Hlnterhaltungsblatt des WorwSrls Nr. 174. Freitag� den 8. September. 191t (Nachdruck verSolen.) e] Vor dem Sturm. Roman von M. E. delleGrazie. 2. Das Kunkellehen. Das gnädige Fräulein von Schönbach hatte Besuch. Ihre jüngere Schwester war ganz unvermutet vorgefahren, gerade als man im Schloß die Löffel in die Suppe tauchte. Ihre Gnaden konnten sich diese Einfälle gestatten. Sie waren Prä- bendarin des hochadeligen Stiftes auf dem Hradschin und bezogen als solche eine Summe, die in der Provinz kaum aufzubrauchen war. Die paar Wochen, die man jedes Jahr in Prag zubringen mußte, um den Bedingungen des Stifts- briefes zu genügen, zählten nicht. Die übrige Zeit saß die Gräfin Miette in Nikolsburg, hielt sich Wagen und Pferde und Diener, und lief auch nicht immer mit dem großen Kreuz der Stiftsdamen herum. So lebte man friedlich dahin und geriet weder in Schulden noch in einen Klatsch. Ja, wenn man es nur recht anzustellen wußte, konnte man es sogar dahin bringen, daß einen„die guten Nikolsburger" für eine halbe Heilige hielten. Ihre Gnaden hatten es so weit ge- bracht. Gräfin Miette zählte sechsundzwanzig Jahre, war blond und in allem das Gegenstück ihrer Schwester, der nach ihrer Meinung noch immer die Haltung fehlte, so herrisch und eigenwillig sich Gräfin Lolette auch zeitweise gebärden konnte. „Sie ist bloß dem Rechte nach die Erbin," dachte Gräfin Miette, so oft sie einen Blick in die verfahrene Wirtschaft des Kunkellehens tat.„Den Qualitäten nach wär's ich!" Und diese geheime Wertung ihrer eigenen Vorzüge hatte ihr im Laufe der Jahre über vieles hinweggeholfen, sogar über den Neid. Es war dies eine Genugtuung, die zugleich eine gewisse Herablassung gestattete, und Gräfin Miette hatte es merkwürdig rasch gelernt, auch der Schwester gegenüber herablassend zu sein. Wenn man das Kreuz des Hradschin trug, die Vertraute der„Erzherzogin Aebtissin" war und in Nikolsburg den Ruf einer Heiligen genoß, durfte man sich schon einiges gestatten. Und endlich— dieses ganze Kunkellehen l Wie lange würde es Lolette noch vor der Gant bewahren können? Eines Tages mußte sie froh sein, wenn die Stiftsdame ihren ehrwürdigen Mantel über soviel Leichtsinn und üble Nachrede schlug. Darum fuhr Gräfin Miette stets als Stiftsdame vor, wenn sie kam: mit dem großen Kreuz, den weißen Handschuhen und dem lang nach- schleppenden, schwarzen Seidenkleid. Für die Schönbacher aber war's nie ein guter Tag, wenn sie eintraf. Gräfin Lo- lette war immer so gereizt nachher. Selbst der Verwalter bekam das zu fühlen. Heute war Gräfin Miette geradezu mit der Absicht er- schienen, die Suppe zu verstärken. Sie hatte durch eine Be- schließerin erfahren, daß es seit einiger Zeit„zwischen Ihrer Gnaden und dem Verwalter" nicht mehr stehe wie früher. Und Miettes Tugend machte sich mit allen Segeln auf. die ohnedies schon brüchige„Liaison" so sanft als möglich zu lösen. Bei Lolettes Temperament wußte man ja nie, was zuletzt geschehen konnte. So blieb wenigstens das Dekorum gewahrt. Die Beschließerin war eigens nach Nikolsburg gefahren, um das„Ihrer Ehrwürden" mitzuteilen. Aus Haß gegen den Verwalter, der es durchgesetzt, daß die alte Dienerin Knall und Fall davongejagt wurde. Denn„die Hasenhündlin" lebte noch von Zeiten der„Gräfin Mutter" her auf dein Schloß und hatte nie über sich gebracht, den dahergelaufenen Günstling als„Herrn" zu estimieren(schätzen). Dies war ein Grund. Noch schlimmer für die Hasenhiindlin aber war, daß sie dem beutelustigen Favoriten(Günstling) zu scharf auf die Finger sah. Das mußte ihr endlich den Hals brechen, wie es nun einmal zuging bei ihrer„jungen Herrschaft". Natürlich war Miette so klug, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Die Sache mußte sich selbst machen. Auch konnte man ihrer Ansicht nach nie genug Takt haben. Ihre Hand fiel nie schwerer auf eine Sache, als mit der Gebärde eines leichten Fächerjchlages. Dann klappte man den wirk- lichen Fächer auf und markierte dahinter ein Gähnen, einen Seufzer oder sonst eine diskrete Pause, die den Angegriffenen Zeit ließ, sich zu einer vornehmen„Replik"(Gegenrede) zu sammeln. Auch das hatte Gräfin Miette erst auf dem Hrad- schin gelernt. Als die Stiftsdame diesmal aus ihrer„Voiture" (Wagen) glitt, wußte sie im vornhinein, mit welchem„Mot" (Wort) sie zu beginnen habe. Das war sonst weniger leicht gewesen. Denn so oft sie auch um diese Stunde erschienen war, immer hatte sie den Verwalter am Tisch der Schwester getroffen. Und immer war er„zufällig" geladen gewesen, um in ihrendeiner charmanten Weise die„Meriten"(Ver- dienste) des braven Mannes zu würdigen, wie Gräfin Lo- lette sich ausdrückte. Daß der„brave Mann" aber seit einiger Zeit nicht mehr zur Tafel gezogen wurde, hatte Gräfin Miette schon gestern abend gewußt. Und als sie heute morgen in ihre Voiture gehüpft war, kam ihr mit dem zierlichen Sprung auch das richtige Mot. Und das war viel wert in einer so peniblen Affäre. Das Zimmer, in dem die Herrin des Kunkellehens gc- wöhnlich zu speisen pflegte, lag dem Parktor gerade gegen- über und sah über schaukelnde Zweige und flatternde Ranken noch ein gutes Stück in die Landschaft hinein und auf die Landstraße hinaus. „Es ist so lustig da drinnen," pflegten Ihre Gnaden zu sagen, obwohl sie noch nie gesagt hatten, was sie eigentlich gerade an diesem Zimmer so lustig fanden, um sich und die servierenden Diener tagtäglich so weit zu inkommodieren. Denn der eigentliche Speisesaal lag in einem anderen Teil des Hauses und war sowohl der Küche als den Salons näher. Der Verwalter freilich wußte genau, warum gerade dieses Zimmer so„lustig" war. Der Trakt des Schlosses, in dem sich das„lustige Zimmer" befand, stammte noch aus der Zeit Josefs I.. und Decke, Fries und Paneele wiederholten die vornehmen Barock- motive der Paläste, die Fischer von Erlach damals den Großen Wiens baute. Die zahlreichen Nippes aber, die auf Schränken und Konsolen aufgestellt waren, erzählten von den sonnigen Tagen des Rokoko und lebten Welt von Frankreich n�och immer die blumigen Stunden der Schäfcrspiele des„Petit Trianon". Zwei Bilder von Watteau hauchten Farbe und Sinnlichkeit über die goldgepreßten Tapeten. Als Gräfin Miette in die lustige Stube trat, ließ sie erst einen befremdeten Blick über das einsame Gedeck der Schwester gehen. Dem Blick folgte ein wie erlöstes Auf- atmen, dabei legte sie die Linke unwillkürlich an das große Stiftskreuz. Und während die veilchenfarbigcn Augen einen Blick andächtigen Dankes zum Himmel sandten, hauchte sie leise:„klnkin seule"(Endlich allein). Die dunklen Brauen Lolettes schoben sich trotzig zu- sammen.„Weil es mir heut' eben s o gepaßt hat," erwiderte sie eigenwillig. Sie kannte die giftigen Stiche des schwester- lichen Neides und hielt dafür jederzeit denselben Hieb parat: die selbstsichere Genugtuung ihrer Unabhängigkeit. „Das begrüß' ich ja eben," lächelte Miette fein,„daß Dir das Passende wieder einmal paßt!" „Willst Tu am Ende die Chapcronne(Nonnenkutte) machen?" fragte Lolette gereizt. Sic wollte noch etwas hin- zufügen, weil aber in diesem Augenblick der Diener eintrat, kam es nur zu einem Wetterleuchten des Hohns, das stolz und drohend über das herrische Gesicht fuhr. „Leg' er ein zweites Gedeck auf, Preiner," befahl sie. Preiner verschwand. „Da bin ich wohl auch ungelegen gekommen," begann Miette, wieder einlenkend. Sie hatte ihre langen Handschuhe abgestreift und zupfte nun mit den runden Fingerchen ihr Retikül(Handtasche) aus, um den Fächer hervorzuholen. Hielt sie den schwarzen Fächer in Händen, war die„Oberst- hofmeisterin" fertig, wie man auf dem Hradschin behauptete. Und Rede und Gegenrede kamen so soigniert heraus, daß auch die allzu temperamentvolle Lolette gar bald die Segel strich... „Das wollt' ich durchaus nicht andeuten," verteidigte sich die Schwester,„Aber schließlich,,. ich bin die AeUereV „Ach. Liebste, wenn es immer die Jahre wären!" seufzte die Stiftsdame auf.„Und ich darf es Dir sagen! Ich Hab' in der letzten Zeit so herzlich gebetet für Dich!" Die dunklen Brauen schoben sich wieder zusammen. -..Glaub' nur ja nicht, daß Du mir den Unterweger weg- gebetet hast. Er froissiert(kränkt) mich seit einiger Zeit. Das ist alles." „Immerhin hat auch die Gnade.. Die junge Schloßherrin sprang mit einem Satz empor. „Gnade— Gnade! Es wird Frühling, und ich habe meine Vapeurs(Blähungen)!" „Bestreit' ich das? Aber daß Deine Laune diesmal den Nichtigen wegekelt, das ist's! Und Gottes Wege sind nun einmal wunderbar!" „Das zu glauben, hast Du mehr Grund als ich." Die veilchenblauen Augen strahlten einen geradezu seraphischen Glanz aus. Die Stimme nahm etwas von der Naivität des kindlichen Timbres(Klangfarbe) an.„Ich—? Wieso?" Da kam das zweite Gedeck. Eine Weile war nichts hörbar als das leise Klirren, mit dem die etwas nervös auf- und abgeführten Suppen- löffel gegen dos Meißener Porzellan tippten. Plötzlich schob Lolette ihren Teller zurück.„Preiner!" „Euer Gnaden befehlen?" „Sag' er der Wirtschafterin, daß die Supp'n beut' besser sein könnt'." Ueber das Gesicht des alten Dieners Fitt ein schaden- frohes Lächeln.„Tie Hasenhündlin" war noch keine Woche fort, und schon spürte man es an allen Ecken und Enden. Von der Gesindestube bis in die herrschaftliche Kammer. Aber es war nicht seine Sache, das erste Wort zu sprechen. Ob- wohl er sehr gut wußte, wieviel täglich„danebenging", seit die junge Beschließerin im Hause war. Ter Herr Verwalter hatte diesen„Ausbund" ins Schloß gebracht, nachdem er sie angeblich eigens aus Wien verschrieben. Aus einem Briefe, den die Neue aber zufällig liegen gelassen, hatte die Kammer- jungfer Lolettes erfahren, daß die Beschließerin eine Kusine des Verwalters sei.„Und wer weiß was noch," munkelte man in der Bedientenstube. (Fortsetzung folgt.1' lNnchdrutT Verboten.) 4] Die Milterin. Das aber kümmerte die Zuhörer des Glück-Karl nicht, wo der feine Witze und Verzählsel her hatte, wenn sie nur recht lustig waren. Daß sie wenigstens lustig klangen und durch die Art des Vortrages die Lachmuskeln in Bewegung gesetzt wurden, dafür sorgte der Schuster schon. Keiner verstand es so gut wie er, aus kleinen Geschichten an Wirkung herauszuholen, was nur irgend möglich war, die Neugier zu wecken und zu steigern und die Pointen zwischen die Lachbercitcn so unerwartet platzen zu lassen, daß die Lachsalven wie aus Kommando losdonnerten. Schon die äußere Erscheinung des Glück-Schusters machte einen drolligen Eindruck: auf dem auffallend kleinen, aber ge- drungenen Körper saß ein mächtiger Kopf mit überhoher Stirn und einem kräftigen, aber struppig-zerzausten Vollbart, und wenn er auf einer Wirtshausbank hinter einem der breiten Kretsckam- tische hockte, auf beiden Seiten eingekeilt von lachenden und krei- schendcn Zuhörern, dann sah es aus, als wenn unter die Bauern ein Riese geraten wäre, der, um seine Größe auf menschliches Maß zurückzuschrauben, sein Untergestell zu Hause gelassen hat. Man brauchte auch nur das Gesicht zu sehen, das über die schmutzig-klebrige Tischplatte schaute, da konnte einem schon heiter werden ums Herz: jede Runzel, jedes Fältlcin lachte mit, wenn der Drollige erzählte, um die Rasenflügel flitzten, in den Lid- winkeln spielten, aus den listig blickenden Äeuglein kicherten tausend kleine Schaligcisterchen, und in den buschigen Brauen, die gar so drohend aussehen wollten, spielten die Lustigen Verstecken. So saß Glück-Karl, der Schuster, in allen Wirtshäusern, bald in diesem und bald in jenem: w>:r er gestern im Gerichiskretscham oder bei Traugott Klinkmüller gewesen, so ging er heute vielleicht in das Gasthaus zum„Hohlen Stein", das dicht oberhalb der Kirche liegt, morgen hockte er in Ratschen, andere Abende in Sackrau, Taschenberg oder Rankau. Tie Wirte schmunzelten, wenn er kam, und steckten ein neues Fäßlein an; denn wenn es hieß: „Der Glück-Schuster ist da, oben im Kretscham ist er!" da kamen der Gäste mehr als an anderen£/bendcn, und sie ließen auch mehr drausgehen: Lachen macht durstig und trinklustig. Und immer war jetzt mit dem lustigen Schuster Joseph Halp- aus, der Rothcr-Tifchlern ihr neuer Geselle. Der Kleine, der sich sonst nicht mit jedem abgab, ließ sich die Freundschaft gefallen, bevorzugte den Joseph sogar vor anderen, die sich an ihn heran- öränglen; vertrauter aber wurde er nicht, und nie entschlüpfte ihm ein Wort über die Meisterin und ihr Geheimnis. Doch ließ er sich gerne von ihr erzählen und von dem, was in ihrem Hause vorging. Er ermunterte den Joseph oft dazu, gab aber nie ein Wort und eine Meinung darein. Ter Geselle wunderte sich im stillen über diese Neugier des Freundes, sagte aber nichts dazu, wartete lieber seine Zeit ab und gab bereitwillig Kunde von dem, was er im Hause seiner Brotgeberin sah und erlauschte. Da war freilich nicht viel zu erzählen. Gleichförmig spielte sich das Leben hier ab einen Tag wie den anderen, und bestand einzig nur aus Arbeit, Essen, Schlaf und Arbeit. Ohne Erwartungen und ohne Freuden floß es dahin in nüchterner Stille, und auch die Andachten am Morgen und am Abend brachten den Seelen keine Erhebungen. Tie Meisterin hielt streng auf diese frommen Uebungen» weniger, weil sie ihr Bedürfnis waren, sie nahm innerlich oft kaum Anteil daran, vielmehr weil sie meinte, der fromme Glaube ver- möchte den Paul besser und länger in Abhängigkeit von ihr zu er- halten. Dem aber waren die Andachten tägliche Gewohnheit ge- worden, die er hinnahm wie Essen und Schlaf auch, ohne sich davon bewegen zu lassen und ohne viel dabei zu denken, wie ja das Denken überhaupt nicht seine Sache war, mehr das unbekümmerte Hinnehmen und das willige Unterordnen. Je länger, je mehr mißfiel es der Meisterin, daß der Joseph diese Abendandachten versäumte. Sie besaß, da die Frömmigkeit ihr keine innere Notwendigkeit war, keinen Bekehrungseifer, aber die Vorlesungen aus„Schatzkästlcin" und Gesangbuch gehörten nun einmal zur Hausordnung. Mochte er bis um zehn Uhr tun und treiben was er wollte, zum Abendsegen hatte er zu Hause zu sein und danach sich zu Bett zu legen. Immer finsterer und drohender wurde das Geficht, das sie dem Gesellen zeigte. Um zehn wäre Andacht bei ihr tm Haus da. erinnerte sie einmal. Das Herumstrolchen müsse er sich abgewöhnen jetzt, da er in einem christlichen Hause sei, murrte sie ein andermal. Sie konnte ihm nicht recht an: höllisch in acht nehmen tat er sich, der Joseph, daß er nicht angesäuselt oder gar betrunken heim kam, und am Tage machte er seine Arbeit wie jeder und mehr; denn er war nicht nur fleißig, was er schaffte, wurde auch sauber und akkurat, und er brachte etwas vor sich, das mußte man ihm lassen. Die Meisterin wußte, einen solchen Arbeiter brauchte ihre Werk- statt, nicht bloß wegen der Ausstattung für des Winkler-Bauern Tochter in Rätschen, die Ende November heiraten wollte, sondern auch wegen des Paul, dem ein Vorbild und die Erfahrung eines Tüchtigen not waren. Aber das Kretschamgelaufe sollte er sein lassen, der Joseph, sonst waren sie geschiedene Leute. Der Geselle hörte nicht auf das Erinnern und nicht auf das Murren und tat, als gälte das böse Gesicht der Meisterin nicht ihm. Er wußte selbst nicht, was ihn so sicher machte, vielleicht daß er in der Werkstatt voll seine Pflicht tat und auch sonst sich nichts zuschulden kommen ließ. An einem Wochenausgang behielt die Meisterin ihm den Lohn ein. Was er brauche, habe er ja; sie werde es für ihn in der Kreissparkasie einzahlen. Verdutzt ließ er es sich gefallen; ober am Sonntagmittag nach dem Essen, ehe er nach Ratschen ging, wo heute der Glück-Schuster sein wollte, bat er um eine Mark. Demütig und bescheiden tat er» wie immer, wenn er sich nicht stark genug fühlte zum Trotzen, Wozu er die brauche, die Mark? In den Kretscham wolle er halt ein bisse!! Das habe sie nun gerade schon satt, das Kneipengerenne, b« gehrie sie auf. Einen Spaß müsse der Mensch doch auch haben, meinte der Joseph schüchtern, und er arbeite doch, wie sich's gehöre. Oder arbeite er nicht genug? Von unten her schielte sein demütig gesenkter Blick lauernd nach ihrem unbewegten Gesicht. Er ist doch«in Falscher, der Joseph, dachte die Meisterin, der sein Blick nicht entgangen war; aber bestätigen mußte sie: Zufrieden sei sie ja mit ihm sonst! Selbst gesagt hätte sie, erinnerte er: Wenn er ohne Korn nicht auskäme, müsse er ihn draußen trinken! Nicht so schwer machen solle die Meisterin ihm doch das ordentliche Leben! Da gab sie ihm. ohne noch ein Wort zu sagen, die Mark, und er hütete sich, in derselben Woche noch einmal nach Geld zu kommen. Am Sonnabend aber schob sie ihm ungebeten eine Mark wieder hin. So ging eS eine Weile gut. Gern sah freilich die Rother-Tischlern das Herumhocken ihres Gesellen in den Wirtshäusern nimmer, und sie konnte ihm nicht vergeben, daß sie es dulden mußte, weil er sie mit ihren eigenen Worten geschlagen hatte. „Ein Tückischer ist er," dachte sie oft..und er muß mir aus dem Hause. Falschs Augen hat er und ein falsches Getue!" Da hinterbrachte ihr einer, der wegen einer' Bcftellimg kam» das sei ja gar eine dicke Freundschaft zwischen den beiden, ihrem Gesellen und dem Glück-Schuster! Das schlug ihr in die Galle. Am Abend, als der Paul noch in der Werkstatt zu tun hatte und sie mit dem Joseph allein am Tisch in der Wohnstube saß. fragte sie: „Ist's wahr, das, mit dem Schuster?" »Was?' wunderte der sich ganz verdutzt. „Datz Ihr es mit dem Spätzelmacher haltet, mit dem Schuster?" Erstaunt sah der Joseph ihr in das von der Lampe nur halb erleuchtete Gesicht, in dem die Augen wie zwei lalt glitzernde Steine standen. „Ja, ja, halt," gestand er,„wir haben dasmal und jenesmal zusaminengesejsen im Kretscham." (Fortsetzung folgt.)) In Raabes Yaterftadt. Nach Eschershausen, dem Tummelplatz seiner Jugend, Wendel sich Wilhelm R a a b e— er würde heute 80 Jahre alt gewesen sein— in dem hinterlasienen�Romanfragment„Alters- Hausen" zurück, das nach seinem siebzigsten Geburtslage entstanden ist, als er sich bereits„Schriftsteller a. D." nannte und in den literarischen Ruhestand getreten zu sein behauptete. Daß der Greis wieder den Orr seiner Kindheit aufsuchte und in den Mittelpunkt einer Altersschöpfung stellte, zeigt, wie nachhaltig das Milieu Eschershausens sich einst dem Knaben eingeprägt hat. Man könnte daher sagen, daß in Raabe auch ein Stück Eschershausen lebendig geworden ist, weshalb zum Verständnis Raabescher Wesensart auch die Kenntnis seiner Vaterstadt und ihrer Umgebung gehört. Doch wer weist was von Eschershausen? In einem abgelegenen Winkel der braunschweigischen Weserberge liegt eS begraben. Noch nicht 2000 Einwohner zählt es, und keine einzige Sehenswürdigkeit enthält es. Dennoch wird ein Ausflug nach dem Städtchen schon der herrlichen Landschaft wegen reich belohnt. Eschershausen zieht sich sanft den Berg hinan und liegt in einem Kranze von Obst- und Gemüsegärten gar freundlich. Hohe Schornsteine im breiten Tale verraten den Einzug der Industrie, der dem alten Raabe, da er sein Eschershausen als Altershausen wiedersah, einige Beklemmung verursacht hat. Es sind Asphaltwerke. Wiesen strecken sich den Bergkamm hinan, an den sich Eschershausen anlehnt. Die Höhen sind herrlich bewaldet. Auf der anderen Seite durchbrechen bizarre Felsen überall den dichten Bergwald. In der klaren Lust heben sich ihre Formen scharf ab. Es sind die Dolomiten von Eschershausen, wirkliche Dolomiten. Daher auch die festen, weist- grauen, sauberen Strasten. Etwas weiter hinter Eschershausen er« hebt sich eine gewaltige Bergluppe, schon etwas angeblaut von der Ferne, der Deister, der mit Solling und Sündel das Weserberg- land bildet. Sonntäglich geputzte Menschen wandeln aus Eschershausen zum kühlen Wald empor. An diesem Tage ohne Lustperspektive kann man genau die Meisten und hellbunten Kleider der jungen Mädchen unter- scheiden. ES scheinen viele Liebespärchen darunter zu fein. Und wenn sie eS noch nicht sind,«in solcher Tag mutz sie dazu machen. Dieser blaue Himmel, diese goldige Sonnenflut, diese reine köstliche Luft in dieser heiteren lcbenStrohen Landschaft. Es ist ein sündiges Wetter, es macht gereiste Menschen jung. Es strömt wie Liebestrank durch das Blut, es rieselt hochzeitlich durch die Sinne. ES verlöscht jede me- lancholische Regung, es verweht jede Sorge, es macht so leichten Sinn, alles wandelt sich in übermütige Lebenssteude: die Landschaft wird Gefühl, Gefühl, wie man es nur in den schönsten Tagen der Jugend empfunden hat. Man kann sich bei diesem Wetter keine alt fühlenden Leute in diese Gegend denken. Und doch liegt ja da unten an der auSgettockneten Lonne, die im Frühjahr zum reistenden Bergstrom werden kann, daS Altershausen Wilhelm Raabes, diese? ewig alten Dichters, der sich schon in seiner »Chronik der SperlingSgasse", die er in Berlin als junger Student schrieb, ganz in die Gefühle eines bejahrten Junggesellen hinein- lebte; das Altershausen Wilhelm Raabes, der sich in der Enge muffiger Häuschen am wohlsten fühlte, lieber in dämmerigen Gc- machen, alS unter weitem, blauendem Himmelsgewölbe weilte und viel bester in die uralten winkeligen Gasten Altbraunschweigs als in diese freie lachende Landschaft paßte. Kann dieses Eschershausen wirklich daS Altershausen Wilhelm Raabes sein? Kann hier der zarte Lavendelduft aus alten Biedermeierkommodcn zu spüren sein, der uns aus der feinen Altertümlichkeit Raabescher Romane ent- gegenweht? Steigen wir hinunter nach AltcrShausen I Wo ist denn Ludchen, der Idiot, der Schulkamerad Raabes. der ihn beim Lehrer anzeigte, als er— Raabe— eine Laus hatte? Ludchen soll sich nach Raabes »AltcrShausen" wie ein kleiner Schuljunge benehmen, der Kinder- spott Altershausens sein und sich mit den jugendlichen Kofferträgern um die Gunst der Reisenden balgen.— Es gibt in Eschershausen weder Fremdenführer noch Kofferträger. Man begegnet den Geschäftsreisenden wie den Touristen mit souveräner Verachtung. ES könnte ja einmal anders gewesen sein. Ein alter Eichershäuser jedoch, der mir als sehr vertrauenswürdiger Mann empfohlen war, belehrte mich eines anderen. Raabes Altershäuser Schulkamerad Ludcbcn hat nie existiert. Wir frage» andere alte Eschershäuser auS: Die ältesten Leute vermögen sich an keinen Idioten zu erinnern, der zu RaabeS Ludcfaen Modell gesessen haben könnte. Der Alte bat also geflunkert, waö daS gute Recht des Dichters ist. Der greise Schalk würde noch jetzt in feiner warmen Ecke in HerbstS Weinstuben in Braunscbweig, wo er hinter feinem Burgunder- Punsch sast. dem eine Flasche Bordeaux als Reserve zur Seite stand, gar vergnüglich geschmunzelt haben, wenn er gehört hätte, daß ein Braunschweiger Literat extra nach Eschershausen gefahren sei. um das AlterShäuser Ludchcn aufzu- suchen. Glaube deshalb niemand einem Dichterl Sie find Lügner von Jugend auf; und im Alter erst recht. Wir sind jetzt mitten in der Kleinstadt Eschershausen, ich und mein alter Begleiter. Dem Mann ist es unbegreiflich, wie ich mich für sein Heimatstädtchen interessieren kann. ES ist mehr Dorf als Städtchen. Keine Mauern und keine engen Gassen. Aber altertüm- lich ist es doch. Die zahlreichen Bauernhöfe haben hohe rundbogige Scheunentüren, wie man sie sonst in Niedersachsen nicht trifft. Sie sehen eher thüringisch oder hessisch als niedersächsisch aus. Den Jahreszahlen auf den Querbalken nach starnnren sie aus dem achtzehnten Jahrhundert. Gegen die alten Bauten der Stadt Braun- schweig sind es Wickelkinder. Doch das Raabesche Element— wo ist es? Wir finden eS in der gewundenen Hauptstraße. Kleine gepflasterte Hügel, aus deren primitivem Dolomitpflaster das frische Gras sproßt, führen zu den Wohnhäusern hinan. Die niedrigen und ziemlich ärmlichen Häuser sind, statt mit Ziegeln oder Schiefer, mit roten Sandsteinplatten gedeckt. Auch die Front ist mit rhombisch geformten Steinplatten geschuppt. Die Sandsteine stammen aus den nahen Brüchen bei Stadtoldendorf, in dem Raabe so manchen seiner Romane spielen läßt. Aus den grasbewachsenen Hügeln vor den Häusern führen hohe Sandstcintreppen zu den Haustüren. Die Treppen sind imposanter» als die niedrigen Häuser. Oben auf den Trcppenterraffen stehen grüngcstrichcne Bänke, vielfach mit Blumenrankcn umwunden, an die idyllische Bank der Nachbarskinder in Andersens Schneckönigin erinnernd. Das weiß getünchte, mit altersschwarzen Balken durch- zogcne Pfarrhaus, an dem sich ein gewaltiger wilder Rcbenstock» in drei Stämme geteilt, dickbuschig emporrankt, könnte ganz gut Raabesche Gestalten bergen. Ter Pfarrherr scheint jedoch nichts weniger als raabisch veranlagt zu sein; denn er hat sich von der Gemeinde ein neues, geräumiges, aber prosaisch häßliches Haus mit 20 großen Zimmern bauen lassen, das der Fertigstellung ent- gegengeht. Des Menschensohn hatte nicht, wohin er sein Haupt legte. Der Braunschweiger Diener Gottes hat es durchgängig besser: er sitzt in fetten Pfründen, wie die Bischöfe der englischen Staatskirche. Recht kleinstädtisch und raabisch gedrückt sehen die Kaufläden Eschershausens aus. Da stehen zum Beispiel vor der mächtigen Steintrcppe mit grünen Bänken wie Türhüter zwei alte Kastanien- bäume. Ganz allerliebst und stimmungsvoll! Aber die Ausstattung des Erkers! Leere Maggiflaschcn, Korkpfropfen. Lcimblätter. Pctrolcumkannen, Zuckerhüle und staubschtvarze Kaffeetassen. Allesi so wüst und wirr durcheinandergcstcllt, daß man kein übcrcmpfind- licher Aesthet zu sein braucht, um das Gruseln zu bekommen. Auch hinter diesem Erker könnten Raabesche Gestalten Hausen. Ganz an den Hungerpastor erinnert wurde ich durch mein Zimmer im Gasthause. Auch dieses Zimmer wäre eine Augenweide für einen zynischen Philosophen gewesen. Nur Tisch, Bett und Stuhl hinter einer Glastüre mit den weißgestrichcnen Holzgitterchen, die für die früheste Biedermeierzeit so charakteristisch sind. Raabes Geburtshaus, das zwar kein grasbewachsenes Porhügclchen, aber doch die hohe Steintrcppe hat. ist, wie die meisten Häuser Eschershausens, von oben bis unten mit roten Sandstein- platten gepanzert. Es hat nur ein Stockwerk über dem Erdgcschotz und recht kleine Fenster, aber es gehört dennoch zu den anschn- lichsten Häusern Eschershausens und macht den vielen armseligen anderen Bauwerken gegenüber fast einen patrizischen Eindruck. Ein weiter, kühler Estrich; das niedrige, jedoch tiefe Wohnzimmer aus; der einen, die schreckliche gute Stube mit den vielen gehäkelten Schondcckchcn auf der anderen Seite. Gut raabisch ist die Gedenktafel, die erst im Jahre 1901 ange« bracht wurde. Daß sich Raabe in„Altershausen" nicht selbst dar-, über lustig gemacht hat! Von Marmor ist sie sicher nicht und ihv Umfang nicht größer, als das Schild eines praktischen Arztes. Wundarztes und Geburtshelfers. Ich habe sie im Verdachte, vom Blechschmied des Ortes geliefert und mit Oelfarbc überstrichen worden zu sein. Die Inschrift:„Hier wurde Wilhelm Raabe am 8. September 1831 geboren", ist wohl mit Bronzctinktur darauf gemalt. Ein Schuljunge könnte sie an cirrm freien Nachmittage gefertigt haben. Das würde ganz hübsch in einen Raabeschcn Roman passen. Gar nicht zu Naabc paßt jedoch der geschmacklose neue Spring- brunnen, den man auf dem Hauptplatze Eschershausens(er würde wohl Raabcplatz heißen, weniüs eine Stratzenbczeichnung gäbe) zu- fammenzementiert hat. Natürlich springt dieser Begasbrunncn nicht. Das Becken war völlig ausgetrocknet. Dafür sah das Gras zwischen dem Pflaster recht saftig aus. Eigentümlich mutet die Kirche an. Ein plumper Steinklotz, mit einem ebenso plumpen, niedrig?«, vierkantigen Turm, den ich von weitem für ein mißratenes Gartenhäuschen hielt. Aber sie paßt nicht übel unter Raabcsche Gestalten. Zu einer stimmungsvollen Kleinstadt gehören die Obst- und Gemüsegärten vor den Toren. Grüne Liecken aus Hainbuchen. Dahinter schnurgerade Sandwege und breite Rabatten, mit Buchs- baumstreisen eingefaßt. Lange Reihen von Johannisbcer- und Stachelbeersträuchern an weißgestrichenen Stützen. Dazwischen bunter Blumenflor. Auf den Rabatten selbst die Erbsen und Bohnen, die Rüben und Kohl, die Salatköpfc und Kräutcrstauden, alle, wohl sortiert und säuberlich voneinander getrennt, in Muster» haster Paradeordnung. In der Mitte zwischen den Beete« eine TaxuSlaube oder ein niedliches Gartenhäuschen. So sehen die Ge- müsegärten der oberhessischen Kleinstädte aus, oder so sahen fie aus, als ich noch ein Schuljunge war. Aehnlich dachte ich mir auch die Gärten Eschershausens. Leiter sind fie anders, das einzige Moderne in Altershausen; sie könnten vor den Toren Berlins liegen, so stil-, Hecken-, buxbaum-, stachelbeerstrauch- und laubenlos sind sie; von Gärtnern benutzt, nur dem Erwerb dienend, nur gröbste Stapelartikel, wie Weitzkohl und Steckrüben, bergend. Die Niedersachsen lieben eben das Grünfuttcr nicht. Kartoffeln, Hülsenfrüchte und Speck, alle Speisen fettglänzend, wie Glanzlederstiefel, das Sauerkraut selbst gallertartig wie Gelee— das ist ihr Schwärm; doch Kopfsalat, Endivien, Feldsalat— brr! Sie sind doch keine Grasfresser. Aus den Gemüsegärten ist also keine Raabesche Stimmung zu sholen. Vielleicht aus den Obstgärten, die sich den Berg hinaufziehen und das Städtchen an der Waldscite begrenzen? Ich kenne wunder- bar trauliche kleinstädtische Obstgärten, die unaufgefordert von selbst Märchen erzählen und altmodische Klcinstadtnovellcn plauschen. So ficht mir gerade der Obstgarten aus, der dicht hinter Eschershausen auf einer Mauer ruht, zu der eine schmale, gefährliche Erdtreppe führt. In der Mauer eine geheimnisvolle Kellertür! Sie erinnert mich an den Keller im Gartenhäuschen meines Großvaters, aus dem er eine kühle Flasche Rheinweins zu holen pflegte, wenn ihn Bekannte dort aufsuchten. Eine hohe breite Hecke umschließt den Eschcrshäuser Obstgarten. Wahrhaftig, hinter dieser Hecke, auf der von der Mauer gebildeten Terrasse, unter den schattigen Obstbäumen müßte es sich an steinernem Gartentische, auf weidengeflochtenen Lchnstühlcn in bernsteingelbem Nierstcincr köstlich kneipen lassen, natürlich aus großen Römern wie in„Hermann und Dorothea" heim wackeren Apotheker. Das wäre auch eine Raabesche Situation! Ich stieg die schmale Erdtreppe hinauf— und aller Zauber ist verflogen. Kein Apfel und keine Birne sind— Mitte August— an den vernachlässigten und verkümmerten Obstbäumen sichtbar. Und erst der übrige Garten! Ein häßliches, schmutziges Loch, voll von Brennesseln, zertreten das Gras und verlottert, die Wege mit Steinen bedeckt und noch anderen Dingen, die man nicht in die Hand, noch weniger in den Mund nimmt. Nein, da möchte ich keinen Niersteiner aus großen Römern kneipen; da könnte man höchstens einen Schluck aus der Flasche tun, um den üblen Geruch hinuntcrzuspülen. Und der Keller in der Mauer, der mich wie meines Großvaters guter Weinkeller anheimelte! Ach, es ist ein Petrolcumkcller. Ich hätte es ihm eigentlich gleich anriechen können. Da stehen ja auch einige alte Oelfässer mit losgelösten Reifen. Küchcnabfälle, leere Konservenbüchsen, altes Schuhwerk und zerschlagene Kochtöpfe bilden ihren Inhalt. So löste sich die Idylle am Obstgarten auf. Mein Bild von Eschershausen wäre unvollkommen, wenn ich wicht einige Bemerkungen über Verfassung und Verwaltung, also etwas staatsrechtliches Material beifügte. Eschershausen wird über- aus praktisch, man kann sagen..vormärzlich", verwaltet. Kirche, Schule und Polizei befinden sich in einer Hand. Der Ortspolizist, der übrigens außerordentlich martialisch ausschaut, ist nämlich gleichzeitig Schul- und Kirchendiener. Das könnte ihn allerdings auch in große innere Konflikte bringen, so zum Beispiel, wenn der Eschcrshäuser Pastor eine liberale Predigt hielte und das Auge des Gesetzes dadurch zwänge, die Kirche demonstrativ zu verlassen— während doch der Kirchendiener mit dem Klingelbeutel herumgehen müßte... Am anderen Morgen, als ich in aller Herrgottsfrühe das ab- gelegene Altershausen wieder verließ, war die herrliche Gegend von gestern mit einem ganz zarten Dunstschleier überhaucht. Auch das ließ sie reizvoll erscheinen und setzte an die Stelle des sieghaft Strahlenden das einschmeichelnd Innige. Heideröslein und den wilden Knaben sah ich freilich nicht, dafür aber eine stattliche Baucrnmagd, die in bloßen und nichts weniger als sauberen Füßen unten im Tale einen Kuhstall mistete. Richard Wagner. Kleines f euilleton. Meteorologisches. Da ß Klimaschwankungen seit der Eiszeit stattgefunden haben, daß es seitdem wärmere und kältere Perio- den als die Gegenwart gegeben hat, dürfte nun sichergestellt sein; jedoch sind die Beweise, die man dafür vorgebracht hat, nicht alle als stichhaltig anzuerkennen. So glaubte man von geologischer Seite aus die Ueberreste ein«: wärmeliebenden Tier- und Pfanzenwelt in dem weitverbreiteten sogenannten Lebestorf nur durch Annahme eines wärmeren Klimas erklären zu können. Wie nun in der„Internationalen Revue für Hydrobiologie" nach- gewiesen wird, braucht diese Erklärung jedoch durchaus nicht herangezogen zu werden, vielmehr liegt eine andere, durch Be- obachtung und Experiment unteritützte, viel näher. Alle unsere Seen— und der Torf ist ga i» einem verlandenden See cnt- standen— machen im Laufe der Zeit eine ununterbrochene Ent- Wickelung durch, während der sie allmählich ausgefüllt werden; der Wasserstand wird immer seichter, infolgedessen sind auch die Lebensbedingungen für die darin vorhandenen Organismen in Berantw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: den verschiedenen Entwickelungsstadien verschieden. Die Folge davon ist, daß die Pflanzen- und Tiergesellschaften sich ebenfalls verändern, und diese Veränderungen lassen sich bereits in einem einzigen Lebensalter in Mitteleuropa ganz deutlich verfolgen. Vor allem ändert sich das Plankton, jene Miniaturwelt von meist mikroskopisch kleinen Lebewesen, die die Hauptnahrung der größeren Tiere-darstellen und so indirekt deren Leben bedingen. In der Jugcndpcriode eines Sees herrschen die Diatomeen und kleinen Krebschen vor. Später, wenn die Tiefe des Sees sich bis auf 19 bis 15 Meter verringert hat, überwiegen die sogenannten Myxophy- coen, bekannt dadurch, daß sie das Phänomen der Wasserblüte ver- Ursachen. In diesem Stadium enthalt der See ganz ungeheure Mengen dunkler, schwebender Partikelchen, die die durch die Sonnenbestrahlung zugeführten Wärmemengen in so erheblichem Maße zurückhalten, daß die Temperatur des Wassers im Vergleich zu den früheren und späteren Perioden ganz erheblich steigt. In- folgedessen entsteht hier ein Zufluchtsort für wärmeliebende Typen der Tier- und Pflanzenwelt. Die Ablagerungen am Boden eines verlandenden Sees aus dieser Zeit sind nun mit dem fossilen Lebestorf identisch. Und jeder See wird auch im Laufe seiner Ent- Wickelung ein Stadium der Lebestorfentwickelung durchlaufen. Da nun die Seen infolge ihrer verschiedenen Größe und Tiefe mit ganz verschiedener Schnelligkeit zuwachsen, werden auch die Lebes- torflagcr in den verschiedenen Seen zu ganz verschiedenen Zeiten ausgebildet werden; für geologische Zeitbestimmungen im seit- herigen Sinne als Beweise für Perioden relativ hoher Lufttempe- ratur sind sie also nicht mehr zu gebrauchen, da die Temperatur- steigerung, die die Fossilien angeben, mit einer eventuellen Steige- rung der Lufttemperatur nichts zu tun hat, sondern ganz lokal von dem See und in ihm produziert wird. Aus dem Gebiete der Chemie. Trinkwasserbehandlung mit ultravioletten Strahlen. Die keimtötende Wirkung der ultravioletten (chemischen) Strahlen ist zwar schon seit langem bekannt, die Versuche jedoch, sie praktisch zur Wassersterilisation zu verwerten. sind erst jüngeren Datums. Und zwar ging zuerst Frankreich mit den systematischen und ausführlichen Untersuchungen über diesen Gegenstand(Gourmont und Nogier, 1999) vor; jetzt nimmt auch die deutsche Wissenschaft und Technik das Wort in dieser An- gelegenheit. Fast gleichzeitig erschienen in zwei deutschen Fachzeit- schriften zwei Artikel über diese hygienisch ungemein wichtige Frage. Ter eine von L. Schwarz und Aumann in der„Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten" behandelt mehr die theo- retische, der andere von Grimm und Woldert in den„Mitteilungen aus der Königlichen Prüfungsanstalt für Wasserversorgung und Abwässerbefeitigung" mehr die technische Seite des Problems. Die beiden ersten Forscher suchten in ihren Versuchen die keimtötende Wirkung der ultravioletten Strahlen unter verschiede- nen Bedingungen zahlenmäßig festzustellen. Ohne auf die Einzel- heiten der Versuche einzugchen, wollen wir ihre Ergebnisse im wesentlichen mitteilen. Schon durch kurz dauernde Behandlung mit ultraviolettem Licht wurde die Keimzahl selbst sehr keim- haltiger Wässer erheblich herabgesetzt. So genügte z. B. eine 3 Sekunden währende Lichtbehandlung, um die Zahl der Bakterien in einem Kubikzentimeter fließenden Wassers von einigen Zehn- taufenden und sogar Hunderttausenden auf eine ganz minimale (2 bis 69) herabzusetzen. Bei geringeren Keimzahlen(2990 bis 3999 im Kubikzentimeter), wie sie wohl in der Praxis meistenteils vorkommen dürften, konnte durch dieselbe Behandlung in der Mehrzahl der Versuchsfälle keimfreies Wasser erzielt werden. Mit diesen Feststellungen stimmen auch die Ergebnisse überein, welche Grimm und Weldert bei ihren Versuchen in der Königlichen Prüfungsanstalt erhalten haben. Ein Punkt aus den Arbeiten dieser beiden Forscher verdient jedoch besondere Erwähnung. ES stellte sich nämlich heraus, daß Trübungen des Wassers selbst leichten Grades die Desinfektionswirkung deS Lichtes unsicher, bei starken Graden sogar praktisch undurchführbar machten. Dieselbe Wirkung übte auch die gelbliche Färbung deS Wassers, wie sie Moorwässer darbieten, aus. Eine erfolgversprechende Behandlung mit ultraviolettem Licht kann also nur bei einem ganz klaren Wasser unternommen werden. Von der technischen Seite der Frage verdient die im zweiten Artikel durchgeführte Kostenberechnung besonderes Interesse. Ge- stützt auf die Praxis der bestehenden Wasserreinigungsanlagen wird hier festgestellt, daß, während die Gesamtkosten pro 1999 Kubik- meter gereinigten Wassers bei langsamen Sandfiltern 9,53 M.. bei Schnellfiltern 19,58 M. und bei Ozonanlagen 15,98 M. betragen, erreichen sie bei der versuchsweise errichteten Ultrastrahlen- anlage eine enorme Höhe von 329 M.. wenn man auf vollständige Abtötung der Bakterien abzielt. Begnügt man sich jedoch mit praktisch gleichwertigem Erfolg von 99 bis 99,9 Proz. der vor- handencn Keime, so lassen sich die Kosten auf 119 bis 169 M. reduzieren. Immerhin aber bleibt auch in diesem Falle die Sterili- sation von Wasser mittels ultravioletter Strahlen sieben- bis zehn- mal so teuer wie das teuerste von den bisher üblichen Ozonver- fahren. Die Technik hat hier noch ein gut Stück Arbeit zu ver- richten, bis diese theoretisch vollkommenste Trinkwasserbehandlung auch praktisch verwertbar wird.__ LorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingertCo., Berlin SW.