nähe von Dax in der Riviere-Höhle, in der man Gegenstände «Her Art aus dem Ende der paläolithischen Periode gefunden hat, «ine Anzahl Tierknochen und Werkzeuge aus Kieselstein, Knochen und Elfenbein gesammelt, unter denen ein Fund besonderes Jntcr- esse erweckt. Es ist die Darstellung eines menschlichen Gesichts, die Äuf dem Bruchstück eines Schenkclbeins eingeschnitten ist. Das Ge- jsicht ist nur mit einfachen, flach eingeritzten Strichen en kace dar- gestellt, ein einfaches Oval, das unten am Kinn spitzer zuläuft. Die Augen sind richtig unter einer ziemlich niedrigen Stirn cinge- zeichnet und werden durch zwei kleine Vierecke wiedergegeben, die eine kleine Vertiefung umschließen. Die Nase ist mit einer ziem- ilich langen braunen Linie, die augenscheinlich durch einen heißen Körper in den Knochen eingebrannt ist, dargestellt; die beiden Nasenflügel sind wenig deutlich; um sie zu erkennen, mutz man das Licht unter einem bestimmten Winficl auf die Fläche fallen lassen. Der Mund ist groß, durch zwei tiefe, fast parallele Striche bezeich- lnct; das Kinn lang und spitz. Zwischen der Nase und dem Munde fficht man zwei Striche rechts und links, die vielleicht als Schnurr- ibart zu deuten wären. An der linken Seite treten sieben lange iStriche aus der Umrißzeichnung des Gesichts hervor, in denen man Svohl die Haare erblicken muß. Auch ein Ohr ist deutlich zu er- Aenncn. Das Ganze erweckt den Eindruck eines sehr regelmäßigen sGesichts von guten Verhältnissen, mit niedriger, breiter Stirn, er- ffchcint doch aber zu allgemein und schematisch, als daß man die Merkmale einer bestimmten Menschenrasse darin erkennen könnte. IJedenfalls läßt es sich wenig mit der prähistorischen Rasse, wie man sie nach den Schädelfundcn rekonstruieren muß, in Einklang ibringen. Es ist also kein individuelles Porträt, das bestimmte Züge wiedergibt, sondern es stellt einen allgemein menschlichen Typus dar. Dubalen ist aber überzeugt, daß es sich um einen zeichneri- jschen Selbstporträtvcrsuch eines prähistorischen Menschen handelt. jFrcilich sind Zweifel dagegen laut geworden, und die französische Prähistorische Gesellschaft hat eine genaue Untersuchung des Stückes ivorgcnommen, deren Ergebnis bekannt werden wird. Mineralogisches. Wie man Diamanten prüft. Es ist für den Nicht- ikcnncr von Edelsteinen gewöhnlich eine schwierige Aufgabe, echte Diamanten von unechten zu unterscheiden; es gibt aber zahlreiche Hilfsmittel zur Prüfung des Diamanten, die auch der Nichtfach- mann ohne weiteres anwenden kann. Die„Naturw. Wochcnschr." führt nach der„Pforzh. Bijouterieztg." eine ganze Reihe solcher Mittel an: Die gewöhnliche Prüfung des Diamanten erfolgt be- Zanntlich mittels der seinen, harten Goldschmiodefeüe. Die Oberfläche eines echten Steines wird durch diese Feile nicht angegriffen, Während jede Imitation geritzt wird. Außer den Diamanten gibt es noch andere Produkte, die durch die Feile ebenfalls nicht ange- griffen werden. Vielfach findet man die Ansicht verbreitet, daß ein Stein, der Glas ritzt, auch ein Diamant sein müsse; diese Ansicht iist aber durchaus falsch. Man verwechselt hierbei die Begriffe ..Ritzen" und„Schneiden". Ein Diamant schneidet nämlich mit leichtem Druck die äußere Schicht des Glases in einer Weise, daß mach dem Schneiden bei einem in geeigneter Richtung ausgeführten leichten Schlag die Glasscheibe an der Schnittstelle bricht. Andere Steine, wie auch künstlich hergestellte Körper, können das Glas auch zuweilen sogar tief ritzen, aber die Glasscheibe läßt sich an der geritzten Stelle nicht brechen. Ein geübtes Auge wird außer- dem leicht erkennen, daß die Facetten eines geschliffenen Diamanten -nicht so regelmäßig ausgebildet sind wie diejenigen einer Jmita- jion. Beim Schleifen und Polieren des echten Diamanten sucht man jselstvcrständlich, da dieser bekanntlich nach dem Gewicht verkauft wird, vom rohen Stein soviel wie möglich zu erhalten. Die Jmi- tation zeigt dagegen vollkommen ausgebildete Flächen; es liegt lein Grund vor, an dem wohlfeilen Material zu sparen. Eine andere einfache Prüfung bildet die„Wassertropfenprobe". Bringt man auf die Fläche eines Brillanten einen sehr kleinen Wasser- tropfen und versucht diesen mittels einer Nadel- oder Fcderspitze über die Fläche des Steines hinwegzubewegcn, so wird der Wasser- tropfen seine kugelförmige Gestalt beibehalten, vorausgesetzt, daß ldcr Stein vorher sauber gereinigt und getrocknet war. Bei einer [Imitation(Straß) wird sich der Wasscrtropfen dagegen auf der jgläche ausbreiten. Wird ein echter Diamant in ein Glas Wasser geworfen, so wird er im Wasser deutlich zu erkennen sein: er sieht mämlich weiß aus, bei einer Imitation wird sich die Farbe des un- echten Steines mit der des Wassers verschmelzen, und infolgedessen tvird er fast unsichtbar sein. Setzt man auf ein Stück weißes Papier einen schwarzen Punkt und betrachtet ihn durch einen Diamanten hindurch mittels Vergrößerungsglases, so wird man den Punkt klar und deutlich sehen. Hält man aber eine Imitation zwischen Vergrößerungsglas und Papier, so wird der Punkt auf (Grund der ungleichen Brechung der Lichtstrahlen farbig erscheinen. Zlußsäurc, die man nur in Gummigefäßen aufbewahren kann, da sie sämtliche andere Substanzen, wie Glas. Porzellan usw., zerfrißt, wird jede Imitation zersetzen; auf den echten Diamanten übt diese Säure keine Wirkung aus. Ein Diamant auf Holz oder Metall ge- rieben, wird, nachdem man ihn vorher den Strahlen des elektrischen «erantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Bogenlichts ausgesetzt hat, im Dunkel phosphoreszieren, ivaS bei einer Imitation nicht der Fall ist. Wird der zu untersuchende Stein, mit einem Brei von Borax bedeckt, in einer Spiritusflamme gut erhitzt und hierauf plötzlich in ein Glas kaltes Wasser geworfen, so wird eine Imitation sofort in Stücke zerspringen, während ein Diamant durch diese Feuerprobe nicht beschädigt wird. Aus dem Tierleben. Farbenunterscheidungsvermögen der höheren Tiere. Ende der siebziger Jahre wurde seitens einiger Philologen die über« raschende Behauptung aufgestellt, daß die Völker des Altertums— Inder, Hebräer, Griechen u. a.— für manche Farben des Sonnen- spcktrums unempfindlich waren. Es fehlten in ihren Sprachen die betreffenden Farbenbezeichnungen. Später wurde sogar eine Theorie zurechtgezimmert, wonack die Menschheit zuerst überhaupt nur die drei oberen Farven des Spektrum?— rot, orange, gelb— empfinden konnte und erst später die weiteren drei— grün, bläu und violett— zu unterscheiden gelernt hatte. Die ethnologischen und anthropo- logischen Forschungen bewiesen jedoch, daß die Sache sich keineswegs so einfach verhält. Die neueren experimentellen Beobachtungen über das Farbenunterscheidungsvermögen der höheren Tiere zeigen vollends, wie man mit derartigen Verallgemeinerungen vorsichtig sein mutz. Unter diesen Beobachtungen, die schon manches Licht in das bis jetzt recht dunkle Gebiet der vergleichenden Psychephysiologie ge- bracht haben, zeichnen sich die Tierversuche des berühmten russischen Physiologen Pawlow und seiner Schule durch ihre Eleganz und Exaktheit besonders aus. Dem genannten Forscher verdankt die Wissenschast die Erfindung der Methode der„bedingten Reflexe". Ihr Wesen besteht kurz in folgendem. Wenn die Schleimhaut der Mundhöhle mit der Nahrung in Berührung kommt, so eriolgt, wie allbekannt ist, eine Absonderung des Speichels. Diese Absonderung geschieht„reflektorisch", d.h. der Reiz, der von der Nahrung ausgeht, wird den Nerven, die die Tätigkeit der Speicheldrüsen regeln, ohne Vermittelung des Bewutztieins mitgeteilt. Man kann jedoch das Bewutztiein einschalten, indem man die Nahrung nicht in den Mund nimmt, sondern sie nur von weitem beschaut. So erfolgt zum Bei- spiel die Speichelabsonderung beim Pferde, wenn cS den Hafer, beim Hunde— wenn er ein Stück Fleisch usw. sieht. Gesellt sich zu diesem Anblick der Speise irgend ein bestimmter Reizvorgang— sei es ein Glockenschlag, eme bestimmte Farben- oder Temperaturempfindung usw.—, so entsteht, falls derartige Verknüpfung eine dauernde ist, — ein fester Zusammenhang zwischen diesem fremden Reiz und Speichelabsonderung. Die Absonderung tritt dann nicht nur beim Anblick der Speise, sondern auch beim Sehen bestimmter Farbe, beim Hören bestimmten Tones usf. ein. Sie wird zu einyn„bedingten Reflex". Die Stärke des bedingten Reflexes entspricht jedesmal der Intensität der Empfindung, wodurch sie bedingt wird. Um diese Tatsache zur vergleichenden Messung der Enlpfinduugsstärke nutzbar zu machen, stellt' man in der Ober- speicheldrüse des Versuchstieres einen künstlichen Fistelgang her und führt in den Gang ein graduiertes Glasröhrchcn ein. Die größere oder geringere Zahl der»Speichelttopfen. die dann in das Röhrchen eintreten, lätzt größere oder kleinere Intensität der betreffenden Empfindung erkennen. Mit Hilfe dieser sinnvollen Vorrichtung, die jede subjektive Schätzung seitens des Beobachters von vornherein ausschließt, wurden zahlreiche Versuche mit den Hunden unternommen. Sie ergaben sämt- lich das bemerkenswerte Ergebnis, daß Farbenempfindung'en im Leben dieses hochintclligenten TiereS überhaupt eine minimale Rolle spielen. Während die geometrischen Formen— Kreis, Quadrat, sogar Fünf- und Sechseck[ehr genau unterschieden wurden, während die Töne bis auf Vz der Tonhöhe richtig erkannt werden konnten, vermochten dieselben Tiere die verschiedenen Farben nur sehr mangelhaft von einander zu unterscheiden. Dieses Resultat stimmt mit den anderen neueren ForschungS- ergebnisien vollkommen überein. Von diesen verdienen die Versuche des amerikanischen Zoologen Jerkes besondere Beachtung. Bei seinen Versuchen benutzte er einen Kasten mit zwei Gängen, von denen der eine die Nahrung enthielt, während im anderen beim Ein- tritt des Versuchstieres— es war die japanische TanzmauS— eine elektrische Entladung stattfand. Die Eingänge wurden durch verschiedene Beleuchtung und Farbe kenntlich gemacht. Die Maus konnte mit der Zeit die feinsten BeleuchtuugS- unterschiede sehr gut merken; die eigentlichen Farben- unterschiede jedoch existterten für sie so gut wie gar nicht. Grün und blau, violett und rot machten auf sie einen und denselben Eindruck. Auch für die Vögel— Hühner und Tauben— konstatierte Heß die Fähigkeit dieser Tiere, die Beleuchtungsuntcrschiede— selbst die feinsten Nuancen— sehr gut zu erkennen, während vom eigentlichen Farbenunterscheidungsvermögen kaum die Rede sein könnte. Alles in allem: das Weltbild der höheren Tiere baut sich aus Tönen, Genichen und geometrischen Formen auf. Die Farben sind hier so gut wie gar nicht vertreten. Vom Standpunkte der Eni- Wickelungslehre ist das weiter nicht verwunderlich: das Farben- unterscheidungSvermögen konnte nur für ein solches Tier Bedeutung gewinnen, das in einer rasch wechselnden Umgebung zu leben ge- zwungen war. Und dieses ist schließlich in höherem Grade nur beim Menschen der Fall gewesen._ vorwärtSBuchdruckereiu.VerlagSanstalt Paul SingerörEo., Berlin SW.