Ilnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 180. Sonnabend den 16. September. 1911 lNachdrucl dcrSotKM 12] Vor dem Sturm. Roman von M. E. delleGrazik- 3. Kirchtag. Lorowitz und Schönbuch waren Nachbargemeinden. Das letzte Haus von Schönbach stand am Saum des Pfades, der Aum„Kreuzberg" hinaufführte. Hatte man den Kreuzbcrg hinter sich, lief man geradenwegs in die lange Straße hinein, die Larowitz hieß. Die Schönbacher hatten ihr Gotteshaus unter dem Schutz des heiligen Peregrin gestellt, die Loro- witzer unter die magdliche Hand der heiligen Katharina von Siena. Sankt Peregrinus und Sankt Katharina wurden in derselben Woche gefeiert. Zwei„Kirchtage" hintcrein- ander hätten aber weder die Beutel noch die Mägen der Loro- witzer und Schönbacher ausgchalten, vielleicht nicht einmal ihre Tanzbeine. Schönbacher und Lorowitzer waren daher ein für allemal übereingekommen, daß ihre Kirchtage gemein- sam zu feiern seien, und zwar jedesmal am ersten Sonntag im Mai. Eigentlich waren es ja ohnehin drei„Kirrito", denn der Montag und der„Jritog"(Dienstag) gingen auch noch- drein. Wer sich bis dahin nicht den Magen verdorben hatte, dem war überhaupt nicht zu helfen. Nur eines hatten Loro- witzer und Schöubacher gegen Handschlag sich vorbehalten: daß der„Kirrito" ein Jahr in Lorowitz, das andere Jahr in Schönbach gefeiert werden müsse und je nachdem der„Loro- witzer" oder„Schönbacher" Kirchtag hieß. Heuer kamen die Lorowitzer dran. Die Schönbacher hatten die hübscheren„Buib'n", die Lorowitzer die schöneren„Menscher". Schon deshalb war es den Lorowitzern und Schönbacherinnen nicht unangenehm, unter derselben„Hütt'n" das Tanzbein schwingen zu können. Sonst wäre es jedem Burschen beileibe verboten gewesen, eine Dirne zum Tanz zu führen, die keine Schönbacherin war. So hatte sich das in freundnachbarlichem Einverständnis von selbst geregelt. Heuer war man Gastgeber, nächstes Jahr Gast. Rechte und Pflichten ergaben sich da von selbst. Die Weiber wurden schon einige Tage vorher unruhig. Erstens war es Brauch, die Häuser bei dieser Gelegenheit von oben bis unten rein zn machen, um den oft von entfernten Orten herbeiziehenden Sippen und„Freundschaften" die ganze Wirtschaft im Glanz zu zeigen. Tann aber ging es an ein großes Backen und Schmoren und das hielt Gattinnen und Mütter noch mehr in Atem. Wollte es an diesem Tage doch jede der anderen zuvortun. Die„Häusler" und„In- leute" gaben sich mit einem Stückchen Rindfleisch und„Bacht" zufrieden. Bei den Bauern ging es schon höher her. Tie hatten ihre Gans in der jkrautschüssel oder wenigstens einen Schwcinsbraten. Ter Herr Pfarrer und der Förster aber luden an diesem Tag die wenigen Honoratioren zu sich, „auf einen Kasse": oder erwarteten, selbst zu einem Kaffee geladen zu werden. Kaffee war damals noch ein rarer Trank. War der„Kirrito" vorüber, bekam in der Regel der Herr Justitiar zu tun. Ohne zerschlagene Köpfe lief es nun einmal uicht ab, trotz aller nachbarlichen Beziehungen. Die Tajarer, die zuweilen auch den Schönbacher Kirchtag besuchten, hatten sogar die Gepflogenheit, daheim die Pumpenschwengel der Brunnen auszuhängen und sie gleich als taugliche Waffe mit- zubringen. Weshalb die Lorowitzer und Scksönbachcr mit diesen Gästen besonders glimpflich umgingen. In Lorowitz und Schönbach wurde der Kirchtag mit einem feierlichen„Hochamt" eingeleitet. Hatte man das Amt gehört und den Segen empfangen, konnte man sich drei Tage in voller Ausgelassenheit der Freude in die Arme werfen. Der Beichtstuhl wartete ja doch in der Ecke, auch wenn der Bader nichts zu tun bekam. Der Bader war der Vater des Rasierers Hely, der mit der Kammcrjnngfer der Schönbacher Gräfin so gut wie ver- sprochen war. Auch die Gattin des alten Baders war einmal Kammerfrau gewesen, aber„auf Lorowitz", weshalb sie es auch heute noch nicht zugab, daß etwas in Schönbach jemals so gut oder vornehm sein könne, wie„auf Lorowitz". „Auf Lorowitz haben wir das so und so gemacht", hieß jedes zweite, dritte Wort. Selbst das„Pr6f�rence-Spiel", das die einstige Kammerfrau von der Höhe des Herrschaft- lichen Schlosses in die„gute Stub'n" des Baders verpflanzt, mußte so gespielt werden, wie sie es„auf Lorowitz" gesehen haben wollte. Den armen Bader hatte sie auf diese Weise so klein gekriegt, daß es ihn nicht Wunder genonimen hätte, wenn der liebe Gott eines Tages die Sonne statt von der Schönbacher Seite her über Lorowitz hätte aufgehen lassen. Aber auch der Förster und der Wirtschaftsschreiber wagten keinen Widerspruch. Und Hely junior schon ganz und gar nicht. Wenn seine„Mama" gestattete, daß er eine Kammer- jungfer heirate, die nicht„auf Lorowitz" serviert hatte, tat sie ja ohnehin das Mögliche. Noch einer wirkte in Schönbach, von dem man nicht wußte, ob er zu den Bauern oder den Herren gehöre. Das war Basti, der Schultehrer. Er liebte die Bauern, die Bauern ihn. Drei Generationen hatte er schon erzogen, so gut er es eben verstand und so viele ihm überhaupt„zu- gingen". Denn auch in Schönbach war man der Meinung, daß ein gesunder Ochs mehr wert ist, als ein kranker Gaul. Weil die Bauern es aber vorzogen, das Schulgeld auf lange hinaus schuldig zu bleiben, blieb dem Schuliehrer nichts übrig, als sich so gut und so oft es ging, hinter die Schüsseln der Hono- ratioren zu setzen. Beim Herrn Dechant fügte sich das von selbst. Dem mußte er ohnedies den„Mesner" machen und oft genug auch den Ministranten. Mußte der Dechant irgendeinem Sterbenden den letzten Trost spenden, ging der Schullehrer ihm voran und klingelte mit dein silbernen Glöckchen. Hinkte Basti eine ganze Woche durch das Dorf, wußten alle, daß er dem Herrn Dechant die hochschaftigcn„Kanonen"-Stiefel aus» trete. Deshalb hatte die Pfarrersköchin immer etwas im Topf für ihn. Und weil er dem Herrn Dechant in gefälligster Weise auch über die Mühe der Kirchenrechnung hinweghalf, estimierten ihn Seine Hochwürden als eine Art parochiales Haustier. Wollte sich der arme Basti aber von Zeit zu Zeit als„Gebildeten gerieren", wiesen ihn Seine Hochwürdcn so- fort in die geziemenden Schranken. Ter Schullehrer hatte nach seines Pfarrherrn Meinung dem Volke bloß das.A. B C beizubringen und, wenn es hoch ging, die„vier Spezies". Für alles andere reichte der kleine Katechismus aus. Da war der Lorowitzer Pfarrer ein anderer Mensch. Selbst ein Bauernfohn wie der Schnllehrer und ein wirklicher Freund des Volkes, unter dein er lebte. Aber der arme Bastl saß nun einmal in Schönbach! llnd wenn er es auch sehr bald weg hatte, daß der Schönbacher Dechant wie ein blinder Ochs durch alle Klassen gerannt sein mußte, der Schönbacher war ein Graf, und kein Geringerer als der große Beethoven hatte seiner Mutter die Ehre cnvicscn, sich sterblich in sie zu ver- lieben. Einen Tag vor dem Fest wurde die„Hüli'n" aufgestellt. die„Hütt'n" war ein luftiges,' auf hohen Pfählen ruhendes Lattendach, das kreuz und quer mit Buschwerk und Weidenästeni durchflochten wurde, bis auch kein Sonnenstrahl inehr durch- schlüpfen konnte. Selbst einem Gewitterregen inußte die „Hütt'n" eine gute Weile standhalten, sonst hätten die „Kirritogsknecht" keine Ehre damit aufgehoben. Die „Kirritogsknecht" waren die jüngsten Burschen des Dorfes und der Aufbau der„Hütt'n" sozusagen ihr Meisterstück. Hatten sie die„Hütt'n" fertiggestellt und die ältesten Burschen das„Machwerk" gut befunden, galten sie hinfort auch als Burschen, nahmen an den Zusammenkünften vor der Kirche und in? Wirtshause teil und durften der Schönen, die sie er- wählt, nachts ans Fensler klopfen,?lm ihr allerlei Sinniges u?id Unsinniges zu sagen, selbstverständlich in allen Ehren. Während die Hütte gebaut wurde, fuhren die älteren Bllirsche?r in einem offenen Leiterwagen von Gemeinde zu Gemeinde, um auch die Nachbarn zum Kirchtag zu bitten. Den Mäulci?, die den Wagen zogen,?varcn flatternde Bänder in die Mähnen und Schweife geflochten. Auch von den Mützen der Burschen wehten die bunten Winrpel, und der Aelteste hatte auf der linken Schulter das„Fazzincttl" ange- heftet, wie ein buntgesiicktes, hoch in Ehren gehaltenes Sack- tlich hieß, das ein fiirchtagsbitter an den anderen weitergab. wenn er„in den Stand der heiligen Ebe" trat?lnd aufhörte, Bursch zu sein.. Eine große, dickbauchige Weinflasche fuhr natürlich auch mit uud den? lustigen Gefährt voran flogen Sie mit Heller Stimme in den. Frühling hineingeschmetterten Lieder, dajz die Jugend froh und sonnig dahergewirbelt kam wie ein Maiensturm. Uralte Lieder waren es. die die Bursche sangen: Lieder, die schon ihre Urväter in den Tag hineingejauchzt, der ihrer Jugend geblüht, Burschen- und Liebes- und Fensterllieder, darunter auch manch rauhes Kriegslied, das noch älter war als Schönbach und Lorowih, denn wo nun Schönbach und Lorowih standen, hatten einmal reiche Gemeinden geblüht, deren Dächer die sengenden Flugfeuer des Dreißigjährigen Krieges in den Staub gelegt, deren Saaten die schweren Hufe der Schwedenhcngste zerstampft hatten. Bis alles eine einzige „Oedung" war, die„Oediing Petrowih", wie noch heute ein zwischen dichtem Buschwerk und glinseruden Teichen daliegen- des Stück Heideland hieß, über das kein Bauer mehr seinen Pflug führte. Pur Ginster und Menthe und milder Kümmel wucherten dort und im Röhricht stöhnten die Dommeln. Im Dämmer schwüler Hochsoimnernächte aber sollte man noch heute das Geröchel der Niedergemetzelten dort hören, und stand die Sonne im Mittag, ließ sich von Zeit zu Zeit der „Schwedengcneral" sehen, wie die Bauern ein Gespenst nanu- ten, das schon mehr als einem-„erschienen" sein sollte. Wer aber den„Schwedengeneral" sah, niußte sterben. Auch ein kopfloser Gaul sollte in der Karsreitagsnacht dort auf dem Kreuzweg herum-steigen— der„Schwedenschimmel". Er lvar die letzte Erinnerung, die den deutschen Freisassen von einst noch voin Kult der Ahnen her im Gedächtnis spukte. War der kopflose Schimmel doch kein anderer, als Wotans„Sleipner". Wurden aber die Schauermären der Oedung Petrowitz er- zählt, lief auch der Gaul immer neben den Schweden her. Wer wollte es besser wissen? Führten doch selbst die Kirchen- chroniken der Gegend nur bis zu jener Zeit zurück. Alles andere war in dem grausigen Brand aufgegangen, der noch imnier wie eine gespenstische Abendröte vor der schauernden Seele der Enkel stand. Wirklichkeit und Sage aber wuchsen wirr und wild ineinander, wie Ginster und Menthe und wilder Kümmel auf der steinigen Oedung Petrowitz. In den Liedern, die die Bursckw sangen, züngelte aber noch da und dort ein Bild auf, wie eine Flamme aus jenen schreck- lichcn Tagen. Oder ein Wort war darin stehen geblieben, das heute keiner mehr verstand, die verschollene Sprache der Ahnen. Das sangen die Bursche nun in den Tag hinaus oder in die Nacht hinein, ohne Furcht oder irgend einen Gedanken. Und doch waren es auch Gespenster, die sie da anriefen: Gespenster, die so uralt waren wie die vielhundertjährigen Linden, die um ihre Kirche standen, um die Kirche einer Ge- meinde, die damals noch nicht gewesen. lLortsctzung folgt.) (Nachdruck verbalen. 1 ioz Die JVIcirtcnti» 5. Frau Rother war nie eine, gewesen, die ihr Herz auf der Zunge trug, und wenn etwas�sie zittern machte in Leid oder Lust, wurde ihr Gesicht verschlossen und hart, und ihr Mund kniff sich noch fester zusammen als sonst. So nannte man im Dorf und in der Umgegend schon das Mädchen nicht anders als: die Stumme! Und darüber waren alle, die sie kannten, sich einig, daß sie herzlos und kalt und keiner tieferen Empfindung fähig wäre. Darum herrschte auch, als die Tochter der Tagelöhnerin Knauer- Hase den wohlangesehenen Tischlermeister Rother heiratete, bei niemand Zweifel, daß die Ehe mit dem um fast zehn Jahre ältere», dcrmöglichen Manne von ihrer Seite nur aus Vernunftgründcn ge- schlössen wurde. Und wer am Hochzeitstage die Braut mit dem reglosen Gesicht und in ihrer herben Unnahbarkeit sah, wußte hinter dem Rücken des Paares keinen Glückwunsch für den Mann. Und doch zitterte ihr Herz im Glück, als sie vor dem Altar trat, und unter den gesenkten Lidern glühte, vor jedem Neugier- blick in herber Scham verborgen, die Leidenschaft einer scheuen, tiefen Liebe. Je heißer das Herz der Seltsamen empfand, um so kälter wurde ihr Wesen nach außen hin. Scham schloß alle Pforten ihrer Seele. Daß nur niemand merkte, wie es in ihr aussah. So litt sie unter einem Glück oft wie unter einer Pein. Nur als das Kind kani, der Paul, da breitete über die scharf gemeißelten Züge ihres Gesichts sich das Mutterglück wie der gold- rosige Schimmer des Morgenlichis über kalten weißen Marmor und machte sie lebendig und schön. Bald aber löschte das Schicksal allen holden Glanz wieder, und nie mehr sollte er aufblühen. Es war die schönste und reichste Zeit ihres Lebens, das Jahr Vach der Geburt des Knaben, und so ganz lebte sie in ihrem stillen Glück, daß sie das Nahen des Furchtbaren nicht gewahr wurde, das. aus leisen Sohlen anschleichend, ihr all das rauben kam, was als Kostbarstes ihr eigen geworden war. Wenn auch edlere Beweggründe, als der Neid ihr zuschob, sie getrieben hatte, so war es doch schon so, wie die Leute sagten: nicht er, der Mann, habe sie geheiratet, sondern sie ihn! Und doch hatte niemand ein Recht zu dieser üblen Nachrede, die nur möglich lvar. weil man den Mann kannte, der sich nur immer entschließen konnte, wenn er von anderen geschoben wurde. Beobachten hatte niemand können, wie sie ihn bezwungen, weil es dabei nichts zu beobachten gegeben hatte. Nie war sie ihm zu Gefallen gegangen, wie sonst Mädchen zu tun pflegen, tvenn ein Mann ihnen in die Augen sticht; nie hatte sie ihm schön getan mit heimlichen Blicken, mit verstohlenem Hände- druck oder gar mit Worten. Eher war sie noch herber, noch zurück- haltender zu ihm gewesen als zu andern, wenn sie ihn, nachdem sie auf einer Hochzeit sich kennen gelernt hatten, bei gemeinsamen Bekannten traf oder bei öffentlichen Festlichkeiten, die in der Gc- meinde stattfanden. Sie war zuerst auf ihn ausmerlsam geworden, schon bei' jener Hochzeit, und jedesmal, wenn er damals zufällig sie ansah oder wenn er mit ihrem Tischherrn sprach, der ein Freund von ihm war, halte ihr das Herz geklopft, immer heftiger, daß sie es bis in den Hals hinauf fühlte; aber in ihrer Haltung, in ihrem Gesicht hatte sich nichts perändert, und über den Augensternen, in denen ein verräterisches Leuchten aufgeglüht lvar, hingen ständig die feinen Schleier ihrer Wimpern. So sehr hatte sie sich in der Ge- walt, daß sie, als er sie einmal anredete, erst die Kerzen löschte, die das Wohlgefallen an ihm in ihr entzündet hatten, che sie die Lider hob und ihn ansah. Vielleicht war es diese Herbigkeit und Kälte gewesen, die ihn hatte aufmerksam werden lagen aus sie. Er galt bei allen, die ihn kannten, damals als ein hübscher Kerl; der kecke Schnurrbart und das flotte, stets sorgfältig ausrasierte Napoleonsbärtchcn standen ihm auch gut zu Gesicht, und da er in guten Verhältnissen lebte, war er gewöhnt, überall Entgegenkommen und mehr oder weniger offen bezeigte Bewunderung zu finden. Seine Eitelkeit trieb ihn, sich mit dem Mädchen, das scheinbar ihn so garnicht beachtete, mehr zu beschäftigen, als es sonst seine Gewohnheit war, und so geriet er in den Bann ihrer Liebe und ihres Willens. Von der Seltsamen, die durch besondere körperliche Reize nicht wirken konnte und auch in ihrem abwehrenden, kalten Wesen doch so gar nichts Bedrückendes hatte, ging ein eigenartiger geheimer Zwang aus, dem er unterlag, ehe er sich dessen versah, weil nichlS in ihm war, was ihn stark zum Widerstand gemacht hätte; denn er war der Haltlosen einer, die immer fremdem Willen unterliegen. Keine Liebe, keine Leidenschast, nicht einmal sinnliches Be- gchren, hatte ihn veranlaßt, um sie zu werben, einzig nur der Zwang, den ihre starke Liebe auszuüben vermochie. Mit dem Augenblick aber, da diese Liebe sich teilen mußte, dc» das Liebesverniögen der jungen Mutter bis an die Grenze seiner Kraft in Anspruch genommen wurde von dem neuen hilflosen Wesen in der Wiege, verlor sie die Gctvalt über den Mann, den nichts anderes gebunden hatte, und er ging Wege, die ihn. bald, ehe die Frau dessen gewahr zu werden vermochte, unter die Herrschaft eines anderen Willens führten. Schon den. Unverheirateten war nachgesagt worden, daß er gern und meist über die gebührliche Zeit in Wirtshäusern säße und nicht selten angetrunken heimkäme, man hatte es aber dem unregel- mäßigen, leicht zu dergleichen verführenden Junggesellenlebcn und dem unbehaglichen Zuhause zugute gehalten. Wenn er eine junge Frau hätte, so lvar die Meinung aller, die ihm gern eine verschafft hätten oder es am liebsten selbst geworden wären, würde er schon anders werden. Und es schien: diese Nachsichtigen sollten Recht behalten. Jin ersten Jahre der Ehe hörte das lüderliche Leben des Meisters ganz- lich auf.„Die verstchts!" sagten die Leute,„die hat ihn gut an der Kandare!" Als aber das Kind da war und Rother sich wieder frei fühlte von dem Zwange seiner Frau, da begann das Kretschamlaufcn und Spätheimkommen iviedcr von neuem. Der Verzählsel-Schustcr war damals gerade ins Dorf gc- kommen und übte mit seinen unterhaltsamen Anekdoten und lustigen Zoten eine große Anziehung auf die älteren wie jüngeren Männer des Dorfes und der Umgebung aus. Dem Tischlermeister hatte er es gar angetan, der wich kaum noch von seiner Seite. Wo der Glück-Schuster war, tauchte auch Rother auf, und die beiden wurden bald unzertrennliche Freunde. Damals befand sich die Erzählkunst des Schusters noch in den Anfängen, und wenn einmal, was noch öfter geschah, ein Witz oder ein Anckdötchen nicht so wirkte, wie der Erzähler sich das gedacht hatte, riß dennoch der Rother-Tischler mit seinem durch- dringenden Lachen und einer fast kindlich sich äußernden Freude ani Erzählten alle Zuhörer mit sich fort, daß niemand von dem Fehlschlag etwas empfand. Während so der Meister den Ruf seines Freundes mit begrün- den half, übte der sich immer mehr in der Auswahl seiner Stoffe und in allen Finessen seiner Kunst, und diesen Dienst hat der Schuster seinem Freunde nie vergessen. In der ersten Zeit hatte Rother, wenn er am Abend Weib und Kind allein ließ, noch bald diese, bald jene geschäftliche Besprechung in den Nachbardörfern vorgeschützt, immer seltener aber brauchte er Ausreden, immer häufiger kam«„mit einer kleinen Krehle" heim. Doch blieb er stets Herr seiner Sinne, und da die Frau seiner sicher und keine von denen war, die dem Mann jedes Vcr- gnügen mißgönnen, an dem sie selber keinen Anteil haben können, ließ sie ihn gewähren. Sie meinte: wenn es ihr anders gefiele, würde sie ihm dies Treiben bald genug wieder abgewöhnt haben, denn sie wußte, welchen Einfluß ihr Wille auf die Entschließungen und das Verhalten des Mannes auszuüben vermocht hatte. So gewöhnte sich der Meister immer mehr unter die Herrschaft des Schufters und gleichzeitig ebenso sehr an die des Alkohols, und er trieb es schlimmer und schlimmer. Als er kaum noch eine Nacht zuhause war, die Tage verschlief und die Gesellen in der Werkstatt treiben ließ, was sie wollten, erkannte sie mit Schrecken, daß der Haltlose einem Abgrund zutreibe und griff ein. Da war es schon zu spät, und sie mußte erfahren, daß sie alle Gewalt über ihn ver- lorcn hatte. Sie bat, flehte, beschwor ihn: weil aber keine Liebe ihn mit ihr verband, blieb alles ohne nachhaltige Wirkung. Der goldgelbe Glanz des scküiumcnden Bieres blendete die Augen, der süßlich- scharfe Geruch, der aus dem Schnapsglase aufstieg, kitzelte die lüsternen Nerven gar zu sehr, und ein amüsantes Zötchen des Freundes, vorgetragen in lustiger Tafelrunde, machte alle etwa gc- faßten Vorsätze schnell wieder vergessen. Da ließ er das Pflastern des Höllenweges überhaupt; der. war auch so gut genug gangbar. Rur einmal hatte sie versucht, mit dem Kinde auf dem Arm den Pflichtvergessenen aus dem Wirthaus zu holen, da sie aber keine Gewalt mehr über ihn besaß, mußte sie unter dem Spott und Ge- lächtcr seine: Freunde, aus dem ihr noch heute das scharfe Lacken des Schufters in die Lhrcn stach, unvcrrichtctcr Sache wieder abziehen. Drohungen und Schcltreden verstockten ihn nur; je geduldiger sie aber litt, was der Willensstarken ohnedies sauer genug wurde, um so mehr trieb ihn, je tiefer er sank, ihr passives Widerstreben zu Brutalitäten, und es war trotz ihres Stilleseins und stummen Berachtens kein Frieden mehr im Tischlerhause. So ging es zivei Jahre. lim das Geschäft nicht zugrunde gehen zu lassen, hatte sie all- mählich die Leitung selbst in die Hand genommen: sie sorgte für Aufträge und suchte die infolge der saumseligen und lüderlichen Arbeit abgesprungenen Kunden wiederzugewinnen, sie kaufte die Rohmaterialien, kassierte ein, führte Buch über Einnahmen und Ausgaben, sie nahm die Gesellen auf und entließ sie, wenn sie ihr nicht gefielen. Wollten die Leute etwas wissen über Art der Aus- sührung oder Lieferungsfrist, so kamen sie, auch wenn der Meister im Hause war, nur zu ihr. Hatte sie sich auch in vieles hinein- gedacht, in allem wußte sie doch nicht Bescheid, und so übertrug sie dem tüchtigsten Gesellen die Aufsicht in der Werkstatt. Mit ihm beriet sie sich; aber nach wie vor mußte alles durch ihre Hände, so daß sie immer die Meisterin blieb. Das Geschäft nahm rasch neuen Aufschwung, und die Kunden, die sich vcilaufen hatten, fanden sich nach und nach wieder ein. Rothcr merkte davon nickts, wenn er nur seine täglichen Wirtshaus- groschen hatte, gab er sich zufrieden und ließ sie gewähren. Sie aber war jetzt froh, wenn er aus dem Hause war und sie Ruhe hatte vor ihm; es ging in dieser Zeit ein Aufatmen und Freiwerden durch sie hin, weil sie meinte: nun doch, wen» auch aus andere Weise, als sie gedacht hatte, ihr Geschick noch bezwungen und in die eigene Hand bekommen zu haben. Aber sie sollte bald bitter inne werden, daß noch immer sie in den Händen ihres grausamen Schicksals war. Der kleine Paul war etiva dreieinhalb Jahre alt, als sie sich zum zweiten Male Mutter fühlte. So wenig zuerst auch diese Ge- wißheit sie entzückte, als das Kind da war, erfüllte es ihr Herz doch wieder mit warmem Glückempsindcn, und sie erhoffte von ihm eine Mehrung der kargen Freuden ihres Daseins. Das Kleine, wieder ein Knabe, war aber von Geburt an schwächlich und machte ihr täglich mehr Sorge. Um so größer wurde auch ihre Liebe zu dem Kinde, daß sie den kleinen Paul, der in seine drolligen Jahre kam, über dem Kränklichen fast vergaß. Je älter das Kind wurde, um so mehr erfüllte sein merk- würdiges apathisches Verhalten sie mit geheimer Angst. Kein fröhliches Krähen kan: von seinen Lippen, nieuials zappelte und strampelte es so munter wie andere Säuglinge zu tun pflegen, wenn sie einmal bloß liegen, nie suchte es sich die Zeit mit Spielen zu vertreiben. Der leere unintcrcssierte Blick seiner blöden Augen ging stets in derselben Richtung, in die man es gelegt hatte. (Fortsetzung folgt.) I�erkxvüräige Erfcbeinung bei der fuukentde�raphic. Wirft man einen Blick in das vom Berne: Bureau hcrauSge- gcbene Verzeichnis der Funkentelcgraphcnjtationcn, so kann man unter der Spalte„Reichweite" bei manchen Stationen bcispiels- weise lesen:„Tags dreihundert, nachts achthundert Kilometer", und wird diese Verschiedenheit vielleicht dem Umstand zuschreiben wollen, daß nach Sonnenuntergang bei diesen Stationen einfach mit Hilfe einer höheren Eleltriziiätsmcnge eine größere Reichweite hervorgerufen wird. Aber weit gefehlt; nicht das geringste wirb verändert, weder an der Stromquelle, noch an all den verschiedenen Apparaten. Und doch arbeiten drahtlose Stationen nach Eintritt der Dunkelheit auf weitaus größere Entfernungen als am Tage. Sic ziehen sich nämlich eine in Laienkrciscn unbekannte und in Fachkreisen leider viel zu loenig beachtete Naturerscheinung zunutze, die sich darin äußert, daß unter gewissen atmosphärischen Bedingungen die nachts von drahtlosen Stationen ausgcsandten elektrischen� Wellen viel weiter wahrzunehmen sind, als dies am Tage der Fall sein würde. Diese Vorbedingungen herrschen in sud- lichen Breiten sast allnächtlich, während sie sich in unserem Zonen- gürtel mehr auf die Monate Oktober bis März, also auf die käl- tcre Jahreszeit beschränken. Sehr zu bedauern ist es, daß die Wissenschaft sich bis heute noch so gut wie gar nicht nnt der systematischen Erforschung und Er. klärutig dieser gewiß nicht unwichtigen Erscheinung beschäftigt hak. Es ließe sich mit mäßigen Schwierigkeiten unter Beteiligung aller großen Gesellschaften für Funkentelegraphie eine Statistik her- stellen, die sich iiifolge der heute schon sehr bedeutenden Anzahl von Land- und Schisssstationen auf alle Teile des Erdballes er- strecken würde. Gewiß könnte sich auf Grund eines ein- oder mehr- jährigen Materials zum mindesten feststellen lassen, unter welche» Gesetzen die erwähnte Erscheinung ins Leben tritt. Die Unterlagen ließen sich folgendermaßen leicht zusammen- stellen:. Die„drahtlosen" Gesellschaften weisen ihre Telegraphisten an, über jede außergewöhnliche nächtliche Verbindung neben dem regelmäßigen Tagcbuchbericht, der schon immer gemacht wird, eine besondere Aufstellung der atmosphärischen Beobachtungen während jener Zeit einzusenden. Letztere lassen sich bei Dampfern jederzeit aus dem Schissstagebuch ersehen und müßten sich aus Position der beiden verbindenden Stationen, See, Wind, Himmel, Barometer- Thermometer und Zustand der Atmosphäre(ob elektrische Störun- gen vorhanden) erstrecken. So viel mir bekannt ist, hat eine Gesellschaft schon vor ungc- fähr zwei Jahren begonnen, derartige Ausstellungen zu sammeln. lieber die Art der Erscheinungen möchte ich noch einige selbst gemachte Erfahrungen hinzufügen. Unter normalen Verhältnissen beeinträchtigen bekanntlich Ge- birge in ziemlich erheblichem Maße die Reichweite elektrischer Wellen. Ein gutes Beispiel sind die norwegischen Fjorde, in deren oftmals winkeligen Engpässen einander begegnende Schisse fast buchstäblich nur solange Verbindung haben, als sie in Sichtweite sind. Aus offener See dagegen arbeiten dieselben Stationen meh- rere hundert Kilometer miteinander. Herrschen jedoch nachts günstige Bedingungen, so spielen Berge absolut keine Rolle. Tie holländische Station Schcvcningen, ebenso wie die deutsche Station Norddeich arbeiten nach Sonncmmtergang sehr oft leicht mit Schissen, die sich im Mittelmeer befinden; es werden dabei Alpen und Appennin überquert. Mit Algier und Marseille ist nächtlich häufig gute Verbindung von Schiffen, die sich zwischen den Azoren und der Nordwestküste Spaniens befinden. Auch Dampfer untereinander arbeiten in solcken Nächten üben Gebirge hinweg. Wie schon erwähnt, vervielfacht sich gleichzeitig die Reichweite. Verbindungen bis 4000 Kilometer sind von Sta- iionen hergestellt worden, deren. Energie am Tage eine Reichweite von etwa 350 Kilometer garantiert. Die Dauer der Erscheinungen ist sihr verschieden; oft erstreckt sie sich über Stunden, oft nur über Sekunden. ES kommt auch vor- daß man eine Station vorerst äußerst leise, dann sich verstärkend und wieder abschwächend, hört. Das Schwanken wiederholt sich manchmal. Oft bricht auch die Verbindung plötzlich ab. Zuweilen nimmt man nur einige, rasch wieder ersterbende Zeichen wahr, ivie wenn sie der Wind vorüberwehtc, der natürlich in Wirklichkeit nichts damit zu tun hat. Bekanntlich dienen ja den elektrischen. wie auch den Lichtschwinaungcn der Aether als Fortpflanzuilgs- mittel. Bierhunderttauscnd Kilometer legen beide darin in einer Sekunde zurück. Daß die Erscheinung oft nur strichweise auftritt, beweist die Tatsache, daß von zwei Dampfern, die gegenseitig in Verbindung sind, machmal nur einer mit einer dritten, sich in großer Eni- fernung befinölichen Station arbeitet, während der andere dazu nicht imstande ist. Dabei lau» sich gar der letztere zwischen den arbeitenden Stationen befinden. Bei der an der äußersten Nordwestspitze von Frankreich liegen- den Landstation Oucssant besteht eine andere Eigentümlichkeit. Mit dieser können Schisse, die sich im Südwesten, vielleicht bei den Azo- rc», oder im Süden Iresinden, sehr leicht bis 2000 Kilometer in Verbindung treten. Im Osten und Westen dagegen kann man mit derselben Etation derartige Entfernungen nicht„machen". Viel, viel mehr Beispiele für diese Eigentümlichkeit der nacht- lichen Atmosphäre ließen sich noch anführen. Ihr Vorkommen ist zahllos und vor allem äußerst wichtig, denn mit ihrer Hilfe werde» Fnnkentelegramnie über riesige Entfernungen befördert; Entfer- nungcn, deren Ucberbrückung am Tage einen kolossalen Aufwand an Energie und äußerst lostspielige Etationen erfordern würde. lieber die Erscheinungen lassen sich bis jetzt leider� nur Ver» mutungen anstellen. Einige glauben, daß der Aether sich gewissermaßen nachts, also nach Ausschaltung der Lichtwellcn, in besserem Maße den elektrischen Schwingungen widmen kann, dadurch also die Reichweite vergrößert: eine Mutmaßung, die schon durch die Tat- fache an Glaubhaftigkeit einbüßt, daß die Erscheinung eben nicht allnächtlich auftritt. Andere schreiben sie einem Einfluß des MondeZ. auch den Erscheinungen dcS Nordlichtes zu. Wieder andere verbinden sie mit auftretenden crd- und luftmagnetischen Strömen. Letzteres ist übrigens eine Hypothese, die nicht jeden Grundes bar ist. Eine ein!vandfreie Erklärung läßt sich jedoch nur durch eifrige, großzügige Beobachtung und Registrierung aller wahrgenommenen Erscheinungen geben, deren Sammlung auf dem oben envähntcn Wege leicht und sicher zu bewerkstelligen wäre. Und hat man erst die gesetzmäßige Grundlage gefunden, so kann man vielleicht auch den Gedanken verwirklichen, künstlich, also ganz nach Belieben, die Erscheinung hervorzurufen. Die sicherlich damit Hand in Hand gehende ungeheure Ber- l-illigung der Funkcntelegraphie würdc� diese dann im wahrsten Sinne des Wortes zum Gemeingut der Seeschiffahrt machen. Vielleicht nur ein Traum,— vielleicht auch eine Wahrheit. _ W. Schöbest Kleines femlleton. Verkehrswesen. D i c EntWickelung der Verkehrseinrichtungen. Unsere Verkehrsmittel haben in den letzten Jahrzehnten, wie all- gemein bekannt, eine riesige Entwickelung zu verzeichnen. Das ist eine Folge der fortgesetzten technischen Verbesserungen der Vcr- kehrseinrichtungen, zu welchen die gewaltige Ausgestaltung des Welthandels und des ReiseirS den Ansporn gab. Durch dieses Zu- sammenwirken sind gleichsam Länder und Erdteile von ihren Plätzen verschoben und sich näher gebracht worden. Was zunächst die Eisenbahnen der Erde betrifft, so hat sich deren Länge von 617 285 Kilonieter im Jahre I8A) auf 1 006 748 Kilometer zu Beginn des Jahres 1940 ausgewachsen. In derselben Zeit erwei- tcrte sich die Länge in Europa von 223 86S auf 329 694 Kilometer. Absolut genommen hat Amerika mit 513 824 Kilometer das um- fangreichste Eisenbahnnetz. Am lebhaftesten entwickelt hat sich das Eisenbahnwesen in Afrika, wo sich in dem angegebenen Zeitraum die Länge der Eisenbahnlinien von 9386 auf 33 481 Kilometer co- weitcrtch Am dichtesten ist das Schiencnnetz in Belgien, wo auf 100 Quadratkilometer 28,1 Kilometer Eisenbahn entfallen. Es folgt dann Königreich Sachsen mit 21,0; England mit 11,9; Preußen mit 10,6 5lilometer usw. Das in Eiseubahnanlagen investierte Kapital ist natürlich inzwischen erheblich gewachsen, so z. B. bei den deutschen Staatsbahnen von 11407 Millionen M. im Jahre 1895 auf 17 489 Millionen M. im Jahre 1908. Die Handelsmarine hat eine ähnliche Ausgestaltung erfahren. Im Deutschen Reich vermehrte sich von 1901 auf 1910 die Zahl der Segel- und Tampfichiffe von 3883 auf 4658, ihre Re- gisterwns von 1 941 645 auf 2 859 307. DaS ist eine EntWickelung, wie sie Win anderer Staat aufweisen kann. Das Britische Reich verfügte im Jahre 1000 über 34 875 Schiffe mit 10 751 392 Registcr- tons, 1910 aber auch nur über 38 798 Schiffe mit 13 348 013 Re- gistertons. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika verfügten 1910 zwar über 20 658 Schiffe, doch hatten sie nur 4 459 264 Rv- gistertons, woraus hervorgeht, daß die Schiffe meist klein sind. Am lebhaftesten hat Japan feine Handelsmarine ausgestaltet, nämlich von 5179 Schiffen mit 863 937 RcgistertonS im Jahre 1900 auf 8240 Schiffe mit 1 601 301 Registertons im Jahre 1910. Es ist natürlich, daß die Segelschiffe immer mehr ausgeschaltet werden. Während auf der ganzen Erde im Jahre 1900 noch 680 Segelschiffe mit zirka 290000 Registertons gebaut wurden, waren eS 1909 nur noch 344 Schiffe mit 58 000 Rcgistcrtons. Wie sich im großen und ganzen der Seeverkehr gehoben hat, geht z. B. daraus hervor, daß 1900 im Deutschen Reich 14 500 Schiffe überhaupt ankamen, 1009 ober 22 216. Rächst London mit 18 076 im Jahre 1909 angekom- menen Schiffen überhaupt ist Hamburg mit 12 022 eben dann cinge- Laufenen Schiffen der größte Hafen Europas. Seit 1905 sind nicht weniger«als 44 neue Kabelverb in- d n n g e n zwischen verschiedenen Ländern geschaffen worden. Mitte de? Jahres 1911 bestanden auf der ganzen Erde 2129 Kabel im Staatsbesitz mit 90 689 Kilometer Länge und 399 Kabel im Besitz von Privatgesellscbaftcn mit 403 262 Kilometer Länge. Eine große Ausgestaltung haben auch die Telegraphen- und Fern- sprccheinrichtungen gefunden. Deutschland hatte 1910 insgesamt 41276 Telegraphcnanstalten und ein Drahtnetz von 258 450 Kilometer Länge. Befördert wurden 54 Millionen De- pcschen. Mit diesen Einrichtungen steht Deutschland obenan; es wird nur in bezug auf die Zahl der Telegramme von Eroßbritan- rnen(89 Millionen) und Frankreich(60 Millionen) übertroffen. Die Zahl der Ortsfern fprechnetze beträgt in Deutschland 6197; die Länge der Linien 106 714 Kilometer. Frankreich zählt 6898 Ortsfernspreckmetzc; die Länge der Linien beträgt 36 146 �Vi- lometer. Posta n st alten besitzen Deutschland 50 328 mit 326 703 Beamten, Bereinigten Staaten von Amerika 63 663 mit 251453 Beamten, Großbritannien 23 909 mit 207 947 Beamten, Frankreich 13258 mi 102 374 Beamte» uiw. Immer enger haben die Schienen und Drähte die Vcrbindun- gen und Beziehungen der Völker geknüpft; mehr und mehr vcr- wischt wurden die geographischen Grenzen. An Stelle der vielen Nationen entwickelt sich immer mehr die Teilung der Menschheit in die z w e i Rationen der Be s i tz c ndenund der Hungernden. Sebacb. Nnter Leitung von S. Alapin. Li. Teichmann. ad eds fgh ab ede fgh Schwarz zieht und gewinnt. Schachnachrichten aus Karlsbad. Nach der 18. Runde ist der Stand fümtlicber Spiele so: Teichinann 13'/,. Roilevi und Schlecbter I2llp Rubinslein 12, Marshall lO1/»; A lechin, Spielmann 10; Niemzowitsch, Perlis, Lüchting. Vidmac S'/z; Dura«, Cohn, Leonbardi, Löwenfisch, Tartalower 9; Aurn, Fahrni 8; Kostilsch, Duz 7'/z; ChajcS 7; Joffe, Salwe, Alapin, Johner 6'/,; Rabino- witsch 6. Folgende theoretische Neuerungen des Karlsbader Turniers dürften für die Leser von Jntercsie sein:.Französische Partie". Nach 1. e2— e4, o7— e6; 2. d2— d4, 87—65; 3. Sbl— c3, Sg8— f6; 4. Lei— gö, Lf8— e7; 5. e4— eö, SfO— 87; 6. Lg5Xe7, DdSXe? wurde statt der bisher übli.ben Züge 8i,5(Alapin) und L83(Leon- Hardt) von Dr. PerliS die Neuerung 7. 12—14 gebracht. Dies wurde von Fahrni durch 7...... c7— cö; 8. Sc3— b5, 0—0; 9. Sb5— c7, cöXd4; 10. So7Xa8, Sb8— c6; 11. Sgl— 13, 17—16 mit starkein Angriff für den geopferten Turm beantwortet(12. L83, 1e, 13. fe, SdXeö; 14. 0— 0, Sg4 zc. Partie Lvwenfisch-Fahrni). Alapin be- antwortete die Neuerung von Dr. Perlis(7. 14) mit 7...... 17— 15, wonach in der Partie.Perlis-Alapin" durch 8. Se3— b5, 887— b 6; 9. c2— c3, a7— a6; 10. Sb5— a3 fortgesetzt wurde. Weiter geschah: 10...... Sc6; 11. 813. 883; 12. Ld3, 817.; 13. D82, Ld7; 14. Sc2, Lb5; 15. bS. LXd3; 10. 0X83. g5; 17. g3, gl; 18. gf. Tg8 k. Dieselbe Idee wurde von Alapin auch gegen Spielmann durchgeführt. Letzterer spielte nämlich die üblicken Züge 7. 8e3— b5, 887— 66; 8. c2— c3, a7— a6; 9. Sb5— a3. Nun folgte 9..... Sb8— c6; 10. 12—14, 806—88; 11. Sgl— 13, Lc8— 87; 12. Iii— 83, 17— 15 und Spielmaun antwortete 13. e5Xk6. In der Eröffnung.Caro-Kaim" 1. e2— o4, c7— c6 ist die Neuerung zu verzeichnen, die Alapin gegen Duraö brachte: 2. c2— c4. Es folgte: 2...... 87— 85(2..... 06; 3. 84, 85; 4. Sc3 tc.); 3. 04X85. e6X85; 4. c4Xd5, 1)88X85(4..... 816; 5. Lböf. Ld7; 6. Lc4 je.); 5. Sbl— c3, Dd5— a5; 6. 82—84, Sg8— 16; 7. Iii— 04. Sb8— c6; 8. Ddl— b3, e7-c6; 9. Sgl— 13(9..... Db4; 10. 0-0, L87; 11. 85 je.). Abgelehntes KSnigsgaiudit. Am 7. September in Karlsbad ge- spielt. Besser Ds7 oder 17—15. 5. LH— bö 6. 82-84 7. 14Xe5 8. 84-85 Der Springer 1x8-87 Leo— b6 d8Xe5 Sc6— b8 spielt eine traurige Nolle die ganze Partie hindurch. verant«. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: PorwärtsBuchdt:!ckcrei u.VeriagsallstaltPauiS!NgcräCo.,BcrI>ii8>V, 17. Lg5-e3 17-16 18. c2— c4 c7— c5 10. a2— a3 868-06 A. Rilbinstein. H. Salwe. 20. 813-64 1)86— o? 1. e2— o4 e7— e5 21. Tal— cl Se8— 86 2. 12-14 Lf8— c5 22. g2— g4 Ta8— c8 8. Sgl— 13 87—86 23. Sg4— 15 Ld7XI5 4. c2— c3 868—06 24. g4Xf5 Saß— b8 25. aS— a4 868—87 26. Tel— o2 Tc8— aS 27. 62—68 T18-17 28. Tc2— g2 Kg8— h8 29. Kgl— h2 887-18 30. Del— h4 67—66 31. TU— gl 818-67 9. Lb5— 83 Dd8-e7 32. Tg2-g6 TaS-18 10. Sbl— a3 1 Sg3— 16 33. Dh4-g4 Sh7-g3 11. Su3— c4 816— g4 34. 62—64 Do7— 88 12. Sc4Xb6 a7Xb6 34.... 867; 35. LX66 jc. 13. 62-63 Sg4— 16 35. h4Xg5 h6Xg5 14. 0—0 0—0 36. K62— g2 K6S— g3 15. Lei— g5 088—86 87. Tgl— 61 T18— d8 16. Ddl— ol 816— eS 33. Dg4— 65 Aufgegeben. Vom 14. September ist die uachstchende Slanzpariic zu ver« zeichnen: Teichmann(Weiß) Schlechter. 1. et, e6,' 2. 813, Sc6; 3. Lb5, a6; 4. 1x4. 816; 6. 0-0. 1x7; 6. Tel, 65; 7. 063, 86; 8. c3, 0-0; 9. 83, Sa5; 10. Lc2. c5; 11. 8682. 806; l2. Sil, Dc7; 13. Se3, Lb7; 14. 815, TleS; 15. Lg5, 887; 16. 063. 8f8; 17. 085, Sg6?(richtig war LdSI) 18. LXo7, Sg6Xe7; 19. LX�fl, KXl'; 20. Sg5f, KgS; 21. 065, LXk5; 22. DXhTf, Ivf8; 23. DXfBf, KgS; 24. Dgß, 087; 25. Te8. Schwarz gab auf.