Nilterhaltimgsblatl des Nr. 183. Donnerstag� den 21. Septeinber. 1911 LNachdruck perSolsn.) 151 Vor clem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i Wenn der Bauer auch angeblich kein Leibeigener mehr war— ein Mensch war er darum noch lange nicht. Und sein Kampf würde diesen Rechten gelten. Rechten� für welche die großen Märtyrer der Revolution schon vor einem halben Jahr- hundert geblutet. Wer das ging alles so langsam in diesem lieben Oesterreich, wo so viel friedliches Behagen am täglichen Bissen kaute, die Polizei mit langer Spürnase in alle Ecken hineinschnüfselte und der breite Pfaffenhut vom Licht ferne hielt, was die Faust des„gnädigen Herrn" etwa noch freiließ. Sie waren gut gedrillt, diese Schafe! Nicht eines wagte zu blöken, selbst wenn ihm das Messer schon an der Kehle saß. So mußte der Sturm von den Städten ausgehen— trotz alledem. Einstweilen wuchsen einige wenige an diesem Kampf »ms Recht, wuchsen in eine schönere, höhere Menschlichkeit hinein, zu der die Jugend des Landes mit scheuer Bewunde- rung aufsah. Hätte jemand dem„Schreiber von Schönbach" gesagt, daß er auch zu diesen wenigen gehöre— er hätte lächelnd den Kopf geschüttelt. Und doch gehörte auch er dazu. Seine fromme Sippe hatte immer erwartet, daß sich Endlich das„Gute" in ihm regen würde, was eine so hoch- geborene Sippe eben unter dem„Guten" verstand: die Wah- rung der„Dehors"(des äußeren Anstandes) und des„Teko- rums", eine Lebensführung, die zur„Hoffähigkeit" berechtigt und zur österlichen Beichte bei den ehrwürdigen Vätern der Gesellschaft Jesu. Aber von keiner dieser Seiten her war das Gute in ihm auferstanden. Und seit er dasaß und den .„Armeleut'-Advokaten" machte, schien er ihnen erst recht ».deklassiert". Und doch war er unterdes ein anderer— ein ganz, ganz anderer geworden: wenn auch die große Welt keine Notiz nahm von seinem Dasein. Das Gute war endlich doch gekommen, und dieses Gute war sogar das Bessere, ob es seine hochgeborene Sippe nun zugab oder nicht. Als Jüry nach Schönbach kam, dämmerte es bereits. Er fand den„Schreiber" auf der Bank vor dem Hause. Und weil auch seine Quartiersleute draußen«saßen, bat er be- scheiden um eine„eigene Unterredung". So traten sie in die Stube. Auch das Wohnzimmer des einstigen Schloßherr�r barg gerade das Wenige an Einrichtungsstücken, das er im Laufe seines schicksalsreichen Lebens als das Notwendige erkannt hatte: einen Tisch, um daran zu arbeiten und ai essen, einen Stuhl, um darauf zu ruhen, und ein Bett,„um die Welt und sich selbst zu vergessen", wie der„Schreiber von Schönbach" zu sagen pflegte. Seine andere Habe barg er nach wie vor in den zwei mitgebrachten Koffern, und für die Garderobe, die er am Tage wechselte, genügte der Haken an der Wand. Nur einen Luxus konnte der Kavalier von einst noch immer nicht lassen: in seiner Stube mußten zwei Kerzen brennen. Anders tat er es nicht. Es war die einzige„Velleität", die ihm aus einem Leben voll Bedürfnissen zurückgeblieben. Er wußte es, lachte selbst zuweilen darüber und konnte sich doch nicht helfen. Zwei Kerzen mußten es sein. Selbst die ihm so wohlgesinnten Bauersleute belächelten das. Denn erstens hatte er es ja nicht so„dick" und dann... wozu zwei Kerzen, wenn selbst der Herr Pfarrer sich mit einer begnügte? „Fehlt nur noch's Kruzifix dazwischen." meinten sie mit der ruhigen Ueberlegenheit der Gescheiteren. Er aber ließ ies sich nicht abbringen. Ja, noch mehr: diese zwei Kerzen staken in zwei— silbernen Leuchtern, die er selbst in den Tagen größter Not nicht veräußert hatte, nie veräußert hätte, auch heute nicht. Die Bauern lächelten darüber. Die Schönbacher und Lorowitzer Herrschaften zuckten geringschätzig die Achseln, wenn von dieser„Velleität"(sckjroächlichen Anwandlungen) gesprochen wurde.„Ter Schreiber mit seinen zwei Kerzen!" Selbst die Znaimer Advokaten nannten ihn-so. Aber die wußten ja am besten, zu welch ärgerlichem Tun die zwei Kerzen ihm leuchteten, Ruhig und klar setzte Jüry dem Schreiber alles aus- einander. Verschwieg nichts, weder seine llnbotmäßigkeit, noch den Ingrimm, der ihm damals„'s Maul aufg'mocht"� Und sein trotziges„Weil i nöt mög'n hob'!" kam um keinen» Ton sanfter und feiner heraus als damals. Wer sein Recht suchte, nmßte den Mut haben, zuerst das eigene Unrecht ein- zugestehen. Das war dem Jüry klar. Darum begann er gleich im vorhinein mit dem Geständnis seiner Schuld, gab auch vor dem„Schreiber" zu, daß es ihm noch heute eine „damische Freud'" mache, auch einmal den—„ondern Buckl 'zoagt z' hob'n". Nur die„Strof'— die Strof'! Ob die nit do z' hart war"? Der Schreiber kniff die Augen ein und überlegte eine Weile. So weit er den Fall übersah, lag die Schuld gewiß auf Jürys Seite. Auch der dreitägige Arrest war nicht zu hoch bemessen. Denn Jüry hatte nicht nur die Pflicht, sondern auch den„schuldigen Respekt" des Untertänigen außer acht gelassen. Der Haken saß ganz wo anders. In der Art, wie das gesetzliche Recht der Bestrafung durch ein willkürliches Hinausschieben zur— Vexation erniedrigt wurde. Mit wenigen Worten brachte er dem Bauer zu Bewußt- sein, was dieser bisher nur dumpf empfunden. Jürys Augen leuchteten.„Wohl, wohl, i versteh' schon!" Und voll jener Geduld und innersten Güte, die nur dem Volke eigen ist, ineinte er:„Do verlang' i jo a nit z'vicl, wenn i's Arrest noch'» Kirrito ositz'?" „Gar kein' Arrest habt's mehr abzusitzen, Vetter," rief der Schreiber.„Nicht ein Viertelstünderl mehr! Ein Recht wird geübt oder nicht geübt. Und weil ihr immer zur Stelle war't, ist's nicht Eure Schuld, daß die Herrschaft von ihrem Recht keinen Gebrauch gemacht. Was sie aber jetzt mit Euch vorhaben, ist reiner Mutwille. Und daß der nimmer zu Recht besteht, dafür hat unser guter Kaiser Josef gesorgt." Jüry atmete auf.„Und— und... i muaß wirkli nit cini?" stammelte er voll rührender Freude, während er die Mütze zwischen, den schwieligen Händen hin und her drehte, „Nicht einen Augenblick." „Jo— wia sollt' i denn dös onstell'n?" „Daheim bleiben und enk das Gansl schmecken lass'n/ stürzte der Schreiber.„Und gut schmecken lass'n, Jilly-Vetterl lMnn ein Fall klar liegt, ist's der Eure." „Woann's ober do fahlgeht?" „Das laßt meine Sache sein." „Nacher kommt's zu an'in Prozeß," meinte Jüry, wäh- rcnd er sich bedächtig hinter dem Ohre kraute. „Aber Vetter? Habt's schon einmal g'hört, daß ein Bauer auf einen anderen Weg sein Recht kriegt hätt'?" Jüry erhob sich.„Wöhr is's," sagte er mit dumpfer Stimme, und einen Augenblick war ihm, als sehe er wieder das dunkle Marienbild auf sich herablächeln— Mut und Trost spendend. Als höre er noch einmal das geheimnisvolle Gesäusel des Windes, der über die Saaten herkam:„Geh'— geh'- geh'!" O ja, er würde weiter gehen, immer weiter. So weit, bis er sein Recht fand! „So sog' i holt'gelts God derweil!" Er dankte mit einem schlichten Handschlag, ohne jedes weitere Wort. Nach seiner Meinung war nun alles abgemacht. Als er wieder gegen Lorowitz zurückwanderte, zogen langsam die Sterne auf, und über die Felder klang der vielstimmige Chor der Burschen, die den Kirchtag„einsangen". Ordentlich leicht wurde ihm zu Mut. Der„gnädige Herr" hatte also doch kein Recht, ihm seinen Feiertag zu nehmen! „Wie denn auch?" dachte er.„Die Feiertäg' gibt unser Herrgott! Würden die sich freuen, daheim, wenn sie diese Botschaft hörten!" Ter Sonntag kam, und es war ein Feiertag, den wirklich „unser Herrgott" gab. Blau und klar hing der Himmel über den Saaten, während die Sonne schon mit ernstem Willen dem Friihling an die Hand ging, der sich förmlich über Nacht zurechtgemacht hatte, daß es in allen Gärten und zwischen allen Hecken nur so grünte und blühte. Mit heller Stimme luden die Glocken, zum Gottesdienst, und wie sie sich im Schalloch des Turmes hin und her warfen, bald rechts, bald links ins Blaue hinausgrüßend, schienen auch sie Freude und Glanz über Saaten und Menschen zu streuen. >" Ileber alle Wege und Stege zogen die Bauern der VKirra" zu. Groß und klein, Mann und Weib, Knecht und Dirn', denn heut' durfte keiner beim Gottesdienst fehlen, der ein Recht haben wollte, sich nachmittags im Wirtshaus oder unter der„Hütt'n" sehen zu lassen. Wer seinen„Stuhl" in der Kirche hatte, konnte etwas gemächlicher einherschreiten. Die anderen mußten sich beeilen, einen Platz zu bekommen. Nur die Burschen blieben vor der Kirche stehen und hörten, die schon buntgebänderten Mützen in der Hand, Predigt und „Amt" unter den weitgeöffneten Torflügeln an. Rechts war die„Monna"-, links die„Weibenseit'n". Eine Ordnung, die auch in der Besetzung der Kirchenstühle eingehalten wurde und sich bis auf die Straße fortsetzte. War' es doch keinem Bauer jemals eingefallen, die„Seinige" rechts gehen zu lassen. Die Geringschätzung, welche die Kirche ungeachtet ihres Madonnenkultus dem Weiblichen entgegenbrachte, wirkte hier bis ins Volk zurück. Jüry und Hannes hatten ihre„Stühle" nebeneinander, und Jüry freute sich schon den ganzen Morgen her, was für ein Gesicht wohl der Hannes machen werde, wenn er ihn im — Kirchenstuhl fand, statt im Arrest. Darum war er so früh als möglich aufgebrochen. Denn, dachte er, komm' ich später, stör' ich vielleicht seine Andacht. Und doch war Hannes' Freude, den Bnider auf dem gewohnten Platz zu finden, noch größer als sein Staunen. So groß, daß ihm darüber fast das dickbauchige Gebetbuch aus dem Arm gefallen wäre, mit dem er es so fest gegen die Brust drückte. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verbolen.) i3] Die Meisterin. „Hä, HZ, HZ," keifte er. als sie auf seinen einfältigen Scherz mit eisigem Schweigen antwortete,„nu do. nu do! Da wird er sich gerade schon freuen darüber, der Rother, was er für a Weib hat!" Ihr Blick ließ nicht von ihm, er verfolgte und zwang ihn, daß er nach Mütze und Stock greifen und sich trollen mußte. Geduckt schlich er, die Kappe schon in der Stube aufstülpend. hinaus, immer wütend vor sich hin keifend, und krachend fiel die Tür hinter ihm zu. Noch lange stand die Frau reglos, den starren Blick auf die Tür gerichtet, als warte sie, daß böse Geister über die Schwelle be- gehrten, die Geister der Not, des Jammers, der Verzweiflung. Meister Rother war an einem der nächsten Tage ganz auf- geregt in das Schusterhäusel gekommen und hatte, des Freundes Arm mit beiden Händen umklammernd, ihn immer nur hin»id her geschüttelt: „Nee, nu denk Dir ock. Tu! Nee, nu denk Dir ockl"! '„Nu, was hat's denn, hä?" „Nee, nu denk Dir ock! Für verrückt will sie mich erklären lassen vom Gerichte, einen Vormund will sie mir geben lassen! Weil ich glee's Geld verliedern tu! Du weeßt ja. Du warst ja immer derbei, na gell? Ha ich's Geld verliedert, hä?" Es gelang Glück-Karl nun doch wenigstens den Aufgeregten von seinem Arm zu lösen. „Jrscht mußte Dich a wing setzen, Rother. Tu nimmst mir ja die ganze Ruhe mit!" Kaum saß der Meister auf seinem Stuhl, da jammerte er auch schon weiter: „In a Trinkerasyl will sie mich bringen lassen, bloß weil ich zu Zeiten amal a Gläscl Schnaps trinken tu. Du warst ja immer dabei, na, gell? War ich schon amal betrunken, hä?" Eine Weile unterbrach er sich, als besänne er sich darauf, daß es doch zu ungeheuerlich wäre, Tatsachen abzuleugnen, die der ganze Kreis wußte. Dann aber begehrte er wieder auf: „Und wenn auch, vielleicht zwee- oter dreimal, na gell? Amal hat jeder'ne Krehle, na gell? Du auch, na gell. Und überhaupt: Was geht'n die das an. hä? Was geht'n die das an, frag ich Dich, hä?" Erschöpft brach er ab, als er aber dem Freunde an den Augen absah, daß er ihm recht gab, setzte er sofort wieder ein: „Und überhaupt: das Geld is ju meine, na gell? Sie hat ja nischt gehabt, na gell? Nich einen Pfennig, na gell? Was geht denn die mein Geld an, na gell?" Je erregter er wurde, um so häufiger brauchte er sein ge- siebtes:„Na gell?", das ihm bei seinen Zcchgcnossen den Spitz- namen: der Nagellsager eingetragen hatte. Der Schuster suchte den Aufgeregten zu beschwichtigen, aber es wollte nicht recht gelingen. So geärgert hatte Meister Rothcr sich schon lange nicht wie heute über seine Frau, die ihm die Drohungen wiederholt hatte, die sie dem Glück-Schuster schon zu hören gegeben, der sie aber nicht an die dafür bestimmte Adresse hatte gelangen lassen. „Du wirst amal sehn," schrie der Meister in seiner Wut, so daß die Stimme sich überschlug,„du wirst amal sehn, die bringt's jertig, die bringt alles fertig, die ja, die tut mir das an!"_ Und nun kam er sich selbst so bemitleidenswert vor, daß fl sich hinhockte und heulte wie ein kleines Kind. „A Weib hat man nich mehr, Geld kriegt man keens mehr, keen Gläsel Schnaps wird einem mehr vergunnt! Jeses, jeses nee, was soll man denn noch uff der Welt!" „'s wird ja nich asu heiß gegessen, wie gekocht wird", tröstete der Schuster. „Du wirst amal sehn, die macht was sie will! Die schon!" „Do sein wir do ooch noch da!" «Wir! Wir! Wir! Wer denn: Wir! Ich kann nischt machen gegen sie und Du do ooch nich, na gell?" Da sprang der Kleine erregt auf. Das konnte er nun schon gar nicht vertragen, wenn jemand daran zweifelte, daß er etwas vermochte. „Na, das wollen wir doch amal sehn!" Erstaunt starrte der Nagellsager aus wässerigen, entzündeten Augen den Freund an: „Was willst'» machen, hä?" „Ich?... Nischt!... Tu mußt's machen!" Mutlos ließ der Meister Kopf und Schultern wieder hängen und seufzte nur. Da aber packte der Schuster ihn an den Schultern und rüttelte ihn: „Mensch, Du bist doch a Mann, Du hast doch Marks in a Knochen!" „Was soll ich denn machen, hä?" „Ich wer Dir's schon sagen. Du mußt ock tun, was ich Dir sag'!" „Ach nee, nee, luß mich ock! Ich bring' nischt mehr zuwege!" „Mahr nich, ich wer' Dir schon helfen!" Es war etwas Zwingendes in des Schusters Worten, im Klang seiner Stimme, im Blick seiner Augen, dem der Meister sich fügte. Im Flüstertone, der seinem Reden etwas Geheimnisvolles und damit eine noch größere Gewalt über den Schwachen gab, sprach der Kleine auf den Freund ein. und je länger er sprach, um so mehr fühlte der: ja, so muß es gehen! Und es kam Kraft über ihn und Sonne in sein Gemüt, daß er die Mutlosigkeit, die ihn zuvor niedergedrückt hatte, nicht mehr begriff.— Am andern Morgen trat Rother, die Schürze umgebunden, schon verhältnismäßig zeitig in die Werkstatt. Verwundert schauten die beiden Gesellen, die schon länger als eine Stunde tätig waren, sich nach ihm um und verzogen die Gesichter zu einem spöttischen Lächeln. Der Meister tat, als sähe er es nicht, aber der Zorn kochte in ihm hoch. So begann er schon ein wenig aufgeregt auf seiner Hobelbank zu kramen, die, da sie niemals gebraucht wurde. mit allerhand Werkzeug und Werkstücken vollgepackt war. Es ärgerte ihn. daß er die Bank nicht so fand, wie er gedacht hatte und es von früher her gewöhnt war, warf alles durcheinander und konnte doch damit nicht zu Rande kommen, weil er im Grunde nicht recht wußte, was er tun sollte. Er müsse die Leitung des Geschäfts wieder selbst in die Hand nehmen, hatte der Schuster gesagt, wenigstens eine Zeitlang, und sich mehr in der Werkstatt sehen lassen. Aber er wußte gar nicht, was zu machen war, wer Arbeit bestellt hatte, wann sie geliefert werden sollte, welcher Preis ausgemacht worden. Da er den Ge- sellcn gegenüber sich keine Blöße geben und nicht viel fragen wollte, fand er sich in dem, was er sah und von hintenherum von den Leuten erfuhr, auch nicht zurecht. Es wirbelte ihm der Kopf von all dem, was er früher so leicht übersehen hatte, daß er von der Anstrengung ttzie betrunken war, und er hatte doch heute noch keinen Tropfen Schnaps zu sich genommen. Da kam zum zweiten Frühstück, das der Meister alter Gewohn- heit gemäß in der Wohnung einnahm, wie ein Retter in der Not der Schuster; er hatte eine kleine alkoholische Stärkung bei sich, und die brachte den Meister bald auf den Tamm. Mit einem heimlichen, immer größer werdenden Verwundern, das sie sich aber weder in Worten noch im Blick oder in den Mienen merken ließ, hatte die Frau alle diese Vorgänge beobachtet, und mißtrauisch witterte sie dahinter die Vorbereitungen zu einem neuen Schlage. Glück tat, als wäre zwischen ihnen nie etwas gewesen. Auf des Freundes Einladung langte er mit einem listig verschlagenen Blick auf seine Gegnerin beim Frühstück auch zu:„Wenns die Frau Meistern erlaubt!" und ließ sich Rauchfleisch und Butterbrot prächtig schmecken. Es war, als hätte des Kleinen Gegenwart Meister Rother neue Kraft gegeben; er wurde lebendiger, wußte, was er wollte und sollte, und ließ sich, immer von dem Schuster heimlich angestachelt, von der Frau berichten über alle Arbeit, die in Bestellung war und fertiggestellt werden mußte. Hernach in der Werkstatt brachte er frisches Leben, neuen Antrieb unter die Leute, und die Gesellen verlernten das spöttische Lächeln. Mit einem Male hatte Rothcr die Herrschaft über das Geschäft wieder an sich gerissen.> Und so war es nun Tag für Tag, aber nur solange der Schuster im Hause war. Wenn er gegangen war, verfiel der Nagellsager allmählich wieder in seine alte Art: die Lebhaftigkeit sank von ihm ab wie eine Maske, seine Gesichtszüge nahmen den stumpfsinnigen Trinkerausdruck an, den sie in den letzten Jahren immer gezeigt hatten, er kümmerte sich nicht um die Werkstatt und um die Arbeit, tat nichts und trank nur— als wenn nur der Willx des ZreupdeS lebendig in ihm gewesen und mit seinem Fortgehen von ihm ge- wichen wäre. Darum war Glück-Karl jetzt viel im Tischlerhause, jeden Tag, oft, wenn es sich nötig machte, vom Morgen bis zum Abend. Er ging im Hause umher, als wäre es sein eigenes, wenn Essenszeit war, setzte er sich mit an den Tisch, nach dem Mittagsmahle hielt er, wie er das gewöhnt war, auf dem Sofa sein Schläfchen, und hatte er sehr pressiert zu tun, brachte er gar sein Handwerkszeug und die Arbeit mit und klopfte in der Wohnstube lustig Pfeifend seine Schuhe, während Rother in der Werkstatt drüben tat, wozu der Wille des Freundes ihn zwang. Willig hatte die Meisterin sich alle Geschäfte aus der Hand nehmen lassen, wenn sie heimlich auch über allem wachte und da und hier eingriff, wo etwas ins Stocken geriet, auch sofort ein- sprang, wenn der Meister seine schlimmen Stunden bekam. Auch den Schuster, der ihr in der Seele zuwider war, duldete sie im Haufe, ohne eine Miene zu verziehen, vielleicht nur, weil sie sah, dah er einen günstigen Einfluß auf ihren Mann auszuüben vcr- mochte, den sie nicht mehr besaß. Nur eines ließ sie sich nicht abnehmen, worauf die beiden Männer es am meisten abgesehen hatten: die Kasse. Zwar flössen, da der Meister nun wieder einen größeren Teil des Tages in der Werkstatt stand, manche Läpperbeträge für Reparaturen und kleinere Arbeiten in seine Tasche; größere Summen aber, über die Rechnung ausgestellt und quittiert werden mußte, kassierte die Frau selbst ein. Sie hatte die Kunden, die alle wußten, unter welchem Kreuz sie seufzte, gebeten, Zahlungen nur an sie zu leisten, und fast alle kamen dieser Bitte nach zum Aerger der beiden Unzertrennlichen, die ihren Plan vereitelt sahen. Nur die Hoff- nung auf eine günstige Gelegenheit ließ sie ihr Ziel auf dem ein- mal betretenen Wege weiter verfolgen..». r tFortsetzung folgt.)) Das Schaffen des Schau fpiclers. Die Thcatersaison mit ihren Aufregungen und Ueberraschungen hat begonnen; die ersten Premierenschlachten sind geschlagen; auf den weltbedeutenden Brettern sind Helden und Heldinnen der Bühne in Liebe und Haß, in Lust und Leid nun wieder vereint, um das bunte Abbild des Lebens im Schein des Rampenlichtes her- aufzubeschwören. Ter faszinierende Zauber schauspielerischer Kunst, der uns für kurze Stunden die Wirklichkeit vergessen läßt, wirkt von neuem mit voller Stärke auf uns ein und wir fragen erstaunt, welch besonderen Kräften der Mime seine Macht vcrdankr, aus welch rätselvollen Tiefen der Seele das Gebild seines Schaffens emporwächst. Wenngleich über jeden geistigen Zcugungsprozcß ein Schleier des Geheimnisvollen und Unbewußten gebreitet ist, so liegen doch die Verhältnisse bei der Schöpfung des Schauspielers noch besonders dunkel und kompliziert. Er ist zugleich reprodu- zierender und produzierender Künstler, Instrument eines fremden dichterischen Willens und Gestalter ganz neuer künstlerischer Werte; sein Material, das er formt, ist kein objektiver Stoff, sondern seine Persönlichkeit, sein Körper selbst; er kann sein Werk nicht fertig aus sich herausstellen für alle Ewigkeit, sondern muß es stets von neuem gebären. Subjektives und Objektives sind hier seltsam mit- einander vermischt. Das Problem des schauspielerischen Schaffens ist daher eines der schwierigsten und anziehendsten auf dem Ge- biete der Psychologie des genialen Menschen; es ist vielfach, von den Künstlern selbst und den Aesthetikern, erörtert worden, wobei sich die Meinungen oft direkt widersprechen und in mancher Hin- ficht keine Klarheit erzielt worden ist. In großen Umrissen aber kann man doch aus der verwirrenden Fülle der Zeugnisse ein lebendiges Bild von den einzelnen Impulsen und Entwickclungs- stufen gewinnen, in denen eine Rolle aus dämmerigen Ahnungen und langen Studien zu ihrer plastischen Erscheinungsform auf der Bühne emporgehoben wird. Wie jedem Beruf, der alltäglich ausgeübt werden muß, haftet auch der Schauspielkunst etwas Mechanisches, Handwerksmäßiges an. Der Mime, der ein paar Monate hindurch Abend für Abend in denselben oder in ganz ähnlichen Rollen beschäftigt ist, wird vielfach ganz automatisch seine Aufgabe erledigen, den eingeübten Part gleichsam von selbst sich abrollen lassen. Aber er ist dann auch kein Künstler mehr, kein Schöpfer. Bei unserer Betrachtung kann es sich nur um den bedeutenden Schauspieler handeln, der wirkliche Schönheitswerte schafft und von dem jeder echte Komödiant ei» Stück in sich haben muß. Phantasie und Verstand, das sind die beiden Mächte, die, wie bei jeder künstlerischen Leistung, so auch bei der des Schauspielers die eigentlich hervorbringenden Gewalten darstellen. Sein erstes, fundamentales Erleben findet der Bühnen- darsteller natürlich im Versenken in das Drama. Schon hier zeigen sich bedeutende Unterschiede des Eindrucks. Der denkende Schau- fpieler, bei dem die Reflektion überwiegt, wird nur ganz vage, ver- schwommene Vorstellungen haben; wir wissen das von Seydel- mann, von Kainz u. a. Er muß erst alle möglichen Zugäuge zu dem Werk und der Gestalt suchen, langsam in die Stimmung und die Details eindringen; das ist dann nicht selten die Arbeit eines Lebens. Aus stets neuen Nüaneen setzt sich das Mosaik des Spiels zusammen. Solche Schauspieler sind halbe Gelehrte, Riesen an Fleiß. Meister der beherrschten Technik, die auf ihrem mühS vollen Wege langsam und hartnäckig zu den Gipfeln ihrer Kunst aufsteigen, ein Elhof, Seydelmann, Dessoir, Lewinsky, Kainz, Oskar Sauer. Ganz anders stehen die„Lieblinge der Phantasie", schon beim ersten Einleben in ihre Aufgabe, dem Werke gegenüber. Auch sie sind nicht etwa mühelose Improvisatoren, denen alles auf den ersten Wurf glückt, aber es drängen sich ihnen sogleich sinnlich blutvolle Gestalten ihrer Einbildungskraft auf, mit denen sie sich immer mehr befreunden, bis diese zu ihrem„zweiten Ich" werden, Rellstab hat uns den dämonischen Ludwig Devrient so im inneren Zwiegespräch mit einem neuen„Seelenbruder", einer neuen Rolle, geschildert. Ueberall, in der Kneipe und auf der Straße, zog er das Buch aus der Tasche und redete auf diesen „verrückten Kerl", der sein eigen werden sollte mit allen Fibern und Fasern, wie auf einen leibhaftigen Kumpanen, ein. Und bald ging dann mit ihm selbst eine merkwürdige Verwandlung vor; Haltung, Gebärden, Sprachion erhielten eine völlig andere, charak- tcristische Prägung: er machte den„tollen Burschen", den er vor seinem geistigen Auge sah, nach und so redete er, lebte er, wühlte er sich in die Rolle hinein. Bei allen großen Schauspielern, deren Grundtalent ein heißer Drang zum Kopieren ist, kann man diese Art des Schaffens beobachten: sie ahmen ihre inneren Gesichte so- lange nach, bis sie in den Körper dieses imaginären Wesens hin» eingeschlüpft sind. So schufen Schröder, Döring und M a t- k o w s k h, und wenn sie sich nebenbei noch in tieffinnige Grübe» leien über das Stück versenkten, so war darauf nicht viel zu geben, denn im entscheidenden?lugenblick siegte doch die Gewalt des Phan- tasiegebildes, das sich ihnen unvergeßlich eingeprägt hatte. Noch stärker lebt das intuitive Element in Künstlern, die schon bei der Lektüre des Werkes von dem Rausch des Schafsens unwiderstehlich ergriffen werden. Von der Wolter erzählt man uns, in welch wilder Erregung sie beim ersten Studium der Rolle gewesen sei. „Plötzlich springt sie auf; sie beginnt zu agieren, zu spielen. Die Handlung zieht an ihrer Seele vorüber; ihre Gebärden verraten, daß sie alles durchlebt. Sie leidet unter dieser Qual des Fühlens, des Ausdrückenmüssens, Tränen rollen über ihre Wangen, aber noch scheint sie sich nicht im Mittelpunkt der Handlung zu fühlen. Da plötzlich sprühen und blitzen die Augen, die Gebärden werden befehlend, drohend; jetzt zuckt sie auf, der Körper krampft sich zu- sammen; der Mund öffnet sich und qualvoll langsam entringt sich ein niarkerschütternder Schrei ihrer Brust— dann sinkt sie ermattet und laut schluchzend aufs Sofa. Lange weint sie und heftig, bis die Krise vorüber ist. Aber den innersten Gefühlsgehalt der Rolle hat sie sich nun für immer erobert." Es folgt nur noch die ver- standesmäßige Ausgestaltung und Durcharbeitung. Noch momen- taner war das Erfassen der Grundstimmung bei M i t t e r» w u r z e r.„Ich versenke mich mit aller Sammlung in die dar- zustellende Dichtung," erklärte er.„Wirkt sie überhaupt auf mich ein, so befällt mich bald ein eigener Zustand, in dem ich die Ge« stalten, die ich darstellen möchte, leibhaft, greifbar, in allen ihren beschriebenen und nicht beschriebenen Lebensformen nicht vor mir sehe, sondern i n mir. Was ich sein soll und wie iob es sein soll, das steht eigentlich mit cinein Schlage vor meiner Seele." Solche Künstler haben dann jähe Visionen, in denen plötzlich eine Gestalt völlig fertig vor ihnen auftaucht. Mitterwurzer sah so den Mephisto, dessen Bild sich ihm nie vorher klar gezeigt, als triumphierend stolzen Fürsten der Hölle, während er auf einer amerikanischen Gastspieltournce in Milwaukee zu Mittag aß; die Schröder- Devrient den Romeo in aller heldenhaften Anmut, als sie nach der ersten Aufführung erschöpft und zitternd auf dem Sofa lag. Es gibt Künstler, die den stärksten Impuls des Schaffens erst auf den Proben empfangen, in der anregenden Bühnenatmo- sphärc. So hat Kainz manche Idee aus den zufälligen Kom- binationcn und Situationen der Probe geschöpft. Ilebcrhaupt spielt die äußere Umwelt, die Kulissenluft, spielen Kostüm und Publikum eine große Rolle im Schaffen des Schauspielers. Seydel» mann sühlte sich haltlos ohne seine raffiniert ausgeklügelte Maske, und Matkowsky konnte nur ganz Held sein in Stulpenstiefeln, mit dem Schwert in der Faust. Die Requisiten sind ein beseelendes, der Applaus ein anfeuerndes Moment.„Freilich ist alles nur Plunder und Kram," meinte die Schröder-Devrient von den Kulissen,„aber das Zeug muß zu dem werden, lvas ich w i l l. Es muß vergeistigt werden, bis es wirklich lebt." Von der ganzen Umwelt geht eine suggestive Wirkung aus. deren der Schauspieler bedarf, um sich völlig einzufühlen in die Seele seiner Rolle. Aus dem Phänomen der Htzpnose hat man denn überhaupt das Rätsel der schauspielerischen„Transfiguration" erklärt. Max Martcrsteig führt in einem interessanten Buche die wundersame VerWandlungsfähigkeit, die dem großen Schauspieler eigen ist, auf eine Art Sclbsthypnosc zurück, wobei der Künstler unter dem Ein- druck einer ästhetischen Suggestion sein Jchgcfnhl aufgibt und ganz in dem Geist und Wesen seiner Rolle aufgeht. Die Schilderungen mancher Künstler, so Mittcrwurzers, der Du s e, lassen wirklich auf einen solchen Zustand schließen. Von Fleck wird berichtet, er habe bei seinem Spiel nicht selten einem Nacht- Wandler geglichen; Christine Hebbel schilderte ihrem Gatten ihre Empfindungen als Lady Macbeth:„Mir war während des ganzen Stückes, als wenn ich die Augen nicht auftun könnte"; von Ludwig Dehrient sagt E. T. A. Hoffmann,„in ihm sei ein höherer Geist erwacht, gestaltet wie die Person der Rolle, und diese, nicht er, habe dann weiter gespielt, wiewohl von dem Ich, dessen Bewußtsein ihm — 732 Jtle entging, beobachtet und gczügclt." Es ist also eine stljr fom plizicrtc Mischung von Bewußtem und Unbewußtem, von hypnoti. schen Zwangsvorstellungen und reflektierenden Gedankengängen, idie im Schauspieler während des Schaffens wirksam sein muß. Nur so lassen sich auch die gegensätzlichen Antworten erklären, die immer wieder auf die Fragen gegeben worden sind: Soll derSchaw ispicler über der Dichtung oder in ihr stehen, muß er die Leidew ischaftcn des Wesens, das er darstellt, mitfühlen oder nicht? Im wesentlichen werden diese Fragen durch die Scheidung von dornchmlich reflektierenden und visionären Schauspielern schon bc- antwortet. Bei Künstlern, in deren Schaffen die Gedankenarbeit überwiegt, also bei Persönlichkeiten wie etwa Jffland oder Talma oder von den Modernen Emanucl Reicher, wird gar- leicht ein Ucberlegenheitsgefühl über den Dramatiker sich geltend machen. Bei Sehdelmann wie Kainz hatte man stets den Eindruck, daß sie souveräne Herrscher über ihren Stoff, also auch über die Dichtung waren. Ein Fleck oder Matkowsky dagegen ging ganz im Drama auf, tauchte unter in der Stimmungssphäre, die ihn um- -flutete. Solch ein vom Dämon der Poesie besessener Mime wird dann die klare Sicherheit des Verstandes leicht verlieren, in der dämmernden Verzückung die Offenbarungen seines Innern preis- «geben. Dieses Aufgehen im Geist der Dichtung, dieses ekstatische Sichselbstvergesscn und Mitfühlen ist nun von den einen als not' wendig für den genialen Mimen, von anderen aber als seiner un- würdig erklärt worden. Schon die ersten modernen Aesthetikcr der Schauspielkunst liegen sich da in den Haaren. R i c c o b o n i, dem auch Lessing zustimmt, erklärt es für ein Unding, daß der Komödiant, der genau wisse, daß alles nur Schein sei, wirkliche Empfindungen habe. Sainte-Albine hält eine„glückliche Ltaserei" für unerläßliche Bedingung: ein Schauspieler, der nicht selbst gerührt sei. könne nicht rühren. Diderot hat in seinem lberühmten„Paradox über die Schauspieler" jeden„fühlenden Mimen" einen Stümper genannt und der ältere C o q u e l i n sich ihm angeschlossen: Als Anfänger sei er einmal hinter den Kulissen dar Rührung ohnmächtig geworden, aber das sei eine„Jugend- -eselei" gewesen, und jetzt würde er sich schämen, wenn ihm so etwas passiere. Demgegenüber wird uns aber von manchen der größten Schauspieler erzählt, daß sie ganz in den Empfindungen ihrer Rollen anfgingen. Wandelte Fleck am Morgen eines TagcS, an dem er abends den Lear oder Macbeth spielte, durch die Straßen Werlins, dann lag ettvas so imponierend Majestätisches in seiner Haltung, daß sich die Leute zuflüsterten:„Der Fleck ist schon König vom Kopf bis zur Zeh." Nach dem Spiel war der sonst sanfte, gut- mutige Mann häufig noch so in seiner Raserei, daß er sich zu Ge- Walttätigkeiten hinreißen ließ. Ludwig Devrient konnte öfters den Lear nicht zu Ende spielen, weil das unnennbare Weh, das ihn dabei zerwühlte, seine Brust zu sprengen drohte. Karoline Bauer derichtet, daß er beim Todeskampf auf der Bühne wirklich in Ohn- macht fiel und mühsam zum Leben erweckt, verwundert sagte:„Ich dachte doch, ich sei gestorben." Von Döring erzählt Lindau, daß er sich vor dem Auftreten gewissermaßen in die Stimmung der Rolle hineinredete und während des ganzen Spiels sich durchaus als„der andere" fühlte; Rossi wütete als Shylock und Othello ihinter den Kulissen fort. Andererseits konnte Salvini mitten aus einem heftigen Streit als Othello auf die Bühne treten, mir einem Schlage völlig verwandelt. Er meinte, er könne jeden Llugenblick jede Szene spielen, ohne das Geringste dabei zu fühlen. „Ich habe es ja früher empfunden, als ich die Rolle studierte! Da vollkommen, bis zum körperlichen Schmerz. Aber seitdem ich sie beherrsche, kümmere ich mich um das nicht mehr; seitdem habe ach alles an« Schnürchen." Das gleiche erzählt Richard Wagner von der Schröder-Devrient:„In einer der aufrcgend- Sten Szenen, während welcher sie alle Zuhörer in jenes nahe an -aS Erschrecken streifende Staunen der teilnahmsvollsten Entrückt- heit festbannte, hatte sie für einen Augenblick die Bühne verlassen, um sofort loieder dahin zurückzukehren; diese wenigen Minuten verwandte sie zu einer Aeußerung des übermütigsten Scherzes an -ihren alten Lehrer, welchem sie daS Taschentuch, womit dieser sich ldie Tränen der Ergriffenheit trocknete, mit lustiger Heftigkeit cnt- riß, um ihre eigenen Tränen abzuwischen, worauf sie das Tuch ihm -mit dem Verweise:„Was hast Du Alter zu weinen? Das laß -meine Sache sein!" zurücktvarf, um nun hastig wieder auf die Szene zu stürzen und dort in den herzzerreißenden Ausruf zu er- gehen:„Was Hab' ich gesehen!" So frei und sicher schwebte die große Sängerin über der seelischen Sphäre ihrer Rolle, daß sie ihr eigen Ich hervorkehren konnte, ohne deshalb aus ihrem fast som- nambulen Zustand zu erwachen. Wie in jeder Kunst, so müssen eben auch im Schaffen des Schauspielers die Sphären des Bewuß- Üen und Unbewußten sich in einem glücklichen Gleichgewicht be- -finden, Phantasie und Verstand eine harmonische Vermählung ein- gehen und jene wundersame„Traumklarheit", jene„ahnungsvoll immpfe Hellseherei" erzeugen, aus der allein das Schöne und das SDroße geboren wird._ Dr. Paul Landau. kleines feuilleton. Hydrographisches. - MeereSliefen und Wasserdruck. Wohl zu allen Velten hat das Meer durch feine gewaltige Erscheinung einen Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul SingertCo., Berlin SW. starken Eindruck auf den Menschen gema'chk. Wentt Such so ütSktche sich ins Unbegrenzte verlierende Vorstellung von der Wissenschaft» lichen Forschung ins Reich der Fabel verwiesen wurde, so hat sie uns doch auf der anderen Seite die Kenntnis von Tatsachen vcr- mittelt, die den Eindruck des Ungeheueren vielleicht noch erhöht haben. Denken wir nur an die unendlichen Tiefen, die man mit dem modernen Tiefseelot in den letzten 60 Jahren gemessen hat! Liegen, doch über 66 Prozent des Meeresbodens in Tiefen von 3066 Metern und mehr, lieber 3S Millionen Quadratkilometer liegen 5400 Meter unter dem Meeresspiegel. Dagegen erscheinen unsere nächsten Meere, die Nordsee mit ihren 40 Metern durch» schnittlicher Tiefe, oder die Ostsee mit etwa ebensoviel, als flache Wasserlachen. Der Atlantische Ozean, der infolge seiner Bedeutung für den Weltverkehr am besten untersucht ist, hat eine Durch» schnittstiefe von 3500 bis 4000 Metern, und seine größte Tiefe be» findet sich mit 4341 Metern bei Porto Nico. Nicht ganz diese Tiefe erreicht der indische Ozean mit etwa 3500 Metern im Durchschnitt, und in seinem östlichsten Teile, in der Celebes-See, bei den Phi- lippinen, die tiefste Stelle mit 7300 Metern. Bon den beiden Eis- mceren, die im allgemeinen für relativ flach galten, erreicht das südliche größere Tiefen. Für den noch nicht genügend durchforschten Stillen oder Großen Ozean nimmt man schätzungsweise eine Durch- schnittsticfe von 3500 Metern an. Er hat aber die zahlreichsten und größten Tiefen aufzuweisen, denn in seinen Grenzen liegen mehr als die Hälfte der tiefsten Lotungen. So befindet sich nicht weit von Japan eine Tiefe von 8513 Metern; bei den Tonga-Jnscln eine solche von 8S60 Metern; in der Nähe der Kermades-Jnseln sind gar 9412 Meter gelotet worden, und die größte bisher gemessene Tiefe befindet sich in der Gegend der Mariannen-Jnseln. Sie ist von dem Vermessungsschiff„Nero" im November 1899 in 9633 Meter Tiefe gelotet worden. Zum Vergleich sei bemerkt, daß der höchste Berg der Erde, der Mont Everest, 8882 Meter hoch ist. Ohne Frage macht die Zahl 9633 einen großen Eindruck auf uns, aber es geht uns das richtige Verständnis für eine solche Größe ab. So mancher wird überrascht gewesen sein, als er hörte, daß auch mit den besten Apparaten der Taucher selten tiefer als 30 Meter ins Meer hinabsteigt. Die Ursache hiervon ist der kolossale Wasserdruck, der auf ihm lastet. Auf einer Fläche von 10 Ouadratzentimetern, also einem Quadratdezimeter(qclmj, lastet in 30 Meter Tiefe eine Wassersäule von 6 Zentner Gewicht; und die dem Druck ausgesetzte Oberfläche eines erwachsenen Menschen beträgt etwa 1)4 Quadrat- meter. Ein Taucher, der sich auf dem Boden des 9633 Meter unter der Wasseroberfläche liegenden„Neroticfes" befände, würde den alles zermalmenden Druck einer Wasserinasse von etwa 9678 Tonnen(t) auszuhalten haben, welches Gewicht etwa dem von 17 der schwersten v-Zug-Lokomoiivcn mit gefüllten Tendern gleich- käme. Unter diesem Druck würden die dicksten Holzbalken zu einer Pappendicke zusammengepreßt werden. Diese außergewöhnlichen Druckverhältnisse bedingen daher auch, daß sich die Tierwelt des Meeres dem angepaßt hat, und daß dessen Bewohner während ihres ganzen Lebens sich nur in d e n Tiefen aufhalten, denen sich ihr Körper durch lange Zeiträume biologischer Entwicklung angepaßt hat. Ein Ueberschreiten dieser Grenzen nach oben oder nach unten bringt eine unmittelbare Lebensgefahr für sie, durch Auseinander- bersten oder Erdrücktwerden, mit sich. Bergbau. Die Grubenlampe ist ein Apparat, um den sich die Technik begreiflicherweise fortgesetzt bemüht. Hängt doch von ihrer Beschaffenheit die Sicherheit eines bergbaulichen Betriebes in wesentlichem Grade ab. Die Gefahren bei der Benutzung solcher Lampen sind doppelte, einmal die der Entzündung von Gasen in der Grubenluft, und zweitens die eines Verlöschens der Lampe. So sehr viel bedenklicher auch die erste dieser beiden Möglichkeiten erscheinen muß, ist doch auch die zweite recht unangenehm und kann zu Unglücksfällen führen. Der Bergmann darf eben in solchem Fall nicht einfach ein Zündholz nehmen und die Lampe auf diese Weise wieder anstecken, weil er dadurch sofort ein« Explosion schlagender Wetter herbeiführen könnte. Deshalb hat ein eng- lischcr Ingenieur Hailwood eine besondere Konstruktion erdacht. die ein Wiederentzünden von Grubenlampen in gefahrloser und sicherer Weise gestatten soll. Namentlich ist auch darauf Rücksicht genommen worden, daß bei einer Beschädigung der Lampe, die viel- leicht beim Hinfallen verlöscht ist. keine Explosionsgefahr bei oder nach der Wiedcrcntzündung zu befürchten ist. Der neue Apparat besteht in einem einfachen Zylinder, in den die Lampe vor der Wiedercntzündung gesetzt wird, damit keinesfalls eine Flamme von ihr nach außen dringen kann. Sollte es zu einer kleinen Ex- plosion kommen, so kann sie sich nur innerhalb der Lampe ab- spielen und diese wieder verlöschen, so daß der Versuch wiederholt werden muß. Professor Bellet in Paris hat eine eingehende Be- schreibung dieser Hailwoodschen Sicherungsvorrichtung im„Kos- mos" veröffentlicht. Sie ist danach so konstruiert, daß ein Ver- sagen ihrer Vorzüge ausgeschlossen erscheint. Uebrigens wird sie sich nicht nur für den Bcrgwcrksbetrieb eignen, sondern auch zur Benutzung in vielen anderen Fällen, in denen eine gleiche Vorsicht geboten ist,