AnterhaltungsAatt des Dorwäns Nr. 193. Donnerstag, den F. Oktober. 1911 (Rachdrml perSoten.) 25] Vor dem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i K. So oft hatte sie sich vorgesagt, wie sie bitten wolle. Nun war ihr plötzlich, als könne sie auch nicht ein Wort finden. Und der gnädige Herr würde sie erst groß anschau'n— und stch'n lassen. „Ja— nein— za— nein.. Sie begann die Knöpfe ihres Spenzers abzuzählen. „Ja— nein— ja--." Da fiel der Schuß, rollte dumpf und lang hin, aus dem Schweigen heraus in das Schweigen hinein. Ueber einer Lichtung flogen ein paar große Vögel auf, wahrscheinlich die zugestrichenen Hennen. Auch im Rohr wurde es plötzlich lebendig. Dann wieder tiefes, tiefes Schweigen. „Das war jetzt der Tod!" dachte Annaliese. Und plötzlich schauerte sie zusammen. Warum? Sie wußte es selbst nicht. Aber heute war schon alles anders! Eine ganze Weile blieb es still, nur das Gesumme der Fliegen und Käfer wurde immer lauter. Da und dort sprang ein Fisch auf im Teich. Der Schein der Morgenröte, der bis- her wie Kupfer auf den dunklen Buchenstämmen gelegen, wurde licht und goldig. Die Sonne kam. Voni Waldrand, jenseits des Teiches, flog ein Lachen auf, hell und sonor: die Stimme des„gnädigen Herrn".'Auch den Jäger hörte man dazlvischen reden und da? Geknack des Laub- Holzes, das sie im Vorwärtsschreiten niedertraten. Noch ein Weilchen und man würde sie auch sehen können, wie sie drüben erst aus dem Buschwerk traten, in den Kahn stiegen, der an den schwarzen Pflock verankert war und so starr und bewegungslos auf der blanken Fläche des Weihers ruhte, daß nicht einmal sein Schatten zitterte. Plötzlich flogen ein paar Wasserhühner aus dem Rohr auf.„Jetztl" dachte hie Annoliese und trat noch tiefer ins Schilf zurück. Wenn er sie nicht gleich sah, hatte er keine Zeit, sich anders zu besinnen. Und guter Laune, wie er jetzt sein mußte... wer weißl Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, stand sie eine Weile so da und spähte mit angezogenem Atem durchs Röh- richt: sah, wie zuerst der Leibjäger ans Ufer trat und in den Kahn stieg, wobei er den Hahn mit einem Ruck voraus schmiß, daß die metallisch glänzende Brust des Tieres wie grünliches Gold in der Sonne aufglühte. Er machte den Sitz für seineu Herrn bequem, schob die eigene Jagdtasche unter die Bank, legte die Ruder zurecht und die Hand an die Kette, die den Kahn noch festhielt. Seine Gnaden konnten einsteigen. „Wo er nur bleibt?" dachte Annaliese. Wie konnte sie auch ahnen, daß der gnädige Herr dort drüben im Buschwerk lauerte und nach einem anderen Wild auslugte? Nach einem Wild, das ihm der Mexikaner verbellt! Und daß er im Augen- blick recht übler Laune war, weil er dieses Wild noch immer nicht sah. Es nickst seh'n konnte, wie sie so dastand, den Kopf zwischen den Schultern— und sich duckte und duckte. „Am End' bleibt er gar im Wald!" sagte sich die Anna- liefe. Und während sie eZ dachte, hob sie langsam den Kopf und trat einen ganzen Schritt vor, um besser zu seh'n. Nur einen Augenblick lang, aber gerade diesen Augenblick erspähte der Jäger sein Wild und im nächsten trat er heraus. „Er Hot mi nit g'schn!" tröstete sich die Annaliese. Sie hatte ja genau bemerkt, wie der Graf zwischen den Büschen hervortrat, den Blick zu Boden gesenkt, den Fuß schon er- hobem um in den Kahn zu steigen. Und nun fielen die Ruder ins Wasser, begann sich die glatte Fläche zu kräuseln. Weiter und weiter wurden die grüngoldenen Ringe— nähe? und näher zogen die Wellen. Schon spwng es glucksend im Schilf auf. Ob sie auch an der richtigen Stelle stand? Aber freilich! Da hob sich derselbe schwarze Pflock aus dem Wasser, wie drüben— und dort lag die..Schweighütte". Das Blut in ihren Ohren begann wieder leise zu singen.... Der Kahn aber kam näher und näher.„Nun krieg' ich auch die Henne," dachte der Graf, während er mit der Fuß- spitze leis' an die Brust des erlegten Hahnes tipvte. Hell und prall sprang das Sonnenlirfch von dem Lauf der Flinte zurück, der ihm blitzend über die Schultern sah („Wenn wir drüben sind, kannst Du den Hahn gleich zur Kalesche tragen," befahl er wie nebenbei. Ter Leibjäger stutzte....„Euer Gnaden wollten doch mn der Jagdhütte frühstücken? Ich Hab' schon alles zurecht- " gestellt!" Seine Gnaden kniffen bloß die Augen ein:„Ich; ihr zwei fahrt wieder heim!" „Aha!" dachte der Jäger. Wußte sich aber noch keinen rechten Vers darauf zu machen. Sonst Pflegte er bei solchen Gelegenheiten die Weiber„einzutreiben". Endlich rauschte der Kahn ins Schilf hinein. Der Graf sprang ans Ufer. Hinter ihm pflockte der Jäger das Fahr- zeug an. „Jetzt!" dachte die Annaliese, und schon vertrat sie dem Grafen den Weg. „Euer Gnaden... i bitt' schön, Euer Gnaden!" Keine Antwort. Nicht einmal stoh'n blieb er. Nur sein Blick ging groß und fremd über sie bin.„Was fällt Dir ein, mich da zuhören?" so beiläufig. Mit großen Schritten ging er an ihr vorüber, der Jagdhütte zu. Aber sie mußte doch bitten für ihren alten Vater! So schön hatte sie sich die Worte gesetzt und alle fielen ihr wieder ein, gerade jetzt! Obwohl ihr die Angst das Herz zusammen- preßte. War es möglich, daß ein Mensch das mit ansehen konnte? Soviel Angst und Not und Oual— und vorüber- gch'n? Und diese Augen hatten sie einmal gesucht, sie wußte es! Nicht das Ge'latsch der Leute hatte sie gebraucht, um sehend zu werden. Das Vollreife Weib, das sie war, hatte mit stiller Genugtuung und nicht ohne eine geheime Lust des Blutes die Huldigung empfunden, die in jedem Blicke lag, die aus diesen großen, stolzen Augen so heiß und wohlgefällig über sie hingingen. Und das war nun alles vorüber? Sie selbst ihm nicht mehr als eine lästige Bettlerin, die ihm zur Unzeit über den Weg lief? Und es war doch kaum eine Woche her, daß er hinter ihr steh'n geblieben, lang, lang, mitten im Feld— bloß um sie dahingeh'n zu sehen! Sie hatte zwar getan, als ob sie nichts merke, und war um keinen Schritt rascher gegangen. Aber natürlich hatte sie's doch gemerkt. „Der Herr Graf bleibt steh'n, wenn ich vorübergeh' I" Und wie hoch hatte sie tags darauf den Kopf getragen! Das Weib empörte sich plötzlich in ihr, nicht nur die zu- rückgewiesene Bittstellerin, konnte das einfach nicht fassen. Wäre Annaliese nur stolz gewesen, nicht einen Schritt hätte sie mehr hinter ihm her gemacht. Aber sie war auch eitel, eitler als sie bis jetzt gewußt, so eitel, daß sie alles vergaß, bloß um zu seh'n, ob er sie wirklich noch einmal von sich treten würde. Und so lief sie ihm nach. Er hörte, wie die nackten Füße hinter ihm über den Heidegrund herkamen— rasch, bebend. Hinter ihm! Die Vorstellung allein machte ihn wirbelig. Aber er wußte, wie die Weiber zu kriegen waren. Tie Weiber und das Wild: Geduld mußte man haben! Er biß die Zähne in die Unter- lippe und sah mit keinem Blick zurück. Ließ das schöne Mäd- chen hinter sich herlaufen, während er mit großen Schritten auf die„Schweighütte" zuging— rasch, stolz, unnahbar. Nun stand er vor der Tür: steckte den Schlüssel ins Schloß, öffnete, trat ein. Durch das halbblinde Fenster sah er noch, wie sein Leibjäger, den Hahn auf der Schulter, dem Wald zutrabte. Jetzt war es Zeit! Mit einem Ruck hob er die Flinte von der Schulter, dann die Jagdtasche, bracht? beide an ihren On, wobei er die Hütte der ganzen Länge noch durch- schreiten mußte. Sein Blut fieberte, seine Sinne schrien förmlich auf... aber er war ein Jäger! Er hatte die Tür hinter sich offen gelassen. Prall und hell floß durch die Oeffnung der goldene Glanz des Morgens hinein. Wie er sich aber jetzt zurückwandte— scheinbar absichtslos und ohne jede Hast, da lag ein schlanker, dunkler Schatten in dem Goldstrom, der von draußen hereinfloß, auf der Schwelle stand die— Annaliese! Er hatte Mühe, an sich zu halten. Denn wie sie so da- stand, von all dem Licht umflossen: die goldenen Flechten über dem zurückgealittenen Kopftuch wie eine Krone aus dem fein- gemeißelten Haupt, im Aug' einen flammenden Groll, um die Lippen einen Zug, wie ihn schmollende Lkindcr haben, bis an den Hals sittsam in dem unförmigen Spenzer steckend, doch darunter die junge, volle Büste.... Ein Ruck, der etwas Pantherhaftes hatte, ging durch seinen Leib: ihr entgegen— mit einem Sprungl Wenn man so lang hinter einem Wild her ist.... Aber—„Geduld I" dachte er wieder. Noch stand sie ja erst auf der Schwelle! Und die offene Tür hinter ihr ließ jeden Blick hinein und jeden Laut hinaus. Eine ganze Weile stand er so und sah sie an. bleich bis an die Lippen von dem Kamps, in dem er sein ungebärdiges Blut zurückdrängte. Er reckte den Kopf noch höher, kniff die Augen ein, sah förmlich über sie hinweg, während er sie an- herrschte:„Was will sie da?" Soviel Mut hatte sie bis jetzt gehabt, die Annaliesel Sich so stark und sicher gefühlt im Bewußtsein, die Sinne dieses Mannes einmal beherrscht zu haben. Als aber nun auch seine Stimme auf sie losfuhr— fremd, hochmütig, abweisend, da brach ihr ganzes Selbstgefühl mit einem Male zusammen. Und plötzlich schluchzte sie auf— laut kläglich, in der ganzen Hilflosigkeit eines enttäuschten Kindes. „Nun?" fragte er noch einmal. Seine Stimme hatte diesmal einen weicheren Klang. Die Annaliese merkte es. und weil ihr das Schluchzen die Worte verschlug, machte sie ein paar Schritte nach vorwärts— ihm entgegen: in ihrer ganzen rührenden Hilflosigkeit. „Jetztl" dachte er: trat hinter sie und schloß die Tür. Sie merkte es nicht einmal, so ganz von ihrem Schmerz denommen, das Antlitz von der Schürze verhüllt, in die sie noch immer hineinweinte. Nur seine Schritte hatte sie gehört. die Schritte, mit denen er ihr näher getroten war. Und Plötz- ilich fühlte sie, daß er knapp vor ihr stand. Sein Atem ging über sie hin. Da wagte sie's, wieder die Augen aufzuschlagen. Sein voller Blick begegnete ihr.„Nun?" wiederholte er, während seine Hand sich leise auf ihre Schulter senkte. Und mit einem fast schelmischen Lächeln setzte er hinzu:„Seh' ich denn wirklich so schrecklich aus?" In die tränendunklen Augen der Annaliese kam ein hoffnungsfrohes Geleucht. Nein wahrhaftig! Wie er jetzt vor ihr stand, mit diesem gütigen Lächeln um Lippen und Lugen.... Wer hätt' es für möglich gehalten, daß der gnädige Herr jemals so dreinseh'n könne? Wieder wollte sie etwas sagen. Weil ihr das Schluchzen ober noch immer die Rede verschlug, sah sie ihn bloß an und lächelte. Langsam glitt seine Rechte von ihrer Schulter herab, den vollen Arm entlang, bis er die bebende Hand in der seinen hielt. Wie eine tröstliche Ermutigung war's. Der Annaliese wenigstens schien es so. Und dabei lächelte er sie wiederum an.„Aber, aber, mach' sie doch keine Dummheiten!" Und während er es sagte, führte er sie an den Tisch der Hütte, wo Teller und Gläser bereit standen und eine dickbauchige Flasche aus einem silbernen Kübel hcrvorsah. „Keine Dummheiten." wiederholte er. Dabei drückte er sie mit beiden Armen auf den Stuhl nieder, daß sie sich setzen mußte, ob sie wollte oder nicht. „Wenn i g'wußt hätt', doß gräfliche Gnoden so viel guat fan," stieß die Annaliese hervor. Sie wollte noch etwas sagen, aber da kam wieder dieses dumme Schluchzen. So streckte sie ihm nur die gefalteten Hände entgegen. tLortsetzung folgt.) (Nachdruck vervoten.1 23z Die Meisterin. Tie Mutter meinte: sie habe mit der Art, wie sie nach seinem «rsien Besuch im Schusterhause ihn behandelt hatte, sein Herz zu tief getroffen, fein Ehrgefühl verletzt und das habe ihn fremd ge- macht gegen sie, und sie suchte durch gute Worte und warmen Ton der Stimme ihn zurückzugewinnen. Sie mühte sich, den Glanz der Liebe in ihre Augen, ein freundliches Lächeln in ihre Mienen zu bringen. Und wenn es ihr auch nicht gelingen wollte, weil in ihrem Blick seit vielen Jahren schon nur düstrer Ernst und schwere Sorge. Kummer, Angst und Vcrzweislung gewesen, weil ihre güge hart und unbeweglich geworden waren unter dem Zwange ihrer Art und ihres Willens, rühren hätte das willige Mühen der Todgeweihten, um des Sohnes willen die Natur ihres Wesens zu verleugnen, doch jedes aufmerksame Herz müssen, das noch Empfindung besitzt für Mutterliebe und Muttergram. Der Paul aber sah und hörte nicht? davon, wie die Mutter um ihn warb. Nur selten trat er an das Krankenbett, nur für flüchtige Minuten, und wenn er fragte, wie es gehe, hörte ihr scharfes Ohr um Klang seiner Stimme, daß ihm die Frage nicht aus dem Herzen kam und seine Gedanken an anderem Orte weilten. Sie sah ein fremdes Feuer in feinen Augen brennen, von dem sie nicht wußte, welcher Ark seine Glut war. und während fein Blick und Mienen sich quälten, ein Lächeln zu finden, schluchzte ihr Herz unhörbar in wildem Weh. Keinen Abend war der Paul mehr zu Hause. Oft saß er i« Schusterhäusel mit der Geliebten allein, scherzte und koste mit ihr. war selig im Glück und hatte die kranke Mutter völlig vergessen; mitunter begleitete er, wenn die Grete mitging, den Schuster und den Joseph in die Wirtshäuser und trank, um ein Lächeln seines Mädchens zu gewinnen, von Bier und Schnaps, die man ihm vor- setzte. Er trank nicht viel, nur in kleinen Schlucken, war höchstens angeheitert, nie betrunken, aber die Leute, denen dies plötzliche Treiben des Tischlersohnes zu sehr abstach von seinem bisherigen Leben, hatten schnell für ihn den Namen wieder bei der Hand, den die Schulkameraden dem Siebenjährigen angehängt hatten noch dem tapferen Bekenntnis, zu dem die strenge Mutter ihn gezwungen. .Sumpf-Paule" hieß er wieder, und diesen Namen sollte er nicht wieder los werden, so wenig auch späterhin fein Lebenswandel ihr» rechtfertigte. Alle im Dorf und in der Umgebung wußten, wie der Sohn der Rother-Tischlern es trieb; nur die Mutter erfuhr nichts davon. Sich grämend und sorgend verbrachte sie ihre Tage im Bett, ängstigte sich um den Jungen, fürchtete Schlimmes und wußte nicht, wie sie sich retten sollte vor ihrer Unruhe. Die Nachbarweiber kamen nicht zu der Einspännigen, die so manches Mal sie übel hatte ablaufen lassen. und die alte Schmidten, die, so gut sie es vermochte, den Haushalt und die Krankenpflege besorgte, hütete sich, etivas zu verraten. .Keinen Aergcr, keine Aufregungen," mahnte Sarntätsrat Härtung jedesmal, wenn er da war. Die Kundin aus einem Nachbardorfe erst hinterbrachte der Kranken, was sie von Paul wußte: das vom Umherliegen in den Wirtshäusern und von dem Wioderauftauchen deS Beinamens, und auch, daß er mit der Glück-Grete ging und sie heiraten wollte. Ein jäher Schreck warf die Kranke auf, und nun war es auS mit dem stillen Liegen, mit dem geduldigen, wehcvollen Zuwarten. daß der Sghn sich besinnen und seine Liebe ihr wieder zuwenden möchte. Die Kraft, d»»dem zermürbten, kranken Körper abhanden gekommen zu sein schien, war mit der wiedererwachten Kraft der Seele wieder da. Verschwunden war das Welke, Müde aus den ügen ihres Gesichts, verschwunden das unruhvolle Spiel in seinen alten und Fältlein, in dem daS Zittern ihrer Seele sich wider» gespiegelt hatte: steinern und unbeweglich waren ihre Mienen wieder geworden, und die Augen schimmerten in dem wächsernen Gesicht wie zwei kalte Steine. Kaum war der Besuch fort, so raffte sie sich vom Bett auf und warf die Kleider über. Die alte Schmidten schlug, als sie dazu kam, jammernd die Hände zusammen:„JeieS, jesev. Rothern. seid Ihr tälsch geworden?" Aber die Frau ließ sich nicht hindern. Die Röcke schlotterten ihr am Leibe, so sehr war die sonst schon Magere in den drei Wochen ihres Krankenlagers abgefallen. Als sie durch die Stube gehen wollte, wurde ihr schwarz vor den Augen, der Magen, der schon fast nichts mehr bei sich behielt, hob fick>, als sollte der Krampf sie wieder befallen. Mit Anspannung alles Willenö. dessen sie fähig war, überwand sie den Anfall; aber sie mußte sich, erschöpft von den körperlichen und seelischen Anstrengungen der letzten Stunde, doch auf einen Stuhl setzen, um neue Kraft zu sammeln. „Wo... wo is... der Paul?" fragte sie mit fast verlöschender Stimme. Die alte Frau sah überrascht auf: jetzt verstand sie, warum eS die Kranke aus dem Bett getrieben hatte. .Fort!" antwortete sie zögernd. .Wie lange schon?" .Wie lailge wird's halt sein? Eine gude Stunde vielleicht oder a wing länger I" .Wohin?" Die Alte warf einen scheuen Blick von der Seite her auf die Meisterin und wich aus: .DaS hat a mir nich gesagt!" Da begehrte die Kranke auf. .Wohin er is, will ich wissen! Ihr sollt mich nich auch noch Hintergehn, wie sie mich alle hintergangen haben dahierl" Frau Schmidt trat dicht vor die Meisterin und legte die Hand beteuernd auf die Brust. .Ich tu Euch nich Hintergehn, Rolhernk Ich gewiß nicht WaS die Leute vom Paul« reden, kann wahr fein oder nich, ich weiß'S nich. Ich Hab a nich gefragt wo a hin will, und er bat mirsch auch nich gesagt; nur fortgehn Hab ich a gesehn mit'm Joseph!" .Wohin?" Die harten Augen der Meisterin sahen sie unverwandt an. .Uff runter zul" .In a Kretscham?" .Vielleicht! Wenn er alleine war, do ging er immer nübcr, uff a Berg zum Glück-Karle!" Frau Rother atmete auf: im Kretscham also! In das Schuster« Häusel zu gehen, wäre ihr zu schwer geworden! S. Drei Xayt war es noch bis Weihnachten, und das wilde Heer, daS in den Zwölfnächten über die Lande jagte, wollte den Gang der Mutter nach dem Sohne nicht leiden: wild packte der Sturm dte Schwache, als sie aus dem Hause trat, von der Seite her, und wenn — 1/1— fie ien Stock, auf den sie sich stützte, nicht fest in die Erde gerammt und nicht alle Kraft des Willens aufgeboten hätte, würde er sie doch geworfen haben. Schneeflocken warf der wilde Jäger ihr ins Ge- ficht, die stachen wie glühende Nadeln. Oft und oft mußte fie stehen bleiben, um zu verschnaufen und das Tuch fester um Kopf und Schultern zu ziehen. Dann aber packte sie es wieder von neuem an und heißer Mutterliebe, die so fest verschlosien im Schrein ihres Herzens ruhte, gelang doch, was fie wollte: sie stand vor dem Ge- richtskretscham. Hier war heute großer Trubel: Der Glück-Karl feierte seinen Geburtstag. Da ging es immer hoch her, alle seine Freunde waren geladen, und August Hoffmann, der Wirt, gab ihnen freie Zeche. Dafür kam dann der Verzählsel-Schuster das ganze Jahr über jeden Monat die paar Abende öfter zu ihm als zu der Konkurrenz, und das brachte die Kosten dieses Abends mehr als doppelt wieder ein. Man hatte an dem großen Rundtisch in der Fenstereck« noch zwei lange Tische anschieben müssen, um allen Gästen Platz zu schaffen; die gute Gelegenheit, auf fremde Kosten sich amüsieren und betrinken zu dürfen, lieh so leicht sich niemand entgehen, der einigermaßen ein Recht zu haben glaubte, zu den Freunden des Schusters sich zählen zu dürfen. Aber auch an den Tischen der großen, rauchgeschwärzten Wirts- stubc, an denen bezahlt werden mußte, hockte manch einer, den man sonst das ganze Jahr in keinem Kretscham sah. und in der Tür drängte sich mancherlei Boll: Mädchen, die auf den Tanz lauerten, junge Burschen, denen es aus einen Schnaps nicht reichte, neu- gierige Weiber. Kinder beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Jahrgänge. Die Geburtstagsfeiern deS Glück-SchusterS waren berühmt im ganzen Kreise; für die hob er sich seine sckjönsten und wirksamsten Stücke auf. und da das Loben und Feiern, das an dem Abende kein Ende nehmen wollte, da das Trumtrum und Trara des Festes ihn in Hochstimmung versetzte, kam man aus dem Lachen überhaupt nicht heraus. Auch andere Genüsse wurden bei diesen Geburtstagsfeiern ge- boten: der Napoleons-Franze. der seinen Namen einer durch den Schnitt seines Barte? noch unterstützten großen Aehnlichkeit mit dem Herrscher des dritten Kaiserreiches der Franzosen verdankte, hatte seine Klarinette mitgebracht, und wenn er auch jahraus, jahrein; dieselben Stücke zum Besten gab: einige Volkslieder, ein paar Tanzweise», nach denen längst kein Mensch mehr tanzte, und zum; Schluß, mit besonderem Gefühl vorgetragen,„das Gebet einer Jungfrau", hörte ihm doch alles gerne zu. Joseph Ouitschalle, ein Pole aus Galizien, der als Saisonarbeiter auf das Dominium in Wirrwitz gekommen und durch Heirat sich im Dorfe seßhaft gemacht hatte, trug ein paar Couplets und Gassenhauer vor. von denen ihm „Siehste nich, da timmt er",„Mutter, der Mann mit dem Koks is da" und„Pflaum', Pflaum', zuckersüße Pflaum'" am besten ge- langen. Die gebrochene, häufig unrichtige Aussprache des sanges- lustigen Slaven und der weiche, auch in den hohen Tonlagen noch ausgiebige Tenor übten starke Wirkung mis. Das beste aber, was olle jungen Mödckien zu dieser GeburtS- tagsfeier herbeilockte, war der Tanz. Wenn man genug gezecht hatte, zogen die Alten, die nicht mehr mittun wollten, sich immer in das Herrenstübel zurück, wo Glück-Karl, da die Stimmung dann schon weit genug fortgeschritten war, auch seine ältesten, bereits abgelegten Kalauer noch anbrachte. Im großen WirtSzimmer wurden die Tische an die Wand gerückt, auf dem großen Rundtisck?e, der damit zum Orchester befördert wurde, nahm der Napoleon- Franze Platz und neben ihm der alte Brendel, der mehr schlecht wie recht auf seiner alten Geige ein paar Polka und Walzer zu kratzen verstand. Diese beiden stellten die Musik zu dem Tanze, an dem sich beteiligen durfte, wer wollte und konnte. Man war ja eine„ge- schlössen- Gesellschaft". Heute wartete man besonders gierig auf dieses Vergnügen, und Unruhe machte sich bereits unter dem jungen Volk an der Tür be- merkbar: es hatte sich herumgesprochen— wer«S zuerst aufge- bracht, wußte niemand zu sagen—. daß der Roiher Paul mit der Glück-Grete heute die erste Polka tanzen werde. fgortsetzung folgt.), I�atur und IMcnfcbcn in Tripolis. Fließ. Regen, fließ. Zerstör das HauS deS Gubbi!*) Regen, du seinrieselnder. Zerstör das Haus deS Pascha l Regen, lieber Schay, Fließ auf meinen Zopf k Mein Zopf ist eingerieben Mit Olivenöl. Regen, fließ in die Rinne. Damit die Freunde trinken I Regen, fließ aus uns herab. Damit unsere Zisterne voll wirdl Regen, fließ auf die Wand, Damit die Oliven Oel ergeben I Gott, laß ihn immerfort fließen, Bis wir ihm ein Fest feiern! Regen, ström gewaltig. Tagsüber und die halbe Nacht I Regen, fließ auf uns herab, Damit das Getreide gut gedeiht I Regen, fließ tagelang, Damit wir Weizen haben! Regen, fließ tüchtig. Damit wir Gerste haben l Regen, fließ in Bächen. Damit die Lämmer kett werden! Regen, stieß aufs Land, Damit sich die Bäume krästigen. ') DeS KrvsuS von Tripolis. Die Königin der Sahara ist Tripolis genannt worden, abe» ihr Reich ist von Gnaden des— Regens, um den in den vor- stehenden tripolitamschen Versen so gefleht wird» Der schmale Küstenstreif, der fruchtbares Land bietet, wird von der Wüste um- klammert, die ihre Herrschaft noch zu erweitern strebt, wie die Wüste ständig weiter ins Meer hinabsintt. Eine locker gefügte Kette der grünen Oaseninseln bildet den Karawanenwcg zum Sudan. Das Regcnwasser, das den Boden tränkt, das Ouellwasser. das den Durst löscht, sind dieser Million Menschen, die das Gebiet — doppelt so groß wie Deutschland— besiedeln, das Schicksal dunkler Willtür. Als in der Hauptstadt Trwolis eine Quellwasserleitung gebaut wurde, sang ein einheimischer Poet verzückte Hvmnen:»Die Stadt hat ihr Wasser! Die Wasserbeförderung auf Eseln und das Kaufen deS Wassers hat deshalb aufgehört. Sie haben den Bau nun vollendet und die Röhren unterirdisch geleitet; fie haben hohe Bogen errichtet und das Hauptrohr ein- gesetzt.... Das Wasser ist nicht trübe, es schmeckt nicht sandig, — frisch schießt es aus den Mundstücken der Röhren. Jetzt brauchst Du nicht mehr Deine Nachbarn in Verlegenheit bringen; Du brauchst sie nicht mehr zu bitten, daß sie Dir ein Schlückchen Wasser geben möchten.... Du lustiges Mädchen mit den blendend weißen Zähnen,— das wohlschmeckende Wasser flieht jetzt in Deine nächste Nähet Wenn das Mädchen Durst hat und es Wasser haben muß, so kann es jetzt einfach im Schalluch hin zum Brunnen gehen." Blendend liegt fast das ganze Jahr hindurch die Sonne über diesem Lande. Die Augen der Menschen müssen blinzeln, u>m das grelle Licht zu ertragen, und diese ewige Schutzbewcgung bildet lausend feine Fält&en in den Augenwinkeln. Erst Ende November beginnen Niederschläge, aber sie währen nur ein paar Monate, und die Regenmenge erreicht noch nicht die Halste des deutschen Durchschnills. Zudem setzt der Regen ganz unregelmäßig ein: bald ist's der Dezember, oft der Januar, zumeist der Februar. in dem der ausgedörrte Boden gcwässerl wird. In dieser Regen- zeit ist das Wetter kühl und unfreundlich; in den unheizbaren Wohnungen wird man nicht warm. Während man drinnen noch friert, stürmt vom Süden der Wüstenwind, der Gibli, heran, der die Luft bis zu 40 Grad Celsius sengen läßt. Eine anschauliche Schilderung dieses Gibli gibt Ewald Banse:«In flammender Röle ist die Sonne geschwunden, purpurn und lila der Himmel. Das Meer ruht in grünlicher Bleischwere. Die Nacht erdrückend sck-wül und heiß. Malt und zerschlagen verlassen die Menschen früh das Hitzende Lager. Draußen glänzt nicht wie sonst das stählerne Gewölbe tiefer Himmelsbläue, sondern graugelber Dunst und Qualm lagert in den engen Gassen der orientalischen Stadt. Feiner Sandstaub fegt gegen die schlechtschließenden Fenster, daß ihr Knarren und Klavpen sich mit dem hohlen Sausen da draußen zu unheimlicher, stetig wachsender Musik mischt. Die Sonne, die immer strahlende und glänzende,»st unsichtbar; nein, dort oben hängt eine maile, kaum erkennbare Scheibe ,n der Luft, mit un- scharfen Rändern, groß, unnatürlich groß, aber so ganz ohne Leben und Feuer.... Wohl dem. der gerade ein schützendes Heim über dem Kopfe hat. er schätzt sich glücklich. Doch wie sieht es in den Dünen aus, wenn die Sturmbraut mit violettem, purpurverbräm- tem Mantel über die halben Monde hinwegfegt I Nichts! Kaum zehn Meter weit dringt der Blick, nirgends erfaßt er auch nur eine scharfe Linie. Das Toben und Tosen des Orkans, die Wände von Staub, obne Unlerlaß wie ein Sandgcbläse stechend zegen die Haut des Gesichis und der Hönde anpeitschend und die Oesf- uungen des Körpers verstopfend, daß man die Lider fest zusammen» pressen muß, die gelbgraue Färbung, das Drehen und Wirbeln des Ganzen versetzen den Menschen in einen Zustand der Auf» regung, des Schwindels. Die Erde scheint aus den Fugen ge- gangen, der Boden, auf dem er steht, er weicht, treibt fort, die Dünen lagern nicht mehr, sie jagen in der Luft; ihre ästthetische Gestalt hat sich in einen zerfließenden Schleier aufgelöst. Dazu die Höllenglut: bv Grad Celsius und mehr.... Ein paar Tage darauf liegen die Slaudhügcl wieder in heiterer Ruhe und Hespe- rischer Schönheii da. die Strahlen des sengenden HimmelsaugeS spielen auf den Rippclmarken(Wcllensurchen) und entlocken bunte Reflexe den Welle» der Erde. Ringsum ist ein zartes melodisches Klingen wie von silbernen Glöckchen der Elfen, wcllauf, wellab rieseln die mikroskopischen Quarzkörnchen, nie erstarrt das Sand» mcer in Unbcweglichkcit, nur fälschlich gilt eS als Bild des Todes." Tausendiöhriger Versall ist die Geschichte von Tripolis. Die an sich mögliche Bewässerung— daS Grundwasser dringt vielfach nahe an die Oberfläche— ist in den primitivsten Formen erstarr» geblieben. Es gibt keine mühseligere Arbeit als die Bedienung der ausgemauerten Bewässerungsbrunnen. auS den in Bocksbeuteln das Wasser mittels eines hölzernen Schöpfrades durch die gleich- zeitige Arbeit eines Diaultiers und des Bauern gefordert wird. „Kaum ist in den neun heißen Monaten deS JahrcS die Sonne erloschen, so beginnt— schreibt L. H. Grothe— der Eingeborene seine Bcwässeruugsarbeit. sie stundenlang, in stumpfer Einförmig- keit und Beharrlichkeit, gleich geduldig wie das Zugtier an seiner Seite, oft lange bis Miiternacht ausführend. Ei» eigentümliches Tönen erfüllt dann die Pflanzungen. Wie ein schweres Stöhnen klingt es, wenn das niemals gefettete oder geölte Schöpfrad sich widerwillig um seine Achse dreht, um den vollen schweren Beutel aus dem Brunnen zu heben. Ter morsche HolzmechanismuS knarrt unb ächzt bei seiner Arbeit, baö Wasser plätschert laut und hell. wenn es jäh vom Beutel in das Becken schießt— dann ein aber- , nötiges quietschendes Knirschen, aber einige Noten Heller, fast wie ein wohlgefälliges Auflachen anzuh�cen. sobald der erleichterte Eimer in die Tiefe fahrt." Nicht uuuder primitiv sind die Oel» pressen und Getreidemühlen. Den Grundstock der Bevölkeruug bilden wie in Marolko die inohammedanischen Berber. Auch in der Stadt Tripolis, wo 32 000 Mokammedaner. 10000 Juden und 4000 Christen wohnen, haben die Berber mit einer Kopfzahl von 18 000 den Vorrang. Die Werber sind die Ackerbauer der Oasen, die(nicht selten reichen) Kaufleute der Stadt. Grvthe entwirft von den Berbern des Rand- gebirges ein freundliches Charakterbild: Von Heller Hautfarbe, muskulöser und hoher Gestalt, find fie heiter, glücklich, tapfer, un. abhängig, ohne Fanatismus, Sektenwesen, Heiligenkult; sie seien „von jener einfachen Gotresunterwürfigkeit, die mit der Bildlichkeit mohammedanischer Gebetsgesten und Andachtsformen, inmitten der blendenden Stille der Landschaft, zu der hehren Ruhe und Licht- fülle der Natur in s» innigem Einklänge steht." Dagegen fällt zehn Jahre später(1008) Ewald Banse über die Gesamtluwölke- rung von Tripolitanien ein verächtliches Urteil:„Die ackerbau- kindliche und nomadentumfreundlich« Religion de? Islam, Fata- lismus, despotische Regierungsform, Unsittlichkeit der Weiber, auch verheirateter, Päderastie der lWänner, Atasturbation der Knaben und Mädchen, und infolge all dieser Schäden eine durch die Ein- Wirkung der heißen Sonn« zunehmende Entnervung und Faulheit des ganzen Geschlechts, das sein Ideal im süßen Nichtstun bei Kaffee und Zigarette sucht und findet." In den 5tüstenoascn leben auch eigcntumlose Ackerbauer. Diese Proletarier pachten von dem Eigentümer des Bodens auf zehn und mehr Jahre das Land, unter der Verpflichtung, die Hälfte des Bodens zum Dattel- und Olivenbau zu verwenden. Die Hälfte deS Ertrags fällt dem Eigentümer zu; die Ernte des Gemüsebaues fällt dem Pächter zu. Liefert der Eigentümer Saat und Dünger, so erhält er gar drei Viertel der Früchte. Auf den Hektar erhält der Eigentümer so ohne jede Arbeit etwa eine Grundrente von 000 Mk. Nach Ablauf der Pachtzeit wird da? Gut in zwei Hälften geteilt, deren eine dem Verpächter zufällt(er hat sehr wertvolles kultiviertes Land ohne Arbeit gewonnen) während die andere in den Besitz des Pächters übergeht. Dieser mohammedanische Grund- rentenbetrieb ist, wie ungerecht er immer sein mag, jedenfalls außerordentlich humaner und auch für die Landeskultur zweck- »näßiger als die Leibeigenschafts- und Erbuntertänigkeitspolitik der christlichen Junker. Neben den Berbern bilden Araber— die Nomaden der Wüste — und Neger die eingeboren« Bevölkerung. Europäer find in größerer Zahl nur in der Hauptstadt zu finden. Ueber die wirtschaftlichen Aussichten TripolitanienS urteilt JGrothe sehr optimistisch. Drei Fünftel deS Landes feien freilich für immer unwirtlich. Dagegen fei das für jede Kultur geeignete KolomsationSgebiet größer als Deutschland. An den Küstcnstreifen fei Getreidebau, Obst-, Gemüse- und Blumenzucht höchst lohnend. Plantagen für Dattel-, Sauinwoll-, Jndigobau sehr geeignet. Die üppigen Maulbeerbäume ließen eine Seidenraupenzucht entwickeln. Auch Banse meint, daß aus dem Land« etwas zu machen sei, aber der Verfall—" das Urteil stammt aus der Zeit vor dem jung- türkischen Regiment— sei hoffnungslos. Banfe hält eine Besetzung von Tripolis, eine Austeilung unter die Mächte für unmöglich, und — das Urteil dieses Forschers ist heute beachtenswert— vom Standpunkt der Menschlichkeit auch nickt wünschenswert:»Denn im Augenblick der Landung europäischer Soldaten würde die mohammedanische Bevölkerung im Aufruhr emporflammen, der Dschhäd, der heilige Krieg gegen die Ungläubigen, würde ent- brennen, gegen den der Aufstand des Mahdi ein Kinderspiel ge- Wesen wäre. Tripolitanien ist ja die Hockburg des Islam in Nord- afrika, auf deren Zinnen noch die rote Flagge mit dem Halbmond flattert." Die pfycbolocfie der Kinderarbeit. Ich sitze, eifrig an einem Briefe schreibend, an meinem Schreibtische. Da kommt plötzlich mein Jüngster zur Tür herein» tesprungen. Strahlend vor Freude hält er ein Schiff in den >änden, daS er sich selbst gefertigt hat und das soeben seine erste Echwimniprobe auf dem Waschbottich erfolgreich bestanden hat. Mit nassen Händen baut er das noch leckende Fahrzeug vor mir auf dem Fußboden auf. Sieh mal. Vatti? schreit er und klatscht selig und begeistert in die Hände. Ja, da muß ich schon für eine Weile die Feder weglegen. Unbedingt muß ich doch seinem Werke die nötige Beachtung zollen. ES ist ein verblüffend einfaches Modell, so kindlich in Ausführung und Darstellung, daß man cS als Musterbeispiel dafür, wie Kinder arbeiten, aufstellen könnte: der Schiffskörper besteht aus einem Bcett von einem guten halben Meter Länge. Darauf erheben sich— augenscheinlich das Wichtigste an dem ganzen Apparat— drei Mastbänme, die einfach auS gespaltenem Holz« hergestellt sind und in Bohrlöchern stecken, die der KnirpS mit einem gewöhnlichen Fräsbohrer in ie Holzplatte gedreht hat. Ueber die Mastspitzen laufen Bindfäden, die an den Enden des Brettes vorn und hinten befestigt sind und die Takelage vorstellen, zugleich die etwas wackeligen Mastbäume in der Rich« tung haltend. Dann sind— wiederum ein echt kindlicher Einfall— ringsherum«m Rande des Brettes, in regelmäßigen Abständen, Drahtstifte eingeschlagen, die mit Bindfäden untereinander der- banden sind.„Damit die Leute da nicht runterfallen", erklärte der Erbauer mir wichtiger Miene. Soll denn aber das Schiff keinen Schornstein kriegen? fragte ich, um mein Interesse zu be» weisen. Unwillig entgegnete er: Aber das ist doch'n Segelschifft Es hat aber keine Kajüte sage ich. Wo sollen denn die Leute hin, wenn eS schlechtes Wetter ist? Das macht ihn nun nachdenklich, und ein paar Augenblicke später zieht er wieder ab, eine Kajüte zu bauen. Ich bin Überzeugt, daß er irgend etwaS finden wird, sie darzustellen, und wenn er sich mit einem alten Flaschenkork begnügen soll, der, mit dem Messer zurechtgeschnitten, den verdeckten Eingang zur Kaiütentreppe markieren muß. So müssen Kinder arbeiten. Ohne Austrag, ohne Zwang, mit den einfachsten Werkzeugen. Selbstverständlich hätte der Sieben- jährige unter meiner„Anleitung" manches praktischer anfangen können. Di« Masten standen wirklich nicht ganz sicher, wenn sie auch durch die„Takelage" einigermaßen im Gleichgewicht gehalten wurden. Aber dafür war alles mit Mitteln dargestellt, die den schwachen kleinen Händen willfährig waren, und das Wichtigste— eS war nichts daran, das nicht von dem Kinde selbst ausgetistelt gewesen wäre. Es braucht ja wohl nicht mehr gesagt zu werden. daß der Wert einer kindlichen Arbeit nicht in dem fertigen Er» zengnis als solches steckt, sondern in dem Wege, der zu ihm geführt hat. Darum gibt eS auch nichts, daS in höherem Maße erziehlich wirkte, als die selbstgewähltq, aus dem freien Interesse deS Kindes erwachsene Arbeit. Sie soll nicht ein« bloße Beschäftigung sein, von der da- Kind nur in Anspruch genommen wird, sondern eine wirkliche Arbeit, soll also einen gewissen Kraftaufwand erfordern und zu einem Ergebnis führen, das dem Kinde wertvoll erscheint. Alle Kultur ist durch Arbeit zustande gekommen, und da? arbeitende Kind tut nichts andere?, als daß es den Weg im kleinen wieder- holt, den die Menschheit im großen zurückgelegt hat. Es beginnt niit den einfachsten Werkzeugen, und auf eine„technisch" richtige Ausführung seiner Ideen kommt es ihm zunächst noch nicht an. ES will ja keinen Gebrauchsgegenstand herstellen. Es will höchstens mit den hergestellten Sachen— wie mit allem, waS in seinen Bereich kommt— spielen. Darum ist seine Phantasie auch stet» willig und bereit, Lücken und UnVollkommenheiten in der Darstellung zu übersehen, sich mit Andeutungen zu begnügen und daS halb Ausgeführte für beendet anzusehen. Unbefangen wagt es sich darum auch an die schwierigsten Sachen. Ein Kind, das zeichnerisch dar- stellen will, beginnt niemals zuerst leichtere Gegenstände oder gar einfache Striche zu zeichnen. Es bewältigt daS Darzustellend« mit wenigen Strichen und sieht dann einfach, was fehlt, in daS Bild hinein. DaS ist aber etwas, was mancher Erzieher und manche Erzieherin nicht berücksichtigen zu dürfen glaubt, vielmehr eigen« sinnig beharrt: DaS soll ein Pferd sein? Der Mann hat ja eine ganz schiefe Rascl Der Hut fitzt ja gar nicht ordentlich auf seinem Kopfe usw. AIS ich bor Jahren mit Schulkindern zum erstenmal beim Formen saß, hatte ich zunächst Kügelchen aus Plastilin rollen lassen, die schließlich durchbohrt und auf einen Bindfaden gezogen eine„Perlenkette" darstellten. DaS hatte ja nun augenscheinlich allen Kindern gefallen; als ich aber für den Rest der Stunde ihrem freien Willen überließ, was fie darstellen wollten, erlebte ich doch eine große Uebcrraschung. Ich hatte mir wohl gedacht, daß dieses und jene» Originelle an den Tag kommen würde— aber die Kinder übertrafen meine Erwartungen bei weitem. Ein Junge machte sich ohne weitere Umstände an die Darstellung eines Leier- kastenmanneS, der, hinter seiner Drehorgel stehend, eine Geld- münze entgegennahm, die ihm ein Kind brachte. Ein anderer hatte einen Laternenputzer geknetet, der auf einer Leiter stehend eine Straßenlaterne putzte. Ein dritter hatte ein Wägelchen zu bilden begonnen, wie es die Kinder bei ihren Spielen gebrauchen. Ein paar abgebrochene Streichhölzchen, die er sich bei mir a»S» gebeten hatte, stellten Wagenachsen und Deichsel vor, und kaum hatten die Kinder gesehen, daß auch anderes Material verwendet werden durfte, als sie sich bald herumliegende Schnitzel von Papier, die eine andere Klasse im Arbcitsraum zurückgelassen hatte, zunutz« machten und bei ihren Arbeiten verwendeten. Mein« sauber ausgetiftelte„methodisch richtige" und akkurat gearbeitete Halskette interessierte kein Kind mehr. DaS ist es, WaS die neue Pädagogik will, wozu sie alle, die sich mit dem Kinde beschäftigen, führen möchte: das Kind ernst zu nehmen. Schließlich ist das Kind kein Wesen, daS nur dazu da wäre, korrigiert zu werden. Erst wer sich entschlossen hat, zunächst einmal sehen und erkennen zu wollen, statt immerfort zu„bessern" und zu„erziehen", wird bald mit ganz anderen Augen in daS Leben des Kindes blicken. Und nirgends ist das Kind Ursprung- licher, treten die Linien seines Wesens so klar hervor, als bei der unbeeinflußten Arbeit, die dem frei schaffenden Kinde nichts anderes ist, als ein Spiel, ein wertvolles, unentbehrliche? Spiel seiner werdenden Kräfte und Fähigkeiten. W. Scharrelmann. Berantw. Redakteur: Aichard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: LorwärtSBuchdruckero! u.VrrlagsanstaltPcml Singerä:Co.,Beclin