Nnterhaltlmgsblatt des Horwärts Nr. 191. Dienstag den 3. Oktober 1911 (Nachdruck decdoten.} 23] Vor dem Sturm. Roman von M. E. delleGrazie« „Sorg' er. daß ich morgen früh um zwei geweckt werde," befahl der Graf, ohne aufzublicken.„Aeh, und was ich noch sagen wollte... wenn er den Menagekorb packt: fünf Flaschen Sekt geh'n mit!" Und nachdem Seine Gnaden solchermaßen alles Nötige in Erwägung gezogen, beliebten sie, sich auf dem hirschledernen Ruhebett ein Weilchen auszustrecken, um mit offenen Augen zu träumen. Dazwischen ahmte die erlauchte Zunge immer wieder die Locktöne der Balz nach. „Ist der närrisch auf den Hahn!" dachte draußen der gähnende Leibjäger. Noch trug der Wind die lustigen Weisen des Kirchtags über Hecken und Höfe, stampften die Burschen unter lauten „Juchezern" den Boden auf. daß der Staub wie ein gold- flimmerndes Netz um die„Hütt'n" hing, gab es Räusche, die drei Tage alt waren und weitere drei Tage guten Schlafes brauchten, um endlich aus dieser Welt der Aergernisse zu kommen Nur bei den Iillys blieb alles still. So still, daß es selbst dem alten Hofhund ganz bange wurde und er von Zeit zu Zeit ein klagendes Geheul ausstieß, das sich gar selt- sam und wunderlich in die frohen Klänge mischte, die den anderen die Zeit vertrugen. Daß kein Pferd vor den Pflug, leine Kuh an den Wagen gespannt wurde und die Annaliesc nicht wie sonst mit dem Grastuch ausging, um für die Ziegen den lockeren Klee heimzutragen, nahm den alten Hektor nicht wunder. Es gab ja nianchen Tag im Jahr, an dem die Ar- beit ruhte und auch seine Herrschaft sich's wohl sein ließ. Aber irgend etwas geschah doch immer an solch stillen, der- träumten Sonntagsnachmittagen. Eine Sense wurde ge- dengelt, der alte Bauer stiefelte über den Hof. um nach seinen Bienen zu schauen, die Mädel schössen im Sonntagsstaat an dem alten Hektor vorüber, daß die Zipfel der Kopftücher flogen und die hochgebauschten Steifröcke knatterten. Und wer immer an solchen Nachmittagen an ber Hundehütte vor- beikam, hatte ein gutes Wort für den treuen Wächter des Hauses. Läuteten ober die Glocken den Abendfrieden ein, kam die Bäuerin selbst über den Hof und nahm ihm die schwere Kette ab. Das waren Hektors Sonn- und Festtage ge- Wesen, zehn Jahre lang. Heute hatten sie sogar vergessen, ihm das Futter zu bringen! Wann wäre das früher je geschehen? Und so totenstill lag das Haus, während das ganze Torf noch immer auf den Beinen war! Sonst sah man wenigstens die Bäuerin an den Fenstern. Sei es, daß sie den bunten Geranienflor goß oder einen Augenblick müßig hinausspähte, die Hände lässig jiber die Schürze gelegt, weil es eben Feier- tag war. Aber nicht einmal das geschah heute. Und Hektor bellte und bellte. Die Res! hatte gemeint recht klug zu sein, als sie die Annaliese„ins Bitt'n" schickte. Vor Gott und ihrem Gewissen freilich war sie schamrot geworden. Denn eigentlich war da? ja doch eine Spekulation auf die Schwäche des gnädigen Herrn. Daß der die Annaliese gerne sah, wußte das ganze Dorf, und auch der Annaliese war darüber der „Kamm gewachsen". Wenn die nun vor den gnädigen Herrn trat und recht schön bat... so recht schön? Daß die Anna- liefe„brav" war, wußte die Resl. Was konnte ihr also ge- fcheh'y, am hellichten Tag? Ein paar schöne Sachen wird er ihr sagen, dachte die Alte,«und ihr a bisserl unter die Aug'n schau'n". Und wenn er ihr nach'm Kinn g'läng'n sollt'... du liebe Welt! War deshalb schon ein Unglück gescheh'n? Der hochwllrdige Herr Dechant von Schönbach tat ja dasselbe, wenn ihm ein braves Mädel gefiel. Und wie die Welt nun einmal war.... Der Teufel wollte eben auch zuweilen seine Kerze haben! Die Annaliese aber würde sich nicht„a Aichtl" vergeben. So weit glaubte sie das Mädl zu kennen. Und nun war das Unglaubliche geschehen, der Herr Graf hatte die Annaliese nicht einmal vorgelassen! „Unt' hob'n s' mi steh'n loss'n und hob'n mi ong'schaut," schluchzte das Mädchen.„Und nachher hob'n f' mich fürt- g'wies'n. Und i bin dog'stond'n und hob ka Wort red'n skönna." „Ober i hob d'r do gesogt, wia's d'es onstell'n sollst,� jammerte die Alte. „Red't's ös, wonn olle Harb san auf Enk und Enk on« schau'n, i woaß nit wia!" «Und wos Hot denn der Merikaner g'sogt!" „Daß der gnädige Herr nit g'ärgert und molestiert sein will." „Nachher host eahm ober do load ton. wia?" fragte die Bäuerin.„Und do Hot er d'r g'sogt..." Sie konnte die Worte, die ihr noch eine letzte Hoffnung übrig ließen, nicht oft genug hören. „Daß i moring, in oller Fruah, bei der„Jogdhütt'n" klaub'n soll," erwiderte das Mädchen beklommen.«Und doß i den Herrn Grof'n zeb'n ongeh'n soll... wonn er mi on- hör'n will!" „Wonn's nur nit grod bei der Schweighiitt'n war," warf die jüngere Schwester besorgt ein. Aber Resls Ungeduld, ihren Alten wieder heil und frei zu sehen, ließ keine Sorge mehr auskommen.„Red' nit so da- her!" fuhr sie das Mädchen an.„Beim Klaub'n san do olleweil no a poor ond're a do." Die Rosala, wie Jürys Jüngste hieß, war sonst ein kluges Mädchen. Doch die Redefertigkeit der Mutter und die Herrsch- sucht der schönen Schwester hatten sie schon von klein auf stets in die Ecke gedrängt.„Muaßt olleweil Dein Liacht leucht'n loss'n?" pflegte Resl ihre Jüngste bei solchen Gelegenheiten anzufahren. So hatte sich die Rosala gar bald daran ge- wöhnt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Und weil sie nicht bloß klug, sondern auch bescheiden und friedfertig war, tat sie es auch heute. Ganz heimlich aber dachte sie:„Wie wunderlich, daß sich der Graf so viele Leut' nachschick'n laßt, wenn er auf den Hahn geht!" Aber freilich— die„Klau- bungen" begannen erst um fünf Uhr morgens und bis dahin konnte der gnädige Herr seinen Hahn schon haben! Und wenn er dann in guter Laune zurückkehrte.... Ihr war es ja auch recht, wenn der Vater wieder heimkam! Ueber all dem Hoffen und Verzagen war Stunde um Stunde hingegangen. Nun sank der Abend herab, der zweite, der das Haus ohne den Vater fand. Jürys Sohn hatte die Seinen wieder heimbringen müssen, Arbeit gab es auch genug. Da konnte man nicht drei Tage lang sitzen bleiben und den Weibern flennen helfen. Selbst hatte er gar wohl gemerkt, daß diesmal auch die Mutter ihr Teil Schuld an der leidigen Sache trug. War sie es nicht gewesen, die den Alten bis zuletzt„ausg'hußt?"„Weiber, Weiber," dachte der ruhige Mann trotz allen schuldigen Respektes. Immerhin hatte er versprochen, beim Heimsahren einen Umweg zu machen, um den Schönbacher Schreiber sofort von allem in Kenntnis zu setzen. Ob der Schönbacher Schreiber der„Richtige" war in einer solchen Angelegenheit?„Wird noch mehr Feuer zu- tragen," dachte der junge Bauer verstimmt. Weil er den Weiberleuten aber nicht jede Hoffnung nehmen wollte, schwieg er das Letzte in sich hinein. Seiner Meinung nach war über die ganze Sache schon viel zu viel„Staub aufgegangen". Die Geranien zwischen den Fenstern flammten im letzten Abendschein auf: allmählich brach die Dämmerung herein,- legte ihre Schatten wie graue Spinnennetze erst über die Dielen, kroch endlich langsam an den Wänden empor, machte alles noch stiller und trauriger, als es den einsamen Frauen ohnedies erschien. Tie Alte schwieg schon die längste Zeit, und weil das so gar nicht die Art ihrer Mutter war, wurde es den Jungen noch beklommener zumute. Dazu die tiefe Stille im Haus. Knecht und Magd waren noch beim Tanz. „Wenn ich nur die Musik nicht hören müßt'," dachte die Rosala. Sie konnte es ihrer Jugend nicht wehren, daß ihr bei all dem Jammer doch auch andere Gedanken kamen. Aber der„Kirritog" war schon verloren für sie. Das erfüllte sie mit einer besonderen Wehmut, die sie nicht meistern konnte, so beschämt und tapfer sie sich auch gasen ihre heimlichen Wünsche wehrte. Man ist halt doch nur einmal jung, dachte. sie, und der„Kirritog" kam nur einmal im Jahre! Ja wenn der junge Zöllner nicht gewesen war', aber der tanzte sicher weiter unter der„Hütt'n", als wenn nichts geschehen wäre. Ihm war ja auch nichts gescheh'n, gar nichts. Aber daß ihm der Jammer der Rosala so wenig naheging, daran konnte nur eine andere schuld sein.„Find't er mi nit beim Flennen. zum Lochen find' i mir bold an'n ond'ren!" dachte das kluge Mädchen. Aber einstweilen tat es doch weh..... Und doppelt verlassen fühlte man sich auch. Zwischen den welken Fingern der Bäuerin kam ein leises 'Klirren hervor. Es war der Rosenkranz, den sie in ihrer Verzweiflung herunterbetele, seiner ganzen Länge nach, schon zum drittenmal an einem Tag. Auch die Annaliese wollte dem lieben Gott mit einen« recht kräftigen„Gebitt" kommen. Und damit ihr ja kein Gedanke danebenging, hatte sie sich den Rosenkranz des Vaters um die Finger geschlungen. Denn Annaliese liebte ihren Vater über alles und war in ihrer„gach'n" Art so ganz seine Tochter. Warum ihr trotz alledem die Vaterunser und Ave Maria nicht recht von den Lippen gingen, immer wieder von Gedanken und Vorstellungen verdrängt, die mit all dem Jammer so gar nichts zu tun hatten? Ihr selbst so fremd und unheimlich waren, als säße eine andere Annaliese hinter ihr und spräche ihr immer wieder zwischen die„G'setzln" hinein, daß sie kaum mehr wußte, ob sie den„schmerzhaften" oder den„glorreichen" Rosenkranz bete. „NU vorg'loss'n Hot er mi, schau," dachte sie: dachte es vielleicht schon zum hundertsten Male heute, und wußte doch nicht mehr von sich und diesem Gedanken, als daß sie davon nicht loskam. Denn der Gedanke war fortwährend da, ob sie saß, ging, aß oder betete. Wie ein Gezische! kam aus ihrer Seele, daß ihr oft war, als müßten es auch die anderen hören. Und wie sie sich auch wehrte, er hatte etwas von einem Stachel in sich, dieser Gedanke. Er bohrte und bohrte und— er tat auch weh! Zu oft hatte man das schöne Mädchen mit dem„gnädigen Herrn" geneckt. Zu viel ihr von den Umwegen erzählt, die er mache, bloß um ihr zu begegnen. Und weil die Annaliese eitel war, sehr eitel, hatte sich das wie ein Gift in ihre Seele gefressen: ihr eine Haltung gegeben, ein Selbstbewußtsein ge- liehen, als hätte der„gnädige Herr" ihr gestanden, was die anderen ihm nachsagten. „Loßt's mi nur hingeh'n, Muida," hatte sie voll Zuver- ficht geprahlt.„Wonn Oaner, kriag i den Voda außa..." Und nun? Nicht einmal vorgelassen hatte sie der .„gnädige Herr!" War er wirklich so„Harb" oder gefiel ihm wieder eine ondere? Auch daran konnte sie nichts ändern. Nachdem sie aber der Mutetr alles erzählt, war sie leise, ganz leise nach ihrer Kammer geschlichen und hatte dort eine ganze Weile in den Spiegel gestarrt, der neben ihrem Bett hing. War sie häßlich geworden? Nein. Warum hatte er sie also nicht vorgelassen? Warum? lZortsetzung folgt.x (Nachdruck v«rlol«n.Z 21] Die Meisterin. Der süße Duft des verschütteten Schnapses, der Zauber, der von der Geliebten ausging, hatten ihn bereits berauscht, ehe er auch nur einen Tropfen getrunken hatte; das Schmollen des Mädchens vermochte er nun schon gar nicht zu ertragen. Es bannte im Augen- blick alles, was in ihm sich gewehrt hatte, ihr den Willen zu tun, und ehe er sich voll dessen bewußt wurde, was er tat, setzte er das jGlaS an und goß seinen Inhalt in einem Zuge hinunter. Er schüttelte sich nicht einmal, obgleich der Schnaps, der zwar Nicht sehr stark war, ihn doch ein wenig brannte. Der Joseph lachte und schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel; die Grete wandte sich ihm, den lieben leuchtenden Blick wieder in den Augen, aufs neue zu und meinte:„Siehste, asu biste hoch a Mannt" Und er selbst kam sich, da er nun getan hatte, was die andern wollten, so recht wie ein Held bor. In den Augen des Schusters aber, der stumm der kleinen Szene zugesehen hatte, blitzte ein wilder Triumph auf, weil er seine Vlache, auf die er Jahre und Jahre hatte warten müssen, endlich ge- lingen sah. Nun mußte der Paul auch mit den beiden Männern anstoßen und jedesmal austrinken, so daß ihm ganz wirblig im Kopfe wurde und er kaum noch wußte, was er tat, wenn er immer wieder nach dem neu gefüllten Glase griff und mit einem Blick auf die Grete das süße Gift hinunterstürzte. Ein leises, katzenweiches Streicheln ihrer Hände, der feste Druck ihres Schenkels, der dicht an seinem lag, belohnte ihn dasm. „Na gell," fragte sie und sah ihn im Gefühl ihres Triumphes mit blitzenden Augen an,„na gell, er schmeckt gut!" Da nickte er mit schwerem Kopf, und seine Augen glänzten ivie im Fieber. Es war schon spät, als die beiden Burschen durch das Dorf nach Hause trappten, Paul ganz erfüllt von einem schweren, süßen Rausch, den Liebe und Alkohol in ihm erzeugt hatten, Immer wieder fühlte er, wie beim Fortgehen im dunklen Hausflur das Mädchen sich dicht an ihn gedrängt hatte. Glutströme waren dabei durch seinen Körper gerast, daß er, seiner nicht mehr mächtig, plötzlich beide Arme um die Zitternde geschlungen, sie an sich gepreßt, sie wild geküßt hatte, bis der Zuruf des Joseph, de» mit dem Schuster plaudernd schon im Vorgärtchen stand, ihn wieder zur Besinnung brachte. Noch umwehte ihn jetzt auf dem Heimwege der Duft ihres Haares, der heiße Atem ihres Körpers, noch empfand er die Glut ihrer dürstenden Lippen, und im Ohr klangen ihm immer wieder die zärtlich geflüsterten Worte: „Na gell, Du kommst wieder, Paule!" Geräuschlos waren die Burschen in das Haus und auf den Strümpfen die Treppe hinaufgeschlüpft, und nicht einmal die dritte Stufe von oben, die sonst immer Lärm macht, hatte gequarrt, so vorsichtig und leise waren sie gewesen. Das feine Ohr der Kranken hatte sie doch gehört. Den ganzen Nachmittag war die Meisterin von stetig sich stei« gernder Sorge hin- und hergeworfen worden, die am Abend in quälendste Angst überging. „Wo der Paul bloß bleibt," hatte sie immer wieder, die Hände ringend, gerufen:„Wo bloß der Junge bleibt!" Wenn sie mit ihrer Sorge sich erschöpft hatte, war sie für kurze Zeit in ohnmachtähnlichen Schlaf gesunken, aus dem aber ihre Angst sie bald wieder aufriß. Mit der Frage:»Js der Junge da?" schreckte sie empor und wußte die Antwort schon, ehe sie laut wurde- Als die Angst gar zu quälend wurde, fuhr sie hastig aus dein Bett; ehe sie aber mit dem Ankleiden beginnen konnte, wurde ihr schwarz vor den Augen, ihre Hände griffen in die Luft und ohn- mächtig sank sie in die Kissen zurück. Die alte Schmidten, die der Paul zur Krankenpflege bestellt chatte, war schon ganz ratlos; alle ihre Trostgründe hatte sie er- schöpft, ohne daß es verfangen hätte, und sie begriff nicht einmal, warum die Meisterin sich so ängstigte. Ein Bursche wie der Pauk ging doch nicht verloren, weil er ein paar Stunden außer dem Hause blieb. Wie zerbrochen lag die Kranke matt in den Kissen, die Augen weit aufgerissen, die Ohren auf jedes Geräusch gespannt, das draußen laut wurde. Sie fragte nicht mehr und klagte nicht mehr, und ihre Züge waren unbeweglich geworden. Nur durch die krampfhaft wie zum Beten verschlungenen Hände lief ein nervöses Beben, und aus der Kehle rang sich manchmal ein trockenes Aufschluchzen- Um Mitternacht endlich hörte sie ihn mit dem Joseph heim- kommen: heimlich, auf Strümpfen, wie ein Dieb. So war auch der Vater immer geschlichen in der ersten Zeit. Nun war ihr zur Gewißheit, wo er gewesen, und sie stöhnte lauk auf in unsäglicher Qual. «. Gegen Morgen, er hatte erst einige Stunden geschlafen, weckt» die alte Schmidten den Paul: er sollte nach Alt-Heinrichau zum Doktor, weil die Mutter gar so schlecht war. Als er an das Bett der Kranken trat, sah sie ihn mit harten, vorwurfsvollen Blicken an, und unter Schmerzen sich windend, fragte sie: „Wo... wo warst'n nächta?" Da überzog fahle Blässe des Burschen Gesicht. Nun erst kam ihm zum Bewußtsein, daß er sich versündigt hatte an der Mutter, mit Vergessen und Alleinlassen, mit Zuwiderhandeln gegen ihren Willen. Schuldbewußt stellte er sich, als habe er hie leise gestöhnte Frage nicht gehört und tat wie aufgewühlt von der Sorge um ihr Befinden: „Was is denn, Mutter? Jeses, was Hots denn? IS Dir sa schlecht?" Er wollte in überquellender Zärtlichkeit ihr hageres, unter der Qual der Schmerzen mit feinen Schweißperlen bedecktes Gesicht streicheln, sie aber wehrte ihm finster: „Nischt hatSI Wo Du warscht, nächta, will ich wissen!� Sie schrie es nun f nauen anatomischen Untersuchung. Es zeigte sich, daß alle Pfropf- bastarde ähnlich wie die anfangs erhaltene Chimäre teils aus reinem Tomatengewebe, teils aus reinem Nachtschattengewebe be- stehen, das nicht wie bei einer Chimäre, nebeneinander, sondern über- und untereinander angeordnet ist. Da die Gewebcschichlen sich in sehr verschiedener Art miteinander mengen können, so ist es erklärlich, daß verschiedene Arten von Pfropfbastarden aus dem- selben Elternpaar entstehen können. Bei echten, durch Kreuz- Bestäubung, also auf sexueller Grundlage, erhaltenen Bastarden dagegen haben nur artreine Zellen in verschiedener Lagerung, die lediglich in der Gesamterscheinung Mittelbildungen, zuweilen von wunderlicher Art. zwischen den Eltern darstellen. Weitere Versuche werden jedenfalls noch mehr Klarheit über diese Fragen verbreiten. sLebhaftec Belsall.j An diesen Vortrag schloß sich ein weiterer des berühmten Lehdener Physiologen über: ..Neuere Ergebnisse auf dem Gebiete der tierischen Elektrizität". auf dem Gebiete des geheimnisvollen Zusammenhanges zwischen Lebensbetätigungen und elektrischen Strömen in Muskeln und Nerven, ein Gebiet, das sich wohl zu dem wichtigsten Zweige der biologischen Wissenschaften entwickeln wird. Es folgte dann der letzte Vortrag der Versammlung und der diesjährigen Tagung überhaupt, von Prof. Braus: „lieber die Entstehung der Nervenbahnen". Er legte die großen Erfolge der experimentellen Embryologie dar. die in Deutschland entstanden ist; doch nicht überall sah man die Be- deutung der jungen Disziplin ein. das fruchtbare Samenkorn war bei uns fast überall auf unfruchtbaren Boden gefallen. Aber ein glücklicher Wind wehte den Samen in die Reue Welt. Wir können uns jetzt der schönen Früchte, die dort unter verständnisvoller Pflege erwachsen sind, freuen. Die Wissenschaft hat keine politischen Grenzen. So mutz diese Förderung auch unS betreffen, wenn nicht heute, dann morgen. lLebhafter Beifall.) Hierauf wurde der offizielle Teil der Tagung geschlossen. kleines f emlleton. Himmelserfcheinungrn im Oktober. Von Sonnen« und Mond- rnsternissen haben wir lange nichts' gehört. Diese Ereignisse sind a sowieso schon immer nicht sehr aufregend, denn eine Mond- insternis ist keine schlimme Sache, viele bemerken sie gar nicht, < elbst wenii sich die Geschichte sozusagen unter ihren Augen ab- pielt, besonders wenn Wolken am Himmel sind, die den Mond alle Augenblicke verdunkeln. Ganz anders eine Sonnenfinsternis. Sie verwandelt ja den hellen Tag selbst wenn cS bedeckt und keine Sonne zu sehen ist, in Finsternis, und solch Ereignis wirkt nalür- lich ganz anders. Aber doch auch nur. wenn die Sonnenfinsternis total ist; eine partielle macht ebenfalls keinen allzugroßen Ein« druck, weil das helle Sonnenlicht den verfinsterten Teil der Mond- scheide zu sehr überstrahlt. Die meisten Sonnenfinsternisse sind aber keine totalen, zum mindesten für die meisten Erdorte nicht. Auch im Oktober findet eine Verfinsterung der Sonne durch den davortretenden Mond statt, und zwar am Vormittag deS 22. Oktober. Sie beginnt um 2 Uhr 19 Minuten morgen? in der Nähe von Lahore(Pundjab, Vorderindien). Das Gebiet der Sicht- barkeit erstreckt sich über den größten Teil des asiatischen Kon- tinentS, mit Ausnahme von Kleinafien. Palästina, dem westlichen Arabien und dem im Osten der Lena gelegenen Teil Sibiriens. ferner über Australien mit Ausnahme der Südwestspitze und über die westliche Hälfte Polynesiens. Die Finsternis endet im Süd- osten der Salomon-Jnseln um 8 Uhr 7 Minuten vormittags Bei einer ringförmigen Finsternis ist der Mond soweit von der Erde entfernt, daß sein Schattenkegcl die Erde nicht mehr er- reicht. Das ist wohl möglich, weil ja seine Bahn um die Erde elliptisch ist. Steht er in der Nähe der großen Axe seiner Bahn- ellipse, dann haben wir das Phänomen einer ringförmigen Finster- riis. Wenn die drei Körper Sonne. Mond und Erde dann genau in einer Richtung stehen, sehen wir um die schwarze Mondscheibe einen Ring der strahlenden Sonnenscheibe. Wissenschaftlich ist solche Finsternis nicht sehr wertvoll. Von den großen Planeten sind im Oktober VenuS, Mars und Saturn zu sehen. Auch Merkur kann man im Anfange noch kurze Zeit als Morgenstern beobachten, doch wird er Milte Oktober be- Veraiitw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: reitS wieder unsichtbar. Jupiter kommt von der Erde auS gesehen hinter die Sonne zu stehen, so daß er natürlich von deren Licht völlig überstrahlt wird und unsichtbar ist. VenuS ist anfangs deS Monats eine, Ende aber 3� Stunden als Morgenstern sichtbar und erreicht am 22. Oktober ihren größten Glanz. Mars' Sicht- barkeit nimmt immer weiter zu, bis auf 12 Stunden am Ende deS Monats, und Saturn steht in der zweiten Hälfte des Oktober die ganze Nacht am Himmel. Er ist das günstigste Beobachtungs- objekt, und wer Gelegenheit hat. ihn durch ein Fernrohr zu be- sichtigen, der sollte das tun. Der Polarstern ist in letzter Zeit Gegenstand einer Hellig- keitsuntersuchung gewesen, die ergeben hat. daß sein Licht nicht gleichmäßig ist. sondern um einen sehr geringen Betrag in einer fast vier Tage betragenden Periode auf- und abschwenkt. Mit bloßem Auge ist von dieser Schwankung nichts zu bemerken, die Untersuchung wurde photographisch ausgeführt. Worauf dieser Lichtwechsel zurückzuführen ist. weiß man noch nicht sicher, obwohl es eine ganze Reihe Annahmen gibt. Um den neuen Stern in der Eidechse sind nach Aufnahmen in Pulkowo jetzt auch ähnlich« veränderliche Nebel vorhanden wie um die Nova im Perseus lötl. Man nimmt an, daß es durch den Strahlungsdruck fortgetriebene Staubmassen sind, die in den Welt- räum hinauswandern. Am 22. Juli beobachtete Prof. Franz. der Direktor der Bres- lauer Sternwarte, nördlich von-den Hyaden einen kleinen Nebel an der Grenze der Sichtbarkeit mit bloßem Auge, der sich in sechs Minuten um anderthalb Vollmondsbreiten gegen Osten fort- bewegte. Dem Aussehen nach glich der Nebel dem Kometen Kieß. Es handelte sich wahrscheinlich um einen ganz erdnahen Kometen, der vielleicht nur wenige Mondweiten von uns abstand. Leider war er später nicht mehr auffindbar, weil das Wetter trübe war. Der Komet Brooks ist jetzt bereits mit bloßem Auge sichtbar; er hat die Helligkeit des Andromedanebels und beginnt seinen Schweif zu entwickeln. Er steht zwischen Wega und dem Polar, stern, etwas tiefer als die Verbindungslinie. Meteorologisches« Die Witterungskunde der Gegenwart. Die Witterungskunde ist als eigentliche Wissenschaft überhaupt noch nicht über das Jugendalter hinaus und kann daher damit rechnen, daß ihr noch eine große Entwickclung bevorsteht. In der Tat hat sie während der letzten zehn Jahre so enorme Fortschritte gemacht, daß man ihr noch weitere große Umwälzungen prophezeien möchte. Die Wettervoraussage, nach deren Erfolg der Stand der Witte- rungskunde im Publikum hauptsächlich beurteilt wird, hat ihre Grundlage freilich noch nicht erheblich geändert, aber es liegen bereits Anzeichen dafür vor, daß man in nicht ferner Zeit dazu gelangen wird, den Gang des Wetters wenigstens in der Haupt- fache längere Zeit vorher anzuzeigen. Vorläufig hat man den allgemeinen Wünschen wenigsten» schon so weit nachgegeben, daß man sich auf Wetterprophezeiungen für 4L Stunden einläßt, wäh- rend früher jede Prognose, die für mehr als 24 Stunden gültig zu sein behauptete, für unwissenschaftlich und wertlos erklärt wurde. Das wichtigste Ereignis für diesen Teil der Meteorologie war die Einbeziehung der Insel Island in den Bereich der täglichen Wetterbeobachtungen. Gerade die Umgebung dieser Insel eignet sich zur Grundlage von Wetterprognosen für Nordeuropa, da sich dort die vom Nordatlantischen Ozean her drohenden Äitterungs» Veränderungen zuerst bemerkbar machen. Innerhalb der Wetter- Prophezeiungen sind für die Praxis selbstverständlich die Sturm- Warnungen von größter Bedeutung, und hier hat die Technik wäh- rend der letzten Zeit mächtig eingegriffen, um den Nutzen der meteorologischen Arbeiten jju verstärken. Es ist namentlich die drahtlose Telegraphie, die rhr neue Möglichkeiten dargeboten hat, und diese sind auch alsbald von maßgebender Stelle aus in die Wirklichkeit übertragen worden. Die deutsche Regierung steht bei diesem Vorgang an der Spitze, indem sie unter Leitung der Deutschen Seewarte in Hamburg eine Organisation zur Erteilung von Sturmwarnungen an Schiffe auf dem hohen Meer durch- geführt hat. Die Warnungen werden dreimal hintereinander aufs Meer hinaus geschickt und enthalten in etwa fünfzehn Worten die zu erwartende Windrichtung und eine Angabe über die wahr- scheinlich besonder? bedrohte Zone. Einen weiteren Fortschritt. den die Witterungskunde gerade in Teutschland zu verzeichnen gehabt hat, bedeutet die gründliche Verarbeitung der Beobachtungen über Windgeschwindigkeiten innerhalb der letzten zwanzig Jahre. Diese meteorologischen Arbeiten werden selbstverständlich der Flug- schiffahrt am meisten zugute kommen. Es hat sich ergeben, daß Winde von weniger als 4i4 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde weitaus überwiegen. Solche nehmen etwa drei Viertel der Ge- samtzeit in Anspruch. Ein weiteres Fünftel entfällt auf Winde von 4% bis 9 Meter Geschwindigkeit. Die darüber hinausgehen- den Windstärken sind viel seltener, und solche von mehr als 13',� Metern in der Sekunde umfassen nur 1,4 v. H. der Gesamtheit. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, daß sich diese Angaben nur auf die tiefste Luftschicht in der Nähe deS Erdbodens beziehen. In SM Metern über diesem muß man bereits auf eine doppelt so große Windgeschwindigkeit rechnen. Dann steigert sie sich nur noch langsam, so daß eine zweite Verdoppelung erst in etwa S Kilo- meter Höhe über dem Erdboden erreicht wird._ ZorwartsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerstCo., Berlin LW»