Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 176> Dienstag den 12. September. 1911 Wtichdnick»eVMim./ 8] Vor dem Sturm. Roman von M. E. delleGrazie. Lolette sah ihr mit Hellem Vergnügen zu. So weit war sie herausgefahren, Ihre Ehrwürden, um einer Maria Magdalena Buße zu predigen, und den Anstand, für den man auf dem Hradschin bezahlt wurde— und nun saß sie da: bleich, froissiert, halb ohnmächtig vor Scham und Aerger. „Arme Chaperonne!" Lolette konnte sich nicht helfen— auch das mußte heraus. Und als Miette mit dem Gepfauch einer Katze emporfuhr. etwas sagen wollte und nur noch mächtiger losheulte, lehnte sich Lolette zurück und ließ den goldenen Mokkalöffel mit feinem Kling-Klang an die Meißener Schale schlagen.„Pink — pink pink.. Sie zählte die Tränen der Schwester. Daß sie nicht allzu lange weinen würde, wußte Lolette. Gräsin Miette hatte Angst um Teint und Augen. Vor den Fenstern schaukelten sich die frühlingsgrünen. Zweige hin und her. Da und dort blühten Kirschen- und Aprikosenbäume auf. Ihre Weißen und roten Blüten hingen wie farbige Wölkchen zwischen dem zarten Grün. Die ur- alte Kastanienallee- des Parkes, die bis auf die Landstraße hinauslief begann eben ihre Blätter aufzuwickeln. Wie riesige Schmetterlinge baumelten sie von den Zweigen nieder, noch wie müde von dem langen Knospenschlaf. Die Sonne ging jetzt schon spät unter und ihre goldenen Ringel huschten wie die Reifen eines Elfenspiels über den blitzblanken Kies der Alleen. Krokus» und Tulpenbeete stachen wie leuchtende Farbflecken aus dem Griin des Rasens, und die Hyazinthen dufteten so heiß, daß ihr Atem zu den offenen Fenstern herein- schlug. Weit, weit über die grünen Saaten, die rechts und links von der Landstraße lagen, grüßten aus blauem Duft die Berge von Polau herüber. Lolette wußte nicht, woran es lag, aber der Frühling machte sie immer halb krank vor Sehnsucht und ließ sie, von dem dumpfen Druck ihres Blutes bedrängt, in diesen Wochen ihre Koffer packen, um nach Wien zu fahren und sich dort ein bißchen zu amüsieren— sie blieb nie lange in Wien. „Ich weiß nit, wie's kommt," pflegte sie zu sagen,„aber die Leut' sein alle so blutarm in Wien!" Und eines Morgens saß sie wieder in Schönbach, rosig und blütenfrisch, und achl immer unterwegs, eine neue Dummheit zu machen. Wenn die Obstbäume blühten, wurde der Schönbacher Kirchtag gefeiert, und seine lustigste Tänzerin war— Gräfin Lolette. Mit blitzenden Augen und brennenden Lippen flog sie in den Armen der Bauernburschen dahin und machte durch ihre Natürlichkeit zuletzt auch dem Blödesten Mut, den sehni- gen Arm so fest um die schlanken Hüften zu legen, als drehe er die nächstbeste Bauerndirn im Kreise. Das waren noch Männer, mit denen einen der Tanz freute! Jung und sonn- verbrannt ein jeder und jedem noch das Leben so neu! Wenn sie an die Feten in Wien dachte, vom Hofball angefangen bis zur letzten, tzoir6e ckansante"(Tanzabend)... Herrgott! Welches Meer von Langeweile, welche Oede und Fadaife! Und diese Männer: blasiert, müde, spindelbeinig und kahlköpfig oft schon in jungen Jahren oder aufgeschwemmt vom allzu reichlichen Dinieren. Wahrhaftig, wenn man nicht gerade einen Neustädter Akademiker ass Tänzer erwischte oder einen jungen Erzherzog, den der Oberhofmeister noch nicht allzu lange vom Zügel gelassen, alles andere war der reine Toten- tanz! Hier in Schönbach gab es noch Jugend— Jugend und Freude am Leben, die in allen Pulsen hämmerte, in allen Schläfen pochte, sich oft mitten in der Raserei des Tanzes in einem wilden Schrei ausatmete, schrill, toll, wie ein bc- freiter Raubvogel. Nicht einmal der Geruch der Leute störte sie. Dieser dampfende Schweiß, der etwas vom Brodem der Scholle batt". wenn sie trächtig ist von der keimenden Saat. Sie hatten nur den Sonntag fiir sich, die Leute, und ab und zu ein anderes Fest. Darum gaben sie sich so hin, stürzten sich förm- lich kopfüber in den Wirbel der Lust, die ihnen ein hartes Leben allzu kurz bemessen. Nur ja keinen Augenblick ver» säumen, jede Minute packen und ans Herz drücken, als wäre die Zeit selbst eine schöne, junge Tänzerin, die man mit sich reißen müsse im kreisenden Wirbel der Sinne! Und diese i verglasten Augen, wenn so ein Bursch„die Frau Gräfin" im «Arm hielt! Mit der dumpfen Lust eines Tieres, das den feineren Bissen wittert. Diese göttliche Blödigkeit der „dummen Jungen", die jeden Sonntag rudelweise in die Kirche marschierten, alle Ostern brav zur Beichte gingen und selten eine Dirne anders ansahen, als im„Spenzer", wie die unschöne, schlvarze Jacke hieß, die über einem mörderischen Mieder-angelegt bis zu den Ohren reichte. Wenn aber„Ihre Gnaden" erschien— mit flatternden Locken und Schärpen, noch duftend vom letzten Bad, das weiße Batistkleid nie ohne Dekolletee; Herrgott! Diese Augen und Mienen und das wechselnde Rot und Blaß der Wangen! Manchen hatte sie so toll gemacht in diesen blühenden, lauernden Frühlingsnächten, daß er am nächsten Morgen wie verstört um die Mauern des Parkes schlich. Sie aber stand hinter irgendeinem Fenster und spielte mit Gedanken, die so jung und heiß und gesund waren wie Lolettens Blut. „Wo sie das nur her hat," jammerte Miette. wenn ihr ein„cm dit"(Gerücht) eine neue Affäre der Schwester bis Nikolsburg wehte. Und einmal sprach sie es sogar aus. „Aber Liebste," lmtte Lolette damals aufgelacht,„es wird doch auch in unserem Schlosse einen gesunden Reitknecht gegeben haben." Und als die Stiftsdame sich anschickte, in Ohnmacht zu fallen, setzte sie malitiös hinzu:„Oder einen Hauskaplan, der gesundes Bauernblnt in sich hatte, das auch toll wurde, wenn die Aepfel blühten!" Der Hauskaplan— das war's! An ihm wurden die Nerven der Stiftsdame immer wieder zuschanden. Wenn Lolette in ihre„Rdverien"(Träumereien) ver- sank, war sie umgänglicher. Miette wußte das und versuchte einen neuen Vorstoß. Denn, man Dien(mein Gott), so konnte das doch nicht weitergehen! „Und wenn Du Dich noch lo lustig machst über mich," begann sie mit einem Seufzer—„besser als ich meint es Dir doch niemand!" Lolette nickte versöhnlich in den Frühling hinaus. Im Grunde war sie ja derselben Meinung und allzu viel Galle gab sie auch nicht gerne ab. Das machte einen gelben Teint. „Was willst Du anfangen mit dem Unterweger?" hauchte Miette diskret. „Davonjagen," kam es frisch zurück. „Aber ohne— Eklat(peinliches Aufsehen), wenn ich bitten darf! So— peu-ä-peu(nach und nach) laß die Sache geh'n. Solche Mannsbilder haben oft ein Maull" „Ich Hab' seine Rechnungen," lachte Lolette, lachte es plötzlich so frisch und frei in den Frühling hinein, daß in der Seele der Stiftsdame unwillkürlich ein leiser Verdacht auf- stieg. Entweder sie hat einen anderen oder sie sieht je- wanden daherkommen, der sie animiert. Lolette sah durch die Kastanienallee auf die Landstraße hinaus: so tat Miette das gleiche. Aber nein, da war nie- mand zu sehen als Sami, der„Häutljud", und neben ihm ein Drahtflicker oder was er sonst war, dem ein ganzer Huckepack blitzender Siebe auf den Schultern lag. Miette war be- ruhigt. „Da hat der Unterweger wohl arg gehaust?" fragte sie resigniert. Lolette zuckte die blühende Schulter, die immer Widder unter der weißen Blondenecharpe(-Schärpe) herausschlüpfte. „Gott— schaut man denn auf die Händ', die einem die Zeit vertreiben?" Miette errötete für die Schwester. Es war das Er- röten einer soignierten(besorgten) Seele, das ihr noch immer zu Gebote stand. Lolette sah es und lächelte, so boshaft ge- mütlich, wie sie es nur konnte. �.Machst wieder die Schmink- büchsen der Tugend auf?" Miette seufzte.„Nein, nein.... In Gottes Namen, wenn man gewisse Dinge schon nicht lassen kann, wie Du aber darüber sprichst, Lolette! Es ist doch auch das Materielle zu bedenken!" „Damit bleib' mir vom Leib!" „Aber endlich muß auch das besprochen werden, sonst siehst Tu Dich eines Tages viL-st-vis de rien(dem Nichts gegenüber)!" Solette zuckte die Schultern, starrte noch immer auf die Landstraße hinaus. Es war zum Verzwi ifpln! „Ja, meine Liebe," begann Miet e aufs neue,„Du stehst Schönbach eben nur immer von der Parkseit'n aus. Wie's daliegt, mit Feldern und Teichen und Wäldern und Wiesen und allem, was dazu gehört." „Sein auch genug Zecken(Milben) drin," lachte Lolette gleichmütig. „Siehst Du! Und darum rat' ich Dir, schau Dir Dein armes Schönbach auch wieder einmal im Grundbuch anl" „Solang ich nit muß..." „Tu wirst wohl sehr bald müssen. Und was dann?" „Bis dahin bin ich alt und ist mir ohnehin alles eins!" „Gerade wenn Du alt bist?" „Ach, laß mich aus!" Und diesmal schlüpfte die Schulter ganz aus der Echarpe. Miette schüttelte das Haupt.„Wie Tu so dasitzen kannst! Ist Dir denn wirklich nicht kalt? Wenn Du's vielleicht mit Fleiß tust.... Ich bin warm angezogen und laß mich auch so nicht froissieren." „Mir wird aber nit kalt. Nie," lachte Lolette mit einem drolligen Stirnrunzeln,„das ist's sa!" Das war es, ja. Miette gab sich aber noch immer nicht geschlagen. „Was macht denn der Lorowitzer?" hüstelte sie mit einer gewissen Vorsicht. „Nach mir fragt er nit," erwiderte Lolette gleichgültig. „Und lüg' so nahe," seufzte die Stiftsdame.„Er hat keine Schulden, Du wärst noch zu rangieren. Unser Adel ist auch der ältere. Dazu meine Konnerionen(Verbindungen)! .Und wie schön diese Arrondierung(Gütervereinigung)!" lZortsetzung folgt.> (NaÄdruS vcrvotcn.) 6] Die Misterin. linker den Witzen und Spaßen, die der Joseph erzählte, waren nicht selten welche, die dem unerfahrenen Burschen auch in ihrer Art ganz neu waren und die er meist nicht gleich verstand, so daß der Joseph sie ihm mit eigentümlichem Lachen und Augenzwinkern erklären mußte. Solche Sachen standen im Sonntagedlatt der Kreiszeitung, das auf der letzten Seite unter„Humoristisches" allerlei lustige Schnoken brachte, nicht drin, und der Mutter hätte er, das fühlte er wohl, sie auch nicht erzählen dürfen, die würde ihn schön angeschen haben. Da sprach er zu ihr lieber erst gar nicht davon, daß der Joseph so viel Lustiges wußte. Es war wohl das erstemal, daß er der Mutter etwas verbarg, ein Harmloses noch, das nichts mit seinem inneren Verhältnis zu ihr zu tun hatte, und doch war es ein erstes Lockern der Fesseln, in denen sie seinen Willen gefangen hielt.— Am Sonntagnachmittag ging der Joseph, der Einladung fol- gend, auf Umwegen, damit niemand ihn verraten konnte, zum Glück-Schustcr. Tie Meisterin hatte wieder einmal ihre Magen- krämpfe, die häufig wiederkehrten, und der Paul blieb bei ihr, sie zu pflegen, da war er sicher, daß ihm niemand nachspürte. Niedrig und klein, mit Schobern gedeckt, lag das Häusel des Freundes auf dem flachen Bergrücken, der das Dorf in seiner ganzen Länge begleitete, und der Schuster hatte, wenn er arbeitete, von seinem Sebemel aus durch das Hinwrfenster den schönsten Blick auf das allmählich sich senkende Land hinaus bis hinüber zu den sanftwelligen, im blauen Dunst verschwimmenden Bergen, die das Panorama schloffen. Durch den lockeren Neuschnee, der den Tag zuvor und die Nacht nbex gefallen war, stapfte der Geselle im Hohlwege beim Seidel- Gute den Hang hinauf und an dem plumpen Kirchlein vorbei, das der Silhouette des Dorfes weit in die Ferne hinaus charakteristisches Aussehen gibt. Die Sonne, die schon in die feinen, weißen Dünste niedersank, die den Horizont umschleierten, legte einen glitzernden Schimmer über die weiße Fläche und gab dem kalten Weiß des Schnees einen warmen rötlichen Ton. Die niedrigen Stakete und morschen Pfähle des verwahrlosten Zaunes, der das Vorgärtchcn des Schusterhauscs einfaßte, hatten weiße Wattenmützchen auf und von der Wetterseite her waren sie weiß angeweht. Dem muldenförmig eingesunkenen Schobendache war ein schimmernder Mantel umgelegt, daß man die vielfach ge- flickten und die moosig verfilzten Stellen nicht sehen konnte, und die kurze, breite Esse, die so behaglich darin hockte, blies ihr dünnes Rauchvölkchen so recht gemütlich in die stille Winterluft, daß des Freundes Anwesen, so klein und verlottert es auch war, dem Joseph jetzt doch recht mun melig und heimelig vorkam, und ein wenig der Neid im Herzen dis Heimlosen sich regte. Wie er eben auf der Steinplatte, die als Stufe vor der Schwelle Zlag, sich den Schnee von den Schuhen trat, wurde die Haustür auf- �Wissen, und wie em Federball flog ein Mädchen gegen ihn an, daß er, auf dem glatten Stein ausgleitend, den Halt verlor und der Länge nach in die weiche Schneewolle purzelte. „Jesses!" kreischte die Junge im ersten Erschrecken, lachte aber, als sie den sich Ueberkugelnden sah, hell auf und wirbelte, ohne sich im geringsten weiter um ihn zu kümmern, wie vom Wind getrieben davon. In der Ferne hörte der Verdutzte, der sich inzwischen auf- gerafft hatte und nun den Schnee von seinen Kleidern klopfte, ihr lustiges Lachen verklingen. „Das is mir ju a schöner Empfang bei Dir dohier!" brummte er, als er bei dem Freunde in die Stube trat. „Was hat's denn, hä?" fragte der verwundert. Und als der Freund sein Mißgeschick erzählte, lachte der Glück- Schuster hell auf. „Nich amal gekümmert hat sie sich um mich. Heidi wie der Wind weg war siel" „Jcses, was sollt' sie'n macheu, hä?" verteidigte der Vater belustigt sein Mädel.„Sollt' sie sich vielleicht zu Dir ina Schnee legen, hä?'s wär a kalt Bette. Das kannste nich gut verlangen!" Vom Winkel beim Ofen kam jetzt als Begleitung zu des Schusters Lachen ein halb unterdrücktes rauhes„Käb, käh, kühl" wie das heisere Lachen eines Spechtes. Der Joseph hatte aber in seinem Aergcr nicht darauf acht. Den Hut von den letzten, schon zu Wasser werdenden Spuren feines Unfalles reinigend», brummte er etwas von„ungezogenem Balg" und„schlecht erzogen" vor sich hin. „Ju, ju," meinte der Schuster,„'s is a verflixt Madel, die Grete!" „Der dürft ich nich Vater sein, die würd ich karwatschen nach Noten!" erzürnte sich der Geselle noch mehr. „Ju, ju,'is a Irrwisch, das Madel!" bestätigte der Schuster ernsthaft tuend. „Dreschen sollst' sie, daß die Fetzen fliegen!" Da konnte der Kleine nicht länger mehr an sich halten und platzte heraus. „Was lachsl'n da noch, hä?" brauste der Joseph auf. „Nu, soll ich vielleicht flennen?" Vom Ofen her kam wieder das heisere„Käh, käh, käh!" Dies- mal hatte es auch der Aergcrliche gehört und überrascht wandte er sich um. Da sah er zwischen Ofen und Sofa ein verlottert und vcr- kommen Männlcin hocken, eisgrau das Haar und der verwilderte Bart, das gedunsene Gesicht von fahlschmutzigem Grau überzogen. In sich zusammengesunken hockte es, die Ellbogen auf die Knie gc- stützt und starrte aus rotumräudcrten entzündeten Augen vor sich hin auf die schmutzigen Hände, die es vor sich gefaltet hielt, stumpf und teilnahmlos, nur ab und zu des Schusiers Lachen mit seinem heiseren:„Käh, käh, käh!" begleitend. „Wer is denn das, hä?" fragte der Joseph verwundert. Glück-Karl, der das Erstaunen des Freundes mit listig blin- zelnden Aeuglein beobachtet hatte, antwortete kurz: „Mein Gastl Grade so wie Du!" Und in dem harten Ton seiner Worte war ein heimliches Drohen: Rühr mir nicht an den, Dul Der steht mir näher als ihr alle! „Ja, das hatt' ich gar nicht gesehn, daß Tu schon Besuch hast!" „Du warst ja asu Verbost, wie Du reinkams� daß Du nich amal „Guten Tag" sagen kannst!" „Das Hab ich richtig ganz vergessen," gab der Joseph kleinlaut und beschämt zu.„Nu, da sei ock nich böse und„Guten Nochmittig" ooch!" Damit gab er dem Freunde die Hand und reichte sie auch, als wollte er damit den Schuster völlig versöhnen, dem Fremden. Ter hob seine triefenden Augen nur flüchtig zu ihm aus und senkte sie gleich wieder, als blende ihn das Licht. Kalt und ohne Druck hatte die rissige, gichtverkrümmie Hand, durch die ein immerwährendes Zittern lies, zwischen den Fingern des Gesellen gelegen, und kraftlos war sie gleich wieder daraus geglitten. Dicht zu den beiden tretend, stellte der Schuster bor. und zu der komisch-feierlichen Gebärde und zu den gespreizten, im steifen Hochdeutsch doppelt affektiert klingenden Worten bildete der grimme Hohn, der in ihnen mitschwang, einen seltsamen Gegensatz. „Gestatten die Herren." niischte er sich in die Begrüßung,„daß ich miteinander bekannt mache: Herr Tischlergesclle Joseph Halvaus, gegenwärtig in Arbeit bei Frau Karoline Rothcr in Wirrwitz, und Herr Tischlermeister Heimnch Rother aus Wirrwitz, zurzeit ohne Beschäftigung!" Als wäre jäh vor ihm ein Geist anS.dem Boden gewachsen, so starrte Joseph auf den Fremden, der sich stumpf und teilnahmslos, ohne sich im geringsten um die Worte des Schusters zu kümmern, wieder auf seinen Stuhl gehockt hatte und vor sich hin starrte. Daß der Mann seiner Meisterin tot sei, wie die Frau ihren Sohn und alle Leute glauben machte, war ihm nie so recht ein- gegangen, und doch schlugs ihm jetzt in die Glieder, als er dem Totgesagten plötzlich gegenüberstand. Hilftos ging sein BU»' von dein Verkommenen zum Freunde, in dessen Augen ei» listiges Glimmern und doch auch w'cder jenes dunkle Drohen war, das vorhin schon aus seinen Worten geklungen, und vom Freunde wieder zu dem Fremden. Er wollte den Schuster bitten:„Mach doch keine solchen Scherze, Du!" und brachte dennoch kein Wort über die Lippen, weil er wußte, daß alles, was er soeben erlebte. wirküch und wahr sei.„Hast denn Du nischt gewußt' fragte er den Freund. „Nischt! Gedacht Hab' ich mirsch ja immer, daß er noch lebt! Aber Beweise hatt' ich keine nichl Er hiitt' sich gefiircht't vor der Frau, meint er neulich, wie ich'n fragen tat. die wollt'n ins Zucht- Haus bringen." „Nee, nee, ihr Leute!" wunderte sich der Geselle. „So a acht Tage wird's sein, daß er wieder da is.'s hai'n heemgetrieben. Er tät's nich mehr aushalten, meint' er zu mir, wie er kam. Er mächt gerne d'rheeme sterben! Er sieht ooch aus, als wenn er nich mehr viel auf der Mühle hätte!" Da tappte er plump, als klebe zäher Boden an seinen Füßen, zu einem Stuhl am Tische und ließ sich schwer darauf nieder- fallen. Den Oerkörper ein wenig vorgebeugt, den Kopf gesenkt, saß er da, als müsse er der Tragweite dessen, was er soeben er- fahren, nachgrübeln. Der Schuster ließ ihn, und um die unheimliche Stille, die zwischen ihnen stand, nicht zu schwer werden zu lassen, hantierte er lauter als nötig gewesen wäre, mit den Töpfen am Ofen. Bald stand die dampfende Kaffeekanne auf dem Tische und der Schuster lud seine Gäste zur Vesper ein. Einen der dick umwickelten Füße vor den anderen schiebend, schlich der Verlumpte, den der lockende Kaffecduft-schon lebendiger gemacht hatte, an den gedeckten Tisch. Schnuppernd hob er die Nase und die Triefaugen schielten begehrlich nach Butter und Brot. (Fortsetzung folgt.). 33enn die Sommerfaden fliegen. Von E. S ch e n ck l i n g. Eine lieblichere Erscheinung als das Segeln der blendend weißen Fäden in der ruhigen, sonnigen Herbsiluft gibt es wohl kaum. Ist es doch, als fühle Mutter Natur das Ende ihrer schaffen- den Tätigkeit herannahen, und als raffe sie darum noch einmal alle Kraft zusammen, um die sonnig-goldencn Herbsttage mit zauber- haften Gebilden und poetischer Schönheit auszuschmücken. Darum ist es natürlich, wenn des Dichters Phantasie sich ihrer bemächtigt und die Bilder des Lebens und der Liebe daran knüpft, oder wenn die schlichte Einbildungskraft des Volkes sich daran versuchte, oder wenn endlich der Forscher allen Scharfsinn aufwandte, Grund und Wesen dieser herbstlichen Erscheinung kennen zu lernen. Denn so bekannt sie auch sein mag, so dauerte es doch lange, ihre wahre Natur zu enträtseln. Und mit welcher Gründlichkeit das geschah, beweist die Tatfache, Carus in seiner Bibliotheca zoologica nicht weniger als 34 teils selbständige Schriften, teils Abhand- lungen in Zeitschriften und dergleichen anführen kann, deren älteste aus dem Jahre lb78 datiert. Viel Kopfzerbrechen um Herkunft und Entstehung wie um die Bedeutung des fliegenden Sommers hat sich das Volk zwar nicht gemacht, doch fand sich seine Phantasie und sein Urteil in Anspruch genommen. So brachte der Glaube früherer Jahrhunderte den fliegenden Sommer in Verbindung mit den Göttern und nach Ein- führung des Christentums bezog man ihn auf Gott und Maria, woher denn die mannigfachen Bezeichnungen: Sommerfäden, Madonnenfaser, Gottesschleppe, Mariengarn. Maricnfaden oder Fraucnsommer stammen. Die Namen Matthäus- und Gallus- sommer, die sich auf die Zeit seines Erscheinens beziehen, wieder- holen wenigstens noch die Namen zweier Heiligen, wogegen die schwedische Benennung Dvärgsnät(Zwergnests schon mehr einen abergläubischen, und die norddeutsche, Altweibersommer, gar einen satirischen Beigeschmack hat. Mit diesen Bezeichnungen glaubte der Volkswitz die Erscheinung abgetan zu haben und überließ das weitere den Gelehrten. Und seltsam genug waren ihre Hypothesen über Wesen und Entstehung der Herbstfäden. So werden diese als „feine Netze aus getrocknetem Tai: gesponnen" bezeichnet, oder man meint, daß sie„aus derselben Substanz bestehen mögen wie die großen weißen Wolken, die zur Sommerszeit erscheinen". Näher der Wahrheit kamen schon einige französische Naturforscher, die vermuteten, daß die Fäden aus der baumwollartigen Masse be- ständen, in welche die Eier der RcbenschildlauS gehüllt sind. Heute weiß man, daß die Erzeuger des fliegenden Sommers kleine Spinnen sind, die diese Fäden in die Luft schießen und auf ihnen durch die Gefilde des ActherS segeln, mithin Vorläufer unserer Aviatiker find. Spinnfäden sind es also, die als„fliegender Sommer, in den schönen Oktobcrtagen als weiße Fäden in der Luft schwimmen oder als zarte Flaggen an allem Gezweig flattern. oder auch den Wanderer wie den Spaziergänger auf der Land- straßc, auf Wiesen und Auen umstricken und nötigen, wiederholt das Gesicht abzureiben, woselbst ihre klebrige Beschaffenheit einen eigenartigen'Kitzel erregt. Von der außerordentlichen Häufigkeit dieser Fäden kann man sich leicht überzeugen, wenn man bei tiefem Sonnenstand über ein Stoppelfeld der Sonne entgegenschrcitet. Nickt nur zwischen den einzelnen Stoppeln find die Fäden ausge- spannt und erglänzen im Sonnenschein, auch Steine und Erd- klumpen sind untereinander mit solchen Fäden verbunden, so daß jede Vertiefung überbrückt erscheint, was namentlich dann einen wundervollen Anblick gewährt, wenn blitzende Tautropfen an den Fäden hängen, in denen die Strahlen der Morgensonne ihr feuriges Spiel treiben. Wennschon über den Ursprung der Herbstfäden also kein Zweifel mehr besteht, da mikroflopifche und chemische Unter- suchuugen sie als Spi» nstoff der Spinnen kenneu gelehrt, so könnte man doch darüber verschiedener Meinung sein, wie die einzelnen Fäden zu so großen langgezogenen Flocken zusammengeführt und in die Luft erhoben werden, aus der sie schließlich langsam nieder- fallen. In der Tat berührt diese Frage den eigentlichen Kern der ganzen Erscheinung, und es sind darüber dit Meinungen'der Beob- achter und Forscher weit auseinandergegangen. Einerseits wurde angenommen, daß die im September und Oktober herrschend werdenden stärkeren Winde an allen Ecken und Enden die Spinnenfäden zusammenfegen, aneinandcrkleben, knäuel- artig ballen, von ihrem letzten AnHeftungsPunkte losreißen und entführen. Walkenaer, einer der Hauptschriftstcller über Spinnen, glaubte dabei die Reinheit und blendende Weiße der Flocken dadurch" entstanden, daß sie wie das Linnen auf dem Bleichplatz vom Tau der kühlen Nächte erweicht und von Luft und Sonne�dann wieder getrocknet und gebleicht werden. So glaublich dies für den ersten Augenblick auch erscheinen mag, bleibt doch zu bedenkt n, daß die fliegenden Fäden und Flocken zunächst nicht durch die Herbstwinde können ausgehoben werden, da man bekanntlich den Altweibcr- sommer nur nach einem oder einigen stillen, sonnigen Herbsttagen, und zwar erst in den Nadstnittagsstunden fliegen sieht, wogegen an trüben, nebligen Tagen oder bei windigem Wetter nichts davon zu spüren ist. Und was die Taubleiche anlangt, so bleibt wieder die Frage offen, wo sie vor sich gehen soll? In der Luft würden sich die durchnäßten Fäden nicht schwebend erhalten können, sondern niedersinken und am Boden, der dann seinerseits auch feucht sein muß, so festhaften, daß sie nicht, wenigstens nicht in ihrer blenden- den Reine loszuwehcn fein würden. Mit dieser Erklärung war's also nichts; man verlangte nach einer anderen, triftigeren, und diese gab Blackwall. Er berief sich auf die außerordentliche, fast unwägbare Leichtigkeit der Fäden und Flocken, deren Ausschweben durch die während der wärmsten Stun- den des Tages senkrecht aufsteigende warme und daher verdünnte Luftströmung bewirkt werde, wogegen der in den kühlen Abend- stunden eintretende und niederfallende kalte Luftstrom sie wieder allmählich abwärts führe. Das ließ sich schon hören und war auch ganz dem Gesetz der täglichen Luftbcwcgung angepaßt. Allein— so wandte man zweifelnd ein— sollte denn dieser sanfte Luftstrom imstande sein, die einzelnen, so unmeßbar geringe Fläche darbieten- den Fäden, die so fest an allem haften, von ihrem Befestigungs- Punkt losreißen zu können? Da also auch diese Entdeckung nicht genügen wollte, so ging man endlich nach langen Kreuz- und Ouerzügen zu den Erzeuge- rinnen, zu den Spinnen selbst zurück, und-suchte aus der Art und Weise, wie sie ihre Fäden zu produzieren pflegen, die fragliche Er- scheinung zu ergründen. Dabei fand man, daß die Spinnen ihren Faden nicht bloß dadurch herstellen, daß sie die Spinnorgane an irgendeinem festen Punkt andrücken und dann, sich davon ent- fcrnend, den Faden gewissermaßen aus sich heraushaspeln, sondern daß sie auch imstande sind, den Faden bei enipor gerichtetem Hinter- leibe, wie den Wasserstrnhl aus dem Sprihcnrohr, horizontal, schief und auch senkrecht von sich zu schießen und, wenn der Faden von der Luft getragen wird, daran hinaufklettern, um fortzufliegen. Es gibt unter den Spinnen nämlich gewisse Gattungen, die nicht ein Fangnctz Herrichten, sondern lange Fäden in die Luft schießen und darauf in der Lust umhersegel», sobald die Adhäsion der Fäden an dem beweglichen Luftsirom stark genug ist, um sie tragen zu können. So sah Charles Darwin einst 6t) Seemeilen von allem Land ent- fcrnt, viele Taufende von kleinen rötlichen Spinnen, jede auf ihrem Fade» segelnd, sich auf sein Schiff niederlassen. Auf Grund dieser Beobachtung weiß man also, daß der fliegende Sommer von gewissen Spinnengattungen und Arten, den söge- nannten..Kleinwebern", direkt in die Luft geschossen und vermöge seiner Leichtigkeit von ihr fortgetragen wird. Durch Verwickelung und Vereinigung der einzelnen Fäden während des Fluges ver- arößern sie sich zu den bekarmtcn langen Strähnen und bauschigen Flocken, wie sich ja die feinen Tunstbläschcn durch mechanische Ver- schmelzung auch erst während des Falles zu Regentropfen bilden. Aber, könnte man wieder fragen, was veranlaßt denn die Spinnen, ihre Fäden so massenhaft in, die Luft zu spritzen? Auch darüber sind verschiedene Meinungen laut geworden. So sagt man, daß die jene Fäden erzeugenden Spinnen darauf dem kleinen, In- scktenheer nachzögen, das an so schönen Tagen die höheren Luft- schichten zu bevölkern Pflegt: indem der Faden durch einen hoch spielenden Mückenschwarm streiche, diene er zugleich als Fangnetz. da man in fallenden Geweben häufig Ueberbleibsel von Schnaken und Mücken finde. Oder man faßte die fragliche Erscheinung gar von idyllischer Seite auf und behauptete, daß die Luftschisfer „Liebhaber sind, die auf dem Mädchensommer rcitcNt Ter tändelt in der flatterhaften Sommkrluft Und doch nicht fällt"— Man ließ auf solchen Luftreisen die Spinnen ihre Hochzeit feiernk! Andererseits nahm man an, daß die Sdinnen im Gefühl des kom- Menden Winters sich durch Entledigung ihre? nunmehr überflüssig gewordenen Spinnstoffes für die Kälte unempfindlicher und zur Ueberwinterung geschickter machen wollten. Doch die richtigste v - 704 klarung über die Veranlassung deS Altweibersommers gab unser größter deutscher Spinnenkcnner A. Menge. Zunächst war es ihm darum zu tun, die Luftschifferinnen selbst zu ermitteln und er ilernte als solche namentlich die kleinen grauen Sack- oder Luchs- spinnen, zu denen die berüchtigte, doch nicht schiffende Tarantel gehört, ferner einige Krabbenspinnen, hauptsächlich aber die Gattung der eigentlichen Weberspinnen kennen, sämtlich solche, die während des Sommers an feuchten Orten, auf sumpfigen Wiesen, sowie an Teichen und Wassergräben sich aufhalten. Sie haben, nach Menge, die Gewohnheit, gegen den Herbst hin ins Trockene zu wandern, »vas sie eben mit Hilfe in die Luft geschossener Fäden tun und wes- halb die ganze Erscheinung als herbstliche Wanderung anzusehen sei. So sind also jene schimmernden Fäden nichts anderes als Luftballons, auf denen die kleinen kühnen Luftschiffer nach anderen Orten ziehen, woselbst sie gegen die Unbilden des nahenden Winters besser geschützt sind Sine elektnfcbe Alünsckelrute. In den letzten Jahren hat das Problem der Wünschelrute die Clemuier wieder lebhaft erregt. Mag an der Wirksamkeit der Wnschelrutc etwas Wahres sein oder nicht, jedenfalls haben die praktischen Ergebnisse die in sie gesetzten Erwartungen nicht er- füllt. Inzwischen scheint uns jedoch die Wissenschaft ein anderes Mittel an die Hand geben zu wollen, das mit dem magischen Zauber, der die Wünschelrute umgibt, nichts zu tun hat, sondern auf feststehenden Tatsachen beruht. Das Prinzip ist sofort ein- leuchtend und es bleibt nur die Frage, ob das vorgeschlagene Ver- fahren allen oft komplizierten Verhältnissen der Praxis genügt. Diese moderne Wünschelrute liefern uns die elektrischen Wellen, die bei der drahtlos� Telegraphie bereits verwendet werden. Bekanntlich dringen mese Wellen nicht nur durch die Lust, sondern auch durch fast alle anderen Stoffe, durch die zwischen den einzelnen Stationen befindlichen Häuser, Erdmassen und dicke Mauern mit der gleichen Leichtigkeit, wie das Licht durch unsere Fensterscheiben. Sind die drahtlosen Wellen doch eigent- lich nichts anderes als vergrößerte Lichtwcllcn. Während letztere kürzer als ein Tausendstel Millimeter sind, beträgt die Wellen- länge bei elfteren mehrere Meter und selbst viele hundert Meter. Aus diesen enormen Dimensionen erklärt es sich auch, daß wir die elektrischen Wellen nicht mit unserem Auge wahrnehmen. Dieses reicht nämlich nur für die Aufnahme der kleineren Lichtwcllen aus. Ein Auge, daS die drahtlosen Wellen wahrnehmen könnte, müßte eine Pupille von mehreren Metern Durchmesser haben. Solch« Riesenaugen stehen uns allerdings nicht zur Verfügung. tvohl aber die Gebe- und Empfangsapparate für die Erzeugung und Aufnahme der Riesenwellen. Sie reichen für unsere Zwecke auch vollkommen aus. Das Riefenauge würde mit den elektrischen Wellen direkt durch unsere Erde hindurchfehen können, denn die meisten Gesteine und Erden lassen im trockenen Zustande die elektrischen Wellen durch. Völlig undurchdringlich sind aber für sie alle Stoffe, welche die Elektrizi- tat mehr oder minder gut leiten, wie die Metalle, Erze, Kohle, Wasser. Petroleum und dergleichen. Für unser Riesenauge würbe die Erde den Eindruck einer gemäß der verschiedenen Durchdring- lichkeit der Gesteinsschichten in allen Farbennuancen schimmernden Glaskugel machen, in der sich alle Grundwasscrschickten, sowie die Petroleum-, Kohle- und Erzlagerstätten als undurchsichtige Massen deutlich abheben würden. Aber auch die Apparate unserer draht- losen Telegraphie reichen bereits aus, um die nutzbaren Lager- stättcn aufzufinden. Es seien z. B. an zwei verschiedenen Punkten einer Grube zwei Personen, von denen die eine mit einem Send- apparat und die andere mit einem Empfangsapparat versehen ist. Weide werden dann durch die dazwischen befindlichen Erdschichten hindurch sich miteinander verständigen können. Diese drahtlose Telegraphie durch die Erde hindurch ist aber nur so lange möglich, als sich keine leitende Schicht zwischen beiden Apparaten befindet. Wleiben die Signale auS, so weiß man, daß eine deratige Schicht aufgefunden ist, und man kann sich durch weitere Versuche über iihrcn näheren Verlauf orientieren. Diese Methode ist von ihren Erfindern, Dr. Löwh aus Wien und Dr. Leimbach aus Göttingen, Absorptionsmethode genannt worden. Tic ÄbsorptionSmcthode ist meist nur anwendbar, wenn man in Bohrlöchern oder Bergwerken die Apparate so weit in die Erde Jbringen kann, daß die Verbindungslinie von Geber und Empfänger die Lagerstätten durchschneidet. Eine viel weiter- gehende Verwendung gestattet eine zweite ebenfalls von den beiden �Forschern angegebene Metbode, die sie Reflexionsmethode nennen. Eine leitende Schicht verhält sich nämlich den elektrischen Wellen gegenüber wie ein Spiegel in bczug auf das Licht, wobei wegen der bedeutenden Wellenlängen selbst größere Unebenheiten keine Rolle spielen. Läßt man von der Erdoberfläche unter einem Winkel zur gesuchten Schicht drahtlose Wellen auffallen, so werden sie unter demselben Neigungswinkel aber nach der anderen Seite hin wieder nach oben reflektiert. Hier kann man sie mit einem Wellencmpfänger aufsuche», und dann aus mehreren Beobachtun- gen mit Hilfe von Berechnungen die Lage der leitenden Schicht genau bestimmen. Inzwischen sind mit bestem Erfolge von den beiden Forschern Versuche angestellt worden, um zu beweisen, daß die drahtlosen Wellen nicht leitende Schichten durchdringen. So haben sie nicht nur zwischen den einzelnen Punkten desselben Bergwerkes, sondern sogar zwischen verschiedenen Bergwerken eine Verständigung auf drahtlosem Wege untertags herstellen können. Wasserführende Schichten ließen jedoch die Wellen nicht hiirdurch. Diese Versuche werden jetzt noch fortgesetzt. Falls diese moderne Wünschelrute sich in der Praxis bewährt, würde sie besonders für die Auffuchung und Erschließung von Wasser in Wüstettgegenden von unschätzbarem Werte sein. Ist es doch eine dekannte Tatsache, daß vielfach unter umfangreichen Wüftengegenden ausgedehnte unterirdische Gewässer oft in einer Tiefe von nur 20 bis 30 Meter strömen. Nur einem Zufalle ist es gewöhnlich zu verdanken, wenn derartige Ströme durch einen artesischen Brunnen erschlossen werden, in welchem Falle sie dann viele Wüstenstrecken in blühende Oasen verwandeln. So liegt mitten in der Wüste Rajputana auf steinigem Grunde die blühende Stadt Bikanir, die ihr Wasser aus riefigen unterirdischen Zisternen bezieht. Einer dieser Brunnen liefert 7ö ö00 Liter Wasser in der Stunde. Diese Erscheinung kann man sich nur dadurch erklären, daß unter der Wüste ein gewaltiger Strom fließt. Ein Beweis hierfür ist die Tatsache, daß Holzstücke, die man in einen Brunnen hineinwirft, oft später in einem anderen wieder auftauchen. Man nimmt sogar an, daß die Wasser der Wüstenstädte in Rajputana von den weit entfernten Schneefeldern des Hiinalava stammen. Eines der bekanntesten Beispiele von unterirdischen Wüstcnströmen ist der„Oucd Rhir" in der Wüste Sahara, den die Franzosen bei ihren kriegerischen Unternehmungen in Algier entdeckten und mit dessen Wasser sie mitten in der Wüste bühende Oasen schufen. Mit Hilfe der elektrischen Wünschelrute ließe sich so noch manches Oedland in fruchtbares Kulturlaird verwairdeln. Johann Schürmann. kleines Feuilleton. Geologisches. Ein Kreislauf der Erdbeben. Der Menschengeist hat in der Vorausberechnung von Naturerscheinungen so große und erstaunliche Erfolge erzielt, daß der Ehrgeiz, sie auf möglichst alle wichtigen Naturereignisse ausdehnen zu wollen, durchaus be- greiflich ist. Völlig sichere Ergebnisse sind allerdings bisher nur in der Himmelskunde erreicht worden, während die Witterungs- künde sich wenigstens immer noch auf Prophezeiungen von kurzer Dauer beschränken muß, die eine Spanne von zwei Tagen im allgemeinen nicht übertrifft. Alles, was biöber an Wciterprophe- zciungen auf längere Zeiten im voraus geleistet worden ist, muß vom tausendjährigen Kalender an bis auf Rudolf Falb in das Gebiet unwissenschaftlicher Versuche verwiesen werden. Erst in neuester Zeit hat sich die Wissenschaft noch auf einem anderen, überaus wichtigen Felde mit der Möglichkeit von Voraussagen be- schäftigt, nämlich in der Erdbebenkunde. Von urtberufener Seite sind zwar auch solche Ereignisse ebenso wie Vulkanausbrüche schon früher vorausgesagt worden, aber wenn diese Propheten jemals Recht behalten haben, so haben sie dies Glück ohne Zweifel nur dem Zufall zu verdanken gehabt. Im Jahre 7899 bat dann der italienische Erdbebenforscher Cancani als erster Vertreter dieses Forschungszweigs das Wagnis unternommen, wenigstens für die Erderschütterungen in dei Umgebung deS Adriatischen Meers eine gesetzmäßige Folge zu behaupten. Er hatte alle Ueberlieferungen seit dem Jahre 873 studiert und war danach zu der Ueberzeugung gekommen, daß schwere Erdbeben in jener Erdgegend in Zwischen- räumen von fast genau 100 Jahren eintreten uird dann nach etwa 23 Jahren von etwas schwächeren Erdbeben gefolgt werden. Der Forscher nahm aber selbst keine besonders große Zuverlässigkeit für seine Berechnung in Anspruch, da er bei der Periode von 100 Jahren einen möglichen Fehler von 14 und für die zweite Periode von 23 Jahren einen solchen von 10 Jahren zugesta»»d. Jetzt haben die beiden Fachgenosscn Agamemnon« und Cavafino in den Akten der Accademia dci Lincei in Rom eine Arbeit ver- öffentlicht, in der sie das Werk von Cancani weiterführen. Ihre. Untersuchungen umfassen sogar einen Zeitraum von mehr alS 2200 Jahren, und eS hat sich daraus eine mittlere Periode der Erdbebenfolge von 102 Jahren ergeben. Die Ueberlieferungen sind jedoch für einen so langen Zeitraum zu schwankend, um selbst bei der sorgfältigsten Nachforschung durchaus zuverlässige Angaben zu gestatten. In den italienischen Marken und in der Romagna haben die beiden Scismologen zwischen den Jahren 208 v. Chr. und 1897 siebzehn sehr schwere Erdbeben feststellen können, die aber im Durchschnitt 119 Jahre Abstand hatten. 36 etwas schwächere Erdbeben wiesen auf eine Periode von 41 Jahren. Danach kann von einem gesetzmäßigen Auftreten der Erdbeben bisher nicht gesprochen werden. Wenn eine Regelmäßigkeit in ihrem Auftreten besteht, so hat der Mensch bisher noch nicht den Schlüssel zu ihrer Aufklärung gefunden._.___ tverantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: 8oi:wärtsBuchdruckereiu.VerIagsanstaltPaulSlngerJkEo..Berl>nLW.