Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 182. Mittwoch� den 20. September. 1911 (Nachdruck verdolen.) 14, Vor äem Sturm. Roman von M. E. d e I l e G r a z i e, Immer lauter, immer beredter wurde die Einsamkeit um ihn. Diese Gedanken... Und er betete doch! Plötzlich fuhr er empor.„Gib du mir a Zoacha," hatte er der Gottes- inutter im Niederknien zugeflüstert. War das am Ende ihr Zeichen? Geh' hin und suche dein Recht, und hast Du's ge- funden, bring' es den anderen." Das glaubte er zu hören, wie von einer Stimme ge- fprochen— laut, eindringlich. Ja, er wollte gehen! Als er sich erhob, schien ihm der Wind förmlich weiter- zuschieben, mit einem erregten Gezische! hinter ihm herzu- laufen...„Geh'— geh'— geh'!" Als wären tausend Geisterstimmen um ihn lebendig geworden— die Stiminen oll der Dulder, die sich nie ihrer Menschenwürde besonnen— aus Angst, vor Arbeit oder in dumpfer Gewohnheit. Bis die Zeit ihre Leiber selbst zu Schollen zusammengetreten hatte, die nun auch Reichtum brachten und Brot trugen für die Herr- schaft, während die Enkel schweißtriefend darüber hingingen wie einst die Väter. „Geh'— geh'— geh'!" Und er ging. Der„Schreiber", wie der Winkeladvokat von Schönbach der Mrze halber genannt wurde, genoß das volle Vertrauen der Bauern. Von weit und breit trugen ihm die Leute ihre klagen und Anliegen zu, und jedem wußte er einen Rat, fand er irgend einen Ausweg aus dem Wirrsal der Paragraphen, vor denen die schlichten Leute nicht nur den Respekt der Ein- falt, sondern auch die Angst der Gewitzigten hatten. Viel, sehr viel, mußte einem Bauer geschehen, bis er sich an den „Schreiber" wandte. Saß er aber einmal dort, riß er Mund und Augen auf vor Staunen, daß er überhaupt noch ein Recht besaß, und manch einer traute den eigenen Ohren nicht, so hündisch hatte die Gewohnheit, zu ducken, sein bißchen Selbst- gefühl zusammengeprügelt, lind so weit all diese Unter- drückten und Rechtlosen daherkamen, so weit wurde der „Schreiber" geliebt und verehrt. Hätt' es ihm eines Tages Spaß gemacht, von ihnen Zehent und Robot(Arbeitsleistung) zu verlangen— Zehent und Robot wären i h m mit leuchten- den Augen gewährt worden: lieber als dem Pfarrer und dem «besten„gnädigen Herrn". Die Leute wußten selbst nicht, woran es lag. Aber für den„Schreiber" wären sie durchs Feuer gegangen. Dabei war es ihm nichts weniger als leicht geworden, sich in ihr Vertrauen hineinzureden. Denn mit dem „Schreiber von Schönbach" hatte es eine ganz eigene Be- wandtnis, und die Bauern waren ihm anfangs so scheu und vorsichtig aus dem Weg gegangen, als hätte sich der richtige „Wolf im Schafspelz" unter ihnen niedergelassen. Der „Schreiber von Schönbach" war nämlich selbst ein— Graf. Ein armer, heruntergekommener Graf zwar, aber immerhin auch einer von den verhaßten„gnädigen Herren". Sein Wappen war sogar eines der ältesten und in den landständi- fchen Tafeln von Steiermark wurde der Name seines Ge- schlechtes seit undenklichen Zeiten geführt. Wer hätte da glauben sollen, daß er es mit dem Bauer ehrlich meine? Daß er ein Leben voll wilder Abenteuer hinter sich habe, stand ihm im Antlitz geschrieben. Aber auch er selbst niachte kein Hehl daraus, packte sogar mit einem gewissen Behagen aus, was er erlebt und durchgemacht. Der zweitgeborene Sohn seines Vaters, hatte er zwar keine Anwartschaft auf das Majo- rat, sein Erbe jedoch war auch kein kleines gewesen. Weil er es aber„mit viel zu großen Augen angeschaut", wie er von sich selbst sagte, lief es ihm nur so unter den Fingern weg. Immerhin glaubte seine Sippe ihn noch retten zu können, und diese„Rettung" so gründlich und christlich als möglich zu gestalten, zwang man ihn in die Ehe mit einer alten, häßlichen Gräfin. Zwei Jahre ertrug er die Tugend seiner Gattin und das von Tag zu Tag sich steigernde Wohlgefallen der„Retter". Als ihm Tugend und Wohlgefallen aber zuviel Salbung de- kamen, wie er sagte, begann er die Tugend zu prügeln und dem Wohlgefallen einige Wechsel zu präsentieren. Worauf sich die Tugend von ihm scheiden ließ und das Wohlgefallen sichi von ihm zurückzog, ein für allemal. Denn vor dem Wechsel- einlösen macht auch die beflissendste Nächstenliebe Halt. Einige Jahre lebte er von dem Erlös der wenigen Kost- barkeiten, die er noch sein eigen nannte. Schiveren Herzens gab er fie dem Juden. Als er sie aber los hatte, staunte er, mr- S-l!r u j man auch ohne dergleichen leben könne, Als Schmuck und Silber beim Teufel waren, ging es an Wäsche und Garderobe. Zwanzig 5ioffer hatte er davon. Das über- lluiligste Zeug, wie er heute sagte. Auch davon erlöste ihn der Jude. In. diesem Zustand geriet er nach Schönbach Der Bauer, bei dem er Wohnung nahm, gab ihm durch sen, tägliches Leben eine Lehre, die ihm alle Hofmeister und „Mcntres"(Lehrer) nicht beigebracht, so teuer auch seine lieben Eltern sie bezahlt: wie wenig man brauche, um ein glücklicher Mensch zu sein— glücklicher als manche, die mit„Vieren" daherfuhren. Und wie köstlich es sei, über der Arbeit eines Tages die Stunden zu vergessen, die einen dem Alter und dem Grab näher brachten. Ter Bauer besaß nicht eininal einen Koffer voll Zeug. Mit dieser Erkenntnis und seinen letzten zwei Koffern zog sich der Herr Graf aufs Land zurück. Den Seinen war er ein Ekel und Greuel gewesen. Nun wollte er sich einmal die Seinen„vom anderen Ufer" aus betrachten. Diese Drohnen, die sich so wichtig vorkamen, mit so viel Getu und Gesumm um den jeweiligen„Weisel" herumflogen und im Grunde doch nichts waren, als lästige Schmarotzer und Müßig- gänger. Soweit er sich erinnerte, waren ihm die Bauern immer als eine Art unsauberes„Vieh" geschildert worden: als Bestien, gegen deren Roheit und Unflat weder das Christen- tun, noch die von Gott eingesetzte Obrigkeit aufkamen. Und vielgeklagte, bis in die Seele �signierte Herren mußten ihr Leben damit zubringen, diese„Bande" in Zucht und Glauben zu erhalten. Der Herr Graf mußte nicht allzu lange in Schönbach sitzen, uni mit einigem Erstaunen gewahr zu werden, auf welcher Seite das„Vieh" stand. Denn, ob ein Tiger seinen Bart kräuselt oder nicht, ein Tiger bleibt er doch, und dem Vieh, dem es„bestimmt" ist, von ihm verzehrt zu werden oder unter dem grausamen Schlag seiner Pranken zu verbluten— diesem Vieh kann es doch alles eins sein, ob die höhere Bestie soigniert ist oder nicht. Gefressen wird es auf jeden Fall. „Schau, schau," dachte der einstige Herr,„wie ganz anders wir aussehen von— dieser Seite!" Kurz, die Sache begann ihm Spaß zu machen. Ein Zufall fügte es. daß sein Hauswirt bald darauf in einen Handel mit der Herrschaft geriet. Einige Zeit ver- bargen die Leute voll Mißtrauen ihre Angelegenheiten vor ihm. Als die Geschichte aber von Termin zu Termin eine schlimmere Wendung nahm, ging der Bäuerin doch endlich der Mund über. Und weil der Bauer zugleich mit ihr und dem Herrn Grafen auf der Bank saß, gab er das Sachliche dazu. Der vornehme Mieter brauchte nicht allzu scharf auf- zuhorchen, um es sehr bald herauszukriegen, welch ein Unrecht da wieder unterwegs war, und daß der Bauernadvokat der Regierung so gewiß von der— Herrschaft das Seine hoffte, als die Herrschaft von ihm. Der Graf hatte nicht völlig umsonst einige Semester Jurisprudenz hinter sich und die „Kameralia". Was er schon längst vcrsckpvitzt und vergessen glaubte, blühte aus der geistigen Frische, die er seinem neuen Leben dankte, nun förmlich verjüngt hervor. Und mit einer Art wehmütiger Genugtuung entdeckte er plötzlich, daß er doch nicht bloß der„Nichtsnutz" sei, als den ihn feine Familie estimiert hatte und er sich selbst. Ein„Jurist" stak in ihm, der mit hellen Augen in alle Winkel sah, die das Recht ver« klausulierten, mit unerbittlicher Verstandesschärfe die Hin- fälligkeit der gegnerischm Gründe erkannte, und nicht einen Augenblick verlegen gewesen wäre, all diese Spitzfindigkeiten auch vor dem Tisch des Richters in ihr Nichts zu zerpflücken. So trefflich stand ihm plötzlich selbst die Rhetorik zu Gebot. � Der Bauer'riß Maul �md Ohren auf, die Bäuerin flennte. Sie hatten ihre Sache schon aufgegeben. Nun zeigte ihnen ein Fremder, und noch dazu ein„gnädiger Herr", daß das Recht auf ihrer Seite hielt und kein Gesetzbuch mehr zu finden war. in dem der strittige Paragraph noch zu Reckst bestanden hätte. Herrschaftsadvokat und Bauern-„Rechts- - 726-* freund" hatten sich als echte Auguren gesunden und mit ebenso viel Rhetorik als Niedertracht einen„Brauch" an die Stelle des Rechtes gesetzt. Us war das perfideste Scheingefecht, das man sich denken konnte, der reine Streit um des Kaisers Bart. Gleich am nächsten Morgen machte er sich an das Studium der Akten. Und als er auch schwarz auf weiß bestätigt fand. was ihn die schlichte Darlegung der Leute vermuten ließ, ruhte er nicht eher, bis er die beiden Judasse des Rechtes von Punkt zu Punkt, von Replik zu Duplik entlarvt hatte— auch .schwarz auf weiß. Mit dieser Schrift schickte er seinen Haus Wirt zu dem„Vertreter der Untertanenrechte". Der stutzte, erkannte die Löwentatze, die sich ihm da, vorerst anonym— entgegenstreckte, und weil man doch nicht wissen konnte, wer und was dahinterstak, besann er sich noch zur guten Zeit. Und siehe— das Recht siegte. An jenem Tag zerdrückte auch der Bauer ein Paar Tränen scheuer Dankbarkeit in seinem Auge. Die Bäuerin aber schwor unn nicht höher, als beim Herrn Grasen. Im ganzen Kreis sprach sich die Sache herum, natürlich nur unter den Armen. Der „Schreiber von Schönbach" aber war seither ein vielgesuchter Mann. So brauchte er auch um sein Brot nicht mehr Sorge zu tragen. Mehr'als diese Sorglosigkeit aber freute ihn die Arbeit selbst. Von Fall zu Fall lernte er zu, sah immer tiefer, immer schärfer zwischen den Maschen des Netzes durch, in dem das Recht der anderen erwürgt wurde. Dabei machte es ihm Spaß, nicht nur die Kniffe der Rechtsverdreher zu studieren, sondern auch die Gier und Härte derjenigen, die sich hinter diesem sogenannten„Recht" verschanzten. Und er lernte seine Leute kennen; so gut, daß er zuletzt selbst das Staunen verlernte. Nur eines nahm ihn wunder, daß alles noch klappte und ging in diesem Staate, und die große, große Schafherde, die alljährlich von einigen wenigen geschoren und geschundew wurde, noch keinen. Laut von sich gab. Wie lange aber konnte das noch so fortgehen? In den Städten begann sich der Unmut der Bürger schon langsam zu regen. Doch war dies ein Unmut, der sich mehr wider die politische Un- freiheit kehrte..Ein heimlicher Kampf, der idealeren Gütern galt. Begann es sich aber einmal hier draußen zu rühren, kam es schlimm. sZortsetzung folgt.)? (Nachdruck verboten.) 12) Die Meisterin. Der Kleine galt als ein großer Tierfreund, und er achtete nicht auf Art und Aussehen der Tiere, die er zu seinen Lieblingen erkor. Oft waren es gerade solche, die sonst den Menschen Abscheu zu erregen pflegen. Seine Pfleglinge hätschelte und verwöhnte er über die Maßen, und wenn sie ihm eingingen, grämte er sich selber halb zu Tode. Mochte er aber aus diesem oder jenem vielleicht auch aus gar keinem Grunde ein Tier nicht leiden, so war er imstande. es mit teuflicher Grausamkeit zu quälen, bis der Tod es von seinen Martern erlöste. Da kam etwas Unbändiges, Wildes über ihn, eine Art Raubtierinstinkt. Nichts Lebendes war bei ihm vor solchem Lose sicher, nur seine Lieblinge; denen hielt er aber auch Treue bis zum letzten Atemhauch. Wie/ den Tieren verhielt er sich auch den Menschen gegen über. Die Seinen liebte er als sorgender Gatte und Bater, und war es auch seiner Art nicht gegeben, überschwenglich zu werden, so hatte er doch für sie manche rauhe Zärtlichkeit, und als vor Jahren sein Weib ihm starb, empfand er tiefen' Schmerz. An Menschen, die ihm einst eine kleine, von ihnen längst schon vergessene Gefälligkeit erwiesen hatten, konnte er mit der Treue eines Freundes hängen, und manchem wandte er ohne jeden er. sichtlichen Grund seine Zuneigung zu, nur weil ihm etwas be- sonderes an ihm gefiel. Hatte aber jemand einmal ihn, den leicht Verlctztbaren, durch Wort oder Miene gekränkt, oder mochte er ihn nicht, weil sein Wesen und Gehaben oder seine Nase ihm nicht zusagten, den konnte er mit hundert kleinen, teuflisch ausgedachten, heimlich zur Anwendung gebrachten Listen und Ränken quälen bis aufs Blut. Immer wußte er etwas, was diesem Menschen schadete, und er legte ihm Steine in den Weg, wo jener es gar nicht »ermutete. Warum er die Frau seines Freundes Rother haßte, lange ehe der Kampf zwischen ihr und ihm um ihren Mann begonnen hatte, wußte der Schuster selbst wohl nicht. Nie hatte die Frau ihm etwas getan, sie waren sich bis zu der Zeit, da der letzte Kampf zwischen ihnen anhob, kaum wenige Male begegnet. Viel- leicht war es, weil er vom ersten Kennenlernen an in der Herben. Kerschloffenen einen Willen witterte, gleich stark dem seinen. eisern und groß. Er liebte den Kampf mjt solchen Menschen, da ihr Widerstand ihn reizte, alle seine tückischen Liste spielen zu lassen, um Sieger zu bleiben. Von dem Augenblick an, dck er merkte, daß der haltlos» Meister einem liederlichen Leben verfallen war, das seine Familie« wenn er es fortsetzte, dem Untergang zuführen mußte, war er sich dessen bewußt, daß dieser Kampf ausbrechen würde. Und als er fühlte, daß die Frau, sowie sie die Gefahr erkannte, danach strebte, Gewalt über den Mann zu bekommen, setzte er alles daran, ihren Einfluß unwirksam und sich selbst zu seinem Herrn und Meister zu machen. Durch Schöntun und Unterstützen seiner Leidenschaft wußte er den Freund fest an sich zu binden, und eifrig hielt er daraus, daß er ihn auf seinen abendlichen Kunstreisen stets begleitete, Seinetwegen blieb er länger hinter den Wirtshaustischen hocken, als er sonst zu tun pflegte, nur weil er wußte, daß die Fraw daheim sich darüber grämte. Da er selbst nicht so viel trinken konnte und wollte, als ihm angeboten wurde, animierte er dis Gäste, die sich ihm dankbar erzeigen wollten, dem Meister ein frisches Glas zu spendieren, und damit gewann er sich dessen ganzes Herz. Meist hätte es nicht erst des brutalen Scherzes bedurft, den die ausgelassene Runde oft genug übte: Rother heimlich Schnaps in das Bier zu gießen, um ihn trunken zu! machen. Das Unglück mit den beiden Kindern, das er instinktiv ini Verbindung brachte mit seinem unheilvollen Einfluß aus den Freund, ohne den inneren Zusammenhang freilich zu erkennen, war ihm ein erster heimlicher Triumph über seine Gegnerin, Mit der Kraft eines Willens, wie Frau Rother ihn besaß» mit einer Liebe im Herzen, wie sie für ihren Mann sie hegte» wäre es jeder anderen Frau möglich gewesen, den Verlorenen wieder zu gewinnen. Aber sie wußte nicht, ihre Liebe reden zu lassen, herb und kalt blieb ihr Wesen, auch wenn sie innerlich glühte, es war ihr nicht gegeben, zärtlich zu sein, liebe Worte zu sagen, und wenn ihr jemand in die Augen sah, auf deren Grund in Flammenzeichcn leuchtete, was sie empfand, schlug sie die Deckel ihrer Lider darüber. So machte ihre Liebe sie zwar stark und reich, aber sie half ihr nicht in dem Kampf um ihren Mann, und Glück-Karl, der Schuster, blieb Sieger, noch ehe sie wußte, daß er es war, mit dem sie zu kämpfen hatte. Seit dem Unglück mit den Kindern, das ihr Wesen noch der- schlossener und herber gemacht hatte, versuchte sie nicht mehr durch Bitten und Drohen auf ihren Mann einzuwirken; nun handelte sie. Um sich nicht mehr mitschuldig zu machen an neuem Unheil. versagte sie sich ihm, und wenn er auch fluchte und bettelte, sie kämpfte einen viel schwereren Kampf mit ihrer begehrenden Liebe. Noch an demselben Tage, an dem sie von Doktor Härtung sich Gewißheit geholt hatte, ließ sie das Bett des Meisters in eine Bodenkammer stellen, und als der Trunkene spät in der Nacht heimkehrte, bedeutete ihm der Zuruf der Frau durch die ver- schlossene Tür, wo er in Zukunft seine Lagerstätte zu suchen habe. Für seine Wirtshausbesuche verweigerte sie ihm Pas Geld. Nicht einen Pfennig gab sie mehr her. Seinem Toben setzte sie einen stummen, zähen Widerstand entgegen, der seine Wut oft ge° nug bis zur Raserei steigerte, daß er auch vor Mißhandlungen seines Weibes nicht zurückscheute. Sie klagte zu niemand, nie rief sie jemand zu Hilfe, zu keinem flüchtete sie; stumm erduldete sie. mit blutigem Weh im Herzen, was er ihr antat, und ihr Gesicht blieb reglos und hart. Selbst wenn sie seinen Gewalttätigkeiten ausweichen konnte, tat sie es nicht und trug ihre Schmach wie eine Buße, bis sein Toben sich erschöpft hotte. Da versuchte er es auf andere Weise. Wenn sie nicht im Hause war. durchsuchte er alle Schübe, alle Kasten und Schränke nach Geld, und als es seinem Eifer nicht ge- lingcn wollte, ein paar Pfennige zu erspüren, setzte er seine Be- mühungen laut schimpfend auch in ihrem Beisein sort: alle Sachen, Wäsche, Kleider, warf er wild durcheinander, zerbrach Tassen und Teller... aber Geld fand er nicht. Mit steinernen Mienen sah sie wortlos seinem Suchen zu. und brachte, wenn er aus dem Hause war, mit stummer Geduld immer wieder alles in Ordnung. Der Verzählsel-Schuster half dem Meister aus seinen Ver- legcnheitcn und borgte ihm, so viel der nur wollte und er selbst hatte. So sehr sein Herz auch an den Groschen hing, die er zu den anderen bereits ersparten hätte legen können, seinem Haß opferte er gern, was die Freundschaft allein ihm vielleicht nicht hätte abdringen können. Und wenn er selbst im Augenblick einmal nichts hatte, veranlaßte er andere, die ihm gern den Gefallen taten und bei dem vermöglichen Meister ihr Geld sicher wußten, Rother auszuhelfen. So ging das eine ganze Weile, und die Stille, die dem ersten Toben gefolgt war, begann bereits das Herz der Meisterin mit unheimlichen Ahnungen zu erfüllen, da liefen auch schon nach und nach alle diese Forderungen, kleine wie große, bei ihr ein, da Rother auf seines Freundes Rat Gläubiger, die ihr Geld zurück haben wollten, immer an seine Frau wies. Es gab eine hübsche Summe, als sie die Posten zusammenzählte, und schwer legte sich wie ein enger eiserner Reifen die Angst um ihr Herz. Zuletzt kam der Schuster und heischte mit hämischem Blinzeln in den tückischen Augen Bezahlung auch seiner Forderung, die am höchsten war von allen. � Nur ansehen hatte sie ihn brauchen, als er zu ihr in die Stube trat, da kannte sie auch schon den Feind, dem sie die neue Not zu danken hatte. An Srt ÄeHllichkeN seiner Ansprüche konnle sie nicht ztveifeln, La er Scheine von des Meisters Hand vorwies. „Sie sein echt," meinte der Kleine ironisch, als er sie ihr hinlegte, und dabei lief ein triumphierendes Lächeln über seine verschmitzten Züge. Sie sagte nichts darauf, schob ihm nur mit einer verächtlichen Handbewcgung das Geld, das sie aus ihrem Versteck herbeigeholt hatte, hin. „Ich danks Euch nich!" stieß sie rauh hervor, während er umständlich die Summe einsackte. „'s is schon gut!" meinte er schmunzelnd,„der Meister hat's schon getan!" Hochaufgerichtet stand sie am Tisch, die Knöchel der rechten Hand fest auf die Platte gestemmt, und in ihren Augen war ein funkelndes, unheimliches Drohen. „'s is's erste und's letzte Mal, merkts Euch!" Ihre Worte waren von einem ehernen Willen geschmiedet und hatten stählernen Klang, aber der Kleine kümmerte sich nicht diel darum. „Nu natürlich is's das erste Mal", spöttelte er, und für heut's letzte. Ich komm' bloß, wenn sichs lohnt und Zinsen nehm' ich keine nich,'m Meister zuliebe!" „Das letzte Mal is's!" wiederholte sie schärfer.„Ich bezahl' keine Schulden für den Liederjahn mehr!" „Nu do, nu do! Laß's ock ei's Blättel setzen, na gell, damit sich alle zu richten wissen!" Der offene Hohn ihres Feindes jagte ein feines Rot über ihr wächsernes Gesicht, aber nur für einen Augenblick, dann waren ihre Züge wie immer. Sie sahen sich an, lange und fest, zwei Gegner, die ihre Kräfte messen. „Nie mehr!" stieß sie drohend hervor,„'s soll mir nur einer kommen, ock ein einziger, der was bezahlt haben will!" Höhnisch lachte der Schuster: „'s is ju sein Geld... alles...!" „Ich geh' aufs Gericht und verlang', daß er einen Vormund kriegt, eh' er alles verliedert!" ..Könnt' ich nicht der Vormund werden?" fragte der Kleine ironisch.„Ich tät schon gut sorgen für ihn!" „Ich laß ihn in'n Trinkerasyl bringen!" „Damit er's Trinken orntlich lernt, na gell?" Aber aller Hohn des Kleinen, der immer mehr außer sich geriet, prallte an der eisigen Verachtung ab, die wie ein Panzer um das Wesen des gequälten Weibes stand. Das pfiffige hämische Blinzeln seiner Augen wurde immer unsicherer, es kam ein Glimmern und Gleiten in seinen Blick, der dem stahlharten Glanz ihrer Augen nicht mehr zu widerstehen oermochte. Wie ein geschlagener Hund zog er den gewaltigen Kopf zwischen die Schultern, daß es aussah, als duckte er sich vor irgend einem tätlichen Angriff. lFortsetzung folgt.> ScMaf und J�arkofe* Mit ziemlich regelmäßiger Pünktlichkeit werden unsere pshchi- schen Funktionen durch den Schlaf unterbrochen. An Stelle des bewußten Zustandes, in dem alle unsere Handlungen durch die Tätigkeit des Großhirns reguliert, logisch aneinandergereiht wer- den, tritt ein Zustand tiefster Bewußtlosigkeit, nur zuweilen von einigen sinnlosen Vorstellungen unterbrochen, den Träumen, die wir seit altcrsher mit einem geheimnisvollen Schleier zu umgeben gewohnt sind. Durchaus mit Unrecht. Es gibt noch heute eine große Reihe von Menschen, die den Träumen eine ganz besondere Bedeutung, womöglich mit Hinsicht auf die Zukunstsvorhcrsage, zu- sprechen: Traumdeutung und ähnliche Scherze feiern auch in un- serem Zeitalter ihre Triumphe und finden Beachtung bei Leuten, die man eigentlich einer so naiven Täuschung nicht für zugänglich erachten sollte. Wir wollen einmal versuchen, die unregulierten Bewußtseins- zustände, die wir als Träume zu bezeichnen pflegen, nach dem heutigen Stande der experimentellen naturwissenschaftlich-psycho- logischen Forschungen zu erklären, und werden hierbei gar nicht auf so unlösbare Probleme stoßen. Wenn unser Bewußtsein voll- ständig ausgeschaltet ist, ohne daß die automatisch erfolgenden Tätigkeiten unseres Körpers, die Atembewegung, die Schlagfolgc des Herzens usw. eine Einbuße erleiden, sind wir in tiefem Schlaf. Unser Großhirn, das Organ aller Bewutztseinsvorgänge ist voll- ständig ausgeschaltet; wir vermögen nicht zu denken, keine Sinnes- eindrücke aufzunehmen und haben auck alte Sinnesbilder nicht in Erinnerung. Wenn wir aus tiefem Schlaf erwachen, wissen wir nichts von dem, was mit uns während der im Schlaf verflossenen Zeit passiert ist. Wir haben vollkommen ohne Bewußtsein unseres Vorhandenseins gelebt. Das Bewußtsein als die Hauptfunktion unseres Großhirns braucht nicht immer ganz im Schlafe ausge- schaltet zu sein; dann kommt es zu regellosen Vorstellungen, die nicht von der Vernunft geordnet werden, es kommt zu Träumen. Erlebnisse, die wir bei vollem Bewußtsein, also ini wachen Zu- stände, haben, haften in unserer Erinnerung; das ist höchst charak- teristisch für sie. Nun wissen wir, daß wir auch von den Traum- erlebnissen eine Erinnerung haben, die freilich oft lückenhaft ist und meist später vollkommen schtvindck. Daß wir aber überhaupt eine Erinnerung haben an Dinge, die wir im Schlafe gedacht oder erlebt haben, ist ein Beweis dafür, daß unser Bewußtsein, unsere Großhirntätigkeit nicht vollständig ausgeschaltet war. Das Bewußtsein des Traumes ist aber von dem im wachen Zustande erheblich unterschieden. Sehe ich in Wirklichkeit z. B. ein Pferd, so ziehe ich im Wachen allerlei Schlüsse, etwa daß eS den bepackten Wagen nur mit großer Anstrengung zu ziehen ver- mag, aus seiner heraushängenden Zunge entnehme ich, daß es nach Wasser lechzt usw.; alle meine Kombinationen werden durch die Sinneseindrücke, die ich in jeder Minute, in jedem Moment habe, die mich über wirkliche Erscheinungen der Außenwelt unter- richten, veranlaßt, sie werden ständig durch das, was ich sehe, höre, korrigiert. Ganz anders ist es im Traum. Wirkliche Sinnesein- drücke können natürlich im Traum nicht wahrgenommen werden, da wir unsere Sinne ja außer Betrieb setzen, wenn wir schlafen wollen. Die zahllosen Bilder aber, die wir tagsüber während einer langen Reihe von Jahren»n unserem Gehirn aufgenommen haben, stehen dem Schlafenden zur Verfügung. Die Traumbilder, die keine wirklichen, sondern nur Erinnerungs bilder sind, werden nicht durch die Wirklichkeit kontrolliert, ihre Aufeinander- folge wird durch keinen Sinneseindruck beherrscht, sondern sio können sich regellos aneinanderreihen, wie sie in unserem Seh- crinnerungszentrum gerade vorrätig sind. Daher kommt es, daß; wir im Traum die unsinnigsten Vorstellungen haben, Dinge, die absolut nicht zusammengehören, aufs Geratewohl vermischen. Es fehlt im Traum die ordnende Vernunft, die uns mit den Dingen der Wirklichkeit rechnen lehrt, die Sinn in unsere Vorstellungen und Handlungen bringt; alle die tausend Dinge, die wir einmal! gesehen haben, alle die unzähligen Gedanken, die wir einmal ge- habt haben, können in bunter Reihenfolge, in den unmöglichsten Zusammenstellungen kombiniert werden und so zu den rätsele haftesten Traumgebildcn Veranlassung geben. Irgendeine Bedcu- tung, etwa für die Zukunft oder für die Vergangenheit, eine Beq ziehung auf bestimmte Vorgänge der Wirklichkeit kann ihnen gaü nicht zukommen; sondern in bunter Zusammenstellung entstehen sie» durch das zufällige Aufeinandertreffen von Ideen und Bildern« die in mannigfachster Auswahl bei allen Menschen im Grotzhirni deponiert sein niüsscn. Wir nehmen vielleicht mit vielem Recht an, daß alle Dinge, die wir einmal gesehen, alle Gedanken, die uns einmal beschäftigt haben, an bestimmten Stellen unseres Großhirns einen nicht mehr weglöschbaren Eindruck hinterlassen; so können wir verstehen, daß wir uns oft noch nach vielen Jahren an Vorgänge erinnern, die wir einmal erlebt haben. Wir verstehen dann auch, warum wir im Traum so oft an Personen erinnert werden, die vielleicht seit vielen Jahren aus unserem Gesichtskreis entschwunden sind, die uns auch in Gedanken nicht mehr beschäftigt haben. Alle Dings der Außenwelt, die wir mit unseren Sinnen wahrzunehmen ver- mögen, hinterlassen in unserem Großhirn nach dieser Anschauung einen Eindruck, der nicht mehr verlischt; darum können sie gerade im Traum, dessen Erlebnisse nicht durch die wirklichen Erschcinun- gen der Außenwelt veranlaßt werden, dessen Bitdfolge nicht durchs den Verstand bestimmt wird, leicht wieder in unsere Erinnerung kommen. Wir haben jedenfalls keine Veranlassung, den Träumen eine bestimmte Bedeutung zuzuschreiben; die Regellosigkeit ihres In» Haltes beweist uns im Gegenteil, daß die strenge Logik mit ihnen nichts gemein hat, daß sie Zufallsbildungcn sind, zusammengesetzt aus den mannigfachen Vorstellungen, die zu irgendeiner Zeit auf, der Oberfläche unseres Großhirns schweben, die willkürlich ver- flochten werden und darum die unmöglichsten Kombinationen ver- anlassen. Wie freilich die Vorstellungen in den Ganglienzellen des Gehirns aufgespeichert, mit anderen verbunden werden, tausend Kombinationen eingehen, entzieht sich dem exakten Versuch. So sind uns alle Bcwußtseinsvorgänge im Detail unerfaßbar. Wir wissen nur, daß sie im Großhirn ihren Sitz haben; wie sich das unendlich wechsclvollc Spiel der Gedanken in dem Wirrtvarr von Nervenfasern und Ganglienzellen vollzieht, wird uns aber kaum je zu ergründen gelingen. Mit diesen letzten Fragen hat aber die Entstehung des Traumes nichts zu tun; wir können ihn als Er- scheinungsform eines unvollkommen funktionierenden Bewußtseins betrachten, das der Regulierung durch die Wirklichkeit entbehrt. Ueber die Ursachen des Schlafes selbst sind wir noch un- unterrichtet. Wir wissen nicht, welche Momente mit größter Pünkt- lichkeit die Großhirnrinde für eine gewisse Zeit außer Betrieb setzen. Die einen nehmen Ermüdungsftofse an, die sich im Laufs des Tages bilden und gewissermaßen vergiftend auf die Hirnrinds wirken; andere nehmen eine dauernde Blutleere der kleinen Hirn» gefäßc an. In der Tat kennen wir einen anderen mit Bewußt- losigkeit einhergehenden Zustand, der auf einer Blutleere des Gc- Hirns beruht, nämlich die Ohnmacht. Wieder andere nehmen eine regelmäßige Veränderung an den Ganglienzellen der Hirn- rinde an, eine Verkürzung der Ausläufer dieser Zellen, die eine Leitungsunterbrechung und dadurch Ausschaltung des Großhirns zur Folge haben soll. Wir sind uns also über die auslösenden! Ursachen des Schlafes im unklaren; wir wissen, daß er zur Erhal- tung des Lebens unbedingt erforderlich ist, kennen das eigentliche, schlafauslösende Prinzip aber nicht. Man hat vielleicht geglaubt, durch das Studium der Rar- kose, jenes schlafartigen Zustandes, der durch Aether oder Chlqrs» form hervorgerufen kvfrV, den Ursachen deS natürlichen Schlafes Mäher zu kommen, hat sich darin aber gründlich getäuscht. Der Physiologische, d. h. für den normalen Wlauf der Lebensvorgänge unbedingt erforderliche Schlaf ist von dem narkotischen Zustand, den Aet'her, t5hloroform und sehr viele andere verwandte Stoffe hervorrufen, durchaus verschieden. Während im Schlaf, auch im -tiefsten, nur das Großhirn außer Funktion gesetzt ist, sind in der Narkose alle Teile des Zentralnervensystems gelähmt, also auch das Rückenmark und die unmittelbare Fortsetzung des Gehirns, das verlängerte Mark. Dieser grundlegende Unterschied läßt sich leicht feststellen. Das Rückenmark ist das Zentrum der Reflexe, der zahlreichen unwillkürlichen Handlungen, die wir ohne Bewußt- jsein, meist zur Abwehr, ausführen, wie etwa den Lidschlagreflex, der das Auge vor dem Eindringen von Fremdkörpern schützt. Dieser Reflex ist wie alle anderen reflektorischen Handlungen beim Narko- tisicrten aufgehoben, beim Schlafenden nicht. Das verlängerte Mark ist außerdem noch von besonderer Wichtigkeit, weil es das Atemzentrum enthält; wenn es gelähmt ist, setzt die Atemtätigkeit aus. In der Tat ist die Lähmung des Atemzentrums die größte iGesahr während der Narkose; deshalb muß der Operateur darauf ständig Bedacht nehmen, sofort die Operation unterbrechen, wenn er Anzeichen einer verschlechterten Atmung bemerkt, und durch An- Ordnung künstlicher Atmung der drohenden Gefahr begegnen. Der Ruf-..Künstliche Atmung!" ist ein gefürchtetes Warnungssignal. Weim natürlichen Schlaf kann eine Gefährdung des Atemzentrums nicht eintreten, da der Mensch sonst ersticken würde. Der Schlaf, den ein Narkotikum erzeugt, wird durch eine Läh- mung des gesamten Zentralnervensvstems hervorgerufen, der natürliche Schlaf lediglich durch eine Ausschaltung des Gehirns. Daß in der Narkose nicht nur das Gehirn, sondern auch verlän- gertes Mark und Rückenmark gelähmt werden, ist leicht verstand- lich. Das die Narkose herbeiführende Mittel wird eingeatmet, ge- langt in den Kreislauf der Lungen und von da schnell in den all- gemeinen Körperkreislauf. Die Narkotika toerden mit dem Blute «n alle Teile des Organismus geführt; da Aether und Chloroform aber besondere Beziehungen zu den fettähnlichen Substanzen des (Zentralnervensystems haben, wirken sie auf die diffe- renzierten Gebilde der Nervensubstanz am stärksten und setzen sie schnell außer Funktion. Natürlich wirken sie ebenso auf das Rückenmark wie auf das Gehirn, denn im chemischen Aufbau dieser aervösen Organe findet sich kein Unterschied. Die in den Blut- lreiSlauf gelangten Aether- bezw. Chloroformteilchen wirken also tn gleicher Weise lähmend auf die nervösen Zentralorgane, wäh- rend im Schlaf nur eine Funktionsausschaltung des Gehirns be- isteht, Rückenmark und verlängertes Mark ihre Funktion weiter ausüben. Das schlafauslösende Moment wirkt also nur auf das Gehirn. Deshalb ist es Wohl auch unwahrscheinlich, daß chemische Ermüdungsstoffe, wie einige meinen, den physiologischen Schlaf hervorrufen; denn es ist nicht einzusehen, warum diese Stoffe, wenn sie einmal in de» Blutkreislauf gelangen, nur auf das Ge- Hirn und nicht auch auf die anderen Teile des Zentralnervensystems wirken sollen. Man wird darum Wohl ein größeres Recht haben, gewisse Veränderungen der Großhirnganglienzellen für die Aus- »schaltung unseres Bewußtseins im Schlafe verantwortlich zu machen. Diese Anschauung stützt sich auf Tierexpcrimente, auf mikroskopische (Untersuchungen am Gehirn winterschlafender Tiere. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine so gewaltige Funk- tionsänderung, wie sie der Schlafzustand darstellt, auch mit Ver- Änderungen der Gehirnzellen einhergeht; wir sind bloß nicht im- stände, diese feinsten Variicrungen mit den Hilfsmitteln, die uns zur Verfügung stehen, deutlich genug wahrzunehmen. Die Experi- nnente, die darüber Auskunft geben sollen, sind außerdem schwierig anzustellen. Es muß das Gehirn eines im Schlaf gestorbenen mit dein eines im Wachen Zustand gestorbenen Individuums mikro- skopisch verglichen werden. Natürlich können solche Versuche nur am Tier gemacht werden, denen darum keine absolute Gültigkeit für den Menschen zukommt. Immerhin ist aber der physiologische Schlaf ein Zustand, der so allgemein im Tierreich herrscht, daß Er- gebnissc aus dem Tierexperiment auch auf die Lebensverhältnisse ideS Menschen passen werden. Georg Wolf f. kleines Feuilleton. Landwirtschaftliches. �AuS derZitronenheimat. Italien besitzt unter den europäischen Ländern noch immer nahezu ein Monopol in der Lieferung von Zitronen, obgleich Amerika im Welthandel in einen scharfen Wettbewerb einzutreten begonnen hat. Nach einer (Schätzung des..Tropenpflanzers" gibt es in Italien rund 8K Millionen Zitronenbäume, davon allein 7 Millionen auf Sizilien. Da ein einziger Baum zwischen 800 und 1200 Früchte zu bringen ver- «mag, gelegentlich sogar bis zu 2000, so werden Ernten von außer- ordentlicher Höhe erreicht. Im Jahre 1907 lieferten Sizilien und Ealabrien fast 7 Milliarden Stück Zitronen. 1910 belief sich die Igitronenausfuhr Italiens auf rund 2 583 909 Dutzend im Gesamt- wert von fast 20 Millionen Mark. Die Zitronenbäume blühen in (Süditalicn im April und Mai, und die Ernte fällt zumeist auf (Anfang Oktober. In beiden Hinsichten aber sind große Unterschiede Kergnttp. Redakteur� Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: vorhanden, und' man krifst blühende Zikronenbäume fast zu sedek Jahreszeit. In der Gegend um Neapel, also weiter nördlich, findet die Ernte gewöhnlich erst anfangs Februar statt. Ileberhawpt aber wird sie nicht innerhalb kurzer Zeit vollzogen, sondern man läßt die Früchte zum Teil ohne Schaden noch länger an den Bäumen, und in manchen Gegenden kann man Zitronen während des ganzen Jahres pflücken. Im Handel sind verschiedene Bezeichnungen ge- bräuchlich. Außer den eigentlichen Limonen gibt es Grünlinge, Bastarde usw. Beim Pflücken leistet ein Arbeiter täglich das Ein- sammeln von 5990 oder gar bis 12 000 Stück, beim Einpacken bis zu 70 Kisten. Das Holz für diese ist Eichenholz, das besonders aus Amerika eingeführt wivd. Deutschland führt jetzt etwa 272000 Dutzend Zitronen jährlich aus Italien ein. Archäologisches. lieber die Instrumente der altägyptischen Mumienmacher liefert der bekannte medizinische Historiker Dr. Karl Sudhoff im„Archiv für Geschichte der Medizin" einen interessanten Beitrag. Auf Grund der Mitteilungen des griechischen Schriftstellers und Forschungsreisenden Herodot (um 484—425 v. Chr.), ferner verschiedener Funde, die sich in Londoner, Pariser und Berliner Museen, sowie zum Teil in Privatbesitz befinden, lvar es möglich, ein getreues Bild von der Tätigkeit dieser Mumienmacher herzustellen. Herodot erzählt, daß daS Gehirn aus den Leichen dadurch entfernt wurde, daß man es nach Durchstoßung des Nasendaches mit einem Haken herausholte. Mit diesem Instrument von 30 bis 33 Zentimeter Länge, das zum Teil vorn doppelt umgebogen und aus fast reinem Kupfer besteht, gelang es auch Dr. Sudhoff in der Leipziger Anatomie, bei Leichen das Gehirn durch die Nase zu entfernen, ohne daß an deren äußerer Form das geringste geändert wurde. Nach Zerstörung des Nasen- dacheS ließ sich das schon etwas weich gewordene Gehirn mühelos mit Hilfe des Hakens umrühren und lief, nachdem die Leiwe auf den Bauch gelegt worden war, in 15 bis 20 Minuten aus. Mittels des geraden Hakenendes war es ein leichtes, die Schädelhöhle mit Gaze oder Leinwandstrcifen auszustopfen, ein Verfahren, das sich bei vielen ägyptischen Mumien feststellen läßt. Ein vorn spiralig zusammengerollter Haken eignet sich am besten für derartige Ope- rationen, weil er stoßfester ist als ein gewöhnlicher und sich be- sonders gut zum Ausstopfen der Mumienpartien unter der Haut verwenden läßt, worin man es namentlich zur Zeit der 21. Dynastie zu einer überaus plastischen Geschicklichkeit gebracht hatte. Herodot schreibt, daß nachträglich die Schädelhöhle ausgespritzt oder aus- gespült wurde, was jedoch in den meisten Fällen unnötig gewesen sein dürfte, da nach Oeffnung und Entleerung der Körperhöhlen die Leiche in ein 70tägiges Natron- oder Kochsalz-Laugenbad gelegt wurde. Die Oeffnung der Brust- und Bauchhöhle geschah mit einem an der Schneide schön gebogenen Feuersteinmesser in einem Heft aus Holz. Zuweilen lieh man die Blase oder die Nieren im Körper zurück; in sehr vielen Fällen das Herz. Zur Entfernung der Ein- getoeide diente ein kompliziert gebautes Instrument, das eine Kom- bination von Messer, Haken und Schaber darstellte und sicherlich eine große Geschicklichkeit in seiner Handhabung erforderte. Zum Ausstopfen benutzte man kleinere oder größere Pinzetten, letztere in einer Länge bis zu 38 Zentimeter. Medizinisches. Schwindsuchtsforschung. Die Tuberkulosekommission, 1901 in London eingesetzt zu dem Zwecke, die Beziehungen zwischen Menschen- und Tiertuberkulose aufzuhellen, ist soeben mit ihren Untersuchungen zu Ende gediehen und hat ihren Schlußbcricht ver- öffentlicht. Sie stellt fest, daß sich bei Rindern in Fällen von natür- licher Tuberkulose immer ein und derselbe Tuberkulosebazillen- tvpus vorfindet. Beim Menschen kann man drei Gruppen von Tuberkuloscbazillen unterscheiden: die Bazillen der ersten Gruppe sind identisch mit denen der Rinder, die der zweiten Gruppe kommen nur beim Menschen vor, die der dritten Gruppe (Vogelbazillus) sind nur selten imstande, Säugetieren Schaden zu- zufügen, da diese gegen sie sehr widerstandsfähig sind. Die Kom- Mission betrachtet Rinder- und Menschcnbazillcn als Variationen derselben Art, eine Anschauung, die Koch schon 1901 in London ausgesprochen und auf dem Tuberkulosekongreß in Washington fest- gehalten hat. Die Erreger des Lupus, der Hauttuberkulose und der Pferdetuberkulose sind Abarten dieser Gruppe. Die Kommission folgert, daß Tiere und Menschen sich gegenseitig anstecken können, zumal da der Rindertypus sogar bei Erwachsenen Tuberkulose er- zeugen kann. Ter Vogelbazillus kommt für die Ansteckung beim Menschen nicht in Betracht, während der Rinderbazillus bei 50 Proz. von tödlichen Ilnterleibstubcrkuloscn bei Kindern gefunden wurde, ebenso bei Halsdrüsentuberkulosen im Jugend- und Jüng- lingsalter, desgleichen bei Lupus. Zurückgeführt werden diese Fälle auf Infektion durch die Mich tuberkulöser Kühe. Die Kommission fordert daher, daß die bestehenden Bestimmungen über die Kontrolle der Milch, deS Fleisches und ihrer Erzeugnisse auf keinen Fall ge- mildert werden. Im Gegenteil müssen die Regierungen veranlaßt werden, die Kontrolle über sämtliche Nahrungsmittel in ihrem ur- eigensten Interesse ganz bedeutend zu verschärfen, um einen wirk» sameren Schutz der Konsumenten von Nahrungsmitteln, die von tuberkulösen Tieren stammen, zu ermöglichen. VorwärtsBuchdruckerei u.VcrlagSanstalt Paul SingerScCo., Berlin SW.-